Ich habe es mir nicht leicht gemacht, eine Kritik zu Pedro Almodóvars aktuellem Film „Los amantes pasajeros“ (hierzulande unter dem gar nicht mal so schlechten Titel „Fliegende Liebende“ im Kino) zu schreiben. Irgendwie fand ich den Film nicht ohne Charme, er hatte zwei, drei gelungene Witze, er war stilbewusst inszeniert, mir gefiel der wirtschaftspolitische Twist, ein Flugzeug auf einen spanischen Flughafen zurasen zu lassen, der gleichzeitig existiert und nicht existiert, weil er ein Geisterflughafen ist – ein Flughafen, der zwar mit hohen Subventionsbeträgen in die Einöde gestellt wurde, der aber nicht betriebsfähig ist und den auch niemand vermisst. Wenn man weiß, dass „Los amantes pasajeros“ in Teilen auf dem Aeropuerto Ciudad Real gedreht wurde, einem Flughafen, der 2008 eröffnet und 2012 mangels Nachfrage geschlossen wurde, dann versteht man, dass Almodóvar hier durchaus eine Geschichte von Relevanz erzählt, eine Geschichte vom Spanien in Zeiten der Wirtschaftskrise.
Und, wie gesagt, ein paar Witze sind auch wirklich gelungen. Nur sind viele leider nicht gelungen, viele gehen in die Richtung: Es ist lustig, wenn Schwule den kleinen Finger abspreizen und dabei affektiert näseln. Viele Kritikerkollegen fühlten sich von diesen Szenen an Bully Herbigs wüst homophoben „(T)Raumschiff Surprise“-Schrott erinnert, ich ebenso, aber im Gegensatz zu den Kollegen wollte ich da keinen Totalverriss draus machen. Denn es gibt doch einen Unterschied, ob die Hete Bully Herbig sich beömmelt, wenn Schwule mal so richtig die Tunte geben, und wenn Pedro Almodóvar das gleiche macht, Almodóvar, der sein eigenes Schwulsein immer gleichzeitig als politisches wie ästhetisches Statement verstand. Das ist doch nicht das gleiche. Ist das das gleiche?
2004, auf dem Tiefpunkt der deutschsprachigen Versuche im Genre Gangstarap, gab es einen musikalisch wie textlich bemitleidenswerten Song namens „N*** bums mich“ (N-Wort als abwertende Bezeichnung für eine Person of Color im Titel und im Text explizit formuliert) von B-Tight. Man konnte „N*** bums mich“ als indiskutables Machwerk verachten, sexistisch und rassistisch, wobei: Mit dem Rassismus, das war gar nicht so einfach. B-Tight aka Robert Edward Davis nämlich ist selbst eine Person of Color, mit einiger Anstrengung ließ sich „N*** bums mich“ auch als kreatives Spiel mit rassistischen Zuschreibungen verstehen, vergleichbar der sprachlichen Ermächtigung, die im US-Slang mit dem Begriff „Nigger“ vorgenommen wurde. Und plötzlich war man in einer hochintellektuellen Diskussion gefangen, die dem armseligen Song alles andere als angemessen war.
Noch einmal hören. Und noch einmal. Und dann ist klar: „N*** bums mich“ geht rein gar nicht. Ein blöder Rap, dessen Blödheit sich kein Stück ändert, nur weil der Rapper selbst PoC ist. Es ist völlig egal, wer etwas sagt, etwas Blödes wird nicht besser. Und die doofen Tuntenwitze in „Los amantes pasajeros“ bleiben doofe Tuntenwitze, auch wenn sie von Almodóvar kommen.



2 Kommentare
Electra says:
Jul 9, 2013
Klingt schade. Da es ein Almodóvar ist, werde ich ihn mir aber trotzdem ansehen. Nützt ja nix. Die letzten beiden Woody-Allen-Filme fand ich auch ziemlich mittelmäßig, aber als Fan begleitet man seine Heroen doch auch durch solche tiefen Täler, oder?
Falk Schreiber says:
Jul 9, 2013
Natürlich. Aber, wie gesagt: Man kann sich “Fliegende Liebende” gut anschauen, ohne Charme ist der ganz und gar nicht.