Macht – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Wed, 06 Apr 2016 13:05:10 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.4.2 Foucault lebt! http://lesflaneurs.de/2016/02/05/foucault-lebt/ http://lesflaneurs.de/2016/02/05/foucault-lebt/#respond Fri, 05 Feb 2016 09:09:28 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6945 Fearless Speech #0

Letzte Woche wurde im „HAU – Hebbel am Ufer“-Theater in Berlin mit der Pilotveranstaltung „Fearless Speech #0 – Aktive Intoleranz. Ein Plädoyer für neue Verhaltensrevolten“ der Grundstein für eine interdisziplinäre Reihe zu Diskursen des Kritischen in der Kunst gelegt. Die Veranstaltungsreihe, die „Phantasma und Politik“ ablöst, wird den Spielbetrieb am HAU mit theoretischen Einschüben, Diskussionen und Gedankenanstößen begleiten und bereichern. Im Zentrum stehen das philosophische Erbe Michel Foucaults und die Frage danach, was die Begriffe Disziplinarstaat, Panoptismus und Wahr-Sprechen heute für die Gesellschaft und die Kunst bedeuten.

Wie jede Grundsteinlegung war die Veranstaltung eine ziemlich anstrengende, zähe Angelegenheit. Ich habe trotzdem oder gerade wegen der abstrakten geistigen Bauarbeit des dreistündigen Abends etwas gelernt – im langen Kampf gegen die Berieselung mit Fremdwörtern und diplomatischen Wortgefechten. Vielleicht glimmte durch all das Diskutieren über den Widerstand und den Mut zur Wahrheit sogar ein Funken Revolution in mir und im Saal auf.

Wie man Foucault heute liest

Foucault ist und bleibt der Sci-Fi-Rockstar unter den französischen Philosophen. Seine Ansätze aus Überwachen und Strafen und der Archäologie des Wissens sind 32 Jahre nach seinem Tod mindestens noch genauso aktuell. Was ist politische Kunst? Und welchen Preis hat es, die Ordnung der Dinge infrage zu stellen, Alternativen zu bieten?

Im Bild: Alex Demirović bei Fearless Speech #0 Courtesy HAU Theater Berlin
Im Bild: Alex Demirović bei Fearless Speech #0
Courtesy HAU Theater Berlin

Die Keynote des Abends und theoretische Basis für „Fearless Speech“ liefert der Sozialwissenschaftler Alex Demirović. In seinem Vortrag geht er auf Angst als Ausnahmezustand ein. Darauf, wie weltweit Journalisten im Kampf um das Ausüben der Pressefreiheit verfolgt, verurteilt und getötet werden. Und er betont, dass uns das alle etwas angeht, egal ob es im Iran, in der Türkei oder in China stattfindet. Unser Dunstkreis ist die ganze Welt. Das angstfreie Sprechen ist ein Geist. Und wer Mut hat, sucht ihn unerbittlich und beispielhaft. So schreibt Demirović im Programmheft „Es scheint so, als würde das Scheitern von Staaten langsam auch nach Europa greifen. […] Die, die das Demonstrationsrecht in Anspruch nehmen, werden mit polizeilichen Mitteln von der Bevölkerung getrennt; […] widerrechtlich körperlich geschädigt und in den Medien beleidigt. Sie dienen als Droh- und Angstkulisse.“ Ein Angststaat funktioniert so gut, weil die Machthabenden zwischen Ebenen des Legalen, Illegalen, Sichtbaren, Versteckten, Halbwahren und Rechtfertigten geübt hin-und herspringen, bis selbst der Widerstand verwirrt ist.

Auch die Dissidenten und Individualisten gehören zu einer Herde und die Herde hat Hirten, die wissen wohin sie gehen. Im folgenden Gespräch mit der UdK-Professorin und Philosophin Kathrin Busch kommen wir immer wieder auf das Wahr-Sprechen zurück, das was Foucault Parrhesia tauft. (Wie ich nach unsicherem „Was, warum die Pariser?“ mit meinem Handy unter dem Theatersitz google. Ein bisschen mehr Laienfreundlichkeit und Greifbarkeit hätte nicht nur mir an diesem Abend sehr gut getan.)

Die Wahrheit und der Widerstand

Die Wahrheit als Erlösung aus der Unterdrückung durch die Machthabenden. Die Wahrheit als einzige Möglichkeit sich selbst eine Position der Macht zurückzuerobern, denn wenn ich im öffentlichen Raum spreche, schaffe ich eine Situation der Macht. Nach dem ‚Use it or lose it’- Prinzip rinnt uns die Freiheit durch die Finger, wenn wir nicht den Mut aufbringen, sie zu verteidigen.

Bei dem Konzept Widerstand stößt man jedoch schnell auf folgende Frage: Wenn ich allein mit meinem Widerstand bleibe, wenn ich allein und mit Märtyrer-Herz gegen die real-gewordene panoptische Überwachung, das minutengenaue Selbstmonitoring der eigenen Biografie von social media über Paypal bis zu Netflix kämpfe, dann stehe ich im schlimmsten Fall ausgestoßen von der Herde da. Will und kann ich dieses Risiko auf mich nehmen? Bin ich bereit den Preis der Isolierung und Denunziation zu zahlen? In dieser Frage wohnen die Angst vor dem freien Sprechen und auch die Motivation der Fearless Speech-Reihe. Denn in dem Moment, in dem wir merken, dass wir nicht allein sind, haben wir gewonnen.

Das „Wilde Außen“

Foucault nennt diese revolutionäre Randgruppe von Leuten, die ihre Herde verlassen haben, das „Wilde Außen“. Im „Wilden Außen“ passieren die interessanten Dinge, die politische Kunst, die offene, demokratische Rede, da machen sich die neuen Möglichkeiten auf, da tanzt man zur guten Musik und trinkt den guten Wein, vielleicht sind dort auch die guten alten Zeiten versteckt. Fakt ist, dass Kritik und Kunst untrennbar miteinander verbunden sind, dass sie einander bedingen und benötigen. Und dass wir, auch wenn es langweilig und anstrengend wird, uns diese Kontexte bewusst machen müssen, um ihre Dringlichkeit und Zerbrechlichkeit zu erkennen.

 

Die nächste „Fearless Speech“- Veranstaltung findet am 16.3.2016 im HAU statt, dann unter dem Thema Foucault und der Neoliberalismus, Gast ist u.a. Daniel Zamora.

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Geht spazieren! http://lesflaneurs.de/2015/12/04/geht-spazieren/ http://lesflaneurs.de/2015/12/04/geht-spazieren/#respond Fri, 04 Dec 2015 09:00:35 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6586 Als Punk in einer norddeutschen Kleinstadt war Tanja van de Loo früh mit Nazis konfrontiert, seitdem lässt sie das Thema Migration nicht mehr los. Heute ist sie engagierte Aktivistin im Kampf um die Rechte Geflüchteter. Flâneur Marcel hat sich mit ihr zum Pernodtrinken verabredet und über ihre Arbeit gesprochen.

„Die Arbeit mit Refugees in Hamburg ist fast ausschließlich aktivistisch organisiert. Es ist zwar schön zu sehen, wie viel Engagement sich in einer Stadt entwickeln kann. Sozialpolitisch gesehen ist das aber natürlich eine Katastrophe“. Noch keine fünf Minuten sind vergangen, seit Tanja van de Loo mir strahlend die Tür zu ihrer Wohnung in der Sternschanze geöffnet hat. Während ich noch versuche, mich zu orientieren, habe ich schon den ersten Pernod im Glas. Es ist 18 Uhr. Tanja redet bereits über Progrome der 90er Jahre, fährt darüber zu Hochleistungen auf und mir wird klar: Das wird ein schöner, langer Abend.

Wir zünden uns eine Zigarette an. Ich will wissen, wie der Alltag einer Aktivistin aussieht, wenn es so etwas überhaupt gibt. „Viele Menschen arbeiten in der Kleiderkammer, geben Deutschkurse, organisieren Chöre, Fußballspiele und sowas. Ich sitze meistens am Rechner und am Telefon, beschäftige mich mit Organisation und Recherche und versuche, Menschen zueinander zu bringen“, erzählt sie. Sie legt wert darauf, keine Helferin zu sein. „Das klingt zu paternalistisch. Mein Job ist Empowerment“.

Sie erzählt mir von den Organisationen, in denen sie aktiv ist. Vom Bündnis „Recht auf Stadt – Never mind the papers“, das für Rechte unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Aufenthaltsstatus eintrete, darunter das Recht auf Arbeit, menschenwürdiges Wohnen, Gesundheitsversorgung und das Bleiberecht. „Wir kämpfen für eine Stadt, in der alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben“. Die Initiative „Refugees Welcome Karoviertel“ gründete sich ursprünglich zur Organisation der Hilfe rund um die Erstaufnahmeeinrichtung in den Messehallen. „Seit Ende September wohnen dort zwar keine Geflüchteten mehr, die Initiative mit zahlreichen Arbeitsgruppen ist seit ihrer Gründung vor gut drei Monaten aber so gut vernetzt, dass sie in der ganzen Stadt aktiv ist“.

Foto: Rasande Tyskar
Foto: Rasande Tyskar

Auch wenn es ihr nicht immer gelinge, eine gesunde Balance zwischen ihrem Engagement (pro bono, versteht sich) und ihrem Brotjob als Grafikerin zu halten, scheint sich beides gegenseitig zu befruchten und ineinander zu fließen. „Ich beschäftige mich seit Jahren mit Bildpolitiken und Ikonographie, mache Grafiken für Demos und sowas. Dabei lege ich immer großen Wert auf Barrierefreiheit und Universalität“. Sie zeigt mir ein Plakat, das sie im Zuge einer Demonstration gestaltet hat. Darauf fliegen mehrere origamigeformte Vögel über arabische Schriftzeilen. Ein stärkeres Bild für Freiheit und Papierlosigkeit fällt mir nicht ein.

Von Harburg in die Containerstadt

Das zweite Glas Pernod. Ich lasse mir den bürokratischen Ablauf erklären, den jede_r Asylsuchende in Hamburg durchlaufen muss. Zuerst meldet sich der/die Ankommende in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Harburg und wird daraufhin einer Erstunterkunft zugeteilt. In der Regel sind das Camps oder leerstehende, von der Stadt gekaufte Baumärkte. In der Unterkunft wird der/die Geflüchtete von einem mobilen Team registriert. Erst jetzt ist es ihm/ihr erlaubt, einen Asylantrag zu stellen. Wurde dieser geprüft, folgt ein persönliches Interview mit der Behörde, indem genau begründet werden muss, warum Asyl gewährt werden sollte.

Zwischen diesen Etappen liegen oft viele Monate. Eine endlose Zeit der Ungewissheit, die jede_r Einzelne gemeinsam mit vielen fremden Menschen auf engstem Raum und unter schlechtesten Bedingungen verbringt. Theoretisch soll eine Person nach drei Monaten aus der Erst- in eine der aktuell 18 Folgeunterkünfte im Raum Hamburg verlegt werden. Wegen des großen Aufkommens kann ein Umzug mittlerweile aber bis zu sechs Monate dauern. Die Folgeunterkünfte sind qualitativ sehr unterschiedlich, meist handelt es sich dabei um Container-Städte. „Der Vorteil von Containern ist natürlich, dass man dort mit weniger Menschen in einem Raum schlafen muss als in einem Baumarkt“, erzählt Tanja. In Neugraben soll ein ganzer Stadtteil mit Folgeunterkünften entstehen. „Ein Ghetto! Mit Teilhabe hat das nicht viel zu tun“.

Foto: Rasande Tyskar
Foto: Rasande Tyskar

„Mit etwas weniger Bürokratie könnte man den großen Leerstand der Stadt nutzen und einen Großteil der Menschen einigermaßen vernünftig unterbringen“, glaubt Tanja. Sie hält die Unterbringungspolitik aber auch ein Stück weit für Kalkül. „Wenn Politiker_innen von ‚Versagen der Behörden’ sprechen, dann klingt das für mich fast schon euphemistisch. Die aktuelle Situation der Refugees in Hamburg produziert mächtige Bilder, mit denen sehr leicht politisch operiert werden kann. Die Bilder schreien: ‚Kommt bloß nicht hierher! Hier müssen alle in Zelten hausen’. In einem neoliberalen System kann es sehr nützlich sein, entrechtete Menschen zu haben“.

Jeder hat das Recht, nicht zu helfen

Pernod Nummer drei. Dass es momentan einen rechten Backlash gibt, ist für Tanja klar. „Paris hat diese Entwicklung jetzt um vier Monate nach vorne gebombt“. Umso wichtiger scheint es, sich klar zu positionieren. Ich möchte wissen, was ich konkret tun kann, außer meinen Kleiderschrank auszumisten. „Die komplette Organisation für Refugee-Hilfsprojekte läuft über Facebook. Im Grunde kann man jede Idee einfach in eine dieser ganzen Gruppen (zum Beispiel dieser) posten. Erfahrungsgemäß finden sich schnell Mitstreiter_innen für Projekte. Egal ob Grillfest, Tanzkurs oder gemeinsames Basteln. Worauf man eben Bock hat“. Auch auf der Seite Refugees Welcome Karoviertel werden immer wieder Projekte vorgestellt, bei denen man sich einbringen kann. Gerade Angebote für Teenies und LGBTQI-Menschen würden aktuell dringend gesucht.

„Es ist auch immer total hilfreich, Menschen über Nacht mit nach Hause zu nehmen. Man kann sich wohl ganz gut vorstellen, wie wertvoll es ist, eine Nacht ungestört und trocken zu schlafen“. Sollte man sich dafür entscheiden, kann man sich direkt an die nächstliegende Unterkunft wenden. Dabei ist es aber wichtig zu wissen, dass die Refugees verpflichtet sind, sich einmal täglich in ihrer Unterkunft zu melden. Ansonsten gefährden sie ihre Chance auf Asyl. „Wenn man sich nicht selbst engagieren kann oder möchte, sind Geldspenden natürlich auch immer gut“, schiebt Tanja hinterher. „Aber als Person hat auch jeder das Recht, nicht zu helfen. Der Staat hat dieses Recht nicht“. Darauf erheben wir das vierte Glas.

In was für einer Stadt wollen wir leben?

Tanja sieht ihr Engagement nicht in erster Linie als Hilfe an. „Ich mache das vor allem auch für mich selbst. Mein Freundeskreis besteht nur aus Kartoffeln, Deutschen, alle ähnlich sozialisiert, der reinste Kartoffelsalat. Das ist doch total langweilig!“ Sie will ihren Musikgeschmack öffnen, neues Essen essen, Dinge ausprobieren und Menschen kennenlernen. „Ich gehe zum Fastenbrechen, mit einem Bier in der Hand. Das mag provokant klingen, aber ich bin überzeugt davon, dass Menschenkennenlernen immer auch bedeutet, Aushandlungsprozesse einzugehen“. Ihr Tipp: „Geht spazieren! Sprecht mit Menschen! Schaut euch eure Stadt an und fragt euch: Wie wollen wir leben?“

Alle Fotos: Rasande Tyskar (flickr.com), entstanden im Rahmen der Demonstration „Refugees Welcome heißt gleiches Recht für alle“ am 14.11.2015 in Hamburg.

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(N)Olympia http://lesflaneurs.de/2015/11/25/nolympia/ http://lesflaneurs.de/2015/11/25/nolympia/#respond Wed, 25 Nov 2015 09:00:39 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6472 Die Stadt Hamburg will die Olympischen Sommerspiele 2024 ausrichten – und die Bürger fällen die Entscheidung für oder gegen die Bewerbung in einem Referendum am 29. November. Wir wissen schon, wie wir wählen werden: Vier Stimmen gegen Olympia.

Michael: Ich werde inzwischen regelrecht böse bei dem Thema Olympia 2024 in Hamburg. Vor allem, weil ich nicht begreifen kann, wie man als Mensch, der zumindest rudimentär an Stadtpolitik interessiert ist, diese Veranstaltung gutheißen kann. Das verstimmt, und dann kommt die massive Werbekampagne hinzu, die einen wirklich aufhorchen lassen sollte. Die Touristenzahlen in Hamburg steigen stetig, was schön ist und gut, hält sich der Andrang doch auch für uns Anwohner in noch erträglichen Grenzen (von der Reeperbahn fangen wir nicht an, die wäre auch ohne Touris nur schwer erträglich). Sind wir so angewiesen auf noch mehr Zulauf? Natürlich würde massiv in den Bereich südlich der Elbe investiert werden. Eine willkommene Abwechslung, aber machen wir uns nichts vor: Werden diese Bauten und Wohnungen an jene gehen, die verzweifelt auf der Suche nach finanzierbarem, citynahem Wohnraum sind? Wohl kaum, es wird eher die HafenCity 2.0. Ich habe die Geschichten von Freunden und Bekannten satt, die teilweise jahrelang suchen und dann 700 Euro plus für ein WG-Zimmer mit 15 Quadratmetern zahlen. Olympia würde diese Situation nicht verbessern.

Zuschüsse hin oder her, allein im Lichte der zunehmenden Terrorgefahr (ja, sie wird auch bis 2024 nicht abgenommen haben, soweit lehne ich mich aus dem Fenster) wären die Kosten und Belastung für Sicherheitspersonal und Polizei horrend, von den Ausgaben für fancy Designerstadien ganz zu schweigen. Aber klar, wir haben in Sachen aufgehender Finanzierungspläne, die bis zum Ende des Referendums am Sonntag noch komplett unklar sind, ja schon mit der Elbphilharmonie gute Erfahrungen gemacht … auf deren Eröffnung ich mich sehr freue, keine Frage. Aber für eine überholte Wettkampftradition, die von einer mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich korrupten Organisation gemanagt wird (ach wo, das sind ja nur Fifa und DFB, die Korrupten, klar), Hamburg lahmlegen lassen? Aus welchem Grund?

„Wir Deutschen sollten wieder einmal beweisen, dass wir Olympische Spiele organisieren können. Es kann ein zweites Sommermärchen geben.“ – Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz im „Bunte“-Interview

Es hat sich seit der WM 2006 eine gewisse Eventgeilheit in unserem Land breitgemacht. Endlich sind die Deutschen in den Augen der Welt mal die Guten, offen, cool, Partypeople – such Schnaps, much nice, so Brezel. So wollen wir uns sehen, so sollen uns die anderen sehen, besonders bei Großveranstaltungen unter deutschem Dach. Dabei ist das nicht die deutsche, nordeuropäische Mentalität. Wir sind Eigenbrötler, wollen das aber nicht akzeptieren. Was folgt, ist fast eine Identitätskrise, der man nun mit der „Stimmungkanone Megaevent“ begegnen möchte. Anstatt sich in seiner hergebrachten Mentalität zu akzeptieren und daraus eine Tugend zu machen. Über die Skandinavier wird ja auch nicht geunkt, im Gegenteil. Nicht, dass wir nur in der Kammer sitzen und Literaturklassiker lesen sollen, aber irgendwo war da auch mal eine Tugend namens Bescheidenheit. Davon merke ich derzeit wenig. Mich macht es schlichtweg nur noch traurig, wenn das Geld der Stadt in monatelange Werbekampagnen gesteckt wird, anstatt die Dinge anzugehen, die unser Hamburg als die wohl schönste Stadt des Landes erhält und für noch mehr Menschen bezahl- und erlebbar macht.

Falk: Am Anfang war ich unschlüssig, was meine Position zu Olympia in Hamburg ist. Das Thema interessierte mich nicht besonders, aber ein Teil des Hamburger Kulturestablishments war bei der Pro-Fraktion dabei, nicht ohne eigennützige Hintergedanken, Olympia, da ließen sich vielleicht auch Kulturfördermittel abschöpfen, naja, wer will es ihnen verdenken, egal: Es gab auf jeden Fall Pro-Stimmen, und weil ich mich in diesem Kulturestablishment ebenfalls bewege, zwischen Thalia Theater und Kunsthalle, dachte ich mir, dass man diese Stimmen ernst nehmen sollte. Und überlegte mir, entgegen meines Bauchgefühls mit „Ja“ zu stimmen.
12187947_1102073889810572_383073869217252806_oBis im Hamburger Stadtgebiet diese Plakate auftauchten. Bis Schorsch Kamerun die Diskussionskultur bei einem Treffen von Kulturschaffenden mit Olympia-Lobbyisten öffentlich machte. Bis ich zum ersten Mal den (offiziellen oder doch nicht offiziellen) Olympia-Song von Saskia Leppin hörte. Bis mir klar wurde, was für ein ästhetisches Selbstverständnis hinter dieser ganzen Olympia-Begeisterung steckte: ein Selbstverständnis, das voll auf künstlerische Anspruchslosigkeit setzt. Auf eine Vorstellung von Mainstream, die jegliche Rafinesse vermissen lässt. Auf ein Gefühl, dass die Menschen dumm sind und sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden geben werden, mit ein paar Kunstkrümeln, die man ihnen hinwirft. Ein Kulturverständnis, das etwas zu tun hat mit der Musicalszene, mit dem Privatfernsehen, mit Helene Fischer. Und nichts mit der lebendigen, coolen, subversiven Kultur, für die diese Stadt auch steht. Das Marketing der Olympiabewerbung hat dafür gesorgt, dass ich mit voller Überzeugung sagen werde: Ich werde mit „Nein“ stimmen, ich bin gegen Olympia in Hamburg. Gut gemacht, Leute.

Marcel: Für mich gibt es nur zwei Gründe beim Referendum am 29.11. für Olympia in Hamburg zu stimmen. Entweder du witterst als sportbegeisterter Mensch deine Chance, endlich einmal bei einer Olympiade dabei sein zu können oder du vermutest ein Geschäft. Man könnte auch sagen: Entweder du bist naiv oder egoistisch.
Ich bin weder interessiert an Sport, noch habe ich schlaue Pläne, wie ich Kapital aus der Sache schlagen könnte. Ich bin nach Hamburg gekommen, weil ich hier leben möchte, bin also in erster Linie Bürger. Ich verstehe nicht viel von Stadtentwicklung, den Kostenstrukturen oder den Reformplänen des IOC, aber ich habe das Gefühl, ein Event wie Olympia ist nicht das, was der Stadt, in der ich leben möchte, guttut. Das anbiedernde Stadtmarketing und die eindimensionale Berichterstattung im Lokalblatt tun dabei ihr Übriges. Laut „Hamburger Abendblatt“-Chefredakteur Lars Haider koste Olympia in Hamburg übrigens gerade einmal zwei Elbphilharmonien. Ein interessanter Vergleich, wenn man Mut für Großprojekte in Hamburg machen will.

Kathrin: Ich bin so wenig an Olympia in Hamburg interessiert, dass ich nicht einmal den angeblich unsäglichen Werbespot dafür kenne. Meine Zeit ist mir einfach zu wertvoll, um mich mit solcher Propaganda zu beschäftigen. Das ist natürlich keine Ausrede, um sich nicht mit den Hintergründen und Argumenten der Befürworter auseinanderzusetzen. Klar, das Investment würde die Stadtentwicklung vorantreiben. Aber ich habe das Gefühl, dass Großbauprojekte und ein Großevent die Stadt in eine Richtung entwickeln würden, wie sie der Großteil der Bürger gar nicht haben möchte. Möchten wir bis zum Verlust jeglicher Lebensqualität genauso von Touristen überrannt werden wie Barcelona, wäre Olympia ja vielleicht eine gute Idee – aber ganz ehrlich, mit unserem Wetter können wir das gleich knicken, selbst mitsamt Klimawandel. Mal im Ernst: Haben wir in den nächsten Jahren nicht viel wichtigere Aufgaben vor uns? Eine Stadtentwicklung, die auf Integration beruht und bezahlbaren Wohnraum schafft? Die Leerstand bekämpft und Naherholungsgebiete schützt? Ich glaube, ein Fokus auf Olympia hindert uns daran, uns mit den wirklich wichtigen Fragen für die Zukunft dieser Stadt zu beschäftigen. Darum hoffe ich, dass ihr für mich mit „Nein“ stimmt. Denn ich als Österreicherin darf leider nicht mitentscheiden.

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Wer darf reden, wer hört zu? http://lesflaneurs.de/2015/11/17/wer-darf-reden-wer-hoert-zu/ http://lesflaneurs.de/2015/11/17/wer-darf-reden-wer-hoert-zu/#respond Tue, 17 Nov 2015 09:31:56 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6465 Von Weitem höre ich Menschen wild durcheinander rufen, megafonverzerrte Stimmen erheben sich über laute Menschenmengen und halten Ansprachen. Motorenlärm, Rauschen. Je näher ich dem Gorki Theater komme, desto klarer kann ich erkennen, woher die Geräusche kommen: Auf dem Vorplatz ist eine Videoinstallation mit verschiedenen Bildschirmen aufgebaut, auf denen parallel Videos gespielt werden. Ich bleibe vor dem ersten Bildschirm stehen. Ein Kleinkind liegt mit dem Gesicht im Sand am Strand, Welle um Welle umspült den leblosen Körper. Ich starre eine Weile das leere Gesicht des Kindes an. Alles, was mir gerade noch im Kopf herumging, ist weggewischt.

Zum zweiten Mal findet am Berliner Maxim Gorki Theater der zweiwöchige Herbstsalon mit Gastspielen, Performances, Gesprächen und Vorträgen statt. Während 2013 Fragen zu Identität, Nation und Herkunft verhandelt wurden, liegt dieses Jahr der Fokus auf dem Thema Flucht nach Deutschland und Berlin und den daraus resultierenden Fragen an die Bevölkerung. Eine umfangreiche Ausstellung zieht sich durch die Hallen des Gorkis und des Palais am Festungsgraben. In den, in diesem Kontext, schon fast ironisch prunkvollen Räumen werden Arbeiten von mehr als 25 Künstlern verschiedenster Medien ausgestellt. Viele Werke schaffen stille Momente der Fassungslosigkeit – so auch die Videoarbeit vom Zentrum für politische Schönheit des toten Jungen am Strand, das mich zu Beginn überrumpelte.

Überforderung und Fassungslosigkeit

Leon Kahane stellt einen senegalesischen Aufklärungscomic über Migration großformatigen Fotografien der gespenstisch leeren Büroräume der Warschauer Zentrale von Frontex gegenüber. In der meterlangen Wandarbeit „Dead Souls“ zeichnet Marina Naprushkina das Verhältnis von deutschem Export und Asylpolitik der letzten 35 Jahre nach. Gleichzeitig liegt mit ihrer „Refugee’s library ein Archiv von Gerichtsprotokollen bereit, das Anhörungen von Asylsuchenden nachzeichnet. Ein Archiv in zahlreichen Heften, das als Informationsquelle zur Vorbereitung der Geflüchteten auf eine eigene Anhörung dient. Im Nebenraum stellen drei mannshohe Glasvitrinen verschiedene zurückgelassene Objekte aus, die Menschen auf ihren lebensgefährlichen Überfahrten in Booten bei sich trugen. Thomas Kilpper und Massimo Ricciardo machen daraus Relikte unvorstellbarer Reisen: ein durch Wasserflecken gewelltes Sammelbild der heiligen Maria, ungeöffnete Thunfischdosen, Zigarettenschachteln, abgegriffene Taschenmesser, ein Fernglas, eine zerschlissene Landkarte des Mittelmeerraumes, verrostete Schlüsselanhänger, selbst ein Ehering. Jedes der Objekte fordert dazu auf, sich seine Besitzer vorzustellen.

Im Herzstück des Ausstellungsparcours finde ich mich im Ballsaal des Palais zwischen einer Flut von Bildern und Texten wieder – Bestandteile der wachsenden Wanderausstellung „We will rise“ von einem Kollektiv der Berliner Flüchtlingsbewegung. All das Text- und Bildmaterial schreit mich förmlich an, Flyer regnen an dünnen Drahtseilen von der Decke herunter, an den Wänden hängen Poster, die Tage eines Hungerstreikes zählen. Mitten im Raum steht eine Sperrholzwand, jeder Meter ist Teil eines riesigen Zeitstrahls der Eskalationsetappen seit 2013. Eine gefühlte Ewigkeit bewege ich mich zentimeterweise durch den Raum, nehme auf, was ich kann, bis ich schließlich voller Eindrücke das Treppenhaus hinuntertaumele. Im Studio Я beginnt gleich der erste Vortrag der Kosmos² Labor-Reihe.

Es gibt keinen neutralen Diskurs

Die zehnteilige Veranstaltungsreihe, kuratiert von der Autorin, Theoretikerin und interdisziplinären Künstlerin Grada Kilomba, nähert sich mit Lecture-Performances, Filmen und Artist Talks den Fragen um die Dekolonialisierung von Wissen an. Es geht darum, wie Wissen produziert und ausgetauscht wird: Wer hat Zugang zum Wissen, wer darf reden, wer hört zu? Der Abend ist ein Ideen-Labor, eine Schutzzone des Austausches. In ihrer einstündigen Lecture-Performance spannt Kilomba einen unglaublich komplexen und emotionalen Bogen zwischen Kolonialgeschichte, Rassismus in Europa, Erkenntnistheorie, Psychologie und der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Kollision dieser Welten. Ein Geflecht von philosophischen Fragen und biografischen Erzählungen. Im einen Moment folgen wir den theoretischen Überlegungen zur Hautfarbe, die jedem einen Platz in der Hierarchie der Welt zuteilt. Im nächsten Moment stellen wir uns den Begriffen Verdrängung, Erinnerung und Trauma. „What do you have to pay to tell the truth? When I speak, what is it, that you don’t hear?“ Viele Fragen hallen lange im Raum nach.

Kilomba entlässt uns mit der Aussage: „Think about this: we all speak from a specific time and a specific space. There is no neutral discourse.“ Mit diesem Gedanken durchwandere ich geistig noch einmal die Ausstellung, die so viele unterschiedliche Positionen zusammenbringt.

Es gibt keinen neutralen Diskurs. Die Flucht nach Europa ist das beste Beispiel dafür. Der Verhandlungsort Herbstsalon schafft Raum, um sich diesem Diskurs gemeinsam zu stellen. Oft fiel das Wort „zuhören“ – ein Zuhören, das wir im Rausch der vorschnellen Meinungen in diesen Zeiten verlernt haben. Ungefiltert, ununterbrochen jemandem zuhören, der seine Geschichte erzählt.

Im Garten der Lüste

Für die nächsten zwei Wochen kann man außerdem fast täglich an der partizipativen Performance  „Garden of Delights“ der Gruppe Talking Straight teilnehmen. Die 45-minütige Führung wird ausschließlich in einer sehr beeindruckenden Fantasiesprache performt, in der die Gruppe um Daniel Cremer seit 2010 schon Managementseminare, Gottesdienste und Stadtführungen abhält. Die Teilnehmer folgen den zwei, mal charmanten mal unheimlichen Performern durch und um das Theater als Teil eines Willkommenskurses. Oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll und das ist gut so. Subtil und pointiert wird der opulente Humor der Darsteller und die bizarren Situation, in die wir als Teilnehmer geworfen werden, mit dem bitteren Kontext der europäischen Grenzpolitik gebrochen. Nachdem schlussendlich einige Glückliche mit Frontex-Vertragspapieren um das Willkommensschild im Versammlungsraum tanzen, zerteilt sich auf der Leinwand ein Europa, im Zeitraffer seit dem 12. Jahrhundert, rasend schnell in immer neue Teppichflicken. Ich könnte am Ende der Performance kaum dankbarer für die Erfahrung sein, nichts zu verstehen und trotzdem immer wieder zum Verstehen Anlauf zu nehmen.

Der Berliner Herbstsalon im Maxim Gorki Theater findet noch bis zum 29. November in Berlin statt, das nächste Kosmos² Labor gibt es am 22. November um 18 Uhr. Viele Veranstaltungen sind kostenfrei besuchbar.


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Intellectual Deathmatch http://lesflaneurs.de/2015/06/17/intellectual-deathmatch/ http://lesflaneurs.de/2015/06/17/intellectual-deathmatch/#comments Wed, 17 Jun 2015 09:03:13 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5996 Every Shitstorm has a Reason. (Foto: Falk Schreiber)
Every Shitstorm has a Reason. (Foto: Falk Schreiber)

Dass Leute doof sind / setz‘ ich als bekannt voraus.

(Tocotronic, Digital ist besser)

Irgendwas ist anders geworden. Der Ton vielleicht, die Umgangsformen. Bisher war es so: Jemand sagte etwas, man selbst war anderer Meinung, und man sagte was dagegen, so: „Ich finde es okay, FDP zu wählen.“ „Nö, ich finde, es gibt Gründe, die FDP von Herzen abzulehnen. Und zwar folgende …“

Heute läuft das Gespräch anders ab, so:
„Ich wähle FDP.“
„Du Arschloch!“

Oder:
„Ich finde, man kann nichts anderes wählen als die FDP! Jeder, der was anderes wählt, ist bescheuert!“
„…“

Oder:
„Ich wähle FDP.“
„Finde ich nicht gut.“
„Was fällt dir Gesinnungsfaschist ein, mir zu sagen, was ich wählen darf und was nicht?“

Irgendwie ist das alles sofort auf einem total hohen Aggressionslevel, von beiden Seiten, und die Diskussion macht überhaupt keinen Spaß mehr. Beispiel. Früher hätte mich Ronja von Rönne einfach nicht interessiert. Eine blasierte, intellektuell noch ausbaufähige, privilegierte, junge Frau, die für die Welt schreibt, ein Medium, das in meinen Augen nicht wirklich satisfaktionsfähig ist. Kürzlich schrieb von Rönne einen Artikel, der Wellen schlagen sollte, und, ja, er schlug Wellen: „Warum mich der Feminismus anekelt“ hieß der Text, und die Überschrift gab gleich den Ton vor. Der Text hieß nicht „Argumente gegen den Feminismus“, weil man dann nämlich gemerkt hätte, dass von Rönne überhaupt keine Argumente hatte. Aber so wurde gleich klargestellt: Feminismus, das ist was ekliges, Feministinnen sind eklig.

Auf den Artikel, der es eigentlich verdient hätte, nicht einmal ignoriert zu werden, folgte Kritik, und auf die Kritik folgte der erwartete, der auch irgendwie herbeigesehnte, provozierte Shitstorm, primär auf Facebook und Twitter, weniger in Blogs oder anderen Medien: Ronja von Rönne, Gottseibeiuns, der Backlash in Welt-Autorinnengestalt! (Meine Güte, Welt, was haben wir denn erwartet?) Und auf den Shitstorm folgte ein weiterer Shitstorm, diesmal richtete er sich gegen die Rönne-Kritik, die angeblich jegliche Debatte im Keim ersticken wolle. Es war ein Kuddelmuddel, überall Nazis, von Rönne findet den Feminismus eklig, der Feminismus findet, von Rönne sei eine Rechte, die Rechten finden, der Feminismus sei voll faschistoid, boah, ey. Zwischendurch wurde von Rönne auch noch (mit einem anderen, literarischen Text) zum Bachmannpreis eingeladen, was das diskursive Durcheinander gleich noch vergrößerte. Sagte irgendjemand, was Sache ist? Von Rönne ist einfach blöde? Nicht ernstzunehmen? (Anne Schüßler sagte so etwas ähnliches auf Facebook, aber das ging im Gekeife, nicht zuletzt in meinem, unter.) Alles ist kaputt. Ronja von Rönne hat mit dem Kaputtmachen angefangen, wir haben weitergemacht.

Harald Martenstein, Don Alphonso, Ronja von Rönne stehen rechts, Nazis, Maskulisten, Islamhasser an ihrer Seite. Andreas Kemper, Ruth Schneeberger und wir auf der Linken. Intellectual Deathmatch.

Was ist nur aus dem guten, alten Argument „Weiß es halt nicht besser“ geworden? Ich meine, wenn People of Color mir sagen, dass sie nicht mit dem N-Wort bezeichnet werden möchten, weil sie das als despektierlich empfinden würden, dann blöke ich ihnen doch auch nicht entgegen, dass sie Sprachfaschisten seien, die mir meine Ausdrucksweise vorschreiben wollen, dann überlege ich erstmal, ob das N-Wort für das, was ich sagen möchte, wirklich unverzichtbar ist. Und andersrum: Wenn People of Color hören, dass jemand das N-Wort verwendet, dann gehen sie doch erstmal nicht davon aus, dass das ein Rassist ist, dann gehen sie davon aus, dass das jemand ist, der es nicht besser weiß, und dem man erklären kann, weswegen dieser Ausdruck verfehlt ist. In einer perfekten Welt jedenfalls wäre das so. (Insa Heegner hat diesen Komplex ganz gut beschrieben: „Wenn ich jemandem sage, dass etwas rassistisch ist, dann versteht der: Du bist ein Rassist! Und denkt, nö, wieso, ich bin doch gar kein Rassist. Diesen Reflex wieder loszuwerden, das ist wirklich schwer.“ Podcast Leitmotiv 021, ab ungefähr 42:15.)

Ich habe ein wenig Angst. Sprache ist etwas, mit dem ich mich tagein, tagaus beschäftige, und ich weiß, dass Sprache häufig recht dünnes Eis ist. An jeder Ecke können wir Fehler machen, Religion, sexuelle Identität, Israel, Fleischessen, ein einziges Minenfeld. Wenn wir aber den Sinn dafür verlieren, dass das Gegenüber etwas falsch machen darf, machen wir die Sprache, machen wir die Kommunikation kaputt. Wenn wir dem Gegenüber erst einmal unterstellen, böswillig zu sein, nicht: bisschen doof, bisschen unerfahren, dann können wir es gleich ganz bleiben lassen. Dann bringt auch dieses Online-Magazin nichts, dann bringt die Beschäftigung mit Themen wie Sexualität, Heterogenität der Großstadt, Pornografie, Sexwork, Politik, Gender, Kunst nichts. Weil wir dann verlernt haben, im Gegenüber erst einmal eine Freundin, einen Freund zu sehen. Weil dann jegliche Solidarität unmöglich geworden ist.

Freundinnen aber sagen einander, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Freunde überlegen sich dann, wie sie mit diesem Fehler umgehen sollen. Und Tischtücher zu zerschneiden ist grundsätzlich eine doofe Idee.

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Schon toll, so ein Volk http://lesflaneurs.de/2015/02/20/schon-toll-so-ein-volk/ http://lesflaneurs.de/2015/02/20/schon-toll-so-ein-volk/#respond Fri, 20 Feb 2015 09:28:59 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5405 7864496016_811b1c2afe_kFlammenlodern. Glasbersten. Stiefelstakkato. Nachtlaternenlicht. Zeitlupenlauf. Ein Blick über die Schulter. Was würde Ryan Gosling jetzt tun? Wahrscheinlich nichts – immerhin sind wir gerade in Rostock-Lichtenhagen unterwegs, 1992 – und doch könnte das Thema in Zeiten von Pegida, Angriffen auf Asylbewerberheime und dem Brüllen dumpfer Parolen nicht aktueller sein.

Orientierungslose Jugendliche streifen durch Rostock, fahren ans Meer, tauschen Küsse, Schläge und Bierdosen aus. Ach, wie blöd es ist, 50 Jahre zu spät geboren worden zu sein, führer- und gedankenlos. Da will man aus Wut auf das Raum-Zeit-Kontinuum doch glatt ein paar Asylbewerber verprügeln. Die scheißen alles voll, werfen mit Müll um sich und klauen Lebensmittel, die Mutti Hilde jeden Tag bis zur Erschöpfung in der Fabrik einpackt, aus dem Supermarkt. Wie undankbar! Und dann diese Eltern, Sozialdemokraten, Schwächlinge. Gestärkte Hemden statt starke Parolen. „Ausländer raus!“ brüllen geht selbst mit ein paar Promille noch super. Wer will schon gehaltvolle Diskussionen? Am Ende passiert eh nix und die Politiker lassen uns hier alleine. Müssen wir halt – mal wieder – selber anpacken, damit Deutschland den Deutschen gehören wird. Also uns, dir und mir, obwohl… wer bist du eigentlich? Egal, du hast keine Schlitzaugen, das ist doch schon mal was. So sei der Plattenbau unsere Festung, grau und simpel wie unser Geist.

Kollektive Verwirrung. In Rostock damals. In Dresden heute. Wie einfach wäre es, wenn sich solche Trauerspiele mit einer Überforderung durch die wirtschaftlichen Herausforderungen der Wiedervereinigung oder der globalen Kapitalismusmaschinerie erklären ließen. Doch „Wir sind jung. Wir sind stark“ macht klar, dass es viel schlimmer war und ist. Demonstrierende Menschen, die aus Mangel an Werten sich nur noch einem Wert verpflichtet fühlen: dem Nationalstolz. Wie schrieb schon Arthur Schopenhauer: „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz seyn könnte …. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen sind, … zu vertheidigen.“

Und wie sie dies tun. Sie brüllen, schreien, stampfen – oh, wohin nur mit all der Wut? Nach unten natürlich. In Richtung derer, die eh schon am Boden liegen. Der nationalstolze Deutsche ist erprobt in Massenaufläufen und macht daraus direkt ein nachbarschaftliches Event. Es gibt Würstchen und Bier und lauter Menschen, die dieselbe Meinung haben. Schon toll, so ein Volk. An dieser Darstellung gab es nach Filmstart Kritik. Es sei ein nachbarschaftlicher Protest gewesen, die Umstände wären unzumutbar gewesen, ein paar Nazis hätten diesen Protest dann ausgenutzt etc. – all diese Punkte wären eine Diskussionsgrundlage, wenn am Ende nicht eine Wahrheit stehen würde: Dass am Abend des 24. August 1992 völlig bewusst das Leben von Menschen gefährdet wurde, weil sie nicht deutsch waren. Die eigene Angst wurde bejubelt, während Polizei & Politik sich aus Überforderung wegdrehten. Rasende Wut gewann gegen träge Vernunft. Schames- statt Zornesröte muss einen bei diesen Bildern ins Gesicht steigen.

Was nun Ryan Gosling damit zu tun hat? Mit einem ebenso simplen wie effektiven Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe wird in „Wir sind jung. Wir sind stark“ Geschichte gemacht. Ähnlich wie Gosling in „Drive“ läuft Sozialdemokratensohn Stefan mit auffälligem Jäckchen in Zeitlupe durch blaugrüngelb schwirrende Bilder, während im Hintergrund elektronische Klänge anrücken. Eine Ästhetik des Schreckens, die fast vergessen lässt, was wir da sehen. Was gestern war, was heute ist, was morgen wird. Kreislauf.

„Wir sind jung. Wir sind stark“ läuft seit 22.01. im Kino. Wo er bei euch in der Nähe läuft, könnt ihr hier herausfinden. Fotorechte: flickr.com – Anarchistische Gruppe Freiburg (unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz)

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Scholz and Friends http://lesflaneurs.de/2015/02/15/scholz-and-friends/ http://lesflaneurs.de/2015/02/15/scholz-and-friends/#respond Sun, 15 Feb 2015 13:59:35 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5365 Reozeende Gesellschaft: Der Hamburger SPD-Bürgermeister Olaf Scholz und Mitbewerber. (Foto: Falk Schreiber)
Reizende Gesellschaft: Der Hamburger SPD-Bürgermeister Olaf Scholz und Mitbewerber. (Foto: Falk Schreiber)

Liebe Hamburger Flâneursfreunde und -freundinnen, denkt dran: Heute ist Wahl. Denkt dran, dass die islamophoben, schwulenhassenden, wohlstandschauvinistischen Rechtsaußen von der AfD Chancen haben, in die Bürgerschaft einzuziehen, genauso wie die Windbeutel und Witzbolde von der FDP. Denkt dran, dass da eine CDU antritt, die heute liberal tut, aber vor wenigen Jahren keine Scheu hatte, mit der rechtspopulistischen Schill-Partei eine Koalition einzugehen. Und denkt dran, dass da auch Grüne antreten, die vor noch weniger Jahren kein Problem damit hatten, mit ebenjener CDU zu koalieren. Erinnert euch an den Umgang der SPD mit den Lampedusa-Refugees, und erinnert euch an die Gefahrengebiete: Die verdanken wir auch der SPD. Außerdem könntet ihr euch fragen, weswegen die Polizeispitze in Hamburg auch in Zeiten einer SPD-Alleinregierung noch mit Schill-Getreuen besetzt ist, fragt euch, weswegen der ehemalige Schill-Sozialsenator und heutige AfD-Kandidat Dirk Nockemann im Brotberuf Spitzenbeamter in der Schulbehörde ist, während ein Mensch mit Antifa-Hintergrund nicht einmal Hausmeister in einem städtischen Unternehmen werden kann? A propos Antifa-Hintergrund: Wenn ihr Die Linke auf dem Wahlzettel seht, dann denkt auch dran, dass Die Linke auf keinen Fall mitregieren möchte, ganz davon abgesehen, dass keine der übrigen Parteien mit Chancen auf Bürgerschaftsmandate mit den Linken koalieren würden.

Denkt an all das, und dann macht euer Kreuzchen, denn: Das Wahlrecht ist wichtig, das schenkt man nicht leichtfertig her.

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James Franco soll Bikini tragen http://lesflaneurs.de/2015/01/15/james-franco-soll-bikini-tragen/ http://lesflaneurs.de/2015/01/15/james-franco-soll-bikini-tragen/#respond Thu, 15 Jan 2015 21:24:50 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5092 Welch Ironie: Die Werbung der schwedischen Frauenlobby wird mit einer halbnackten Frau überklebt.
Welch traurige Ironie: Die Werbung der schwedischen Frauenlobby gegen halbnackte Frauen auf den Wänden wird mit einer halbnackten Frau überklebt.

Litfaßsäulen. Es gibt immer weniger davon, dabei klecksen sie mit ihrer vielseitigen Beklebung oft ordentlich Farbe ins Stadtbild. Selbst wenn einen die neongelbe Werbung für die nächste Ü40-Party persönlich nicht anspricht. In den letzten Monaten bin ich jedoch immer sehr erbost an einer dieser Säulen vorbeigegangen. James Franco grinst mich dort von oben herab an, hält sein billiges Zuckerwasser in der Hand und fragt: „Hey girls, wisst ihr eigentlich wie echt sexy ihr seid?“. Ich werde wütend und würde ihm gerne „FUUUUUUUCK YOU! Du hast tolle Filme wie „127 Hours“ gedreht und machst jetzt bei so ‚nem sexistischen Scheißdreck mit. FUUUUUUUUCK YOU!“ entgegen schreien, aber er würde wohl einfach weitergrinsen, bis ihm wegen der nächsten Ü40-Party das Grinsen aus dem Gesicht gekleistert wird.

Doch besonders in Deutschland ist er nicht alleine. Gerade die hiesige Werbelandschaft bringt allerlei stereotype Botschaften unter’s Volk. In der kleinen Ausstellung „Schweden kommunizieren“ zeigt die Schwedische Botschaft in Berlin noch bis 22. Januar, wie es anders geht. Wenn es es um gesellschaftliche Entwicklungen geht, wird gerne zu unseren nördlichen Nachbarn geschaut. In diesem Fall zurecht. Am Mittwoch fand ein schwedisch-deutscher Dialog zum Thema „Sex sells – immer? Geschlechterrollen in der Werbung und öffentlichen Kommunikation“ statt. Ein notwendiger und wichtiger Dialog. Denn wenn ein Milliardenunternehmen mit einem Marketingbudget, welches schon alleine den Firmenwert vieler anderer Unternehmen übersteigt, solch billige und anbiedernde Werbung veröffentlicht – mit dem merkwürdigen Statement, man wolle den selbstbestimmten Lebensstil moderner Frauen loben – muss diese Frage erlaubt, nein, offensiv gestellt werden: WIESO?

Die simple Antwort: Es wird gewollt, und es ist erlaubt. Werbung ist eine der vielen Formen von Erziehung, und in Deutschland werden darüber recht simple Normen und Ideale vermittelt. Werbung für elektronische Geräte: halbnackte Frauen. Werbung für Baumärkte: sich räkelnde Frauen. Werbung für Autos: im Beifahrersitz schmachtende Frauen. Dies sind nur einige Beispiele, die zeigen, dass schon lange kein Zusammenhang mehr zwischen dem angebotenen Produkt und der Werbung bestehen muss. Und nicht einmal gewollt ist, denn, hey, Geiz ist geil. Nackte Frauen sind geil. Mehr Brutto vom netto… geil! Natürlich ist Schweden kein Paradies. Clara Berglund von der schwedischen Frauenlobby berichtete, wie jeden Monat auf’s Neue gegen sexistische Werbung in den Stockholmer U-Bahnstationen gekämpft wird.

Vater in Elternzeit, 1978... '78!
Vater in Elternzeit, 1978… ’78!

Doch der Staat macht hier die Musik und setzt sich seit Jahrzehnten für respektvollen Umgang miteinander ein. Während im Rest Europas noch über Vaterschaftsurlaub diskutiert werden muss, wurde in Schweden schon 1978 dafür geworben, dass der Mann mal zuhause bleibt – ohne dadurch seine Männlichkeit bedroht zu sehen. Die schwedische Werbelandschaft überwacht sich mit der Organisation Reklamombudsman sogar selbst und bewertet Werbung nach einer Marketing-Ethik, die sich Sexismus, Rassismus und Stereotypen widersetzt. Ethik ist hierbei das Stichwort, denn diese fehlt in der Werbung oft. Und gerade Schweden macht vor, dass ethisch nicht gleichzusetzen ist mit humorlos. Es geht nicht um biedere, graue Einheitswerbung, sondern um Respekt und Spaß, der sich nicht nur aus aufgestauten Männerfantasien nährt, sondern aus Vielfalt. Wer nun in Gedanken wieder das böse Wort Quote verflucht, sollte Creative Director Christina Knight zuhören, die in fast 30 Jahren im Werbegeschäft immer noch fast nur von Männern umgeben ist. Ihre Ausführungen kommentierte ein Mann in der Reihe schräg vor mir wie folgt: *grummel grummel grummel* *pfff* *grummel grummel grummel*. Es gibt viel zu tun.

In Deutschland hat sich die Organisation pinkstinks dem Thema angenommen. Vorstandsvorsitzende Stevie Meriel Schmiedel berichtete über das große Ziel, eine Gesetzesnorm gegen Sexismus in der Werbung fest im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb zu verankern. Eine Veränderung, die, entgegen konservativer „Ihr sollt meine Tochter nicht zu einer Lesbe transformieren!“-Klischeestimmen, allen zugute kommen soll. Besonders heutzutage soll den Kindern größtmögliche Freiheit zukommen – nur nie auf allen Ebenen. Die Werbung gibt vor, dass ein Mädchen sich für Puppen zu interessieren hat und der Junge für Autorennbahnen. Beide werden dadurch frühzeitig unter Druck gesetzt. Immer öfter wird auch hier gefragt: WIESO? Ist dieses Schubladendenken ein Wert, den es zu bewahren lohnt? Oder sollten wir nicht lieber dafür sorgen, dass die Welt der Zukunft bunt – statt blau und pink – sein wird?

Klar ist jedoch, dass tiefe gesellschaftliche Veränderungen Zeit brauchen, wenn sie nachhaltig wirken sollen. Aber wie am schwedischen Modell gut sichtbar wird, muss irgendwann in der Geschichte ein Anfang gemacht werden. Den muss nicht immer der Staat machen, Impulse können von jedem ausgehen. Also James Franco – morgen ein neues Shooting? Wieder vor einem Pool – nur diesmal im Bikini?

Die Ausstellung in der Schwedischen Botschaft ist noch bis 22. Januar 2014 geöffnet und endet mit einem Filmabend über den schwedischen Werbefilmer Roy Andersson. Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 10-19 Uhr, Sa & So. 11-16 Uhr, Eintritt frei, Mehr Informationen unter www.mehralswerbung.org

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Leben, Politik, Soziales, Kunst http://lesflaneurs.de/2014/12/13/leben-politik-soziales-kunst/ http://lesflaneurs.de/2014/12/13/leben-politik-soziales-kunst/#respond Sat, 13 Dec 2014 09:22:06 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4868 In der Ecofavela Lampedusa-Nord. (Foto: Baltic Raw)
In der Ecofavela Lampedusa-Nord. (Foto: Baltic Raw)
Amelie Deuflhard, geboren 1959 in Stuttgart, leitete die Berliner Sophiensæle und ist seit 2007 Intendantin des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel. (Foto: Sarah Tabea Meier)
Amelie Deuflhard, geboren 1959 in Stuttgart, leitete die Berliner Sophiensæle und ist seit 2007 Intendantin des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel. (Foto: Sarah Tabea Meier)

Wenn die deutschen Feierabendnazis über das deutsche Asylrecht herziehen, kommt über kurz oder lang das gleiche Argument: Die „Gutmenschen“ könnten doch gerne Flüchtlinge bei sich aufnehmen, dann würde man ja sehen, was von der Solidarität zu halten sei. Amelie Deuflhard, Intendantin des Hamburger Theaters Kampnagel, machte das: Seit kurzem überwintern Flüchtlinge in einem Holzbau auf dem Theatergelände. Den Rechten ist das allerdings auch nicht recht: Die AfD hat die Theatermacherin angezeigt, wegen „Beihilfe zum illegalen Aufenthalt“. Wir haben bei Deuflhard nachgefragt.

Ein kurzes Update für jemanden, der das ganze Thema noch überhaupt nicht mitbekommen hat: Im Kampnagel-Garten steht derzeit ein hölzerner Nachbau der Roten Flora. Was passiert dort konkret?

Der Nachbau war ursprünglich eine Transformation der Roten Flora zum Kanalspielhaus Flora als Festivalspielort unseres Sommerfestivals. Das Projekt wurde von der Künstlergruppe Baltic Raw entwickelt und umgesetzt. Ziel der sommerlichen Installation war es, ein stadtpolitisch umstrittenes und stark debattiertes Gebäude mitsamt der Diskussion in unseren Festivalgarten zu transportieren. Bereits im Sommer schlug mir Baltic Raw vor, das Gebäude für den Winter als Aktionsraum mit Übernachtungsmölichkeiten für Flüchtlinge der Lampedusa-Gruppe umzubauen. Eine zweite Transformation des Gebäudes verbunden mit dem Aufgreifen der Problematik der Flüchtlingsgruppe aus Lampedusa.

Und was stört die AfD an der Geschichte?

Fragen Sie die AfD. Die AfD ist eine rechtspopulistische Partei, die sich aus meiner Sicht an Flüchtlingen generell stört. Mich stört, dass Menschen, die so viele unserer MitbürgerInnen ausschließen, das Recht haben, mir eine Strafanzeige anzuhängen.

Hat die AfD überhaupt eine Chance, dass es zur Anklage kommt? Wie werden Sie sich wehren?

Ich bin keine Juristin, aber ich gehe davon aus, dass die Vorwürfe der AfD haltlos sind. Ich habe mir einen Anwalt genommen, mehr mache ich im Moment nicht. Es gibt aber sehr viel Solidarität von überall. Die AfD-Lady hat für ihre Aktion bei Facebook gerade mal 37 Likes. Groß scheint deren Anhängerschaft glücklicherweise nicht zu sein.

Wie reagiert das Kampnagel-Publikum? Wie die Nachbarschaft in Winterhude?

Das Publikum reagiert zu großen Teilen solidarisch, wo Diskussionsbedarf ist, diskutieren wir. Das ist ja auch Sinn und Zweck dieses Projekts. Die Aufregung durch die Anzeige der AfD hätte das Projekt nicht gebraucht, auch wenn es dadurch bekannter wurde. Die Nachbarschaft hilft mit – ich habe noch keine Klagen gehört. Das Projekt ist klein und setzt auf Integration statt Ausschluss.

Nun wird Kampnagel ja aus Töpfen für die Kulturförderung in Hamburg finanziert. Ich will nicht sagen, dass sich die Kultur nicht in die Politik einmischen soll – aber ist das Projekt Ecofavela Lampedusa Nord tatsächlich eine Einmischung? Und nicht vielmehr eine Erleichterung der Lebensumstände der Flüchtlinge, das mit Kultur erstmal gar nichts zu tun hat? Und ist das dann nicht der falsche Fördertopf?

Das Projekt ist ein Kunstprojekt, eine soziale Skulptur, und es ist natürlich auch ein politisches Projekt. Es spielt eben genau an der Schnittstelle von Leben, Politik, Sozialem und Kunst. Da gibt es eine lange Tradition in der Kunstgeschichte. Selbstverständlich kann das Projekt aus der Kulturförderung finanziert werden. Wir haben uns allerdings schon im Sommer entschieden, das Projekt mit einer Crowdfunding Kampnage zu finanzieren. Baltic Raw und mir ging es schon bei der Finanzierung darum, zivilgesellschaftliches Engagement zu aktivieren.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass mit einem Projekt wie dem vorliegenden das Leid der Menschen zu Gunsten der Kunst ausgenutzt werde?

Wenn Kunst eine politische Funktion haben will, geht es genau darum Probleme, unserer Gesellschaft und globale Probleme zur Diskussion zu stellen. Mitleid ist für dieses Projekt nicht der Beweggrund, sondern Aktion!

Und was dazu, dass das alles vor allem eine gut gemachte Marketing-Aktion für Kampnagel sei?

Wir leben in einer neoliberalen Gesellschaft, das ist ein Fakt. Jedes erfolgreiche Projekt ist auch Werbung für Kampnagel. Sollte ich deshalb schlechte oder uninteressante Kunstprojekte initiierten?

Wie reagieren eigentlich die konkret Betroffenen, die Bewohner der Ecofavela Lampedusa Nord?

Die Bewohner und Akteure dieses Projekts sind sehr gelassen und denken über weitere Aktivitäten nach. Einmal die Woche zum Beispiel wird gekocht für Kampnagel-Mitarbeiter, ein Radiosender ist geplant, wir planen, Schüler und Flüchtlinge zusammen zu bringen und diverse andere Projekte. Es geht sehr stark um Dialog, Vernetzung, Kommunikation. Wir wollen voneinander lernen und uns zuhören.

Wie sieht ein gutes Ende der Aktion aus?

Jeder einzelne Mensch der Vorbehalte überdenkt, jede Beziehung, die über das Projekt entsteht, macht die Aktion erfolgreich. Und klar, es wäre großartig, wenn die Lampedusa-Frage einvernehmlich gelöst wird, das kann ein einzelnes Projekt allerdings nicht leisten, dazu können wir höchstens einen kleinen Beitrag leisten.

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Sturm & Drang in Kreuzberg http://lesflaneurs.de/2014/12/05/sturm-drang-in-kreuzberg/ http://lesflaneurs.de/2014/12/05/sturm-drang-in-kreuzberg/#respond Fri, 05 Dec 2014 09:38:54 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4811 Ein paar Touristen testen ihr erstes deutsches Bier, lachen, und biegen in die Oranienstraße ab. Eine Gemüsespur auf dem Fußweg verrät zwei frische Falafel-Esser, während sich zwei Trunkenbolde, die täglich hinter’m U-Bahn-Kiosk auf dem Mittelstreifen herumsitzen, unverständliches Zeug entgegen brüllen. Derweil spuckt die U1 eine weitere Hundertschaft abenteuerlustiger Menschen am Görlitzer Bahnhof aus. An der Treppe wird es eng. Ein halbes Dutzend Dealer reiht sich dort auf und bietet ein bisschen extra Spaß an. Ich schließe mein Fenster ein letztes Mal, die Stimmen verstummen, morgen ist Umzugstag.

Görlitzer Park
Die Ruhe vor dem Sturm – der Görlitzer Park in Kreuzberg

Vier Monate ist es nun her, dass ich Kreuzberg verlassen habe. Damals hätte ich mich dem Bezirksamt als Orakel anbieten und ihnen sagen sollen, dass die Situation am Görlitzer Bahnhof ebenso eskalieren wird wie am und im Görlitzer Park. Vor drei Wochen die Bestätigung: Ein Barbesitzer, der laut eigener Aussage in den letzten Monaten über 70x wegen der Dealerei vor seiner Bartür die Polizei rief, griff zu einem Messer. Zwei polizeibekannte Dealer wurden niedergestochen, wenige Stunden später wurde aus Rache das Lokal des Barbesitzers verwüstet und versucht, dieses in Brand zu stecken. Die Bar ist nur wenige Häuser von meiner ehemaligen WG entfernt. Ich klappe die Zeitung zu und fühle nur Verwunderung darüber, dass diese Eskalation Menschen überrascht. Drogen, Blut und Sirenen sind schon längst Alltag geworden.

Wenn eine grüne Bezirksregierung lieber an ihre Ideologie statt an grauen Realismus glaubt – und sowohl Augen als auch Ohren verschließt, fühlen sich die dort wohnenden Menschen irgendwann auf sich alleine gestellt. Die Bezirksbürgermeisterin ratlos, die Polizei kraftlos und die Dealer sorglos. Vom Park breiteten sie sich besonders in diesem Jahr in die umliegenden Straßen aus, vergruben ihre Ware in Hinterhöfen und schauten schon gar nicht mehr auf, wenn die Polizei vorbeifuhr. Am Ende waren es nicht mehr ein halbes Dutzend, sondern fast zwei Dutzend Dealer, die regelmäßig an der schmalen U-Bahn-Treppe standen. Die Anzahl ist wichtig, um den Druck zu verstehen, unter denen der Barbesitzer ebenso gestanden hat wie die Dealer.

Es ist natürlich leicht, an dieser Stelle mit einem großen ABER zu kommen, die Herkunft der Dealer ins Spiel zu bringen, welche zumeist Flüchtlinge ohne Arbeitserlaubnis sind, oder das rasant wachsende Angebot mit der Nachfrage eines Party- und Szenebezirks zu begründen und über einen Coffeeshop als Ersatz zu diskutieren. Doch diese Reaktion schließt immer mindestens eine Fraktion aus, um eine andere in den Fokus zu rücken. Die eigene Meinung baut somit vorrangig auf der Schwächung einer anderen. Dabei könnte das Bezirksamt einfach mal einen Bezirk weiter schauen, statt den Kopf auf der Suche nach Drogenverstecken in den Spielkastensand zu stecken. Im Weinbergspark in Mitte gab es vor wenigen Jahren das gleiche Problem. Da die Mühlen der Politik langsam mahlten, nahmen die Anwohner und Anwohnerinnen die Sache selbst in die Hand – und gründeten eine Bürgerinitiative, aus der später ein Runder Tisch entstand. Der Park wurde mit öffentlichen Geldern modernisiert und ist heute fast drogenfrei.

Das Problem damals: Am Tisch blieb ein Platz frei. Mit den Dealern wurde nie offen gesprochen. Sie sollten einfach weg – aus den Augen, aus dem Sinn. Erst mit dem medialen Auftreten der Flüchtlingsproteste und Kundgebungen zum Thema Asylrecht wurde in den letzten beiden Jahren eine Sensibilisierung dafür geschaffen, dass nur die wenigsten Flüchtlinge aus freien Stücken zum Dealer werden – wenn sie überhaupt als Dealer anfangen. Der besser betuchte deutsche Dealer, der seine Geschäfte von zu Hause aus erledigen kann, fällt eben weniger auf. Aber er ist da. Ebenso wie die Käufer aus allen gesellschaftlichen Schichten da sind. Keine Gruppe wird einfach so verschwinden.

An dieser Stelle könnte die Kreuzberger Bürgermeisterin Frau Herrmann neue Impulse geben – den grünen Geist, der damals so revolutionär war, aufleben lassen, und zum ersten Mal ALLE Beteiligten an einen Tisch versammeln. Nicht von oben nach unten sprechen, sondern von links nach rechts. Dabei müssen sowohl Anwohner als auch Dealer, Deutsche und Flüchtlinge, Verkäufer und Käufer als das begriffen werden, was sie sind: Menschen. Menschen mit einer Geschichte. Und diese will gehört werden.

P.S.: Nicht die Dealer zwangen mich am Ende zum Auszug, sondern eine unfähige bis gierige Hausverwaltung. Aber das ist eine andere Kreuzberger Geschichte.

Foto-Copyright: Jörg Kantel – flickr.com (unter Verwendung der CC-Lizenz)

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