Auf Ernte in der Stadt

Stadt macht satt
Die Künstlerin und Kulturmanagerin Anja Fiedler spricht auf der TEDx Hamburg über ihr Projekt „Stadt macht satt“, das in der Stadt lebenden Kindern und Erwachsenen zeigen sollen, wie einfach es ist, etwas Gutes für sich selbst und die Zukunft zu tun.

Hallo Anja. Vor „Stadt macht satt“ hast du als Kulturmanagerin gearbeitet – wie bist du zu deiner jetzigen Hauptbeschäftigung gekommen?
2010 wurde ich als eine von 18 KünstlerInnen deutschlandweit gewählt, ein nachhaltiges Schulprojekt zu entwickeln. Ich wollte unbedingt etwas über nachhaltiges Wirtschaften mit Grundschülern machen und habe lange überlegt, mit welchem Material ich arbeiten möchte. Ich bin dann schnell auf das Thema Essen gekommen, weil es auch etwas alltagstaugliches sein sollte.

Warum Essen?
Das ganze System, wie wir mit Essen umgehen, ist absurd. In der Wirtschaft geht es normalerweise immer darum, mit wenigen Ressourcen Mehrwert zu schaffen – bei Lebensmitteln stecken wir viele Ressourcen rein, um dann fast die Hälfte wegzuwerfen. Ich möchte mit meinem Projekt die Wirtschaft und das Lebensmittelsystem neu denken, weil es für alle Beteiligten schlecht ist. Niemand wirft gerne Lebensmittel weg – die Arbeit ist ja schon investiert.

Wie finanziert sich „Stadt macht satt“?
Seit drei Jahren finanziere ich das praktisch aus eigener Tasche. Es startete anfangs auch für mich als Lebensexperiment, das langsam Früchte trägt, weil einzelne Aktionen finanziell unterstützt werden. Mein Traum wäre, über das Projekt andere Werte und Wirtschaftssysteme zu installieren. Finanzierungsmodelle sollten auch zur Idee und Ideologie passen. Bei „Apfelschätze“ wurden besondere Apfelsäfte produziert und an Institutionen und Menschen verkauft, die besondere Wert an Lebensmittel und auch die finanziellen Mittel haben. Diese finanzieren dann die Wertevermittlung an Kinder – solche Kreisläufe gefallen mir. Je nach Projekt suche ich nach anderen, macnhmal neuen Finanzierungswegen.Bei „Betterplace“ kann man „Stadt macht satt“ generell unterstützen, wenn man die Idee gut findet und sie weiter verbreiten möchte.

Wie hast du angefangen das Projekt in die Tat umzusetzen?
Ich habe mit einem Experiment gestartet und im Umkreis von 500 Metern rund um mein Haus gesucht, was ich an Essbarem finde. Daraus habe ich die Grundprinzipien von „Stadt macht satt“ entwickelt.

Du sagst also, dass es in unserer unmittelbaren Umgebung ausreichend Lebensmittel gibt, wir diese aber nicht wahrnehmen?
Zum einen sind da die Lebensmittel auf Wochenmärkten, im Supermarkt, beim Bäcker, die aussortiert werden oder nicht verkauft werden können, da sie kleine Macken haben oder nicht mehr ganz perfekt sind. Und zum anderen sind die Lebensmittel in der Stadtnatur, die wir nicht beachten.

Welche Lebensmittel sind das und wo finden wir sie?
Die Stadtnatur bietet erstaunlich viele Leckereien. Meine persönlichen Favoriten im Mai sind Tannenspitzen und Holunderblüten aus denen man Gelee und Sirup, aber auch Pickels machen kann, im Herbst/Winter liebe ich die Eberschen- und Gojibeeren. Für essbare Blumen und Kräuter, wie Rucola, Spitzwegerich sind Friedhöfe super, weil dort keine Hunde reindürfen. Sie sind meist durch Mauern vom Feinstaub geschützt. Ich habe den Ansatz, aus ungenutzten Dingen etwas Wertvolles und Besonderes zu machen, deshalb suche ich nach ganz speziellen Zutaten. Am Anfang musste ich viel recherchieren, zum Beispiel in Großmutters Kochbuch – jetzt sehe ich die Stadt mit ganz anderen Augen und erkenne großes Potential.

Was macht „Stadt macht satt“ und die Projekte unter diesem Dach aus?
Alles was ich mache ist stadtalltagstauglich: wenig Zeit, wenig Wissen, wenig Ressourcen, für jeden nachmachbar. Gutes für sich und die Umwelt tun – der Rest steht jedem frei. Durch diese Einfachheit erreiche ich viele Menschen, die sonst mit Nachhaltigkeit und bewusstem Leben nicht viele Berührungspunkte haben. Über die Hälfte war noch nie in einem Bio-Markt. Durch meine Arbeit mit Schulen und den Kontakt mit Kindern sehe ich: Die Kinder erziehen die Erwachsenen. Sie hinterfragen Dinge kritisch, die wir Erwachsenen längst als alltäglich ansehen – zum Beispiel, wenn Lebensmittel weggeworfen werden.

Wie kann das Potential einer Stadt besser genutzt werden?
Mit Urban Gardening kann auf Kleinsträumen gegärtnert werden, die Ernte geteilt und so ein erster Schritt entgegen der gegenwärtigen Entfremdung von Essen getan werden. Derzeit bin ich auf der Suche nach Partnern für eine „Stadtbaumschule“. Städtern, Unternehmen und Schulen ziehen als Paten Jungbäume mit auf. Vorteil: Jungbäume sind erschwinglich, es entsteht eine Beziehung zwischen Baum und Mensch und der Baum verdoppelt jedes Jahr seinen monetären Preis durch Wachstum, aber auch den biologischen Nutzen für die Stadt. Sie wachsen zunächst für flexiblen Einsatz in mobilen Pflanzbehältern bis sie dann ihren Bestimmungsort finden.

Wie sieht die ideale Stadt für dich aus?
Eine Stadt muss ein gutes Umland mit guten Bauern haben, das regionale und saisonale Ernährung ermöglicht. Aber eine Stadt braucht viel Grün – anderes Grün als bisher. Nutzbäume, Nutzgrüne, Früchte in den Parks, die auch jeder ernten kann, damit wir wieder eine die Beziehung zur Natur und zu unseren Lebensmitteln bekommen.

Was hat dich in den drei Jahren am meisten überrascht?
Die soziale Sprengkraft des Projektes. Wir hatten sogenannte hängende Gärten am Mehringplatz. Jeder konnte dort eine Pflanztasche mit einer Größe zwischen 30 und 100 Zentimetern haben und dort Gemüse anpflanzen. Eigentlich ist der Ort als Brennpunkt mit viel Vandalismus bekannt, ich habe ihn bei der Aktion ganz anders erlebt. Der Garten hat die Nachbarschaft verändert: Die Menschen habe ihre Ernte geteilt, es wurde nichts kaputt gemacht oder gestohlen. Für 2014 wurde schon gefragt, ob der Garten wieder geöffnet wird – und das ganz ohne mein Zutun.


Wir verlosen 6 Tickets für die TEDxHamburg. Schickt uns bis zum 28. 3. eine Email an redaktion[at]lesflaneurs[dot]de mit dem Betreff „Urban Connectors“ und eurem vollständigen Namen. Falls ihr eine zweite Person mitnehmen wollt, schreibt bitte auch deren Namen in den Text. 


lesflaneurstedxhamburgTEDxHamburg „Urban Connectors“
01. April 2013
10-18 Uhr
Laieszhalle Hamburg
Tickets sind ab sofort unter www.tedxhamburg.de zum Preis von 119,- € erhältlich.

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Johanna Emge Verfasst von:

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