Mark Heywinkel – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Fri, 10 Jun 2016 08:14:21 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.2 Schweifende Streifen: Independence Day Germany http://lesflaneurs.de/2015/04/17/independence-day-germany/ http://lesflaneurs.de/2015/04/17/independence-day-germany/#respond Fri, 17 Apr 2015 08:10:18 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5659 Immer trifft es die USA: Ob es nun Aliens, Flutwellen, Riesenechsen oder Asteroiden sind, die willentlich oder aus Versehen die Welt zerstören – im Film werden immer New York, Los Angeles oder Washington zuerst von der Katastrophe getroffen. Allmählich wird das langweilig. Und die Frage ploppt auf, wie es aussähe, wenn ausnahmsweise deutsche Städte cineastisch im Chaos versinken würden? Ein Gedankenexperiment, wie das im Fall des Sci-Fi-Films „Independence Day“ von Roland Emmerich ablaufen könnte.

Berlin
Für einen möglichst pompösen Ersteindruck bersten die Aliens zunächst die Bundestagskuppel in tausend Teile. Anschließend widmen sie sich in ihrer Zerstörungswut genüsslich den höchsten Gebäuden der Hauptstadt. In einem Close-up ist Bild-Chef Kai Diekmann zu sehen, der sich plötzlich nicht mehr allzu sehr und lange darüber freut, im 20. Stock zu arbeiten.

Hamburg
In der Hansestadt wird mit einer großen Sause endlich die Elbphilharmonie eingeweiht. Die Aliens freuen sich besonders diebisch, als ihr grüner Laser in das teure Bauwerk jagt und die Fassade von innen wie eine Eierschale zum Platzen bringt.

Dresden
Die Einwohner Dresdens haben die Schreckensbilder aus Berlin und Hamburg im TV gesehen und sammeln sich auf den Straßen, um gegen die Ankunft der Fremden zu protestieren. Laser setzen der Montagsdemo ein jähes Ende.

München
In einer emotionalen Ansprache schwört Oettinger die Bayern darauf ein, die Aliens mit einer saftigen Mautgebühr fernzuhalten. Die Antwort der außerirdischen Invasoren auf die Forderung nach einem Haufen Asche fällt … nunja, wenig zahlungswillig aus. Viel Asche gibt’s am Ende trotzdem.

Köln
Mit einer fröhlichen Karnevalparade versuchen die Kölner, Frieden mit den Aliens zu schließen. Die Invasoren beamen ein paar der verkleideten Menschen zu sich aufs Schiff, um in schmerzhaften Experimenten herauszufinden, was mit den merkwürdigen Gestalten wohl nicht stimmt.

Brandenburg
Weil sie irgendwann alle Laser verschossen haben, schicken die Aliens schließlich Infanteristen zum Bodeneinsatz los. Eine fatale Idee: In Brandenburg werden sie von Schlägertrupps vernichtend geschlagen.

Bielefeld
In Bielefeld passiert unterdessen nichts, wirklich überhaupt nichts. Wie immer.

Bilder: reactiongifs.com / giphy.com Titelbild: Gordon Gross / pixelio.de

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Jessica Wagener: Sieben Sätze, warum ich in Hamburg lebe http://lesflaneurs.de/2015/04/15/jessica-wagener-sieben-saetze-warum-ich-in-hamburg-lebe/ http://lesflaneurs.de/2015/04/15/jessica-wagener-sieben-saetze-warum-ich-in-hamburg-lebe/#respond Wed, 15 Apr 2015 10:01:26 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5341 jessica-wagener_portrait
Jessica Wagener erklärt den Flâneuren, warum sie in Hamburg lebt. (Foto: Tanja Hirner)

„Dank einer glücklichen Fügung des Schicksals wurde ich hier geboren, mochte es sehr und war bisher schlicht zu faul, meinen Lebensmittelpunkt woanders hin zu verlegen. Hamburg verbindet Beschaulichkeit und Weltoffenheit, Schmutz und Glanz – eine unwiderstehliche Melange aus Kiezromantik, Kotze und Kommerz. Es gibt Tage, an denen weckt mich nicht das Piepen des Müllabfuhr-LKWs, sondern Möwengeschrei vor meinem Fenster und dann muss ich im Halbschlaf lächeln. Wenn ich mal richtig gründlich nachdenken will, setze ich mich an den Hafen und starre über den Hals einer Buddel Astra hinweg auf die Elbe – das ist hier auch schon mittags vollkommen akzeptabel und hilft immer. Die Wege in meinem Hamburger Mikrokosmos sind angenehm kurz, ich kann fast alles mit dem Rad oder zu Fuß erledigen – purer Luxus. Wenn mich jemand mit „Moin, Moin, Mäuschen“ begrüßt oder ich ein Akkordeon „La Paloma“ spielen höre, fühle ich mich unvermittelt so zu Hause, dass mein Herz ziept. Am Besten haben es damals aber eigentlich schon die Brote auf den Punkt gebracht: „Ich liebe die Schiffe, das Meer und den Hafen und ich liebe es nach ‚ner Party breit am Elbstrand einzuschlafen.“ Word.“


Jessica Wagener wurde 1977 geboren, lebt in Hamburg und schreibt Texte. Für ihre eigene Seite. Und kürzlich auch für ihr erstes Buch „Narbenherz“.

In unserer Serie „Sieben Sätze“ erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!

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Katrin Brauer: Sieben Sätze, warum ich in Köln lebe http://lesflaneurs.de/2015/03/11/katrin-brauer-sieben-saetze-warum-ich-in-koeln-lebe/ http://lesflaneurs.de/2015/03/11/katrin-brauer-sieben-saetze-warum-ich-in-koeln-lebe/#respond Wed, 11 Mar 2015 08:29:21 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5347 Katrin Brauer erklärt den Flâneuren, warum sie in Köln wohnt.
Katrin Brauer erklärt den Flâneuren, warum sie in Köln wohnt. (Foto: PFA Per Florian Appelgren Photography)

„Die Frage warum ich in Köln wohne, lässt sich leicht beantworten. Weil ich mich hier einfach wohl fühle. Köln ist für mich keine Großstadt im eigentlichen Sinne, im Gegenteil. Der kölsche Charme kommt dem einer Kleinstadt sehr nahe: Man trifft seinen Nachbarn auf dem Wochenmarkt, kennt die Kassiererin im Supermarkt beim Vornamen und darf in seinem Lieblingscafé auch mal anschreiben lassen, wenn man sein Kleingeld vergessen hat. Köln ist keine schöne Stadt, aber sie hat das Herz am rechten Fleck. Dinge, wie im Sommer am Rhein zu sitzen, abends am Brüsseler Platz Bier zu trinken, an Weiberfastnacht tanzend durch die Südstadt zu laufen oder sonntags im Café Walter eine Waffel zu essen, möchte ich nicht mehr missen. Um es mit den Worten von Cat Ballou abzuschließen: ‚Et jitt kei Wood, dat sage künnt, wat ich föhl, wenn ich an Kölle denk! Wann ich an ming Heimat denk!'“


Katrin Brauer wurde 1983 im emsländischen Haselünne geboren, wuchs in einer fünfköpfigen Familie im beschaulichen Lingen auf, zog nach Düsseldorf und nach dem Bachelor, diversen WG-Parties, Auslandsaufenthalten in Südamerika, verschiedenen Nebenjobs und einem Masterabschluss schließlich in die weite Welt der Musik. Seither arbeitet sie mit einem kleinen, aber feinen Frauenteam als freie Online- und Presse-Promoterin für Klangkarussell, Elliphant, Tove Lo, Say Lou Lou, Family Of The Year, Alle Farben und und und.

In unserer Serie „Sieben Sätze“ erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!

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Sascha Vredenburg: Sieben Sätze, warum ich in Ludwigsburg lebe http://lesflaneurs.de/2015/02/11/sascha-vredenburg-sieben-saetze-warum-ich-in-ludwigsburg-lebe/ http://lesflaneurs.de/2015/02/11/sascha-vredenburg-sieben-saetze-warum-ich-in-ludwigsburg-lebe/#respond Wed, 11 Feb 2015 08:30:22 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5270 Sascha Vredenburg erklärt den Flâneuren in sieben Sätzen, warum er ausgerechnet in Ludwigsburg lebt.
Sascha Vredenburg erklärt den Flâneuren in sieben Sätzen, warum er ausgerechnet in Ludwigsburg lebt.

„Eine Stadt und doch wie ein Dorf, heute, aber irgendwo aus einer anderen Zeit. Gerade im Sommer lockt Ludwigsburg mit einer überschaubaren und zugleich charmanten Vielfalt, Barocken Schauplätzen, genügend Grün zum Erholen, Biergärten zum Ausgehen. Aber vor allem überzeugt der Grund, weshalb aus Berlin dann doch die Entscheidung auf das Schwabenländle fiel: Die Filmakademie, eine Ausnahme in der sonst eher kargen Filmlandschaft in Baden-Württemberg. Manchmal ist sie ein Gefängnis, meistens die Hochburg der Kreativität. Hier werden Grenzen gesprengt, ausprobiert und Freiheiten genutzt. Und wen die kleine Welt einmal doch erdrückt, der flüchtet sich zum Trostpreis nebenan: Stuttgart.“


Sascha Vredenburg ist 27 Jahre alt und arbeitet als Regisseur in Stuttgart. Er hat an der renommierten Filmakademie Baden-Württemberg studiert und schon mehrere Filmpreise abgestaubt. Sein neuester Streifen ist „Der späte Vogel“.

In unserer Serie „Sieben Sätze“ erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!

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Jule Müller: Sieben Sätze, warum ich in Berlin lebe http://lesflaneurs.de/2015/02/05/jule-mueller-sieben-saetze-warum-ich-in-berlin-lebe/ http://lesflaneurs.de/2015/02/05/jule-mueller-sieben-saetze-warum-ich-in-berlin-lebe/#respond Thu, 05 Feb 2015 09:34:50 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5260 Jule_Mueller
Autorin und Hipster-Verkupplerin Jule Müller erklärt den Flâneuren in sieben Sätzen, warum sie ausgerechnet in Berlin lebt.

„Dafür, dass ich in den frühen Achtzigern in Berlin-Friedrichshain geboren wurde, kann ich quasi nichts, ebenso wenig für den Fakt, dass ich als politischer Flüchtling mit meinen Eltern nach West-Berlin kam. Vielleicht kann ich mich an beides nicht erinnern, aber die damaligen Umstände haben mich als Menschen sehr geprägt. Wenn ich heutzutage durch meine Stadt laufe, dann fühle ich mich sicher und frei – Gefühle, die jeder mit seiner Heimat verbinden dürfen sollte. Die Gewissheit, dass meine Wurzeln hier liegen, meine Familie hier wohnt und ich einen Freundeskreis habe, mit dem ich notfalls wahrscheinlich auch in der tristesten Industriestadt der Welt überleben könnte, macht mich zu einem glücklichen Menschen. Berlin lässt mich die Dinge so tun, wie ich möchte, Berlin inspiriert mich, Berlin entertaint mich, Berlin regt mich auf, mit Berlin versöhne ich mich aber immer schnell und ich bin mir ganz sicher – in Berlin werde ich nicht nur leben, sondern als Oma irgendwann zufrieden wegdösen. Bis dahin blicke ich ab und an ungläubig auf Fotos von damals, die mich vor den grauen Mauern der geteilten Stadt zeigen, und hole mir ein Bier am Späti, um mir selbst zuzuprosten. Warum ich Berlin liebe – dafür bräuchte ich keine sieben Sätze, sondern mindestens siebzig.“


Jule Müller ist 31 Jahre alt, lebt in Berlin-Neukölln, verkuppelt über ihre Online-Dating-Plattform „Im Gegenteil“ bildhübsche Hipster und hat vor kurzem ein Buch geschrieben. „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“ ist bei DroemerKnaur erschienen. Handelt vom Leben. Von der Liebe. Von Katzen, Alk und Alltagskatastrophen. Von so ziemlich allem also, was man so mag.

In unserer Serie „Sieben Sätze“ erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!

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Angst vor Pegida-Dresden http://lesflaneurs.de/2014/12/18/angst-vor-pegida-dresden/ http://lesflaneurs.de/2014/12/18/angst-vor-pegida-dresden/#respond Thu, 18 Dec 2014 06:55:39 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4910 20121110_132838
Foto: Michael Schock

Wie gerne hätte ich in diesem Jahr einen längeren Ausflug nach Dresden unternommen. Hätte mir die Semperoper, die Frauenkirche und den Zwinger angesehen. Wäre bis spät in die Nacht an der Elbe entlangflaniert. Hätte Quarkkäulchen an heißen Sauerkirschen gegessen. Und und und. Doch mal passte es zeitlich nicht. Mal war ich zu faul. Und jetzt scheitert mein lange gehegtes Vorhaben an einem ganz anderen Grund: Ich habe ein bisschen Angst vor der Stadt. Oder besser: einem Teil ihrer Einwohner.

Ich fürchte mich vor den 15.000 Dresdnern, die sich zu etwas treffen, das sie verharmlosend als „Spaziergang“ deklarieren. Menschen, die Facebook-Kommentare beginnen mit „Guten Tag, ich bin weder nazistisch, rassistisch noch ausländerfeindlich, aber …“*. Menschen, die sich vor einer vermeintlichen islamischen Leitkultur fürchten und deshalb einem kruden Positionspapier hinterherstolpern, das weniger Position ist als viel mehr Ausdruck einer orientierungslosen Wut.

Ich fürchte mich vor der Unkonkretheit der Pegida-Anhänger, die den vielfältigen Online-Kommentaren nach selbst nicht genau wissen, ob sie nun gegen den IS, für mehr Volksentscheide, gegen TTIP, für die Aufstockung der Polizei-Mittel oder gegen „dieses wahnwitzige Gender Mainstreaming“ sein sollen.

Das Pegida-Dresden ist nicht das Dresden, das ich kennenlernen möchte. Lieber bleibe ich im Wedding. Einem Stadtteil Berlins, in dem nicht 8,2 Prozent der Bevölkerung, sondern jeder zweite Bewohner einen Migrationshintergrund hat; in dem also Integration und Miteinander-Klarkommen statt Integration-Behindern und Gegeneinander-Stimmung-Machen auf der Tagesordnung stehen. Ich bleibe lieber in einer Umgebung, in der trotz der kulturellen Unterschiede keiner auf die Straße geht, „damit in zehn Jahren bei uns in Deutschland statt Kirchenglocken nicht plötzlich nur noch die Stimmen der Muezzins auf den Minaretten zu hören sind und unsere Kinder nicht erschossen in den Schulen liegen“.

Pegida-Dresden, ich hoffe, 2015 bist du einfach wieder Dresden. Und trennst dich von dieser unbegründeten Angst, die auch mich von dir fernhält.

* Sämtliche Zitate sind den Kommentaren auf der Pegida-Facebook-Seite entnommen und wurden an die deutsche Rechtschreibung angepasst.

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Ein Lolli, der nach Aufbruch schmeckt http://lesflaneurs.de/2014/04/10/ein-lolli-der-nach-aufbruch-schmeckt/ http://lesflaneurs.de/2014/04/10/ein-lolli-der-nach-aufbruch-schmeckt/#respond Thu, 10 Apr 2014 10:22:41 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3529 lolli

Es ist Frühling. Sonntag. Wir sind in Stimmung. Wir schnappen uns die Skateboards, die wir nicht fahren können, und fletzen uns aufs proppenvolle Tempelhofer Feld. Beobachten die, die Skateboard fahren können und träumen davon, eines Tages auch mal so fahren zu können. Eine raucht, einer trinkt Bier, ich lutsche einen Lolli, der nach Aufbruch schmeckt, obwohl ich nicht erklären kann, wie Aufbruch schmeckt. Wir sprechen über den Sommer. Vorfreude. Was wir alles machen können! Mann, Leute, was wir diesen Sommer alles machen können! Wir sagen das, als ob es noch nie einen Sommer gegeben hätte und als würde es nie wieder einen Sommer geben. Als gäbe es nur diesen einen Sommer, den Sommer unseres Lebens, und den müssten wir gierig auflutschen wie einen Lolli, der nach Aufbruch schmeckt.

Wir schmieden Pläne. Longboards, wir brauchen definitiv Longboards. Die Skateboards können wir ja nicht fahren, also brauchen wir dringend Longboards, die einfacher zu fahren sind. Und wir brauchen einen Grill. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir keinen Grill hätten in diesem Sommer. Wer von uns hat eigentlich einen Balkon? Und Platz darauf für einen Grill? Ein Boot, sagt jemand, ein Schlauchboot brauchen wir auch, mit dem wir über die Spree fahren können. Mit Motor? Ach, wir können auch paddeln. Wenn wir erst mal unsere Longboards haben, sind wir ja sportlich, dann können wir auch paddeln. Mann, Leute, wie sportlich wir diesen Sommer sein werden! Wir sind richtig in Stimmung. Wir haben richtig Bock. In unserer Vorstellung wird dieser Sommer groß.

Eine kaut Maoam, einer nippt an Mate, ich lutsche einen weiteren Lolli. Wir sprechen über die Liebe. Wie wir uns dieses Jahr verlieben werden! Mann, Leute, wie wir uns in diesem Sommer unseres Lebens alle verlieben werden! Intensiver als je zuvor. Schöner. Wir stellen uns vor, wie unsere neuen Lieben in ein paar Wochen neben uns auf dem Tempelhofer Feld liegen und uns beim Longboardfahren zusehen. Einer raucht, eine macht Fotos. Eine, die schon ein Longboard hat, fährt die stillgelegte Landebahn rauf und runter. Davon müsste man jetzt eigentlich auch ein Foto machen, sagt jemand, so wie die Sonne hinter ihr mit dem Longboard untergeht. Ziemlich cool.

Ja, ziemlich cool. Dieser Sonntag auf dem Tempelhofer Feld. Die Vorfreude auf den Sommer. Unsere Pläne. Das alles. Doch als wir abends auseinandergehen, frage ich mich, was von all dem passiert sein wird, wenn der Sommer vorbei ist. Werden wir uns Longboards gekauft haben? Werden wir auf ihnen gefahren sein? Werden wir auf einem Balkon gegrillt, Boot gefahren, uns verliebt haben? Und dann wird mir klar, dass es darum gar nicht geht. Zumindest jetzt nicht. Egal, ob dieser der Sommer unseres Lebens wird oder nicht, noch ist Frühling. Und im Frühling geht es darum, nach düsteren, lieblosen Monaten endlich wieder einen Lolli lutschen zu können, der nach Aufbruch schmeckt. Morgen wieder?, fragt jemand. Na klar.

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Reykjavík, ficken oder lieben? http://lesflaneurs.de/2013/11/27/reykjavik-ficken-oder-lieben/ http://lesflaneurs.de/2013/11/27/reykjavik-ficken-oder-lieben/#comments Wed, 27 Nov 2013 10:53:25 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=2551 island1

Eine der prägendsten Erkenntnisse, die ich in meinen frühen Zwanzigern gewonnen habe, ist diese: Reisen ist wie Ficken, Wohnen ist wie Lieben. Will meinen: Da draußen gibt es viele Orte, die mir für einen kurzen Besuch gut, sogar sehr gut gefallen mögen. Aber um eine Stadt aufrichtig Heimat nennen zu können, braucht es so viel mehr – wie es auch für ein „Ich liebe dich“ so viel mehr braucht.

Zu dieser Erkenntnis kam ich, als ich nach dem Studium nach Hamburg zog, und zunächst zerstörte sie mich. Sie zerstörte mich, weil ich erkannte, dass ich nicht überall glücklich werden kann. Gleichzeitig stärkte mich diese Einsicht aber auch, weil ich durch sie das Wohnen und das Heimisch-Fühlen viel mehr wertzuschätzen lernte. Wenn mir heute eine Stadt gut gefällt, so richtig überschwänglich gut gefällt, dann weiß ich, dass das so viel zu bedeuten hat wie anhaltendes Bauchkribbeln noch beim drölften Date. Und das ist schön.

Ein Knick im Beuteschema

Neben Hamburg habe ich mich in meinem Leben bisher nur zwei Mal auf Anhieb in Städte verliebt, die ich gerne einmal meine Heimat nennen würde: Nicht in London, nicht in Barcelona, nicht in Rom oder Venedig, nicht in Budapest, nicht in St. Petersburg, nicht in Amsterdam, nein. Sondern: in Visby, Gotland, und noch mehr in Reykjavík, Island.

Dabei zeichnet sich ein Beuteschema ab: Wie auch in Hamburg gibt’s in Visby und Reykjavík viel Wasser. In all diesen Städten ist das Wetter meist eher miesepetrig-trüb. Insgesamt sind ihre Herzen erfüllt von einer gewissen Schwere und Melancholie. Überraschend an meinen Städtelieben zu Visby und noch mehr zu Reykjavík ist allerdings, dass beide winzig sind, abgeschieden und naturdominiert. Eigenschaften, die ich eigentlich gar nicht schätze, die mich üblicherweise sogar abschrecken.

Warum gerade Reykjavík?

Was also ist es, dass vor allem Reykjavík so anziehend für mich macht? Darüber habe ich viel nachgedacht, als ich in diesem Jahr zum „Iceland Airwaves“-Festival die Stadt besuchte. Diese Stadt im Nirgendwo, umzingelt von unbändiger Natur, von dem Atlantik, von Vulkanen, das Warmwasser riecht nach Schwefel, der Wind peitscht, die Menschen sprechen eine mir unbegreifliche Sprache, mehr Touristen als Einheimische scheinen unterwegs zu sein, die Preise sind horrend, das Gros der Häuser nicht sonderlich hübsch. Warum, Reykjavík, liebe ich dich trotzdem?

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„Es ist das Licht“, schreibt Ninia. „Es ist die Natur“, meint Sabrina. „Es ist die Unbeständigkeit“, überlegt Enrico. Und dann gibt es ja noch die vielen freundlichen Menschen. Eindrucksvolle Bauten wie die Harpa. Lammsuppe. Hispteröse Cafés. Alles Gründe, die für Reykjavík sprechen, ja. Bleiben aber immer noch so viele dagegen. Das alles zusammengenommen, müsste höchstens ein Patt drin sein, nicht aber ein eindeutiges Ja für Reykjavík.

Manchmal aber ist es mit Städten wohl so wie mit Menschen: Du kannst dir deine Liebe zu ihnen nicht erklären. Und das macht die Sache noch spannender und noch schöner. Aufzuwachen, neben sich zu blicken, in ein Gesicht oder durch ein Fenster, und sich wundernd darüber zu freuen, dass man zuhause ist.

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Peter, Benni und Axel nerven http://lesflaneurs.de/2013/05/23/peter-benni-und-axel-nerven/ http://lesflaneurs.de/2013/05/23/peter-benni-und-axel-nerven/#comments Thu, 23 May 2013 06:05:59 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=718 peterbenniundaxel

Aufblende.

Peter lacht. Vielleicht heißt Peter auch Tim, Kasimir oder Rainer-Maria, man weiß es nicht, jedenfalls lacht er. Es ist kein aufdringliches Lachen, kein chefiges Phhhaaahahaaa und auch kein überkandideltes It-Girl-Ahühü. Es ist eher ein dezentes Nhehehe, an dem sich normalerweise niemand stören würde. Normalerweise. Aber im nur halb gefüllten Kinosaal, da nervt es. Zumal es bei fast jeder Szene von „Iron Man 3“ aus Peter herausgluckst. Robert Downey Jr. aka Toni Stark reißt einen Mackerspruch: Nhehehe. Stark kauft seiner Freundin Pepper einen Riesenhasen mit Brüsten: Nhehehe. Stark knallt in seinem Iron-Man-Anzug gegen einen Laster: Nhehehe. Peter lacht und lacht und nervt und nervt. Man möchte ihm sein Popcorn tief in den Rachen stopfen, aber man hat ja gar keins gekauft. Mist.

Abblende in Schwarz. Titel: Peter, Benni und Axel nerven. Aufblende.

Benni und Axel, sie mögen auch anders heißen, sind gute Freunde. Zumindest wirkt es auf den ersten Blick so. Denn sie haben sich in Reihe E direkt nebeneinander gesetzt, um über den neuen „Star Trek“-Streifen zu fachsimpeln. Ununterbrochen. Doch auf der Hälfte des Sci-Fi-Films schlägt die Stimmung ihres kleinen Kaffeekränzchens jäh um.

Benni: (genervt) Du rüttelst immer so an meinem Sitz. Hör auf so an meinem Sitz herumzurütteln.
Axel: Ich rüttele doch gar nicht.
Benni: (jetzt aggressiv) Doch, du rüttelst!
Axel: (empört) Komm mal klar, du Vogel!

Daraufhin schüttelt Benni seine Bierflasche ein paar Mal und verpasst Axel eine herbe Gerstensaftdusche. Von der bekommen auch Kinobesucher in der Reihe vor dem Duo infernale etwas ab und motzen laut, aber Benni und Axel ist das egal. Benni und Axel zanken und zanken und nerven und nerven. Selbst wenn man eine XXL-Portion Popcorn gekauft hätte, würde sie nicht reichen, um diese beiden Streithähnen die Hälse zu stopfen.

Abblende in Schwarz. Musik setzt ein, Händel etwaAufblende.

Ein Kinosaal füllt sich in Zeitlupe. Nachdem sich das Publikum gesetzt hat, beginnen die Frauen und Männer, einander mit Popcorn zu bewerfen. Manche spritzen nehehehend mit Bier und Cola um sich. Andere brüllen: Hör auf zu rütteln, du Vogel! Dazwischen kämpfen Luke und Anakin Skywalker mit Lichtschwertern. Der Joker und Vin Diesel rangeln. Robert Redford lässt sich von Natalie Portman mit einer überdimensionierten Spielkarte den nackten Po versohlen. Jennifer Lawrence entzündet lachend einen Molotowcocktail, indes Lars von Trier ihr mit einer Axt ein Bein abschlagen will.

Voice Over: (besonnen, etwa mit der Stimme von Christian Brückner) Es gab eine Zeit, da war der Kinobesuch eine große Lust. Und das einzig Nervige an ihr war die durch die Blume gesprochene Aufforderung zumeist witziger Comicfiguren, während des Films doch bitte die Fresse zu halten und die scheiß Handys abzuschalten. Ja, genervt hat das, und dennoch haben wir gehorcht. Brav haben wir unsere Mobilfunkgerät in den Ruhezustand versetzt und die privaten Gespräche auf ein Minimum reduziert. Wenn nicht aus Respekt gegenüber den anderen Zuschauern, dann vielleicht, weil die witzigen Comicfiguren ja ganz niedlich aussahen. Auch Peter, Benni und Axel hörten auf die witzigen Comicfiguren. Damals. Die gute alte Zeit.

Holt die witzigen Comictiere zurück in die Werbeblöcke der Kinos! Jemand muss Peter, Benni und Alex wieder durch die Blume sagen, dass sie kacke sind. Das Kino war einst einer der wenigen Rückzugsorte in der Großstadt. Der Zeit und der Welt entrückte Raststätten. Holt die Comicviecher zurück! Lasst sie diese Orte zurückerobern!

Die streitenden Kinobesucher hören auf zu rangeln und gucken finster in die Kamera.

Voice Over: (nun genervt) Oder, ja oder der Autor dieses Textes hört auf, sich zu beschweren und geht einfach nicht mehr zu Prime-Time-Vorstellungen in Mainstreamfilme.

Abblende in Schwarz.

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Im Zweifel für ein Nein http://lesflaneurs.de/2013/05/07/im-zweifel-fur-ein-nein/ http://lesflaneurs.de/2013/05/07/im-zweifel-fur-ein-nein/#comments Tue, 07 May 2013 06:23:29 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=399 lassestext
Die Großstadt: Zuhause der Nein-Sager. (Foto: Mark Heywinkel)

Es gibt in diesem Leben wohl kaum etwas Leichteres, als Ja zu sagen. Ein Klick auf „Gefällt mir“. Eine Zusage zur Party. Ein Kreuz auf dem Organspendeausweis. Ja, ja, ja. Und alle sind zufrieden.

Schwerer, viel schwerer: das Nein. Denn mit einem Nein kratzt man an Egos und Eitelkeiten, ein Nein verletzt. Und es schreit nach einer Erklärung. Wenn das Ja der Like-Button ist, dann entspricht das Nein dem Kommentarfeld: Es liegt außerhalb der Comfort-Zone und bietet erschreckend viel Platz und Pflicht für Rechtfertigungen und Bekenntnisse.

Deshalb bin ich tendenziell ein Ja-Sager. Nicht zwingend, weil ich Schiss davor habe, ein Nein zu rechtfertigen und dazu zu stehen. Aber ich brauche Zeit für ein Nein, weil ich eben auch ein Grübler bin. Einer, der jede Ansicht tausendmal überdenken muss, bevor er sie für wasserdicht hält. Und ich bin ein Rechtmacher, der jedes Nein dahingehend prüfen muss, ob die anderen damit klar kämen, bevor ich meinen eigenen Bedürfnissen Raum eingestehe.

Nein zu sagen, abzusagen, das ist eine der größten Herausforderung meines Alltags. Dabei hilft mir die Erinnerung an das größte Nein, das ich bisher gesprochen habe: in einem früheren, anderen Leben, als es darum ging, aufs Land zu ziehen. Hätte ich damals Ja gesagt, dann bestünde mein Tag heute vermutlich aus ungestörtem Ausschlafen, Spazierpfaden vor der Haustür, dunstigen Pferdekoppeln, schnapsschweren Hoffesten und langen Busfahrten. Mein Leben wäre geordneter. Ruhiger.

Aber ich habe damals Nein zum Land gesagt, und das war wichtig. Ohne dieses Nein wäre ich nicht nach Hamburg und letztlich nicht nach Berlin gekommen. Ich wäre nicht umgeben von Lärm, Dreck und Sinnesüberflutungen. Ich würde nicht im Ungewissen leben, was ich auf merkwürdige Weise sehr mag. Und ich hätte all die tollen Leute nicht kennengelernt, mit denen dieses Blog möglich geworden ist. Ohne dieses Nein wäre ich nicht ich.

Und ich glaube, so geht es vielen Großstadtmenschen. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umsehe, dann sehe ich Leute, die mit Leichtigkeit „Gefällt mir“ klicken, die zu allem erst mal Ja sagen, um nicht uncool zu wirken und um dabei zu sein, Leute, denen das Nein tendenziell schwer fällt. Ich sehe aber auch Leute, die an der entscheidenden Stelle Nein gesagt haben. Nein zu Tirol. Nein zu Flensburg. Nein zum Ortsverband. Nein zur Kirchenmesse. Wenn ich mich in der Großstadt umsehe, dann sehe ich Nein-Sager. Ich sehe Menschen, die im entscheidenden Moment mutig sein können. Und es gibt kein Umfeld, in dem ich mich wohler fühlen würde.

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