Flüchtlinge – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Mon, 06 Jun 2016 15:56:59 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.2 Schulz & Böhmermann – Sofagespräch #4 http://lesflaneurs.de/2016/02/01/schulz-boehmermann-sofagespraech-4/ http://lesflaneurs.de/2016/02/01/schulz-boehmermann-sofagespraech-4/#comments Mon, 01 Feb 2016 14:46:09 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7004 Es ist soweit – nach Jahren der Abstinenz sind „Roche & Böhmermann“ wieder zurück! Pardon, Frau Roche nicht, dafür macht Böhmermanns Buddelkastenfreund Olli Schulz nun mit und wer weiß, ob sich diese beiden nicht auch zerstreiten. Wir hoffen es mal nicht und verfolgen auf unserem bequemen Sofa von nun an jede Folge „Schulz & Böhmermann“. Leider ist die vierte Folge vorerst die letzte – aber sobald es weitergeht sind wir dabei und zappen in der Zwischenzeit einfach weiter. Danke für’s Lesen!

Die Gäste: Autorin Kat Kaufmann, Musikerin Sophie Hunger, der syrische Flüchtling Gheiath Hobi und der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Nikolaus Blome

Ausstrahlungsdatum: 31.01.2016

Moderatorenlaune:

Enrico: Sie kommen langsam rein. Heute ziemlich entspannt und weniger Unterbrecher als sonst.

Michael: Sie kommen rein, wenn es vorbei ist, quasi? Na ja. Sehr tagesformabhängig, die beiden Herren. Ist aber auch okay, das macht diesen Talk ja gerade nahbarer als Robotershows mit Beckmann und Konsorten.

Gästelaune:

Enrico: Ich habe keinerlei Ahnung, mit welchem Hintergrund diese Runde eigentlich zusammengestellt wurde. Kat Kaufmann war super drauf, Nikolaus Blome zwar ganz schön aalglatt – hat aber auch schlaue Dinge gesagt, für Sophie Hunger war es das falsche Format und für Gheiath Hobi die falsche Runde.

Michael: Kat Kaufmann ging mir mit ihrem pseudoprovokanten Kreativkopfgeseier vollends auf die Nerven. Wie ein hibbeliger Teenager. Sie schreibt über junge Berliner, die auf der Suche nach dem Sinn sind? Wunderbar, eine weitere Autorin, die ich für den Rest meines Lebens ignorieren kann.

Alkohol- und Zigarettenverbrauch:

Enrico: Alkohol, Kippen, Sushi, Muscheln etc. – na endlich wird die GEZ mal für was Sinnvolles genutzt. Das erinnert mich an eine Beschwerdemail, die ich letztes Jahr an die „Hart aber fair“-Redaktion schrieb, nachdem dort nach der Aufnahme ein fettes Buffet für die Gäste und Gäste der Gäste aufgeführt wurde, während der von Mahnbriefen bedrohte Fast-GEZ-Zahler nur Salzstangen und Tonic Water (ohne Gin!) bekam. Ich wurde nicht ernst genommen. Aber ich gebe nicht auf!

Marcel: Ich hab letzte Woche von Katrin Bauerfeind gelernt, dass man gleichzeitig Nichtraucher und lässig sein kann. Jetzt bin ich seit zwei Tagen rauchfrei und mir fällt jede einzelne Zigarette auf. Geht mir das als zukünftiger Nichtraucher jetzt immer so?

Michael: Es gibt Licht am Ende des Tunnels, Marcel, und das wird nicht die lodernde Flamme eines Feuerzeuges sein.

Lieblingsgesprächsfetzen:

Enrico: Jan merkt selber, dass alle locker-flockig über den Tod sprechen – Marke: Donnerstagabend-Kneipengespräch – und wendet sich an Gheiath, der da eine viel lebensnahere Perspektive hat. Das war stark! Wollte schon was Negatives aufschreiben, da grätschte Böhmi endlich rein.

Marcel: „Zuhause ist da, wo man stirbt“ (Sophie Hunger)

Michael: „Wir reden hier aus unserer mitteleuropäischen Fun-Perspektive übers Sterben …“ – „Meine Heimat ist die Mumu meiner Mutter“ – „Der Flüchtling hat die Gabel geklaut!“

Hiervon gab’s zu viel:

Enrico: Zu viele Gänge und dadurch Gelaber um’s Essen und irgendwelche Gabeln etc.

Marcel: Oberlippenbart. (+1, Enrico)

Michael: Standardflüchtlingsdiskussion. Ehrlich, in der Konstellation habe ich mir nicht gedacht, dass quasi wie bei Anne Will mit einem „echten Flüchtling“ gesprochen wird. Hier hätte ich mir mehr Details gewünscht, mehr Fragen in die Tiefe. Was für ein Mensch Gheiath Hobi ist, davon konnte ich mir kein Bild machen.

Hiervon zu wenig:

Enrico: Zu wenig Kat Kaufmann. Genau die Richtige für dieses Format. Und Jan hat Recht – beim Bücher schreiben ist sie total verschenkt. Setzt sie fest mit an den Tisch!

Michael: Du spinnst wohl, Enrico! Weg mit der! Egal: Böhmermann und Schulz sind immer auffällig zahnlos dort, wo es wirklich kontrovers wird. Fiel mir heute auf. Kein Nachhaken bei der „Pegida“-Frage an Gheiath, letztes Mal die Kapitulation gegenüber Berufsopfer Samuel Koch. In der Pause bis zur nächsten Sendung bitte am Mut arbeiten, S. und B.

Überraschung des Abends:

Enrico: Sophie Hunger unterbricht Jan, als dieser rundherum fragt, wer schon Drogen genommen hat. Erst dachte ich: Schön, dass sie ihre Genervtheit offen zeigt, denn sie wurde recht oft unterbrochen von ihm. Letzten Endes hat sie der Beantwortung der Frage aber genauso neugierig gelauscht.

Marcel: Kat Kaufmann. Kannte sie vorher nicht und fand sie extrem charmant. Das Buch kauf ich bestimmt trotzdem nicht, aber dafür folge ihr ihr vielleicht auf Instagram.

Michael: Um mehr Bilder von ihr und ihrem unschärfe gefilterten Modelboyfriend sehen zu können, Marcel? Ich werde hier wieder zum grumpy old Man, aber warum wird dieses Gespräch zur Kaufmannhuldigungsrunde?! Kann nicht bitte ein einziger Mensch hier kommentieren, den sie auch genervt hat?

Was ich noch loswerden wollte

Enrico: Was ich mit falsche Runde für Gheiath Hobi weiter oben meinte ist, dass eine Runde nur aus Flüchtlingen und Flüchtlingshelfern mehr Sinn und Gesprächsstoff geboten hätte, als dieses Flüchtlings-Gag-„Hahaha, Sophie Hunger ist aus der Schweiz geflüchtet, Kat Kaufmann aus Russland…“-Herumgeschiebe. Schade.

Michael: Warum geht es nicht direkt weiter? Mir hat jede Folge Spaß gemacht bisher. Und ich habe so viele Ideen für illustre Gesprächsrunden …

Gesamtnote

Enrico: Die Mischung war wieder nur durchschnittlich, dafür Jan und Olli weniger nervig. Ich hoffe es werden noch mehr Folgen gedreht, denn im Abspann zeigen sich beide immer ziemlich selbstreflektierend und ich denke sie wissen ganz genau, was sich wo verbessern ließe. 3

Marcel: Ja, finde ich auch. Beste Sendung, schön aufgeräumt. 2.

Michael: Schwächste Sendung, 3-, dennoch unterhaltsam. Jungs, kommt bald wieder, oder so? Vielleicht sollte ich jetzt auch mal mit diesem viel gelobten Podcast der beiden warm werden …

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Geht spazieren! http://lesflaneurs.de/2015/12/04/geht-spazieren/ http://lesflaneurs.de/2015/12/04/geht-spazieren/#respond Fri, 04 Dec 2015 09:00:35 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6586 Als Punk in einer norddeutschen Kleinstadt war Tanja van de Loo früh mit Nazis konfrontiert, seitdem lässt sie das Thema Migration nicht mehr los. Heute ist sie engagierte Aktivistin im Kampf um die Rechte Geflüchteter. Flâneur Marcel hat sich mit ihr zum Pernodtrinken verabredet und über ihre Arbeit gesprochen.

„Die Arbeit mit Refugees in Hamburg ist fast ausschließlich aktivistisch organisiert. Es ist zwar schön zu sehen, wie viel Engagement sich in einer Stadt entwickeln kann. Sozialpolitisch gesehen ist das aber natürlich eine Katastrophe“. Noch keine fünf Minuten sind vergangen, seit Tanja van de Loo mir strahlend die Tür zu ihrer Wohnung in der Sternschanze geöffnet hat. Während ich noch versuche, mich zu orientieren, habe ich schon den ersten Pernod im Glas. Es ist 18 Uhr. Tanja redet bereits über Progrome der 90er Jahre, fährt darüber zu Hochleistungen auf und mir wird klar: Das wird ein schöner, langer Abend.

Wir zünden uns eine Zigarette an. Ich will wissen, wie der Alltag einer Aktivistin aussieht, wenn es so etwas überhaupt gibt. „Viele Menschen arbeiten in der Kleiderkammer, geben Deutschkurse, organisieren Chöre, Fußballspiele und sowas. Ich sitze meistens am Rechner und am Telefon, beschäftige mich mit Organisation und Recherche und versuche, Menschen zueinander zu bringen“, erzählt sie. Sie legt wert darauf, keine Helferin zu sein. „Das klingt zu paternalistisch. Mein Job ist Empowerment“.

Sie erzählt mir von den Organisationen, in denen sie aktiv ist. Vom Bündnis „Recht auf Stadt – Never mind the papers“, das für Rechte unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Aufenthaltsstatus eintrete, darunter das Recht auf Arbeit, menschenwürdiges Wohnen, Gesundheitsversorgung und das Bleiberecht. „Wir kämpfen für eine Stadt, in der alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben“. Die Initiative „Refugees Welcome Karoviertel“ gründete sich ursprünglich zur Organisation der Hilfe rund um die Erstaufnahmeeinrichtung in den Messehallen. „Seit Ende September wohnen dort zwar keine Geflüchteten mehr, die Initiative mit zahlreichen Arbeitsgruppen ist seit ihrer Gründung vor gut drei Monaten aber so gut vernetzt, dass sie in der ganzen Stadt aktiv ist“.

Foto: Rasande Tyskar
Foto: Rasande Tyskar

Auch wenn es ihr nicht immer gelinge, eine gesunde Balance zwischen ihrem Engagement (pro bono, versteht sich) und ihrem Brotjob als Grafikerin zu halten, scheint sich beides gegenseitig zu befruchten und ineinander zu fließen. „Ich beschäftige mich seit Jahren mit Bildpolitiken und Ikonographie, mache Grafiken für Demos und sowas. Dabei lege ich immer großen Wert auf Barrierefreiheit und Universalität“. Sie zeigt mir ein Plakat, das sie im Zuge einer Demonstration gestaltet hat. Darauf fliegen mehrere origamigeformte Vögel über arabische Schriftzeilen. Ein stärkeres Bild für Freiheit und Papierlosigkeit fällt mir nicht ein.

Von Harburg in die Containerstadt

Das zweite Glas Pernod. Ich lasse mir den bürokratischen Ablauf erklären, den jede_r Asylsuchende in Hamburg durchlaufen muss. Zuerst meldet sich der/die Ankommende in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Harburg und wird daraufhin einer Erstunterkunft zugeteilt. In der Regel sind das Camps oder leerstehende, von der Stadt gekaufte Baumärkte. In der Unterkunft wird der/die Geflüchtete von einem mobilen Team registriert. Erst jetzt ist es ihm/ihr erlaubt, einen Asylantrag zu stellen. Wurde dieser geprüft, folgt ein persönliches Interview mit der Behörde, indem genau begründet werden muss, warum Asyl gewährt werden sollte.

Zwischen diesen Etappen liegen oft viele Monate. Eine endlose Zeit der Ungewissheit, die jede_r Einzelne gemeinsam mit vielen fremden Menschen auf engstem Raum und unter schlechtesten Bedingungen verbringt. Theoretisch soll eine Person nach drei Monaten aus der Erst- in eine der aktuell 18 Folgeunterkünfte im Raum Hamburg verlegt werden. Wegen des großen Aufkommens kann ein Umzug mittlerweile aber bis zu sechs Monate dauern. Die Folgeunterkünfte sind qualitativ sehr unterschiedlich, meist handelt es sich dabei um Container-Städte. „Der Vorteil von Containern ist natürlich, dass man dort mit weniger Menschen in einem Raum schlafen muss als in einem Baumarkt“, erzählt Tanja. In Neugraben soll ein ganzer Stadtteil mit Folgeunterkünften entstehen. „Ein Ghetto! Mit Teilhabe hat das nicht viel zu tun“.

Foto: Rasande Tyskar
Foto: Rasande Tyskar

„Mit etwas weniger Bürokratie könnte man den großen Leerstand der Stadt nutzen und einen Großteil der Menschen einigermaßen vernünftig unterbringen“, glaubt Tanja. Sie hält die Unterbringungspolitik aber auch ein Stück weit für Kalkül. „Wenn Politiker_innen von ‚Versagen der Behörden’ sprechen, dann klingt das für mich fast schon euphemistisch. Die aktuelle Situation der Refugees in Hamburg produziert mächtige Bilder, mit denen sehr leicht politisch operiert werden kann. Die Bilder schreien: ‚Kommt bloß nicht hierher! Hier müssen alle in Zelten hausen’. In einem neoliberalen System kann es sehr nützlich sein, entrechtete Menschen zu haben“.

Jeder hat das Recht, nicht zu helfen

Pernod Nummer drei. Dass es momentan einen rechten Backlash gibt, ist für Tanja klar. „Paris hat diese Entwicklung jetzt um vier Monate nach vorne gebombt“. Umso wichtiger scheint es, sich klar zu positionieren. Ich möchte wissen, was ich konkret tun kann, außer meinen Kleiderschrank auszumisten. „Die komplette Organisation für Refugee-Hilfsprojekte läuft über Facebook. Im Grunde kann man jede Idee einfach in eine dieser ganzen Gruppen (zum Beispiel dieser) posten. Erfahrungsgemäß finden sich schnell Mitstreiter_innen für Projekte. Egal ob Grillfest, Tanzkurs oder gemeinsames Basteln. Worauf man eben Bock hat“. Auch auf der Seite Refugees Welcome Karoviertel werden immer wieder Projekte vorgestellt, bei denen man sich einbringen kann. Gerade Angebote für Teenies und LGBTQI-Menschen würden aktuell dringend gesucht.

„Es ist auch immer total hilfreich, Menschen über Nacht mit nach Hause zu nehmen. Man kann sich wohl ganz gut vorstellen, wie wertvoll es ist, eine Nacht ungestört und trocken zu schlafen“. Sollte man sich dafür entscheiden, kann man sich direkt an die nächstliegende Unterkunft wenden. Dabei ist es aber wichtig zu wissen, dass die Refugees verpflichtet sind, sich einmal täglich in ihrer Unterkunft zu melden. Ansonsten gefährden sie ihre Chance auf Asyl. „Wenn man sich nicht selbst engagieren kann oder möchte, sind Geldspenden natürlich auch immer gut“, schiebt Tanja hinterher. „Aber als Person hat auch jeder das Recht, nicht zu helfen. Der Staat hat dieses Recht nicht“. Darauf erheben wir das vierte Glas.

In was für einer Stadt wollen wir leben?

Tanja sieht ihr Engagement nicht in erster Linie als Hilfe an. „Ich mache das vor allem auch für mich selbst. Mein Freundeskreis besteht nur aus Kartoffeln, Deutschen, alle ähnlich sozialisiert, der reinste Kartoffelsalat. Das ist doch total langweilig!“ Sie will ihren Musikgeschmack öffnen, neues Essen essen, Dinge ausprobieren und Menschen kennenlernen. „Ich gehe zum Fastenbrechen, mit einem Bier in der Hand. Das mag provokant klingen, aber ich bin überzeugt davon, dass Menschenkennenlernen immer auch bedeutet, Aushandlungsprozesse einzugehen“. Ihr Tipp: „Geht spazieren! Sprecht mit Menschen! Schaut euch eure Stadt an und fragt euch: Wie wollen wir leben?“

Alle Fotos: Rasande Tyskar (flickr.com), entstanden im Rahmen der Demonstration „Refugees Welcome heißt gleiches Recht für alle“ am 14.11.2015 in Hamburg.

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Wer darf reden, wer hört zu? http://lesflaneurs.de/2015/11/17/wer-darf-reden-wer-hoert-zu/ http://lesflaneurs.de/2015/11/17/wer-darf-reden-wer-hoert-zu/#respond Tue, 17 Nov 2015 09:31:56 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6465 Von Weitem höre ich Menschen wild durcheinander rufen, megafonverzerrte Stimmen erheben sich über laute Menschenmengen und halten Ansprachen. Motorenlärm, Rauschen. Je näher ich dem Gorki Theater komme, desto klarer kann ich erkennen, woher die Geräusche kommen: Auf dem Vorplatz ist eine Videoinstallation mit verschiedenen Bildschirmen aufgebaut, auf denen parallel Videos gespielt werden. Ich bleibe vor dem ersten Bildschirm stehen. Ein Kleinkind liegt mit dem Gesicht im Sand am Strand, Welle um Welle umspült den leblosen Körper. Ich starre eine Weile das leere Gesicht des Kindes an. Alles, was mir gerade noch im Kopf herumging, ist weggewischt.

Zum zweiten Mal findet am Berliner Maxim Gorki Theater der zweiwöchige Herbstsalon mit Gastspielen, Performances, Gesprächen und Vorträgen statt. Während 2013 Fragen zu Identität, Nation und Herkunft verhandelt wurden, liegt dieses Jahr der Fokus auf dem Thema Flucht nach Deutschland und Berlin und den daraus resultierenden Fragen an die Bevölkerung. Eine umfangreiche Ausstellung zieht sich durch die Hallen des Gorkis und des Palais am Festungsgraben. In den, in diesem Kontext, schon fast ironisch prunkvollen Räumen werden Arbeiten von mehr als 25 Künstlern verschiedenster Medien ausgestellt. Viele Werke schaffen stille Momente der Fassungslosigkeit – so auch die Videoarbeit vom Zentrum für politische Schönheit des toten Jungen am Strand, das mich zu Beginn überrumpelte.

Überforderung und Fassungslosigkeit

Leon Kahane stellt einen senegalesischen Aufklärungscomic über Migration großformatigen Fotografien der gespenstisch leeren Büroräume der Warschauer Zentrale von Frontex gegenüber. In der meterlangen Wandarbeit „Dead Souls“ zeichnet Marina Naprushkina das Verhältnis von deutschem Export und Asylpolitik der letzten 35 Jahre nach. Gleichzeitig liegt mit ihrer „Refugee’s library ein Archiv von Gerichtsprotokollen bereit, das Anhörungen von Asylsuchenden nachzeichnet. Ein Archiv in zahlreichen Heften, das als Informationsquelle zur Vorbereitung der Geflüchteten auf eine eigene Anhörung dient. Im Nebenraum stellen drei mannshohe Glasvitrinen verschiedene zurückgelassene Objekte aus, die Menschen auf ihren lebensgefährlichen Überfahrten in Booten bei sich trugen. Thomas Kilpper und Massimo Ricciardo machen daraus Relikte unvorstellbarer Reisen: ein durch Wasserflecken gewelltes Sammelbild der heiligen Maria, ungeöffnete Thunfischdosen, Zigarettenschachteln, abgegriffene Taschenmesser, ein Fernglas, eine zerschlissene Landkarte des Mittelmeerraumes, verrostete Schlüsselanhänger, selbst ein Ehering. Jedes der Objekte fordert dazu auf, sich seine Besitzer vorzustellen.

Im Herzstück des Ausstellungsparcours finde ich mich im Ballsaal des Palais zwischen einer Flut von Bildern und Texten wieder – Bestandteile der wachsenden Wanderausstellung „We will rise“ von einem Kollektiv der Berliner Flüchtlingsbewegung. All das Text- und Bildmaterial schreit mich förmlich an, Flyer regnen an dünnen Drahtseilen von der Decke herunter, an den Wänden hängen Poster, die Tage eines Hungerstreikes zählen. Mitten im Raum steht eine Sperrholzwand, jeder Meter ist Teil eines riesigen Zeitstrahls der Eskalationsetappen seit 2013. Eine gefühlte Ewigkeit bewege ich mich zentimeterweise durch den Raum, nehme auf, was ich kann, bis ich schließlich voller Eindrücke das Treppenhaus hinuntertaumele. Im Studio Я beginnt gleich der erste Vortrag der Kosmos² Labor-Reihe.

Es gibt keinen neutralen Diskurs

Die zehnteilige Veranstaltungsreihe, kuratiert von der Autorin, Theoretikerin und interdisziplinären Künstlerin Grada Kilomba, nähert sich mit Lecture-Performances, Filmen und Artist Talks den Fragen um die Dekolonialisierung von Wissen an. Es geht darum, wie Wissen produziert und ausgetauscht wird: Wer hat Zugang zum Wissen, wer darf reden, wer hört zu? Der Abend ist ein Ideen-Labor, eine Schutzzone des Austausches. In ihrer einstündigen Lecture-Performance spannt Kilomba einen unglaublich komplexen und emotionalen Bogen zwischen Kolonialgeschichte, Rassismus in Europa, Erkenntnistheorie, Psychologie und der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Kollision dieser Welten. Ein Geflecht von philosophischen Fragen und biografischen Erzählungen. Im einen Moment folgen wir den theoretischen Überlegungen zur Hautfarbe, die jedem einen Platz in der Hierarchie der Welt zuteilt. Im nächsten Moment stellen wir uns den Begriffen Verdrängung, Erinnerung und Trauma. „What do you have to pay to tell the truth? When I speak, what is it, that you don’t hear?“ Viele Fragen hallen lange im Raum nach.

Kilomba entlässt uns mit der Aussage: „Think about this: we all speak from a specific time and a specific space. There is no neutral discourse.“ Mit diesem Gedanken durchwandere ich geistig noch einmal die Ausstellung, die so viele unterschiedliche Positionen zusammenbringt.

Es gibt keinen neutralen Diskurs. Die Flucht nach Europa ist das beste Beispiel dafür. Der Verhandlungsort Herbstsalon schafft Raum, um sich diesem Diskurs gemeinsam zu stellen. Oft fiel das Wort „zuhören“ – ein Zuhören, das wir im Rausch der vorschnellen Meinungen in diesen Zeiten verlernt haben. Ungefiltert, ununterbrochen jemandem zuhören, der seine Geschichte erzählt.

Im Garten der Lüste

Für die nächsten zwei Wochen kann man außerdem fast täglich an der partizipativen Performance  „Garden of Delights“ der Gruppe Talking Straight teilnehmen. Die 45-minütige Führung wird ausschließlich in einer sehr beeindruckenden Fantasiesprache performt, in der die Gruppe um Daniel Cremer seit 2010 schon Managementseminare, Gottesdienste und Stadtführungen abhält. Die Teilnehmer folgen den zwei, mal charmanten mal unheimlichen Performern durch und um das Theater als Teil eines Willkommenskurses. Oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll und das ist gut so. Subtil und pointiert wird der opulente Humor der Darsteller und die bizarren Situation, in die wir als Teilnehmer geworfen werden, mit dem bitteren Kontext der europäischen Grenzpolitik gebrochen. Nachdem schlussendlich einige Glückliche mit Frontex-Vertragspapieren um das Willkommensschild im Versammlungsraum tanzen, zerteilt sich auf der Leinwand ein Europa, im Zeitraffer seit dem 12. Jahrhundert, rasend schnell in immer neue Teppichflicken. Ich könnte am Ende der Performance kaum dankbarer für die Erfahrung sein, nichts zu verstehen und trotzdem immer wieder zum Verstehen Anlauf zu nehmen.

Der Berliner Herbstsalon im Maxim Gorki Theater findet noch bis zum 29. November in Berlin statt, das nächste Kosmos² Labor gibt es am 22. November um 18 Uhr. Viele Veranstaltungen sind kostenfrei besuchbar.


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Tanz mir Heidenau! http://lesflaneurs.de/2015/09/07/tanz-mir-heidenau/ http://lesflaneurs.de/2015/09/07/tanz-mir-heidenau/#respond Mon, 07 Sep 2015 06:53:16 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6173 Glitsch und Pose. Nicht in die Kamera gucken. Mehr Glitsch, mehr Pose, aber NICHT in die Kamera gucken. Xenia, gespielt von Anastasia Gubareva, versteht nicht, wie ihr geschieht, sie findet sich in einer Art Gameshow der Vergebung wieder, in der sich ein genial fuchtelnder Till Wonka als gegelter, kamerageiler Moderator über die Bühne des Gorki Studios ejakuliert. Aus blauen Plastikflaschen spritzt er eine sämig weiße Masse über drei Meter Entfernung auf die verwirrte Xenia. Eigentlich wollte sie doch nur zu einem Casting für politischen Tanz in der postmigrantischen Gesellschaft, plötzlich findet sie sich hier wieder, mit der Plastikflasche verzweifelt auf Kasim einschlagend. „Tanz mir Heidenau!“ schreit sie, und Mehmet Yılmaz mit Jesusgedächtnisfrisur versucht sein Bestes, dass es nach allen Seiten nur so spritzt. Vom YouTube-Tagebuch bis zum Topthema Flüchtlinge wird alles durch den Glitsch gezogen. Das Niveau rutscht dabei oft nah am Abgrund entlang – doch der Glitsch-Gott triumphiert. Erdacht hat sich das schleimige Treiben Gerasimos Bekas, inszeniert hat es Sapir Heller. Mit „Glitsch-Gott die Erlösung“ liefern sie eines der drei Kurzstücke, die an diesem Abend im Rahmen von „New Voices: The Judgement Day“ im Studio Я als Uraufführungen zu sehen sind.

Fotos: Stefan Löber, © Stefan Löber
Nicolas Streit in „Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht“ (Foto: © Stefan Löber)

Die Reihe „New Voices“ gibt jungen Talenten eine Bühne, um Experimente zu wagen und neue Blickwinkel einzunehmen. In der ersten Premiere der Spielzeit im Studio Я hinterfragen sie die Zukunft vor dem Schatten der Gegenwart, erzählen von globalen und privaten Krisen. Letzteren widmet sich „Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht“ von Jayrôme C. Robinet, der sich selbst als „gender fluid mit Variationshintergrund“ bezeichnet. Er skizziert die Geschichte einer Frau, die ihren Eltern zum ersten Mal als Mann entgegentreten wird. Der Autor und Spoken-Word-Künstler schickt an diesem Abend Schauspieler Nicolas Streit vor, die Anekdoten von Wut und Angst und Identität zu erzählen. Auf einer 13-stündigen-Zugfahrt bleibt genug Zeit dafür. Auch für die unangenehmen Fragen, die das Publikum eher zaghaft beantwortet. Pınar Karabulut lässt Nicolas Streit amüsant über die Bühne funkeln. Das zweite Stück des Abends geht jedoch im Vergleich zu der Lautstärke des Glitsch-Gottes und der Gewalt des Gerichtshofes ein wenig unter.

Fotos: Stefan Löber, © Stefan Löber
Ein Chor klagt an. (Foto: © Stefan Löber)

Das stärkste und zugleich verstörendste Bild schafft das erste Stück des Abends: „Ein Requiem deutscher Gerichtssprachen“. Schwere Vorwürfe liegen in der Luft, während Paragraphen unter dem kalten Licht der Neonröhren schwirren. Zurechnungsfähigkeit. Begehungsdelikte. Garantenstellung. Ketten-Ingerenz. In wilder Wortaneinanderreihung fliegen juristische Vokabeln als endloser Schwall bedeutungsverheißender Rhetorik durch die Luft, werden gehört und doch nicht begriffen, lassen die nachfolgende Stille wie eine Erlösung wirken – und sei es nur für einen Sekundenbruchteil. Der Zuschauer ist ausgeliefert, allein gegenüber einem Chor, unmächtig und ohnmächtig seiner Stärke gegenüber. Versteckt unter weißblonden Rokokoperücken lauern die Ankläger und Verteidiger. Die schrille Stimmenüberlagerung des Chores treibt das Unbehagen voran, die Musik von Max Andrzejewski liefert die treibenden Klänge dazu. Auf kluge Art demonstriert der Text von Thomaspeter Goergen das Paradox einer anderen Sprache, die Konstitution einer anderen Perspektive auf die Welt. Ersan Mondtag wählt ein gewaltig schlichtes, statisches Setting, das dem Chor und dem Text seinen Raum lässt. Im Dickicht der juristischen Unverständlichkeit klammert sich das Ohr des Laien an bekannte Worte. Flüchtlingspolitik. Sterben an den Grenzen. Aberkennung des Menschenrechtes. Frontex. Die Bundesanwaltschaft bringt die Verbrechen der Gegenwart vor Gericht, während die Verteidigung das laienhafte Verständnis der Gerechtigkeit anklagt. In einer perfiden Rhetorik der Verallgemeinerung nehmen die Verteidiger jedem Nicht-Juristen die Grundlage, zu urteilen. Rechtsempfinden habe schließlich nichts mit Recht zu tun. Der Zuschauer bleibt machtlos und entkräftet zurück. Ein anstrengend wie geniales Stück.

Das Studio Я verspricht für die Spielzeit einen radikalen Blickwinkel auf Themen wie Class, Race und Gender. Mit „New Voices: The Judgement Day“ ist ein experimentierfreudiger Einstieg gelungen.

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Sturm & Drang in Kreuzberg http://lesflaneurs.de/2014/12/05/sturm-drang-in-kreuzberg/ http://lesflaneurs.de/2014/12/05/sturm-drang-in-kreuzberg/#respond Fri, 05 Dec 2014 09:38:54 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4811 Ein paar Touristen testen ihr erstes deutsches Bier, lachen, und biegen in die Oranienstraße ab. Eine Gemüsespur auf dem Fußweg verrät zwei frische Falafel-Esser, während sich zwei Trunkenbolde, die täglich hinter’m U-Bahn-Kiosk auf dem Mittelstreifen herumsitzen, unverständliches Zeug entgegen brüllen. Derweil spuckt die U1 eine weitere Hundertschaft abenteuerlustiger Menschen am Görlitzer Bahnhof aus. An der Treppe wird es eng. Ein halbes Dutzend Dealer reiht sich dort auf und bietet ein bisschen extra Spaß an. Ich schließe mein Fenster ein letztes Mal, die Stimmen verstummen, morgen ist Umzugstag.

Görlitzer Park
Die Ruhe vor dem Sturm – der Görlitzer Park in Kreuzberg

Vier Monate ist es nun her, dass ich Kreuzberg verlassen habe. Damals hätte ich mich dem Bezirksamt als Orakel anbieten und ihnen sagen sollen, dass die Situation am Görlitzer Bahnhof ebenso eskalieren wird wie am und im Görlitzer Park. Vor drei Wochen die Bestätigung: Ein Barbesitzer, der laut eigener Aussage in den letzten Monaten über 70x wegen der Dealerei vor seiner Bartür die Polizei rief, griff zu einem Messer. Zwei polizeibekannte Dealer wurden niedergestochen, wenige Stunden später wurde aus Rache das Lokal des Barbesitzers verwüstet und versucht, dieses in Brand zu stecken. Die Bar ist nur wenige Häuser von meiner ehemaligen WG entfernt. Ich klappe die Zeitung zu und fühle nur Verwunderung darüber, dass diese Eskalation Menschen überrascht. Drogen, Blut und Sirenen sind schon längst Alltag geworden.

Wenn eine grüne Bezirksregierung lieber an ihre Ideologie statt an grauen Realismus glaubt – und sowohl Augen als auch Ohren verschließt, fühlen sich die dort wohnenden Menschen irgendwann auf sich alleine gestellt. Die Bezirksbürgermeisterin ratlos, die Polizei kraftlos und die Dealer sorglos. Vom Park breiteten sie sich besonders in diesem Jahr in die umliegenden Straßen aus, vergruben ihre Ware in Hinterhöfen und schauten schon gar nicht mehr auf, wenn die Polizei vorbeifuhr. Am Ende waren es nicht mehr ein halbes Dutzend, sondern fast zwei Dutzend Dealer, die regelmäßig an der schmalen U-Bahn-Treppe standen. Die Anzahl ist wichtig, um den Druck zu verstehen, unter denen der Barbesitzer ebenso gestanden hat wie die Dealer.

Es ist natürlich leicht, an dieser Stelle mit einem großen ABER zu kommen, die Herkunft der Dealer ins Spiel zu bringen, welche zumeist Flüchtlinge ohne Arbeitserlaubnis sind, oder das rasant wachsende Angebot mit der Nachfrage eines Party- und Szenebezirks zu begründen und über einen Coffeeshop als Ersatz zu diskutieren. Doch diese Reaktion schließt immer mindestens eine Fraktion aus, um eine andere in den Fokus zu rücken. Die eigene Meinung baut somit vorrangig auf der Schwächung einer anderen. Dabei könnte das Bezirksamt einfach mal einen Bezirk weiter schauen, statt den Kopf auf der Suche nach Drogenverstecken in den Spielkastensand zu stecken. Im Weinbergspark in Mitte gab es vor wenigen Jahren das gleiche Problem. Da die Mühlen der Politik langsam mahlten, nahmen die Anwohner und Anwohnerinnen die Sache selbst in die Hand – und gründeten eine Bürgerinitiative, aus der später ein Runder Tisch entstand. Der Park wurde mit öffentlichen Geldern modernisiert und ist heute fast drogenfrei.

Das Problem damals: Am Tisch blieb ein Platz frei. Mit den Dealern wurde nie offen gesprochen. Sie sollten einfach weg – aus den Augen, aus dem Sinn. Erst mit dem medialen Auftreten der Flüchtlingsproteste und Kundgebungen zum Thema Asylrecht wurde in den letzten beiden Jahren eine Sensibilisierung dafür geschaffen, dass nur die wenigsten Flüchtlinge aus freien Stücken zum Dealer werden – wenn sie überhaupt als Dealer anfangen. Der besser betuchte deutsche Dealer, der seine Geschäfte von zu Hause aus erledigen kann, fällt eben weniger auf. Aber er ist da. Ebenso wie die Käufer aus allen gesellschaftlichen Schichten da sind. Keine Gruppe wird einfach so verschwinden.

An dieser Stelle könnte die Kreuzberger Bürgermeisterin Frau Herrmann neue Impulse geben – den grünen Geist, der damals so revolutionär war, aufleben lassen, und zum ersten Mal ALLE Beteiligten an einen Tisch versammeln. Nicht von oben nach unten sprechen, sondern von links nach rechts. Dabei müssen sowohl Anwohner als auch Dealer, Deutsche und Flüchtlinge, Verkäufer und Käufer als das begriffen werden, was sie sind: Menschen. Menschen mit einer Geschichte. Und diese will gehört werden.

P.S.: Nicht die Dealer zwangen mich am Ende zum Auszug, sondern eine unfähige bis gierige Hausverwaltung. Aber das ist eine andere Kreuzberger Geschichte.

Foto-Copyright: Jörg Kantel – flickr.com (unter Verwendung der CC-Lizenz)

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Die kommende Frage http://lesflaneurs.de/2014/07/01/die-kommende-frage/ http://lesflaneurs.de/2014/07/01/die-kommende-frage/#respond Tue, 01 Jul 2014 08:34:30 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3966 Als vor ein paar Wochen der Film „Die kommenden Tage“ über meinen Bildschirm flimmerte, blieb nur wenig im Gedächtnis. Zu ärgerlich war die bieder-deutsche Filmdramatik mit ihren Rollenklischees und Baukastenemotionen. Was allerdings im Kopf blieb, war die Geschichte: Die Europäische Union zerbrochen, Deutschlands Grenzen geschlossen, und in den Alpen ragte eine Mauer zur Abwehr von Flüchtlingen auf. Während der fast ein Jahrzehnt umfassenden Filmhandlung wandelte sich Berlin ganz langsam zum Großstadtslum mit Zeltstädten, Gewalt und Armut. Eine schockierende Nachricht für Rechtspopulisten – kommt hier doch der Verfall nicht von außen, sondern von innen. Deutschland schafft sich selbst ab.

Absperrung in Berlin Kreuzberg ©mw238 - flickr.com
Ein Bezirk im Ausnahmezustand. ©mw238 – flickr.com

In Berlin basteln derzeit viele Politiker fleißig daran, dieses fiktionale Szenario in die Tat umzusetzen. Als im Frühjahr 2012 nach deutschlandweiten Protesten ein Flüchtlingscamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz entstand, hofften die Verantwortlichen im Bezirk noch, der Protest würde sich selbst überdauern und abflauen. Als davon nichts zu sehen war und der Winter kam, machte man Zugeständnisse in Form einer leerstehenden Schule, die als Quartier dienen und später zurückgegeben werden sollte. Doch es kam anders – Camp und Schule blieben, immer mehr Menschen kamen nach, und die kleine Zeltstadt wurde zur Dauerlösung. Bezirk und Senat schoben sich gegenseitig die Verantwortung und Zuständigkeit zu, wodurch es ein weiteres Jahr dauerte, bis die Flüchtlinge vom Oranienplatz mit einem gemeinsam ausgehandelten Vertrag zum Abbau der Zelte bewegt wurden. Was offiziell als Sieg der Kommunikation und des Miteinander gefeiert wurde, war in Wahrheit ein gesäuseltes Lügenmärchen. Mit falschen Versprechungen wurde ein Keil zwischen die Flüchtlinge getrieben, was zur Folge hatte, dass ein Teil der Flüchtlinge dem Anderen die Zelte kaputtmachte. Besser hätte es für die verantwortlichen Politiker nicht laufen können. Man musste nur sparsam Polizei einsetzen und verhinderte somit einen größeren Aufruhr in der Bevölkerung. Problem erledigt.

Nun dachten sich ein paar schlaue Menschen, dass dieser nette Trick in der Schule genauso funktionieren würde und alle Bewohner des Hauses den Vertrag dankend unterzeichnen würden. So erschienen letzten Dienstag ungefähr 900 Polizisten im Umfeld der Schule, sperrten einen ganzen Block ab und sicherten so die angekündigte „freiwillige Räumung“. Dieses Paradoxon ließ viel Raum für Interpretationen und sorgte zurecht für Skepsis seitens der Unterstützer. Nachdem über den Tag verteilt gut 200 Menschen das Haus verlassen hatten, sammelte sich ein harter Kern auf dem Dach und verbarrikadierte sich im Gebäude. Sie drohten damit, sich vom Dach der Schule zu stürzen, denn sie wussten ganz genau darüber Bescheid, dass die vorgelegte Lösung eine Mogelpackung war und von den Oranienplatz-Besetzern einige schon wieder in ihre Lager zurückgeschickt wurden. Und so eskalierte, was eskalieren musste. An den Straßenbarrieren sammelten sich Unterstützer, die Stimmung heizte sich auf, und es gab immer wieder Reibereien mit der Polizei – nachzulesen in einer Zusammenfassung der Vice. Zur besseren Kontrolle der Lage wurde dann mal eben die Presse- und Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Ausnahmsweise mal nicht nur für Flüchtlinge – sondern direkt für alle. Gleiches Unrecht für alle.

Nun ist Tag 7 der Belagerung der Gerhard-Hauptmann-Schule, und mit jedem Tag wächst die Wut gegen die Flüchtlingspolitik des Landes und – leider auch – gegen die Flüchtlinge selbst. Ein Blick auf den Twitter-Hashtag #ohlauer gibt einen guten Querschnitt über das simple Gedankengut einiger Mitmenschen. Endlich kann wieder der Alltagsrassismus ausgepackt und über die dreisten „Neger“ berichtet werden, die sich Sozialleistungen erschleichen wollen und natürlich aus reiner Boshaftigkeit den Tod auf dem Mittelmeer in Kauf genommen haben. Solche Aussagen werden von einem Innensenator der CDU forciert, der seit zwei Jahren nichts anderes tut als mit Polizeigewalt zu drohen und dies als einzige Lösung anzubieten. Ebenso von einer Bezirksbürgermeisterin der Grünen, die, statt aktiv an einer Lösung mitzuarbeiten, einfach nur alles (er)duldete. Und zu guter Letzt von einer Senatorin für Integration der SPD, die einen Vertrag mit den Flüchtlingen aushandelt, der nicht funktioniert, und sich dafür noch als Schlichterin feiern lässt. Die gesamte regierende Politikerkaste ist so sehr mit Nabelschau beschäftigt, dass eines dabei zu kurz kommt: der Mensch.

Unterstützt wird diese Entwicklung von einer selbstzufriedenen Anarchistenszene und Linksgruppierungen, die es in 2 Jahren nicht geschafft haben, ihren Protest für die Rechte der Flüchtlinge in die Mitte der linken Gesellschaft zu tragen und dort zu verankern. Stattdessen wurden die üblichen Klischeekämpfe geführt, man schimpfte über die Bullen und diesen scheiß Staat … der aber doch bitte Flüchtlinge aufnehmen solle. Anstatt die Polizisten als einzelne Menschen zu begreifen, die vielleicht selber Probleme mit ihrem Einsatz haben, wird lieber Imagepflege betrieben. Wer solche Barrikaden im Kopf hat, kann keine anderen einreißen. Das soll weder den übertriebenen Polizeieinsatz noch das (rassistische) Fehlverhalten einiger Polizisten rechtfertigen, aber ein Generalverdacht hilft niemandem. Denn der kann genauso gut in die eigene Richtung schlagen. Anstatt nun die vergangenen Jahre und Jahrzehnte dafür zu nutzen, selber demokratisch eine menschenfreundliche Politik um- und durchzusetzen, sich in einer Partei zu engagieren oder sogar eine eigene zu gründen, hat man sich lieber mit dem Aufrechterhalten alter Feindbilder beschäftigt. Und damit dazu beigetragen, dass viele Menschen in der Stadt dem Flüchtlingsprotest kritisch gegenüberstehen, obwohl sie einer Aufnahme der Flüchtlinge eigentlich positiv gegenüberstehen. Der lauteste Teil der Unterstützer hat den Flüchtlingen somit ihren Stempel aufgedrückt – und dies war kein guter.

Wie kann also moderner, gesunder Protest aussehen? Am Ende zeigten weder leere Politikerparolen, noch Gebrabbel von Kopfnazis oder Antifa-Geschrei die Richtung an, in der eine gemeinsame Zukunft liegt. Es waren die umliegenden Anwohner der Schule – Familien, Studenten, Rentner, Kinder – die am Montagabend gemeinsam kochten, musizierten und Federball über die Barrikaden hinweg spielten –  und mit ihrem radikalen Frieden eine Brücke zur Zukunft schlugen. Als ich das sah, musste ich schmunzeln … und dann war sie weg, die Angst vor den kommenden Tagen.

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TEDx Hamburg (1): Freiheit, Grünheit, Menschlichkeit http://lesflaneurs.de/2014/04/02/tedx-hamburg-1-freiheit-gruenheit-menschlichkeit/ http://lesflaneurs.de/2014/04/02/tedx-hamburg-1-freiheit-gruenheit-menschlichkeit/#comments Wed, 02 Apr 2014 09:33:54 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3395 Gestern war ich auf meiner ersten TEDx-Veranstaltung. Das Thema „Urban Connectors“ klang vielversprechend, ebenso die Sprecher, aber ein wenig Skepsis blieb meinerseits bestehen. Für mich ist das TED-Format mittlerweile leider ein Synonym für eine schöne Reden schwingende Elite. Amerikanisch, gekünstelt emotional, oft oberflächlich.

Umso schöner, dass ich gestern in Hamburg zum Teil eines Besseren belehrt wurde. Denn es wurde durchaus tiefgründig, ergreifend und tatsächlich auch inspirierend, wie es das Format ja sein will. Die meisten Projekte, die vorgestellt wurden, gehörten doch zu denen, die Hoffnung machen. Darauf, dass auch die positiven Seiten der Vernetzung zum Tragen kommen, jenseits von Überwachung und auch jenseits vom Internet selbst.

Für mich haben sich im Laufe des Tages vier inhaltliche Schwerpunkte herauskristallisiert.

Menschlichkeit

Nicht nur einmal war die Rede von „Dignity“, Menschenwürde. Vor allem im letzten Track des Tages, in den Talks von Kilian Kleinschmidt und Erine Gray.

„We don’t need help. Until we need it.“

Erine Gray erzählte im Talk „Human Services Traffic Jam“ von seiner Mutter, die unerwartet ein Pflegefall wurde, und von dem Dschungel aus möglichen Sozialleistungen, mit dem er konfrontiert wurde. Über 95% der sozialen Hilfsangebote in seiner Heimatstadt in den USA stammen von NGOs, nur 5% sind staatlich. Welche für einen infrage kommen, muss man selbst herausfinden. Um diesen Prozess zu erleichtern, rief er eine Suchmaschine für Sozialleistungen ins Leben. Die hilft Leuten mittlerweile nicht mehr nur bei der Suche, sondern verbessert durch ihre Insights, zum Beispiel den Vergleich abgefragter Angebote mit dem tatsächlichen Angebot, auch die Services selbst. Sein abschließender Rat:

In eine ähnliche Richtung ging der beeindruckende letzte Talk des Tages von Kilian Kleinschmidt, der das größte Flüchtlingscamp für Syrer mit 100.000 Flüchtlingen leitet. Kilian selbst sprach vom Camp nur als „Monster“ – und das, obwohl es laut seiner Aussage eines der Camps ist, wo man Dank guter Infrastruktur rechtzeitig mit allen lebensnotwendigen Dingen – Wasser, Nahrung, Unterkunft – vor Ort war. Aber Kilian wurde aus anderen Gründen berufen: Die Flüchtlinge attackierten täglich Helfer, einer starb sogar. Warum?

„Wir haben einen Standardprozess angewendet“, so Kilian. 2 000 Kalorien mal x, 50 000 Zelte durch y, aber eines hätten sie vergessen: dass da Menschen leben. Menschen, die gerade alles verloren haben und die sich ihre eigene Stadt aus der standardisierten Zeltwüste bauten – mit allen Machtkämpfen und all der Kriminalität, die da ins Spiel kommen. Was Kilian dann machte: sich die Geschichten der Leute anhören, sich austauschen, externe Partner wie die Stadt Amsterdam mit ins Boot holen – und den Flüchtlingen ein Stück Menschenwürde zurückgeben. So werden die Nahrungsmittel im Camp nicht mehr verteilt, und die Flüchtlinge müssen darum betteln – nein, sie erhalten Wertmarken, mit denen sie in eigens eingerichteten Supermärkten einkaufen gehen können.

Grünheit

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Bei Anja Fiedler, die Johanna bereits interviewt hat und die über ihr Projekt „Stadt macht satt“ berichtet hat, hat mir gefallen, wie sie in ihrer Präsentation das auf Perfektion regulierte Gemüse aus dem Supermarkt mit Supermodels verglich und die krummen Gemüsesorten als Charaktere mit Makel personifizierte. Fiedler geht beispielsweise mit Kindern auf „Ernte“ durch die Stadt und besorgt aussortiertes Gemüse oder Brotreste oder pflanzt etwas im Community Garden an. Anschließend wird das Gemüse dann gemeinsam verkocht. Besonders schön findet sie es, wenn die Kinder anfangen, die Erwachsenen zu erziehen.

Giacomo Pirazzoli wiederum geht das Begrünen der Stadt mit einer infrastrukturellen Vision an und stellte das Forschungsprojekt „GreenUp“ vor. Über sich verbreitendes Grün soll eine vertikale Infrastruktur der Stadt entstehen, die die Kälte der „Smart City“ sozusagen überwächst.

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Der Versuch einer Sketchnote

Freiheit

Van Bo Le-Mentzel, Gründer von HartzIV-Möbel, kam mit Baby auf die Bühne und ist überzeugt davon, dass zum Lösen der Probleme unserer Gesellschaft immer mehr ein kreatives Mindset benötigt wird als ein rein mathematisch/logisch orientiertes. Dieses Mindset erlangen Menschen seiner Meinung nach nur, wenn sie die nötige Freiheit dafür haben. Mit seinem d-scholarship will er sich ein Jahr lang crowdfunden lassen – ohne Verpflichtungen an diejenigen, die bezahlen. 

Auch Jennifer Aksu ist Freiheit und Kreativität wichtig – sie animiert Menschen als Teil des Kollektivs „Invisible Playground“ zum Spielen im öffentlichen Raum. Das Beispiel, das sie uns als Video mitbrachte, zeigte, wie aus einer stinknormalen Rolltreppe ein kleines Glücksspiel wurde: Es war eine Rolltreppe, die irgendwann stehen bleibt. Die Menschen stehen unten und wählen einen Zeitpunkt, an dem sie auf die Treppe aufspringen. Es gewinnt derjenige, der beim Zeitpunkt des Stehenbleibens am weitesten oben, aber noch auf der Treppe ist. Die Webadresse in der Zeichnung stimmt leider nicht, also falls jemand verstanden hat, was das hätte sein sollen, ich freue mich über Hinweise.

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Noch ein Versuch einer Sketchnote 

 

Der letzte Themenschwerpunkt, die vernetzten Bürger, bekommt noch einen eigenen Text – inklusive Interview mit Paul Hilder von change.org.

Dranbleiben!

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