Herbstplätzchen

Der Herbst wird als Jahreszeit ja grundsätzlich unterschätzt. Flâneur Michael pflegt zu sagen: „Winter ist verhältnismäßig oft, aber Herbst ist eben nicht alle Tage“. Recht hat er. Irgendwie. Doch wo lassen sich die Herbsttage am schönsten verbringen? Wir sind auf die Suche gegangen nach unseren liebsten Herbstplätzchen.

Berlin (Enrico): Hinterhöfe sind immer gut! In einem dieser Hinterhöfe, nicht fern vom Hackeschen Markt und der Jüdischen Synagoge, hat sich die Tadshikische Teestube eingenistet. Braune, geschnitzte Holzstämme wandern gen Decke und an den grünen Wänden hängt bunte Malerei. Gleich ein klarer Unterschied zu jeder anderen Teestube: Die Schuhe werden ausgezogen. Bequem auf Kissen sitzen, mal kreuz, mal quer, ist hier die Devise. Dabei lassen sich lauter kleine und große Teeplatten bestellen – mit Gebäck, Brot oder einfach einem kleinen Wodka dazu. Alkohol wärmt! So auch dieses mal etwas andere Teeerlebnis.

Tadshikische Teestube (im Kunsthof), Oranienburger Str. 27, 10117 Berlin-Mitte

Foto: Tadshikische Teestube

Berlin (Katharina): Wenn die goldene Herbstsonne tief über dem Nachmittag hängt, wird es Zeit für eine süße Sünde. Ich nehme einmal eine Waffel mit heißen Himbeeren oder mit Vanilleeis oder mit Puderzucker – ach, was soll der Geiz – einmal alles bitte! Bei der Auswahl im hauptstädtischen Kauf dich glücklich fällt die Entscheidung schwer. Umgeben von buntem Herbstlaub schlürfen wir unseren heißen Kaffee aus den hübsch verzierten Tassen und lassen uns das warme Herbstlicht ins Gesicht scheinen. Und wenn das Wetter langsam grauer wird, kaufen wir uns einfach das Rezept für die Waffeln im Laden und machen uns in den eigenen vier Wänden an die Großproduktion.

Kauf dich glücklich, Kastanienallee 54, 10119 Berlin 

Foto: Katharina Röben
Foto: Katharina Röben

Hamburg (Marcel): Eigentlich wollte ich niemandem davon erzählen und dieser Ort sollte für immer mein Geheimnis bleiben. Aber ein Insidertipp ist das Café Brooks schon lange nicht mehr. Dieser kleine, erleuchtete Ort inmitten der laubgetränkten Hasselbrookstraße ist ein liebenswertes Schanzencafé mit dem entscheidenden Vorteil, dass es nicht in der Schanze liegt. Was wiederum bedeutet, dass man problemlos das Angebot der Kaffeekarte versteht. Gerade im Herbst gibt es dort diesen urgemütlichen Platz am Holzofen, wo ich schon so viele Suppen geschlürft und Kuchen gegabelt habe. Und die charmanten Servicemenschen tun ihr Übriges, damit es mir immer wieder warm wird ums Herz. Ganz besonders bei Schietwetter.

Café Brooks, Hasselbrookstraße 37, 22089 Hamburg

Foto: Café Brooks
Foto: Café Brooks

Hamburg (Michael): Interessant, Marcel verrät einen Geheimtipp, den ich genauso geben wollte: das Café Brooks. Die Empfehlung unterstreiche ich dann hiermit, und lege euch noch dazu das Café Unter den Linden ans Herz. Das besteht seit meinem Geburtsjahr, 1982, im Schanzenviertel, und verzaubert gerade im Herbst mit seiner Außenfassade in der zentralen, aber wenigstens nicht ganz so überlaufenen Juliusstraße. Auch wenn der Herr hinterm Tresen hier oft ohne jeglichen Anflug eines Lächelns zur Tat schreitet (nicht persönlich nehmen), gehört das Lädchen zu den sympathischeren im Viertel – und der Käsekuchen: bombo.

Café Unter den Linden, Juliusstrasse 16,  22769 Hamburg

P.S.: Eigentlich wollte ich aber auch nicht unbedingt ein Café empfehlen. Folgendes: Nehmt die U-Bahnlinie 1 und steigt am Stephansplatz aus. Überquert die große Kreuzung, lasst das weiße Casinogebäude hinter euch, seht links die renovierte, herrschaftliche Alte Oberpostdirektion, rechts in der Ferne den Bahnhof Dammtor, und geht auf die liegende Statue zu, die kleine Treppe rechts neben dem Eisstand herunter. Vor euch erstreckt sich nun der Planten-un-Blomen-Park und es offenbart sich eine der schönsten Aussichten der Stadt:

Hamburg, Stephansplatz, Sicht Richtung Planten un Blomen. Foto: Michael Schock
Hamburg, Stephansplatz, Sicht Richtung Planten un Blomen. Foto: Michael Schock

Hamburg (Kathrin):
Was bisher fehlt: ein guter Ort zum herbstlichen Weintrinken. Das geht in Hamburg vorzüglich bei einem der Seminare in der Villa Verde in der Eimsbütteler Chaussee. Klar, für so einen Abend muss man etwas tiefer in die Tasche greifen als für ein paar Gläschen in der Kneipe ums Eck, aber dafür bekommt man ein kulinarisches Erlebnis. Ich war bei „Wein & Rohmilchkäse“ und sehr begeistert von der Gastgeberin Ina, die eine ansteckende Leidenschaft für Wein und guten Käse gezeigt hat und viele Geschichten zur Herkunft und Herstellung der Produkte auf Lager hatte. Die Villa selbst ist mit den vielen Kerzen in großen Weinflaschen und den Fässern der ideale Ort für einen gemütlichen Herbstabend.

Villa Verde, Eimsbütteler Chaussee 37, 20259 Hamburg

In der Villa Verde. Foto: Kathrin Kaufmann
In der Villa Verde. Foto: Kathrin Kaufmann

Wien (Kathrin):
Beim Prater denken Nichtwiener sicher als erstes ans Riesenrad und den Vergnügungspark. Aber neben diesem „Wurstelprater“ bietet der Prater 6 km2 Naherholungsgebiet mit unzähligen Wiesen und Gewässern. Ich bin bei meinem Herbstausflug nach Wien nur auf der Prater Hauptallee entlang spaziert, auf der der Wiener Adel früher seine Kutschen ausfuhr und die heute vor allem toll für Radfahrer und Jogger ist. Gerade im Herbst ist diese Allee zudem eine wahre Augenweide.

Prater Hauptallee in Wien, Ende Oktober. Foto: Kathrin Kaufmann
Prater Hauptallee in Wien, Ende Oktober. Foto: Kathrin Kaufmann

Hannover (Ninia): Das Teestübchen in Hannover ist zu jeder Jahreszeit ein super Tipp, vor allem aber im Herbst. Es befindet sich in der Altstadt (ja, sowas haben wir auch) und besticht deshalb schon durch viel mehr Charme als andere Läden in Hannovers Innenstadt. Es ist niedlich und gemütlich und mukkelig und überhaupt ganz toll. Klar gibt’s dort auch Kaffee, aber wie der Name schon sagt: Berühmt ist das Teestübchen für seinen Tee und die große Auswahl. Außerdem servieren Sie jeden Tag sehr leckeren, frischen Kuchen. Mit Blick auf den Ballhofplatz und das Ballhoftheater lässt sich dort durchaus ertragen.

TeeStübchen Teeladen, Ballhofplatz 2, 30159 Hannover/Altstadt

Und wenn es kein Kaffee oder Tee sein soll, macht es wie die Tourist*innen: Geht durch die Herrenhäuser Gärten. Ernsthaft. Es ist wirklich schön dort.

Ninia Binias
Das Teestübchen bei Nacht. Foto: Ninia Binias

Paris (Lisa): Wo kann man den Herbst besser miterleben als in freier Natur? Der Parc des Buttes Chaumont im Nordosten von Paris ist nicht nur malerisch in Gelb- und Rottönen angepinselt, sondern bietet auch noch einen grandiosen Blick auf die Stadt. Gestresste Eltern, Rentner, Pariser Hipster, Touristen streifen alle durch diese herbstliche Oase, die fast schon über der grauen Großstadt zu schweben scheint. In einer Ecke kiffen heimlich Teenager, in einer anderen machen Omis Gymnastikübungen und am Pavillon beobachten junge Franzosen die untergehende Sonne. Mit dicker Jacke und Schal.

Foto: Lisa Ksienrzyk
Foto: Lisa Ksienrzyk

Prerow (Falk): Teeschale
Schon wieder ein Cafétipp, der eigentlich kein Cafétipp ist, sondern eine Idee für einen Ausflug. Ein Ausflug, der geht so: Man fährt auf den Darß. Das geht per Zug bis Ribnitz-Damgarten, dort steigt man in einen Bus um, und mit dem zuckelt man ermüdend langsam erst über die Halbinsel Fischland auf den Darß, und dann ist man in Prerow, an der Nordspitze der Region. Prerow ist ein Touristenort, aber er ist noch nicht so aufgehübscht wie Ahrenshoop oder Zingst. Etwas Ostiges, Slawisches hat in Prerow überlebt, in den Dünen hängen Nacktbader rum, am Strand wird Bernstein angespült und Fischkadaver, ein kalter Wind weht von Osten, Norden und Westen, vom offenen Meer, oder von Süden, vom Bodden. Eine vergessene Region. Man wandert: den langen Strand entlang, bis zum langsam versandenden Nothafen Ottosee, dann durch ein Naturschutzgebiet bis zum Leuchtturm, dort schaut man ein wenig aufs Meer. Dann geht es zurück, auf einem doch unangenehm langen Sandweg durch den Wald, meine Güte, was für ein riesiger Wald, man sieht Pilze und Riesenfarn und fürchtet, dass man sich verläuft, und endlich kommt man dann doch wieder an in Prerow, und todmüde fällt man in die Teeschale ein, ein Ende des 19. Jahrhunderts erbautes Holzhäuschchen, das zunächst ein Kolonialwarenladen war und in der DDR eine Milchbar. Da sitzt man dann, ist durchgefroren und müde, und dann isst man einen Sanddornkuchen, und, Gott, ist dieser Kuchen gut!

Teeschale Ostseebad Prerow, Waldstraße 50, 18375 Ostseebad Prerow

Der dunkle Darßer Wald. (Foto: Falk Schreiber)
Der dunkle Darßer Wald. (Foto: Falk Schreiber)

Den Herbst lässt es sich aber auch vorzüglich zu Hause zelebrieren. Nach dem anstrengenden Sommer verspürt man nicht mehr ständig den Zwang, rauszugehen. Endlich ungestört lesen, Plätzchen backen oder Teestunden abhalten.

Und jetzt: Kekse!

Dieses Video ansehen auf YouTube.

 

Les Flaneurs Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.