Flanieren durch die Dangerzone

Alltag im Gefahrengebiet: Drei FlâneurInnen ziehen durch St. Pauli, mit großen Augen, voller Spannung, mit Spaß aber auch Angst.

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Löwe und Dino

Ein typischer Winterabend auf St. Pauli, mitten im Gefahrengebiet, das seit zwei Tagen zu einer Gefahreninsel verkleinert wurde, was als Einlenken der Polizei gewertet wurde, bei Licht betrachtet aber kaum Veränderungen mit sich brachte: Die drei Gefahreninseln sind zusammengenommen kaum kleiner als das umstrittene Gefahrengebiet. Es ist nasskalt, es ist ein bisschen öde, die Stimmung ist leicht alkoholisiert. Noch ist nichts los im Striplokal, missmutig schaut ein Koberer auf die Reeperbahn, er weiß: Heute wird sich kaum jemand verführen lassen zum Eins-A-Showprogramm. Zwei Tänzerinnen stellen sich zu ihm, die eine im Bademantel, die andere im Glitzerdingens, und sie machen das, was sonst eigentlich von ihnen gemacht wird: Sie machen Fotos. Von der Straße, auf der rund 400 meist dunkel gekleidete Menschen vorbeiziehen. Eine Demonstration. Oder so.

Eigentlich ist es keine echte Demonstration: Man sieht kaum Transparente, man hört keinen Lautsprecherwagen, es ist eher ein gemeinsamer Spaziergang. Menschen, bewaffnet mit Klobürsten, ziehen zur Davidwache, wo sie eine Polizeisperre erwartet. Überraschend viele Frauen sind dabei, ein Musiker trägt eine Trommel und spielt auf ihr ganz gekonnt Sambarhythmen, jemand tanzt, noch jemand. Zwei Frauen tragen Tierkostüme, Schlafanzüge eigentlich, eine ist ein Löwe, eine ein Dinosaurier, sie haben ein Plakat gemalt: „Tierschutzgebiet statt Gefahrengebiet“. Ein paar Deppen haben Feuerwerkskörper mitgebracht, hin und wieder knallt es, die meisten sind aber bewaffnet mit Klobürsten, dem Symbol des Widerstands.

Die eigentlichen Ursachen der Hamburger Protestwelle, die Evakuierung der Esso-Häuser auf der Reeperbahn, die immer wieder aufflammende Diskussion um die Rote Flora oder der Umgang der Stadt mit Refugees, tritt in den Hintergrund, hier geht es erstmal nur darum, dass sich ein ziemlich heterogener Haufen nicht damit abfinden möchte, dass die Polizei ein ganzes Stadtviertel mit immerhin rund 80000 Einwohnern in Geiselhaft nimmt. Ein heterogener Haufen, der seinen Protest kreativ artikuliert, humorvoll, voller Ironie: Tanzende Dinosaurier vor hochgerüsteten Polizeieinheiten, es ist klar, wer hier lächerlich aussieht, wer hier am Ende der Verlierer ist.

Und natürlich habe ich Angst: dass es nicht friedlich bleibt. Dass ein paar Idioten mit Ironie als Strategie im politischen Kampf nichts anfangen können und bei Gelegenheit losprügeln, auf Polizisten, auf Unbeteiligte – auch Freitagabend wurden ausgetrocknete Weihnachtsbäume am Rande der Spazierdemo abgefackelt, mitten im Wohngebiet. Oder: dass die Polizisten sich nicht mehr als gepanzerte Witzfiguren darstellen lassen wollen, dass einem die Sicherung durchbrennt und er für sich seinen privaten, kleinen „Schlagstock frei!“-Befehl gibt. Oder: dass die Polizeiführung keine Lust mehr auf Bilder von kreativen Protestierern hat, dass irgendwo in einer Seitenstraße ein Polizist in Uniform übel zusammengeschlagen wird, und die Polizeiführung laut brüllen kann, dass die Täter Linke waren, Demonstranten, und dass das der Startschuss zum harten, zum ganz harten Durchgreifen ist. (Sage niemand, dass so etwas im Rechtsstaat nicht passieren kann. Genau das passierte doch.)

Aber solange das nicht passiert, solange machen mich Bilder wie die vom nächtlichen Spaziergang am Freitagabend tatsächlich – glücklich. Falk

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Streifzüge

Wenn ich in der Dangerzone spazieren gehe, trage auch ich meine Klobürste sichtbar. Inzwischen muss ich nicht mehr nur vor die Haustür sondern ein paar Straßen weiter – Hamburg ist nun ein Inselstaat. Wer beim Real Life Game von Zonis für Zonis scoren will muss sich in die (großzügig bemessene) Nähe der drei beliebtesten Polizeiwachen begeben. Da ich schon immer gerne gelaufen bin bereitet mir das aber keine Umstände. Und auf dem Weg zur Arbeit komme ich sowieso durch die Ostzone.

Nord- und Ostzone sind aus meiner Erfahrung auch bei den meisten Mitspieler_innen die beliebtesten. Hier trifft man sich immer wieder, oft mehrmals die Stunde, beim gemütlichen Insel-Hopping quer über Hamburgs gefährlichste Meile. Der Winter in Hamburg ist lang, so lang, dass ich jedes Mal vergesse, wie viele Menschen sich im Sommer auf den Straßen tummeln und wie bunt es hier eigentlich zugeht. Seit vergangenem Samstag ist das anders. Es fühlt sich an als wäre der Sommer zurück, trotz zum Teil wirklich unangenehmen Schietwetters.

Denn es sind nicht nur verdammt viele, die da unterwegs sind. Es sind auch durchweg fröhliche Menschen. Ja, sie tragen schwarz, und die meisten wohl auch außerhalb der Dangerzone und nicht nur um einen der begehrten Platzverweise zu ergattern. Umso schöner ist das Gefühl, das vermittelt wird. Auf den Inseln gibt es keinen von den Medien so verpönten schwarzen Block, keine gewaltbereite Front, keine militante Gruppe. Es gibt einen ausgelassenen Haufen engagierter Menschen wie du und ich, dem nicht egal ist was in der Stadt passiert und der gerade einfach nur in Grüppchen spazieren geht. Da verabreden sich mal Zwei oder Drei, haben vielleicht ein Bier in der Hand oder Tee dabei, und sie laufen und unterhalten sich. Ich höre Gespräche über den Alltag, über das Leben, über Gott und die Welt. Gespräche, wie sie nur beim gemeinsamen Gehen entstehen. Sie scheinen eine besondere Qualität zu besitzen, diese Unterhaltungen bei Bewegung. Man ist sich nah, spricht gelöst, denkt vielleicht eine Ecke weiter.

Zum Beispiel an die Gründe warum wir das eigentlich machen. Vor lauter Spaß, über Kissenschlachten, Brushmobs und Straßenfesten rücken die Ursprünge der aktuellen Situation vielleicht ein wenig in den Hintergrund. Drei große Initiativen wurden inzwischen in einen Topf geworfen: Die Flüchtlinge aus Lampedusa, die in Hamburg bleiben, leben und arbeiten möchten; die evakuierten und dem Abriss geweihten Esso-Häuser, deren Bewohner_innen gerade erst ihr Hab und Gut aus dem geliebten Zuhause räumen mussten; und das autonome Kulturzentrum Rote Flora, welches der offizielle Eigentümer gerne geräumt sehen würde. Und dazu diese unsägliche Demonstration vom 21.12., bei der von Polizeiseite laut Innensenator keine Fehler begangen wurden. Garniert mit einer Berichterstattung der regionalen und bundesweiten Presse, die erst seit wenigen Tagen eine reflektiertere und differenziertere Richtung nimmt. Es läuft seit Monaten einiges schief in der Freien Hansestadt. Doch die Politik bleibt dabei standhaft, die Existenz auch nur eines Problems zu leugnen .

Am Rande der kreativen Proteste kommt es immer wieder zu schweren Verletzungen bei Auseinandersetzungen zwischen Polizist_innen und Bürger_innen – auf beiden Seiten. Wie sich die Situation entwickelt bleibt abzuwarten. Ich persönlich hoffe angesichts der Frage „Lachen oder weinen?“ auf mehr Klobürsten, mehr Kissenschlachten und mehr Straßenfeste – aber noch mehr wünsche ich mir endlich eine ehrliche, intelligente und vor allem lösungsorientierte Diskussion mit allen Beteiligten. Vera

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Dein Freund und Helfer

Demos und Polizisten, das sind zwei Dinge, die erst mit meinem Umzug nach Hamburg in mein Leben traten. Vielleicht liegt es daran, dass sich auch mein Bild vom „Freund und Helfer“ wandelte, seit ich in Hamburg bin. Naiv wie ich war, habe ich Polizeitrupps nicht als strategisches Machtmittel des Staats (oder Senats) verstanden, unbeliebte Politik durchzusetzen oder Repression auszuüben. Naiv wie ich war, habe ich aber auch nicht gewusst, dass einige Linke Gewalt durchaus als legitimes Mittel sehen, politische Interessen zu verteidigen. Naiv wie ich war wusste ich nichts von Opfern von Polizeigewalt.

Seit ich in Hamburg bin, war ich bei einigen Demos, und viele davon waren friedlich. Ich bin aber auch schon zwischen die Fronten geraten, und ich werde es nie vergessen, dieses Gefühl, wenn von der einen Seite der Wasserwerfer näher kommt, viele laufen, manche fallen, Panik aufkommt, manche sich dagegenstellen, vermummt, kampfbereit. Es ist nicht der Ort, an dem ich sein möchte. Spätestens seit den Bildern von Stuttgart21 geht die Angst bei mir immer mit, wenn ich auf Demos bin. Das Grundvertrauen, dass einem ja nichts passieren könne, wenn man sich selbst nicht gewaltbereit verhalte, das habe ich verloren.

Auch bei der Demo am 21. 12. in Hamburg lag die Angst von Anfang an in der Luft, und es sollte die kürzeste Demo werden, auf der ich je war. Nach zwei Minuten kamen die Wasserwerfer, wir mussten laufen und entgingen noch knapp dem Kessel. Es war klar, dass Straßenschlachten folgen würden und es machte mich immens traurig, denn es war auch klar, was die Medien darüber schreiben würden. Randalierer, Krawallmacher und so weiter. Was dabei untergeht: Die gemeinsamen Anliegen, die 7.000 Leute dazu bewegten auf diese Demo zu gehen: Aufenthaltsrecht für die Lampedusa-Flüchtlinge, den Erhalt der Esso-Häuser und der Roten Flora. Die Strategie der Polizei war aufgegangen, was blieb, waren die Bildern derer, die das Viertel auseinandernahmen. Schon so waren viele nicht mehr zur Demo gegangen, die Freunde einer friedlichen Atmosphäre sind. Auch Eltern mit Kindern werden es sich in Hamburg zweimal überlegen, an solchen Demos teilzunehmen, denn so schnell, wie das am 21. 12. ging, kann das mit dem in Sicherheit bringen durchaus in die Hose gehen.

Und dann das Gefahrengebiet. Nun stellte sich dieses ungute Gefühl schon beim Verlassen der Haustür ein, ich kam abends um 22:00 aus dem Yogastudio und traf drei Mannschaftswagen an, 12 Mann die zwei Menschen umringten, die Polizeisirenen wurden Standard, und es lag eine merkwürdige Stimmung in der Luft.

Es war aber auch der Moment, in dem sich Hamburg wieder in seinem Facettenreichtum zeigte und sich der Sache mit Humor annahm. Da wurden Punkte gesammelt für Kontrollen in der „Danger Zone“. Die Medienberichterstattung wandelte sich etwas (hier außerdem ein großes Kompliment und Dank an Hamburg Mittendrin für die hervorragende Berichterstattung) und die Klobürste stieg zum kreativen Symbol des widerborstigen Widerstands auf. Statt Steinen fliegen Federn, statt Schlagstöcken werden Klobürsten geschwungen.

Es war zudem der Moment, in dem ein Spaziergang mit mehreren Menschen durchs Viertel zum subversiven Element wurde. So zogen wir auch mit den Flâneuren los, hinein in die Menge einer Spontandemo vor der Davidwache. Es war ein gutes Gefühl, auf der einen Seite. Musik, Tierkostüme, leuchtende Klobürsten, lachende Menschen. Aber auch Anspannung, eine „Immer-auf-dem-Sprung“-Haltung, die Wahrnehmung der Atmosphäre um einen herum zugespitzt aufs Äußerste um jede Stimmungsänderung in der Masse schnell wahrzunehmen, zur Not noch schnell abhauen zu können, bevor die Situation auf der einen oder anderen Seite eskalierte. Gestern blieb es friedlich, erstmal und ein Stückchen war mein Vertrauen, dass diese ganze Situation ein gutes Ende haben könnte, wiederhergestellt. Dass Demos auch friedlich verlaufen können und man tatsächlich etwas erreichen kann. Dass Scholz und Neumann ihren Kurs so nicht fahren können.

Genauso schnell wurde dieses Vertrauen auch wieder erschüttert, mit Meldungen von Verletzten und einem Pfeffersprayeinsatz. Ich kann nicht beurteilen, wer in diesem konkreten Fall die Schuld trägt, es ist sicher nicht immer einfach auf der Straße im Einsatz, während jene, die entscheiden, zuhause sitzen. Aber eines weiß ich: Es gibt viele Verlierer in dieser Sache – und die, denen ich das Gewinnen wünschen würde, den Bewohnern der Essohäuser, den Flüchtlingen, von denen redet gerade niemand mehr. Aber vielleicht muss man das auch verstehen, wenn die Rechte von Bewohnern ganzer Stadtteile von heute auf morgen einfach drastisch eingeschränkt werden. Kathrin

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Kathrin Kaufmann Verfasst von:

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