Ausstellung – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Thu, 25 Aug 2016 13:49:15 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.3 Blickwechsel – Beckmann und ich http://lesflaneurs.de/2015/11/26/blickwechsel-beckmann-und-ich/ http://lesflaneurs.de/2015/11/26/blickwechsel-beckmann-und-ich/#respond Thu, 26 Nov 2015 09:24:23 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6511 Zwischen schnellen Schritten, unzähligen Füßen und wuselnden Köpfen versuche ich, dem Maler zu begegnen, der mich heute Abend in diese Ausstellungshallen zog. Entlang der chronologisch kuratierten Gemälde finde ich ihn nur indirekt. Stattdessen führen mir die Bilder sein Berlin vor Augen, eine historisch gewordene Stadt zwischen den beiden Weltkriegen.

Mein Blick gleitet über das impressionistisch geprägte Frühwerk des Künstlers, und gerät im zweiten Raum ins Stocken. Irgendetwas hat sich verändert. Farben, Linienführung und Flächenverhältnisse passen nicht mehr zu dem Beckmann, mit dem ich zuvor vertraut geworden bin. Hier springt mir das Gesicht des Skurrilen entgegen, fratzenhaft und verzerrt. Ich verweile etwas zu lang im Sog des Leiermanns von 1935 und befürchte schon, das grausame Gebiss der zentralen Figur könnte puppenhaft mechanisch zum Sprechen ansetzen, da schaffe ich es, mich loszureißen und stolpere in den Mittelgang.

Berlin durch Beckmanns Blick: "Blick auf den Nollendorfplatz", 1911, Stiftung Stadtmuseum Berlin, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015
Berlin durch Beckmanns Blick: „Blick auf den Nollendorfplatz“, 1911, Stiftung Stadtmuseum Berlin, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Etwas wirr verspüre ich das Bedürfnis nach einer Zigarette, besser noch einem Glas Sekt, und kann an den suchenden Blicken meiner Mitstreiter ablesen, dass es ihnen genauso gehen muss. Zur Feier des 40-jährigen Bestehens lädt die Berlinische Galerie dazu ein, am Abend der Eröffnung zur „Max Beckmann und Berlin“-Ausstellung eine weitere Position des Künstlers zu betrachten, dessen prägendste Schaffensphasen sich in der Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen und den Zeitgenossen des damaligen Berlins vollzogen.

Ich finde, was ich suchte, allerdings nicht an der Bar des Hauses, sondern in dreifacher Form auf der Leinwand: Beckmann, der Sekt und die Zigarre. Auf seinem „Selbstbildnis mit Sektglas“ von 1919 präsentiert mir der Maler beide Objekte meiner momentanen Begierde in höchst affektierter Haltung, die eine Hand auf seiner Schulter ausgebreitet, zwischen den fahlen, gespreizten Fingern der charakteristische Glühstängel. Am Glas in seiner anderen Hand perlt noch der Schaum entlang, sein Blick geht an mir vorbei, ahnt er doch, dass ich kurz davor bin nach dem Sektkübel neben ihm zu greifen. Der Beckmann, der mich hier bewusst zu ignorieren scheint, zeigt mir seine arrogante Seite, wenn auch nicht ganz ohne Selbstironie. Seine hochgezogene Augenbraue reagiert auf eine Aussage seines unsichtbaren Gegenübers, dem er mit gekünstelter Skepsis und einem zur Seite gezogenen Mundwinkel begegnet.

Beckmann, der Sekt und die Zigarre: "Selbstbildnis mit Sektglas", 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015
Beckmann, der Sekt und die Zigarre: „Selbstbildnis mit Sektglas“, 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Als ich meinen Blick zu lösen beginne, bemerke ich, dass ich während meines Beobachtens selbst zum Objekt der Beobachtung wurde. Neun verschiedene Beckmanns prüfen mich von ihrer Leinwand aus, und jede scheint einen ganz anderen Menschen konserviert zu haben. Ein blaues Augenpaar fängt mich auf. Es ist der Blick des Jüngsten aus der Beckmannschen Ahnenreihe, der mich in stiller Zurückhaltung fixiert. Wir gucken uns an, als hätten wir einander gegenseitig bei einem Gedanken ertappt, den wir lieber für uns behalten würden und der nun unausgesprochen zwischen uns steht. Ich frage mich, was wohl gerade in diesem jungen Mann von 21 Jahren vor sich gegangen ist, als er sich in seinem Selbstbildnis von 1905 auf Jütland portraitierte. Die schemenhaft belassene Landschaft hinter ihm ist trügerisch, denn die blaue Krawatte verrät, dass er mit seinen Gedanken bereits im Kunstbusiness der Berliner Moderne angekommen ist. Fast scheint er sich auf dem Mund zu beißen, in gespannter Vorahnung der künstlerischen Aussagen, die er noch in der Welt treffen wird. Mir kommt dieses Übergangsstadium zur Adoleszenz sehr vertraut vor und ich verweile in dem Gedankenspiel, selbst vor 110 Jahren als junge Künstlerin ein Berliner Atelier in der Eisenacherstraße 103 bezogen zu haben, erfüllt von dem „was wir sind oder werden wollen, was wir hoffen, fürchten, glauben“, wie der junge Beckmann es damals in einem Briefwechsel beschrieb.

Anzug, Melone und Attitüde: "Selbstbildnis Florenz", 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, 
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford)
Anzug, Melone und Attitüde: „Selbstbildnis Florenz“, 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, 
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford

Von da an jedoch, fühle ich mich durch den Blick meines Beckmannschen Gegenübers latent underdressed und provoziert, meinen Hemdkragen hochzustellen, die Schuhe zu polieren und schnell eine ebenso imposante und unverrückbare Position einzunehmen. Das Selbst, welches das aktuelle Ausstellungsplakat ziert, ist nur zwei Jahre älter als sein Portraitvorgänger und hat sich schon komplett von allem Zögern und Zweifeln freigemacht. Er ist weiter gereist, befindet sich laut Titel in Florenz und wirft mir eine kühne Strenge entgegen, einen kommentierenden Blick, der den meinen nicht erwidern will. Ich pralle an ihm ab, er ist schon weiter gezogen, und hat sich selbst überholt.

Die variierende Intensität der Lebenssituationen, gepaart mit der Selbstinszenierung Beckmanns als Künstler von Welt führt zu einer Vielzahl von Blickwechseln, mit denen sich der Ausstellungsbesucher der Berlinischen Galerie konfrontiert sieht. Denn es gibt nichts, was den Raum so durchschneiden kann, wie der Blick aus und in eine vergangene Zeit, die sich in Form des menschlichen Antlitz mit dem Eigenen trifft.

Wer die Gegenüberstellung mit Beckmann nicht scheut und mehr über sein Wirken gerade im Zusammenhang mit anderen Künstlern der Moderne erfahren möchte, kann dies noch bis zum 15. Februar 2016 in der Berlinischen Galerie tun.

 

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Pornoskizzen unter dem Deckmantel der Kunst http://lesflaneurs.de/2015/11/09/pornoskizzen-unter-dem-deckmantel-der-kunst/ http://lesflaneurs.de/2015/11/09/pornoskizzen-unter-dem-deckmantel-der-kunst/#respond Mon, 09 Nov 2015 08:07:30 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6401 In Paris ist die Picasso.mania ausgebrochen. In der ganzen Stadt stiert Pablo Picasso mit nacktem, haarigem Oberkörper und verschränkten Armen auf Passanten und wirbt post-mortem für seine exzentrischen Meisterstücke. In der französischen Hauptstadt findet jedes Jahr eine neue Ausstellung über den Künstler aller Künstler statt. Diesmal zeigen 75 Fachmänner und -frauen, wie sie den spanischen Maler und Bildhauer wahrgenommen und seine Werke neu interpretiert haben.

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Picasso im Bilde, Foto: Lisa Ksienrzyk

Die verzweigte Absperrung vor dem Eingang zum Grand Palais deutet daraufhin, dass stundenlanges Anstehen nicht unüblich ist. Am Freitagmittag zieht es hingegen nur wenige Leute unter die Glaskuppel des Grand Palais. Ein Selbstportrait von Picasso aus dem Jahr 1901 leitet die Ausstellung ein. Das spanische Genie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erst richtig entdeckt und seine avantgardistische Kunst seitdem hoch gepriesen. Mehr als 40 Jahre nach seinem Tod gilt Picasso noch immer als ein exzentrisches Phänomen, das die zeitgenössische Kunst ausschlaggebend mitgestaltet hat. Der erste Raum in Picasso.mania ist voll von Büsten, Bildern und Skulpturen in den verschiedensten Stilrichtungen, die den großen Maler abbilden. Die Werke können unterschiedlicher nicht sein: Picasso als überlebensgroße Figur im Mickey Mouse Stil, ein Portrait des rauchenden Künstlers in jungen Jahren oder eine Silikonbüste des Spaniers mit Piratenhut und einem Penis, der aus dem rechten Auge wächst – genannt „Dick Eye“. Bilder mit Geschlechtsteilen an den unmöglichsten Stellen tauchen in diesen Raum auf. Später wird mir klar, warum Picasso derartig mit Genitalien in Verbindung gesetzt wird. Die Ausstellung endet chronologisch mit seinen letzten Werken, in denen er den Maler Raffael und seine Muse detailgetreu und in verschiedensten Positionen beim Sex gezeichnet hat. Diese erotischen Kritzeleien, fast schon pornographischen Meisterleistungen ziehen sich wie ein roter Faden durch sein jahrzehntelanges Schaffen. Die Repräsentationen sind dementsprechend ebenfalls ausschweifend und alles andere als jugendfrei.

Nutten, Krieg und Pop Art

In den 15 Ausstellungsräumen wird entweder der Fokus auf einen bestimmten Künstler gesetzt, der Picassos Arbeit interpretiert hat oder ein spezielles Werk des Malers leitet eine Reihe von verschiedensten Adaptionen ein. Ausschnitte von Spielfilmen, Werbespots und Jay Zs Track „Picasso Baby“ zeigen die Spuren, die der spanische Künstler in sämtlichen Bereichen hinterlassen hat. Die Prostituierten aus „Les Demoiselles d’Avignon“ wurden beispielsweise von Jeff Koons in einer Collage zusammen gestückelt. Nach einem Raum voll nackter Frauen beschwören hingegen die Inszenierungen von Picassos politischer Ikone „Guernica“ eine aggressive Atmosphäre. Kriegsszenarios, Flugblätter und ein Massaker an Plastikwölfen lassen einen anderen, politischen Picasso erahnen.

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Einblick in den Ausblick aus Picassos Augen

Die Reise geht ein Stockwerk tiefer und führt zu den grotesken Werken des spanischen Malers, die sogar ich Kunstbanause auf Anhieb erkenne: deformierte Frauenköpfe mit absurden Hüten aus den 1930ern. Die Erklärung an der Wand bestätigt mir, dass die meisten Leute „einen Picasso“ mit einem Bild aus dieser Phase verbinden. In seinen Anfangsjahren hat Picasso den kubischen sowie surrealistischen Stil neu für sich erfunden und Jahrzehnte später damit seinen Beitrag für die Entwicklung von Pop Art geleistet. In den nächsten Räumen verbildlichen abstrakte, grelle Werke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Co wie Picassos die Post-Moderne inspiriert hat. Videoclips gespickt mit Zeitungsartikeln und Fotos des Künstlers beleuchten daraufhin das Privatleben von Pablo Picasso. Vier Kinder von drei verschiedenen Frauen hatte der Frauenheld und Macho gezeugt.

Nach gut eineinhalb Stunden bin ich mit Picasso.mania durch, habe das Phänomen Pablo Picasso ansatzweise begriffen und seinen Einfluss auf andere zeitgenössische Künstler erahnen können. Auch wenn Kunst mir bisher meist nur an Häuserwänden begegnet ist, fand ich die Adaptionen sowie Originale tatsächlich faszinierend und beinahe respekteinflößend. Und das liegt nicht an den zahlreichen Geschlechtsteilen und kleinen Kamasutra-Skizzen, die Picasso.mania auftischt. Aber sie haben dazu beigetragen.

Die Ausstellung Picasso.mania läuft noch bis zum 29. Februar 2016 im Grand Palais in Paris. Der Eintritt kostet zwischen 10 und 14 Euro.

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Du wirst sorglos sein http://lesflaneurs.de/2015/06/30/du-wirst-sorglos-sein/ http://lesflaneurs.de/2015/06/30/du-wirst-sorglos-sein/#respond Tue, 30 Jun 2015 07:35:19 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6052 Nan Goldin
Nan Goldin
Sisters, 2010
Courtesy die Künstlerin und Matthew Marks Gallery, New York

In der kestnergesellschaft Hannover stellen noch bis 27. September die zeitgenössischen Künstlerinnen Nan Goldin und Pipilotti Rist aktuelle Werke vor. Nan Goldin fotografiert seit vielen Jahren Menschen, die sie umgeben und mit denen sie persönlich zu tun hat. Diese setzt sie in “Scopophilia” in Gegensatz zu klassischen Werken, die sie im Louvre fotografiert hat. Pipilotti Rist ist Videokünstlerin und bespielt in der kestnergesellschaft zwei Räume mit ihren Installationen “Worry Will Vanish Horizon” und “Slepping Pollen”. Ninia und Falk haben die Ausstellungen schon besucht und sich zum virtuellen Zwiegespräch getroffen.

Ninia: Falk, wie lange hast du in “Worry Will Vanish Horizon” gesessen? Ich hätte da ja Stunden verbringen können!
Falk: Ich habe einen Durchgang gemacht, also rund zehn Minuten. Dann habe ich mir Nan Goldin im ersten Stock angeschaut, und dann bin ich nochmal runter und fläzte nochmal eine Weile in “Worry will vanish horizon” rum. Ja, das war schon toll, man konnte sich da richtig in Trance lullen lassen. Aber gleichzeitig auch ein bisschen glatt, fandest du nicht? Wenn ich das mit alten Arbeiten von Pipilotti Rist wie “Ever is over all” vergleiche, wo Windschutzscheiben zerschmettert werden, dann ist das doch ein bisschen arg naturmytisch.

Ninia: Ich muss gestehen, dass ich Pipilotti Rist vorher noch gar nicht kannte – Asche auf mein Haupt! Ich bin eigentlich nur zur Vernissage gegangen, weil ich Nan Goldin so verehre. Und dann war Pipilotti doch sehr beeindruckend.
Falk: Ich mochte beide schon seit längerem – aber ich kam nie auf die Idee, dass die was miteinander zu tun haben könnten. Als ich dann hörte, dass beide in der Kestnergesellschaft ausstellen, kam mir plötzlich die Idee: Doch, das passt besser zusammen als gedacht. Hat die Ausstellung das denn für dich eingelöst?

Ninia: Hm… da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Ich empfinde beide als sehr progressive, feministische Künstlerinnen. Allein deshalb war für mich schon ein Zusammenhang da. Sie nehmen beide Ursprüngliches und setzen es in einen neuen Zusammenhang. So habe ich es zumindest empfunden. Also gibt es auch hier einen Parallelen. Ja, ja, das ist schon alles sehr sinnvoll. Wurden deine Erwartungen denn erfüllt?
Falk: Mal so, mal so. Ich fand die Sachen von Goldin wirklich gut, auch weil mir klar wurde, wie die sich seit den Achtzigern entwickelt hat. Mir war es allerdings zu wenig Rist – zwei Installationen, so toll sie auch waren, das fand ich ein bisschen dünn.
Ninia: Ja, da waren meine Begleitung und ich auch etwas perplex – “Oh, das war’s schon?!”

Nan Goldin
Links: St. Sebastian, Puvis de Chavannes, 2011
Courtesy die Künstlerin und Matthew Marks Gallery, New York
Rechts: Nan Goldin
Clemens, Paris, 2005
Courtesy die Künstlerin und Matthew Marks Gallery, New York

Falk: Was mir unheimlich gefallen hat, war die “Saints”-Serie von Goldin. Fotos von Porträts aus dem Louvre neben Porträts ihres Berliner Freundeskreises zu stellen, das klingt erstmal nicht so wahnsinnig spektakulär. Aber dann schaut man sich die Bilderpaare an und denkt bei jedem: Ja, das passt, die beiden müssen zusammengehören, sei es wegen ästhetischer Gemeinsamkeiten, sei es wegen eines ähnlichen Blicks. Und dann, wenn man gerade glaubt, dass alles stimmig ist, merkt man, dass einen Goldin total aufs Glatteis führt: Wenn die Paarungen anders wären, dann würde es nämlich meistens auch passen.

Ninia: Die Reihe fand ich auch sehr beeindruckend. Ich gebe dir Recht – manchmal hat man sich die Ähnlichkeit einfach ein bisschen herbeigeredet und schon war sie da. Und doch hätte es vielleicht auch anders gepasst.
Ich weiß noch, dass auf einer ihrer Collagen nackige Kinder abgebildet waren. Bei dem Anblick haben wir kurz gestoppt und überlegt, ob das jetzt ok ist oder nicht. Das ähnelt ja schon fast der “Wie viel von meinem Kind stelle ich bei Facebook rein?”-Diskussion. Ich fand’s nicht gut, auch nicht im Sinne der Kunst. Ist dir auch etwas Negatives aufgefallen?
Falk: Bei der Serie, die du gerade ansprichst, habe ich mich ganz ähnlich gefühlt. Hinterher habe ich mich dann über mich selbst geärgert, das war ja eine absolut natürliche Nacktheit, in der Badewanne zum Beispiel. Aber tatsächlich ist es so, dass die Kinder keinen Einfluss darauf haben, dass sie hier ausgestellt werden, entsprechend ist dein Facebook-Beispiel sehr gut. Ich rette mich dann immer in so eine “Das ist ja nicht echt, das ist ja hochästhetisierte Kunst”-Ausflucht. Aber das ist feige, weil ich da nicht wirklich Position beziehen will.

Pipilotti Rist Sleeping Pollen
Pipilotti Rist
Sleeping Pollen, 2014
Audio-Video-Installation
Foto: Ken Adlard
Courtesy die Künstlerin, Hauser & Wirth und Luhring Augustine

Ninia: Was ich dann wiederum sehr schön fand, war die Collage von der duschenden (?) Frau – ich recherchiere gerade – Käthe müsste das sein. Das fand ich unglaublich ästhetisch und erotisch. Ein sehr gelungenes Bild.
Falk: (Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich das überhaupt gesehen habe. Mist.) Hast du dir die Diashow ganz angesehen? Wie fandest du denn das Zusammenspiel zwischen der Musik und Goldins Fotografien?
Ninia: In dem Raum bin ich leider nicht lange geblieben, weil es so voll war. Vielleicht muss ich nochmal hin und das nachholen.
Falk: Es lohnt meiner Meinung nach durchaus. Weil das nochmal ein anderes Gucken ist: Der Blick wird durch die Abfolge der Fotos gelenkt, und die Musik sorgt für eine weitere Inhaltsebene. Als wir da waren, war ganz wenig los – das fand ich auch in der zweiten Installation von Rist toll, “Sleeping Pollen”, dass man sich da ganz alleine durch den Raum bewegen konnte.
Ninia: Ja, das ist bei solchen Installationen immer besser. Bei uns war es ja unglaublich voll, weil auch beide Künstlerinnen da waren. Sympathische Personen übrigens.
Falk: Hast du mit ihnen geredet?
Ninia: Nein, das traue ich mich ja immer nicht.
Falk: Schade, gerade von Rist würde ich schon gerne wissen, was sie mit ihren Arbeiten will. Ob da noch mehr ist als dass wir uns in die wohlige Trance von “Worry will vanish horizon” einkuscheln oder durch den Kosmos von “Sleeping Pollen” fliegen. Von Goldin möchte ich eigentlich nur wissen, wie sie es geschafft hat, dieses unglaublich exzessive, selbstzerstörerische Achtziger-New-York zu überleben.

Ninia: Da ist bestimmt noch mehr. Aber die beiden waren so “belagert”, dass ich nicht auch noch nerven wollte. Vielleicht hat Nan auch nur überlebt, weil sie dachte, sie muss den Kram bis zum Ende festhalten.
Falk: Mir würde jedenfalls was fehlen, wenn sie das nicht gemacht hätte. Wollen wir uns noch Gedanken über den Titel “Du wirst sorglos sein” machen? Ich habe den nicht richtig verstanden.
Ninia: Dazu wurde ein bisschen was in den Eröffnungsreden gesagt. Vieles davon ist aber an mir vorbeigegangen, weil ich studiumsgeschädigt nicht mehr zuhören kann, wenn jemand sehr abwegig über Kunst redet und sich Bedeutungen herbeizaubert. Ich habe den Titel so interpretiert, dass es ein bisschen ein Nach-Hause-Kommen ist bei beiden Künstlerinnen (jetzt rede ich selbst schon so!). “Worry will vanish horizon” hüllt dich ein, du musst über nichts mehr nachdenken, dir keine Sorgen mehr machen. Ähnlich bei Nan: Sie hat ihre Freund_innen, die immer da sind. Ein sorglose Leben, da sie immer jemanden in ihrem Rücken hat.
Falk: Wenn man diesen Freundschaftsbegriff als Solidarität übesetzt, dann ist das auch gar nicht mehr so unpolitisch. In dem Zusammenhang kuschle ich mich dann doch nochmal sorglos in “Worry will vanish horizon” ein.

Ninia: Ich mag das hier. Wir sollten das öfter machen. Das nächste Mal komme ich nach Hamburg!
Falk: Auf jeden!

Die Ausstellung geht noch bis 27. September 2015.

kestnergesellschaft
Goseriede 11 | 30159 Hannover

Öffnungszeiten:
Täglich und an Feiertagen 11-18 Uhr
Donnerstag 11-20 Uhr
Montag geschlossen

Eintritt:
Regulär 7 Euro | Ermäßigt 5 Euro
Mitglieder und ADKV frei
»PSD Bank FreiTag« 0 Euro

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http://lesflaneurs.de/2015/06/30/du-wirst-sorglos-sein/feed/ 0
Was ich an Kunst liebe, was ich an Kunst hasse http://lesflaneurs.de/2015/04/01/was-ich-an-kunst-liebe-was-ich-an-kunst-hasse/ http://lesflaneurs.de/2015/04/01/was-ich-an-kunst-liebe-was-ich-an-kunst-hasse/#respond Wed, 01 Apr 2015 07:34:14 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5551 Sean Landers: Genius (2001) Abb.: Courtesy of the artist and Petzel, New York
Sean Landers: Genius (2001) Abb.: Courtesy of the artist and Petzel, New York

Ja, die Ausstellung „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ in den Hamburger Deichtorhallen ist spektakulär, natürlich ist sie spektakulär. Rund 200 Exponate, kein einziges vom Jahrhundertkünstler Picasso, aber 200 Kunstwerke, die sich auf Picasso beziehen, Malerei natürlich, Fotografie, Video, Skulptur, sogar Aktionskunst, hauptsächlich westliche Kunst, aber auch einzelne Arbeiten aus Afrika und Asien, Kunst von 1914 bis heute. Faszinierend: Wie ein Künstler sich so nachdrücklich in die Kunstwelt einschreiben konnte, wie „Guernica“, wie „La Tête“ bei ganz unterschiedlichen Künstlern wieder auftauchen, als Zitat, als ironische Brechung, als Dekonstruktion, als Kritik. Es ist spektakulär, wie Kurator Dirk Luckow hier über sich hinausgewachsen ist, wie er die Grenzen seiner Profession überschritten hat, wie er Kunst und Gesellschaft und Gattungen und Epochen neu dachte und umwarf und wieder neu dachte. Und, meine Güte!, was es für eine Arbeit gewesen sein musste, diese ganzen hochrangigen Werke nach Hamburg zu holen! Ja, die Ausstellung „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ ist spektakulär.

Noch ohne Kunst: die nördliche Deichtorhalle. (Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg)
Noch ohne Kunst: die nördliche Deichtorhalle. (Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg)

Aber doch ist „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ heute abend nur zweitrangig, nur ein Nebenschauplatz neben dem Hauptgrund, weswegen ich mich trotz Orkans durch die Hamburger Innenstadt quäle. Der Hauptgrund sind nämlich die Deichtorhallen selbst, jene ehemaligen Markthallen im Niemandsland zwischen Hauptbahnhof und HafenCity, die vor 25 Jahren zur Kunsthalle umgewidmet wurden und zuletzt im Dornröschenschlaf versanken, seit die Haupthalle 2013 wegen einer dringenden Renovierung geschlossen wurde. Diese Halle war schon zuvor einer meiner liebsten Kunstorte, weil sie den Charme eines zwischen 1911 und 1913 gebauten Industrieraumes nicht verleugnete und trotzdem eine gewisse Flexibilität für die Kunstpräsentation zeigte (und auch weil die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst häufig nicht uninteressant daherkamen). Aber in der Rückschau war der Raum nicht optimal gelöst – insbesondere Kabinette an den Seiten beengten die Halle, der Lichteinfall war unschön, häufig wirkte es stickig. Und: Die Front in Richtung Innenstadt war abweisend. All das ist Geschichte, und das ist wirklich ein Geschenk: Die riesige Halle ist erstmals in ihrer Weite erspürbar, die Kabinette an den Seiten sind abgebaut (und wurden bei „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ ersetzt durch einen verwinkelten Kasten in der Raummitte, auch der ist ein Störfaktor, aber wahrscheinlich ist so etwas notwendig ür kleinformatigere Präsentationen), an der Innenstadtseite hat ein einladendes Museumscafé aufgemacht. Und: Es gibt eine neue Beleuchtungs- und Entlüftungslösung, wobei letztere den vernissagetypischen Publikumsandrang zu meistern scheint. Hosianna!

Und es ist ja nicht so, dass man mit den Deichtorhallen nur die Haupthalle meinen würde, nur die Halle für Aktuelle Kunst. Im Laufe der Zeit ist eine zweite, kleinere Halle dazugekommen, das Haus der Photographie (dessen Ausstellungen mich freilich weniger interessieren) und südlich der Elbe die nicht minder atemberaubende Sammlung Falckenberg. Alles in allem ein Kunstkomplex von einer Größe und Qualität, die erst einmal erreicht werden wollen. Besser kann man es sich wohl kaum wünschen.

Was man sich natürlich besser wünschen könnte, wären die Vernissagen. Wie immer: zu viele Menschen, zu wenig Kunst. Adabeis, Wichtigtuer, Selfieposer vor Zeitgenössischem, dazu billiger Wein und billiges Gequatsche. Aber vielleicht muss man da durch. In einer Ecke läuft Jay Zs unerträglicher, eitler, elitärer, affirmativer, subversiver, großartiger Clip „Picasso Baby“. Was ich an Kunst liebe, was ich an Kunst hasse, alles auf einmal.

„Picasso in der Kunst der Gegenwart“, 1. 4. bis 12. 7., Deichtorhallen, Hamburg

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Eingerahmte Kontinente http://lesflaneurs.de/2014/12/12/eingerahmte-kontinente/ http://lesflaneurs.de/2014/12/12/eingerahmte-kontinente/#respond Fri, 12 Dec 2014 09:16:19 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4801

Ich male, aber ich male nicht soviel, wie ich malen sollte, weil ich friere.
– Chris Parker

LadenDer Himmel war seit Tagen mit demselben, zu oft gewaschenen Spannbetttuch verhangen. Es hing dort, aschgrau und faltenlos und so tief, dass ich glaubte, es würde meinen Hut streifen, wenn ich aus dem Hausgang heraus ins Freie treten würde. Die Luft war wie erwartet kalt und feucht. Erst gestern hatte ich aus dem Zugfenster geschaut und Kürbisse gesehen, die auf einem mit Erdkrumen, Schlamm und verfaulten Gräsern bedeckten Feld lagen. Kürbisse im Dezember, hatte ich mir gedacht und mich gefragt, wieso wir soviele Gedanken an Meteorologie verschwenden, obwohl die meisten von uns nicht das geringste davon verstehen. Wahrscheinlich, weil wir uns alle für gute Beobachter halten. Als ich die Humboldtstraße hinunterging, bemerkte ich, dass ich mir die Adresse nicht notiert hatte, erinnerte mich aber daran, dass ich lediglich einen rechten Winkel abzulaufen brauchte, um sie zu finden. Nach wenigen Schritten begann es leicht zu nieseln. Ein aufgequollenes Stück Zeitung haftete sich für eine Weile an meine Schuhe, bis es sich an einer Ampel von selbst wieder löste.

Nürnbergs Straßen (jene Seitenstraßen, in denen für gewöhnlich niemand stehenbleibt, der nicht dort wohnt) sind voller aufgegebener Geschäfte, kleinen Läden mit ein oder zwei Schaufenstern, und darüber die dunklen Umrisse eines lange abmontierten Schilds: Läden, die Motiven auf alten Postkarten gleichen, die nicht mehr hergestellt werden und in keinem drehbaren Regal mehr zu finden sind. Wenn man hineinschaut, kann man manchmal die abgedunkelten Verkaufsräume erkennen, in deren Ecken oft ein verstaubtes Plastikgewächs steht, oder leergeräumte Frischhaltetheken, auf denen noch immer die flache Schale liegt, in die einmal das Münzgeld gelegt wurde.

Das leere Ladengeschäft, in dem die Ausstellungseröffnung stattfand, war deutlich größer und der Innenraum mit schmucklosen Säulen gestützt. Die großen Schaufenster im Erdgeschoss führten ohne Unterbrechung um die Ecke des Hauses herum. Alles war hell ausgeleuchtet. Ich drückte erst gegen die ebenfalls gläserne Eingangstür, bevor ich daran zog (wie es eigentlich erforderlich war), aber das Ergebnis war einerlei: Sie war verschlossen, weshalb ich mich an einen Stromkasten lehnte und wartete (nebenbei zählte ich ein paar vorbeifahrende Autos, deren Zahl ich schließlich mit Drei multiplizierte, wobei das Ergebnis überraschenderweise mit der Zahl der Straßenlaternen korrelierte, die sich in meinem Blickfeld befanden). Einige Meter neben mir stand eine Frau mit blauer Brille und rauchte, während sie ihr Smartphone berührte und lautlos vor sich hin murmelte.

Später fanden sich außer mir noch zwei weitere Besucher vor dem ehemaligen Ladengeschäft ein, und die Frau mit der blauen Brille (die offenbar die Galeristin war) bat uns, ihr zu folgen, nachdem sie die Tür aufgeschlossen hatte. Wir gingen langsam und getrennt voneinander durch den Raum, der von einer unruhig zischelnden Gasheizung erwärmt wurde. Die Schuhe der Galeristin klackten auf den Bodenfliesen. An den fensterlosen, weiß gestrichenen Wänden hingen etwa zehn großformatige und von Rahmen aus verzwirbeltem Draht eingefasste Bilder, die von kleinen Leuchtern bestrahlt wurden. Es schien sich um so etwas wie Abbildungen von Inseln oder unbekannten Kontinenten zu handeln: Sie zeigten allesamt die Umrisse von Ländern (besser: von Landmasse) in den gleichen rostroten, bräunlichen Farbtönen, die sich mal dunkel verdichteten und mal verwässerten, so dass das Papier wie ein Knochen darunter hindurch schimmerte.

„Schauen Sie sich ruhig ausgiebig um“, sagte die Galeristin, die ihren Mantel abgelegt hatte und ein Lächeln lächelte, das die Enttäuschung nicht verbergen konnte. „Der Künstler sollte bald eintreffen, dann können wir anfangen.“ Einer der beiden Männer, die noch gekommen waren, nickte und wendete sich mit übertriebener Aufmerksamkeit wieder den Bildern zu. Mir fiel erst jetzt auf, dass er eine olivfarbene Militärjacke und zwei bunte Jogginghosen übereinander trug, sowie überhaupt einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck machte.

Vor mir sah ich jetzt Halbinseln und Buchten. Zerklüftete Küstenlinien, wenn man so wollte, langgestreckte Landzungen, Binnenseen in unterschiedlichster Größe und selbst darauf noch winzige Eilande. Auf manchen Bildern waren mit Bleistift kleine Punkte und Pfeile aufgezeichnet, neben denen in verdrehten, kaum lesbaren Druckbuchstaben Dinge standen wie: Das ist dort, wo ich noch nie gewesen bin. Oder: Das ist dort, wo ich auch noch nie gewesen bin. Oder: Das ist dort, wo ich vielleicht bald sein werde. Oder: Das ist dort, wo man die toten Fische finden wird. Je genauer man die Bilder betrachtete, desto zahlreicher wurden die Mitteilungen (die eingezeichneten Gebirgsketten ähnelten), und ich hatte Mühe, sie genau zu entziffern: Das ist dort, wo nichts eine Farbe hat. Das ist dort, wo man mir das Bein abnehmen wird. Das ist dort, wo das Eisen aus dem Himmel fällt. Nach einer Weile schob ich ratlos meine Hände in die Taschen meines Mantels. Draußen war es längst dunkel geworden.

„So, meine Damen und Herren, wir würden dann anfangen.“ Die Galeristin hat ihre Hände vor der Hüfte gefaltet und wiederholte noch einmal, dass der Künstler sicher in Kürze eintreffen werde. Ich lehnte mich an eine der Säulen und spielte mit den Fetzen eines Tempotaschentuchs in meiner Tasche, während die Galeristin begann, Leuten irgendeines Museums oder Instituts und insbesondere der Sparkasse Nürnberg zu danken. Dann sagte sie, das Terra Incognita-Projekt des – im übrigen in Nürnberg geborenen – Künstlers (dessen Name Ulrich Drak lautete) sei in dieser Form einmalig, man würde sich freuen, etc., und nach einem langwierigen Exkurs über die Sichtbarmachung des Unbekannten erläuterte sie schließlich die Arbeitsweise, mit der die Bilder zustande gekommen waren: Offenbar handelte es sich um große Flecken ausgeschütteter Farbe, die der Künstler auf dem Papier hatte trocknen lassen, um sie danach sorgfältig mit Bleistift zu umranden; seine Vorstellung davon, wie neues Land geschaffen wurde.

„Was für eine Farbe soll denn das sein, die da verwendet wurde“, fragte der Mann mit den zwei Jogginghosen in breitem fränkischem Akzent. Ich hatte mittlerweile festgestellt, dass auch der zweite Mann ähnlich derangiert wirkte (seine fettigen Haare sprießten willkürlich aus den groben Maschen seiner Strickmütze), und die beiden sahen nicht nur äußerst heruntergekommen aus, sie rochen auch schlecht, was ich ebenfalls feststellen musste, trotzdem ich nicht unmittelbar hinter ihnen stand. „Ich fürchte, das kann ich Ihnen nicht beantworten.“ Die Galeristin machte einen verunsicherten Eindruck. „Ich schon, glaube ich“, sagte der Mann. Er hob setzte seine Zeigefinger unter dem rechten Ohr an und beschrieb über seine Kehle hinweg einen sauberen Bogen zum linken Ohr. Er schaute vielsagend zu dem anderen hinüber, doch der starrte nur entschlossen auf den Boden. „Aber nein, so ein Unsinn“, sagte die Galeristin nach kurzem Zögern und lächelte etwas gequält. „Aber warum fragen Sie den Künstler nicht selbst? Er wird sicher jeden Augenblick kommen.“

„Hast du gehört“, sagte die doppelte Jogginghose zu der Mütze. „Der Uli ist gleich da.“ Die Mütze nickte kaum merklich. „Wieso braucht er denn solange?“ Die Frage der doppelten Jogginghose war an die Galeristin gerichtet, die jetzt ihr Smartphone hervorgezogen hatte und nervös auf den Bildschirm schielte. „Das kann ich Ihnen auch nicht beantworten. Aber er kommt ganz bestimmt.“ „Gut“, sagte die doppelte Jogginghose. „Wir warten. Wir haben jede Menge Zeit.“

Er schlenderte zum Buffet herüber, das auf einem langen Tisch vor dem Schaufenster errichtet worden war und öffnete sich eine Flasche Zirndorfer mit den Zähnen. Dann langte er nach den gefüllten Blätterteighäppchen. „Nur zu, bedienen Sie sich“, sagte die Galeristin. Das Essen sei umsonst, die Getränke müsse man allerdings berechnen. Ihre Worte hallten ein wenig in dem nahezu leeren Raum. Ich inspizierte konzentriert einen der Landstriche, als ich spürte, wie sie meinen Blick suchte, um ein Gespräch beginnen zu können. Das ist dort, wo der Boden von unten nach oben gewendet wird, las ich auf einer großen roten Fläche, die eine Prärie sein musste. Die Mütze war mittlerweile dazu übergegangen, ihre Hände über der Gasheizung zu wärmen. Einen Moment lang rührte sich niemand und alles wurde still, nur die Heizung zischte noch immer ihre leise Beschwerde. Von außen mussten wir ausschauen wie die Entdecker eines bereits besiedelten Kontinents (der aus Glas und aus Licht war) oder die stummen Gestalten auf einem lange vergessenen Gemälde von Edward Hopper.

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Funkemariechen und Militärmuseen http://lesflaneurs.de/2014/11/12/funkemariechen-und-militaermuseen/ http://lesflaneurs.de/2014/11/12/funkemariechen-und-militaermuseen/#respond Wed, 12 Nov 2014 13:05:42 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4697 Alexandra Reszczynski
Foto: Alexandra Reszczynski

Hannover verbinden die wenigsten in meinem Freundeskreis sofort mit internationaler Kunst und Kultur. Sie liegen aber falsch. Denn: Hannover kann was. Vor wenigen Wochen besuchte ich die spannende Fotografieausstellung in der kestnergesellschaft und jetzt habe ich mir die Fotos von Martin Parr im Sprengel Museum angesehen. Gleich beim Eintritt in die Ausstellung werde ich von einer riesenhaften, bunten Wand erschlagen. Mir kommt es vor, als hätte jemand den gesamten Instagram-Account Parrs ausgedruckt und aufgehängt. Ein bunte Superwand, die bei den Besucher_innen das beliebteste Fotomotiv ist. Parr zeigt hier vermeintlich typische britische Gegenstände und Orte. Demnach müsste Großbritannien ein Ort voller Zuckerwatte, Glitzer und Fröhlichkeit sein. Schön!

Gleich daneben wartet mein Highlight der Ausstellung: Sämtliche Selbstporträts Parrs, die er in verschiendenen Fotostudios in aller Herren Länder gemacht hat. Parr in einem Weinglas, Parr als Astronaut, Parr, steif und kaum lächelnd auf einem harten Stuhl … Die Bilder zeugen von viel Selbstironie und sind gleichzeitig besonders komisch, weil es all diese Kulissen tatsächlich gibt. Wer erinnert sich nicht an kuriose Kulissen, in die man als Kind gesetzt wurde und dann bitte mal richtig fröhlich gucken sollte? Genau diese Kulissen hat Parr sich ausgesucht, um sich selbst zu fotografieren.

Ninia BiniasUngewollte Komik

„We love Britain“ lautet der Ausstellungstitel und nimmt Bezug auf das 300. Jubiläum der Personalunion. Schon seit Mai gibt es dazu verschiedene Ausstellungen in der ganzen Stadt. Die weitere Ausstellung führt mich, thematisch passend dazu, durch mein eigenes Bundesland. Parr ist durch Niedersachsen gereist und hat die Spuren seiner britischen Heimat gesucht. Gefunden hat er kuriose Szenen und Bilder von Menschen, die privat Militärmuseen führen (why?), sehr große Fans des britischen Königshauses sind oder einfach nur gespannt bei diversen Veranstaltungen zuschauen. Parr macht ungewollt komische Porträts von den Menschen in Niedersachsen und vergrößert einzelne Details so, dass sie nicht in der Masse eines Bildes untergehen. Bei manchen Bildern konnte ich gar nicht glauben, wie sehr Parr beim Drücken auf den Auslöser den richtigen Moment getroffen hat.

Außerdem sehr sehenswert: Seine letzte schwarz-weiß Serie „Bad Weather“ aus dem Jahr 1982. Parr fotografierte Häuser und Dörfer in Großbritannien, während es regnete oder stürmte. Eine schöne Fotoreihe, die mich gleich melancholisch werden ließ.

Die Ausstellung ist noch bis 22. Februar im Sprengel Museum in Hannover zu sehen. Pro-Tipp: Freitags hat das Museum freien Eintritt!

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Gegensätze ziehen sich an http://lesflaneurs.de/2014/08/03/gegensaetze-ziehen-sich-an/ http://lesflaneurs.de/2014/08/03/gegensaetze-ziehen-sich-an/#respond Sun, 03 Aug 2014 10:20:39 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4073 Alexandra Reszczynski
Foto: Alexandra Reszczynski

Die kestnergesellschaft in Hannover hat zwei neue Ausstellungen eröffnet. Im Erdgeschoss treffen die Fotokünstler Andreas Gursky, Jeff Wall und der Maler Neo Rauch aufeinander. Was im ersten Moment wie eine wilde Mischung klingt, wird beim Anblick der Werke und deren ungewöhnlichen Ähnlichkeiten klar: Die drei zeitgenössischen Künstler beschäftigen sich mit menschlichen Figuren, jeder auf seine eigene Art und Weise. Und doch zeigen sie Ähnlichkeiten in Emotion, Beziehung und Ausdruck.

Ich bin schon lange großer Gursky-Fan und allein seine Fotografien hätten ausgereicht, um mich in die Ausstellung zu locken. In Kombination mit den anderen Künstlern werden aber auch seine Werke auf eine neue Ebene gehoben. Gurskys Bilder sind scharf, klar, überdeutlich und lassen trotzdem Gedankenströme und viele, unterschiedliche Interpretationen zu. Er kombiniert bekannte Comicfiguren mit ihren Darstellern aus Hollywood und lässt sie einander sehnend durch Glas anschauen. Die kitschig-rosa Strand-Sonnenuntergangs-Szene bricht er mit dem küssenden Paar im Vordergrund, von dem ein Mensch ebenfalls ein bekannter Comicheld ist. Gursky spielt meisterlich mit Farbgegensätzen und macht aus den üblichen Laufstegbildern große Kunstwerke.

Auch die Bilder von Jeff Wall haben mir sehr gefallen. Er zeigt alltägliche Straßenviertelszenen: Menschen, die Plastiktüten nach Hause tragen, heruntergekommene Wohnviertel mit Klappstühlen und leeren Flaschen auf der Veranda, ein Paar im Park mit einer Fast-Food-Tüte. Zu jedem Bild ist mir sofort eine Geschichte oder eine kurze Szene eingefallen. Alles wirkt, als sei es nur kurz für Wall eingefroren.

Mit Neo Rauch fällt es mir immer schwer warm zu werden. Warum, kann ich nicht erklären, aber auch in dieser Ausstellung konnte er mich nicht fesseln. Seine Werke fügen sich zwar in die figurale Reihe ein, können aber mit den monumentalen Fotos von Wall und Gursky nicht mithalten. Zeichnerisch sind sie sehr detailliert, erinnern mich teilweise an Wilhelm Buschs Figuren. Zwar interessant, aber leider nicht meins.

Verwinkelte, bunte Meisterwerke

Im Obergeschoss findet zeitgleich die erste Einzelausstellung der New Yorker Künstlerin Dana Schutz statt. Im völligen Gegensatz zum Erdgeschoss tauchen die Besucher_innen beim Treppenaufgang langsam über die schwarz-weißen Kohlezeichnungen der Künstlerin ein in eine bunte Welt voller Skurrilitäten, Anzüglichkeiten und versteckten Botschaften. Vor allem die Farbigkeit und Differenziertheit von Schutz Gemälden hat mich beeindruckt. Die Bilder sehen sich zwar alle sehr ähnlich, erzählen aber doch alle ihre eigene Geschichte. Vor einigen Werken stand ich minutenlang bis ich überhaupt ansatzweise kapiert habe, was Schutz dort alles versteckt, verwinkelt und übereinander gelegt hat. Schutz muss einen unglaublich kreativen Output haben: Die meisten der Bilder entstanden in den Jahren 2013 und 2014. Vor allem ihre „God“-Gemälde haben es mir angetan. Sie zeigen unterschiedliche Auffassungen von Gott – ihre eigenen, auch gespeist aus Erinnerungen in der Kindheit, und die Vorstellungen anderer. Schutz Werke wirken im Ansatz fröhlich, bunt und unbeschwert und offenbaren erst auf den zweiten Blick ihre Hintergründigkeit. Ich war ziemlich begeistert!

Die Ausstellungen sind noch bis 26. Oktober in der kestnergesellschaft in Hannover zu sehen.

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Politische Träume aus Beijing http://lesflaneurs.de/2014/06/20/politische-traeume-aus-beijing/ http://lesflaneurs.de/2014/06/20/politische-traeume-aus-beijing/#respond Fri, 20 Jun 2014 07:20:35 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3908 Stools. (Foto: Alexandra Reszczynski)
Stools. (Foto: Alexandra Reszczynski)

Wir fahren von Hannover nach Berlin – extra für eine Ausstellung. Kann sich das lohnen? Es kann. Ich war bis obenhin vollgepackt mit großen Erwartungen, und die wurden tatsächlich erfüllt.

„Evidence“ heißt die weltweit größte Einzelausstellung von Ai Weiwei im Berliner Martin-Gropius-Bau. „Evidence“ – der Beweis. Die Ausstellung ist eine einzige Anklage gegen das Regime, in dem er lebt. In seinem Studio in Beijing darf er arbeiten – allerdings außen schon bewacht von Kameras. Ausreisen darf er nicht. Deshalb hatte Ai Weiwei bis jetzt auch nicht die Möglichkeit, seine eigene Ausstellung in Berlin zu besuchen. Sein Wirkungsraum ist das Netz – er bloggt, findet Verbündete und stellt seine Werke online.

Der Großteil der Ausstellung dreht sich um den 3. April 2011, als Ai Weiwei von der chinesischen Polizei festgenommen und für 81 Tage in einem Geheimgefängnis festgehalten wurde. Seine Zelle hat er für die Ausstellung in Berlin nachgebildet. Alles in dem Raum ist, wie im Original auch, dick ausgepolstert: Tisch, zwei Stühle und ein Bett. Nebendran ein winziges Bad mit verdrecktem Waschbecken und Duschkopf. Als eine Freundin und ich den Raum betreten, fühle ich mich gleich sehr mulmig. Zwei andere Besucherinnen stellen für sich fest: „Ach, ist ja gar nicht so klein, geht doch.“ Ich kann mich nur wundern. Ai Weiwei wurde in der Zelle rund um die Uhr von zwei Polizisten bewacht, das Licht ging nie aus, in jede Ecke waren Überwachungskameras gerichtet. Auch das ist in Berlin nachgestellt: Während die einen Besucher_innen in der Zelle herumlaufen, können andere dies von außen auf Bildschirmen beobachten.

Kleiderbügel und Handschellen

Andere Erinnerungen aus seiner Gefangenschaft hat er ebenfalls verarbeitet: Die in Jade nachgebildeten Handschellen wirken ästhetisch, fast schön. Als könnten sie einem nichts antun. Genauso wie die kristallenen Kleiderbügel, die genauso geformt sind, wie die Kleiderbügel, die Weiwei in seiner Zelle benutzen durfte.

In den Achtzigern arbeitete und studierte Ai Weiwei in New York. „Evidence“ zeigt auch Werke aus dieser Zeit – zum Beispiel den zusammengenähten Schuh oder den „Koffer eines Junggesellen“. Diese tollen Readymades zeigen deutlich Ai Weiweis Bezug und Freundschaft zu Duchamp.

Ninia Binias
„IOU – Schuldschein“

Fast alle Räume in der Ausstellung sind mit Schuldscheinen tapeziert. Im November 2011 sollte Ai Weiwei 1,7 Millionen Euro Steuern nachzahlen, die er angeblich hinterzogen hatte. Aus der ganzen Welt erreichten ihn dann über’s Netz spenden, damit er die Summe begleichen konnte. Allen Spender_innen stellte er Schuldscheine aus, deren Kopien nun in Berlin zu sehen sind.

Plakativ, aber gut

Ich bin bei jedem Werk länger stehen geblieben und habe es mir ausführlich angeschaut – das passiert mir in Ausstellungen nicht oft. Auch mit dem Studium der Kunstgeschichte in der Tasche gibt es viele Schauen und Werke, an denen ich nur kopfschüttelnd oder schmunzelnd vorbeilaufe. Das war bei Ai Weiwei anders. Hier wurde mir von Anfang bis Ende eine Geschichte erzählt. Ebenfalls gut gemacht: Die Beschreibungstexte. Sie erklären die Hintergründe des Werks, ohne schwadronierend erklären zu wollen, was der_die Betrachter_in gerade sieht oder interpretieren sollte.

Die Schau wurde auch kritisiert – Ai Weiwei wolle zu groß sein, alle Ausstellungsstücke seien gezwungen plakativ. Gerade das hat mir allerdings besonders gut gefallen.

Wer kann, sollte sich „Evidence“ auf jeden Fall anschauen. Bis 13. Juli habt ihr noch die Möglichkeit dazu. Tipp: Kauft euch die Tickets vorher online, dann dürft ihr ruckzuck an der Schlange vorbeilaufen (danke nochmal für den Tipp über Twitter!).

„Dumbass“ ist ein Musikvideo, dass auch in der Ausstellung zu sehen ist. Es zeigt abwechselnd die realistischen Erinnerungen Ai Weiweis an die Gefangenschaft und seine Träume, die er in der Zelle hatte.

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All die, mit denen ich geschlafen habe http://lesflaneurs.de/2014/01/29/all-die-mit-denen-ich-geschlafen-habe/ http://lesflaneurs.de/2014/01/29/all-die-mit-denen-ich-geschlafen-habe/#respond Wed, 29 Jan 2014 08:37:10 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3072 Was bleibt von „Sensation“? Ein Ausstellungsplakat in einem Hamburger Badezimmer.
Was bleibt von „Sensation“? Ein Ausstellungsplakat in einem Hamburger Badezimmer.

In meinem Elternhaus war Kunst immer ein Thema, zumindest Bildende Kunst. Was wahrscheinlich zur Folge hatte, dass ich mich als Teenager in erster Linie für Theater interessierte, für Literatur, für Popkultur, aber eben nicht für Malerei, Skulptur, Video. Jugendliches Abgrenzungsverhalten, bei gleichzeitigem Akzeptieren der Tatsache, dass es eben doch beglückend ist, sich auszutauschen über Kultur, dass die Beschäftigung mit Kunst einen erfüllen kann. Aber, man kann ja nicht aus seiner Haut, also grenzt man sich ab: Theater, das ist was Handfestes, das ist Arbeit, wohingegen Kunst etwas ist für Leute, die es sich leisten können, Geniekitsch. Was man eben so sagt, als dummer Jugendlicher.

Und dann kam „Sensation“.

„Sensation“ war eine groß angelegte Ausstellung, zunächst in der Royal Academy of Arts in London, später im Hamburger Bahnhof in Berlin, und sie zeigte vor allem junge britische Künstler, sprich: Young British Artists, YBA, das, was damals, Ende der Neunziger schwer angesagt war. Ich war geplättet. Die Ausstellung präsentierte Tracy Emins „Everyone I have ever slept with 1963-1995“, ein kleines Zelt, das über und über mit Männernamen bekritzelt war. Sie präsentierte Damien Hirsts „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living”, eine Vitrine, in der rein echter, konservierter Hai mit aufgerissenem Maul ausgestellt war. Sie präsentierte Chris Ofilis „The Holy Virgin Mary“, eine Madonnendarstellung, in die unter anderem Elefantenkot und Pornobildchen eingewoben waren. Sagte ich schon, dass ich geplättet war?

Weil „Sensation“ vieles war (dass das Ganze beispielsweise eine gehörig kommerzielle Veranstaltung war, kapierte ich ziemlich schnell, angesichts der Besuchermassen in der Ausstellungshalle), es war aber jedenfalls nicht: etwas Heiliges. Geniekitsch. Sensation war das, was ich mir auch am Pop gefiel: laut, sexy, aggressiv, hochironisch. „Sensation“ war aber nicht nur die Initialzündung für mein Interesse an der Kunst, es war auch die Initialzündung für einen durchdrehenden Kunstmarkt, für ein Sammlerselbstverständnis, das sich eher über das „Mehr! Mehr!“ des Hardcore-Kapitalismus definierte als über ein ehrliches Interesse an Kunst und Künstler. Dass „Sensation“ keine tatsächlich kuratierte Ausstellung war, sondern eine Sammlungspräsentation, machte das Thema nicht wirklich sympathischer, zumal es um die Sammlung von Charles Saatchi ging, eines Werbers, der unter anderem 1979 den Wahlkampf Margaret Thatchers organisierte. Mit solchen Leuten stand ich also vor den Punk-beeinflussten Werken von Sarah Lucas, Mark Wallinger und Jake und Dinos Chapman, es war widerlich, aber, Mensch!, das war meine Kunst, ich hatte also ein Recht dazu, das Umfeld widerlich zu finden.

Von „Sensation“ habe ich mich recht schnell emanzipiert, nicht aber von der Young British Art. Einige der beteiligten Künstler begegnen mir immer wieder, auch in Ausstellungskontexten, die mir mehr geben, in Kontexten, die dunkler sind, spröder, nicht auf allzu große Massenwirksamkeit ausgelegt. Nein, „Sensation“ war vielleicht nicht die beste Ausstellung aller Zeiten, aber es war die Ausstellung die mir einen Zugang zur Bildenden Kunst eröffnet hat. Und dafür bin ich dankbar.

Vor rund 15 Jahren ging „Sensation“ zu Ende. Das war wichtig.

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Inwards and Onwards http://lesflaneurs.de/2013/07/14/inwards-and-onwards/ http://lesflaneurs.de/2013/07/14/inwards-and-onwards/#comments Sun, 14 Jul 2013 09:20:06 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=1532 Ninia BiniasNur noch bis zum 28. Juli 2013 dauert die Ausstellung des niederländischen Fotografen Anton Corbijn im Bochumer Kunstmuseum. Hannover – Bochum, lohnt sich die Strecke? Ja, dachte ich, und machte mich auf den Weg. Annas Artikel über die Vernissage hatte mich auf die Ausstellung aufmerksam gemacht.

Das Bochumer Kunstmuseum ist schön – auf seine Art (und fast barrierefrei). Achtziger-Jahre-Charme, holz-verkleidete Wände im Eingangsbereich, kein aufwändig marketingmäßig-durchgestylter Museumsshop, ich mag das. Die Ausstellung von Anton Corbijn befindet sich im ersten Stock. Was ich besonders an Corbjins Kunst schätze, ist sein Talent für die interessante Wahl des Bildausschnitts und die Intensität seiner Porträts. Was das bedeutet, wird in dieser Ausstellung sehr deutlich. Alle Bilder sind schwarz weiß – natürlich. Corbijn fotografiert ausschließlich mit zwei verschiedenen Hasselblad-Kameras (und drei unterschiedlichen Objektiven). Auf alle anderen Hilfsmittel verzichtet er. Im Ausstellungskatalog sagt er, er möge die Intimität, die entstünde, wenn er und der Mensch, den er fotografieren möchte, alleine sind. Beim Betrachten der Porträts glaube ich ihm das sofort.

„In the age of visual democracy it is important to make images that are clearly yours.“

Der Fokus der Ausstellung liegt auf seinen Arbeiten mit bildenden Künstlern. Es werden unter anderem Porträts von Gerhard Richter und Marlene Dumas gezeigt. Bildende Künstler würden ihn faszinieren, sagt Corbijn. „Ganz im Gegensatz zu Musikern bringen sie ihr äußeres Erscheinungsbild nicht in Zusammenhang mit ihrer Arbeit.“ Am meisten beeindrucken mich dann aber doch die Porträts von Patti Smith, PJ Harvey, Mick Jagger und Nelson Mandela. Ich stehe vor der Fotografie und habe das Gefühl, der Mensch auf dem Bild, würde gleich anfangen, mit mir zu sprechen. Das klingt vielleicht albern, aber man spürt förmlich das Vertrauen zwischen Objekt und Fotograf.

Ninia Binias

Neben den Fotografieren zeigt das Museum auf einem Monitor Stills und Backstage-Bilder aus den beiden Filmen, bei denen Corbijn Regie geführt hat: Control und The American. Und in einem kleinen Raum wird der Film „Inside  Out“ über Corbijns Leben gezeigt. Ich bin tatsächlich ein bisschen glücklich, als ich wieder ins Freie trete. Nach der gelungenen Ausstellung habe ich das Gefühl, Corbijn ein bisschen besser kennengelernt zu haben. Und bin außerdem neidisch, wen dieser Mensch schon alles treffen durfte. „Wie macht man das? Wie kriegt man all diese Menschen vor die Kamera und dann kommen dabei so gute Bilder raus?“ frage ich die Freundin, die mich begleitet hat. „Man macht es einfach“, sagt sie und hat wahrscheinlich Recht.

 

„Inwards and Onwards“ dauert nur noch bis zum 28. Juli – nutzt die Chance, wenn ihr in der Nähe seid. Der Eintritt kostet fünf Euro.

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