Katharina Röben – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Fri, 08 Apr 2016 09:59:12 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.4.2 #instagram – auf drei Bilder mit berlintensiv http://lesflaneurs.de/2016/03/14/instagram-auf-drei-bilder-mit-berlintensiv/ http://lesflaneurs.de/2016/03/14/instagram-auf-drei-bilder-mit-berlintensiv/#respond Mon, 14 Mar 2016 09:43:53 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7245 Selbstverliebte Selfies, haufenweise Hashtags und das Streben nach Likes – Instagram kann mehr als nur oberflächliche Selbstdarstellung. Wir stellen euch in unserer Reihe „#instagram – auf drei Bilder mit…“ besondere Perspektiven auf die Bildersammlungsplattform vor. Los geht es mit berlintensiv.

Morgendlicher Kaffeeduft, das laute Zischen von Wasserdampf, Menschen trippeln ungeduldig auf der Stelle. In der Schlange tippt Benedikt J. Feldmann auf seinem Handy. Es erscheinen große weiße Buchstaben auf schwarzem Grund: „Latte mit Sojamilch“. Er ist an der Reihe, streckt sein Smartphone dem jungen bärtigen Hipstermann hinter der Theke entgegen und lächelt. Langsam füllt sich das Café in Berlin-Mitte mit verschlafenem Gemurmel, zwischen Holzgestellen und Designerstühlen nimmt Benedikt Platz. Seine großen braunen Augen strahlen. Er trägt millimeterkurze Haare und Nasenpiercing, trinkt zum Latte eine Limonade. Besonders die Inneneinrichtung habe es ihm angetan und die Kleinigkeiten, wie die Wahl der Schriftart des Logos, Helvetica, geradlinig und ohne Serifen. Benedikt pflegt eine Vorliebe für klare Linien, für geordnete Ästhetik.

Das Visuelle hat einen ganz besonderen Stellenwert für ihn: „Da ich taub bin, nehme ich vieles visuell wahr, was hörende Menschen eher akustisch begreifen. Blaulicht, Schatten, Bewegungen um mich herum – all das. Ob ich daher besser fotografieren kann, glaube ich aber nicht.“ Eilig löffelt er seinen Milchschaum.

Benedikts Suche nach Bildern bleibt nicht unbeachtet: Fast 58.000 Menschen folgen ihm über Instagram auf seinen Wegen durch die urbane Kultur, durch U-Bahn-Stationen und den Asphaltdschungel. Alles begann mit privaten Bildern, wann weiß er schon gar nicht mehr genau: „Irgendwann habe ich den Account berlintensiv ins Leben gerufen. Dort lade ich nur Bilder von Berlin hoch.“ Während er erzählt, leuchtet sein Handy – jedes Licht ein Like. Die Instagram-Gemeinde wächst stetig, hat zahlentechnisch bereits Twitter überholt und kann mittlerweile in Deutschland über neun Millionen Nutzer verzeichnen.

„Instagram hat meinen Blick auf die Stadt verändert. Wenn ich mich in irgendeiner Gegend aufhalte, nehme ich alles mit Instagram-Augen wahr. Wenn ich in eine neue Stadt fahre, finde ich vorher heraus, ob es dort Szenen gibt, die sich für gute Bilder eignen. Ich suche gezielt nach gentrifizierten Gegenden. Die können sehr spannend sein, auch wenn ihr Hintergrund oft eher tragisch ist,“ erklärt Benedikt und nimmt den letzten Schluck seines Kaffees.

Der 30-jährige tritt hinaus auf die Straße, in der Hand eine Postkarte, darauf ein Karomuster aus Fenstern und Beton, ein symmetrisches Abbild der Plattenbauromantik. Benedikt blickt sich um und eilt entschlossen los, mit knallrotem Rucksack auf dem Rücken und nach diesem einen Motiv suchend. Er streift durch die Straßen, blickt immer wieder nach oben den Linien der Hausfassaden folgend. Dann endlich: Um drei Ecken, dann erstreckt sich der große, beige Betonbau vor ihm. „Fassaden sind schon sehr typisch für meine Fotografie“, tippt er auf dem Handy, „ich mag die Struktur, alles muss geometrisch stimmen.“ Er öffnet sein Profil, um die Linien darin zu suchen. Mit dem Finger fährt Benedikt die Diagonalen nach, die sich über die einzelnen Bilder fortführen, von Straßenlaternen zu Häuserkanten und zurück. Dem flüchtigen Blick mancher Instagram-Nutzer mag diese Feinheit entgangen sein.


Hinter vielen der veröffentlichten Fotografien steckt eine Menge Arbeit. Perspektivische Verzerrungen können korrigiert, mit Filtern die perfekte Stimmung gezaubert und das fertige Bild mit einer Unmenge an Hashtags versehen werden. Alles nur, damit die Follower auf das rote Herz drücken, das Gefallen symbolisiert. „Likes haben schon eine psychologische Wirkung. Sie bedeuten Bestätigung und Anerkennung. Manche, die viele Selfies hochladen, wollen wissen, wie sie bei anderen Menschen ankommen, ob sie geliebt werden,“ meint Benedikt und schießt ein Foto von dem schrecklich schönen Gebäude.

Eisig zieht der Wind durch die sonnenbeschienenen Straßen als Benedikt zurück zur U-Bahn läuft. Im Vorbeigehen entdeckt er einen modernen, minimalistischen Bau mit großzügiger Glasfassade, ein Blick, ein paar Fingerübungen, ein Foto und weiter. Hinunter zum Bahnsteig.

Am anderen Ende des U-Bahn-Gleises steht eine Frau mit einer roten Mütze und starrt auf ihr Smartphone. Benedikt hebt sein Handy in ihre Richtung. Menschen zu fotografieren, sei am schwierigsten, meint er. Noch bevor sein schelmisches Grinsen sich gänzlich auf seinem Gesicht ausgebreitet hat, ist das Foto gemacht. Die Frau ahnt nicht, dass in einigen Minuten ihr digitales Abbild bei Instagram erscheint.

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Die kürzere Kunst http://lesflaneurs.de/2016/02/11/die-kuerzere-kunst/ http://lesflaneurs.de/2016/02/11/die-kuerzere-kunst/#respond Thu, 11 Feb 2016 08:57:22 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7061 In wenigen Minuten Welten entstehen zu lassen, Geschichten zu komprimieren, zu verstören und zu begeistern, ist nicht einfach. Jedes Jahr widmen sich die „Berlinale Shorts“ dieser großen Kunst der kleinen Filme. Pia und Katharina haben für die Flâneure fleißig gesichtet. Welche Filme bei den 66. Internationalen Festspielen in Berlin gilt es, auf keinen Fall zu verpassen?

Pia: Mir schwirrt noch etwas der Kopf. Bei jeder der 5 Kurzfilmausgaben lohnt es sich, sich tief in einen der begehrten roten Berlinalesessel zu vergraben. Ein Charakteristikum scheint mir übergreifend zu sein: Die Abwesenheit der Sprache. Es sind oftmals nicht verbale Zeichen, die erzählen, sondern es sind die Bilder und ihr Zusammenspiel, die die Narration entfalten. Wie zum Beispiel in Six Cents in the Pocket von Ricky D´Ambrose. Dieser Kurzfilm hatte mich ab der ersten Szene. Clyde, ein junger Mann, wird als Homesitter von Risa vorgestellt, die ihm in einem Umschlag Geld hinterlassen hat und ihn bittet, in ihrer Abwesenheit ein Gemälde rahmen zu lassen und es zu ihrer Schwester zu bringen.

Von der verlorenen Zeit: Six Cents in the Pocket.
Von der verlorenen Zeit: Six Cents in the Pocket.

Es werden kaum Worte gewechselt, die Dramaturgie entwickelt sich über Blicke, Gesten, wie das Öffnen des Umschlages oder durch Nahaufnahmen von Clydes Gesichtsausdruck. Die barocke Orgelmusik zwischen den Filmsequenzen gibt dem ganzen einen stummfilmähnlichen Charme. Die Atmosphäre wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Und obwohl das Ende einen tragischen Umsturz der Geschichte bedeutet, strahlt alles eine klare, minimalistische Ruhe aus. Ging es dir ähnlich oder bist du vor lauter Stille in deinem roten Kinosessel eingeschlummert?

Katharina: Tatsächlich war die Geschichte um Clyde etwas langatmig. Aber sie hatte doch ihren Charme. Durch die Einstellungen, die Detailaufnahmen, die Postkarten vorlesende Off-Stimme, die großartigen Zwischentitel und die Absurdität des Films fühlte ich mich stark an die Ästhetik von Wes Anderson erinnert. Fandest du es auch so Anderson-esk?

Pia: Ja, durchaus. Wenn man den Fokus auf die Frontalkameraführung und die Kostümauswahl legt, gibt es da schon Parallelen. Aber die satten Bon-Bon-Farben von Wes habe ich nicht vermisst. Mir hat der leicht entsättigte Ton hier gut gefallen, auf Bild- und Sprachebene. Was war denn dein Lieblingsstück aus unserem Kurzfilmrausch?

Katharina: Also mein persönliches Highlight war der schwedische Film Hopptornet von Maximilien Van Aertryck und Axel Danielson. Trotz dokumentarischer Distanz, weniger Worte und statischer Versuchsanordnung entsteht größte Spannung. Die Kamera ist auf die Plattform eines Zehn-Meter-Turmes gerichtet. Selbst großmäulige Jungs kriegen beim Blick in die Tiefe weiche Knie. Das erinnert an Teenagertage im Schwimmbad, an Gruppenzwang und Mutproben.

Der Blick in die Tiefe: Hopptornet.
Der Blick in die Tiefe: Hopptornet.

Gleichzeitig spielt der Film, ohne sich über seine Probanden lustig zu machen, mit einer Angst, die jeder nachfühlen kann. Mut, Zögern und Aufgabe liegen so eng beieinander wie Badeanzüge auf der Haut. Wärst du gesprungen, Pia?

Pia: Also dieser Film ist tatsächlich ein Kunststück – genial einfach und mit Langzeitwirkung. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich gesprungen wäre und das Schöne ist, dass man sich diese Frage definitiv stellt beim Betrachten und die Herausforderung versucht für sich einzuschätzen. Und beim Anblick des Muskelprotzes in enger Badehose, der mehrmals Anlauf nehmen muss und am Ende kopfschüttelnd den Sprungturm wieder runterklettert und der 70-jährigen Frau, die zunächst das Gleiche entscheidet, dann kurz innehält auf der Stufe, um wieder zurückzukehren und doch zu springen – da merkt man, dass die eigenen Erwartungen an sich selbst immer erst im Moment ihrer unmittelbaren Prüfung verhandelt werden können. Ich hätte wahrscheinlich meine letzten Abschiedsworte gemurmelt und wäre quietschend seerobbengleich runtergeplumst. Eine andere Herausforderung ist es sicherlich, wenn man wie der professionelle Taucher in El Buzo von Esteban Arrangoiz in ein Meer aus Müll springen müsste. Wie hast du diesen Film erlebt?

Ein Meer aus Müll: El Buzo.
Ein Meer aus Müll: El Buzo.

Katharina: Es ist schon erstaunlich wie Julio César Cu Cámara in der Doku über das Bad in der schwarzen Brühe wie über einen Ausflug in eine andere Welt romantisiert. Schwerelos, umgeben von Dunkelheit, einer Weltraumexpedition gleich. So stellt er es sich vor: wie allein im All. Das Wasser umarmt ihn. Hach. Da kann man fast vergessen, dass es sich um die Kanalisation von Mexiko-Stadt handelt. Wo wir gerade bei Romantik sind, wie verliebt warst du in den Film LOVE?

Pia: Sehr! Die Regisseurin Réka Bucsi hat ja bereits 2014 mit ihrem Berlinale Beitrag Symphony No. 42 begeistert. Diese Animation hat es mir nun besonders angetan: Ein Universum aus lächelnden Planeten und fabelhaften Fantasiegestalten, die in 3 Kapiteln die unterschiedlichen Phasen der Liebe durchspielen: Longing, Love and Solitude.

Spiegeln im anderen: LOVE.
Spiegeln im anderen: LOVE.

Besonders großartig finde ich die fließenden Metamorphosen. Rote Berge, die sich als Rücken eines Wassertieres herausstellen, Schwarze Raubkatzen, deren Fell sich rot färbt als Beginn ihrer gegenseitigen Zuneigung, Pferde, die fragmentarisch mit Pflanzentrieben durchsetzt werden. Willst du noch was hinzufügen oder gehen wir zum Nächsten über?

Katharina: Seh ich auch so. Ein herrlich putziges Stimmungsbild durchzogen von zauberhaft abstrusen Figuren. Die Bandbreite der Kurzfilme ist beachtlich, immer wieder werden Genregrenzen verwischt, Dokumentationen mischen sich mit Illustrationen, Experimentelles bricht Filmklischees. Besonders in Erinnerung blieb mir Estate, nicht nur aufgrund seiner aktuellen Thematik. Der Film von Ronny Trocker ist einer Fotografie von Juan Medina nachempfunden, die er 2006 auf Fuerteventura aufnahm. Wie im Bild steht alles still: Die poppige Sandstrandästhetik mit fotografierenden Touristen und tropfendem Waffeleis unterläuft ein Mann, ein Geflüchteter. Er liegt erschöpft am Strand. Unter das Möwengeschrei mischt sich ein Dröhnen. Ein Eindringling im Urlaubsparadies. Trocker lässt die Touristen zu erstarrten Puppen ihrer selbst werden. Eine befremdliche Szenerie, in der nur der Gestrandete sich menschlich bewegt. Ohne Worte, sehr eindringlich.

Der Bruch der Strandidylle: Estate.
Der Bruch der Strandidylle: Estate.

Pia: Ja, das stimmt, der ist mir vor allem aufgrund der besonderen Machart auch in Erinnerung geblieben. Einen Kurzfilm, der ähnlich experimentell arbeitet, allerdings dokumentarischer angelegt ist, dürfen wir auch nicht unerwähnt lassen: Kaputt von Volker Schlecht und Alexander Lahl. Hier leiten die Frauenstimmen zweier DDR- Häftlinge durch das Gefängnis Hoheneck und erzählen im O-Ton von den Erniedrigungen und Entbehrungen, die sie während ihrer Haftzeit erleiden mussten.

Reliquien der Haft: Kaputt.
Reliquien der Haft: Kaputt.

Begleitet werden ihre Einblicke von architektonisch anmutenden Zeichnungen, die die Szenerie klar und abstrakt illustrieren. Ein bisschen wie der gewonnene Blick einer ästhetischen Distanz auf die emotional eindringliche Thematik. Der Beton der Gefängnisfassade wird spürbar. Ich kriege gerade leichte Gänsehaut.

Katharina: Nehmen wir doch die Gänsehaut als Schlusswort oder?

Pia: Passt.

 

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Typografie der Stadt http://lesflaneurs.de/2015/11/11/typografie-der-stadt/ http://lesflaneurs.de/2015/11/11/typografie-der-stadt/#respond Wed, 11 Nov 2015 09:10:06 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6368 Überall verstecken sich Worte. Jede Großstadt ist voll davon, doch oft übergehen wir die Schriftzüge unachtsam. Ich habe mich in Dublin auf die Suche nach Buchstaben gemacht. Aus einer zufälligen Fotografie wurde Sucht und Serie.

Foto: Katharina Röben

Im Norden Dublins, abseits der Innenstadt, findet sich der Charme des Verlassenen. Übrig bleibt die Schrift.

Foto: Katharina Röben

Die Legende besagt: Der Fluss Liffey teilt Dublin in zwei Teile. Die südliche Hälfte der Stadt ist sicher und schön, die nördliche ist rau und gefährlich.

Foto: Katharina Röben

Doch die Grenzen verschwimmen zunehmend. Überall zu finden: Baukasten-Bauten, schmale Gassen, verblichene Worte.

Foto: Katharina Röben

Immer wieder gut für ein Motiv: Bäume vor Himmel. Dieser stand, soweit ich mich erinnere, in der Nähe des Museum of Modern Art.

Foto: Katharina Röben

Ich habe tatsächlich nie herausgefunden, was sich in diesem Haus verbirgt.

Foto: Katharina Röben

Hach, ich vermisse die kleinen Gassen und die Möglichkeit, alles zu Fuß erledigen zu können.

Foto: Katharina Röben

Ein Hinweis für Besucher: Dublin ist teuer. Leider.

Foto: Katharina Röben

Hinter jeder Ecke versteckt sich ein Pub. Man muss nur genau hinsehen.

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Nutze die Gelegenheit, stand auf meinem morgendlichen Weg zum Trinity College.

Foto: Katharina Röben

Die Schriften der Stadt tragen solch schöne Nostalgie in sich.

Foto: Katharina Röben

In diesem Bild versteckt sich eine Haartransplantationklinik.

Foto: Katharina Röben

Zum Schluss ein Tipp: Geht ins Bernard Shaw. Ein sehr empfehlenswerter Pub mit guter Pizza.

Fotos: Katharina Röben

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Tanz mir Heidenau! http://lesflaneurs.de/2015/09/07/tanz-mir-heidenau/ http://lesflaneurs.de/2015/09/07/tanz-mir-heidenau/#respond Mon, 07 Sep 2015 06:53:16 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6173 Glitsch und Pose. Nicht in die Kamera gucken. Mehr Glitsch, mehr Pose, aber NICHT in die Kamera gucken. Xenia, gespielt von Anastasia Gubareva, versteht nicht, wie ihr geschieht, sie findet sich in einer Art Gameshow der Vergebung wieder, in der sich ein genial fuchtelnder Till Wonka als gegelter, kamerageiler Moderator über die Bühne des Gorki Studios ejakuliert. Aus blauen Plastikflaschen spritzt er eine sämig weiße Masse über drei Meter Entfernung auf die verwirrte Xenia. Eigentlich wollte sie doch nur zu einem Casting für politischen Tanz in der postmigrantischen Gesellschaft, plötzlich findet sie sich hier wieder, mit der Plastikflasche verzweifelt auf Kasim einschlagend. „Tanz mir Heidenau!“ schreit sie, und Mehmet Yılmaz mit Jesusgedächtnisfrisur versucht sein Bestes, dass es nach allen Seiten nur so spritzt. Vom YouTube-Tagebuch bis zum Topthema Flüchtlinge wird alles durch den Glitsch gezogen. Das Niveau rutscht dabei oft nah am Abgrund entlang – doch der Glitsch-Gott triumphiert. Erdacht hat sich das schleimige Treiben Gerasimos Bekas, inszeniert hat es Sapir Heller. Mit „Glitsch-Gott die Erlösung“ liefern sie eines der drei Kurzstücke, die an diesem Abend im Rahmen von „New Voices: The Judgement Day“ im Studio Я als Uraufführungen zu sehen sind.

Fotos: Stefan Löber, © Stefan Löber
Nicolas Streit in „Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht“ (Foto: © Stefan Löber)

Die Reihe „New Voices“ gibt jungen Talenten eine Bühne, um Experimente zu wagen und neue Blickwinkel einzunehmen. In der ersten Premiere der Spielzeit im Studio Я hinterfragen sie die Zukunft vor dem Schatten der Gegenwart, erzählen von globalen und privaten Krisen. Letzteren widmet sich „Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht“ von Jayrôme C. Robinet, der sich selbst als „gender fluid mit Variationshintergrund“ bezeichnet. Er skizziert die Geschichte einer Frau, die ihren Eltern zum ersten Mal als Mann entgegentreten wird. Der Autor und Spoken-Word-Künstler schickt an diesem Abend Schauspieler Nicolas Streit vor, die Anekdoten von Wut und Angst und Identität zu erzählen. Auf einer 13-stündigen-Zugfahrt bleibt genug Zeit dafür. Auch für die unangenehmen Fragen, die das Publikum eher zaghaft beantwortet. Pınar Karabulut lässt Nicolas Streit amüsant über die Bühne funkeln. Das zweite Stück des Abends geht jedoch im Vergleich zu der Lautstärke des Glitsch-Gottes und der Gewalt des Gerichtshofes ein wenig unter.

Fotos: Stefan Löber, © Stefan Löber
Ein Chor klagt an. (Foto: © Stefan Löber)

Das stärkste und zugleich verstörendste Bild schafft das erste Stück des Abends: „Ein Requiem deutscher Gerichtssprachen“. Schwere Vorwürfe liegen in der Luft, während Paragraphen unter dem kalten Licht der Neonröhren schwirren. Zurechnungsfähigkeit. Begehungsdelikte. Garantenstellung. Ketten-Ingerenz. In wilder Wortaneinanderreihung fliegen juristische Vokabeln als endloser Schwall bedeutungsverheißender Rhetorik durch die Luft, werden gehört und doch nicht begriffen, lassen die nachfolgende Stille wie eine Erlösung wirken – und sei es nur für einen Sekundenbruchteil. Der Zuschauer ist ausgeliefert, allein gegenüber einem Chor, unmächtig und ohnmächtig seiner Stärke gegenüber. Versteckt unter weißblonden Rokokoperücken lauern die Ankläger und Verteidiger. Die schrille Stimmenüberlagerung des Chores treibt das Unbehagen voran, die Musik von Max Andrzejewski liefert die treibenden Klänge dazu. Auf kluge Art demonstriert der Text von Thomaspeter Goergen das Paradox einer anderen Sprache, die Konstitution einer anderen Perspektive auf die Welt. Ersan Mondtag wählt ein gewaltig schlichtes, statisches Setting, das dem Chor und dem Text seinen Raum lässt. Im Dickicht der juristischen Unverständlichkeit klammert sich das Ohr des Laien an bekannte Worte. Flüchtlingspolitik. Sterben an den Grenzen. Aberkennung des Menschenrechtes. Frontex. Die Bundesanwaltschaft bringt die Verbrechen der Gegenwart vor Gericht, während die Verteidigung das laienhafte Verständnis der Gerechtigkeit anklagt. In einer perfiden Rhetorik der Verallgemeinerung nehmen die Verteidiger jedem Nicht-Juristen die Grundlage, zu urteilen. Rechtsempfinden habe schließlich nichts mit Recht zu tun. Der Zuschauer bleibt machtlos und entkräftet zurück. Ein anstrengend wie geniales Stück.

Das Studio Я verspricht für die Spielzeit einen radikalen Blickwinkel auf Themen wie Class, Race und Gender. Mit „New Voices: The Judgement Day“ ist ein experimentierfreudiger Einstieg gelungen.

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Bis zum Zerreißen http://lesflaneurs.de/2015/05/12/bis-zum-zerreissen/ http://lesflaneurs.de/2015/05/12/bis-zum-zerreissen/#respond Tue, 12 May 2015 09:16:24 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5894 tt15_p_motiv
„John Gabriel Borkman“ gastierte am vergangenen Wochenende beim Theatertreffen in Berlin. © Berliner Festspiele

In Bildlichkeit erstickt: Von links zieht die Mutter, von rechts die Tante, sie zerren an den Ärmeln des wohl hässlichsten Pullovers der Welt und dehnen ihn bis kurz vorm Zerreißen. Sie kämpfen um den Sohn Erhart, gespielt von Jan-Peter Kampwirth, der apathisch zwischen den Frauen sitzt. Er hat sich eigentlich schon für eine Dritte entschieden. Die Mutter Gunhild (Julia Wieninger) im rosarotem Kleid beansprucht den eigenen Sohn für sich, er soll die Familienehre wiederherstellen. Am anderen Ende Ella (Lina Beckmann) in einem hellblauen Nachthemd, einem Traum aus Spitze, sie ist schwer krank und hofft auf den Beistand Erharts in den letzten Tagen ihres Lebens. Bildlicher hätte Karin Henkel den Grundkonflikt ihrer Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ gar nicht darstellen können. Tatsächlich schwankt der gebrochene und doch wüst kommandierende Borkman (Josef Ostendorf) nur am Rande durch die Inszenierung, die ursprünglich dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg entstammt.

Henkel streicht nicht nur die Textfassung auf sportliche 105 Minuten herunter, sie hebt auch die architektonische Trennung der Stockwerke in Ibsens Stück auf. Durch den Betrug des Vaters flüchten die Charaktere in den Untergrund, um hier auf bessere Zeiten zu hoffen. Die Familie findet sich in einem grüngräulichen Bunker wieder, dessen Treppe nirgendwo hinführt, dessen Fenster zugemauert sind – eine Architektur der Aussichtslosigkeit. Katrin Nottrodt verleiht der Bühne einen trügerischen Fluchtpunkt, die Treppenstufen sind in ihrer Asymmetrie ein Hindernis, nicht nur für die zitternde und zuckende Ella. Um der Tyrannei Borkmans, wenn schon nicht durch räumliche Trennung, Ausdruck zu verleihen, verstärkt ein akustisches Echo sein Stampfen. Der grollend dröhnende Klang als Zeichen für die Übermacht des Alten. Henkel liefert auch hier die Interpretation auf dem Silbertablett.

Motiv: Lina Beckmann
Für ihre Darstellung der Ella mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet: Lina Beckmann. © Marie Köhler

Anstatt das Stück zu aktualisieren, drehen sich die Figuren in einer scheinbar ewigen Exposition im Kreis, das Stück erstickt in Schuldzuweisungen. Amüsanter Lichtblick an diesem Abend des Theatertreffens ist Lina Beckmann. Stolpernd quält sie sich die Treppen der Katakomben hinunter, zittert, zupft und wackelt, dabei notorisch schwitzend und nach Luft lechzend. Im nächsten Moment rührt sie in einer pantomimisch erdachten Kaffeetasse oder bezirzt ihre frühere Liebe Borkman, indem sie in einem stöckelnden Ausdruckstanz alle Klischees der Verführung ertanzt. Wirbelnd und kreisend, bis der Slapstick in einem missglückten Spagat endet. Für ihre schauspielerische Leistung bekam Beckmann im Anschluss an die Aufführung im Haus der Berliner Festspiele den 3sat-Preis verliehen.

Nach so einer Tanzeinlage läuft Ella Blut aus der Nase, das sie hinter ihrer Maske zu kaschieren versucht. Die Masken, die fleischfarbenen, entstellenden Lappen, hinter denen sich die Charaktere zuweilen verstecken, verbleiben als willkürliches Requisit, ein inhaltlicher Zusammenhang, wann diese ein- oder abgesetzt werden, erschließt sich nicht. Das Stück endet, wo es angefangen hat: Borkman liegt auf dem Totenbett, am oberen Ende der Treppe aufgebahrt. Der Kreis schließt sich. Trotz der Kürze der Textfassung haben sich Längen eingeschlichen. Es ist halt nicht einfach mit Borkman – zum Zerreißen.

Noch bis zum 17. Mai sind beim Theatertreffen in Berlin die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten Saison zu sehen.

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I am so self-conscious now! http://lesflaneurs.de/2015/04/28/i-am-so-self-conscious-now/ http://lesflaneurs.de/2015/04/28/i-am-so-self-conscious-now/#respond Tue, 28 Apr 2015 09:41:06 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5838 Foto: Joan Marcus
Am Tisch der Apple Family – im Rahmen des F.I.N.D gastierte die New Yorker Produktion in Berlin. (Foto: Joan Marcus)

Auf rostrotem Teppich wuseln flinke Füße, fleißige Hände decken den Tisch und tragen reichlich Essen auf. Familientreffen laufen auch immer gleich ab. Mutter hat zu viel gekocht, jeder füllt sich den Magen bis zum Erbrechen und noch ein bisschen weiter. Es gilt, stundenlange Geschichten von früher zu ertragen und politischen Themen aus dem Weg zu gehen. An diesem Abend findet der Zuschauer die absonderlich liebenswürdigen Eigenheiten seiner eigenen Familie auf der Bühne wieder. Er selbst nimmt Platz, ist zum Essen bei der Apple Family im beschaulichen Rhinebeck im US-Bundesstaat New York geladen. Im Rahmen des Festivals Internationale Neue Dramatik an der Schaubühne gastierte die Familie jetzt in Berlin. Erdacht hat sich das Konstrukt aus Familienaltlasten und amerikanischer Mittelklassenkultur der Dramatiker, Regisseur und Librettist Richard Nelson.

Wir sind übersättigt mit Meinungen, lassen Journalisten, Politiker und Organisationen für uns sprechen, ohne der Stimme des Einzelnen Platz einzuräumen. Von diesem Standpunkt aus wendet sich Nelson in „The Apple Family Plays“ der Familie zu, sucht dafür, nach Eigenaussage, die komplexesten Charaktere, um sie in den Mittelpunkt zu stellen. Zu Beginn wirken seine Sprachrohre jedoch ein wenig stereotyp: Lehrerin Barabara ist die personifizierte Fürsorglichkeit, ihr Bruder Richard mit grauem Haar und Karohemd kämpft mit seinem anstrengenden Job als Anwalt und seiner einnehmenden Ehefrau, Jane ist die jüngste der Geschwister, versucht sich als Autorin und stellt an diesem Abend ihren Freund Tim vor, einen gescheiterten Schauspieler. Und dann ist da noch ihr Onkel Benjamin, der seit einem Herzinfakt an Amnesie leidet und es bevorzugt, das zu sagen, was die anderen von ihm hören wollen. Oft lächelt er nur warmherzig, nickt und schweigt.

Nelson gelingt es, den Charakteren mit jedem Themenwechsel des Tischgesprächs mehr Tiefe zu geben. Das Stück profitiert dabei von seiner seriellen Anlage. Über die vier Abende hinweg zeichnen sich Charakterentwicklungen ab, und Handlungsstränge werden weitergeführt. Besonders nah geht die Entwicklung von Marian, der dritten Schwester im Bunde. Zu Beginn ist sie eine vor Selbstbewusstsein und Zynismus strotzende Frau, im zweiten Teil ein emotional gezeichnetes Wrack, das sich die Schuld für den Selbstmord ihrer Tochter gibt.

Foto: Aus dem Archiv von Jacques Bourlanges / www.theskyisontheearth.com
Das F.I.N.D an der Schaubühne ging am vergangenen Sonntag in Berlin zu Ende. (Foto: Aus dem Archiv von Jacques Bourlanges / www.theskyisontheearth.com)

Im Reigen der Konversation schwanken die Szenen zwischen Stammeln, Freude, Melancholie, Missverständnissen, verletzten Gefühlen und Peinlichkeiten. Nelson serviert eine illustre Mischung aus Truthahn, Witzen und Kuchen zum Nachtisch und fordert dabei unsere Sehgewohnheiten heraus. Denn das naturalistische Schauspiel glänzt durch Schlichtheit. Gleichzeitig ist es eine enorme Anstrengung, den erzählten Geschichten konzentriert zu folgen. Kein Knalleffekt, keine ästhetisch ansprechende Visualisierung des Gesagten, kein Bruch desselbigen. Es ist ein statisches Stück Theater, das Nelson dort kreiert. Die einzige Bewegung findet zwischen den Stühlen statt. Wir sind solches Theater nicht mehr gewohnt, glauben, dies längst überwunden zu haben, doch in den Gesprächen liegt so viel Intimität und amerikanische Eigenheit, dass dieser Rückschritt sich in einen Fortschritt umwandelt.

Die vier Abende, in denen die Familie Apple zusammenkommt, sind an bedeutenden Tagen in der amerikanischen Geschichte platziert, wie einem Wahlabend oder dem zehnten Jahrestag des 11. Septembers. Natürlich wird da über Politik diskutiert, über die Frage nach dem richtigen Erinnern, über Wahlentscheidungen, über Krieg, Obama und Sarah Palin. Die Ansichten sind dabei so tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt, dass sie dem Zuschauer eine neue Sicht eröffnen. So pathetisch das klingt, der Einzelne erklärt dem Zuhörer die Welt, ohne Umschweife – wir sind ja schließlich im Kreis der Familie.

Die Natürlichkeit der Szene trügt dagegen die gewollte Konversation auf Metaebenen. Immer wieder lenkt Nelson das Thema auf Schauspiel, Bühne und Theater, bis es schließlich in einer Ausführung Janes gipfelt, die sich über die Verhaltensweisen der Amerikanern auslässt, wie sie beispielweise am Tisch sitzen und essen. Barabara kommentiert sarkastisch: „ Oh, I am so self-conscious now!“ Diesem selbstreflexiven Diskurs hätte ein Durchbrechen der vierten Wand tatsächlich gut getan, doch hier bleibt Nelson in den Grenzen seines naturalistischen Theaters zurück. Trotzdem, ein Besuch bei einer fremden Familie, in Echtzeit, der trotz gesetzter Grenzen vor Intimität nur so strotzt.

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Intensiv und unglaublich nah – Interview zu „The Shells“ http://lesflaneurs.de/2015/04/08/intensiv-und-unglaublich-nah-interview-zu-the-shells/ http://lesflaneurs.de/2015/04/08/intensiv-und-unglaublich-nah-interview-zu-the-shells/#respond Wed, 08 Apr 2015 14:51:11 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5676 Es gibt zu wenig immersives Theater in Berlin. Daher stellten wir euch am vergangenen Wochenende das Projekt „The Shells“ vor. Jos Porath und Kirsten Brandt planen, eine Stadt in der Stadt zu errichten. Inspiration ist David Lynchs Serie „Twin Peaks“, Ort des Geschehens soll das Greenhouse in Tempelhof werden. Wir trafen die beiden zum Kaffee.

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Auf ein Interview mit Jos Porath und Kirsten Brandt (Foto: Laura Jung)

Es ist ein sonnig kühler Frühlingsnachmittag. Beide tragen schwarz. Wir sitzen draußen, obwohl es dafür eigentlich noch zu kalt ist. Kirsten Brandt hat sich in eine violette Decke gewickelt, die ganz wunderbar zu ihren langen roten Haaren passt. Jos Porath trägt schwarze Lederjacke zur verwuschelten Mähne und zündet sich eine Zigarette an. Es kann losgehen.

In diesem Jahr wird Twin Peaks 25 Jahre alt. Welche Erinnerungen verbindet ihr mit der Serie und wann seid ihr mit ihr in Kontakt gekommen?

Kirsten: Das allererste Mal habe ich die Serie in den Neunzigern auf RTL gesehen, da habe ich sie mit meinen Eltern geschaut und noch nicht so ganz verstanden. Mit 13 Jahren gab es eine Renaissance, da wurde es ziemlich cool und zum dritten Mal hab‘ ich die Serie mit etwa 18 Jahren gesehen. Abgesehen von der Ästhetik fand ich die Thematik sehr stark. An der Oberfläche funktioniert die Serie wie eine Soap Opera, in der du an die Hand genommen wirst und dir eine nette, liebenswürdige Gemeinde vorgestellt wird, in die du jede Woche wieder einkehren kannst. Doch dahinter verbergen sich Abgründe. Das war die Mischung, die ich so interessant und anziehend fand.

Die Serie hat einen großen Einfluss auf euer Projekt. In welcher Hinsicht wird sich eure alptraumhafte Kleinstadt vom Vorbild unterscheiden?

Jos: Das narrative Grundgerüst ist sehr nah an Twin Peaks, aber die Figuren sind anders.

Kirsten: Vor allem die weiblichen Charaktere werden bei Twin Peaks oft darüber definiert, was Ihnen fehlt. Das versuchen wir weiterzuentwickeln. Wir wollen den weiblichen Charakteren mehr Tiefe geben. Ein gutes Beispiel ist der Charakter der Ronette, die in Twin Peaks den Großteil der Zeit im Koma liegt und trotzdem durch ihre Abwesenheit ein gewisses Interesse auslöst. Bei uns ist sie einer der Hauptcharaktere und trägt einen Großteil der Narration.

Wie viele Performer und Performerinnen werden anzutreffen sein?

Kirsten: Der Hauptcast besteht aus 40-50 Leuten und mit den Leuten, die im Diner zu sehen sind oder als Personal im Nachtclub arbeiten, werden es ca. 100 Leute sein. Dazu kommen nochmal ca. 50 Crewmitglieder, so dass wir insgesamt 150 Leute am Set haben werden.

Wie lange darf denn der Zuschauer in dieser Welt verbleiben?

Jos: Wer sich ein Ticket nach Neu-Friedenwald kauft, bucht einen 4-Stunden-Slot. Mit diesem Ticket bekommt man außerdem eine Einladung zum Leichenschmaus, zur Feier nach der Beerdigung von Cecilia, die wie eine Art Prolog funktioniert. Er findet am allerersten Tag statt, wenn die Stadt noch am wenigsten aus den Fugen geraten ist. Und es gibt eine Einladung zum letzten Tag, wenn die Stadt am Abgrund steht. Es schließt sich also ein Rahmen für jeden Besucher, selbst wenn man in den sechs Tagen nur einen Slot besucht.

Es geht also nicht nur um das Schaffen einer bestimmten Stimmungswelt, sondern der Zuschauer kann, trotz des kurzen Einblickes, tatsächlich eine Narration nachvollziehen?

Jos: Genau. Einerseits durch den Rahmen, den wir schaffen, andererseits durch die Archive, die wir in der Stadt verteilt haben. So gibt es Figuren, die auf Zuschauer zugehen, ihnen Fragen beantworten, aber auch klassische Archive wie die Überwachungssysteme in der Stadt. An einigen Orten werden die Videoaufnahmen dem Zuschauer zugänglich gemacht.

Das Greenhouse in Tempelhof.

In welcher Rolle seht ihr den Zuschauer? Ist er ein aktiver Teil des Spiel, ist er aufgefordert alles zu hinterfragen und hinter die Fassade zu blicken oder nimmt er eher die Rolle des stillen Beobachters ein?

Kirsten: Letztendlich muss das jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Die Stadt selbst bietet nicht viele Möglichkeiten, sich komplett passiv zu verhalten. Klar geht es, dass man den gesamten Slot im Diner verbringt und sich danach nur an Kaffee und Kuchen erinnert. Sobald man aber diesen Raum verlässt, wird es sehr schwer sich unserer Welt zu entziehen. Es kommt zur Konfrontation, entweder mit der Thematik der Stadt, den Abgründen dahinter oder mit dir selbst.

Jos: Du kannst zwar passiv sein, aber die Dinge spielen sich direkt vor dir ab. Es werden Fragen aufgeworfen, teilweise erst nach dem Verlassen der Stadt, sodass du dich fragst: Wieso habe ich in der Situation nichts gemacht?

Kirsten: Der Idealfall wäre, dass es nicht nur um das Genießen und Konsumieren von Kunst geht, sondern um aktive Positionierung.

Wie wollt ihr es zustande bringen, dass sich der Zuschauer mit der Rolle der Opfer von Gewalt beschäftigt, sodass er nicht nur Gewalt sieht, sondern sich mit den Hintergründen auseinandersetzt?

Jos: Wie wir Gewalt in dem Stück darstellen, ist etwas, worüber wir lange nachgedacht haben. Wir arbeiten mit Künstlern aus unterschiedlichsten Bereichen zusammen, die alle probieren, einen alternativ-kreativen Zugang dazu zu finden. Alles in der Stadt, seien es die Fassaden oder ein Pole-Dance im Nachtclub, funktioniert narrativ. Die Gewaltthematik soll sich konsequent und subtil durchsetzen.

Kirsten: Es geht im Grunde nicht um das Abbilden oder Ausagieren der Gewalt, sondern um Bilder der Gewalt. Das beste Beispiel ist das Stück Seife im Haus von Leo und Shelley. Es ist viel verstörender, wenn du eben nicht Schreie hörst oder Silhouetten siehst, sondern dieses Stück Seife im Strumpf neben dem Spülbecken und sofort weißt, was damit verbunden ist.

Glaubt ihr, dass jemand der Twin Peaks nicht kennt, das versteht?

Kirsten: Twin Peaks ist die deutlichste Referenz, aber keine Notwendigkeit, um die Performance zu verstehen. Sie ist ein Universalbild von Gegenwartskultur, man muss da nicht durchgehen wie auf einer Schnitzeljagd, das funktioniert auch so.

Im Original spielt das Übernatürliche eine große Rolle. Die Black Lodge und die White Lodge. Werdet ihr diesen Part ebenfalls integrieren?

Jos: Wir haben viel recherchiert und uns von amerikanischer und vor allem deutscher Hexenverfolgung inspirieren lassen. Hexenverfolgung spielt natürlich auch auf den feministischen Diskurs, die Dämonisierung von Frauen an.

Kirsten: Der Spiegelgedanke – wie es ihn in fast jedem Lynch-Universum gibt – hat uns fasziniert. Da ist die gute und die böse Welt und dazwischen verläuft eine gerade Linie. Daher werden viele Tagesorte bei uns von Nachtorten gespiegelt.

Foto: Kaspar Kamu
(Foto: Kaspar Kamu)

Ihr seid mit dem Thema Hexenverfolgung schon ein wenig darauf eingegangen. Gab es einen bestimmten Grund, dass ihr das Projekt in Berlin realisiert und nicht in London, wo viele eurer Crewmitglieder herkommen?

Kirsten: Immersives Theater ist in London weitaus etablierter als in Berlin. Sicherlich wäre es uns leichter gefallen, das Projekt dort zu realisieren. Nun kommen wir aber aus Berlin und haben hier, kurz bevor wir mit der Planung angefangen haben, „Meat“ an der Schaubühne gesehen, was uns bezüglich des Umgangs mit dem Medium definitiv inspiriert hat.

Jos: Vor allem Tempelhof ist uns wichtig, da wir auf die Geschichte des Ortes anspielen. Als er noch zum amerikanischen Sektor gehörte und hier eine Art Amerika-Utopie-Bild weiterlebte. Das ist wahnsinnig spannend an diesem Teil Berlins und es ist ein Ort, der seine Geschichte hat, aber nicht offen zeigt.

Über die Produktion „Meat“ haben wir auch berichtet. Eine intensive Erfahrung. Die ganzen Gerüche, die vielen Sinneswahrnehmung waren überfordernd. Ist dieses Ansprechen aller Sinne ein Grund, warum ihr euch für ein immersives Theaterprojekt entschieden habt?

Jos: Genau. Du trittst beispielsweise in den Raum hinein, es ist zu heiß, du schwitzt, spürst Beklemmung. Das Gefühl legt sich wie eine Art Schicht auf die Haut. In solchen Momenten sind Gerüche und Temperaturen etwas, dass eine nicht-logische, alptraumhafte Welt kreiert.

Wenn wir über diese Wahrnehmungsebenen reden – welche Rolle spielt Musik? Gibt es eine Art Soundtrack zu dieser Installation?

Jos: Wir haben im Nachtclub Live-Performances und Karaoke, es gibt einen Menge Musik, aber auch Soundscapes. Je mehr der Zuschauer sich ins Dunkle bewegt, desto verstörender werden auch die Geräusche. Es wird viel mit Lautstärke gearbeitet. In manchen Räumen ist es unheimlich still, in anderen wird die Musik ein paar Dezibel zu laut gedreht.

So verstörend das klingt, vielleicht möchte der ein oder andere ja doch länger als vier Stunden in dieser Welt bleiben.

Jos: Mittlerweile gibt es sogar zwei Slots, in denen Leute im Motel übernachten. Eines von den Goodies der Crowdfunding-Kampagne ist eine Nacht in unserem Motel. Zwei Leute haben das schon gebucht.

Kirsten: Die Installation ist nicht so angelegt, dass sie 24 Stunden offen ist. Es gibt zwei Blöcke, die repräsentativ für Tag und Nacht sind. Wir setzen vier Stunden pro Slot an, aber wenn die Schauspieler gewillt sind, wenn es sich gut anfühlt, kann es durchaus sein, dass Leute eingeladen werden länger zu bleiben.

Da ihr Fans von „Twin Peaks“ seid: Wie sollte es eurer Meinung nach nun weitergehen oder sollte am besten gar keine neue Staffel produziert werden?

Kirsten: Der prominenteste Grund, wieso wir das überhaupt machen, ist ja das Interesse daran, wie es 25 Jahre später wäre. Wie wäre eine kontemporäre Sichtweise darauf? Wie würde sich das anfühlen?

Wir sind gespannt.

Bis 19. April habt ihr noch Zeit, auf der Kickstarter-Seite für das Projekt zu spenden.

Ein Interview von Katharina Röben und Enrico Seligmann.

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Weltstadt Berlin? Das Aufwärmen einer alten Diskussion http://lesflaneurs.de/2015/03/28/weltstadt-berlin-das-aufwaermen-einer-alten-diskussion/ http://lesflaneurs.de/2015/03/28/weltstadt-berlin-das-aufwaermen-einer-alten-diskussion/#respond Sat, 28 Mar 2015 00:41:36 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5524 Foto: Katharina Röben
Ein bisschen New-York-Gefühl in Berlin: Hochhäuser am Potsdamer Platz. (Foto: Katharina Röben)

Die Debatte ist nicht neu: Darf Berlin sich Weltstadt nennen? Wie beliebt ist die Hauptstadt und wie stolz darf sie darauf sein? Schon im Februar vergangenen Jahres verkündete ein Artikel des amerikanischen Blogs Gawker „Berlin is over“, hierzulande griffen Medien wie der Tagesspiegel oder die taz die Diskussion auf. Michael Sontheimer nahm sich jetzt das neue Ausstellungskonzept für das in vier Jahren eröffnende Berliner Stadtschloss als Anlass, die Debatte über die Hauptstadt erneut anzuheizen. „Welt.Stadt.Berlin“ soll die Schau heißen, die Bürgermeister Michael Müller auf der eigentlich für die Berliner Zentral- und Landesbibliothek reservierten Fläche plant. In einem Artikel für Spiegel Online stellt Sontheimer die Frage, ob der Titel Weltstadt überhaupt gerechtfertigt sei.

Natürlich möchte keiner eine überhebliche, großkotzige Selbstdarstellung. Was genau mit einer „großen Inszenierung“ und „expressiver Ausstellungsarchitektur“ gemeint ist, wird sich zeigen. Doch die Bescheidenheit, die Sontheimer einfordert, ist nur in Maßen gerechtfertigt. Seine Argumentation basiert auf der Aussage, Berlin sei nie Weltstadt gewesen, so wie London oder New York. Ein Vergleich bei dem Berlin ins Hintertreffen gerät. Berlin ist anders – lange nicht so groß wie die angeführten Beispiele, jedoch auf politischer und kultureller Ebene keineswegs unwichtig. Sontheimer ist nicht der erste, der eine solche Argumentation anführt, schon Süddeutsche Zeitung, ZEIT, Hamburger Abendblatt, Deutsche Welle und Focus Online bemühten sich um einen Beitrag zur Weltstadt-Frage.

Sein Kommentar geht historisch vor. Er durchstreift die Geschichte der Stadt, erzählt von niedrigem Ausländeranteil in den 20er-Jahren und dem Auto-pro-Kopf-Verhältnis in den 30ern. Der historische Exkurs scheint schlüssig, es ist jedoch fraglich, inwiefern die Auto-Quote Aussagen über den heutigen kosmopolitischen Charakter der Stadt zulässt.

Laut Sontheimer haben sich Müller und Tim Renner, Berliner Staatssekretär für Kultur, mit Größenwahn angesteckt. Müller, der erst seit knapp vier Monaten Bürgermeister ist, sagte in einem Interview: „Es wird zu meinen Schwerpunkten gehören, den Dialog von Politik und Stadtgesellschaft neu zu gestalten.“ Ja, was will die Stadtgesellschaft eigentlich? Wer die Kommentare prominenter Unterstützer für das Projekt sucht, geht auf der Homepage des Fördervereins Berliner Schloss schlichtweg leer aus. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern sind die Berliner wenig begeistert. Ein Herzensprojekt ist es nicht, leidenschaftlicher Protest blieb aus. Vielleicht liegt es auch an der Distanz zu dem Projekt. Kein Kiez ist betroffen, das Stadtschloss liegt in einem der touristischsten Viertel der Stadt. Für die Sehenswürdigkeitensuchenden wird die Ausstellung in erster Linie konzipiert, die, und da hat Sontheimer völlig Recht, genügend Raum braucht und kritische Töne nicht aussparen darf. Jeglichen Stolz auf die Stadt zu zerreden ist keine Lösung. Das Problem ist nicht die Stadt selbst, wie es im ersten Moment scheint, sondern die Notwendigkeit dieser Ausstellung. Eine Debatte, die über eine Statusfrage hinausgeht.

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Wie sie mir mein Augenlicht nahmen http://lesflaneurs.de/2015/02/02/ctm-nachschlag-wie-sie-mir-mein-augenlicht-nahmen/ http://lesflaneurs.de/2015/02/02/ctm-nachschlag-wie-sie-mir-mein-augenlicht-nahmen/#respond Mon, 02 Feb 2015 14:08:25 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5246
Gestern ging in Berlin das 16. CTM Festival zu Ende. © DISK CTM

Ein wenig Angst habe ich schon. Mit zittriger Hand unterschreibe ich die Haftungsverzichtserklärung. Das Formular weckt in mir mulmige Gefühle, Gott sei Dank bin ich nicht allein, auch die anderen vier Teilnehmer blicken etwas verunsichert drein. Sie stecken uns in Anzüge mit zu engen Klettverschlüssen und blinkenden Sendern. Zuletzt folgt der Helm, sein Visier ist milchig, lässt die Umwelt um mich herum bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Die Helferin greift nach meiner Hand und ich folge ihr blind. Der Abend im Hebbel am Ufer beginnt mit einem Vertrauensbeweis. Gehorsam folgend, mit zaghaften Schritten tastend, begebe ich mich in die Installation „ILinx“, die Chris Salter zusammen mit TeZ, Panagiotis Tomaras und Ian Hattwick geschaffen hat. Ein letztes Mal die Grenzen von Technik, Sound und Mensch testen, bevor auch diese Installation im Rahmen des CTM Festivals zu Ende geht.

Ilinx bedeutet Wahrnehmungsstörung. Es ist ein Begriff, den der französische Soziologe Roger Caillois im Bezug auf seine Spieltheorie einführte, um einen Zustand des Rausches, der gestörten Sinne zu beschreiben. Ganz im Sinne eines Schwindelanfalls, der uns die Orientierung verlieren und uns verwirrt umherschwanken lässt. Und tatsächlich: Ich werde in einen Raum schwärzester Finsternis geführt – jegliche Orientierung ist verloren. Die Hand führt mich zu einem Stuhl. Dankbar nehme ich Platz und bin nun mir selbst überlassen. Um mich herum nichts als Dunkelheit. Ich höre meinen eigenen schweren Atem und das Geräusch von Schlagen auf Metall. Es vergehen ewige Minuten bis endlich das Signal ertönt und die eigentliche Performance beginnt. Ihre Darsteller sind verschwommene weiße Lichter, lautes Tönen, dumpfes Dröhnen und immer wieder das Geräusch von Schlagen auf Metall.

Ein weiteres Signal ist mein Zeichen aufzustehen. Ich ergreife die Schnur über mir und taste mich vorsichtig geradeaus. Langsam stelle ich mich der unbekannten Dunkelheit, trete ihr mutig entgegen. Es ist ein bisschen so wie in einem Science-Fiction-Film nur mit unklarer Sicht und weniger Außerirdischen. Plötzlich schlagen mir Lichtblitze entgegen. Ich bleibe schlagartig stehen, wie ein verschüchtertes Reh auf einer nächtlichen Landstraße. Die Sender an meinen Armen und Beinen beginnen zu vibrieren. Die Lichter prasseln auf mich ein, das Dröhnen wird lauter. Während ich mich an Stroboskob und Vibration gewöhne, taste ich mich weiter. Immer wieder komme ich zu Abzweigungen und dann passiert es. Die Einsicht: Ich laufe im Kreis. Und in diesem Moment, in dem ich meine Orientierung zurückgewinne, entzaubert sich die Installation Stück für Stück. Ich werde mutiger, doch ehe ich mich traue, die Schnur ganz loszulassen, endet die Performance abrupt mit lautem Getöse. Was bleibt, ist eine intensive Erfahrung, bei der unsere sonst so bildfixierte Wahrnehmung außer Kraft gesetzt wird. Doch es fehlt an narrativer Struktur, an einer wirklichen Steigerung, es gibt kein Ziel auf diesem Weg durch die Dunkelheit. Die Vibrationen bleiben ein leerer Effekt, da sie weder mit Licht noch mit Ton verbunden sind. Meine anfängliche Angst ist verflogen. Die Lichter verschwinden. Am Ausgang warten schon die nächsten fünf Mutigen. Alles dreht sich buchstäblich im Kreis.

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Der Mensch und die Technik http://lesflaneurs.de/2015/01/29/der-mensch-und-die-technik/ http://lesflaneurs.de/2015/01/29/der-mensch-und-die-technik/#respond Thu, 29 Jan 2015 15:12:24 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5234 © Artwork by The Laboratory of Manuel Bürger
Das Transmediale Festival eröffnete gestern im HKW in Berlin © Artwork by The Laboratory of Manuel Bürger

Wir haben den Krieg verloren. So sagt es Peter Sunde, Mitgründer der Filesharing-Plattform „Pirate Bay“, gestern bei der Eröffnung der Transmediale in Berlin. Der Kapitalismus habe gewonnen, daran hätten auch Wikileaks und Snowden nichts ändern können. Sunde, der erst im November letzten Jahres aus dem schwedischen Gefängnis entlassen wurde, betont, dass Freiheit kein selbstverständliches Gut sei. Gerade in einer Gesellschaft in der Moral schleichend durch Kontrolle ersetzt werde, dürften wir uns nicht blind stellen. Sundes Rede zeigt die brennende Aktualität des Festivalthemas „Capture All“. Desillusioniert und mit dunklen Humor trägt er im Haus der Kulturen der Welt (HKW) seine Bedenken gegenüber sozialen Medien und den Monopolen unserer digitalen Gesellschaft vor. Die Debatte über Macht und Überwachung hat noch lange kein Ende gefunden.

If you want to win don’t play the game.

Kristoffer Gansing, Kurator der Transmediale, sieht das Thema des Festivals als einen poetischen Versuch, sich einer bestimmten Denkweise zu nähern. Irgendwo zwischen Orson Welles und Trainspotting. In einer Zeit der ständigen Selbstoptimierung führen wir fortlaufend Bewertungen unserer selbst durch. Wie in einem Rollenspiel versuchen wir ständig, uns zu verbessern und unsere Ressourcen zielführend zu verwalten. „The logic of ‚Capture All’ spreads everywhere“, sagt Gansing. Jeder Teil unserer Welt sei davon durchdrungen, unser Leben ist messbar geworden. Dieser Erkenntnis folgt die Kunst: Das Festival für digitale Kultur und Medienkunst widmet sich in diesem Jahr dem undurchsichtigen Verhältnis von Nutzer und Algorithmen. Das Thema gewinnt an Bedeutung, denn Quantifizierung bedeutet Macht. Gerade die Konferenzen im Rahmen des Festivals versuchen, Gegenstrategien aufzuzeigen und sich zwischen Theorie und Praxis zu verorten.

Track Sleep. Track Steps. Track Habits. Track Life. Tricks of the Mind. 

Künstlerinnen wie Hanne Lippard bereichern die Eröffnungsnacht. Mit ihren assoziativen Wortketten liefert sie ein Mantra für das Festival. Der Data God „Stakhanov“, der auch in der Ausstellung im HKW zu sehen ist, durchsucht das Dickicht der Daten nach wiederkehrenden Mustern. Er enthüllt unsere Angst vor Terror, Veränderung, Kontrollverlust, und sagt nebenbei die Zukunft voraus. Erica Scourti begeistert mit einem live auf der Bühne verfassten Text. Mit Hilfe ihres Iphones und dessen Wortvorschlägen entsteht in wahnsinniger Geschwindigkeit ein Bewusstseinsstrom, voll von Phrasen und Brüchen. Poesie der Technik.

Hello my name is on the way to get a free contact.

Nach der Eröffnungszeremonie strömt die Masse die Treppen des HKW hinunter in die dunkle Halle der Ausstellung. Wabenförmig ziehen sich Bauzäune durch den Raum, begrenzen die Sicht, zeigen den Weg. Die wenigen Audioguides sind nicht zur Orientierung in diesem Labyrinth gedacht, sie beziehen sich auf eine imaginäre Ausstellung des schwedischen Künstlers Jonas Lundh. Nach bestimmten Algorithmen aus den Daten vergangener Transmedialen kreiert er etwas Neues. Den Rest der Ausstellung gilt es, sich selbst zu erschließen. Man rät uns:

Use your imagination.

Vieles bleibt verwirrend, unerschlossen. Der Besucher wankt zwischen Bauzäunen umher, fotografiert mit seinem Smartphone und wird so unweigerlich Teil des Konzepts. Was halten wir fest? Was geben wir preis? Die Aufnahmewut der Menschen hält Dominic Gagnon in seinem Film „Hoax_Canular“ fest. Eine urkomische und zugleich beschämende Aneinanderreihung von pickeligen Teenagern und waffentragenden, bärtigen Männern, die sich zum Weltuntergang äußern. Die Apokalypse im Kleid von YouTube-Videos. Parallel zur Transmediale setzt sich das CTM-Festival unter dem Titel „Un Tune“ mit Sound und Musik auseinander – Flaneur Enrico berichtete bereits hier. Ein Besuch beider Festivals lohnt sich. Und wenn es nach Sunde geht, nutzen wir unsere Chance.

Recapture All.

Die Transmediale findet noch bis zum 1. Februar in Berlin statt.

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