
Dass Leute doof sind / setz‘ ich als bekannt voraus.
(Tocotronic, Digital ist besser)
Irgendwas ist anders geworden. Der Ton vielleicht, die Umgangsformen. Bisher war es so: Jemand sagte etwas, man selbst war anderer Meinung, und man sagte was dagegen, so: „Ich finde es okay, FDP zu wählen.“ „Nö, ich finde, es gibt Gründe, die FDP von Herzen abzulehnen. Und zwar folgende …“
Heute läuft das Gespräch anders ab, so:
„Ich wähle FDP.“
„Du Arschloch!“
Oder:
„Ich finde, man kann nichts anderes wählen als die FDP! Jeder, der was anderes wählt, ist bescheuert!“
„…“
Oder:
„Ich wähle FDP.“
„Finde ich nicht gut.“
„Was fällt dir Gesinnungsfaschist ein, mir zu sagen, was ich wählen darf und was nicht?“
Irgendwie ist das alles sofort auf einem total hohen Aggressionslevel, von beiden Seiten, und die Diskussion macht überhaupt keinen Spaß mehr. Beispiel. Früher hätte mich Ronja von Rönne einfach nicht interessiert. Eine blasierte, intellektuell noch ausbaufähige, privilegierte, junge Frau, die für die Welt schreibt, ein Medium, das in meinen Augen nicht wirklich satisfaktionsfähig ist. Kürzlich schrieb von Rönne einen Artikel, der Wellen schlagen sollte, und, ja, er schlug Wellen: „Warum mich der Feminismus anekelt“ hieß der Text, und die Überschrift gab gleich den Ton vor. Der Text hieß nicht „Argumente gegen den Feminismus“, weil man dann nämlich gemerkt hätte, dass von Rönne überhaupt keine Argumente hatte. Aber so wurde gleich klargestellt: Feminismus, das ist was ekliges, Feministinnen sind eklig.
Auf den Artikel, der es eigentlich verdient hätte, nicht einmal ignoriert zu werden, folgte Kritik, und auf die Kritik folgte der erwartete, der auch irgendwie herbeigesehnte, provozierte Shitstorm, primär auf Facebook und Twitter, weniger in Blogs oder anderen Medien: Ronja von Rönne, Gottseibeiuns, der Backlash in Welt-Autorinnengestalt! (Meine Güte, Welt, was haben wir denn erwartet?) Und auf den Shitstorm folgte ein weiterer Shitstorm, diesmal richtete er sich gegen die Rönne-Kritik, die angeblich jegliche Debatte im Keim ersticken wolle. Es war ein Kuddelmuddel, überall Nazis, von Rönne findet den Feminismus eklig, der Feminismus findet, von Rönne sei eine Rechte, die Rechten finden, der Feminismus sei voll faschistoid, boah, ey. Zwischendurch wurde von Rönne auch noch (mit einem anderen, literarischen Text) zum Bachmannpreis eingeladen, was das diskursive Durcheinander gleich noch vergrößerte. Sagte irgendjemand, was Sache ist? Von Rönne ist einfach blöde? Nicht ernstzunehmen? (Anne Schüßler sagte so etwas ähnliches auf Facebook, aber das ging im Gekeife, nicht zuletzt in meinem, unter.) Alles ist kaputt. Ronja von Rönne hat mit dem Kaputtmachen angefangen, wir haben weitergemacht.
Harald Martenstein, Don Alphonso, Ronja von Rönne stehen rechts, Nazis, Maskulisten, Islamhasser an ihrer Seite. Andreas Kemper, Ruth Schneeberger und wir auf der Linken. Intellectual Deathmatch.
Was ist nur aus dem guten, alten Argument „Weiß es halt nicht besser“ geworden? Ich meine, wenn People of Color mir sagen, dass sie nicht mit dem N-Wort bezeichnet werden möchten, weil sie das als despektierlich empfinden würden, dann blöke ich ihnen doch auch nicht entgegen, dass sie Sprachfaschisten seien, die mir meine Ausdrucksweise vorschreiben wollen, dann überlege ich erstmal, ob das N-Wort für das, was ich sagen möchte, wirklich unverzichtbar ist. Und andersrum: Wenn People of Color hören, dass jemand das N-Wort verwendet, dann gehen sie doch erstmal nicht davon aus, dass das ein Rassist ist, dann gehen sie davon aus, dass das jemand ist, der es nicht besser weiß, und dem man erklären kann, weswegen dieser Ausdruck verfehlt ist. In einer perfekten Welt jedenfalls wäre das so. (Insa Heegner hat diesen Komplex ganz gut beschrieben: „Wenn ich jemandem sage, dass etwas rassistisch ist, dann versteht der: Du bist ein Rassist! Und denkt, nö, wieso, ich bin doch gar kein Rassist. Diesen Reflex wieder loszuwerden, das ist wirklich schwer.“ Podcast Leitmotiv 021, ab ungefähr 42:15.)
Ich habe ein wenig Angst. Sprache ist etwas, mit dem ich mich tagein, tagaus beschäftige, und ich weiß, dass Sprache häufig recht dünnes Eis ist. An jeder Ecke können wir Fehler machen, Religion, sexuelle Identität, Israel, Fleischessen, ein einziges Minenfeld. Wenn wir aber den Sinn dafür verlieren, dass das Gegenüber etwas falsch machen darf, machen wir die Sprache, machen wir die Kommunikation kaputt. Wenn wir dem Gegenüber erst einmal unterstellen, böswillig zu sein, nicht: bisschen doof, bisschen unerfahren, dann können wir es gleich ganz bleiben lassen. Dann bringt auch dieses Online-Magazin nichts, dann bringt die Beschäftigung mit Themen wie Sexualität, Heterogenität der Großstadt, Pornografie, Sexwork, Politik, Gender, Kunst nichts. Weil wir dann verlernt haben, im Gegenüber erst einmal eine Freundin, einen Freund zu sehen. Weil dann jegliche Solidarität unmöglich geworden ist.
Freundinnen aber sagen einander, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Freunde überlegen sich dann, wie sie mit diesem Fehler umgehen sollen. Und Tischtücher zu zerschneiden ist grundsätzlich eine doofe Idee.
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Ein beruflicher Termin lockt mich in ein Refugee-Erstaufnahmelager, zwischen süßlich stinkender Müllverbrennungsanlage, Autobahn und dem Fußballstadion des schon wieder nicht abgestiegenen HSV, in dem heute Helene Fischer das ausverkaufte zweite ihrer Hamburger Konzerte spielt. Helene Fischer, die mich überhaupt nicht interessiert, zu der ich kein Verhältnis habe. Unzählige Fischer-Fans wandern mit mir durchs Gewerbegebiet, ich auf der Suche nach der euphemistisch „Durchreiselager“ genannten Einrichtung, die Fans auf der Suche nach dem Stadion. Es sind Menschen aller Altersstufen, trutschig daherkommende Frauen mit gottergebenen Männern an der Hand, klar, das hatten wir erwartet. Aber parallel auch Jungsgruppen. Einzelne Frauen. Halbwegs coole Mütter mit halbwegs coolen Töchtern. Aufgebrezelte Frauen, viele High Heels, viele Tattoos, man kann nicht sagen, dass das hier vor allem Muttchenästhetik ist. Die Mehrzahl des Publikums wirkt deutsch, aber immer mal wieder hört man fremde Sprachen, bisschen russisch, bisschen türkisch. Das ist hier nicht so homogen, wie ich es erwartet habe.
Im Tunnel unter der S-Bahn verteilen zwei Mitglieder der Helene-Fischer-Ultras Flyer, Einladungen zur „Großen Schlagerparty“. Die meisten Fans nehmen einen und werfen ihn praktisch mit derselben Handbewegung wieder weg: Der Tunnelboden ist bedeckt von einer Flyer-Papiermatsch-Schicht. Später ist der Weg gesäumt von Buden, es gibt Schwenkgrills mit verbrannten Steaks, es gibt Dosenbier, es gibt unzählige Boxen, aus denen ohne Unterlass Helene Fischer dröhnt, Atemlos durch die Nacht.
Weswegen lassen sich diese Menschen darauf ein? Weswegen lassen sie sich abspeisen mit Billigfutter, Billigalk, Billigmusik, weswegen zahlen sie ab 70 Euro für ein Konzert, wo sie für deutlich weniger Geld viel bessere Musik bekämen? Die Menschen hier wirken vielleicht nicht alle wie Nobelpreisträger, aber sie wirken auch nicht doof, die müssen doch kapieren, wie sie hier abgezockt werden?
Aber sie holen sich noch ein Bier, sie grölen noch einmal mit, atemlos, atemlos. Sie kapieren schon, was mit ihnen gemacht wird, aber sie freuen sich, weil sie meinen angewiderten Blick sehen. Sie haben alle Texte gelesen, in denen das Feuilleton sich über Helene Fischer ausgelassen hat, sie wissen um die Analysen, nach denen das schlechtes, irrsinnig schlechtes Entertainment ist, und sie zahlen trotzdem dafür. Weil sie das Feuilleton hassen, und wenn das Feuilleton schreibt, dass etwas schlecht sei, dann finden sie es extra gut. Wir sind gescheitert, wir hätten das ganz anders angehen müssen, wir hätten schreiben müssen „Helene Fischer, ganz großartig!“, dann hätte es vielleicht funktioniert, und die Leute hätten den Kram nicht mehr gehört, aber, naja, so wichtig war es uns dann auch nicht. Selbst schuld, Feuilleton. Ich biege nach links ab, zum Camp, die Masse zieht weiter zum Stadion, sie singen, sie grölen.
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Ich bin immer gerne nach Berlin ins Theater gefahren. Und immer schaute ich erstmal, was an der Volksbühne so ging, die Volksbühne war berlinweit, republikweit, ach was, weltweit der Fixstern, um den das Theater kreiste. Immer. Wenn es an der Volksbühne mal nicht so gut lief (und das war zuletzt häufig so), dann war nicht die Volksbühne in der Krise, dann war das Theater als Ganzes in der Krise. Wenn es an der Volksbühne gut lief, dann war das Theater das Paradies. Weil die Volksbühne es schaffte, das Theater als Genre mit jeder neuen Aufführung hochkreativ in Frage zu stellen.
Das Problem war allerdings, dass die Volksbühne sich zuletzt selbst nicht mehr in Frage zu stellen schien. Mit Frank Castorf denselben, egomanischen Intendanten seit 1992, der zudem auch noch prägender Regisseur am Haus war – das musste einfach irgendwann in die Stagnation führen. Man brauchte einen Wechsel am Haus, aber jetzt, wo ebenjener ansteht, ist es auch wieder nicht recht. 2017 wird Castorfs Vertrag auslaufen. Und alles bricht zusammen.
Mittlerweile verdichten sich die Gerüchte, dass der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner am 30. April den Ausstellungsmacher Chris Dercon als neuen Volksbühnen-Intendanten vorstellen wird. Gerüchte nur, allerdings undementiert, da wird schon was dran sein. Nur sagen sie nichts aus – man erfährt nicht, was Dercon mit dem Theater vorhat, man erfährt weder etwas zur inhaltlichen noch zur organisatorischen Ausrichtung der zukünftigen Volksbühne, man hat nur einen Namen, ein theaterfremder Kunstfunktionär soll da installiert werden, also ist man irritiert. (Dercon studierte zwar Theaterwissenschaften, ist aber derzeit Leiter der Londoner Tate Modern und war zuvor am Münchner Haus der Kunst. Andererseits, er sprengte auch dort schon die Genregrenzen, organisierte große Ausstellungen von Paul McCarthy und Christoph Schlingensief, den er überhaupt erst für die Bildende Kunst entdeckte, man kann eigentlich nicht behaupten, dass dieser Ausstellungsmacher allem Performativen fremd gegenüber stehen würde.)
Seither fliegen die Fetzen. Die Intendanten von Berliner Ensemble, Schaubühne und Deutschem Theater, Claus Peymann, Thomas Ostermeier und Ulrich Khuon polemisieren gegen Dercon und damit auch gegen Renner, letzterer sei ein Neoliberaler, der das Theater, wie wir es kennen, abschaffen wolle, ersterer wolle das Ensembletheater Volksbühne auflösen (hat er zwar nie behauptet, wie gesagt, bis jetzt gibt es noch nicht einmal eine Bestätigung der Personalie Dercon). Rückendeckung bekommen sie aus Hamburg von Thalia-Intendant Joachim Lux, Gegenwind aus München vom designierten Kammerspiele-Intendanten Matthias Lilienthal, der Dercon eigentlich ganz toll findet. Problem aber: Lilienthal war einst Chefdramaturg an der Volksbühne und schied im Streit mit Castorf. Und: Angeblich (Gott, diese ganze Diskussion besteht aus „angeblich“!) habe sich Renner bei Lilienthal Rat geholt, die Personalie Dercon sei eigentlich Lilienthal, der den Münchner Kammerspielen hier einen gewogenen Berliner Koproduzenten installieren würde. Gott, ist das kompliziert.
Bis auf weiteres sind wohl alle beschädigt. Die Dercon-Gegner aus der Theaterszene, die in der Welt als „heterosexuelle, weiße Männer“, also (nicht ganz zu unrecht) als konservative Besitzstandswahrer gebasht werden. Dercon, der noch vor seinem offiziellen Auftritt heftigen Gegenwind bekommt. Renner, der als Neoliberaler ohne Ahnung von Theater dasteht (tatsächlich war Renner einst Musikmanager, also tatsächlich jemand, der sich Kultur vor allem marktgängig vorstellt). Lilienthal, der als Intrigant gilt, der den eigenen Vorteil im Blick hat. Vor allem aber: die Volksbühne. Für die man sich jetzt eigentlich gar keine Zukunft mehr vorstellen mag. Soll Dercon kommen? Der ist verbrannt, siehe oben. Soll Castorf bleiben? Um Gottes Willen. Soll irgendjemand anders kommen? Wer würde sich das denn antun? Die Volksbühne, womöglich das gesamte Berliner Theater gerade (was passiert eigentlich nennenswertes am Deutschen Theater oder an der Schaubühne?), wirkt wie erstickt unter dem Gewicht der eigenen Bedeutung,
@zahnwart wie so ein wal an land.
— Tilman Richter (@DamianoSchliegl) April 21, 2015
Und jetzt? Es gibt Beispiele für originelle Intendantenpersonalien: Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen ist so eine. Der war zuvor Intendant am Berliner Freie-Szene-Durchlauferhitzer HAU und weltweit vernetzter Festivalmacher, hat keine Erfahrung mit Ensembletheater, aber trotzdem freuen sich in München alle auf ihn (allerdings hat Lilienthal noch nicht bekannt gegeben, wie er sich seine erste Spielzeit ab Herbst vorstellt). Eine andere ist Tom Stromberg. Der Kulturmanager wurde 2000 Intendant am Hamburger Schauspielhaus, holte sich in seinen ersten Spielzeiten eine blutige Nase nach der anderen und bekam nach rund drei Jahren die Kurve mit einer explizit politischen Positionierung. Die Welt ging nicht unter. Das Ensembletheater übrigens auch nicht.
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Hurra, ein neues Theaterfestival für Hamburg! „Hauptsache frei“ versammelt vom 15. bis 18. April die Freie Szene der Hansestadt – und weil die recht widerspenstig ist, gab es schon im Vorfeld Gegenwind. Wir sprachen mit den Festivalmacherinnen Sarah Theilacker und Anne Schneider.
Inwiefern unterscheidet sich freies Theater heute ästhetisch vom Theater an Staats- und Stadttheatern?
Sarah Theilacker: Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Natürlich finden sich im Programm der Staats- und Stadttheater heute Ästhetiken der Freien Szene wieder, der Austausch von Freier Szene und festen Häusern wird mittlerweile ja durch Programme wie Doppelpass explizit vorangetrieben.
Anne Schneider: Der Impuls neuer Ästhetiken aber, der kommt oft aus der Freien Szene. Sie nimmt, sowohl was die Themen betrifft, als auch was Form, Arbeitsweisen und ästhetische Mittel betrifft, eine Vorreiterfunktion ein, das thematisieren wir auch in unser Podiumsdiskussionen am 18. 4. Bestimmte Spielweisen, beispielsweise das Loslösen von einzelnen Figuren, sight-specific-Performances und auch verschiedene Tanzstile, haben oftmals ihre Wurzeln in der Freien Szene und sind dort viel verbreiteter. Am besten, man schaut sich möglichst viel von unserem Programm an, um sich selbst ein Bild von den Unterschieden und den Parallelen zu machen!
Und strukturell? Gerade Regisseurinnen und Regisseure arbeiten ja praktisch immer frei, an den Staatstheatern angestellt ist kaum noch jemand?
Schneider: Es besteht dennoch ein großer Unterschied! Wenn ich als freie Regisseurin an einem Haus arbeite, steht mir zwar die gesamte Infrastruktur des Hauses zur Verfügung, in gewissen Hinsichten engt sie mich aber auch ein. Wenn ich in der Freien Szene arbeite, muss ich meine Strukturen komplett eigenständig aufbauen und bin zudem von den vorhandenen Förderstrukturen abhängig. Im Gegenzug habe ich die Freiheit, die Strukturen für mich und meine Teams selbst zu gestalten.
Was sind die Besonderheiten der Hamburger freien Szene?
Theilacker: Es gibt in Hamburg eine relativ große professionelle Freie Szene, die sehr heterogen ist. Wir hoffen dies mit unserem Festival deutlich machen zu können. Die Bedeutung der Tanzszene für die Stadt schätzen wir sehr hoch ein.
Schneider: Außerdem finde ich die Bandbreite nennenswert: es gibt Kollektive wie Theater Plan B, Die Azubis und Meyer&Kowski oder Künstlerinnen und Künstler wie Victoria Hauke oder Antje Pfundtner, die seit Jahren die Stadt mit ihren Arbeiten bereichern, ebenso wie die jungen Absolventinnen und Absolventen der Performance Studies, die, am Anfang ihrer Karriere stehend, spannende neue Formate und experimentelle Ansätze zur Disposition stellen. Auch die Studierenden der Theaterakademie haben die Attraktivität der Freie Szene erkannt und erschließen sowohl ästhetisch als auch strukturell neue Horizonte.
Gibt es überhaupt eine Hamburger Szene? Die meisten freien Künstlerinnen und Künstler arbeiten bundesweit, zum Beispiel Monika Gintersdorfer ist mittlerweile in Berlin viel präsenter als in Hamburg, wird aber dennoch zur Hamburger Szene gezählt und ist auch bei „Hauptsache frei“ mit dabei.
Schneider: Ja, es gibt diese Szene. Wir würden aber auch sagen, dass die Stadt sich diesen Schatz bewusster machen sollte, denn nur wenn entsprechende Strukturen, damit meinen wir vor allem Förder- und Raumstrukturen, gegeben sind, sind die Akteurinnen und Akteure der Stadt in der Lage, auch langfristig in Hamburg bleiben zu können. Einige prominentere Vertreterinnen und Vertreter der Szene sahen sich in den letzten Jahren gezwungen, ihrer Stadt den Rücken zu kehren. Ganz einfach, weil die Lebenshaltungskosten in anderen Städten niedriger sind und ihnen an anderer Stelle mehr Wertschätzung entgegen gebracht wurde.
Es gibt und gab in Hamburg schon Festivalformate für die freie Szene – 150% Made in Hamburg, Kaltstart, DanceKiosk, auch das Kampnagel-Sommerfestival repräsentiert freies Theater, wenn auch mit einer anderen Zielrichtung. Inwiefern gibt es da eine Konkurrenz?
Theilacker: Natürlich sind wir als neues Festival dieser Konkurrenz ausgesetzt und müssen uns daran messen lassen. Gleichzeitig sehen wir das entspannt, Hauptsache Frei ist in der spartenübergreifenden und ausschließlichen Ausrichtung auf Hamburger Künstlerinnen und Künstler einzigartig.
Es gab im Vorfeld Protest gegen die angeblich ausbeuterischen Arbeitsbedingungen bei „Hauptsache frei“, weswegen sich renommierte Hamburger Theatermacherinnen und Theatermacher wie Jonas Woltemate und Regina Rossi entschieden haben, nicht am Festival teilzunehmen. Ist dieser Protest berechtigt?
Schneider: Erstmal hat jede und jeder jederzeit das Recht zum Protest. Sich für höhere Honorare in der Freien Szene einzusetzen, ist immer berechtigt und auch Teil unserer Hauptsache-Frei-Mission.
Theilacker: Gleichzeitig traf uns der angesprochene Protest durchaus überraschend. Offensichtlich hat die von uns formulierte Mission zu hohe Erwartungen geschürt, die wir angesichts unserer Finanzierung allerdings nicht erfüllen können.
Es werden Preise verliehen. Schafft so etwas nicht einen Wettstreit unter den Künstlerinnen und Künstlern, wo Solidarität viel wichtiger wäre?
Schneider: Ja, wenn man sich entscheidet Preise zu verleihen, entsteht eine Form der Konkurrenz. Wir gehen aber zum einen davon aus, dass sich alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler gegenseitig die Preise gönnen. Und zum anderen erlaubt das Mittel der Preisvergabe auf verschiedenen Seiten die Einbindung von Fachpublikum und Institutionen, die für alle Beteiligten von Nutzen sein können.
Was macht „Hauptsache frei“ anders als andere Festivals?
Theilacker: Unser Fokus ist die Freie Szene Hamburgs. Das zeigt sich bei den Orten, dem Wettbewerbsprogramm und auch bei den Themen des Rahmenprogramms.
Schneider: Außerdem ist die Kombination aus Publikumsprogramm am Abend und Rahmenprogramm für die Akteurinnen und Akteure der Szene davor nennenswert. Aber am besten überzeugt sich jede und jeder selbst davon, was bei uns anders und besonders ist. In jedem Fall kann man sich in kurzer Zeit einen Eindruck von der Vielfalt, den Besonderheiten und der Qualität der Freien Szene Hamburgs machen.
Sarah Theilacker wurde 1979 im Schweizerischen Thalwil geboren. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre und Kulturmanagement in Zürich und Berlin und leitete das Hamburger Theaterfestival Kaltstart und das Kulturhaus III&70. Seit September 2014 ist sie für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Stuttgarter Theater Rampe verantwortlich.
Anne Schneider wurde 1980 in Göttingen geboren. Sie studierte Theater- und Medienwissenschaft in Erlangen und arbeitete als Regieassistentin an der Berliner Schaubühne und am Staatstheater Nürnberg. Seit 2009 ist sie freie Regisseurin unter anderem am Berliner Ballhaus Ost und am Hamburger Lichthof Theater.
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Ja, die Ausstellung „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ in den Hamburger Deichtorhallen ist spektakulär, natürlich ist sie spektakulär. Rund 200 Exponate, kein einziges vom Jahrhundertkünstler Picasso, aber 200 Kunstwerke, die sich auf Picasso beziehen, Malerei natürlich, Fotografie, Video, Skulptur, sogar Aktionskunst, hauptsächlich westliche Kunst, aber auch einzelne Arbeiten aus Afrika und Asien, Kunst von 1914 bis heute. Faszinierend: Wie ein Künstler sich so nachdrücklich in die Kunstwelt einschreiben konnte, wie „Guernica“, wie „La Tête“ bei ganz unterschiedlichen Künstlern wieder auftauchen, als Zitat, als ironische Brechung, als Dekonstruktion, als Kritik. Es ist spektakulär, wie Kurator Dirk Luckow hier über sich hinausgewachsen ist, wie er die Grenzen seiner Profession überschritten hat, wie er Kunst und Gesellschaft und Gattungen und Epochen neu dachte und umwarf und wieder neu dachte. Und, meine Güte!, was es für eine Arbeit gewesen sein musste, diese ganzen hochrangigen Werke nach Hamburg zu holen! Ja, die Ausstellung „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ ist spektakulär.

Aber doch ist „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ heute abend nur zweitrangig, nur ein Nebenschauplatz neben dem Hauptgrund, weswegen ich mich trotz Orkans durch die Hamburger Innenstadt quäle. Der Hauptgrund sind nämlich die Deichtorhallen selbst, jene ehemaligen Markthallen im Niemandsland zwischen Hauptbahnhof und HafenCity, die vor 25 Jahren zur Kunsthalle umgewidmet wurden und zuletzt im Dornröschenschlaf versanken, seit die Haupthalle 2013 wegen einer dringenden Renovierung geschlossen wurde. Diese Halle war schon zuvor einer meiner liebsten Kunstorte, weil sie den Charme eines zwischen 1911 und 1913 gebauten Industrieraumes nicht verleugnete und trotzdem eine gewisse Flexibilität für die Kunstpräsentation zeigte (und auch weil die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst häufig nicht uninteressant daherkamen). Aber in der Rückschau war der Raum nicht optimal gelöst – insbesondere Kabinette an den Seiten beengten die Halle, der Lichteinfall war unschön, häufig wirkte es stickig. Und: Die Front in Richtung Innenstadt war abweisend. All das ist Geschichte, und das ist wirklich ein Geschenk: Die riesige Halle ist erstmals in ihrer Weite erspürbar, die Kabinette an den Seiten sind abgebaut (und wurden bei „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ ersetzt durch einen verwinkelten Kasten in der Raummitte, auch der ist ein Störfaktor, aber wahrscheinlich ist so etwas notwendig ür kleinformatigere Präsentationen), an der Innenstadtseite hat ein einladendes Museumscafé aufgemacht. Und: Es gibt eine neue Beleuchtungs- und Entlüftungslösung, wobei letztere den vernissagetypischen Publikumsandrang zu meistern scheint. Hosianna!
Und es ist ja nicht so, dass man mit den Deichtorhallen nur die Haupthalle meinen würde, nur die Halle für Aktuelle Kunst. Im Laufe der Zeit ist eine zweite, kleinere Halle dazugekommen, das Haus der Photographie (dessen Ausstellungen mich freilich weniger interessieren) und südlich der Elbe die nicht minder atemberaubende Sammlung Falckenberg. Alles in allem ein Kunstkomplex von einer Größe und Qualität, die erst einmal erreicht werden wollen. Besser kann man es sich wohl kaum wünschen.
Was man sich natürlich besser wünschen könnte, wären die Vernissagen. Wie immer: zu viele Menschen, zu wenig Kunst. Adabeis, Wichtigtuer, Selfieposer vor Zeitgenössischem, dazu billiger Wein und billiges Gequatsche. Aber vielleicht muss man da durch. In einer Ecke läuft Jay Zs unerträglicher, eitler, elitärer, affirmativer, subversiver, großartiger Clip „Picasso Baby“. Was ich an Kunst liebe, was ich an Kunst hasse, alles auf einmal.
„Picasso in der Kunst der Gegenwart“, 1. 4. bis 12. 7., Deichtorhallen, Hamburg
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Und dann fragt mich B., was das eigentlich sei: „Tanzhochdrei“, Residenzprojekte im K3 – Zentrum für Choreografie in Hamburg. Und ich dann so: drei Residenzen für junge Choreografinnen und Choreografen Marie Topp, Antje Velsinger und Alexandre Achour, Leute, die am Anfang ihrer Karriere stehen, nicht mehr in der Ausbildung aber auch noch nicht an dem Punkt der eigenen, abendfüllenden Arbeiten, ein Schutzraum, vielleicht. Und B. so: dass das sofort den Widerspruch von betriebswirtschaftlich denkenden Menschen hervorrufen würde; Tanz, der einen Schutzraum benötigen würde, Tanz, der gar nicht mal den Versuch mache, hinreichend Publikum anzusprechen. Und vielleicht hat B. sogar recht. Performance will Publikum, oder? Es ist schwierig, aber hätte es den Boom von Tanz und Performance in Belgien und den Niederlanden seit den Achtzigern gegeben, wären Brüssel und Amsterdam damals keine riesigen Schutzräume gewesen, in denen Konzepte ausprobiert werden konnten? Wäre ein William Forsythe zu dem großen, massentauglichen Choreografen geworden, der er heute ist, hätte er sich nicht im Schutzraum des Ballett Stuttgart ausprobieren können, ohne Druck, immer mit der Möglichkeit, beim Scheitern zurückzukommen in die Spur des klassischen Tanzes? Wäre Sasha Waltz zur Choreografin der Nation, Verzeihung, das war jetzt fies, wäre Waltz jemals zu der Tanzkünstlerin geworden, auf die sich alle einigen konnten, wenn sie nicht den Schutzraum gehabt hätte, den das Berlin der frühen Neunziger darstellte, ohne den Druck, sofort große Stücke auf die Bühne bringen zu müssen? Capitalism is killing choreography, echt jetzt mal.
Die ersten beiden Abende von „Tanzhochdrei“ jedenfalls sind spröde, verweigern sich schneller Konsumierbarkeit. Im Publikum: kaum Zuschauer, hauptsächlich Fachpublikum, warum auch nicht? Marie Topp (Kopenhagen) liegt auf der Bühne, bewegt sich kaum, man sieht, wie sich einzelne Muskeln anspannen. „Forerunning“ ist eine Studie über das, was Bewegung ausmacht, beziehungsweise: steht an der Grenze der Bewegung. Passiert hier etwas? Bewegt sich dieser Körper? Etwas bewegt sich, aber was? Noch deutlicher wird dieser choreographische Minimalismus bei Topps zweitem Stück „The Visible Effects of Force“: Hier sind es externe Kräfte, die auf den Tänzerinnenkörper einwirken, vier Ventilatoren, die die Topp in bestimmte Richtungen zu wehen scheinen. Und, ja, der Körper wird bewegt: Eine Falte verändert sich, der Arm winkelt sich ein klein wenig mehr an. Sonst passiert nichts, 90 Minuten, dann sind beide Stücke vorbei.
Topp arbeitet minimalistisch, vielleicht auch ein wenig humorlos, aber sie nutzt einen klugen, durchdachten Minimalismus, dessen Ziele sich schnell erschließen. Antje Velsinger (Köln/Frankfurt) geht „Haus, kein Haus“ im Vergleich aufwändiger an: Auch hier geht es um den Zustand zwischen Bewegung und Stillstand, der allerdings kontrastiert wird mit „Innen“ (nämlich: dort, wo sich ie Performerinnen Velsinger und Maja Weinberg befinden) und „Außen“ (Videoprojektionen von im weitesten Sinne Naturgewalten: ein Vulkan, ein Zelt im Sturm, ein Schiff in rauer See etc.). Die Performerinnen agieren miteinander und mit Requisiten, sie spielen mit Strukturen, die aufeinander Bezug nehmen, Handlungen haben, ja, Konsequenzen. Schau, Theater!
„Haus, kein Haus“ nähert sich schon einem fertigen Stück an, vielleicht ist Velsinger ja schon zu weit?, denkt man sich, vielleicht ist das gar nicht das richtige für „Tanzhochdrei“. Vielleicht wird der Schutzraum ad absurdum geführt, wenn das, was hier gezeigt wird, auch ohne den Schutzraum existieren könnte. Könnte es?
Acht Monate lang ermöglicht das Residenceprogramm drei Künstlerinnen und Künstlern Recherche, Forschung, Training und dann, am Ende, die Produktion eines Stücks, einer Fingerübung, whatever. Ist das wichtig? Ich, der Zuschauer, will etwas sehen. Und vielleicht braucht es das tatsächlich, nach der Ausbildungszeit, dass da etwas auf der Bühne passiert. Und, nein, es muss ja nicht unbedingt gleich ein fertiger Abend sein.
Marie Topp: Forerunning/The visible Effects of Force (abgespielt)
Antje Velsinger: Haus, kein Haus (14. 3., K3, Hamburg; 18./19. 3., Mousonturm, Frankfurt; 6./7. 6., Barnes Crossing, Köln)
Alexandre Achour: Speaking about the Ghost (19.-21. 3., K3, Hamburg)
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1 Eigentlich wohne ich gar nicht richtig in Hamburg, jedenfalls nicht in der Innenstadt, denn ich bin ein Landmensch, ich brauche keinen Trubel um mich herum und schätze es, jedem Haus meiner Straße einen Namen mit Gesicht zuordnen zu können.
2 Trotzdem suche ich die Nähe der Stadt, ich möchte die Möglichkeit haben, Dinge zu erleben, ohne vor meiner Haustür zwangsläufig in die Action hineingezogen zu werden.
3 Nach 17 Jahren woanders habe ich eruiert, was mir wichtig ist: freundliche, ehrliche, offene Menschen, die sich nicht über jede Kleinigkeit aufregen zum Beispiel, oder ein buntes Kulturleben oder ein gewisses Maß an Sauberkeit, das nicht in einen Ordnungswahn ausufert.
4 Das alles zusammen in Kombination mit einer Menge Wasser, das wie ein Stimmungsbarometer mal steigt und mal fällt, selten über die Ufer tritt und ansonsten ruhig vor sich hin fließt.
5 Es gibt keine Steigungen in Hamburg, die mir den Atem nehmen, jedenfalls nicht da, wo ich mich vornehmlich aufhalte, dafür aber eine Steigerung meiner Laune, denn es gibt viel Grün – Grün und Blau, ja, oft auch Grau, aber wen stört das denn, selbst die Literatur lässt ja neuerdings die Grauschattierungen hochleben.
6 Der Wind sorgt dafür, dass jeder Nebel sich umgehend verzieht und mit ihm eine eventuell zart aufkommende schlechte Stimmung.
7 Aber vor allem sind es die Leute: In Hamburg trifft sich die Nettigkeitselite.
Gesa Füßle ist 38 und wohnt seit ein paar Jahren in Hamburg-Kirchwerder, wo sonst nicht so viele wohnen. Beruflich liest und schreibt sie.
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„Wie hieß das Musikgenie in Robert Schneiders ,Schlafes Bruder’?“ Ich weiß es, ich weiß es, hoch die Kelle, geschafft! „Adrian Leverkühn!“ Kichern, spöttischer Blick, in diesem Moment wird mir klar, dass Leverkühn eine Figur von Thomas Mann ist, ein Komponist zwar auch, aber leider aus „Doktor Faustus“, und das ist dann doch eine andere Hausnummer als „Schlafes Bruder“. Ich habe mich lächerlich gemacht, ach!
Davon abgesehen ist das Literaturquiz im Hamburger Literaturhaus natürlich eine ganz großartige Veranstaltung. 99 Fragen zur Literatur, wild wird Zeitgenössisches mit Klassikern gemixt, Hochkultur mit Trivialem, es werden Filmschnipsel eingespielt („Welcher Roman wurde hier verfilmt?“), man sieht absolut unleserliche Unterschriften („Wer hat sich hier im Gästebuch des Literaturhauses verewigt?“), man hört Tonbeispiele („Welche Autorin spricht hier?“), und all das nicht als besserwisserischer Einzelkämpfer, sondern als Teil eines Teams. Nur dass der Teamgeist im Gehetze ein wenig untergeht. Will sagen: Zu Beginn spricht sich das Team noch ab, ob es Antworten auf die teils pippifaxigen, teils wirklich schweren Fragen wirklich weiß, aber das bringt wenig, denn während Team „Rosa“ noch diskutiert, hat Team „Blau“ schon mittels erhobener Kelle angezeigt, dass es die Antwort hat. Also wird die Kelle schon direkt nach der Frage nach oben gerissen, irgendjemand wird schon was wissen. „Team Rosa!“ „Öh.“ Suchender Blick zum Team. „Habt ihr eine Ahnung?“ Und so drängelt sich Thomas Manns Leverkühn in Robert Schneiders Kitschgenieroman. Ein großer Spaß.
Der allerdings, das sollte sich das Literaturhaus zu Herzen nehmen, in der Mitte des Abends ausgebremst wird. Ein schriftlicher Teil, in dem mehrere Übersetzungen eines Textes in die korrekte zeitliche Abfolge gebracht werden müssen: Das ist schlimmer als langweilig, das ist eine Klassenarbeit, bei der am Ende Lehrerinnen durch die Reihen gehen, „Herrschaften! Abgeben!“, nein, es sind keine Lehrerinnen, es sind sympathisch unprofessionelle Literaturhaus-Mitarbeiterinnen, aber dennoch, es ist öde.
Der Abend erholt sich nicht mehr von diesem Downer. Es wird durch den übrigen Fragenkatalog gehetzt, wir bekommen die 99 nicht mehr voll, egal. Team Rosa ist weit abgeschlagen, uns fehlt jetzt ein wenig die Motivation, lieber trinken wir ein leckeres aber, sorry: mit 4,90 Euro für ein zur Hälfte schaumgefülltes Glas deutlich überteuertes, Craft Beer, das geht ein bisschen in den Schädel, wir machen uns lächerlich, wir haben Spaß, andere sind deutlich ambitionierter und nehmen ein Goodiebag des Literaturhauses mit nach Hause. Wir nehmen dafür mit: die Erinnerung an einen schönen Abend. Hat auch was.
Edit: Ich wurde darauf hingewiesen, dass der Abend nicht von Mitarbeiterinnen organisiert worden sei, sondern von Studentinnen. Sympathisch unprofessionell war es trotzdem. Mit Betonung auf „sympathisch“.
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Wäre Wien ein Mensch, wäre es eine alte Dame, gut erzogen und sehr auf die guten alten Traditionen und Umgangsformen stehend, aber im Herzen doch sympathisierend mit ein bisschen Revolte. Diese alte Dame ist die richtige Mischung aus Kopf- und Genussmensch, und braucht viel Futter fürs Hirn in Form von kulturellen Auswüchsen aller Art. Nachdem sie schon etwas älter ist, geht alles etwas langsamer und gemächlicher. Was aber nicht heißt, dass sie auch mal ordentlich aufbrausend werden kann, wenn ihr was nicht passt, dann gibts nämlich ordentlich Tempo und Action. Und nachdem sie es sich in ihrem Alter leisten kann, nicht mehr allen Leuten mit strahlendem Gesicht und Herzerln in den Augen begegnen zu müssen, wenn sie grad nicht gut drauf ist, kann sie auch mal ihren nicht ganz so beliebten Charme auspacken und auf gut wienerisch „herumgranteln“. Doch granteln hin oder her: Charmant und abweisend, subtil und direkt, laut und leise, modern und altmodisch, Avantgarde und Kommerz, Kaiserschmarrn und Tafelspitz – Wien ist lebenswert und liebenswert. Wien ist geliebtes Nest – man fühlt sich wohl, wie bei der Oma am Sofa halt …
Nunu Kaller wurde vor 33 Jahren in Wien geboren – wo die Konsumentensprecherin bei Greenpeace mit wenigen Unterbrechungen bereits ihr ganzes Leben verbracht hat. Nunu hat sich ein Jahr lang keine Kleidung geauft, darüber gebloggt, das Buch „Ich kauf nix. Wie ich durch Shopping Diät glücklich wurde“ (KiWi) geschrieben und sich so laut eigener Aussage „vom Shopaholic zur kritischen Konsumentin“ entwickelt. Im Netz findet man sie unter ichkaufnix.wordpress.com.
In unserer Serie “Sieben Sätze” erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!
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Liebe Hamburger Flâneursfreunde und -freundinnen, denkt dran: Heute ist Wahl. Denkt dran, dass die islamophoben, schwulenhassenden, wohlstandschauvinistischen Rechtsaußen von der AfD Chancen haben, in die Bürgerschaft einzuziehen, genauso wie die Windbeutel und Witzbolde von der FDP. Denkt dran, dass da eine CDU antritt, die heute liberal tut, aber vor wenigen Jahren keine Scheu hatte, mit der rechtspopulistischen Schill-Partei eine Koalition einzugehen. Und denkt dran, dass da auch Grüne antreten, die vor noch weniger Jahren kein Problem damit hatten, mit ebenjener CDU zu koalieren. Erinnert euch an den Umgang der SPD mit den Lampedusa-Refugees, und erinnert euch an die Gefahrengebiete: Die verdanken wir auch der SPD. Außerdem könntet ihr euch fragen, weswegen die Polizeispitze in Hamburg auch in Zeiten einer SPD-Alleinregierung noch mit Schill-Getreuen besetzt ist, fragt euch, weswegen der ehemalige Schill-Sozialsenator und heutige AfD-Kandidat Dirk Nockemann im Brotberuf Spitzenbeamter in der Schulbehörde ist, während ein Mensch mit Antifa-Hintergrund nicht einmal Hausmeister in einem städtischen Unternehmen werden kann? A propos Antifa-Hintergrund: Wenn ihr Die Linke auf dem Wahlzettel seht, dann denkt auch dran, dass Die Linke auf keinen Fall mitregieren möchte, ganz davon abgesehen, dass keine der übrigen Parteien mit Chancen auf Bürgerschaftsmandate mit den Linken koalieren würden.
Denkt an all das, und dann macht euer Kreuzchen, denn: Das Wahlrecht ist wichtig, das schenkt man nicht leichtfertig her.
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