Band Aid – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Sat, 03 Sep 2016 13:15:32 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.4 Gutes tun http://lesflaneurs.de/2014/11/21/gutes-tun/ http://lesflaneurs.de/2014/11/21/gutes-tun/#respond Fri, 21 Nov 2014 08:32:04 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4747 "Rock 'n Roll hat meinem Leben / einen neuen Sinn gegeben." (Blumfeld)
„Rock ’n Roll hat meinem Leben / einen neuen Sinn gegeben.“ (Blumfeld). Foto: Archiv Schreiber

Ich durfte lange wach bleiben, das war also schonmal was. 13. Juli 1985, ich war zwölf Jahre alt, und ich schaute fern: Das Live-Aid-Konzert, parallel in London und Philadelphia, einen ganzen Tag, einen ganzen Abend lang, ein Charityevent anlässlich der Hungersnot in Äthiopien. Ich kannte kaum eine Band, die dort auftrat, ich meine, das waren hauptsächlich britische und US-amerikanische Musiker, und mein Musikgeschmack war verdorben durch exzessives SWR3-Hören.

Die Bandauswahl war die große Qualität von Live Aid.

Man muss kein Bringt-eh-alles-nix-Fatalist sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass es schwächer entwickelten Ländern ohne Entwicklungshilfe besser ginge. Man muss nicht in Internationaler Politik promoviert haben, um zu fragen, wo die bei Live Aid gesammelten Hilfsgelder eigentlich hingeflossen sind (ziemlich viele Indizien sprechen dafür, dass sie weniger in Lebensmittel investiert wurden als in Waffen). Man muss kein Moralist sein, um das selbstherrliche Auftreten von Live-Aid-Organisator Bob Geldof abstoßend zu finden. Und man muss kein übertriebenes Schmerzempfinden haben, um zu kapieren, dass die ganzen Kurzauftritte in London und Philadelphia rockästhetisch auch 1985 längst drüber waren, ein letztes Aufbäumen des Große-Männer-Rocks, eklig. Frank Zapppa: „The biggest cocaine money laundering scheme of all time.“ (zitiert nach Wikipedia) Word.

Aber!

Für mich kleinen Provinzbub war Live Aid trotzdem eine Offenbarung. Mein Musikgeschmack, das muss man einfach mal festhalten, hieß 1985 Nena (wenn ich „Pop“ wollte), Grönemeyer (wenn ich „Intellekt“ wollte) und BAP (wenn ich „Härteres“ wollte). Und plötzlich sah ich Bands wie die damals noch nicht endgültig ins Uncoole abgedrifteten U2, die mit „Sunday, bloody Sunday“ einen hochpolitischen Song performten. Ich sah die glückssprühende Rampensau Freddie Mercury ein Queen-Medley aufführen, vom „Bohemian Rhapsody“-Intro (Pathos!) über „Radio Gaga“ (Plastikpop!) zu „Hammer to fall“ (Metal!), ein Genre-Rundumschlag in wenigen Minuten. Ich sah Judas Priest, ich schüttelte meine nicht vorhandene Mähne, wenn ich mir den Auftritt heute noch einmal auf Youtube anschaue, frage ich mich, wie je irgendwer die Homosexualität Rob Halfords bezweifeln konnte. Ich kapierte, dass ziemlich viel möglich ist, mit dieser Popmusik. Es klingt komisch, aber: Live Aid war für mich die Initialzündung, es war der Ausweg aus dem Formatradio-Ghetto, aber gleichzeitig war es mehr. Wenn ich vom Formatradio in den Corporate Rock entkommen konnte, dann sollte es auch kein Problem sein, aus dem Corporate Rock zu entkommen. Und für diese Erkenntnis danke ich Bob Geldof. Das war etwas Gutes.

Wir haben 2014, Bob Geldof initiiert weiterhin Wohltätigkeitsaktionen, heute erscheint „Do they know it’s christmas“, eine Single der Charitykapelle Band Aid 30, es geht irgendwie gegen Ebola. Es spielen mit: unter anderem Clean Bandit, Paloma Faith, One Direction, ich kenne überhaupt niemanden. Aber weswegen auch nicht, es wird unhörbar sein, es wird überhaupt nichts bringen, aber macht doch.

Es gibt allerdings noch weitere Gründe, gegen Band Aid zu sein. Zum Beispiel, dass jeder Kritiker von selbstgerechten Figuren wie Bob Geldof massiv angegangen wird. Bryony Gordon hat im Telegraph sehr klug beschrieben, was für ein widerliches Umfeld das im Grunde ist – und wie unwichtig meine Kindheitserinnerungen im Vergleich sind:

“Give us your f***ing money,” was Geldof’s message way back when, and it is his message now – you all dig deep and give up your hard earned cash because these famous people who make millions singing songs have deigned to give up a few hours of their time on a weekend.

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