Andreas Eikenroth: Sieben Sätze, warum ich in Gießen lebe

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Wenn Gießener von den Vorzügen ihrer Stadt erzählen sollen, dann kommt meist etwas über die viele Natur im Umland, die kurzen Wege von A nach B, Liebig, Röntgen und Til Schweiger und die verhältnismäßige Jugendlichkeit der Stadt dank der bundesdeutsch höchsten Studentendichte. Genau das mache ich dann eigentlich auch immer. Und zu all dem kommt dann noch eine gehörige Portion Trotzliebe, die dann immer wieder mit durchklingt, wenn die Stadt mal wieder schlechtgeredet wird, wie gerade in Spiegel-Online, der das Elefantenklo, eine hiesige Fußgängerüberführung, zu einem der abrisswürdigsten Bauwerke der Nation gekürt hat. Denn natürlich ist mir klar, daß die Stadt ziemlich kriegszerbombt und mit Anlauf Scheiße wieder aufgebaut wurde, doch eben das macht auch ihren Charme aus, diese hässliche Fresse, deren innere Werte sich erst nach und nach offenbaren. Gießen ist nämlich zu klein für Pillepalle wie Gentrifizierung und unerbaulichen Kram wie Starbucks, aber groß genug, daß hier die Bands unter der Woche in den Kneipen und Clubs rocken, die am Wochenende in den überfüllten Hallen der Metropolen spielen. Für mich ist Gießen wie der alte Kumpel, den du noch aus der Schulzeit hast, der Typ, der wenig Respekt vor Kunst und Kultur hat, dafür aber selbstgestochene Tattoos und ’ne Punkband, und der immer für dich da ist, egal ob für flaschenbiergetränkte Männergespräche an der Nachttanke oder für so Sachen wie Autoschrauben und Stromkabelverlegen (für die du selber zu doof bist). Und dieser Kumpel kann all die latscho Sachen, ohne damit anzugeben, deshalb muß ich das hier mal machen.


Andreas Eikenroth ist 49 und wohnt, bis auf ein zweijähriges Gastspiel in Düsseldorf, schon ewig in Gießen. Er zeichnet Comics für verschiedene Zeitungen und wurde 2014 für seine Graphic Novel „Die Schönheit des Scheiterns“ mit dem ICOM Comicpreis ausgezeichnet.

In unserer Serie „Sieben Sätze“ erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!

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