Leben, Politik, Soziales, Kunst

In der Ecofavela Lampedusa-Nord. (Foto: Baltic Raw)
In der Ecofavela Lampedusa-Nord. (Foto: Baltic Raw)
Amelie Deuflhard, geboren 1959 in Stuttgart, leitete die Berliner Sophiensæle und ist seit 2007 Intendantin des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel. (Foto: Sarah Tabea Meier)
Amelie Deuflhard, geboren 1959 in Stuttgart, leitete die Berliner Sophiensæle und ist seit 2007 Intendantin des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel. (Foto: Sarah Tabea Meier)

Wenn die deutschen Feierabendnazis über das deutsche Asylrecht herziehen, kommt über kurz oder lang das gleiche Argument: Die „Gutmenschen“ könnten doch gerne Flüchtlinge bei sich aufnehmen, dann würde man ja sehen, was von der Solidarität zu halten sei. Amelie Deuflhard, Intendantin des Hamburger Theaters Kampnagel, machte das: Seit kurzem überwintern Flüchtlinge in einem Holzbau auf dem Theatergelände. Den Rechten ist das allerdings auch nicht recht: Die AfD hat die Theatermacherin angezeigt, wegen „Beihilfe zum illegalen Aufenthalt“. Wir haben bei Deuflhard nachgefragt.

Ein kurzes Update für jemanden, der das ganze Thema noch überhaupt nicht mitbekommen hat: Im Kampnagel-Garten steht derzeit ein hölzerner Nachbau der Roten Flora. Was passiert dort konkret?

Der Nachbau war ursprünglich eine Transformation der Roten Flora zum Kanalspielhaus Flora als Festivalspielort unseres Sommerfestivals. Das Projekt wurde von der Künstlergruppe Baltic Raw entwickelt und umgesetzt. Ziel der sommerlichen Installation war es, ein stadtpolitisch umstrittenes und stark debattiertes Gebäude mitsamt der Diskussion in unseren Festivalgarten zu transportieren. Bereits im Sommer schlug mir Baltic Raw vor, das Gebäude für den Winter als Aktionsraum mit Übernachtungsmölichkeiten für Flüchtlinge der Lampedusa-Gruppe umzubauen. Eine zweite Transformation des Gebäudes verbunden mit dem Aufgreifen der Problematik der Flüchtlingsgruppe aus Lampedusa.

Und was stört die AfD an der Geschichte?

Fragen Sie die AfD. Die AfD ist eine rechtspopulistische Partei, die sich aus meiner Sicht an Flüchtlingen generell stört. Mich stört, dass Menschen, die so viele unserer MitbürgerInnen ausschließen, das Recht haben, mir eine Strafanzeige anzuhängen.

Hat die AfD überhaupt eine Chance, dass es zur Anklage kommt? Wie werden Sie sich wehren?

Ich bin keine Juristin, aber ich gehe davon aus, dass die Vorwürfe der AfD haltlos sind. Ich habe mir einen Anwalt genommen, mehr mache ich im Moment nicht. Es gibt aber sehr viel Solidarität von überall. Die AfD-Lady hat für ihre Aktion bei Facebook gerade mal 37 Likes. Groß scheint deren Anhängerschaft glücklicherweise nicht zu sein.

Wie reagiert das Kampnagel-Publikum? Wie die Nachbarschaft in Winterhude?

Das Publikum reagiert zu großen Teilen solidarisch, wo Diskussionsbedarf ist, diskutieren wir. Das ist ja auch Sinn und Zweck dieses Projekts. Die Aufregung durch die Anzeige der AfD hätte das Projekt nicht gebraucht, auch wenn es dadurch bekannter wurde. Die Nachbarschaft hilft mit – ich habe noch keine Klagen gehört. Das Projekt ist klein und setzt auf Integration statt Ausschluss.

Nun wird Kampnagel ja aus Töpfen für die Kulturförderung in Hamburg finanziert. Ich will nicht sagen, dass sich die Kultur nicht in die Politik einmischen soll – aber ist das Projekt Ecofavela Lampedusa Nord tatsächlich eine Einmischung? Und nicht vielmehr eine Erleichterung der Lebensumstände der Flüchtlinge, das mit Kultur erstmal gar nichts zu tun hat? Und ist das dann nicht der falsche Fördertopf?

Das Projekt ist ein Kunstprojekt, eine soziale Skulptur, und es ist natürlich auch ein politisches Projekt. Es spielt eben genau an der Schnittstelle von Leben, Politik, Sozialem und Kunst. Da gibt es eine lange Tradition in der Kunstgeschichte. Selbstverständlich kann das Projekt aus der Kulturförderung finanziert werden. Wir haben uns allerdings schon im Sommer entschieden, das Projekt mit einer Crowdfunding Kampnage zu finanzieren. Baltic Raw und mir ging es schon bei der Finanzierung darum, zivilgesellschaftliches Engagement zu aktivieren.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass mit einem Projekt wie dem vorliegenden das Leid der Menschen zu Gunsten der Kunst ausgenutzt werde?

Wenn Kunst eine politische Funktion haben will, geht es genau darum Probleme, unserer Gesellschaft und globale Probleme zur Diskussion zu stellen. Mitleid ist für dieses Projekt nicht der Beweggrund, sondern Aktion!

Und was dazu, dass das alles vor allem eine gut gemachte Marketing-Aktion für Kampnagel sei?

Wir leben in einer neoliberalen Gesellschaft, das ist ein Fakt. Jedes erfolgreiche Projekt ist auch Werbung für Kampnagel. Sollte ich deshalb schlechte oder uninteressante Kunstprojekte initiierten?

Wie reagieren eigentlich die konkret Betroffenen, die Bewohner der Ecofavela Lampedusa Nord?

Die Bewohner und Akteure dieses Projekts sind sehr gelassen und denken über weitere Aktivitäten nach. Einmal die Woche zum Beispiel wird gekocht für Kampnagel-Mitarbeiter, ein Radiosender ist geplant, wir planen, Schüler und Flüchtlinge zusammen zu bringen und diverse andere Projekte. Es geht sehr stark um Dialog, Vernetzung, Kommunikation. Wir wollen voneinander lernen und uns zuhören.

Wie sieht ein gutes Ende der Aktion aus?

Jeder einzelne Mensch der Vorbehalte überdenkt, jede Beziehung, die über das Projekt entsteht, macht die Aktion erfolgreich. Und klar, es wäre großartig, wenn die Lampedusa-Frage einvernehmlich gelöst wird, das kann ein einzelnes Projekt allerdings nicht leisten, dazu können wir höchstens einen kleinen Beitrag leisten.

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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