Elektro ist auch keine Lösung

Berlin Bound (Foto: Susan Paufler)
In „Berlin Bound“ wird die Tanzfläche zur Theaterbühne. (Foto: Susan Paufler)

Die Bässe wummern schon, das Bier steht kalt und die ersten Gäste drängen sich ungeduldig vor dem Eingang. Kalte Luft zieht durch die halbleeren Flure, für Berliner Verhältnisse hat die Nacht noch gar nicht begonnen. Doch das „Thin Skin Theater“ und „Sisyphos, der Flugelefant“ (SDF) haben in die Griessmühle eingeladen. Der Neuköllner Club, der sich selbst als „Clubgarten und Kulturstandort“ versteht, bietet heute die Bühne für eine Flugreise. Am Eingang stehen die freundlich strahlenden Stewardessen mit schiffchenförmigen Hütchen und Stöckelschuhen bereit, kontrollieren Bordkarten und heißen willkommen. In „Berlin Bound“ tritt das Publikum die Reise nach Hause an. Schon die Bordkarten kündigen an, dass es diesen Flug ohne Piloten zu überstehen gilt, jeder sei für seinen eigenen Heimweg verantwortlich. Etwas verunsichert, nicht wissend wie sie dieser Aufgabe begegnen sollen, sammeln sich die Zuschauer in einer Ecke des Raumes, nehmen auf Bänken und Bierkästen Platz. Es gilt sich einzulassen auf eine Performance, die wie hier im ungewöhnlichen Rahmen stattfindet.

Dafür sollten wir uns von einer Vorstellung verabschieden: Wir müssen alles verstehen. Ein Überbleibsel aus vergangenen Theatertagen. Das Spiel mit dem Nicht-Verstehen ist längst auf den Bühnen angekommen. Nicht enden wollende Schreitiraden oder komplexe, dicht aufeinanderfolgende Gedankengeflechte ohne Punkt und Komma rücken den Inhalt beiseite, machen Platz für Körperlichkeit. Hinter der Verwirrung, den Leerstellen steckt mehr als Effekthascherei, denn das Nicht-Verstehen führt zu Irritation, Erregung, einer intuitiv, sinnlichen Wahrnehmung der Phänomenologie. Ganz im Sinne von Susan Sontag, die schon in den 60er-Jahren die Abkehr vom Interpretationsdrang forderte. Sie formulierte eine Art Anstoß, das Gesehene wahrzunehmen, ohne ihm gleich zwanghaft objektivierbare Bedeutungsmuster aufdrücken zu müssen.

Lassen wir es also wirken. Die grellen Lichter, die elektronischen Klänge erinnern an vergangene Nächte. Eine Durchsage ertönt, „Air Sisyphos“ sei in wenigen Minuten bereit zum Abheben, es gilt noch einen letzten Tanz zu zelebrieren. Die Fluggäste erheben sich, setzen Tanzschritt an Tanzschritt und geben der Tanzfläche ihre ursprüngliche Funktion zurück. Es folgt der Bruch, zurück zum Theater. Die zwei Performerinnen beginnen, Geschichten zu erzählen, kleine Anekdoten, die davon zeugen, wie sie ihre Heimat verließen und in Berlin ein neues Zuhause fanden. Während die Spanierin Ana Mena beispielsweise das deutsche Mülltrennungssystem bewundert, das sie in Spanien immer vergeblich suchte, wälzt sich die Australierin Sarah-Jane St. Clair in Konfettimassen und den Erinnerungen an ihre erste Partynacht in der Hauptstadt. Zwischendrin immer wieder die Aufforderung zum Tanz. Doch die Dramaturgie des ständigen Wechsels zwischen collagenhaften Erzählungen, die zum Teil eher nachdenklich stimmen, und der Aufforderung zur Tanzeinlage durch wummernde Bässe und euphorisch kreischende Motivationsversuche, entmutigt die Zuschauermasse zunehmend. Kaum bringt der Einzelne den Mut auf, sich zum repetitiven Takt der Musik zu bewegen, bremst ihn die Performance aus. Es geht Energie verloren, die der ungewöhnliche Ort und die spannende Rahmung durch eine Flugreise von sich aus mitbringen. Wenn auch schauspielerisch leicht überzogen, funktioniert das Spiel mit dem Wohlbekannten gerade in den Monologmomenten. Persönliches und Kurioses, die Frage nach Heimat und die Begeisterung für die neue Stadt finden Überschneidungspunkte mit den Erfahrungen der Zuschauer. Die Hommage an die eigentliche Funktion des Ortes erweist sich dagegen als weniger erfolgreich.

Berlin Bound (Foto: Susan Paufler)
(Foto: Susan Paufler)

Die Performance fand bereits 2012 im Berliner Nachtclub Katerholzig statt. In diesem Jahr bespielen die Schauspielerinnen Griessmühle und Brunnen 70. Als Ziel hat sich die freie Produktionsplattform SDF, allen voran Taiwanerin Chang Nai Wen, die für die Konzeption von Berlin Bound zuständig war, folgendes vorgenommen: unmittelbar und interaktiv Theater gestalten. Dazu wurden die Zuschauer vor der Veranstaltung aufgefordert, ein Stück Zuhause mitzubringen. Trotz mehrfacher Durchsagen, die als Wegmarkierungen auf dem Flug gen Heimat fungieren, bleibt unklar, was das Publikum mit dem Mitgebrachten tun soll. Vieles bleibt offen. So entzieht es sich dem Verständnis der Zuschauer, warum Mena sich in einer Ecke die Haare föhnt oder St. Clair Plastikflaschen im Kreis aufstellt. Vielleicht müssen wir das auch gar nicht verstehen. Vielleicht sollten wir, im Sinne Sontags, nicht jeder Szene einen Sinn aufzwingen. Das Problem mit der Partizipation ist jedoch, dass ein gewisser Anreiz, eine bestimmte Stimmung oder Logik notwendig sind, um das Publikum zu motivieren, mitzumachen. Wenn die Performerinnen einzelne Zuschauer aus dem Publikum holen, sie unter einer Diskokugel platzieren, um sie eine Sekunde später wieder zum Hinsetzen aufzufordern, wirkt das entmutigend. Dann wird Nicht-Verstehen zum Problem für die Partizipation.

Am Ende kommen alle Zuschauer in der Heimat an, landen wieder auf dem vertrauten Boden des Nachtklubs. Inwiefern sie etwas zur Reise beigetragen haben, lässt die Performance im Unklaren. Während die Zuschauer sich in alle Richtungen verstreuen, bleiben einige, um der Tanzfläche eine letzte Hommage zu erweisen. Der Ort lässt Grenzen zwischen Theater und Realität verwischen. Und vielleicht weckt Elektro in diesem Moment auch ein Gefühl von Heimat.

Die Performance findet noch einmal am 12. Dezember in der Griessmühle und am 13. Dezember im Brunnen 70.

Katharina Röben Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.