Mensch – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Wed, 06 Apr 2016 13:05:10 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.4.2 #instagram – auf drei Bilder mit berlintensiv http://lesflaneurs.de/2016/03/14/instagram-auf-drei-bilder-mit-berlintensiv/ http://lesflaneurs.de/2016/03/14/instagram-auf-drei-bilder-mit-berlintensiv/#respond Mon, 14 Mar 2016 09:43:53 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7245 Selbstverliebte Selfies, haufenweise Hashtags und das Streben nach Likes – Instagram kann mehr als nur oberflächliche Selbstdarstellung. Wir stellen euch in unserer Reihe „#instagram – auf drei Bilder mit…“ besondere Perspektiven auf die Bildersammlungsplattform vor. Los geht es mit berlintensiv.

Morgendlicher Kaffeeduft, das laute Zischen von Wasserdampf, Menschen trippeln ungeduldig auf der Stelle. In der Schlange tippt Benedikt J. Feldmann auf seinem Handy. Es erscheinen große weiße Buchstaben auf schwarzem Grund: „Latte mit Sojamilch“. Er ist an der Reihe, streckt sein Smartphone dem jungen bärtigen Hipstermann hinter der Theke entgegen und lächelt. Langsam füllt sich das Café in Berlin-Mitte mit verschlafenem Gemurmel, zwischen Holzgestellen und Designerstühlen nimmt Benedikt Platz. Seine großen braunen Augen strahlen. Er trägt millimeterkurze Haare und Nasenpiercing, trinkt zum Latte eine Limonade. Besonders die Inneneinrichtung habe es ihm angetan und die Kleinigkeiten, wie die Wahl der Schriftart des Logos, Helvetica, geradlinig und ohne Serifen. Benedikt pflegt eine Vorliebe für klare Linien, für geordnete Ästhetik.

Das Visuelle hat einen ganz besonderen Stellenwert für ihn: „Da ich taub bin, nehme ich vieles visuell wahr, was hörende Menschen eher akustisch begreifen. Blaulicht, Schatten, Bewegungen um mich herum – all das. Ob ich daher besser fotografieren kann, glaube ich aber nicht.“ Eilig löffelt er seinen Milchschaum.

Benedikts Suche nach Bildern bleibt nicht unbeachtet: Fast 58.000 Menschen folgen ihm über Instagram auf seinen Wegen durch die urbane Kultur, durch U-Bahn-Stationen und den Asphaltdschungel. Alles begann mit privaten Bildern, wann weiß er schon gar nicht mehr genau: „Irgendwann habe ich den Account berlintensiv ins Leben gerufen. Dort lade ich nur Bilder von Berlin hoch.“ Während er erzählt, leuchtet sein Handy – jedes Licht ein Like. Die Instagram-Gemeinde wächst stetig, hat zahlentechnisch bereits Twitter überholt und kann mittlerweile in Deutschland über neun Millionen Nutzer verzeichnen.

„Instagram hat meinen Blick auf die Stadt verändert. Wenn ich mich in irgendeiner Gegend aufhalte, nehme ich alles mit Instagram-Augen wahr. Wenn ich in eine neue Stadt fahre, finde ich vorher heraus, ob es dort Szenen gibt, die sich für gute Bilder eignen. Ich suche gezielt nach gentrifizierten Gegenden. Die können sehr spannend sein, auch wenn ihr Hintergrund oft eher tragisch ist,“ erklärt Benedikt und nimmt den letzten Schluck seines Kaffees.

Der 30-jährige tritt hinaus auf die Straße, in der Hand eine Postkarte, darauf ein Karomuster aus Fenstern und Beton, ein symmetrisches Abbild der Plattenbauromantik. Benedikt blickt sich um und eilt entschlossen los, mit knallrotem Rucksack auf dem Rücken und nach diesem einen Motiv suchend. Er streift durch die Straßen, blickt immer wieder nach oben den Linien der Hausfassaden folgend. Dann endlich: Um drei Ecken, dann erstreckt sich der große, beige Betonbau vor ihm. „Fassaden sind schon sehr typisch für meine Fotografie“, tippt er auf dem Handy, „ich mag die Struktur, alles muss geometrisch stimmen.“ Er öffnet sein Profil, um die Linien darin zu suchen. Mit dem Finger fährt Benedikt die Diagonalen nach, die sich über die einzelnen Bilder fortführen, von Straßenlaternen zu Häuserkanten und zurück. Dem flüchtigen Blick mancher Instagram-Nutzer mag diese Feinheit entgangen sein.


Hinter vielen der veröffentlichten Fotografien steckt eine Menge Arbeit. Perspektivische Verzerrungen können korrigiert, mit Filtern die perfekte Stimmung gezaubert und das fertige Bild mit einer Unmenge an Hashtags versehen werden. Alles nur, damit die Follower auf das rote Herz drücken, das Gefallen symbolisiert. „Likes haben schon eine psychologische Wirkung. Sie bedeuten Bestätigung und Anerkennung. Manche, die viele Selfies hochladen, wollen wissen, wie sie bei anderen Menschen ankommen, ob sie geliebt werden,“ meint Benedikt und schießt ein Foto von dem schrecklich schönen Gebäude.

Eisig zieht der Wind durch die sonnenbeschienenen Straßen als Benedikt zurück zur U-Bahn läuft. Im Vorbeigehen entdeckt er einen modernen, minimalistischen Bau mit großzügiger Glasfassade, ein Blick, ein paar Fingerübungen, ein Foto und weiter. Hinunter zum Bahnsteig.

Am anderen Ende des U-Bahn-Gleises steht eine Frau mit einer roten Mütze und starrt auf ihr Smartphone. Benedikt hebt sein Handy in ihre Richtung. Menschen zu fotografieren, sei am schwierigsten, meint er. Noch bevor sein schelmisches Grinsen sich gänzlich auf seinem Gesicht ausgebreitet hat, ist das Foto gemacht. Die Frau ahnt nicht, dass in einigen Minuten ihr digitales Abbild bei Instagram erscheint.

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Analoge Aussichten: Ein fotografischer Spaziergang durch Toulouse http://lesflaneurs.de/2016/03/01/analoge-aussichten-ein-fotografischer-spaziergang-durch-toulouse/ http://lesflaneurs.de/2016/03/01/analoge-aussichten-ein-fotografischer-spaziergang-durch-toulouse/#respond Tue, 01 Mar 2016 11:49:42 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7174 2011 verschlug es mich nach Toulouse. Was zeitlich fern wirkt, wurde beim Durchwühlen meiner Fotoschatzkammer wieder in zeitlose Nähe gerückt. Und ließ mich gedanklich erneut durch diese Stadt flânieren.

Doppelrad, Pia Gralki, 2011

 

Eigentlich passt eine Stadt wie Toulouse gar nicht in das Schwarz-Weiß-Format. Ihr Ruf als „la ville rose“ – die rosane Stadt – eilt zu einer bestimmten Uhrzeit durch alle Gassen und legt sich wie ein Farbfilter auf die öffentlichen Plätze und Backsteinfassaden. Betörend, und zu keiner Zeit alltäglich, wirkt diese Lichtatmosphäre, die ihren Betrachter ebenfalls wie eine Leinwand einfärbt und ihn in diese gewisse mediterrane Stimmung versetzt.

 

Lichtermeer, Pia Gralki, 2011
Lichtermeer, Pia Gralki, 2011

 

Dennoch, als ich dem Charme dieser Stadt verfiel, musste das satte, tiefdunkle Schwarz her. Die geometrischen Formen der Architektur, die Spiegelungen der Lichter am Flussufer der Garonne verlocken ihren Beobachter zur Abstraktion. Und ich hatte die Möglichkeit, meine analogen Aufnahmen am Ort ihres Entstehens zur entwickeln. Also wurde die Kameralinse zu meinem geheimen urbanen Tagebuch, das ich ständig mit mir herumtrug, vor allem weil Henri Cartier-Bresson einmal gesagt hat, dass man sich nur als Fotograf verstehen dürfe, wenn man sozusagen noch im Schlaf den Finger am Auslöser hätte. Gut, Fotografin wollte ich nun nicht gleich werden, aber ich wollte die Fotografie ernst nehmen. Und wenn schon, dann doch immerhin auf französische Art und Weise.

 

Pont Neuf, Pia Gralki, 2011
Pont Neuf, Pia Gralki, 2011

 

Die älteste noch erhaltene und imposanteste Brücke ist wie so oft in französischen Städten auch hier die Pont Neuf, die Neue Brücke also, und nicht die Neunte, wie ich noch lange sprachverwirrt zählend vermutete. Ihre großzügige und robuste Bauweise läd zum Verweilen ein und dient als klassischer Treffpunkt zwischen den beiden Stadtteilen, die sie miteinander verbindet.

 

Le Pont neuf/Detail, Pia Gralki, 2011
Le Pont neuf/Detail, Pia Gralki, 2011

 

Die Garonne, die unter den Brückenbullaugen gemächlich dahinfließt, war gerade zu sommerlich heißen Temperaturen eine Abkühlung für das Auge und zu jeder Zeit belebt. Tagsüber diente sie als Picknickplatz, der pünktlich um 12 Uhr mittags zu belegen war, und wurde im Laufe des Abends immer mehr zum Ort der ansteigenden Feierabendslaune, die sich mit dem ersten Korkenzieherknallen über das Flussufer hinweg verbreitete.

 

La Garonne, Pia Gralki, 2011
La Garonne, Pia Gralki, 2011

 

Und es war dort so ziemlich immer heiß. Was die Vegetation teilweise sehr exotisch werden lässt, und sogar ein paar Palmen hervorbringt. Typisch für dieses Klima sind zudem die alten, hochgewachsenen Platanen, die ganze Alleenzüge umsäumen. Ihr Muster hat mich fasziniert. Unter dem Vergrößerer könnte man ihre Struktur fast als kleine Inselfamilien lesen.

 

Palmensehnsucht, Pia Gralki, 2011

 

Platanen, Pia Gralki, 2011
Platanen, Pia Gralki, 2011

 

Inseln, Pia Gralki, 2011

 

Um nicht komplett dem französischen Kitsch zu verfallen und nur noch Gestreiftes anzuziehen, zog es mich immer wieder zu den Ecken hin, die mich irgendwie an meine Heimatstadt Berlin erinnerten. Diese Orte konnten sowohl in der Innenstadt als auch in den Randgebieten auftauchen und mich intuitiv für sich gewinnen. Denn zu Beginn meines Toulouser Aufenhalts bin ich im etwas ghettohaften Empalot gelandet, wo nachts Autorennen auf verlassenen Parkplätzen stattfanden. Sie liefen immer nach dem gleichen Ritual ab: Der Mutigste aus der Gruppe der chronisch gelangweilten Jugendlichen heftete sich außen an das Beifahrerfenster des jeweiligen Autos, zog die Knie an und musste versuchen den Rekord im Widerstehen der Geschwindigkeit und der Schwerkraft zu erweitern. Das Quietschen der Reifen klang mindestens genauso gefährlich wie die ganze Szenerie insgesamt anmutete. Die Architektur in diesem Viertel spiegelt diese Stimmung wider.

 

Empalot I, Pia Gralki, 2011
Empalot I, Pia Gralki, 2011

 

 

Empalot II, Pia Gralki, 2011
Empalot II, Pia Gralki, 2011

 

Als ich dann die ersten Fassaden mit Graffiti entdeckte, war für mich die Berliner Spur endgültig hergestellt. Es ist ambivalent: Die Dinge, die einen in der Heimat an der eigenen Haustürschwelle die Faust gen Himmel recken lassen und eher missmutig beäugt werden, versetzen einen dann eiskalt und ohne Vorwarnung in das, was man Heimatgefühl nennen könnte.

 

Spurensuche I, Pia Gralki, 2011
Spurensuche I, Pia Gralki, 2011

 

 

Spurensuche II, Pia Gralki, 2011
Spurensuche II, Pia Gralki, 2011

 

Eine Tradition, die süchtig machen kann, neben den ganzen kulinarischen versteht sich, sind Tagesausflüge mit Fahrrad entlang des Canal du Midi. Wenn man die Ausdauer und den Ehrgeiz hat, könnte man von Toulouse aus sowohl an den Atlantik als auch ans Mittelmeer gelangen. Dabei begegnen einem außer den sportlich einschüchternden Rennfahrern endlose Sonnenblumenfelder und Hausboote, auf denen wahrscheinlich jemand genau jetzt seinen Frühstückskaffee einnimmt.

 

Canal du Midi, Pia Gralki, 2011
Canal du Midi, Pia Gralki, 2011

 

Ausflug, Pia Gralki, 2011
Ausflug, Pia Gralki, 2011

 

Es gibt Vieles was sich eher missverständlich mit Worten vermitteln lässt. Das Lebensgefühl, welches einem eine Stadt zuführt ist zum Beispiel so eine Sache, die eher in einem Bild erfahrbar wird. Und wenn es auch nur den Blick auf eine Tür freigibt, neben der eine Kiste mit Champagnerflaschen steht, die sich langsam von der Sonne erhitzen lassen und im nächsten Moment wahrscheinlich in den kühlenden Innenraum gebracht werden. Und zwar nicht unbedingt, weil eine Festivität ansteht. Sondern einfach nur so.

 

Savoir Vivre, Pia Gralki, 2011
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Pudel brennt http://lesflaneurs.de/2016/02/15/pudel-brennt/ http://lesflaneurs.de/2016/02/15/pudel-brennt/#respond Mon, 15 Feb 2016 06:47:47 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7112 _20160214_155222
Unverkäuflich. Der tolle Pudel. (Foto: Sven Wiebeck)

Am Hamburger Fischmarkt riecht es noch immer verbrannt. Vor den Stufen zum Oberstübchen liegt ein Feuerwehrschlauch. Trotz des Regens bleiben immer wieder Menschen stehen, um sich anzugucken, was das Feuer vom Golden Pudel Club übriggelassen hat. Einige sind extra hergekommen, ihre Gesichtsausdrücke schwanken zwischen Tristesse und Skepsis. Wer keinen Schirm dabei hat zieht sich die Wollmütze oder die Baseballkappe tiefer in die Stirn. Selbst einer Touristengruppe ist das halbverkohlte Haus einen langen Blick wert.

Falk
Im Pudel lernte ich, dass Gegenkultur nicht immer böse und muskulös daherkommen musste, sondern genauso gut spielerisch sein konnte, gut gekleidet, schillernd.
Wichtig war eigentlich immer nur das richtige Bewusstsein.
Der Pudel war der einzige Kulturort meiner Stadt, an dem ich mich nie bemühte, auf einer Gästeliste zu stehen, der einzige Ort, an dem ich immer den vollen Eintritt zahlte. Der nie hoch war, okay, das machte es einfacher, aber trotzdem: Hier war das wichtig.
Weswegen ist es eigentlich so, dass gerade Linke sich über kurz oder lang bis aufs Blut streiten, und immer geht es dann um billige, dumme Sachen wie Immobilien oder so? Und werden wir unsere kleine Netzheimat, Les Flâneurs, auch irgendwann einmal zwangsversteigern?
Geständnis: Ich mochte den Kuchen im Oberstübchen, Sonntagnachmittags, im Sommer.
Gibt es irgendjemand, der schon einmal im Pudel war, und sich nicht darüber aufgeregt hat, dass das mittlerweile lauter Touris sind, die hier tanzen?
Der Pudel war schon da, lange bevor ich nach Hamburg gezogen bin, der kann doch nicht so einfach ABBRENNEN.


Marcel
Mir persönlich hat der Pudel nie wirklich viel bedeutet. Ich war zweimal dort und es war beide Male schön. Für viele Menschen, auf die ich wert lege, hat der Club aber eine wirklich große Rolle gespielt. Als Freiraum, Parallelwelt oder als „Alternative zur Wertschöpfungskette einer fresssüchtigen Eventmaschine“, wie es der Verein für Gegenkultur gerade formuliert. Das finde ich toll und einen solchen Ort soll es auch in Zukunft geben. Ich muss aber auch sagen, dass mir diese ganze Pudelszene manchmal auch ein bisschen blasiert vorkommt. Als wäre die Buntheit, Offenheit und Ungezwungenheit mittlerweile ein bisschen mehr Masche als wirkliche Herzensangelegenheit. Als würden zu viele arrivierte Kunstschaffende Besitzansprüche stellen. Vielleicht ist das Quatsch, vielleicht auch der schlichte Kern des gesamten Streits. Am Ende will ich jedenfalls einen Pudel, der für alle ist. Damit ich Lust habe, irgendwann noch ein drittes Mal hinzugehen. Falls das dann überhaupt noch möglich sein wird.

Asche, Staub, Regen.
Asche, Staub, Regen. (Foto: Sven Wiebeck)


Kathrin
Der Pudel war der erste Club in Hamburg, in dem ich getanzt habe. Es war eine wahnsinnige Nacht mit T.Raumschmiere, und ich blieb so lange, bis die Jugendherberge auf dem Stintfang wieder aufsperrte. Ich war damals also auch eine dieser Touristinnen, die da angeblich jetzt nur noch tanzten. Aber vielleicht hat der Club ja sogar dazu beigetragen, dass ich von der Touristin zur Hamburgerin wurde. Sicher, es gibt viele Leute, die öfter im Pudel waren als ich. Ich war einfach ein Indierockkind, und so waren es oft eher die kleinen, feinen und stets intimen Konzerte als das DJ-Programm, die mich in den Pudel geführt haben. Viel wichtiger als wie oft man da tanzte war ohnehin das ganze Drumherum. Die politische Haltung, die Diversität der Besucherinnen und der Gegenpol zu der Art von Club mit Türsteher, der nach Aussehen entscheidet, wer reindarf. Der Park Fiction wäre ohne Pudelkollektiv nicht da, unzählige Sommerabende haben wir da verbracht. Bier auf den Treppen zum Oberstübchen getrunken, das damals noch nicht das Oberstübchen war. Bei den Open Airs wunderschöne Sonntag verbracht. Es macht mich schon länger traurig, dass dieses Herz der Hamburger Clubkultur gespalten wurde. Und nun das Feuer. Was wird nur aus dieser Stadt ohne den zerzausten Pudel? Ich mag es mir nicht vorstellen. Nur hoffen, dass der Geist nicht mit der Hütte verloren geht.

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Transitstädte http://lesflaneurs.de/2016/02/12/transitstaedte/ http://lesflaneurs.de/2016/02/12/transitstaedte/#respond Fri, 12 Feb 2016 09:36:34 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7023 Meistens werden sie nicht unser Zuhause. Wie eine junge Beziehung sind sie plötzlich da als Lebensmittelpunkt, intensiv, haben aber den Abschied vom ersten Moment an als bitteren Bei- im süßen Erstgeschmack. Hier erzählen die Flâneure von Transitstädten – also jenen Städten, in denen wir nicht geboren sind, in denen wir aber für kürzere oder längere Perioden lebten, wichtige Zeit verbrachten, und von denen wir zwangsweise auch geprägt wurden. Letztlich stellen wir uns auch immer die Frage: Warum wurden sie nicht unsere Heimatstädte?

 

Michael

Geburtstadt: Wolfsburg (1982 bis 2002)
Transitstadt: Göttingen (2002 bis 2009)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2009)

Seit ich denken konnte, wollte ich aus dem kargen, seelenlosen, für mich frustrierenden Wolfsburg weg. Als meine Heimat sah ich den VW-Moloch nie, und vielleicht ist es auch ungesund, dass ich meine Wurzeln dort so sehr verteufle. Aber mit dem Umzug nach Göttingen, also etwa 130 Kilometer weiter hinunter ans Südende Niedersachsens zwecks des Studiums, kam für mich ein wichtiger Befreiungsschritt. Ich befand mich in einer mit rund 120 000 Einwohnern zwar genauso „kleinen“ Stadt wie zuvor, aber sie hatte Historie, ihre Menschen waren jung, es fühlte sich alles fast erhebend lebendig an. Ich war bis zu dem Punkt Bürobauten und fragwürdige Architektenkästen aus Glas und Stahl gewohnt; in Göttingen gab es Cafés, in denen man weltmännisch seinen Sencha trinken konnte, es gab Gassen voller Fachwerkhäuser zum darin spazieren, es gab vor allem aber mehr Regungen in den Gesichtern als die Müdigkeit vom Schichtdienst beim Autobauer und viel mehr als den Drang zum Absichern seines materiellen Besitzes. Für mich war die Zeit in Göttingen eine schöne, auch wenn sie von einigen Schwierigkeiten gekennzeichnet war. Von 2006 bis 2008 durchlebte ich eine schwere depressive Episode, zudem fand ich im Studium nie den Freundeskreis, wie man ihn verdammt noch mal zu finden hat, so quasi das Diktat des Universums. Ich umgab mich weiter mit den gewohnten Menschen aus der Geburtsstadt und hätte mir selbst in der Rückschau mehr Mut in dieser Phase gewünscht, die offenen Menschen, die ich kennenlernte, näher an mich heran zu lassen und zu binden. Trotzdem habe ich das nie der Stadt übel genommen und identifiziere Göttingen heute mit fast gar keinen negativen Erinnerungen mehr, auch wenn es eine harte Phase für mich war. Obwohl das Studium längst nicht dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte, pflegte ich dafür meine Hobbys in großer Intensität, baute meine Leidenschaft fürs Schreiben aus, fuhr dank zentraler Lage in Deutschland auf Konzerte nach Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Düsseldorf, Dresden und wo nicht noch überall hin. Seit Langem plane ich, endlich wieder in Göttingen gebliebene Freunde zu besuchen, ich war nun bald sieben Jahre nicht mehr dort. Vielleicht hätte das niedliche Städtchen meine Heimat werden können, ich hätte 2009 wohl nichts dagegen gehabt, aber das wäre sicher nichts für immer gewesen. Ich hätte in einer Universitätsstadt, die gekennzeichnet ist vom Hin-und-Wegziehen der Menschen, nie die Ruhe meines Heimathafens Hamburg gefunden. Kaum in der Hansestadt angekommen, bewegte sich wieder so massiv viel in meinem Leben – der weitere Schritt hinaus war wieder nötig. Letztlich war Göttingen eben doch zu klein, in Bezug auf die Möglichkeiten, weiter zu wachsen.

Falk

Geburtsstadt: Ulm (1972 bis 1992)
Transitstadt: Gießen (1993 bis 1998 und 1999 bis 2001)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2001)

Gießen ist was für die ganz Harten. (Foto: Jan (https://www.flickr.com/photos/bumix2000/), verwendet unter CC-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/))
Gießen ist was für die ganz Harten. (Foto: Jan, verwendet unter CC-Lizenz)

Das ist so unoriginell. Gießen. Wir hatten alle unser Gießen, unsere Stadt, in die wir zogen, als wir unsere Geburtststadt verließen, unsere Geburtsstadt, die selbst keine Metropole war, weswegen wir es gemächlich angehen ließen und uns fürs Flüggewerden eine Transitstadt aussuchten, und der wir hofften, uns zurechtzufinden. Heidelberg, Münster, Marburg, Göttingen. Oder Gießen. Hauptsache übersichtlich, Hauptsache große Uni. Natürlich fanden wir uns trotzdem nicht zurecht, wie denn auch, es war ja alles neu, wir verliefen uns unter 80 000 Einwohnern, wir begannen, Gefallen zu finden am Verlaufen, es war nicht mehr wichtig, in welcher Stadt wir waren, wichtig war die Stadt an sich. Und in dieser Hinsicht war Gießen tatsächlich ein harter Brocken. Provinz im Wortsinne, eine Stadt ohne Selbstbewusstsein, im Krieg zerbombt, nach dem Krieg autogerecht zusammengezimmert, eine hässliche Stadt tatsächlich. In Gießen gab es keine Fachwerkromantik, in Gießen gab es Beton, vierspurige Ausfallstraßen, einen vom Städtebau stiefmütterlich ins Industriegebiet geschobenen Fluss und einen Autobahnring, der einer zehnmal größeren Stadt zur Ehre gereicht hätte, außerdem wegen der Kessellage zwischen Vogelsberg und Lahntal ein Mikroklima, das schon im Frühsommer Schwüle und schlechte Luft durch die Straßen schickte. Gießen war kein Spaß, das war was für die ganz Harten, aber: If you can make it there you’ll make it everywhere. Und wir machten. Wir lernten auf der Probebühne des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, was Postdramatik ist, lange, bevor der Begriff zum echten Genre wurde. Wir trampten nachts die 20 Kilometer in den Vogelsberg, ins Dorfkino Traumstern, was tatsächlich eines der besten Programmkinos dieser Republik war. Wir gingen zum Spermbirds-Konzert, weil, wenigstens Punkrock, und wir fanden Songtitel wie „Kaiserslautern über alles“ nicht problematisch.

Und irgendwann war dann auch gut. Irgendwann fanden wir uns zurecht, und dann musste es weitergehen. Die meisten orientierten sich nach Frankfurt, der nächsten größeren Stadt, eine gute halbe Stunde per Zug. Viele zogen nach Berlin, ich auch erstmal, man muss ja auch festhalten: In Gießen, überhaupt in diesen kleineren Unistädten gibt es einfach keine Jobs jenseits der akademischen Karriere. Es ist okay, dass man weiter geht, und das ist jetzt nichts schlechtes über Gießen: Dieser verbaute, reizlose, absolut großartige Betonfleck in Mittelhessen war in einer bestimmten Phase meines Lebens genau das Richtige für mich. Wie eine alte Liebe, die auch zur rechten Zeit am rechten Ort genau richtig war, doch irgendwann musste man einen Schnitt machen. Lieben wird man sie aber immer.

Katharina

Geburtsstadt: Oldenburg
Transitstadt: Mainz (2009 und 2013)
Heimatstadt: Berlin (seit 2010)

Hach, Mainz. Es ist schon erstaunlich wie sich die eigene Wahrnehmung verändert. Aus der nordischen Kleinstadt kommend, das erste Mal allein in eine Stadt ziehend, war Mainz schon ein wenig aufregend. Zum ersten Mal wohnte ich, wenn auch nur für kurze und begrenzte Zeit, in einer WG, die mich herzlich und liebevoll aufnahm. Ich kam nach Mainz für ein Praktikum bei einem großen Unternehmen. Zu Beginn brauchte ich noch einen Stadtplan, um mich auf dem Gelände zurechtzufinden. Alles war so groß und neu.

(Foto: Katharina Röben)

Wenig später zog ich nach Hamburg, dann nach Berlin. Plötzlich änderten sich die Maßstäbe in meinem Kopf und so kam mir Mainz, als ich 2013 zurückkehrte, plötzlich klein und putzig vor. Ich erinnere mich an das Hochwasser, an heiße Sommerwochen, an Dreharbeiten in der Wildnis, an Tennisballgroße Mückenstiche und an Spaziergänge entlang der Rheinpromenade. Das war schon schön. Irgendwie.

Pia

Geburts- und Heimatstadt: Berlin
Transitstadt: Toulouse (2011)

Rue de Taur, Analog 2011, Pia Gralki
Rue de Taur, Analog 2011, Pia Gralki

Liebe auf den ersten Blick. Ja, es ist wahr, ich durfte sie erleben. Allerdings stand ich unter starken Entzugserscheinungen, wie ich bekennen muss, denn bevor ich für ein Semester an die Ècole des Beaux-Arts nach Toulouse ging, hatte ich in Braunschweig meinen Bachelor begonnen. Und musste weg. Ganz schnell. Diese niedersächsische gefühlte Kleinstadt ließ mich zu einer Person werden, die ich nicht mochte, und die fernab des idyllischen Kunsthochschulareals zu einer Passantenpöblerin und Kulturpessimistin wurde. Also, im wahrsten Sinne des Wortes: nothing left toulouse. Ich packte also mein avanciertes Schulfranzösisch ein und viel zu viel Gepäck auf meine Schultern und dachte mir: Jetzt wird alles besser. Als ich meinen Erasmusbetreuer an der Kunsthochschule traf und mein Studentenwohnzimmer betrat, wusste ich: Ok, nicht alles wird besser. Schnell musste ich pauschal feststellen: Die Unterbringung überlebe ich zwei Tage, denn an Tag 3 stellen sich die Kakerlaken persönlich vor, und, noch fataler, ich kann Franzosen nicht leiden. Kein Wunder, denn die Ersten, die mir begegneten, hatten etwas von dem Sinnbild der drei Affen: Der Erste wollte mich nicht sehen, der Zweite konnte mich nicht verstehen, und der Dritte hatte keine Lust, mit mir zu reden. Aber irgendwann war es mir egal, und ich wurde hartnäckig. Diese Hartnäckigkeit realisierte ich dann in täglichen Sitzstreiks: Vor dem Erasmusbüro, vor dem Fotolabor, vor dem Wohnheimschalter, im Waschsalon – nichts war mir zu schade, um meine Entschlossenheit zu demonstrieren, mir einen Platz zu erobern. Und siehe da: Es wirkte. Man wurde auf mich aufmerksam. Man lud mich auf einen Kaffee ein. Und zu Sonnenbädern am Flussufer der Garonne. Und zur Mittagspause, pünktlich jeden Tag um 12. Zu Jazzabenden, die wir zeichnend und mit viel Rotwein verbrachten. Zu Käseplatten und Jamsessions, Konzerten und Fahrradtouren entlang der Sonnenblumenfelder des Canal du Midi. Geraucht haben wir natürlich auch viel. Kurzum: Ich hatte es geschafft. Ganz allein. Ich war umgezogen, wusste nun, wie man Muscheln zubereitet und dass Crêpes mit salzigem Caramel so ziemlich das Beste sind, was einem passieren kann. Freunde hatte ich auch, französische sogar. Und als mich ein Barmann in Paris fragte, aus welcher Region Südfrankreichs ich kommen würde mit meinem Dialekt, wusste ich, hier könnte ich bleiben. Aber so ist das mit dem Transit: Alles hat seine Zeit. Und ich würde alles wieder ganz genauso machen.

Lisa

Geburtsstadt: Finsterwalde (1990 bis 2009)
Transitstadt: Palma de Mallorca (2013)
Heimatstadt: Berlin (seit 2010)

Ich stamme aus einem kleinen Kaff in Brandenburg, bin fürs Studium in die nächstgrößte Stadt gezogen und sammele seit sieben Jahren fleißig Transitstädte im Ausland. Vor einigen Jahren habe ich für einige Monate ein Praktikum auf Mallorca gemacht. Jaja, her mit den Klischees und dummen Witzen, aber so war das eben nicht. Den Ballermann habe ich selten gesehen, dafür aber viele verwinkelte Gassen, Hippie-Märkte, urige (was für ein Wort!) Tapas-Bars und natürlich Palmen und Meer. Sangría gab es auch, aber nicht aus Eimern. An meiner deutschen Arbeitsstelle kann ich zwar kein gutes Haar lassen, aber immerhin haben wir Praktikanten eine riesige WG gesponsert bekommen. Von unserem Balkon aus konnten wir in weiter Ferne die Kathedrale und von Nahem die ein- und ausfahrenden Kreuzfahrtschiffe begutachten und so jeden Morgen einen neuen Luxusliner bei einer Tasse Kaffee begrüßen. Letztendlich hatte jeder im Laufe der Zeit seinen Lieblingsdampfer. Mein Arbeitsweg führte mich täglich entlang der Hafenpromenade, vorbei an den Fischkuttern auf der einen und den Yachten auf der anderen Seite. Nach Feierabend ging es entweder an den Strand westlich von Palma de Mallorca oder zurück auf den Balkon. Palma war vor drei Jahren unübersehbar von der spanischen Wirtschaftskrise geschwächt. Jedes zweite Schaufenster war leer, die Bars und Restaurants in den versteckten Ecken der Stadt waren selten bis zum letzten Stuhl gefüllt. Mich hatten Palma und vor allem Mallorca trotzdem überrascht und verzaubert. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich nicht mit Wohnungssuche und spanischer Bürokratie geplagt wurde, sondern sofort von tollen Menschen umrundet war. Ich hatte vom ersten bis zum letzten Tag eine rosarote Brille auf. Ich habe mir immer vorgenommen zurückzukehren für ein oder zwei Jahre, die tolle Zeit fortzusetzen. Aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist.

Palma de Mallorca
Was Touristen für einen Tag hatten, durfte ich mehrere Monate erleben. (Foto: Lisa Ksienrzyk)

Ninia

Geburtsstadt: Hannover (1983 bis 1984)
Transitstadt: Marburg (2003 bis 2006)
Heimatstadt: Hannover (seit 2011)

Es gab für mich nach dem Abi in Braunschweig nur einen Grund, nach Marburg zu ziehen: Die Uni hatte keinen NC für meine Fächer. Ich hatte ein Abi, das in allen anderen Städten niemals für ein Studium gereicht hätte, also zog es meine Freundin und mich nach Marburg. Studentenstadt, WG, das volle Programm. Das, was ich noch am besten erinnere, ist der Tag der Immatrikulation. Während die Jungspunde von heute das ja einfach online machen können, haben wir sechs geschlagene Stunden in der Hitze angestanden, um dann schriftlich innerhalb von zwei Minuten über unsere Zukunft zu entscheiden. Meine hieß dann wohl Germanistik und Kunstgeschichte. Als ich anfing, zu studieren, durfte man noch in der Uni rauchen, und dieser frühmorgendliche Kneipengeruch, der eine umwehte, wenn man die Uni betrat, ist genauso unvergessen für mich. Marburg kam mir sehr provinziell vor. Und so, als würde ich mich in einer Blase bewegen. Einer Blase voller links-orientierter, betrunkener Studierenden. Auf der anderen Seite hatte Marburg eine sehr große Szene an Verbindungshäusern. Einmal sind eine Freundin und ich von einer Party verwiesen worden, weil wir uns über deren Bändchen lustig gemacht haben. Da kam ich mir richtig rebellisch vor. Im Prinzip bin ich in Marburg erwachsen geworden. Auch, wenn es mir manchmal so klein vorkam, war es doch der erste Ausbruch von zuhause, das erste Mal Menschen kennenlernen, die nicht aus schulischen Gründen gezwungen sind, mit einer befreundet zu sein, und das erste Mal selbst ans Klopapier denken. Nachhaltig beeindruckt hat Marburg mich allerdings nicht. Ich glaube auch heute noch, dass diese Stadt einzig und allein aus Studienzwecken erbaut wurde. Nichts anderes passiert dort. Und das macht die Architektur der Uni nicht gerade besser. Wir haben die Häuser der Geisteswissenschaften nicht umsonst „Elefantenfüße“ genannt. Das war auch eine Sache, die mich genervt hat: Es gab keine Campus-Kultur. Alle Fakultäten waren sehr auseinander gerissen. Natürlich hatte Marburg eine tolle Kneipenszene. Die hab ich ausgiebig getestet. Und einen Club, in den man gehen konnte, wenn man lieber Punk gehört hat. Das war dann nach einem Jahr auch irgendwie langweilig. Nach der Zwischenprüfung bin ich dann auch weg, nach Göttingen. Die Stadt hat mich dann wesentlich mehr geprägt.

Kathrin

Geburtsstadt: Zwar nicht dort geboren, aber aufgewachsen bin ich in St. Stefan im Rosental (1985 bis 2001)
Transitstadt: St. Pölten (2002-2006)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2007)

Da ich aus einer gottverlorenen Gegend im Südosten Österreichs komme, war mir schon lange klar, dass ich nach der Matura, wie das Abi bei uns heißt, dringend weg muss. Verschlagen hat es mich dann erst mal nach England an einen Riesencampus zum Freiwilligendienst, wo ich ein Jahr lang einen Studenten im Rollstuhl begleitete. Das fühlte sich kosmopolitisch an, Menschen aus aller Welt studierten da, ich sog die neuen Kultureindrücke auf wie ein Schwamm. Dann kam ich zurück und fing ausgerechnet in St. Pölten an, zu studieren. St. Pölten, wo später einmal Fritzl der Prozess gemacht werden sollte. Die Stadt, die vor allem von der nach faulen Eiern stinkenden Glanzstofffabrik geprägt war. Die nur Landeshauptstadt von Niederösterreich ist, weil Wien ein eigenes Bundesland wurde. Deren beste Eigenschaft wohl auch die Nähe zu Wien und Krems mit seinen wunderschönen Weinbergen ist. Warum also dahin?

Ich wollte mir das Publizistik-Studium in Wien mit seinen überfüllten Hörsälen ersparen – und in St. Pölten konnte man Medienmanagement studieren und beim Campusradio moderieren. Es war einfach ein guter Mix. Und ich muss sagen: Auch wenn man in St. Pölten die Kultur mit der Lupe suchen musste und es keine coolen Clubs gab – die Zeit, die ich dort verbracht habe, gehört zu den besten meines Lebens. Fast mein ganzer Jahrgang wohnte im selben Studentenwohnhaus. Wann immer man Lust hatte, ging man zwei Türen weiter auf einen Plausch. Wir veranstalteten unsere eigenen Parties, gingen gemeinsam auf Festivals und fuhren im Sommer mit dem Rad zum See und bauten im Winter Schneemänner. Wir stellten den Rekord auf, wie viele Menschen in eine Studentenwohnheimküche passen. Wir bekritzelten die Wände mit Watzlawick-Zitaten und anderem Kram. Vor Prüfungen lernten wir gemeinsam (oder auch nicht). Wir wurden richtig gute Freunde. Im letzten Jahr wohnte ich dann mit sechs anderen Menschen in einer ehemaligen Dienstbotenvilla ein paar Meter vom Studentenwohnheim. Die Tür war immer offen, der Kühlschrank mit Bier gefüllt und irgendjemand war immer zu Besuch. Im riesigen, verwilderten Garten gab es eine Schaukel und Liegestühle. St. Pölten hat vielleicht nicht meine Sehnsucht nach der großen Stadt und nach Kultur in Hülle und Fülle befriedigt – aber das alles mit einer besonderen Gemeinschaft wett gemacht. Und als die sich in alle Winde zerstreute, war auch meine Zeit mit St. Pölten abgelaufen.

Die Villa in St. Pölten
Die Villa in St. Pölten

Sven

Geburtsstadt: Braunschweig
Transitstadt: Leipzig (2010 bis 2012)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2012)

Den Arbeitsvertrag hatte ich auslaufen lassen. Meine Beziehung, oder dieses ähnlich anmutende Etwas, befand sich in einem wenig zukunftsträchtigen Status. Überhaupt hatte ich schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Dringend musste sich etwas ändern. Nicht nur die Tapete, sondern die Stadt dahinter. Hamburg erschien als logische Konsequenz. Verband mich doch seit mehr als zehn Jahren eine innige Wochenendliaison mit der Hansestadt, den einen oder anderen Two-Month-Stand inklusive. Leipzig hatte ich nicht auf der Karte. Jedenfalls nicht seit ich über meinen Studienort nachgedacht hatte, was bereits einige Jahre her war. Der Großteil meines Wissens über die Halbe-Millionenstadt in Sachsen basierte auf Büchern und Dokumentationen über die Wiedervereinigung. Während meines ersten Besuchs sah ich nur die hochglänzenden Fassaden der Passagen im Zentrum. Beim zweiten, ich hatte mich für den Job und die Stadt entschieden und war auf Wohnungssuche, verschlug es mich in diverse Stadtteile. Bei Plagwitz wusste ich sofort: Das passt. Anfangs begegnete mir mancher deshalb noch mit Kopfschütteln, zwei Jahre später wollten fast alle dorthin. Ich fühlte mich sofort wohl am Karl-Heine-Kanal, zwischen kernsanierten Altbauten aus der Gründerzeit, Clubs in baufälligen Wächterhäusern und Industrieruinen, in direkter Nachbarschaft zur Baumwollspinnerei, der Schaubühne und dem Clara-Zetkin-Park.

Durchgetanzt in Ruinen: In Leipzig lohnt sich der Blick hinter die Fassade. (Copyright: di.fe88, flickr/CC-Lizenz)
Durchgetanzt in Ruinen: In Leipzig lohnt sich der Blick hinter die Fassade. (Copyright: di.fe88, flickr/CC-Lizenz)

Den Hype um die Stadt, die das neue, ach was, das bessere Berlin sein sollte, und über die sogar die New York Times schrieb, spürte ich lange Zeit nicht. Doch irgendwann manifestierte sich der viel zitierte Begriff „Hypezig“ auch in meinem Freundeskreis als Stigma. Leipzig ist eine geschichtsträchtige Stadt, wobei dir insbesondere die deutsch-deutsche oder klassisch-musikalische Historie an vielen Ecken begegnet. Leipzig ist eine kulturelle Stadt: hoch-, sub- und popkulturell. Obwohl durchaus noch Potential für mehr Konzerte besteht. Binnen 20 Minuten erreichst du mit dem Fahrrad nahezu alles, bis zum Highfield-Festival dauert es etwas länger. Ich weiß nicht, ob Leipzig das Beste war, was mir damals passieren konnte. Aber es war definitiv etwas verdammt Gutes. Beruflich lief es zwar nicht wie gedacht, einige Kontakte pflege ich aber immer noch. Was jedoch viel wichtiger ist: Ich habe Menschen kennengelernt, die heute zu meinen besten Freunden gehören. Mittlerweile bin ich doch in Hamburg angekommen. Vordergründig war es eine rationale Entscheidung, zu gehen. Leicht gefallen ist sie mir nicht; am Ende wurde ich vermutlich von einer emotionalen Sehnsucht getrieben. Ich musste diesen Schritt einfach machen; zurückkehren kann ich ja immer noch. Anfangs war dieser Gedanke sehr präsent; nun verblasst er mehr und mehr, wenn auch langsam. Ich bin noch oft in Leipzig. Und genieße es. Vermag aber nicht zu übersehen, dass sich die Stadt in den vergangenen Jahren rasant verändert hat. Insofern komme auch ich nicht um das böse Wort „Gentrifizierung“ herum. Einige Freunde haben die Stadt ebenfalls verlassen. Sie ist eben für viele bloß eine Durchgangsstation. Allerdings: Manche von ihnen sind inzwischen wieder zurückgekehrt. Aus Berlin und Hamburg.

Nina

Geburtsstadt: Bützow
Transitstadt: Vancouver (2014 bis 2015)
Heimatstadt: Berlin (seit 2012)

Vor etwas länger als einem Jahr verschlug es mich mit Goldgräberstimmung und working-holiday Visum in der Tasche für einige Monate nach Kanada. Eigentlich plante ich, weiter nach Norden zu reisen, auf eine Ölplattform, wo man Backpackergerüchten zufolge tausende Dollar innerhalb weniger Wochen verdienen konnte. Mit dem Geld wollte ich – nein, keinen Bus kaufen – für einen Trip nach New York und ganz viele Broadwayshowtickets sparen. Da ich aber nicht so der Ölfördertyp bin, änderten sich die Pläne schon am Flughafen von Vancouver, zwischen Pazifik und Gebirge und natürlich bei Sonnenuntergang und leichter Spätsommerbrise.

Hastings. Hafensounds und Sommenaufgang. (Foto: Nina Behrendt)
Hastings. Hafensounds und Sonnenaufgang. (Foto: Nina Behrendt)

Also blieb ich und mietete mich erst einmal in einem winzigen Zimmer mit Wänden voller Spiegel ein. Auf airBnB sah das anders aus. Später erfuhr ich, dass meine neue Hood in Surrey auch gern von Einheimischen als „Armpit of Canada“ bezeichnet wurde. Zu mir waren die obdachlosen Crackraucher am Bahnhof jedoch immer zuvorkommend und hilfsbereit.

In meinem 8 qm großen Spiegelkabinett wurde ich nach wenigen Tagen zunehmend paranoid, so dass ich panisch eine Craigslist-WG nach der anderen abklapperte und schließlich ein Zimmer in dem halbzerfallenen viktorianischen Häuschen eines Verschwörungstheoretiker-Pärchens am Commercial Drive bezog. Jackpot ist anders, aber heute kann ich drüber lachen. Wenigstens ließ ich mich nicht voreilig auf den dubiosen Deal einer chinesischen Familie ein, auf ihre drei Kinder aufzupassen, Mandarin zu lernen und in ihrem feuchten Keller zu wohnen.

That Skyline though. (Foto: Nina Behrendt)
That Skyline though. (Foto: Nina Behrendt)

Durch einen glücklichen Zufall bekam ich einen Job als Barista in einem auf magische Weise immer voll besuchten 24-Stunden offenen Café in Downtown. In einer Seitenstraße an der Robsonstreet fanden Touristen, Büroarbeiter der Wolkenkratzer, Studenten und ziemlich viele Freaks den Weg zu uns an den Kaffeetresen. Der Laden hatte NIE zu. Wir wurden zu den Stosszeiten – IMMER- besonders wegen der riesigen Kuchenauslage und des guten german-style breads praktisch überrannt. Diese Phase meines Lebens heißt „Let them eat cake“ und noch nie habe ich Mindestlohn so hart erarbeitet, mich so oft an siedender Milch, glühenden Sandwichsgrills und zerbrochenem Glas verletzt. Verdammt, ich musste sogar ins Krankenhaus, weil ich mir beim Schlagsahne schlagen die Hand verstauchte. Diese absurde Verletzung brachte mir den Spitznahmen „Whip it real good“ ein, und fortan wurde mir offiziell verboten, Schlagsahne herzustellen. Aber so anstrengend auch die Schichten im Café waren, so traumhaft schön war die Freizeit in der Natur am Kitsilano Beach, im Stanley Park (dem nördlichsten Regenwald der Welt), auf den wilden Bergwanderwegen und dem Lighthouse Park.

Mein Lieblingscafé auf dem Commercial Drive. All die Burger, all die Milchshakes! (Foto: Nina Behrendt)
Mein Lieblingscafé auf dem Commercial Drive. All die Burger, all die Milchshakes! (Foto: Nina Behrendt)

 

Lighhouse im Lighthouse Park. (Foto: Nina Behrendt)
Lighhouse im Lighthouse Park. (Foto: Nina Behrendt)

Vancouver wird oft vorgeworfen, langweilig zu sein. Hochglanzpoliert. Aber das stimmt nur auf den ersten Blick. Ja, die Wolkenkratzer, die peinlich sauberen Straßen und schnieken öffentlichen Verkehrsmittel (ich meine, die Bahn heißt Skytrain und schwebt), die Bilderbuchvororte und auch die Menschen: vornehmlich gestriegelte Jungunternehmer, Lululemon-Ladies mit green juice im Kinderwagen-Getränkehalter und fleißige asiatische Austauschstudenten, die auch nachts um vier von mir mit Eiskaffee versorgt wurden, um dann doch über ihren BWL Büchern einzuschlafen.

Kostümierte Herrschaften an Halloween auf dem Commercial Drive. (Foto: Nina Behrendt)
Kostümierte Herrschaften an Halloween auf dem Commercial Drive. (Foto: Nina Behrendt)

Aber Vancouver kann auch Grunge. Es gibt sie, die rebellischen Kunsträume und Galerien, die eskalierenden Punkkonzerte, die Secondhandläden und abgefuckten Bars. Es scheint schon fast, als kämpfen die jungen Künstler mit aller Kraft dagegen an, wie simpel sie der gemütlichen Schönheit dieser Stadt als Banker oder Wasserflugzeugpilot erliegen könnten. Manchmal hatte ich das Gefühl, in Pleasantville zu wohnen, an anderen Tagen habe ich neue kleine Musikläden entdeckt oder bin aus Versehen an der East Hastings Street ausgestiegen – einem Straßenzug auf dem vornehmlich Drogen- und Prostitutionsgeschäfte abgewickelt werden, Menschen in Pappkartons wohnen und ihre Habseligkeiten in Einkaufswagen stapeln.

Aber trotzdem und deswegen: ich vermisse Vancouver. Ich vermisse den guten Kaffee unter blühenden Kirschbäumen zu trinken und die Lucky Donuts von der Main Street und dass es in jedem Geschäft öffentliche Toiletten gibt. Ich vermisse die Wanderwege um Deep Cove, Zimtschnecken und kanadischen Smalltalk. Ich vermisse Weihnachtssänger und Busse mit neongelber Halteschnur. Die knallbunten Markthallen auf Granville Island und Academy Awards in Echtzeit gucken, im Abendkleid im Theater. Habe ich schon das beste Sushi außerhalb Japans erwähnt?

Hey there, creepy Sushi-Deal Lady. (Foto: Nina Behrendt)
Hey there, creepy Food-Deal Lady. (Foto: Nina Behrendt)

Mein Abschied fiel schwer und ich glaube, er war auch nicht endgültig. Ich bin immer noch froh, dass mich die Geldgier nicht auf eine Ölplattform im Yukon führte, sondern meine Neugier solange an der glatten Fassade vom metropolitan Vancouver kratzen lies, bis ich dahinter ein herzliches, schräges, buntes Dorf fand.

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Ein Weihnachtsmarktrückblick oder Vom Tod der Beschaulichkeit http://lesflaneurs.de/2015/12/21/vom-tod-der-beschaulichkeit-eine-weihnachtsmarktrueckschau/ http://lesflaneurs.de/2015/12/21/vom-tod-der-beschaulichkeit-eine-weihnachtsmarktrueckschau/#respond Mon, 21 Dec 2015 16:07:57 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6704 Geschwind neigt sich die Zeit der Weihnachtsmärkte dem Ende entgegen. Viele schließen an Heiligabend komplett ihre Pforten, manche verlängern bis Silvester, doch Anfang Januar sind sie alle weg – die Lichtermeere im Stadtzentrum, in denen Plastikbecher-Glühwein auf lauwarme Bratwürste treffen. Zeit für eine kleine Rückschau.

Michael: Diese scheiß Tropenhitze hat mir die Weihnachtsmarktsaison gehörig verdorben. Wer hat denn da noch Lust auf Glühwein, wenn wegen der obligatorisch angelegten Winterkluft die Hitze ob 16 Grad Celsius am Hals hochsteigt? Ich nicht. Gut, ich bin da eh kein Fanatiker, aber die Weihnachtsmärkte in Hamburg gehen schon meist voll in Ordnung. Einmal im Jahr will ich wenigstens den trashigen fliegenden Weihnachtsmann überm Rathausmarkt sehen, was bisher immer geklappt hat. Dieses Mal waren wir zu früh dran, Monsieur prügelt seine Rentiere erst ab 18 Uhr am Wochenende über die Köpfe der Schaulustigen.

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Der Weihnachtsmarkt am Hamburger Rathaus – noch ohne durch’s Bild düsenden Weihnachtsmann. (Foto: Michael Schock)

Sonst aber gab es leckere Bratwurst (3,50 Euro, fast okayer Preis, bin erstaunt), wie immer köstliche Poffertjes am Gänsemarkt und ziemlich guten Glühwein und Jagertee auf der Fleetinsel. Der Weihnachtsmarkt dort ist irgendwie mein liebster, weil er so stylish-aufgeräumt ist, es den Glüh aus Gläsern statt plump-hässlichen Humpen gibt und alles zwischen den herrschaftlichen Bauten so gediegen wirkt. Nur die Yuppies stören, die sind hier wegen der neustädtlichen Umgebung leider in der Überzahl. Aber da kann man ja gegen an prollen. Unser kleines Flâneursglühen auf dem Eimsbütteler Weihnachtsmarkt hat mich dagegen ernüchtert. Zu klein, zu voll, schon um 21 Uhr hatten alle Buden dicht. An einem Donnerstag, dem neuen Freitag! Wie soll da Weihnachtsgefühl aufkommen, ach, kommt, weg, ich zieh mir Flipflops an und schwitze dann mal bis zur nächsten Saison.

Ninia: Ich hasse Weihnachtsmärkte. Wegen der Musik und der Menschen. Das ist alles, was ich dazu sagen möchte.

Lisa: Traditionell deutsche Weihnachtsmärkte sind ja der Exportschlager schlechthin und auch in Paris gibt es in fast jedem Arrondissement ein paar Stände, die sich übermütig als Marché de Noël bezeichnen. Der Weihnachtsmarkt auf der Champs-Élysées leuchtet zwar grell bunt und ist kitschig schön geschmückt, die zweispurige Straße ist allerdings alles andere als romantisch festlich. Der 6 Euro-Glühwein wird in Plastikbechern ausgeschenkt, aus denen ich sonst bei Konzerten und Fußballspielen Bier trinke. Eine Bratwurst nach deutscher Art kann man für schlappe 7 Euro verköstigen, Austern und Champagner sollen zumindest einen Hauch Pariser Prunk auf der Prachtstraße versprühen. Einige Kilometer weiter der nächste Marché de Noël: Der 34. Elsässer Weihnachtsmarkt auf dem Vorplatz vom Gare de l’Est. Der Weihnachtsmarkt war echt überwältigend. Überwältigend schlecht. Neun Händler zwangen sich in ein etwa 40qm großes, beheiztes Zelt, um regionale Wurstwaren, Käse, Pfefferkuchen und Wein zu verscherbeln. Von Glühwein und Bratwurst fehlten hier jede Spur, von Weihnachtsmarkt-Feeling erst recht.

Enrico: Erholsamerweise war ich dieses Jahr nur auf dem Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg. Der ist – rein optisch – wunderschön. Das Schloss im Hintergrund wird immer wechselnd beleuchtet, eine kleine Blasmusikkapelle dreht ihre Runden und es gibt sogar einen niedlichen Kinderweihnachtsmarkt mit Fahrgeschäften etwas ab vom Trubel. Der ist für mich immer das Highlight. Vielleicht werde ich alt, vielleicht zynisch, wahrscheinlich beides, aber gelangweilte Kindergesichter auf Miniversionen von Fahrgeschäften zu sehen, die normalerweise von ihrer – hier nicht vorhandenen – Geschwindigkeit leben, hach, so süß. Mami und Papi fotografieren fleißig, das Lächeln lässt sich per Photoshop später hinzufügen; heil ist sie, diese Welt.

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Diese blöden Scheinwerfer, die eh nie das Batman-Symbol in den Nachthimmel strahlen! *grrrr* (Foto: Enrico Seligmann)

Davon abgesehen machen mich Weihnachtsmärkte teilnahmslos. Alle käuflich zu erwerbenden Waren sind entweder zu teuer oder viel zu teuer. Ein mickriger Flammkuchen mit fast nix drauf für 10 Euro – was zur Hölle?! Wie hoch sind hier bitte die Standkosten oder die Gier des Standbesitzers? Na ja, egal, der Markt ist voll, am Eingang geben die meisten Leute ihr Spargehirn ab – „Is‘ ja Weihnachten!“ – und es wird fleißig konsumiert. Schon etwas eklig … ich geh‘ mal wieder zum Kindermarkt.

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„Wohnen? Bitte nur am Görli!“: Protokoll einer rbb-Doku http://lesflaneurs.de/2015/12/21/wohnen-bitte-nur-am-goerli-protokoll-einer-rbb-doku/ http://lesflaneurs.de/2015/12/21/wohnen-bitte-nur-am-goerli-protokoll-einer-rbb-doku/#respond Mon, 21 Dec 2015 09:03:40 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6684 Diane Arapovic wohnt in Berlin und ist Reporterin bei rbb. Sie sucht für sich, ihren Partner und ihr Kind eine neue Wohnung. Rund um den Görlitzer Park soll sie sein und bezahlbar sein. Dafür gibt sie sich sechs Monate Zeit und sucht. Enrico und Ninia haben sich die Doku angesehen und müssen dazu mal was loswerden.

Ninia: Ich bin durch den Tweet von @_Red_Queen auf die Doku aufmerksam geworden. Sie war schon leicht angepisst und auch mich hat der Bericht agressiv gemacht. Wie ist dein Eindruck?

Enrico: Kann ich verstehen. Alleine schon dieser Fokus auf wenige Straßen um den Görli herum – meine Fresse – selber Schuld! Alle wollen nach Kreuzberg, alle wollen Altbau, aber keiner schaut sich im Spiegel an. Die Redakteurin ist doch somit von Anfang an mitschuldig und allgemein kann ich diesen Wohnfokussierungswahn nicht nachvollziehen. Berlin bietet mehr als nur Kreuzberg.

Ninia: Ja, das hat mich am meisten gestört – dass Diane Arapovic nicht merkt, dass sie eben Teil des Problems ist. Genau wie die Dame, die am Park wohnt und sich beschwert, dass sie die Ratten morgens sieht. Oder im Sommer ihr Fenster nicht aufmachen kann. Die Leute ziehen irgendwohin und dann soll sich dort aber bitte alles an sie anpassen.

Enrico: Das ist auch so eine Sache, dieses dorthin ziehen und sich dann wundern, dass es gar nicht so ist wie erhofft. Da ist so viel Traumdeuterei drin, so viel Festkleben an Marketingbegriffen, kein Wunder dass am Ende alle enttäuscht sind. Ich weiß einen hübschen Altbau auch zu schätzen, so ist es nicht, aber mittlerweile ist daraus ein leeres Schlagwort geworden und Menschen tun so, als wäre eine Wohnung sonst nichts wert. Am allermeisten störte mich aber die allgemeine Unwissenheit von Diane Arapovic – vieles wird nur an der Oberfläche behandelt oder achselzuckend hingenommen, ich hätte gerne mehr Geschichten gehört wie die über den Gemüseladen.

Ninia: Ja, oder die Friseurin. Da war es fast dramatischer, dass halt ihre Friseurin nicht mehr in der Nähe ist. Aber nicht die Tatsache, dass sie dort verdrängt wird. Der Immobilienfuzzi, bei dem sich die Reporterin nach Wohnungen zum Kauf erkundigt hat, war ja auch so nett. “In Kreuzberg herrscht ein ganz gewisses Klima, Aufbruchstimmung” – schön, genau das verkauft er und macht es genau so kaputt.

Enrico: Die sollen da bauen wie sie wollen, aber diese ganze Loft-Kultur (300m²!) ist doch purer Wahnsinn. Immer mehr Leute ziehen nach Berlin, aber die Wohnungen werden größer statt kleiner. Alle brauchen mehr Platz für ihr Ego. Da fand ich den Bericht des Gärtners(?) über den Zustand des Görlis ganz passend, würde den aber gar nicht daran festmachen, dass immer mehr gebaut wird und Leute dahinziehen, sondern eben an dem, was er ganz am Anfang feststellte – der Park wird eben entweder als Drogenumschlagplatz missbraucht oder als Grillfläche abgenutzt. Was schert es denn die Touris und Laissez-faire-Hippen, ob sie da Gras niederbrennen oder ihren Müll irgendwo hinschmeißen? Alles wird nur noch verbraucht.

Frostige Stimmung in Kreuzberg. (Foto: Enrico Seligmann)
Frostige Stimmung in Kreuzberg. (Foto: Enrico Seligmann)

Ninia: Wobei ich ja fast in den Laptop gesprungen wäre, als die Anwohnerin der Reporterin erzählte, dass das eben nicht sein muss, dass “diese Leute” dort Drogen verkaufen. Die hätten ja ganz andere Möglichkeiten.

Enrico: Ja, da zeigt sich gut mit welchem Gedankengut die Neuzugezogenen dort spazieren gehen. Es ist eben wirklich so: Dieses 80er-Jahre-Wir-halten-zusammen-Gefühl existiert dort nur noch in Nischen. Der Rest ist Mythos. Die Leute die für den Erhalt des Gemüseladens und gegen Gentrifizierung protestiert haben, waren doch Alteingesessene. Den Trend-Nachziehern ist der Bezirk doch als solcher egal, der Ruf zählt.

Ninia: Ich wüsste auch gerne, wie du, wie es jetzt mit dem Gemüseladen weitergeht. Der Rausschmiss wurde ja verhindert, aber geklärt war es ja noch nicht. Das wurde dann abgebrochen. “Die Anwälte sprechen miteinander – er soll das Dreifache (!) an Miete zahlen.” Das läuft ja völlig aus dem Ruder. Beispiel auch: Die Wohnung des Arztes, die sich Diane Arapovic anschaut, soll für sie doppelt so viel kosten, wie meine Wohnung in Hannover. Doppelt so viel für zehn Quadratmeter mehr. Nur, dass du dann halt in einem hippen Berliner Viertel wohnst und nicht Hannover. Das fand ich schon beeindruckend, dafür, dass man denkt, in Berlin wär’s immer noch günstig. Das ist anscheinend ja schon lange nicht mehr so – zumindest nicht in den Wunschvierteln.

Enrico: Wenn es nur um ein Wunschviertel gehen würde. Es regt mich echt SO SEHR auf, dass da nur am Görli geschaut wurde. Natürlich ist Kreuzberg teuer, aber es gibt auch dort bezahlbare Ecken. Ich habe selber zwei Jahre am Görlitzer Bahnhof gewohnt, also sehr nahe am Park. Wir haben als 3er-WG für 75m² ca. 950€ warm bezahlt. Drei Straßen weiter, vom Trubel weg, hat die selbe Fläche 300€ weniger gekostet! Wir mussten damals aus unserer alten WG raus und hatten nur diese Zusage, sonst hätten wir denen auch lieber den Mittelfinger gezeigt. Aber daran ist sehr gut ersichtlich, dass sich da viel in bestimmten Straßenzügen staut.

Ninia: Mir hat das auch im Bericht gefehlt. Irgendein Vergleich. Und wenn es eben nur ein paar Straßen weiter gewesen wäre. Als Nicht-Berlinerin kann ich da eben nur selbst nach Vergleichen suchen oder Freund_innen fragen.

Enrico: Es ist eben ein sehr merkwürdiges Benehmen vieler Menschen. Mir wurde auch vor wenigen Monaten die Frage gestellt, wieso man denn in Charlottenburg wohne. Sie wohnte in Neukölln – uiuiui, hip und so. Da dachte ich mir auch: Was zur Hölle ist dein Problem? Ich wohne im S-Bahn-Ring, sollte ich mal nach Neukölln wollen, bin ich in einer halben Stunde da, also halt’ die Backen still. Mit was für einer Abfälligkeit da manchmal von Bezirken gesprochen wird, als wären es Menschen, dabei macht es überall der Mix aus. Und der kippt gerade auch in Kreuzberg. Es ist kein Wunder, dass sich diese “Bewegung” Richtung “Kreuzkölln” fortgesetzt hat und sich langsam über Neukölln ergießt bzw. ergießen wird.

Graffiti in Kreuzberg: Kampansage oder Randansage? (Foto: Enrico Seligmann)
Graffiti in Kreuzberg: Kampansage oder Randansage? (Foto: Enrico Seligmann)

Ninia: Und nun die große Frage: Wie geht’s weiter? Wohnen dann bald nur noch kleine Familien mit mittlerem bis sehr gutem Gehalt in diesen Straßen? Bewegen sich alle anderen immer weiter nach außen? So wie in Paris oder London?

Enrico: Wenn es doch wenigstens Familien wären. Aber in solche riesigen Lofts ziehen doch meist eher die großen Single-Egos, so wie auch am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte. Da gab es auch mal einen Bericht über ein Loft-Gebäude und einen Künstler, der da auch weit über 100m² zur Verfügung hatte – schlauchförmige Wohnung – und immer mit dem Rad (!) durch seine Wohnung gefahren ist. Wenige Leute haben zu viel Geld und wissen nicht womit dahin, dort sehe ich eines der Hauptprobleme. Was jedoch eine spannende Entwicklung ist, sind Wohnbauprojekte – aber selbst die sind nur für gut verdienende Familien relevant.

Ninia: Am spannensten finde ich tatsächlich auch die Entwicklung drumherum. Was passiert mit dem Park, mit den Dealern? Können die Neu-Anwohner_innen durchsetzen, dass dort alles immer mehr kontrolliert wird? Gleichzeitig die Senior_innen im Beitrag, die sagen, sie können gar nicht verstehen, dass die Leute es so geil bei ihnen finden, total witzig.

Enrico: Das Ziel ist dort doch vor allem die Verlagerung. Nicht allen Anwohnern geht es um Hilfe für die Flüchtlinge, die dort teilweise dealen, sondern eben darum, dass sie dies bitte nicht vor der eigenen Haustür machen mögen. Und so geht es sicher vielen. Es gab dieses Jahr schon viel mehr und vor allem öfter Kontrollen, wodurch sich die Szene eben verschoben hat, aber eben weiterhin da ist – ebenso wie die Nachfrage! Das sollte nicht vergessen werden.

Ninia: Toll wäre, wenn man aus dieser Kurz-Doku ein Projekt machen würde, das sich über Jahre hinzieht. Einzelne Anwohner_innen lange begleiten und tatsächlich mal schauen, wie sich was entwickelt. Das sind wirklich alles Themen, über die ich ewig quatschen könnte. Auch in Hannover beginnt so eine Entwicklung langsam in einigen Gebieten. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Enrico: Deswegen ist dieses Kurz-Doku so schade, weil sie komplexe Themen nur ankratzt, anstatt eben bspw. über mehrere Jahre oder zumindest Monate mal ein Thema zu verfolgen. Es wäre also schön, wenn das Team an dem Thema dranbleibt und auch mal über den Tellerrand schaut, wie es im Rest der Stadt denn so aussieht. Mir fehlte etwa auch eine Erklärung dafür, wieso die Mietpreisbremse sich so einfach umgehen lässt, weil deren Einhaltung scheinbar kaum bis gar nicht kontrolliert wird.

Ninia: Gute Frage! Hinzu kommt der Tourismus über Airbnb und die Zweckentfremdung von eigentlich nur zum Privatgebrauch gedachtem Wohnraum. Ist ja seit 2014 in Berlin verboten, aber wird das eigentlich kontrolliert? Und wenn ja, wie? Auch das treibt ja die Mietpreise nach oben, weil eben weniger Wohnraum verfügbar ist.

Enrico: Kontrolliert ja, aber wirklich streng … nun ja, davon kann keine Rede sein. Zumindest das wurde in der Doku gut herausgearbeitet. Wir sollten da wohl ebenfalls dranbleiben – wer weiß was dazu alles noch kommt im nächsten Jahr.

Ninia: Dann treffen wir uns bald wieder – zum nächsten virtuellen Kaffee über Mieten, Kaufen, Wohnen, höhö.

 

Fotorechte: Beitragsbild von urbanartcore.eu unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz.

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Sich fühlen in der Stadt http://lesflaneurs.de/2015/12/10/sich-fuehlen-in-der-stadt/ http://lesflaneurs.de/2015/12/10/sich-fuehlen-in-der-stadt/#respond Thu, 10 Dec 2015 08:29:43 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6628 Während sich das öffentliche Leben in Paris langsam wieder normalisiert, bleibt für viele eine diffuse Angst. Eine Angst, die sich auch ohne Terroranschlag entwickeln kann. Gerade Großstädte sind oft unüberschaubar und Grund vieler Aversionen. Wie sicher fühlen sich die Flâneure in ihrer Stadt?

Enrico: Ich bin ein sehr rationaler Mensch. Vor Terroranschlägen Angst zu haben, verbietet schon die reale Wahrscheinlichkeit, davon in Europa betroffen zu sein. Die liegt wohl nahe Null. Dass es schnell anders kommen kann, haben die Anschläge in Paris auf furchterregende Art und Weise gezeigt, aber das ist für mich einfach eine Art Realität, die sich in mein Leben setzen kann, oder eben nicht. Was mich viel mehr stört, ist diese unterschwellige Aggression in Berlin. Ich verstehe, dass die Welt, in der wir leben, eine schlechte ist. Viele Probleme, wenig Lösungen. Aber ich sehe nie jemanden, der sich darüber beschwert und in der S-Bahn gegen TTIP motzt oder wieso wieder Flüchtlingsheime angegriffen wurden. Nein, da fluchen Leute, weil sie gerade die U-Bahn verpasst haben – die nächste kommt in 5 Minuten – oder weil Berlin wieder so furchtbar grau und nass sei. Herrje, grau und eintönig sind vor allem die Menschen in dieser Jahreszeit. Sommer = gut, Winter = schlecht. Ein ewiger Kreislauf, ebenso wie das ständige vor S-Bahn-Türen stehen bleiben, um andere Leute bloß nicht in Ruhe aussteigen zu lassen. Erstmal schön die Schultern zücken und sich durchboxen, so wie durch das Leben, Rocky Alltäglich. Eye of the Öffis. Ups, da ist es passiert! Ich beschwere mich ebenfalls über Kleinigkeiten. Der Unterschied: Es sind menschliche Kleinigkeiten, die ein jeder schnell stoppen könnte – und dazu beitragen, dass das Leben in Berlin an Entspannung gewinnt und somit auch an Sicherheit. Denn diese Dauerfrustration ist nicht gut  – und entlädt sich irgendwann. Immer.

Ninia: Ich bin eine von diesen Dauerfrustrierten. Auch, wenn man mir das oft nicht zutraut. Unterschwellige Aggression gibt es nämlich auch in Hannover. Ich ärgere mich nunmal, wenn die S-Bahn nicht kommt, der Regen meine gerade-noch-super-Locken zur unförmigen Krause auf dem Kopf macht oder ich im Sommer schon schwitze, wenn ich bloß herumstehe. Das ist für mich aber auch absolut ok. Dinge, die nerven, darüber kann man sich ruhig mal aufregen. Deshalb hat hoffentlich niemand Angst vor mir. Angst vor Anschlägen habe ich nicht. Ich hatte sie auch nicht, als auf dem Sofa aufgewacht bin und in den Nachrichten sah, dass nur einen Kilometer entfernt gerade das Stadion geräumt wird wegen der angeblich Drohung beim Spiel der Nationalmannschaft kurz nach den Anschlägen in Paris. Es war eher ein kurioses „Ok, bleib ich Zuhause“-Gefühl. In der Stadt, oder in meiner Stadt, hab ich eher Angst, wenn ich abends allein unterwegs bin. Ich fahre deshalb oft Taxi und bin froh, dass ich mir das inzwischen leisten kann. Erst letztens hatte ich im Bus und danach eine unangenehme Situation und hab mich alles andere als sicher gefühlt. Ich versuche schlecht beleuchtete Wege oder einsame Ecken zu vermeiden und telefoniere entweder mit meiner Mutter oder einer Freundin bis ich in der Wohnung bin. Es weiß auch immer jemand, dass ich gerade unterwegs bin, falls ich dort, wo ich hinwill, nicht ankomme. Das mag paranoid klingen, ist aber nach allem, was ich schon selbst erlebt habe, für mich ein Gefühl der Sicherheit. Diese alltäglichen Dinge sind als Angst also viel präsenter und nicht charaktertypisch für Hannover, sondern typisch für eine patriarchale, von Rape Culture geprägte Gesellschaft.

Katharina: Ich bin mir nicht sicher. Auf der einen Seite kann ich nicht behaupten, frei von Angst zu sein. Überraschenderweise begegnen mir solche unangenehmen Situation, wie Ninia sie beschreibt, immer häufiger in Berliner Stadtteilen, in deren gentrifiziertes Bild es eigentlich nicht passt. Auf der anderen Seite glaube ich daran, dass ich solchen Aggressionen und Brenzlichkeiten mit etwas Vorsicht und etwas gesundem Menschenverstand aus dem Weg gehen kann, ohne in Paranoia zu verfallen. Ich will mich nicht durch eine über allem schwebende Terrorgefahr in meinem Alltag einschränken lassen, soweit lässt mein Verstand es nicht kommen. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass ich Unbehagen empfinde, wenn, so wie letztens, ein Großaufgebot an Polizisten ein Gleis am Alexanderplatz sperrt. Natürlich dreht sich meine Fantasie. Doch mit der Angst kommt der Trotz. Ich gebe mich nicht den Vorurteilen hin.

Nehmen wir uns noch eine Zigarettenlänge Zeit für eine vierte Perspektive aus Hamburg:

 

Bild: Georgie Pauwels – flickr.com, unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

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Paris nach dem 13. November http://lesflaneurs.de/2015/11/23/paris-nach-dem-13-november/ http://lesflaneurs.de/2015/11/23/paris-nach-dem-13-november/#respond Mon, 23 Nov 2015 15:04:48 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6494 Seit einer Woche ist Paris nicht mehr, was es war. Auf den ersten Blick scheint der Alltag zurückgekehrt zu sein. Doch der Schein trügt. Freitagnacht hat vieles verändert.

Ich wohne im Stadtteil Belleville, im Osten von Paris. Freitagabend bin ich mit meinem Besuch aus Deutschland in meinem Bezirk ausgegangen. Wir haben von einem Aussichtspunkt das glitzernde Paris bewundert, wir haben Knalle gehört und sind ahnungslos in die Bar nebenan verschwunden. 129 Menschen wurden in dieser Nacht getötet, mehr als 200 verletzt, teils schwer.

Louvre 15.11.2015
Leerer Platz vor dem Louvre, Foto: Lisa Ksienrzyk

In Belleville tümmeln sich die Pariser nur zwölf Stunden nach dem Attentat bereits wieder auf den Straßen, trinken ihren Kaffee „en terrace“ und sitzen beim Friseur. Viele Geschäfte sind geöffnet, doch je weiter ich in Richtung Innenstadt laufe, desto mehr Gitter finde ich vor den Schaufenstern. „Wir Franzosen sind mutig“, schrieb mir Ronan am Samstag und erzählt mir, dass er wie jedes Wochenende abends in die Kirche gehen wird, um im Gottesdienst Orgel zu spielen. Das Leben muss weitergehen hört man dieser Tage ständig.

In den Bäckereien, Kirchen und Shops hängen seit dem Wochenende Schilder mit einem roten Dreieck. Vigipirate erinnert an die höchste Terrorwarnstufe in Frankreich. Paris ist derzeit voller schwer bewaffneter Polizisten und Soldaten, deren bloße Anwesenheit ein beklemmendes Gefühl hervorruft. Willkürlich filzen sie arabisch aussehende Männer, durchsuchen deren Autos und Koffer. Frankreich ist im Ausnahmezustand. Die Boutiquen auf dem Champs-Élysées waren am Sonntag nicht nur geschlossen, sondern verriegelt und mit Rollläden vom strahlend blauen Himmel und dem zuversichtlichen Treiben auf der Straße abgeschirmt. Sehenswürdigkeiten wie der Louvre oder Notre Dame waren weitläufig abgezäunt und von der Polizei bewacht. Montmartre war am Montag fast menschenleer, nur eine Handvoll Geschäfte hat seine Türen geöffnet. Touristen ließen sich davon trotzdem nicht beirren. Schließlich sind sie nicht in die Stadt der Liebe gekommen, um das Tapetenmuster in ihrem Hotelzimmer zu studieren.

Joie de vivre in schwarzen Zeiten

Dennoch, ich habe das Gefühl, die Pariser sind näher zusammengerückt. Freitagnacht boten zahlreiche Menschen auf Twitter über den Hashtag #PorteOuverte einen Unterschlupf an. Auf dem Place de la République fordert ein Muslim Passanten auf, ihn zu umarmen. Er hat sich die Augen verbunden, neben ihm ein Schild, auf dem er um Vertrauen bittet. Und die Menschen stehen Schlange. Paris ist ein multikultureller Hotspot und niemand sucht die Schuld bei einem seiner Nachbarn.

Auf dem Place de la République versammeln sich seit Samstag täglich Hunderte trauernde Menschen, die Blumen niederlegen, Kerzen anzünden und der Opfern gedenken. Selbst der Regen vertreibt die Franzosen nicht. Auch die Übertragungswagen sind eine Woche nach den Anschlägen nicht abgezogen. Mehrere Male wurde in den vergangenen Tagen eine Station vorübergehend gesperrt, weil verdächtiges Gepäck gefunden wurde. Die Station Oberkampf, die direkt am Bataclan liegt, war tagelang blockiert. Die Franzosen machen weiter, halten an ihrem Joie de vivre fest, werden jedoch ständig von Angst und Paranoia begleitet. Ein Knall löste am Sonntag eine Massenpanik auf dem Place de la République aus. Meine Mitbewohnerin saß zu dieser Zeit zwei Kilometer entfernt in einer Bar. Wie aus dem nichts stürmten zahlreiche Menschen hinein und verschanzten sich hinter den Rollläden vor der möglichen Gefahr auf der Straße. Bis einschließlich Donnerstag wurden sämtliche Veranstaltungen, Demos und Versammlungen verboten. Kein Street-Food-Market, kein Trauermarsch, kein Weihnachtsmarkt. Auf Facebook versichern viele Clubs, dass sie jetzt erst Recht öffnen würden, um dann wenige Stunden später die Veranstaltungen doch wieder abzusagen. Ungewohnt viele Leute versuchen gerade, ihre Konzertkarten für Shows in den kommenden Tagen zu verkaufen.

Paris Anschlag
Blumen und Kerzen vor dem Café Bonne Bière, Foto: Melissa Collett

Meine Universität liegt in Saint Denis. Wegen der Razzia sind am Mittwoch alle Kurse ausgefallen. Meine Freunde im Studentenwohnheim wurden morgens von den Explosionen und Salven geweckt. In den Seminaren und Vorlesungen gibt es am Anfang der Woche mehr leere Stühle als besetzte. In den Kursen, in den Pausen, auf der Bahnfahrt gibt es nur ein Thema. Teilweise scheinen kleine Wettstreite zu entfachen, wessen Freund vom Freund vom Freund Freitagnacht mehr Entsetzen erlebt habe. Benoît ist am Montag in der Uni auf der Toilette zusammengebrochen. Auf einmal haben ihn die Gefühle übermannt und sind aus ihm herausgebrochen. Victoria traut sich nicht mehr, in die Metro zu steigen, und fährt derzeit mit dem Taxi durch Paris. Sie überlegt, ihr Studienjahr in einer anderen französischen Stadt fortzusetzen. Eine Kommilitonin hat sich direkt am Montag am Handgelenk tätowieren lassen: „Your wars, nos morts. Vos guerres, no more.“ Sie habe schon länger darüber nachgedacht, sagt sie.

Die Cafés füllen sich wieder. Ich treffe abends mehr Leute auf der Straße. Es wird wieder gelacht. Ich lache mit, stoße auf Geburtstage an, gehe aus. Dennoch horche ich bei jeder Sirene unruhig auf, mein Herz setzt bei jedem lauten Knall eine Sekunde aus. Der Alltag schleicht sich langsam zurück nach Paris, aber er hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

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Bester Sommer, nie im Leben http://lesflaneurs.de/2015/09/14/bester-sommer-nie-im-leben/ http://lesflaneurs.de/2015/09/14/bester-sommer-nie-im-leben/#respond Mon, 14 Sep 2015 08:20:50 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6184 Irgendwie hatten wir uns das anders vorgestellt. Jetzt, wo die ersten gelbverfärbten Blätter im Wind wehen, die kühle Morgenluft uns Wollpullover aus dem Schrank ziehen lässt und Heißgetränke sich wieder richtig anfühlen, wollten wir auf unsere sonnenverwöhnten Bilder zurückblicken und den #flaneursommer Revue passieren lassen. Wir wollten prahlen und euch neidisch machen. Doch jetzt die Ernüchterung: Der Sommer war ganz furchtbar. Einige Flaneure sagen sogar, es sei der schlimmste Sommer ihres Lebens gewesen. Was ist schief gelaufen? Eine Dokumentation der Enttäuschung.

Foto: Katharina Röben

Der erste Reinfall an der Côte d’Azur: Die einsamen Buchten, die uns versprochen wurden, sind gar nicht einsam. (Foto: Katharina Röben)

 

Foto: Katharina Röben

Auch der Strand von Nizza war sehr enttäuschend: steinig und einer Fleischwurstausstellung gleich. Immerhin ließen sich hier ausgezeichnet die Kunstwerke der plastischen Chirurgie bewundern. Immerhin. (Foto: Katharina Röben)

 

Foto: Katharina Röben

Überall diese Yachten, die jedes Fotomotiv sprengen. Überall Prahlerei und Großkotzigkeit. Ganz furchtbar. Das verdirbt doch jeglichen Appetit auf das leckere französische Essen. (Foto: Katharina Röben)

 

Foto: Katharina Röben

In Cannes haben wir uns dann dem Selbstversuch unterzogen: Ist überhaupt etwas dran, an dieser Bootsgeschichte? Wir können sagen: ein ganz klares „Nein“! Wahnsinnig langweilig und eintönig. Im besten Fall wird man seekrank oder bekommt einen Sonnenstich, mehr nicht. (Foto: Katharina Röben)

 

Ganz schlimm: lange auf den verspäteten Flug zu warten, der einen vom sommerlichen Menorca ins verregnete Hamburg zurück bringt. (Foto: Falk Schreiber)

Ganz schlimm: lange auf den verspäteten Flug zu warten, der einen vom sommerlichen Menorca ins verregnete Hamburg zurück bringt. (Foto: Falk Schreiber)

 

Ebenfalls schlimm: In Manchester hält das Wetter nicht, was man sich von Nordengland verspricht. (Foto: Falk Schreiber)

Ebenfalls schlimm: In Manchester hält das Wetter nicht, was man sich von Nordengland verspricht. (Foto: Falk Schreiber)

 

Whitby, Nordseeküste. Bei Bram Stoker ging hier Dracula an Land. In etwa so hatten wir uns das mit dem Wetter vorgestellt. (Foto: Falk Schreiber)

Whitby, Nordseeküste. Bei Bram Stoker ging hier Dracula an Land. In etwa so hatten wir uns das mit dem Wetter vorgstellt. (Foto: Falk Schreiber)

 

Wer sich von ein bisschen Regen vom Wassersport abhalten lässt, der räubert sich auch kein Kolonialreich zuammen. (Foto: Falk Schreiber)

Wer sich von ein bisschen Regen vom Wassersport abhalten lässt, der räubert sich auch kein Kolonialreich zuammen. (Foto: Falk Schreiber)

 

York ist das Rothenburg ob der Tauber Englands. Mittelalterlich. Total überlaufen. Verregnet. (Foto: Falk Schreiber)

York ist das Rothenburg ob der Tauber Englands. Mittelalterlich. Total überlaufen. Verregnet. (Foto: Falk Schreiber)

 

Ninia Binias

Und dann ist Ljubljana viel schöner als man dachte und man muss wieder viel zu früh gehen. Toll. (Foto: Ninia Binias)

 

Ninia Binias

Jaja, die Wasserfälle in Krka sind schön. Was man nicht sieht: Die Touristenmassen drumherum. Die Hölle. Niemals hinfahren! (Foto: Ninia Binias)

 

Ninia Binias

Es regnet in Dubrovnik. Dies vermittelt mir ein falsches Bild der Stadt, weil viel zu wenig Leute unterwegs sind. Von Kroatien habe ich anderes erwartet. (Foto: Ninia Binias)

 

Ninia Binias

Und dann wirft irgendeine Person ihr Baby genau in meinen Sonnenuntergang! (Foto: Ninia Binias)

 

Der Hamburger Stadtpark wird ja auch grenzenlos überschätzt. Planierraupen welcome! (Foto: Michael Schock)

Der Hamburger Stadtpark wird ja auch grenzenlos überschätzt. Planierraupen welcome! (Foto: Michael Schock)

 

"Uuuuh, hi Leute, hi auf#m MS Dockville, voll malerisch jo!" SHUT UP! (Foto: Michael Schock)

„Uuuuh, hi Leute, hi auf’m MS Dockville, voll malerisch jo!“ SHUT UP! (Foto: Michael Schock)

 

"Sommer" in Hamburg. """""Sommer""""". (Foto: Michael Schock)

„Sommer“ in Hamburg. „““““Sommer“““““. (Foto: Michael Schock)

 

Warum so viele Paare im Rosengarten des Planten un Blomen Hochzeitsfotos machen? Bilder mit Blumen drauf brennen nach der Scheidung besser! (Foto: Michael Schock)

Warum so viele Paare im Rosengarten des Planten un Blomen Hochzeitsfotos machen? Bilder mit Blumen drauf brennen nach der Scheidung besser! (Foto: Michael Schock)

 

Haha, Berlin ist so niedlich, wenn es versucht, malerisch zu sein, dabei trotzdem suckt. (Foto: Michael Schock)

Haha, Berlin ist so niedlich, wenn es versucht, malerisch zu sein – dabei trotzdem Donkeyballs suckt. (Foto: Michael Schock)

 

Alte Menschen versuchen krampfhaft, trotz Blachen hip zu bleiben. A Summ's what? My Summer's Ass! (Foto: Michael Schock)

Alte Menschen versuchen krampfhaft, trotz ihrer Blachen hip zu bleiben. A Summ’s what? My Summer’s Ass! (Foto: Michael Schock)

 

Endlich wird es Nacht ... im Dunkeln muss man das Moin-Moin-Elend wenigstens nicht sehen. (Foto: Michael Schock)

Endlich wird es Nacht … im Dunkeln muss man das Moin-Moin-Elend wenigstens nicht sehen. (Foto: Michael Schock)

 

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Eine halbe Stunde musste ich auf den Perhentians in FlipFlops schwitzend durch den Dschungel laufen und bin knapp der Attacke einer gigantomanischen Ameise entgangen, um ein bisschen klares Wasser zu sehen. (Foto: Kathrin Kaufmann)

 

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Da war der Blick direkt vom Hüttenbalkon auf der kleinen Fischerinsel auf jeden Fall bequemer zu haben. Aber der Monsun verwandelte alles in eine einzige graublaue Brühe. So ruhig war es da, dass man Angst hatte, man wäre der letzte verbliebene Mensch auf Erden. (Foto:  Kathrin Kaufmann)

 

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Beim Aufstieg zum größten buddhistischen Tempel Malaysias hat man den Tränen in den Augen – ob aus Andacht, vom strömenden Schweiß oder dem Smog, in dem das Ding versinkt, man weiß es nicht. (Foto:  Kathrin Kaufmann)

 

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Und überall Social-Media-Süchtige! Nicht ein Sonnenuntergangsbild kann man machen, ohne dass jemand seinen Selfie-Stick ins Bild hält. (Foto: Kathrin Kaufmann)

 

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In Chinatown in Singapur dreht sich alles nur um Geld und Profit. Winkewinke … (Foto: Kathrin Kaufmann)

 

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Da gönnen wir uns einmal ein schöneres Hotel, und dann ist es ein Betonklotz. (Foto: Kathrin Kaufmann)

 

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Na SUPER! Ein Loch mitten in den Bäumen! Das macht das Foto total beliebig. (Foto: Enrico Seligmann)

 

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Tja, in irgendeiner versmogten Megametropole wären solche Tiere schon ausgerottet. In Hamburg photobomben sie sich die ganze Zeit ins Bild. Fühlt sich wie vierte Welt an. (Foto: Enrico Seligmann)

 

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Mehr Sichtbarkeit für tolle Frauen: roleUP! braucht eure Hilfe http://lesflaneurs.de/2015/06/30/mehr-sichtbarkeit-fuer-tolle-frauen-roleup-braucht-eure-hilfe/ http://lesflaneurs.de/2015/06/30/mehr-sichtbarkeit-fuer-tolle-frauen-roleup-braucht-eure-hilfe/#respond Tue, 30 Jun 2015 19:49:28 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6062

Dieses tolle Videoportrait unserer Flaneurin Ninia wäre nie entstanden, hätten nicht viele da draußen das erste Crowdfunding des Projektes roleUP! unterstützt. Hinter roleUP! stehen Susanne und Frauke, ein Duo aus einer Filmemacherin und einer Journalistin. Gemeinsam gehen sie auf die Suche nach besonderen Frauen, die wir als Vorbilder entdecken dürfen. Auf unterschiedliche Weise, mal lauter, mal leiser erzählen die beiden von Menschen, die ihren ganz speziellen Weg gehen und ihren Geschichten. Diese Geschichten sollen wiederum andere motivieren und zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen. Ein wenig Mut machen, den eigenen Weg zu verfolgen, auch wenn er vielleicht Angst macht.

Damit Susanne und Frauke weitermachen können und ein paar mehr Frauen zu Sichtbarkeit verhelfen, brauchen sie nun wieder unsere Unterstützung. Die zweite Etappe des Crowdfunding für die nächsten Folgen läuft – und das nur noch zwei Wochen lang.

Macht dieses tolle Projekt möglich und finanziert es über Nordstarter mit!

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