
Busfahren. Da sollte man abwägen. Auf der Minusseite steht: Eine Reise per Bus hat eine schlechtere Ökobilanz (PDF-Link) als eine per Bahn. Und: Solch ein Bus braucht seine Zeit, bis er am Ziel ist, gerade im Vergleich mit der Bahn. Hamburg-Berlin macht der ICE in eineinhalb Stunden, das ist kaum zu toppen, am allerwenigsten vom Bus, der für die gleiche Strecke mehr als die doppelte Zeit benötigt. Und in der Hauptstadt dann auch noch am ZOB ankommt, was zwar „Zentraler Omnibus Bahnhof“ heißt, in Wahrheit allerdings ganz und gar nicht zentral ist, sondern jenseits des S-Bahn-Rings liegt, in einem Niemandsland zwischen Messehallen und mehrspurigen Straßen, von dem aus man nach Kreuzberg noch rund eine Dreiviertelstunde rechnen muss.
Soviel zum Negativen. Auf der Habensseite steht dagegen, dass Busreisen konkurrenzlos günstig sind. Die oben genannte Strecke gibt es im Bus ab 15 Euro, die Bahn nimmt dafür (bei früher Buchung) das Dreifache. Aber man will sich ja keine Aldi-Mentalität nachsagen lassen, die Busunternehmen können sich nur deswegen Kampfpreise leisten, weil sie ihre Mitarbeiter unsäglich bezahlen, und indem man unkritisch die günstigen Angebote lobt, macht man sich mitschuldig an diesem System – ungut, das. Ein anderes, weniger leicht aushebelbares Argument ist natürlich: Busreisen macht Spaß. Weil Busreisen eine Form des Reisens ist, wie es die Bahn noch vor wenigen Jahrzehnten praktizierte, unkomfortabel, abenteuerlich, auf seine Essenz reduziert.
Ich hole mal ein wenig weiter aus.
Oben beschrieb ich die Lage des Berliner ZOB. Was ich nicht beschrieb, war, wie diese Einrichtung wirkt: düster, dreckig, provisorisch. Es gibt runtergerittene Wartebereiche, es gibt Anzeigetafeln, die manchmal funktionieren, über Minuten passiert gar nichts, außer dass sich ein Mann hinter einer Säule übergibt. Und dann laufen Busse ein. Busse aus Städten, von denen man noch nie gehört hat. Das Unternehmen Sindbad aus Gliwice über Rybnik, Kedzierzyn, Debica, Kraków. (Kraków. Sindbad scheint trotz seines eher nahöstlich anmutenden Namens aus Polen zu kommen.) Weiter: BerlinLinienBus aus Bad Schwartau über Lübeck, Breitenfelde und Ratzeburg. Sportturist (tolle Website übrigens) aus Prijepolje via Novi Pazar. Fass-Reisen aus Wilhelmshaven über Sande, Varel, Oldenburg (mit Anschluss aus Groningen). Man zeichnet eine Europakarte, und auf dieser Karte sind nicht die wichtigen Städte eines Landes eingezeichnet, nicht die touristisch oder kulturell oder wirtschaftlich lohnenden Ziele, sondern Städte, die Knotenpunkte sind für die unterschiedlichen Buslinien. Busreisen sind Reisen in ein verstecktes Europa.
Reisen, die auch von anderen unternommen werden. Einmal: eine Großfamilie, die aus Amsterdam kam, in Hamburg in den Bus nach Berlin stieg und in Berlin gerade eine Stunde Aufenthalt hatte, bis ihr Anschlussbus nach Minsk weiterfuhr. (Sie erreichten den Anschluss nicht: Schon der Bus in Hamburg brachte massiv Verspätung aus Kopenhagen mit.) Partyjugend, die in der Hauptstadt einen drauf machen möchte. Wirklich arme Leute, die sich den Zug schlicht nicht leisten können. Hipster, die das freie W-Lan im Bus nutzen, um via Google-Maps in Echtzeit zu verfolgen, wo sie sich gerade befinden: noch zehn Kilometer bis Parchim. Vor allem: extrem viele Leute, die einfach nur schlafen, dösen, Musik hören. Alles ohne das geschäftige Gehabe, das man im Zug häufig antrifft: Menschen, die das Bahnabteil als Verlängerung ihres Büros verstehen, findet man hier kaum.
Und so zuckelt man durch die Nacht, es dauert ja wirklich lange. Man erkennt nichts, da draußen, aber es gibt ja eigentlich auch nichts zu sehen, nur wenn man Städte durchfährt, kann man etwas erkennen, aber zwischen Hamburg und Berlin gibt es keine Städte. Man denkt: an den protzigen Busbahnhof in Hamburg, vor zehn Jahren gebaut vom Architekturbüro Silcher, Werner und Redante (das Büro existiert so nicht mehr, der Link verweist auf die Nachfolger). Man denkt an die Busbahnhöfe, von denen man einmal abgefahren ist, ohne dass es tatsächlich einen Busbahnhof gab, die Busse hielten einfach am Straßenrand, in Frankfurt, in Wien, in Kopenhagen, man musste die Ungetüme ablaufen: Ist das hier die Linie nach Paris?, das die Linie nach Budapest? Man denkt an den riesigen, flughafenähnlichen Otogar im türkischen Antalya, in Ländern mit schwach ausgebautem Schienennetz ist der Bus das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel, und diese Wichtigkeit schlägt sich nieder in der Busbahnhofsarchitektur.
Man denkt und denkt, und dann macht der Bus eine scharfe Kurve, ach schau, das ist ja gar kein Brandenburg mehr, das ist Tegel, der Flughafentunnel, das alte Westberlin. So sehr sich Berlin ändert im Laufe der Jahre, das hier ändert sich nie. Wir sind am Ziel, wir sind gereist, richtig gereist, unbequem und auch irgendwie angestrengt, und jetzt ist die Reise zu Ende. Und das ist auch gut so, weil, auf der Bustoilette hat jemand gekotzt.


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