Berlin – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Sat, 13 Aug 2016 06:57:28 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.3 Wo die Plastikblumen welken http://lesflaneurs.de/2016/08/13/wo-die-plastikblumen-welken/ http://lesflaneurs.de/2016/08/13/wo-die-plastikblumen-welken/#respond Sat, 13 Aug 2016 06:57:28 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7781 Vom Glück, Zockern und dem staubigen Glanz der Pferdewetten. Flâneurin Clara war auf der Trabrennbahn unterwegs – einem fast vergessenen Ort Berlins.

Es ist schummerig. Der Teppich changiert zwischen braun und senfgelb. Rauschschwaden verhängen die zittrigen Lichtquellen. Die Augen brennen vom beißenden Qualm der Zigaretten. Stifte klacken auf den Tisch – das monotone Geräusch von äußerster Konzentration; Papier wird hektisch zusammen geknüllt.

Ein älterer Herr stemmt sich aus seinem Plastikstuhl, die speckige Lederjacke löst sich nur langsam; mit schweren, dumpfen Schritten schleppt er sich durch den Raum, vorbei an den runden Tischen. Er bleibt stehen, dreht den Kopf zu dem schwarzen klobigen Kasten an der Decke – ein Fernseher, der Pferde auf einer Sandbahn zeigt – das Bild wechselt, Zahlenreihen füllen den Schirm. Der ältere Herr schiebt sich die Brille auf die Nase, hebt das Kinn, kneift die Augen zusammen und studiert den Bildschirm. Kopfschüttelnd reißt er den Blick von den Zahlen, den Quoten, die den potenziellen Gewinn beim Sieg des jeweiligen Pferdes anzeigen.

Es ist einige Minute vor Beginn des letzten Rennens – noch ändern sich die Quoten minütlich, noch ist nichts sicher.

Der betagte Wetter wendet sich zu der Kassenzeile an der gegenüberliegenden Wand. Von der langen Reihe an Wettschaltern sind heute nur fünf beleuchtet. Die Übrigen liegen verlassen und vergessen hinter den getrübten Glasscheiben. Er streckt seinen Arm zu dem Stapel Wettscheinen an dem ersten Schalter. Seine Brille hängt nur noch mit einem Bügel über dem Ohr, der andere klemmt unter seinem Kinn. Das schüttere graue Haar muss sich alleine Halt suchen. Der Mann mit der hängenden Brille hebt die Hand zum Gruß.

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„Na Doktor, wie geht’s uns?“, schallt es von der anderen Seite der Kasse – man kennt sich, duzt sich. Hinter dem Wettschalter stützt sich Herr Tieck gegen die Wand und lacht. Sein Bauch drückt gegen den Tisch, gekrümmte Finger liegen wartend auf der elektronischen Kasse. Der Stammbesucher kehrt um, lässt sich wieder auf seinen Stuhl fallen, die Lederjacke quietscht klebrig. Herr Tieck beobachtet den Zocker noch einen Moment, um im Nächsten wieder in der Traberwelt–Zeitschrift zu versinken. Er streicht sich nachdenklich über die Haare, notiert etwas, starrt ins Leere.

Seit über 40 Jahren arbeitet er auf der Trabrennbahn. Zunächst nebenberuflich und nun als Pensionär; er füllt die Leere der eigenen vier Wände. Damals, noch während des Studiums, hat er über einen Bekannten den Weg zur Trabrennbahn das erste Mal beschritten und konnte sein Glück über einen so lukrativen Nebenjob gar nicht fassen. Über 200 Mitarbeiter_innen füllten jeden Renntag das Gelände mit Leben. Wetten wurden per Hand getätigt, die eine Hälfte der Angestellten nahm Wetten an, die andere zahlte aus. Heute macht eine Kasse alles. Der Wettschein wird eingelesen, TOTAL gedrückt, Kleingeld von einer schwitzigen Hand zur nächsten gereicht und die Kasse spuckt ein Wettticket aus.

Heute ist alles anders. Hier am Rande der Metropole Berlin. In Mariendorf.

An Wintertagen zwängen sich die vereinzelten Stammbesucher durch das vergitterte Tor, das nur einen mannsgroßen Spalt offen steht, auf das Gelände. Vorbei an einem verwaisten Kassenhäuschen blicken sie in die graue Leere. Das neue Tribünenhaus, eine gläserne Hommage an die Siebziger Jahre, grüßt mit verblasster Bier-Werbung. Doch einmal im Jahr kommt wieder Leben zwischen die meterhohen Scheiben und die weißen Plastikstühle: Mit dem Deutschen Traber Derby. Seit über 75 Jahren zieht diese Großveranstaltung über eine Woche Ende Juli/Anfang August Menschen aus aller Welt nach Mariendorf. Über einen roten Teppich ziehen sie auf die Rennbahn – kichernde Grüppchen mit Pfennigabsätzen auf der Suche nach der VIP-Tribüne, junge Kleinfamilien beim allerersten Besuch auf der Trabrennbahn, skandinavische Pferdebesitzer in feuchtfröhlicher Feierlaune und altbekannte Stammzocker in fleckigen Hemden. Aus einiger Ferne ertönt Hufgeklapper der vorbeitrabenden Pferde und Sulkys der Fahrer, die sich für das Rennen einlaufen.

Die Plastikstühle sind nun belegt. Draußen und drinnen sammeln sich mehr und mehr Menschen mit Bier, Bratwurst und Eis. An den Wettkassen bekommen Neulingen das Wetten und die Quoten erklärt, werden die Tippzettel für das ganz große Glück verkauft und die Gewinne ausgezahlt. Zwischen Bangen, Fluchen und Jubeln vergibt der eine oder andere C-Promi den Siegerpokal an das Gewinnergespann.

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An diesem Augustabend summt die Rennbahn Mariendorf lebhaft und ist dennoch ein Schatten ihres einstigen Selbst. Der Geist einer Zeit von Damen mit kutschradgroßen Hüten, stolzen Pferdebesitzern und den prallen Portemonnaies risikofreudiger Kavaliere lässt sich vielleicht noch zur Derbywoche verspüren. Vor nunmehr 100 Jahren, 1913, nahm Berlin die Trabrennbahn Mariendorf als modernste Trabsportanlage Deutschland feierlich in Betrieb. Zwei Weltkriege und ein geteiltes Deutschland später laufen die Pferde noch immer. Doch seit den 1990er bangt die Stätte des Glücksspiels um ihre Existenz. In Berlin entstehen mehr und mehr Wettbüros und Online-Wett-Seiten bieten den Komfort, vom heimischen Sessel aus das Glück auf die Probe zu stellen. Ulrich Mommert, der heutige Besitzer der Anlage, hat sich dem Trabrennsport mit Leib und Seele verschrieben. Mit über 75 Jahren steigt er noch immer auf den Sulky und begeistert bei der jährlichen Derbywoche die Zuschauer. Seit 2005 versucht Mommert die Bahn wirtschaftlich zu sanieren. Eine Aufgabe, die leichter klingt als sie ist.

Im zweiten Stock des neuen Tribünenhauses, in der Filiale 7, blättert die goldene Farbe von den rauverputzten Wänden. Künstlich wuchernde Weinreben zieren Ecken, Säulen und ranken bis zu der niedrigen Decke. Schwer lastet der Staub auf den Kunststoffblättern.

Ein Ort des Glücksspiels, wo selbst Plastikblumen welken.

Leise beginnen die ersten Töne des ‚Mission Impossible Themes’ das Tribünenhaus zu erfüllen. Das ist das Zeichen! Das letzte Rennen wird in 60 Sekunden starten. Alle Wetten müssen eingereicht sein. Leben kommt in die alten Zocker; der Mann mit der hängenden Brille steht schwerfällig auf und bewegt sich zum Schalter, hinter ihm bildet sich eine Schlange. Die weiß-roten Wettscheine wechseln zum metallischen Klingen der Münzen den Besitzer. Kurz vor knapp – ‚Mission Impossible’ dröhnt nun aus den Lautsprechern, schürt Eile, beschleunigt den Herzschlag und lässt das Adrenalin rauschen – sprintet noch ein letzter Wetter zum Schalter. Blass, hager, mit langem dunklen Haar bellt er einen knappen Befehl an Herrn Fieck:

„Zweier, 7-4 für’n Euro’“

„Hin und zurück?“

„Ja!“

Schrilles Klingeln ertönt, die Musik stoppt abrupt und eine rote Lampe blinkt auf. Das Rennen ist geschlossen. Die letzte Wette für einen Euro noch angenommen, der Wetter hastet auf die Tribüne, um durch die Glasfront das Rennen zu verfolgen. Die Stammbesucher verspielen keine Millionen, sondern die bescheidene Rente, Hartz IV-Bezüge oder den letzten Rest des mühevoll Angesparten. In wöchentlicher Routine setzt man nach jahrelanger Beobachtung von Pferd und Fahrer, unerbittlichem Studieren der Quoten und eifrigem Gefachsimpel einen Euro pro Rennen, vielleicht auch mal zwei. Das Rennen beginnt, der blaue Startwagen fährt los, die Räder wirbeln staubigen Sand auf, 11 Pferde folgen schnaubend. Der Startwagen klappt die eisernen Flügel ein und LOS! Die Anlage ist beherrscht von Hufgeklapper. Einige Pferde drängen an die Spitze, traben nah am Innenring der 1.200m-Bahn. Ganz vorne liegt der heutige Favorit, Heinz Wewering mit Dynamite Goal Ass.

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Die Lautsprecher knistern und knacken, die Stimme des Kommentators schmettert durchs Tribünenhaus und über die Anlage. Mitgerissen teilt er für jede Sekunde die aktuelle Entwicklung mit. „Und da ganz außen, kämpft er sich nach vorne, die 7 – die 7 auf dem Weg nach vorne und ahhhhhh, zieht an Jillis Girl vorbei, Apollon jetzt an zweiter Stelle…“ Gespannt stehen die Wetter vor den Fenstern oder ihre Augen kleben an den grobkörnigen Bildschirmen. Auch Herr Tieck kann seinen Blick nicht lösen – die Kasse ist geschlossen, der Kassierer in einer anderen Welt. „Rot – die 9 ist Rot!“ dröhnt es vom Bahnsprecher. Das Gespann 9, Heinz Wewering mit Dynamite Goal Ass ist wegen Galoppierens disqualifiziert: der Favorit ist raus. Stöhnen, Fluchen unter den Stammbesuchern, Fäuste krachen vor Unverständnis auf den Tisch. Nur noch wenige Meter bis zum Ziel und – das Rennen ist vorbei.

Gewonnen hat die 7.

Kein Außenseiter und auch kein Favorit; Quote 38 – bei einer Siegwette für einen Euro gäbe es 3,80€ zurück. Immerhin. Aber wer von den langjährigen Zockern setzt schon auf Fahrer aus dem soliden Mittelfeld? Die Rennleitung überprüft anhand des Zielphotos. „Die Überprüfung gilt nicht dem siegreichen Gespann“, beruhigt der Bahnsprecher. Vor den Wettschaltern sammeln sich erfolgreiche Zocker. Sie alle warten auf das endgültige Ergebnis. Einer zieht hastig an seinem Zigarillo. Ein Stück glimmende Asche fällt auf den senfgelben Teppich. Zischend brennt sich ein schwarzes Loch hinein. Der unverkennbare Geruch von versenktem Kunststoff steigt in die Nasen.

Die Lampe wird grün, Wetttickets gegen Geld getauscht, Gewinne addiert. Herr Tieck zählt nun die Kassen, macht die Abrechnung. Einer nach dem anderen schlurfen die Stammbesucher hinaus, mischen sich draußen zum lärmenden Volk der unbedarft Wettenden. Herr Tieck löscht das Licht, schultert den Plastikkorb mit dem Geld und schreitet über den gelben Weg unter Weinreben zur Hauptkasse.

Fotos: Clara Koschies

 

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Húh! Mehr Island, mehr Musik: Sóley besucht Deutschland http://lesflaneurs.de/2016/07/07/huh-mehr-island-mehr-musik-soley-besucht-deutschland/ http://lesflaneurs.de/2016/07/07/huh-mehr-island-mehr-musik-soley-besucht-deutschland/#respond Thu, 07 Jul 2016 08:45:25 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7577 Wer nicht schon längst Island-Fan war, ist es spätestens seit dem grundsympathischen Auftritt der isländischen Fußball-Nationalmannschaft bei der laufenden EM. Doch fernab von all den „Húh!“-Rufen der Fans und ausbruchsbereiten Vulkanen hat sich Island vor allem durch seine breite Musiklandschaft einen Namen gemacht. Und der lautet nicht immer (nur) Björk oder Sigur Rós oder GusGus, sondern manchmal: Sóley. Oder um genau zu sein: Sóley Stefánsdóttir. Und das nicht ohne Grund. Seit 2010 setzt sie immer schöner werdende Alternative-Popstücke in die Welt, die von rythmisch-leicht bis dröhnend-düster reichen. Das ehemalige Mitglied der Band Seabear zeigt, dass sich da ein Mensch und dessen Musik gemeinsam entwickeln. In die Tiefe. „Ask The Deep“ ist ihr zweites Soloalbum, welches letztes Jahr erschien, und der Titel zeigt, wohin es geht – immer weiter hinab in die musikalische Seele.

„Do you hold me till I like you
If you’re the devil let me go
Do you still play the game
Where you take away my dream“
(Sòley – I Will Never)

Vielleicht findet Sóley etwas Seelenfrieden in der Berliner Passionskirche, wo sie am 22. Juli spielen wird. Stellt euch diese Live-Version einfach in ganz, ganz, ganz groß vor:

Wir verlosen zweimal zwei Tickets für das Konzert in Berlin am 22. Juli Schickt uns einfach bis 14.7. eine E-Mail mit dem Betreff „Sóley“ und eurem Namen an [email protected]. Die GewinnerInnen werden dann von uns benachrichtigt. Und wer nicht in Berlin wohnt, sollte sich den 26.7. anstreichen – an dem Tag spielt Sóley im Palmengarten in Frankfurt. Einmal sakral, einmal floral – passend zur ausschweifenden Musik von Stefans Tochter.

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Barcelona Uno: Tourist Go Home http://lesflaneurs.de/2016/07/03/barcelona-uno-tourist-go-home/ http://lesflaneurs.de/2016/07/03/barcelona-uno-tourist-go-home/#respond Sun, 03 Jul 2016 09:25:37 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7507 „Tourist Go Home“ – dieses als Graffiti gesprühte Zitat begrüßt mich bei meinem ersten Gang durch’s Viertel El Raval, welches zusammen mit El Borne und dem Barri Gotic die Altstadt von Barcelona bildet. Getrennt werden sie durch die Party-Proleten-Meile La Rambla. Getrennt werde ich von der Stadt durch meinen Status. Tourist, der: nerviger Mensch, steht immer im Weg, unterstützt den Ausverkauf der Stadt, bringt aber leider auch Kohle.

Ich kann dieses Vorurteil verstehen. Ich weiß nichts über aktuelle Diskussionen in der Stadt, über die Entwicklung, ja, auch über Gentrifizierung. Bin ich gerade ein Teil davon? Wohnte vor mir jahrelang eine kleine Familie in dem Apartment? Hat man heutzutage als Tourist mehr Verantwortung als sich nur die Frage zu stellen, wo es eine gute Paella zu essen gibt? Aber ich weiß um die Müdigkeit, die all das Nachdenken, Nachhaken und Nachforschen hinterlässt – und welches Misstrauen es säen kann. Drum nehme ich mir nur eines vor: Meinen Aufenthalt hier bewusst zu genießen und dankbar zu sein für die Möglichkeit, nicht nur das PrimaveraSound, sondern gleich eine ganze Stadt erkunden zu können.

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Am nächsten Tag heißt es Schritt für Schritt durch die Gassen der Stadt, Stufen raus, Stufen runter. Und je weiter ich komme, desto mehr merke ich, welch verzerrtes Bild ich bisher von Barcelona hatte. In meiner Fantasie war der Platz vor der Sagrada Familia riesengroß und überschattet von noch riesigeren Türmen. Viel falscher konnte ich gar nicht sein. Alles ist muckelig klein, konzentrierte Schönheit. Das Herumstromern lohnt sich, denn egal ob in den verwinkelten Gassen der Altstadt oder den schachbrettig angelegten Vierteln außerhalb, überall finden sich ältere Gebäude oder kleine Besonderheiten, die den Blick einfangen. Wie am Plaza de Mossèn Jacint Verdaguer, wo eine riesige Eule vom Dach grüßt – „the owls are not what they seem“.

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Und wenn es mal weniger zu sehen gibt, bleibt der Blick an den vielen Palmen und Grünpflanzen hängen, die nicht nur die Straßen der Stadt zieren, sondern auch die Balkone – zusammen mit aufgehängter oder zweckentfremdeter Wäsche:

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Ich muss an den Berliner Tauentzien denken, auf dessen Mittelstreifen aus Kostengründen eine sehr niedrige, pflegeleichte und nach Grabgesteck aussehende Bepflanzung ausgewählt wurde. Preußisch-praktisch, es könnte ja sonst schön aussehen. Ja, es kommt mir vor, als hätten die Menschen in Barcelona einfach mehr Bock auf ihre Stadt. Es ist nicht nur klimatisch begründet, dass die Nächte hier gerne im Freien verbracht werden – es ist schlicht sehr, sehr schön, den Abend und die Nacht in Barcelona draußen zu verbringen. Das Leben hier fühlt sich wärmer an, positiver. Es gibt Luft an den Kreuzungen, Bänke die von Grün umgeben sind und nicht wahllos an eine Hauptstraße gepackt wurden; und große Einkerbungen in sonst sterile Häuserreihen, durch die Platz gemacht wird für Spielplätze und Leben und Farbe.

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Drum macht in Barcelona selbst das verpönte Sightseeing-Bus-Fahren Spaß, denn es bringt einen nicht weg vom Leben, sondern nur näher ran. Ganz oben ohne Dach, näher an den Balkonen und Bäumen, der Blick der Straße folgend die bis ans Meer führt, diese Aussicht verschafft Respekt. In Gedanken rase ich schon mit einem Fahrrad runter bis zur Promenade. Kündigt sich da der nächste Besuch an?

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Selbst ohne Rad: Wenn einen die vielen Straßen und Wege hinab zum Wasser geführt haben und Palmen ihre Schatten über gelben Sandstrand tanzen lassen, der Blick über hellblaues Wasser zieht und sich an einem Fischerboot festsaugt – wie kann solch ein Anblick nichts in einem auslösen und Dankbarkeit für so viel Schönes auslösen? Und spätestens in diesem Moment lohnt sich ein Trip, so kurz er auch sein mag. Wenn er eine Wirkung hat, die über den Moment hinausgeht. Ich sitze lächelnd vor’m Laptop.

In wenigen Tagen folgt „Barcelona Dos“ von Michael, Teil 2 unserer Mini-Barcelona-Reihe. Wie erlebte er Stadt, Menschen und Meer?

Copyright aller Fotos: Enrico Seligmann

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Das Ende ist nah http://lesflaneurs.de/2016/06/27/das-ende-ist-nah/ http://lesflaneurs.de/2016/06/27/das-ende-ist-nah/#respond Mon, 27 Jun 2016 07:33:28 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7540 Endzeitstimmung auf und hinter der Bühne: Herbert Fritsch inszeniert die „Apokalypse“. Im Hintergrund rebellieren die Mitarbeiter gegen den neuen Intendanten Chris Dercon. Eine Kurzkritik zur letzten Premiere an der Volksbühne.

Es sind bewegte Zeiten. Mit dem Ende der Spielzeit steht für die Berliner Volksbühne ein Intendatenwechsel an. Die Stimmung ist längst gekippt, viele befürchten eine Entwurzelung, Verfälschung und Kommerzialisierung des Hauses, ganz zu schweigen vom Ende der Ära, die mit der Ablösung Castorfs einhergeht. Moritz von Uslar beschreibt den nahenden Systemwechsel, Jan Küveler fühlt treffend der „Angst vor einer neoliberalen Seifenbalsenfabrik“ nach. Längst haben die Mitarbeiter selbst ihr Unbehagen in einem offenen Brief ausgedrückt – Endzeitstimmung an der Volksbühne.

Kein großer Zufall also, dass sich Fritsch in seiner wahrscheinlich letzten Premiere am Haus ausgerechnet dem Weltuntergang, dem finalsten aller Enden, zuwendet. Die Textfassung geht auf die Offenbarung des Johannes zurück, „unverändert und ungekürzt nach der Übersetzung Martin Luthers“ versteht sich. Den 90-minütigen Textmarathon, der zuvor bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen Premiere feierte, durchläuft Wolfram Koch im schreiend gelben Anzug mit viel Spielkraft und Ausdauer und Elisabeth Zumpe, der fleißigen Flüsterin an seiner Seite, die den Geschwindigkeitspegel oben hält. Auch in diesem Stück zelebriert Fritsch die Körperlichkeit, der Text geht hinter dem Zittern und Zetern Kochs verloren, löst sich auf in körperlichen Klang, in großes Getöse.

Niemand fliegt so schön

Die riesige Bühne, von der Fritsch liebevoll als „schönste Bühne der Welt“ schwärmt, lässt er leer. Da ist nur ein großer gelber Abgrund. Der Raum wird erfüllt vom großartigen Spiel Kochs, von seinem Stolzieren, von den Erdbeben, die durch seinen Körper gehen, und von den Klängen Ingo Günthers, der verzerrte elektronisierte Orgelklänge zaubert. Die Schwere des Textes, die Anstrengung die zwischen den Worten liegt, wird für kurze Momente vergessen, wenn beispielsweise eine gigantische Treppe vom Himmel herab schwebt, um sich schließlich passgenau in der Bühne zu versenken. Auch Koch geht in die Luft: Niemand fliegt so unbeschreiblich schön wie Wolfram Koch!

Der biblische Spagat über dem gelben Abgrund bedarf einiger Ausdauer. Am Ende applaudiert Koch scheinbar auch uns, dass wir durchgehalten haben. Es ist kein leichter Fritsch-Abend. Doch niemand hat behauptet, dass ein Weltuntergang leicht sein würde.

Nächste Vorstellungen von „Apokalypse“ an der Berliner Volksbühne am 28. Juni und 12. Juli.

 

Fotorechte: Volksbühne Berlin © sebaso. Unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz.

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Alltag, du Sau (14): Fick die Gästeliste! http://lesflaneurs.de/2016/06/15/alltag-du-sau-14-fick-die-gaesteliste/ http://lesflaneurs.de/2016/06/15/alltag-du-sau-14-fick-die-gaesteliste/#respond Wed, 15 Jun 2016 08:44:00 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7505 Wui! Was ist denn da los? Eine verloren geglaubte Reihe erblickt wieder das Licht der Welt. In „Alltag, du Sau“ regen wir uns über die großen und kleinen Fallstricke des Alltags auf – immer subjektiv, nie objektiv. Manche Sachen müssen eben einfach raus. Heute schreibt Enrico über seine Einstellung zur Gästeliste.

Kleines Programmkino in Berlin, Spezialveranstaltung zu einer Indie-Doku, Regisseur und Hauptdarsteller sind anwesend. Das Kino hat gut 45 Plätze und der betreibende Verein steckt die Einnahmen vor allem in die Erhaltung, Programmgestaltung, neue Technik etc. und viele Menschen arbeiten viele Stunden ehrenamtlich, um dem Viertel Kinovergnügen zu ermöglichen. Insgesamt ein Projekt, dass man ziemlich gerne unterstützt, nicht wahr? Aber an diesem Abend tauchten mehrfach Menschen an der Kasse auf, die mit gewichtiger Miene verkünden, sie stünden auf der Gästeliste. Antwort: Schulterzucken. Da hat der Regisseur seinen Freunden wohl zu viel versprochen. Mich regte die Situation extrem auf, zeigt sie doch die vermeintliche Macht eines der größten Übel unserer Zeit: der Gästeliste!

Die „Wer kennt wen?“-Liste teilt das Publikum in gut und besser, sie erfüllt keinen anderen Zweck als einigen wenigen Menschen das Gefühl zu geben, sie hätten etwas Besonderes erreicht, einen wichtigen Bund mit jemanden geschlossen oder sich zumindest im richtigen Mailverteiler eingetragen. Mehr noch als die Aufsetzer einer Gästeliste stören mich jene, die dieses Angebot einfach annehmen. Für die eben jedes Event nur das ist – ein weiteres Event. Zack, abgehakt! Wieder einen Abend in Berlin mit Wichtigkeit gefüllt. Es soll bloss niemand denken man sitze faul auf der Couch und ärgert sich über den hängenden Netflix-Stream. Jene Menschen, die sich eben nicht denken: „Hm, ich stehe hier in einem kleinen Programmkino. Der Eintritt kostet nur 5€. Das ist mir dieser Abend wert.“, sondern sich lieber darüber streiten wollen, ob sie nun auf einer fucking Liste stehen oder nicht.

Die Gästeliste ist somit ein von schlechten Menschen erfundener Stressfaktor und Zerteiler in einer Zeit, in der die Menschen eh schon zur Genüge gegeneinander aufgebracht werden. Also raus aus dem Alltag mit ihr, oder auch: Fick die Gästeliste!

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Der Meta-Meta-Superstar | Father John Misty live in Berlin http://lesflaneurs.de/2016/05/18/der-meta-meta-superstar-father-john-misty-live-in-berlin/ http://lesflaneurs.de/2016/05/18/der-meta-meta-superstar-father-john-misty-live-in-berlin/#respond Wed, 18 May 2016 08:02:42 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7467 Wir haben ihn provoziert, wir haben ihn bekommen, den einzigen Superstar, den unser Zeitgeist zulässt, just kidding. Josh Tillman trommelte bis 2012 bei den Fleet Foxes, machte unter seinem echten Namen so ein paar Sachen, dann irgendwann ein sehr gutes, aber nicht überragendes Album, unter dem Alter Ego Father John Misty. „Fear Fun“ war das, auf dem er Songwriterfolk spielte, alles nichts Spektakuläres, kommt zu Hauf vor. Aber irgendwann zwischen 2012 und 2015 passierte etwas, eine Wandlung vollzog sich und Tillman wuchs in Misty hinein, machte ihn zur Showpersona, die natürlich totally er selbst ist, no kidding. Fortan sollte man nichts mehr zu ernst nehmen, was der Mann in Interviews sagte oder tat, oder zumindest musste man immer fragen: Ist das jetzt wieder ironisch gemeint oder was ist los?

Ja, irgendwie ist er das US-Musikerpendant zu unserem geliebten und gehassten Satiriker Jan Böhmermann: ein hagerer Nerd, der gerne gehasst und vergöttert wird, aber am allerliebsten nichts davon, man ist ja auf einer Mission. Das hätte fatal nach hinten losgehen können, aber letztes Jahr kam sein zweites FJM-Werk, „I Love You, Honeybear“, und Tillman manifestierte sich in dem besten Album, das 2015 hervorbringen sollte. Der Folk rückte in den Hintergrund, mit voller Band und oft Orchester ließ Misty ein Füllhorn herzzerreißender Melodien über uns herein brechen, zitierte musikalisch die 50er, irritierte mit banalen Samples eines lachenden Publikums das gesamte Feuilleton und, das ist das Wichtigste, schrieb Texte, die man sich ausnahmslos irgendwohin tätowieren möchte, oder auf Flugblättern verteilen muss, like, hier nimm, whatever. Lieblingsthemen: Perversion, seine junge Ehe mit Emma Tillman, Weltuntergang, Szenen eines Lebens als alternder Niemand auf Medikamenten, der keinen mehr hochkriegt, ach, alles so überspitzt, dass einfach jede einzelne Zeile wahr sein muss, gerade weil das so keiner glauben wird. Düster? Nichts davon, wie denn auch, in so verzückende Neoromantiksongs gehüllt?

Gleichzeitig mutierte er auch auf der Bühne zum übertriebenen Hipster 3000, immer den schlangenartigen Körper in Anzüge gehüllt, nicht edel, eben hobochique, stolziert er wie ein dave-gahanscher Gockel jeden Schritt, lässt sich in gymnastischer Perfektion zusammensacken wie Marilyn Manson zu seinen schlanken Zeiten Anfang der 90er, schmeißt die Arme durch die Gegend wie der verlorene Bruder Nick Caves. Von Miley Cyrus über Nirvana bis hin zu Nine Inch Nails‘ „Closer“ covert er alles und jeden, nimmt regelmäßig Fake-Werbespots für fragwürdige Produkte auf, schmeißt in Lana-Del-Rey-Videos LSD – und beteuert immer wieder: Hey, das ist keine Show, das ist mein Leben, alles völlig ernst gemeint, also, halt, Father John Misty. Gottlob steckt dahinter aber auch eine strenge Arbeitsmoral, denn Tillman weiß, dass er auf der Höhe seines Hypes ist und tourt derweil ohne Pause durch die ganze Welt, in meist ausverkauften Clubs. Das meint er dann doch ernst, bei aller Meta-meta-mega-Melancholia.

Der feiste Father (Küsschen an unsere eingene Metaikone und sein #verafake) kommt am 25. Mai noch einmal ins Astra Kulturhaus nach Berlin. Seid dabei und lasst uns ihn uns gemeinsam lallend lobpreisen, wir haben auch zwei Karten für euch – man verdient ja nichts. Schickt uns bis Sonntag, 23.59 Uhr, eine E-Mail an [email protected] mit dem Betreff „Oh Father John!“ und em Namen, unter dem euch FJM zum Sektempfang begrüßen (vielleicht, eher nein) und auf die Gästeliste setzen soll. Viel Glück, ganz ernst gemeint!

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Die Lücke zum Sommer schließen: Remmidemmi in Berlin http://lesflaneurs.de/2016/04/18/die-luecke-zum-sommer-schliessen-remmidemmi-in-berlin/ http://lesflaneurs.de/2016/04/18/die-luecke-zum-sommer-schliessen-remmidemmi-in-berlin/#respond Mon, 18 Apr 2016 11:47:17 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7367

Kommenden Samstag ist es soweit – es wird geremmidemmit im Glashaus! Ob auch mit Porzellan geworfen wird, wird sich zeigen. Fest steht aber, dass mit Kat Frankie, Milliarden, Kadebostany, Marc O´Reilly, FINS, Raglans und NEWMEN haufenweise spannende Mucke laufen wird, in die ihr bequem per Spotiyplaylist reinlauschen könnt. Wir haben derweil mit den Veranstaltern von Handshake Booking ein paar Worte über’s Festival gewechselt:

 

Was hat euch dazu bewogen, keine regelmäßige Konzertreihe, sondern ein richtiges Festival aus eurer Idee zu machen?
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass bei einer Konzertreihe mit 2-3 Bands am Abend nicht unbedingt mehr Leute kommen als bei einem Einzelkonzert des jeweiligen Headliners selbst. Uns geht es aber vorrangig um Potential, dass für jüngere Bands in einem solchen Umfeld entstehen kann. Bei einer Konzertreihe hast du nicht die Möglichkeiten den Newcomern ein Publikum in der Größe zu bieten und darum soll es beim REMMI DEMMI Festival gehen. Gute Musik abseits vom Mainstream einem breiteren Publikum vorzustellen. Wir bei Handshake Booking betreuen selbst ja einige Bands im Aufbaustadium und merken daher wie schwer es ist, die Leute zu den Konzerten unbekannterer Acts zu locken. Wenn es nach uns geht soll Berlin nun eine Plattform mehr haben für die es sich lohnt ein Ticket zu kaufen um neue, talentierte Acts zu entdecken.

 

Ihr wollt besonders die jungen Künstler der Hauptstadt stärken – habt ihr das Gefühl, dass diese es in einer Stadt wie Berlin – mit Dutzenden Konzerten jeden Abend – besonders schwer haben oder gibt es doch einen gewissen Lokalpatriotismus?
Jüngere Bands haben es schon schwer sich hier zu behaupten. In unserem Auster Club sehen wir das tagtäglich. Da steht dann eine Band auf der Bühne von der du noch nie gehört hast und dir fällt schon beim ersten Song die Kinnlade runter, weil diese Underdogs so dermaßen gut spielen. Trotzdem stehen im Club nur 30 Zuschauer, inkl. der Gästeliste der Band, weil gleichzeitig im Lido, dem C-Club und der Mercedes Benz Arena Bands auftreten, die täglich 20 Mal im Radio gespielt werden. Leicht ist es hier in Berlin also wirklich nicht auf sich ausmerksam zu machen.

 

Wie kam es dazu, dass das Festival – da von flux.fm präsentiert – nicht auch im Fluxbau stattfindet?
Bei der Auswahl der Venue war die Wahl für das Glashaus ziemlich schnell klar. Der Ort ist wunderschön mit seinem Blick auf die Spree und wenn wir Glück haben und das Wetter mitspielt, können unsere Gäste sogar im Sand des Badeschiffs abhängen. Festivalfeeling im April, wo ist das sonst möglich! Ausschlaggebend war aber tatsächlich der technische Aspekt und die Möglichkeit auf 2 Bühnen zu spielen, da passt im Glashaus perfekt.

 

Clubfestivals sind, als Kontrast zu den immer mehr werdenden Wald-und-Wiesen-Festivals, immer weiter im Kommen. Was macht für euch den Reiz aus?
Für mich schließen Clubfestivals einfach die Lücke zum Sommer. Wir sind ja immer im April und im November, da ist noch nicht so viel mit Open Air. Mit etwas Glück ist die April-Ausgabe schon mit viel Sonne gesegnet und wir finden die Hälfte unserer Besucher zwischen den Sets im Strand des Badeschiffs wieder. Die können nach dem Abend dann auch einfach in 15 Minuten mit dem Fahrrad oder dem Bus nachhause fahren, ein Aspekt den man sich bei manch anderem Festivalabend ja auch wünscht.

 

Remmi Demmi, remmi demmi – seht ihr euch als reines Feierfestival oder wie kam es zum Namen, der in Deutschland ja vor allem im Zusammenhang mit Deichkind bekannt ist?
Das Feiern wird hoffentlich nicht zu kurz kommen, aber ehrlich gesagt geht es bei uns tatsächlich um die Musik und um tolle Entdeckungen. Der Name hat sich letztendlich auch aus der Partnerschaft mit unserem Schwester-Festival ergeben. Wir kooperieren ab November ja mit dem Ramba Zamba Festival in Hamburg, deren Indoor-Festival immer am jeweiligen Freitag vor unserem Abend hier in Berlin stattfindet. Wir wollten also einen Namen der passt, gleichzeitig aber auch vermittelt, dass wir alles etwas anders machen. REMMI DEMMI eben.

 

Wenn ihr euch eine Zusammenarbeit zwischen zwei der Festivalbands aussuchen könntet, wer sollte eurer Meinung nach unbedingt mal etwas zusammen machen?
Kat Frankie und Marc O’Reilly wäre meiner Meinung nach eine Mega-Kombi! Der Powersound von Marc mit dem unglaublich guten Songwriting von Kat, fesselnder geht es glaube ich kaum!

 

Das Remmi Demmi Festival findet am 23.4. im Glashaus an der Arena statt. Tickets könnt ihr weiterhin hier ordern.

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Neu in Berlin: das REMMI DEMMI Festival http://lesflaneurs.de/2016/04/11/neu-in-berlin-das-remmi-demmi-festival/ http://lesflaneurs.de/2016/04/11/neu-in-berlin-das-remmi-demmi-festival/#respond Mon, 11 Apr 2016 10:22:45 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7305 Letzte Woche war es soweit – den Menschen wurden die Frühlingsgefühle entlockt! Die Cafés stellen nun ihre Tische ins Freie, die Straßen werden voller, ja die Stadt selbst füllt sich wieder mehr und das große Leben kehrt zurück. Und mit den Temperaturen steigt in Berlin die Zahl der Open-Airs & Festivals. Wer aber nicht bis zum Sommer warten will und vor allem mehr als nur die übliche Beschallung mit Elektromucke will, der sollte sich den 23. April vormerken. Dann findet im Glashaus zum ersten Mal das REMMI DEMMI Festival statt. Auf zwei Bühnen werdet ihr an diesem Abend einer Mischung aus nationalen und internationalen Künstlern lauschen können. Mit dabei sind:

Doch was wäre ein Festival ohne Feiern bis zum Morgengrauen? Deswegen gibt’s danach noch KARAOKE MIT CHERRY-O-KIE, es wird also laut, lang und bunt – mit Tendenz zu pink. Wenn ihr reinhören wollt, gönnt euch doch die vollgepackte Spotify-Playlist oder schaut den Festival-Trailer:

Natürlich könntet ihr euch im nächsten Ticketshop direkt Karten für schmale 20€ sichern – doch vorher könnt ihr natürlich auch euer Glück bei unserem Gewinnspiel versuchen. Dank Handshake Booking verlosen wir einmal zwei Tickets für das REMMI DEMMI Festival! Dafür müsst ihr uns nur bis zum 15.4. eine Mail mit dem Betreff „Remmidemmi“ an [email protected] schicken und der Antwort auf die Frage, auf wen ihr euch an diesem Abend am meisten freut. Wir melden uns dann umgehend bei dem Gewinner/der Gewinnerin. Viel Glück!

Fotorechte: FINS (Marco Senschke), Milliarden (Vitali Gelwich), Kat Frankie (Carola Schmidt), Marc O’Reilly (Roger Woolman)

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Fackeln im Sturm, Gorki-style. http://lesflaneurs.de/2016/03/16/theaterpremiere-am-gorki-feinde-die-geschichte-einer-liebe/ http://lesflaneurs.de/2016/03/16/theaterpremiere-am-gorki-feinde-die-geschichte-einer-liebe/#respond Wed, 16 Mar 2016 12:04:09 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7273 Letztes Wochenende feierte die Romanadaption „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ von Isaac Bashevis Singer im Maxim Gorki Theater seine Premiere. Regie führte Yael Ronen. Es gab Sex, Lügen und Akkordeonmusik.

Foto: Esra Rotthoff (courtesy Gorki Theater)
Foto: Esra Rotthoff (courtesy Gorki Theater)

Fackeln im Sturm, Gorki-style.

Im New York von 1949 zeichnet das Stück die Liebeswirrungen vier jüdisch-deutscher Neu-Amerikaner nach. Herman (Aleksander Radenković) spielt „Bäumchen wechsle dich“ zwischen seiner ehemaligen polnischen Haushälterin – nun Ehefrau – Yadwiga (Orit Nahmias), die sich weder traut ein Telefon zu bedienen, noch mit der Bahn zu fahren; seiner von den Toten auferstandenen Ehefrau Tamara (Çiğdem Teke), die er eigentlich einem Erschießungskommando zum Opfer gefallen glaubte, und seiner Geliebten Masha (Lea Draeger). Ebenfalls geschunden von Kriegsverbrechen und knapp dem Tod im KZ entronnen, schwankt sie, eifersüchtig auf Hermans andere Frauen und bevorzugt schreiend, zwischen Leidenschaft und Abscheu.

Klingt nach Melodram, in dem alle weiblichen Rollen hilflos Kreise um die männliche Hauptrolle drehen, ist auch so. Herman spurtet zwischen den Appartements der zumeist leicht bekleideten Damen hin und her und versucht den Schaden an seiner Person einzudämmen. So leuchtete mir nach einer halben Stunde ein, dass die Entscheidung, die Herman zu treffen hat, wohl oder übel das einzige zu verhandelnde Thema des Abends sein würde und ich konnte mich zurücklehnen und die Show genießen.

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)
Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)

Stahlgerüste und Spitzenvorhänge

Denn abgesehen von der inhaltlichen Sackgasse ist der Abend in seinen Momentaufnahmen durchaus unterhaltsam und atmosphärisch. Auch die Schauspieler*innen nehmen den Plot sportlich und mit Liebe zu kleinen Gesten. Die maßgeschneiderten eleganten Kleider und hochgesteckten Lockenfrisuren, wehende Trenchcoats und ein tief ins Gesicht gezogener Hut, Herman immer unterwegs mit einer ledernen Reisetasche voller Wechselhemden und halbfertiger Schriftstücke. Auf der Bühne entstehen aus Stahlkonstruktionen und Podesten ineinander verschachtelte Räume. Jede der drei Frauen ist auf einer Ecke oder einem Podest eingerichtet, mit Bett, Wäscheleinen, einem Küchentisch. Herman muss ja schließlich in jeder Wohnsituation Essen serviert bekommen und Sex haben können. Vereinzelt pastellige Holzmöbel, weiße Spitzenvorhänge, ein silberner Wasserhahn blitzt aus einer Ecke hervor. Diese Mischung aus zarten Farben und Stoffen mit dem Stahlgerüst und den schwarzen Steinwänden der Bühne setzt ein interessantes visuelles Zitat auf das Setting New York.

Eine Reling führt knapp unter der Decke entlang. Aus deren sechs Metern Höhe – spoiler alert – Herman gegen Ende überwältigt von Verzweiflung und ziemlich eindrucksvoll herunterkotzt. Einer der Momente, die mir wegen des spielerischen Umgangs mit dem Raum besonders im Gedächtnis hängen blieb. Bis in die hintersten halbschattigen Winkel der Bühne kann man blicken, es werden alienartige Schemen von Frauen- und Männerkörper projiziert, zwei Mädchen schaukeln, Hände fliegen über die Körper auf der Bühne.

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)
Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)

Rettende Musik

Umspielt und kommentiert werden die Ereignisse von der dreiköpfigen Band. Und an dieser Stelle ziehe ich meinen Hut, denn das war zauberhaft. Eine gesangliche Mischung aus Jiddisch, Englisch und Deutsch – unterlegt von mal leichten Akkordeontönen, mal anwachsend zu einer wilden FreeJazz-Session. Die Band „The Painted Bird“, in Form von Sänger und Instrumentalist Daniel Kahn, dem Schlagzeuger Hampus Melin und Musiker Christian Dawid, geben dem Abend rhythmische Kraft und pointierte Leichtigkeit, die das Publikum dankbar annimmt.

Und auch die Musiker positionieren sich auf den Podesten und fügen sich in das Bild ein, Kahn wandert mit Sprechgesang und dem Akkordeon um den Bauch geschnallt über die Bühne, Dawids Beine baumeln beim Saxophon spielen im Halbdunkeln.

So fängt sich der Abend zwischen lauten Ansprachen, Liebes-und Hassbekundungen ab und zu in amüsanten und zarten Momenten selbst auf. Und wenn Sätze wie „Gott ist ein Nazi.“ und „Warum soll ich noch einmal Kinder wollen? Damit die Nazis wieder welche zum Verbrennen haben?“ fallen, schrickt meine Sitzreihe kollektiv zusammen.

In der letzten Szene taucht dann kurz doch noch ein Hoffnungsschimmer der Emanzipation auf. Die Zurückgelassenen raufen sich zusammen. Endlich ein bisschen Vernunft, auch wenn dieser kleine Moment dem bitteren Nachgeschmack von antiquierten Geschlechterrollen in erzählerischen Flachgewässern nicht aufheben kann. Prädikat: Problematisch, aber schön verpackt.

Die nächsten Vorstellungen von „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ finden am 04.04. und 07.04.2016 statt, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es hier und unter 030 – 20221-11.

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#instagram – auf drei Bilder mit berlintensiv http://lesflaneurs.de/2016/03/14/instagram-auf-drei-bilder-mit-berlintensiv/ http://lesflaneurs.de/2016/03/14/instagram-auf-drei-bilder-mit-berlintensiv/#respond Mon, 14 Mar 2016 09:43:53 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7245 Selbstverliebte Selfies, haufenweise Hashtags und das Streben nach Likes – Instagram kann mehr als nur oberflächliche Selbstdarstellung. Wir stellen euch in unserer Reihe „#instagram – auf drei Bilder mit…“ besondere Perspektiven auf die Bildersammlungsplattform vor. Los geht es mit berlintensiv.

Morgendlicher Kaffeeduft, das laute Zischen von Wasserdampf, Menschen trippeln ungeduldig auf der Stelle. In der Schlange tippt Benedikt J. Feldmann auf seinem Handy. Es erscheinen große weiße Buchstaben auf schwarzem Grund: „Latte mit Sojamilch“. Er ist an der Reihe, streckt sein Smartphone dem jungen bärtigen Hipstermann hinter der Theke entgegen und lächelt. Langsam füllt sich das Café in Berlin-Mitte mit verschlafenem Gemurmel, zwischen Holzgestellen und Designerstühlen nimmt Benedikt Platz. Seine großen braunen Augen strahlen. Er trägt millimeterkurze Haare und Nasenpiercing, trinkt zum Latte eine Limonade. Besonders die Inneneinrichtung habe es ihm angetan und die Kleinigkeiten, wie die Wahl der Schriftart des Logos, Helvetica, geradlinig und ohne Serifen. Benedikt pflegt eine Vorliebe für klare Linien, für geordnete Ästhetik.

Das Visuelle hat einen ganz besonderen Stellenwert für ihn: „Da ich taub bin, nehme ich vieles visuell wahr, was hörende Menschen eher akustisch begreifen. Blaulicht, Schatten, Bewegungen um mich herum – all das. Ob ich daher besser fotografieren kann, glaube ich aber nicht.“ Eilig löffelt er seinen Milchschaum.

Benedikts Suche nach Bildern bleibt nicht unbeachtet: Fast 58.000 Menschen folgen ihm über Instagram auf seinen Wegen durch die urbane Kultur, durch U-Bahn-Stationen und den Asphaltdschungel. Alles begann mit privaten Bildern, wann weiß er schon gar nicht mehr genau: „Irgendwann habe ich den Account berlintensiv ins Leben gerufen. Dort lade ich nur Bilder von Berlin hoch.“ Während er erzählt, leuchtet sein Handy – jedes Licht ein Like. Die Instagram-Gemeinde wächst stetig, hat zahlentechnisch bereits Twitter überholt und kann mittlerweile in Deutschland über neun Millionen Nutzer verzeichnen.

„Instagram hat meinen Blick auf die Stadt verändert. Wenn ich mich in irgendeiner Gegend aufhalte, nehme ich alles mit Instagram-Augen wahr. Wenn ich in eine neue Stadt fahre, finde ich vorher heraus, ob es dort Szenen gibt, die sich für gute Bilder eignen. Ich suche gezielt nach gentrifizierten Gegenden. Die können sehr spannend sein, auch wenn ihr Hintergrund oft eher tragisch ist,“ erklärt Benedikt und nimmt den letzten Schluck seines Kaffees.

Der 30-jährige tritt hinaus auf die Straße, in der Hand eine Postkarte, darauf ein Karomuster aus Fenstern und Beton, ein symmetrisches Abbild der Plattenbauromantik. Benedikt blickt sich um und eilt entschlossen los, mit knallrotem Rucksack auf dem Rücken und nach diesem einen Motiv suchend. Er streift durch die Straßen, blickt immer wieder nach oben den Linien der Hausfassaden folgend. Dann endlich: Um drei Ecken, dann erstreckt sich der große, beige Betonbau vor ihm. „Fassaden sind schon sehr typisch für meine Fotografie“, tippt er auf dem Handy, „ich mag die Struktur, alles muss geometrisch stimmen.“ Er öffnet sein Profil, um die Linien darin zu suchen. Mit dem Finger fährt Benedikt die Diagonalen nach, die sich über die einzelnen Bilder fortführen, von Straßenlaternen zu Häuserkanten und zurück. Dem flüchtigen Blick mancher Instagram-Nutzer mag diese Feinheit entgangen sein.


Hinter vielen der veröffentlichten Fotografien steckt eine Menge Arbeit. Perspektivische Verzerrungen können korrigiert, mit Filtern die perfekte Stimmung gezaubert und das fertige Bild mit einer Unmenge an Hashtags versehen werden. Alles nur, damit die Follower auf das rote Herz drücken, das Gefallen symbolisiert. „Likes haben schon eine psychologische Wirkung. Sie bedeuten Bestätigung und Anerkennung. Manche, die viele Selfies hochladen, wollen wissen, wie sie bei anderen Menschen ankommen, ob sie geliebt werden,“ meint Benedikt und schießt ein Foto von dem schrecklich schönen Gebäude.

Eisig zieht der Wind durch die sonnenbeschienenen Straßen als Benedikt zurück zur U-Bahn läuft. Im Vorbeigehen entdeckt er einen modernen, minimalistischen Bau mit großzügiger Glasfassade, ein Blick, ein paar Fingerübungen, ein Foto und weiter. Hinunter zum Bahnsteig.

Am anderen Ende des U-Bahn-Gleises steht eine Frau mit einer roten Mütze und starrt auf ihr Smartphone. Benedikt hebt sein Handy in ihre Richtung. Menschen zu fotografieren, sei am schwierigsten, meint er. Noch bevor sein schelmisches Grinsen sich gänzlich auf seinem Gesicht ausgebreitet hat, ist das Foto gemacht. Die Frau ahnt nicht, dass in einigen Minuten ihr digitales Abbild bei Instagram erscheint.

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