Nur noch eine Stunde, nur noch einen Tag.

Aus. Vorbei. Abgesperrt. Das Molotow wurde evakuiert wegen Einsturzgefahr und wird nach 23 Jahren dicht machen. Ein paar Erinnerungen an den besten Club auf der Reeperbahn.

Als ich zum allerersten Mal zu Besuch in Hamburg war, war ich auch im Molotow. Gerhard und ich suchten es, weil der Ruf des Ladens war bis nach Wien gedrungen. Damals war Hamburg noch die Stadt mit der tollen Musikszene, alle deutschen Lieblingsbands kamen von hier, der Kiez hatte noch mehr Spelunken und weniger Glasfassaden und ich wusste noch nicht, dass es der Kiez war. Im Molo war an dem Abend „nur“ ein Poetryslam, aber es war die erste vieler Nächte dort mit vielen wunderbaren Momenten, die mir durch den Kopf schießen. Eine Polonaise mit Dan Deacon bis in die anschließende Parkgarage. Schweiß as Schweiß can mit !!!. Ein Interview mit den Black Lips in der kleinen Kammer neben der Bühne, welche die Bezeichnung „Backstage“ nicht verdient und gerade deshalb großartig ist. Melancholie mit Beach House. Groupietum bei den Friendly Fires und den Foals. Tanzen im Disconebel mit lauten wunderschönen Menschen bei Mis-Shapes. Anstehen auf der Treppe, bis man reinkam. Im Flur auf ein freies Klo warten und Luft schnappen. Sich vom Deckenventilator trockenblasen lassen. In der Meanie Bar Schnäpse quer durch den vollen, tanzenden Laden transportieren und die Hälfte verschütten. Neben dem DJ-Pult sitzen und befreundeten DJs zuwinken. Ich war zuletzt vor zwei Wochen da, und ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, dass es das letzte Mal gewesen sein könnte. Wir wussten, dass der Abschied irgendwann kommt. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, und wenn dann mit einer Abrissfete. Nun ist der Laden dicht. Aber die letzte Fete, die lassen wir uns nicht nehmen, nicht wahr, Hamburg? Und wenn sie auf den Trümmern des ganzen Blocks stattfindet. Kathrin

Das Molotow war der erste Club, in dem ich in Hamburg ausging. Ich war in die Hansestadt geworfen worden, aus dem Berlin der späten Neunziger, mit seinen illegalen Bars, mit seiner Durchdringung von Nachtleben und Kunstszene, mit seiner vibrierenden Subkultur, ich war in eine Stadt gekommen, die mit ihrer hanseatischen Gesetztheit wie ein Gegenentwurf zu dieser kreativen, provisorischen Unordnung wirkte. Ich fühlte mich nicht wohl, damals, in diesem Hamburg, das mir glatt erschien und erwachsen. Bis ich das Molotow entdeckte. Das Molotow war dreckig, abgerockt, unkomfortabel, schlicht: grundsympathisch. Das Molotow war alles, was ich aus Berlin kannte, nur war es eben auch ganz anders. Das Molotow half mir, zu erkennen, was Hamburg für Qualitäten hatte: Hamburg war anders als Berlin, da biss die Maus keinen Faden ab, aber das hieß nicht, dass das Hamburg in irgendeiner Weise schlechter wäre. Das Molotow war für mich der Schlüssel zum hanseatischen Herz, und das Molotow war der Schlüssel für die Hanseaten zu meinem Herz. Unzählige Konzerte: Britta, die All Girl Summer Fun Band, !!!. Es war immer laut, es war immer voll, immer tropfte der Schweiß von der Decke, immer trank ich zuviel, immer hätte ich mich im Anschluss gerne mit allen Klamotten zusammengerollt und in die Waschmaschine gelegt. Es war immer großartig, ich erinnere mich an keine einzige Enttäuschung im Molotow. Ich war schon länger nicht mehr da, zugegeben. Irgendwann war mir die Betonung des Bookings zu sehr Rock, Indierock zwar, aber trotzdem: Rock, ROCK. Irgendwann wollte ich das nicht mehr für mich, irgendwann hatte Hamburg mein Herz erobert, irgendwann brauchte ich den Schlüssel nicht mehr, weil mir die Türen ohnehin offen zu stehen schienen. Aber dennoch wird mir das Molotow fehlen, wenn es nicht mehr da ist. Weil das Molotow eine erste Liebe für mich ist, und eine erste Liebe zu vergessen, nur weil man nicht mehr knutscht, tut mir leid, so ein Typ bin ich nicht. Falk

Auch als Nicht-Hamburgerin kenne ich das Molotow natürlich. Den besten Abend, den ich dort jemals verbrachte, war der Poetry Slam im Winter 2011. Die Bühne so nah am Publikum, ein hypervoller Laden und alle haben Bock, dich auf der Bühne zu sehen und zu feiern. Außerdem bekam ich von der Kellnerin den wahrscheinlich besten Mexikaner, den ich jemals trank. Das war schön. Ninia

The Twilight Sad live im Molotow 2009

The Twilight Sad live im Molotow 2009

Molotow. Als ich den Namen zum ersten Mal hörte, ploppten bei mir Bilder von Krawallen auf. Molotow, das klang nach Protest und Gewalt, Molotow klang gefährlich. Und ich, gerade in Hamburg angekommen und begierig, die Großstadt aufzusaugen wie ein Schwamm, wollte unbedingt dorthin. Etwas Gefährliches tun. Etwas erleben. Inzwischen kann ich nicht mehr zählen, wie oft ich zu Gigs, Slams oder bloß auf ein Feierabendbier ins Molo gepilgert bin – gefährlich ist kein Besuch gewesen. Aber erlebt, ohja, habe ich eine Menge. Danke, Molo, für viele wunderbare Erinnerungen. Mark

Im Molo habe ich einige der besten Konzerte meines Lebens gesehen. Eine meiner schönsten Erinnerungen ist der Gig von The Twilight Sad im Herbst 2009. Ich war gerade frisch nach Hamburg gezogen und liebte von der ersten Sekunde an den kleinen Kellerclub, in dem ich ausnahmslos nettes Publikum, hervorragende  Akustik und angenehmes Klima erlebte. Damals warf sich James Graham mit seinem Mikrofon von einer Ecke der Bühne in die andere, kauerte mal dämonisch und dann wieder ausgestreckt und in sich versunken am Rand des kleinen Podestes, während seine Band den Raum mit ohrenbetäubenden Gitarren zwischen Indie-, Post- und Noiserock füllte. Ich war hin und weg, und als Neuhamburger entlockte mir auch die Begegnung mit Olivia Jones noch ein Lachen, die gerade wieder einmal eine Rentnergruppe über die Reeperbahn führte, als ich das Molotow verlies. Und als dann noch ein Feuerwerk über dem Hafen zündete, während ich mich mit der U3 wieder entlang des Hafens auf den Heimweg machte, wurde mir das erste Mal bewusst: das ist deine Heimat, hier willst du bleiben, für immer. Es folgten viele weitere, einzigartige Momente, die sich mir einbrannten. Wie Holly Miranda im Hochsommer 2010 eine herzerweichende Coverversion von Jeff Buckleys „Lover, You Should’ve Come Over“ als letzte Zugabe spielte. Wie ich völlig verloren an Jenn Wasners Lippen hing beim Konzert von Wye Oak im Juni 2011. Wie We Were Promised Jetpacks drei Monate später den Laden in ein einziges Moshpit verwandelten, oder ich I Am Oak im Oktober 2012 nach ihrem Konzert oben in der Bar belaberte, sie sollen doch bitte bitte ihr Cover von Springsteens „Streets Of Philadelphia“ veröffentlichen. So lange wollte ich es nicht wahrhaben, dass es mit dem Molotow zu Ende gehen soll, und es macht mich endlos traurig, dass es nun doch Fakt ist. Ein Stück meiner Heimat stirbt und es tröstet mich nicht, dass ich nur diese Erinnerungen zurückbehalten werde. Ich war bereit für so viel mehr. Michael

Let there be Rock, verflixt noch mal.

Was nicht unerwähnt bleiben darf: Viel schlimmer noch als die aktuelle Lage des Molotow ist jene der Bewohner der Esso-Häuser nebenan, die kurz vor Weihnachten evakuiert wurden. Sie stehen nun ohne eine Wohnung da und dürfen nicht einmal auf eine finanzielle Entschädigung durch die Eigentümer-Gesellschaft Bayerische Hausbau hoffen, welche die Häuser zuletzt weiter so verfallen ließ, dass sie umgehend wegen Einsturzgefahr geräumt werden mussten. Das einzige Wort, das mir dazu einfällt: menschenverachtend!

Share Button
Kathrin Kaufmann Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. Kopfkind
    18. Dezember 2013
    Antworten

    Man hätte keine besseren Worte finden können, um genau diese Leere zu beschreiben, die seit Samstag in dem Bereich des Herzens weilt, die für die größte Tanzliebe stand: Das Molotow. Es darf nicht geschrieben werden „möge es in Frieden ruhen“, denn wie du schön gesagt hast: „Wir sind noch immer bereit für so viel mehr“. Auch wenn das „mehr“ ein „anders“ werden wird <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *