Kunst – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Mon, 27 Jun 2016 07:37:53 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.3 Das Ende ist nah http://lesflaneurs.de/2016/06/27/das-ende-ist-nah/ http://lesflaneurs.de/2016/06/27/das-ende-ist-nah/#respond Mon, 27 Jun 2016 07:33:28 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7540 Endzeitstimmung auf und hinter der Bühne: Herbert Fritsch inszeniert die „Apokalypse“. Im Hintergrund rebellieren die Mitarbeiter gegen den neuen Intendanten Chris Dercon. Eine Kurzkritik zur letzten Premiere an der Volksbühne.

Es sind bewegte Zeiten. Mit dem Ende der Spielzeit steht für die Berliner Volksbühne ein Intendatenwechsel an. Die Stimmung ist längst gekippt, viele befürchten eine Entwurzelung, Verfälschung und Kommerzialisierung des Hauses, ganz zu schweigen vom Ende der Ära, die mit der Ablösung Castorfs einhergeht. Moritz von Uslar beschreibt den nahenden Systemwechsel, Jan Küveler fühlt treffend der „Angst vor einer neoliberalen Seifenbalsenfabrik“ nach. Längst haben die Mitarbeiter selbst ihr Unbehagen in einem offenen Brief ausgedrückt – Endzeitstimmung an der Volksbühne.

Kein großer Zufall also, dass sich Fritsch in seiner wahrscheinlich letzten Premiere am Haus ausgerechnet dem Weltuntergang, dem finalsten aller Enden, zuwendet. Die Textfassung geht auf die Offenbarung des Johannes zurück, „unverändert und ungekürzt nach der Übersetzung Martin Luthers“ versteht sich. Den 90-minütigen Textmarathon, der zuvor bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen Premiere feierte, durchläuft Wolfram Koch im schreiend gelben Anzug mit viel Spielkraft und Ausdauer und Elisabeth Zumpe, der fleißigen Flüsterin an seiner Seite, die den Geschwindigkeitspegel oben hält. Auch in diesem Stück zelebriert Fritsch die Körperlichkeit, der Text geht hinter dem Zittern und Zetern Kochs verloren, löst sich auf in körperlichen Klang, in großes Getöse.

Niemand fliegt so schön

Die riesige Bühne, von der Fritsch liebevoll als „schönste Bühne der Welt“ schwärmt, lässt er leer. Da ist nur ein großer gelber Abgrund. Der Raum wird erfüllt vom großartigen Spiel Kochs, von seinem Stolzieren, von den Erdbeben, die durch seinen Körper gehen, und von den Klängen Ingo Günthers, der verzerrte elektronisierte Orgelklänge zaubert. Die Schwere des Textes, die Anstrengung die zwischen den Worten liegt, wird für kurze Momente vergessen, wenn beispielsweise eine gigantische Treppe vom Himmel herab schwebt, um sich schließlich passgenau in der Bühne zu versenken. Auch Koch geht in die Luft: Niemand fliegt so unbeschreiblich schön wie Wolfram Koch!

Der biblische Spagat über dem gelben Abgrund bedarf einiger Ausdauer. Am Ende applaudiert Koch scheinbar auch uns, dass wir durchgehalten haben. Es ist kein leichter Fritsch-Abend. Doch niemand hat behauptet, dass ein Weltuntergang leicht sein würde.

Nächste Vorstellungen von „Apokalypse“ an der Berliner Volksbühne am 28. Juni und 12. Juli.

 

Fotorechte: Volksbühne Berlin © sebaso. Unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz.

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Unterwegs zum Feel Festival 2016 http://lesflaneurs.de/2016/06/24/unterwegs-zum-feel-festival-2016/ http://lesflaneurs.de/2016/06/24/unterwegs-zum-feel-festival-2016/#respond Fri, 24 Jun 2016 08:36:39 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7522 Ab dem dritten Mal ist etwas Tradition, so sagt man und damit reiht sich in diesem Sommer auch das Feel Festival in meinen Ritualkatalog ein. Neben exzessivem Märchenschauen zu Weihnachten und der Caipirinha-Überdosis auf dem Kreuzberger MyFest nun das erste Festival. Und das Beste: Seit dem letzten Jahr wird am Bergheider See gefeiert, gut 100 Kilometer südlich von Berlin, in meiner Heimat. Ich bin im Dorf nebenan aufgewachsen, kenne den Baggersee als er noch keiner war und beobachte mit Erstaunen wie meine alte Einöde nun einmal im Jahr zur neuen Partyhochburg wird.

Das Feel Festival ist noch jung und feiert in dieser Saison erst sein viertes Bestehen. Die ersten zwei Jahre wurde noch in gemütlichem Ambiente am Berliner Stadtrand geravt. An mein erstes Mal kann ich mich noch ganz genau erinnern: Ein liebevoll dekoriertes Wäldchen, gute Musik, dann Unwetter und plötzlich wurden wir Weltmeister. Ein Jahr später noch mehr Bühnen, aus dem Dorftümpel wurde ein See und die Besucherzahl hat sich verdreifacht. Die Förderbrücke F60 aus alten Tagebauzeiten erinnert stark an die Eisenstadt Ferropolis und wacht als mächtiger Stahlkoloss über das Gelände. Und in diesem Jahr soll das Festival noch größer werden. Das absolute Highlight ist die Westernstadt, die die Veranstalter neu als Floor nutzen wollen. Im vergangenen Jahr hat Hollywood dort den Western-Thriller „Brimstone“ gedreht und die Kulisse stehen lassen. Nun soll der Saloon als eine von 16 Bühnen dienen.

Top Secret Line-Up

Das Line-Up für das diesjährige Feel Festival wird erst vor Ort bekannt gegeben, es bleibt also bis zum Schluss spannend. In den letzten Jahren sind Musiker und DJs wie AnnenMayKantereit und Teesy sowie Dirty Doering und Wankelmut aufgetreten. Die Geheimniskrämerei zieht, denn das Festival ist trotzdem ausverkauft. Die Großstädter pilgern nicht unbedingt der Musik wegen in die brandenburgische Provinz, sondern wegen der Location, der Atmosphäre, dem Drumherum. Workshops, Kino und Zirkusvorführungen füllen den Tag, man möchte das Feel Festival fast als kleine Fusion bezeichnen. Berliner Hipster belagern dann vom 7. bis 11. Juli das 500-Seelen-Dörfchen, fahren in meinem alten Schulbus vom Bahnhof zum Gelände und verwundern mit ihrer hippiesken Erscheinung die Einwohner. Ich habe mich im letzten Jahr auf dem Gelände, aber auch in der anreisenden Techno-Menge zuhause gefühlt, den fremden Festivalbesuchern fast schon überlegen.

Ob ich dieses Mal wieder zelte oder gleich komplett den Luxus einer Dusche und eines Frühstücks nutze, weiß ich noch nicht. In jedem Fall werde ich mich über die Invasion der Großstädter amüsieren. Und vielleicht mal zu Mutti Kaffee trinken gehen.

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Primavera Sound 2016 Barcelona | Sigur Rós, Sonne und Sponsoren http://lesflaneurs.de/2016/06/10/primavera-sound-2016-barcelona-sigur-ros-sonne-und-sponsoren/ http://lesflaneurs.de/2016/06/10/primavera-sound-2016-barcelona-sigur-ros-sonne-und-sponsoren/#respond Fri, 10 Jun 2016 08:14:21 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7490 Traumhafte Sonnenuntergänge über dem Parc del Fòrum, massenhaftes Menschenpingpong zwischen den Hauptbühnen, feierwütige Fiesta-People: Nachdem sich die Eindrücke vom Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona nun einige Tage setzen konnten, trafen sich Michael und Enrico wieder, um ihren verschiedenen Eindrücken nachzuspüren.

Sicht von einer der Hauptbühnen des Primavera Sound Festivals 2016 im Parc del Fòrum. Foto: Eric Pamies
Sicht von einer der Hauptbühnen des Primavera Sound Festivals 2016 im Parc del Fòrum. Foto: Eric Pamies

E: Puh, ich bin ja immer noch sehr beeindruckt – von Barcelona. Das Festival wurde da glatt zur Randerscheinung.

M: Oha, hat’s dir denn nicht gefallen?

E: Mir haben viele kleine Einzelmomente gefallen, etwa als ich am Meer saß während du bei PJ Harvey warst und ich nach den ersten herüberwehenden Klängen schon wusste, wieso du dort unbedingt hinwolltest und unweigerlich schmunzeln musste – nur um dir eine halbe Stunde später zu folgen. Aber das Festival als Ganzes, nein, keinen Eindruck.

M: Krass. Mir hat es sehr gefallen. Es war ein wenig wie ein “würdevolles Indiefestival”, das mit großen Namen aufwartet, ohne direkt ein typisches deutsches Massenevent zu werden. Mir gefiel zum Beispiel der Parc del Fòrum sehr von der Aufteilung, dass dort in den verschiedenen Winkeln und Ebenen am Meer so viele Bühnen Platz fanden. Nur, dass es im Grunde eine langgezogene Betonwüste ist, war etwas schade. Mehr Grün!

Am Eingang des Primavera-Geländes: Dachkonstrunktion mit vielen Solarzellen im Parc del Fòrum. Foto: Dani Canto
Am Eingang des Primavera-Geländes: Dachkonstrunktion mit vielen Solarzellen im Parc del Fòrum. Foto: Dani Canto

E: Die Bühnen haben sie wirklich gut untergebracht und für ordentliche Laufwege gesorgt, sodass sich selten der Verkehr staute. Mich hat die Betonfläche nicht gestört, vor allem da es immer mal Alternativrouten am Wasser entlang gab, ebenso wie die faszinierende Dachkonstruktion, die auch auf den Bildern zu sehen ist. Rein von der Besucherzahl her und was einem geboten wurde, war es einem “typischen deutschen Massenevent” doch aber sehr ähnlich – oder wo siehst du hier die feinen Unterschiede?

M: Der feine Unterschied ist etwa, dass eine Band wie Explosions In The Sky zur besten Zeit auf einer der Hauptbühnen spielen durfte, oder auch Daughter. Dazu Beirut, PJ Harvey, Sigur Rós, das sind einfach große Indienamen, die in der Zusammensetzung auf keinem deutschen Festival passieren würden. Dazu die Highlights spät nachts noch mal (für die ich immer zu groggy war), das war einfach nett, ein Indie-Best-of. Auch das Konzept mit den zwei gegenüberliegenden Hauptbühnen fand ich toll. Während eine umgebaut wurde, fing zehn Minuten später direkt gegenüber schon das nächste Konzert an. Publikumspingpong quasi, irgendwie cool.

E: Ich habe mir am Flughafen die dem Pressematerial beigelegte Musikzeitschrift “Loud & Quiet” durchgelesen, in der sehr viele Werbeanzeigen anderer Festivals stehen. Klar taucht das Line-up des Primavera so nirgendwo noch einmal auf, aber fast alle Bands spielen auf mehreren anderen Festivals diesen Sommer, teilweise auch auf den selben. Sonst könntest du ja jedem Festival eine besondere Stellung zusprechen, nur weil das exakt selbe Line-up nicht zweimal auftaucht. Ich mochte die Zusammenstellung, ich mochte auch viele der Konzerte, aber es gab keinen Wow-Effekt. Bei dir echt?

Explosions In The Sky live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
Explosions In The Sky live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies

M: Nun, dass für mich eine geballte Ladung absoluter Lieblingsbands spielte, tut da seinen Teil dazu. Das sind Bands, die ich seit bis zu 15 Jahren verfolge und die einfach zu großen Namen geworden sind. Also ja, es gab eine Menge Wow-Effekte für mich. Beirut habe ich schon einige Jahre nicht mehr live gesehen und fand das Set hervorragend, mit einigem EP-Material dabei. Radiohead live zu sehen, ist inzwischen auch nicht mehr so einfach, und ihr Set war einfach grandios – nur leider waren die (sehr sehr schönen) neuen Songs nicht Festival-geeignet, oder eher das Publikum nicht geeignet dafür. Es wurde so viel gelabert und sich durch die Reihen gequetscht, das hat es mir fast versaut, zumal hier die einzige Soundkritik des Festivals griff: Radiohead kamen einfach zu leise aus den Boxen. Aber als dann alle, einfach alle komplett “Karma Police” mitsangen, das war ein großer, großartiger Moment.

Radiohead live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
Radiohead live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies

E: “I lost myself, I lost myseeeeelf!” Ja, das bekam ich von weiter hinten mit und wurde etwas milder in meinem (Vor)Urteil über das Publikum. Denn es wurde wirklich sehr, sehr viel gelabert, was in krassem Kontrast zu dem vermeintlichen Genießen des Songs steht. Als neben mir eine Spanierin während des Auftritts von Sigur Rós einen Song lang durchquatschte, nur um sich am Ende glücklich zur Bühne zu drehen und zu rufen “Rewind, rewind!”, da dachte ich mir nur: Wie kannst du auch nur überhaupt irgendwas mitbekommen haben? Einem Song seinen Raum geben hat ja nix mit Multitasking zu tun, das ist nix was man nebenbei mal machen kann. Dementsprechend habe ich für solche Leute echt kein Verständnis. Aber so ist das Primavera eben auch Event-Festival.

M: Stimmt, selten habe ich so viele Frauen mit Zigaretten wedelnd und Handys in der Hand herumfuchteln und dabei nöhlen und den Helikopter machen sehen. Da kommt vielleicht der ‚grumpy old man‘ in mir durch, aber dieses spanische Temperament passt gut zu Partys und Fiestas, aber nicht so sehr zu Musikfestivals mit Acts, die das Zuhören gebieten. Ein Spanier, mit dem ich sprach, hat das auch nicht verstanden, als ich sagte, dass ich schon zum Festival gehe, um die Musik zu hören, und nicht um mich lautstark zu unterhalten und Selfies zu machen. Er fand mich dann “boring”. Ich mag in dem Fall boring und merkte, wie deutsch ich bin, offensichtlich nicht als Transnationalist geboren. Ich mag Rücksicht und Höflichkeit, auch wenn es mal eng und chaotisch wird.

Intensive Show: Die U.S. Girls live beim Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona. Foto: Dani Canto
Intensive Show: Die U.S. Girls live beim Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona. Foto: Dani Canto

E: So ähnlich ist es bei großen deutschen Festivals nun ja leider auch. Vielleicht liegt es aber auch speziell an den Festivals die in trendigen Städten wie Barcelona oder Berlin stattfinden. Ich frage mich manchmal, ob es an der Größe liegt, ob alles besser wäre, wenn es kleiner wäre. Weniger Bands, kleinere Fläche, im besten Fall auch weniger Sponsoring. Denn wie sagte es Meghan Remy von den U.S. Girls so schön bei ihrem Auftritt auf der *Schuhmarke*-Bühne? “You twitter their name and they don’t give you shit.” Nicht, dass Schuhe in die Runde werfen die Lösung wäre, aber sie spricht da schon einen Punkt an, den auch ich fragwürdig finde. Die großen Festivals werden alle immer gleicher, weil sie sich immer gleicher gestalten beziehungsweise gestalten müssen durch Sponsorenkraft. Kurz gesagt: Mich würde da mehr Transparenz freuen: Geht es da nur um möglichst hohen Profit oder ist solch ein Festival ohne fette Sponsorennamen überall nicht mehr zu stemmen?

M: Na ich weiß nicht, “trendige Städte”, was soll das sein, finde ich ein weirdes Argument. Sowohl beim Berlin Festival als auch beim Iceland Airwaves in ‚Trendhochburg‘ Reykjavík haben die Leute wesentlich aufmerksamer zugehört. Aber klar, du hast immer die besoffene Briten dazwischen – das lässt sich kaum leugnen, die fallen immer raus – und sonstige Deppen, die sich selbst feiern wollen anstatt die Musik. Das mit den Bühnen ist mir aber auch negativ aufgefallen. Dass die Bühnen nun *Biermarke*-, *Sonnenbrillen*- oder *Massenmodeausstatter*-Bühne heißen mussten, nun ja, ziemlich doof. An Einnahmen sollte es ihnen nicht gemangelt haben, waren doch wohl insgesamt 165.000 Leute da, rund 55.000 pro Tag, die mehr als 200 Euro Eintritt gezahlt haben. Manche sogar bedeutend mehr für eines der “VIP-Tickets”. Das fiel mir besonders negativ auf: Vor PJ Harvey und Brian Wilson hatten sie einen riesigen Bereich links direkt vor der Bühne zur “VIP-Area” gemacht, was nicht nur mir, sondern vielen negativ aufstieß. Aber davon ab war PJ Harvey mein absolutes Highlight. Die pompöse Show, das großartige Set, das Feuerwerk irgendwo in der Ferne am Strand bei „To Bring You My Love“, hach. Wer gefiel dir denn nun am besten?

Die Königin des Primavera Sound: PJ Harvey! Foto: Eric Pamies
Die Königin des Primavera Sound: PJ Harvey! Foto: Eric Pamies

E: Obwohl ich den größten Teil nur aus der Ferne gehört habe, stimme ich dir da gerne zu. PJ Harvey war überraschend opulent, temporeich und mit einer ganz eigenen Majestätik ausgestattet. Schön war zudem das italienische Grüppchen Sycamore Age, das auf einer der kleineren Bühnen rumpligen und ebenso launigen Folk-Rock-Pop spielte. Und meine Liebe für die U.S. Girls soll hier nicht unerwähnt bleiben – schade, dass sie noch ohne Band touren. Oha, und die Altherren von Tortoise nicht vergessen! Sie gelten nicht zu Unrecht als Mitbegründer des Post-Rocks und spielten ihr Set mit einer erstaunlichen Ruhe und Gelassenheit. Rein von den Bands her gab es echt nichts zu meckern, meine Kritik am Primavera bezieht sich da voll auf’s Umfeld, auf die Gigantonomie im Hintergrund. Du würdest also wieder hinfliegen?

M: Ich hatte einfach diese Momente, die wirklich perfekt waren. Etwa, als die Sonne unterging bei Daughter, die ich nicht mal sehr mag, aber wie alles wirkte und sich die würfelartigen Gebäude neben dem Fòrum in Orange tränkten. Dann der perfekte Platz bei PJ Harvey vorne, ohne Laberleute drumrum, und ein so grandioses kraftvolles Set, bei dem sie zwar leider nicht selbst zur Gitarre griff, dafür aber stimmlich besser klang als je zuvor. Und auch bei Sigur Rós hatte ich viele Momente, in denen ich mich ganz in die Musik fallen lassen konnte. Massenfestivals sind und werden nicht meins, aber ich habe dank dieser großartigen Minuten einfach tolle Erinnerungen. Und noch ein Lob: Die Akustik der Bühnen war echt nahezu perfekt, und zwar jeder, groß oder klein, egal ob man nah dran stand oder weit weg, das war ein Genuss!

Beirut live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
Beirut live beim Primavera Sound 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies

E: Das war wirklich ein riesiges Plus. Ich erinnere mich an die vielen Probleme beim Berlin Festival in Sachen Akustik und auch von anderen Festivals hört man selten sehr viel Gutes über den Sound, außer dass er ordentlich wummste. Hier stimmte alles – weshalb mich PJ Harvey aus mehreren hundert Metern Entfernung in den Bann ziehen konnte. Ich gehe also mit guten und schlechten Gedanken aus dem Primavera Sound raus.

M: Lass uns Noten geben, ich mag das immer! Also: Sound: 1, Line-up: 2+, Publikum 4-, Organisation: 2, Atmosphäre: 2.

E: Okay, bei mir sieht es so aus: Sound: 1, Line-Up: 2, Publikum: 4, Organisation: 2-, Atmosphäre: 3.

M: Na schau, so weit liegen wir ja doch nicht auseinander! Also sind wir quasi einer Meinung: Primavera Sound kann man sich auf alle Fälle mal geben. Oder?

E:  Wenn einem das Line-up wirklich -sehr- zusagen sollte, dann ja. Ansonsten empfehle ich lieber einen intensiveren Aufenthalt in Barcelona selbst. Aber dazu an anderer Stelle mehr. Es waren schöne Tage!

In den nächsten Tagen folgen noch Berichte von Michael und Enrico aus der katalanischen Metropole.

Sicht von einer der Hauptbühnen zur anderen gegenüber beim Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
Sicht von einer der Hauptbühnen zur anderen gegenüber beim Primavera Sound Festival 2016 in Barcelona. Foto: Eric Pamies
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Rap trifft Lyrik trifft Roman. Kate Tempest lädt zur Lesung. http://lesflaneurs.de/2016/06/06/rap-trifft-lyrik-trifft-roman-kate-tempest-laed-zur-lesung/ http://lesflaneurs.de/2016/06/06/rap-trifft-lyrik-trifft-roman-kate-tempest-laed-zur-lesung/#respond Mon, 06 Jun 2016 08:51:00 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7474 Kate Tempest gab letzten Dienstag eine Lesung aus ihrem Debutroman „Worauf du dich verlassen kannst“. Ein Buch, das man sich dringend zulegen sollte.

Kate Tempest hat ihren erstem Roman geschrieben und der ist nun frisch ins Deutsche übersetzt beim Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen. Zusammen mit der Musikerin Sophie Hunger im Gespräch mit der Übersetzerin Katy Derbyshire stellte sie in Berlin ihr neues Werk vor.

Die Luft im Lido steht. Es ist ausverkauft, man sitzt auf dem Boden, am Bühnenrand, an der Bar, viele stehen zusammengedrängt hinter den Stuhlreihen. Schummriges rotes Licht, drei samtbezogene Sessel auf der Bühne. Die drei Damen Hunger, Derbyshire und Tempest betreten die Bühne, es bricht spontan tosender Applaus aus. Kate bekundet ihre Liebe zu Berlin und erklärt, wie verrückt es ist, die eigenen Texte in einer fremden Sprache zu hören. „This is a fucking big deal.“ Sophie Hunger liest mit weicher Stimme eine erste Textpassage bevor die Übersetzerin Katy Derbyshire Kate einige Fragen zum Entstehungsprozess stellt.

Und sie vereint so kunstvoll die Bühnenperformerin und Schriftsteller, dass eine Lesung immer auch ein Konzert, immer auch eine Lecture Performance ist. Tempest schreibt über eine sinnsuchende Generation, Drogen, Gewalt, die Straße. Und zieht gleichzeitig mit viel epischer Wucht (und ohne Kitsch) Parallelen zu griechischer Mythologie, Philosophie, Shakespeare und dem Großen Ganzen.

Kate wird gebeten, den Epilog auf Englisch zu lesen. Sie nimmt das Mikro vom Ständer, legt das Buch zur Seite und trägt nach einem kurzen William-Blake-Einschub im Sprechgesang frei das ganze erste Kapitel vor.

„Their days were spent staring at things. The pain of seeing a person turn into a shadow.“

Die Bühne brennt wenn diese Frau ein Mikro in die Hand nimmt. Ich habe selten jemanden so furchtlos, so herzzerreißend einen Text vortragen gesehen. Zwischendurch ein eiserner Blick ins Publikum. Sophie Hunger beschreibt sie zurecht als eine Mischung aus epischer Priesterin und Straßengangster. Und beim nächsten Wimpernschlag wirft Tempest nach einem „Fuck“ noch einen charmanten Witz hinterher, bevor sie sich wieder hinsetzt und auf Katy Derbyshires nächste Frage wartet.

Nun muss man sagen, dass Tempest nach einer 15-jährigen Bühnenkarriere als preisgekrönte Rapperin, Poetin und Dramatikerin keinesfalls eine Newcomerin in der internationalen Literaturszene ist. Nach zwei Gedichtbänden („Everything speaks in its own way“, 2012 und „Hold your own“, 2013), drei Theaterstücken und einem Album auf ihrer Werkliste, lässt sich erkennen, wie vielseitig und innovativ sie mit den Genres und Medien jongliert. 2015 ging sie mit ihrem Album „Everybody down“ (2014) und der Band The Sound of Rum auf Welt-Tournee, spielte auf dem Glastonbury Festival, dem SXSW und dem Sydney Festival. Ihr drittes Theaterstück „Brand New Ancients“ wurde nach einer erfolgreichen Inszenierung 2013 am Londoner Battersea Arts Center mit dem Ted-Hughes-Preis ausgezeichnet und sie als Autorin damit zur ersten Preisträgerin unter 40.

Ihr Debutroman legt nun die Lupe auf Geschichten und Charaktere aus ihrem Konzeptalbum „Everybody down“, Tempest beschreibt es als „companion piece“. Es verortet sich wie viele ihrer Texte im Stadteil South East London, in dem sie selbst groß geworden ist und immer noch lebt. So gräbt sich „Worauf du dich verlassen kannst“ (im Enlg. „The Bricks that Built the Houses“) tiefer in die Leben, Tragödien und Geschichten der Protagonisten Leon, Harry und Becky, die in Songs wie „The Heist“ und „The Truth“ dem großen Glück und der großen Liebe in der Metropole nachjagen. „Tempest nimmt uns mit in die Häuser und Herzen der kleinen Leute“, heißt es auf dem Bucheinband. Und dabei geht es um so viel mehr als „kleine Leute“. Die große Stärke von Tempests Texten liegt vor Allem in ihrer Universalität und der ergreifenden Ehrlichkeit, mit der sie erzählt.

Eine interessante Entwicklung, auf die Kate Tempest bei jeder Lesung und in jedem Interview angesprochen wird: aus der männlichen Hauptfigur Harry wird in „Worauf du dich verlassen kannst“ die zierliche Frau Harry. Im dritten Entwurf des Romans änderte Tempest zunächst nur als Experiment die Pronomen, dann schrieb sie die Figur komplett zur weiblichen Drogendealerin in einem männerdominierten Metier um. (Hier stelle ich kurz fest, dass autocorrect zwar das Wort Drogendealer, aber nicht Drogendealerin erkennt). „Harry makes more sense as a girl. She’s a tribute to many woman I’ve met“, sagt sie und ist sich dessen sehr bewusst, dass es zeitgenössischer Literatur an coolen, nicht genderkonformen Figuren fehle. Als Nebeneffekt dieser Änderung, wurde Tempest auch sensibel für Stereotypen, die sich bei anderen Figuren eingeschlichen hatten. Mitten im Arbeitsprozess fiel ihr im Gegensetz zur komplexen Figur Harry schmerzlich auf, wie Becky als typisches weibliches Accessoire in der Geschichte dastand. Und hier entwickelt der Roman für mich seine Stärke: die Figuren handeln als ganze Menschen in einer greifbaren Realität. Haben Träume, Vergangenheiten und Schwächen.

„The pictures in your head are yours alone.“

Im Gespräch geht es dann auch um den Unterschied zwischen Musik und Literatur. Das Musikmachen und Bücherschreiben reichen für sie an grundverschiedenen Zeitpunkten dem Zuschauer die Hand. Die Musik ist fertig, wenn sie gehört wird, aufgenommen, abgemischt, abgeschlossen. Ein Buch beginnt erst mit den Lesern, die Bilder von Orten und Gesichtern geben die Leser dazu. Trotzdem ist Kates Beziehung zur Musik schon immer eine wortbasierte gewesen. Die Idee ein Album und ein Buch zu produzieren, lagen für sie schon seit den ersten Sätzen nah bei einander. Nach fünf Jahren Arbeit an der Story um die Londoner aus „Worauf du dich verlassen kannst“ sei für Kate Tempest dieses Thema nun abgeschlossen. Zwar tourt sie mit dem Material natürlich noch, aber schließt einen Film erst einmal aus. Die Liveauftritte und Gespräche mit dem Publikum sind sowieso das, worum es ihr am meisten geht. Fragen erbittet Tempest am Schluss mit den Worten: „Anyway, this is your therapy session, not mine. Don’t be shy.“

 

Weitere Lesungen und Konzerte von Kate Tempest findet ihr hier. Außerdem wurden kürzlich Auftritte auf dem Glastonbury Festival und dem Iceland Airwaves Festival bestätigt.

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Der Meta-Meta-Superstar | Father John Misty live in Berlin http://lesflaneurs.de/2016/05/18/der-meta-meta-superstar-father-john-misty-live-in-berlin/ http://lesflaneurs.de/2016/05/18/der-meta-meta-superstar-father-john-misty-live-in-berlin/#respond Wed, 18 May 2016 08:02:42 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7467 Wir haben ihn provoziert, wir haben ihn bekommen, den einzigen Superstar, den unser Zeitgeist zulässt, just kidding. Josh Tillman trommelte bis 2012 bei den Fleet Foxes, machte unter seinem echten Namen so ein paar Sachen, dann irgendwann ein sehr gutes, aber nicht überragendes Album, unter dem Alter Ego Father John Misty. „Fear Fun“ war das, auf dem er Songwriterfolk spielte, alles nichts Spektakuläres, kommt zu Hauf vor. Aber irgendwann zwischen 2012 und 2015 passierte etwas, eine Wandlung vollzog sich und Tillman wuchs in Misty hinein, machte ihn zur Showpersona, die natürlich totally er selbst ist, no kidding. Fortan sollte man nichts mehr zu ernst nehmen, was der Mann in Interviews sagte oder tat, oder zumindest musste man immer fragen: Ist das jetzt wieder ironisch gemeint oder was ist los?

Ja, irgendwie ist er das US-Musikerpendant zu unserem geliebten und gehassten Satiriker Jan Böhmermann: ein hagerer Nerd, der gerne gehasst und vergöttert wird, aber am allerliebsten nichts davon, man ist ja auf einer Mission. Das hätte fatal nach hinten losgehen können, aber letztes Jahr kam sein zweites FJM-Werk, „I Love You, Honeybear“, und Tillman manifestierte sich in dem besten Album, das 2015 hervorbringen sollte. Der Folk rückte in den Hintergrund, mit voller Band und oft Orchester ließ Misty ein Füllhorn herzzerreißender Melodien über uns herein brechen, zitierte musikalisch die 50er, irritierte mit banalen Samples eines lachenden Publikums das gesamte Feuilleton und, das ist das Wichtigste, schrieb Texte, die man sich ausnahmslos irgendwohin tätowieren möchte, oder auf Flugblättern verteilen muss, like, hier nimm, whatever. Lieblingsthemen: Perversion, seine junge Ehe mit Emma Tillman, Weltuntergang, Szenen eines Lebens als alternder Niemand auf Medikamenten, der keinen mehr hochkriegt, ach, alles so überspitzt, dass einfach jede einzelne Zeile wahr sein muss, gerade weil das so keiner glauben wird. Düster? Nichts davon, wie denn auch, in so verzückende Neoromantiksongs gehüllt?

Gleichzeitig mutierte er auch auf der Bühne zum übertriebenen Hipster 3000, immer den schlangenartigen Körper in Anzüge gehüllt, nicht edel, eben hobochique, stolziert er wie ein dave-gahanscher Gockel jeden Schritt, lässt sich in gymnastischer Perfektion zusammensacken wie Marilyn Manson zu seinen schlanken Zeiten Anfang der 90er, schmeißt die Arme durch die Gegend wie der verlorene Bruder Nick Caves. Von Miley Cyrus über Nirvana bis hin zu Nine Inch Nails‘ „Closer“ covert er alles und jeden, nimmt regelmäßig Fake-Werbespots für fragwürdige Produkte auf, schmeißt in Lana-Del-Rey-Videos LSD – und beteuert immer wieder: Hey, das ist keine Show, das ist mein Leben, alles völlig ernst gemeint, also, halt, Father John Misty. Gottlob steckt dahinter aber auch eine strenge Arbeitsmoral, denn Tillman weiß, dass er auf der Höhe seines Hypes ist und tourt derweil ohne Pause durch die ganze Welt, in meist ausverkauften Clubs. Das meint er dann doch ernst, bei aller Meta-meta-mega-Melancholia.

Der feiste Father (Küsschen an unsere eingene Metaikone und sein #verafake) kommt am 25. Mai noch einmal ins Astra Kulturhaus nach Berlin. Seid dabei und lasst uns ihn uns gemeinsam lallend lobpreisen, wir haben auch zwei Karten für euch – man verdient ja nichts. Schickt uns bis Sonntag, 23.59 Uhr, eine E-Mail an [email protected] mit dem Betreff „Oh Father John!“ und em Namen, unter dem euch FJM zum Sektempfang begrüßen (vielleicht, eher nein) und auf die Gästeliste setzen soll. Viel Glück, ganz ernst gemeint!

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Unter spanischer Sonne: Auf dem Weg zum Primavera Sound Festival 2016 http://lesflaneurs.de/2016/05/17/unter-spanischer-sonne-auf-dem-weg-zum-primavera-sound-festival-2016/ http://lesflaneurs.de/2016/05/17/unter-spanischer-sonne-auf-dem-weg-zum-primavera-sound-festival-2016/#respond Tue, 17 May 2016 10:07:38 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7447 Ein Festival, das tatsächlich fast nur aus Highlights besteht. Eine Stadt, die vor Prachtbauten und Flair strotzt. Ein Abenteuer für zwei Weißbrote aus Hamburg und Berlin, die sonst eher nördliche Gefilde des Planeten bereisen – Michael und Enrico sind ab dem 1. Juni beim Primavera Sound Festival in Barcelona unterwegs. Die Erwartungen? Hoch, sehr hoch.

 

Michael: Das wird mein erstes Mal Barcelona, verdammt, sogar mein erstes Mal Spanien! Und ich Eumel hatte Französisch in der Schule. Hola, man sagt hola, oder? Muss da noch ein Akzent irgendwo hin? Egal, es wird schon klappen. Seit gefühlten Äonen schwärmen mir Freunde und Bekannte von Barcelona vor, ich kenne niemanden, der die Stadt nicht absolut schön, entzückend, toll fand. Ich erwarte ein Paradies, na gut, zumindest eine sehr schöne Stadt und Bewohner mit einer wahrscheinlich recht fremder Mentalität. Ein wenig fürchte ich mich vor der Wärme, hoffentlich nicht Hitze, und hoffe, dass sie uns nicht so zusetzen wird, dass wir abends noch vor den Festivalhighlights kapitulieren müssen. Aber die Sommertemperaturen hierzulande bereiten uns derzeit schon gut vor. Ich hoffe auf einen Moment, in dem wir in einem kleinen Café sitzen, Eis schlecken vor historisch bombastischer Kulisse und dann einen lauen Tag genießen, bevor wir exzellente Konzerte hören. Im Grunde erwarte ich also nicht viel, tatsächlich aber alles: das süße, leichte Leben unter der Sonne Spaniens.

Und dann das Lineup des Festival, damn. Radiohead haben mich, wie auch den nicht kleinen Rest der ihnen noch zugeneigten Musikhörerwelt, mit einem wunderbar melancholischen und geerdeten neuen Album überrascht. Lange hatte ich die emotionale Verbindung zu ihnen verloren, fand ich doch schon „In Rainbows“ (2007) nur durchwachsen und „King Of Limbs“ (2011) einen Beinahetotalausfall. Aber in seiner unaufgeregten, schön komponierten und subtilen Klangwelt hat mich „A Moon Shaped Pool“ mehr als versöhnt. Zuletzt sah ich sie 2003 in Hamburg live, ein fantastisches Konzert – jetzt bin ich mehr als gespannt, wie die Alt.-Rock-Altmeister 13 Jahre später klingen.

Die emotionale Verbindung zu Sigur Rós habe ich dagegen nie ganz verloren, sind die doch früher, rund 2000 bis 2006, sowas wie mein spirit animal gewesen, meine Religion, eine der Bands, die ich mit am öftesten live gesehen habe. Zuletzt in Dresden, 2013, wenn ich mich recht entsinne, zum großartigen Album „Kveikur“ aus demselben Jahr. Nun präsentieren die Isländer neues Material – schon mal toll –, das Besondere: in geschrumpfter Trioformation, ohne Streicher, Bläser oder sonstige Unterstützung. Wie die Breitwandepen in so minimalistischer Aufstellung funktionieren sollen, da bin ich höchst gespannt.

Barcelona. Foto: Claudia Mohring

Dann sind da zudem einige Bands und Künstler, die ich live immer verpasst habe. Etwa die exaltierte Sängerin/Songschreiberin Baby Dee, die von atonalen zu fast klerikalen Arrangements am Klavier wechselt und in manchmal bellendem Japsen und Jaulen zergeht. Auf Platte ist mir das oft zu viel, aber Livemitschnitte auf YouTube lassen doch Wundervolles erwarten. Oder Animal Collective, die ich im Februar in New York City erwischen wollte, aber keine Chance – restlos ausverkauft. Ihr weird-sonniger, überladener Psychedelic-Pop mit bunter Bühnenshow könnte eines der Highlights werden, sind sie doch eine wie für Festivals gemachte Band. Und verdammt, wer passt besser in die wahrscheinlichen tropischen Temperaturen als Beirut. Der ehemalige Balkansound Zach Condons wich zuletzt einem minimalistischeren Klang mit mehr Elektrofritzeleien, aber immer noch sehnsüchtig schwelgerischen Melodien im Rucksack. Ja, bitte.

Und wie schlagen sich wohl Explosions in the Sky inzwischen, nun da sie in ihrem instrumentalen Post-Rock die Epik ebenfalls zugunsten ausgefeilterer Synthisounds runtergefahren haben? Das könnte nach hinten losgehen, aber ich hatte bisher jedes Mal meinen Lieblingssong von ihnen live gehört, „Greet Death“, wenn sie also eines oder zwei solcher alten Kaliber auffahren, wird alles gut. Das wird es auch bei der Königin, PJ Harvey. Mein Problem mit ihrem neuen Album beschrieb Tom Breihan von Stereogum unglaublich treffend, in kurz: die Heldin des britischen Dramarocks versucht sich als Krisenreporterin und beschreibt in den Songtexten auf „The Hope Six Demolition Project“ (vermeintlich?) objektiv krisengebeutelte Städte und Landschaften sowie deren Bewohner. Das gefällt mir inhaltlich oft nicht, wirkt beizeiten von oben herab, und musikalisch ist das Werk eine schwächere Wiederholung des grandiosen Vorgängers „Let England Shake“. Hm. Aber, die beiden gesehenen Konzerte der von mir dennoch innig verehrten Frau sind ganz oben in der Rangliste der für mich besten, deshalb bin ich guter Dinge. Das wird alles großartig. Und falls nicht, lästern wir brühwarm in unserem Rückblick, keine Sorge.

Barcelona. Foto: Claudia Mohring
Barcelona. Foto: Claudia Mohring

 

Enrico: Das erste Mal Barcelona! Bisher versuchte ich einen Bogen um die Stadt zu machen, wie um so viele Städte, die dauerbereist und überlaufen werden. Doch darin steckte auch immer eine gewisse Arroganz, zu denken, dass ALLE Besucher und Besucherinnen an demselben Ort herumhängen und die Stadt verstopfen und „kaputt“ machen. Aber besuche ich nicht ebenso bestimmte, immer wieder empfohlene Sehenswürdigkeiten? Ist manches nicht einfach schön für alle, ein Konsens der Schönheit quasi? Der Besuch des Primavera Sound Festivals ist somit auch ein Versuch, der eigenen unbegründeten Arroganz ein Schnippchen zu schlagen und diese Stadt am Meer, mit der faszinierenden Architektur und den liebevollen Parks, einfach mal zu entdecken und zu genießen – mit all den anderen Menschen.

An Sigur Rós gibt es einfach kein Vorbeikommen. So sehr ich – teilweise – mit ihrem Stilwechsel hadere, so sehr weiß ich auch um das Erlebnis eines Konzerts der sphärischen Isländer. Die Ruhe, die sie ausstrahlen, während sie Schicht um Schicht an Sound aufeinanderlegen und in einem Finale Grande münden lassen. Laut und leise, gut und böse, alles so verdichtet und von einer schwer zu beschreibenden Schönheit zusammengehalten. Nun zu dritt, in klein auf großer Bühne – es wird spannend!

Falls ihr im Netz in irgendwelchen Foren mal jemanden mit dem Benutzernamen „Avalanche“ seht – das könnte ich sein. Für mich ist Avalanche eines der schönsten geschriebenen Wörter. Ähnlich schön ist die quirlige (an dieser Stelle muss das Wort mal sein) Musik, aus der sich das Werk von The Avalanches speist. Tonfetzen, Plattenkratzer, viel Soul, viel Bewegung, viel Mut, eine wahre Wundertüte ist ihr 2000er Werk „Since I Left You“. Ich bin gespannt, was sie nun auf die Bühne bringen. Aber wenn ich meinen Speck schütteln werde, dann wohl hierzu.

Darüber hinaus stimme ich Michael bei Baby Dee zu – da kann ich überhaupt nicht einschätzen wie die Musik live rüber kommt. Umso wichtiger, sich den Auftritt nicht entgehen zu lassen. Den elektronischen Sektor werden bei mir Evian Christ, Moderat und Hudson Mohawke abdecken. Drei nicht zu Unrecht bekannte Namen. Der Rest klingt bisher sehr fad, aber ich kann mit chilligem House und dieser ganzen Kopfnick-Mucke einfach nix anfangen. Ich mag tempovollen modernen Punk mit weiblichem Gesang/Geschrei, deshalb muss ich Downtown Boys einen Besuch abstatten. Die U.S. Girls haben mich mit ihrem „Island Song“ schon komplett für sich gewonnen und ihre 2015er Platte „Half Free“ ist so derbe gut produziert, das können sie live niemals so gut wiederholen. Ich werde trotzdem hoffend, mit ’nem Wassereis in der Hand, vor der Bühne stehen.

Das Primavera ist ausverkauft, aber kommt doch virtuell mit uns mit, auf instagram und Twitter werden wir für euch berichten.

Vielen Dank an Claudia Mohring und Susanne Helmer für die schönen Fotos. Schaut unbedingt mal auf Susannes feinem Reiseblog fluegge-blog.de vorbei.

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http://lesflaneurs.de/2016/05/17/unter-spanischer-sonne-auf-dem-weg-zum-primavera-sound-festival-2016/feed/ 0
Sieben Sätze | Angela Aux über München http://lesflaneurs.de/2016/04/20/sieben-saetze-angela-aux-ueber-muenchen/ http://lesflaneurs.de/2016/04/20/sieben-saetze-angela-aux-ueber-muenchen/#respond Wed, 20 Apr 2016 09:44:22 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7384 „Natürlich ist München eine seltsame Stadt. Aber wenn man sie als Bühne begreift, ist sie an vielen Stellen durchaus unterhaltsam. Ihre sozialen Stereotypen sind sehr ausformuliert. Banker sehen aus wie Banker, Studenten wie Studenten, Polizisten wie Polizisten – und sie geben viel Anlass zur Vermutung, dass sie ihre Stereotypen auch gedanklich sehr treu auf Linie fahren. Eine derart offenkundige Haupt-Gesellschaft lädt natürlich zur Abgrenzung ein. So entstehen viele tolle Inseln im Untergrund. Die sind es wirklich Wert hier zu leben.“


Angela Aux. Foto: Sophie Wanninger
Angela Aux. Foto: Sophie Wanninger

Auf den Pfaden der großen Singer/Songwriter der 70er-Jahre wandelt Angela Aux, alias Florian Kreier, Sänger der Band Aloa Input. Vom offensichtlichen und leicht ironischen Genderbending abgesehen, spielt er klassische Folksongs mit Akustikgitarre und gelegentlichen Streichern und Drummachine. Am 13. Mai erscheint sein Album „Wrap Your Troubles In Dreams“ auf Millaphon Records.

 

 

Angela Aux live:
24.04.2016 – Frankfurt, Sikks
30.04.2016 – Dettenhofen, FuHa
18.05.2016 – München Kammerspiele

 

In unserer Serie “Sieben Sätze” erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!

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Die Lücke zum Sommer schließen: Remmidemmi in Berlin http://lesflaneurs.de/2016/04/18/die-luecke-zum-sommer-schliessen-remmidemmi-in-berlin/ http://lesflaneurs.de/2016/04/18/die-luecke-zum-sommer-schliessen-remmidemmi-in-berlin/#respond Mon, 18 Apr 2016 11:47:17 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7367

Kommenden Samstag ist es soweit – es wird geremmidemmit im Glashaus! Ob auch mit Porzellan geworfen wird, wird sich zeigen. Fest steht aber, dass mit Kat Frankie, Milliarden, Kadebostany, Marc O´Reilly, FINS, Raglans und NEWMEN haufenweise spannende Mucke laufen wird, in die ihr bequem per Spotiyplaylist reinlauschen könnt. Wir haben derweil mit den Veranstaltern von Handshake Booking ein paar Worte über’s Festival gewechselt:

 

Was hat euch dazu bewogen, keine regelmäßige Konzertreihe, sondern ein richtiges Festival aus eurer Idee zu machen?
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass bei einer Konzertreihe mit 2-3 Bands am Abend nicht unbedingt mehr Leute kommen als bei einem Einzelkonzert des jeweiligen Headliners selbst. Uns geht es aber vorrangig um Potential, dass für jüngere Bands in einem solchen Umfeld entstehen kann. Bei einer Konzertreihe hast du nicht die Möglichkeiten den Newcomern ein Publikum in der Größe zu bieten und darum soll es beim REMMI DEMMI Festival gehen. Gute Musik abseits vom Mainstream einem breiteren Publikum vorzustellen. Wir bei Handshake Booking betreuen selbst ja einige Bands im Aufbaustadium und merken daher wie schwer es ist, die Leute zu den Konzerten unbekannterer Acts zu locken. Wenn es nach uns geht soll Berlin nun eine Plattform mehr haben für die es sich lohnt ein Ticket zu kaufen um neue, talentierte Acts zu entdecken.

 

Ihr wollt besonders die jungen Künstler der Hauptstadt stärken – habt ihr das Gefühl, dass diese es in einer Stadt wie Berlin – mit Dutzenden Konzerten jeden Abend – besonders schwer haben oder gibt es doch einen gewissen Lokalpatriotismus?
Jüngere Bands haben es schon schwer sich hier zu behaupten. In unserem Auster Club sehen wir das tagtäglich. Da steht dann eine Band auf der Bühne von der du noch nie gehört hast und dir fällt schon beim ersten Song die Kinnlade runter, weil diese Underdogs so dermaßen gut spielen. Trotzdem stehen im Club nur 30 Zuschauer, inkl. der Gästeliste der Band, weil gleichzeitig im Lido, dem C-Club und der Mercedes Benz Arena Bands auftreten, die täglich 20 Mal im Radio gespielt werden. Leicht ist es hier in Berlin also wirklich nicht auf sich ausmerksam zu machen.

 

Wie kam es dazu, dass das Festival – da von flux.fm präsentiert – nicht auch im Fluxbau stattfindet?
Bei der Auswahl der Venue war die Wahl für das Glashaus ziemlich schnell klar. Der Ort ist wunderschön mit seinem Blick auf die Spree und wenn wir Glück haben und das Wetter mitspielt, können unsere Gäste sogar im Sand des Badeschiffs abhängen. Festivalfeeling im April, wo ist das sonst möglich! Ausschlaggebend war aber tatsächlich der technische Aspekt und die Möglichkeit auf 2 Bühnen zu spielen, da passt im Glashaus perfekt.

 

Clubfestivals sind, als Kontrast zu den immer mehr werdenden Wald-und-Wiesen-Festivals, immer weiter im Kommen. Was macht für euch den Reiz aus?
Für mich schließen Clubfestivals einfach die Lücke zum Sommer. Wir sind ja immer im April und im November, da ist noch nicht so viel mit Open Air. Mit etwas Glück ist die April-Ausgabe schon mit viel Sonne gesegnet und wir finden die Hälfte unserer Besucher zwischen den Sets im Strand des Badeschiffs wieder. Die können nach dem Abend dann auch einfach in 15 Minuten mit dem Fahrrad oder dem Bus nachhause fahren, ein Aspekt den man sich bei manch anderem Festivalabend ja auch wünscht.

 

Remmi Demmi, remmi demmi – seht ihr euch als reines Feierfestival oder wie kam es zum Namen, der in Deutschland ja vor allem im Zusammenhang mit Deichkind bekannt ist?
Das Feiern wird hoffentlich nicht zu kurz kommen, aber ehrlich gesagt geht es bei uns tatsächlich um die Musik und um tolle Entdeckungen. Der Name hat sich letztendlich auch aus der Partnerschaft mit unserem Schwester-Festival ergeben. Wir kooperieren ab November ja mit dem Ramba Zamba Festival in Hamburg, deren Indoor-Festival immer am jeweiligen Freitag vor unserem Abend hier in Berlin stattfindet. Wir wollten also einen Namen der passt, gleichzeitig aber auch vermittelt, dass wir alles etwas anders machen. REMMI DEMMI eben.

 

Wenn ihr euch eine Zusammenarbeit zwischen zwei der Festivalbands aussuchen könntet, wer sollte eurer Meinung nach unbedingt mal etwas zusammen machen?
Kat Frankie und Marc O’Reilly wäre meiner Meinung nach eine Mega-Kombi! Der Powersound von Marc mit dem unglaublich guten Songwriting von Kat, fesselnder geht es glaube ich kaum!

 

Das Remmi Demmi Festival findet am 23.4. im Glashaus an der Arena statt. Tickets könnt ihr weiterhin hier ordern.

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Neu in Berlin: das REMMI DEMMI Festival http://lesflaneurs.de/2016/04/11/neu-in-berlin-das-remmi-demmi-festival/ http://lesflaneurs.de/2016/04/11/neu-in-berlin-das-remmi-demmi-festival/#respond Mon, 11 Apr 2016 10:22:45 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7305 Letzte Woche war es soweit – den Menschen wurden die Frühlingsgefühle entlockt! Die Cafés stellen nun ihre Tische ins Freie, die Straßen werden voller, ja die Stadt selbst füllt sich wieder mehr und das große Leben kehrt zurück. Und mit den Temperaturen steigt in Berlin die Zahl der Open-Airs & Festivals. Wer aber nicht bis zum Sommer warten will und vor allem mehr als nur die übliche Beschallung mit Elektromucke will, der sollte sich den 23. April vormerken. Dann findet im Glashaus zum ersten Mal das REMMI DEMMI Festival statt. Auf zwei Bühnen werdet ihr an diesem Abend einer Mischung aus nationalen und internationalen Künstlern lauschen können. Mit dabei sind:

Doch was wäre ein Festival ohne Feiern bis zum Morgengrauen? Deswegen gibt’s danach noch KARAOKE MIT CHERRY-O-KIE, es wird also laut, lang und bunt – mit Tendenz zu pink. Wenn ihr reinhören wollt, gönnt euch doch die vollgepackte Spotify-Playlist oder schaut den Festival-Trailer:

Natürlich könntet ihr euch im nächsten Ticketshop direkt Karten für schmale 20€ sichern – doch vorher könnt ihr natürlich auch euer Glück bei unserem Gewinnspiel versuchen. Dank Handshake Booking verlosen wir einmal zwei Tickets für das REMMI DEMMI Festival! Dafür müsst ihr uns nur bis zum 15.4. eine Mail mit dem Betreff „Remmidemmi“ an [email protected] schicken und der Antwort auf die Frage, auf wen ihr euch an diesem Abend am meisten freut. Wir melden uns dann umgehend bei dem Gewinner/der Gewinnerin. Viel Glück!

Fotorechte: FINS (Marco Senschke), Milliarden (Vitali Gelwich), Kat Frankie (Carola Schmidt), Marc O’Reilly (Roger Woolman)

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#instagram – auf drei Bilder mit Parisian floors http://lesflaneurs.de/2016/04/08/instagram-auf-drei-bilder-mit-parisian-floors/ http://lesflaneurs.de/2016/04/08/instagram-auf-drei-bilder-mit-parisian-floors/#respond Fri, 08 Apr 2016 09:59:12 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7297 Selbstverliebte Selfies, haufenweise Hashtags und das Streben nach Likes – Instagram kann mehr als nur oberflächliche Selbstdarstellung. Wir stellen euch in unserer Reihe „#instagram – auf drei Bilder mit…“ besondere Perspektiven auf die Bildersammlungsplattform vor. Heute mit Parisian floors.

 

Der Hashtag #fromwhereistand ist ein unendliches Fotoalbum von fremden Füßen, die irgendwo in der Weltgeschichte stehen. Hunderte dieser Bilder zeigen ein Paar edle Männerschuhe auf aufwendigen Pariser Mosaikböden. Der deutsche Fotograf Sebastian Erras hat auf Instagram mit seinen Parisian floors eine neue Perspektive auf die französische Hauptstadt geschaffen. Täglich veröffentlicht er ein Foto von einem der zahlreichen Pariser Fliesenböden. Seine hochwertigen Lederschuhe am unteren Rand der Bilder sind dabei zum Markenzeichen der Parisian floors geworden.

Im Mai letztens Jahres hat Sebastian seinen ersten Boden auf Instagram geteilt. Nun warten täglich 75.000 Menschen weltweit auf ein neues Pariser Mosaik. Inspiriert wurde der junge Interior-Fotograf durch die filigrane Mosaiktechnik im Bahia-Palast in Marrakesch. Sebastian lebt zwar schon seit fünf Jahren abwechselnd in Paris und Deutschland, aber nach diesem Marokko-Trip seien ihm die ausgefallenen Böden in den Pariser Cafés und Hauseingängen überhaupt erst richtig aufgefallen. Die Idee für Parisian floors war geboren. Über einige Mosaikböden laufen die Franzosen schon seit über hundert Jahren, so Sebastian. „Aber niemandem war wirklich klar, dass es in der ganzen Stadt so eine Auswahl an verschiedenen Böden gibt.“ In Bistros und Cafés sind abstrakte Fliesenböden noch dazu zum Trend geworden.

Wenn Sebastian auf Entdeckertour geht, hat er immer mehrere Paar Schuhe im Rucksack. Einige Marken sind mittlerweile auf ihn aufmerksam geworden und versorgen ihn mit edlen Tretern. Je nach Muster und Farbe des Bodens fotografiert er das Mosaik dann mit verschiedenen Schuhen. „Um den künstlerischen Effekt zu erhöhen“, wie er sagt. „Die Schuhe sind schließlich das einzige persönliche und variierbare Element in den Bildern.“ In einem Bistro wurde er neulich beim Fotografieren sogar aufgrund seiner blauen Lederschuhe von der Besitzerin erkannt.

Wenn das Wetter mitspielt, nimmt der junge Deutsche sich einen Tag Zeit und spaziert durch die französische Hauptstadt – immer mit gesenktem Kopf. Wenn er in einem Hauseingang ein besonders schönes Mosaik sieht, wartet er gern auch mal 20 Minuten vor der Tür, bis ihn zufällig jemand hineinlässt. Ab und an schicken ihm Leute sogar die Codes von ihren Hauseingängen oder Bars laden ihn zum Fotografieren ein. Dann sucht sich Sebastian einen guten Fleck vor einem Fenster oder der Tür, damit das Licht stimmt und nach einer Minute ist er wieder verschwunden. Filter seien nicht sein Ding, meint der junge Deutsche. Er versucht alle Fotos so natürlich wie möglich zu lassen.

Manche Muster lassen verschiedene Variationen zu und sind mehrmals bei Parisian floors vertreten. Sebastian fotografiert diese Böden dann aus verschiedenen Winkeln oder kommt mit einem anderen Paar Schuhe zurück. Sein Lieblingsmosaik liegt vor dem Eingang zum Luxushotel Regina unweit des Louvre. Dort auf dem Boden winden sich Blumenranken um eine Krone rundherum. Die Parisian floors sind bunt und zeigen eine gewisse Symmetrie, was auf Instagram sehr gut ankäme, so Sebastian. Dass die Mosaikböden auch noch in Paris fotografiert werden, eine der meistbesuchtesten Städte der Welt, steigert die Popularität noch mehr. „Ich weiß nicht, ob ich den gleichen Erfolg gehabt hätte, wenn ich ein ähnliches Projekt in Berlin gestartet hätte“, resümiert der junge Fotograf.

Sebastian gibt zu jedem Foto auf Instagram an, wo er den Boden fotografiert hat, damit seine Follower ihre eigene Stadttour machen können. Die beliebtesten Böden haben ein überlappendes Kreismuster, sind überwiegend blau. Warum gerade diese Mosaike auf der Fotoplattform so beliebt sind, kann sich der Fotograf nicht erklären. „Wenn ich solche Böden poste, kann ich garantieren, dass ich über 5.000 Likes bekomme.“ Immer wenn er die App auf seinem Handy öffnet, um mir ein bestimmtes Bild zu zeigen,  leuchten vielzählige neue Herzen in seiner Aktivitätenliste auf. Sebastian zeigt mir auf einer anderen Website Statistiken über seine Follower und Likes. Der Großteil seiner Follower stammt aus den USA und Brasilien, gefolgt von Frankreich auf Platz drei. Solche Zahlen spornen ihn an. „Das liegt vielleicht ein bisschen an der deutsche Mentalität: Gut organisiert sein und alles verfolgen“, gibt Sebastian lachend zu.

Sein Ziel ist aber nicht eine bestimmte Anzahl an Beiträgen oder Followern zu erreichen, sondern ganz Paris abzuklappern und Böden in jedem Arrondissement zu fotografieren. „Ich glaube, alle werde ich aber nie schaffen.“ Bis zum Sommer möchte er die Parisian floors auf Instagram noch weiterführen und dann am liebsten ein Coffee Table Book herausbringen und als Abschluss eine interaktive Ausstellung in Paris eröffnen. Bis dahin kundschaftet er andere europäische Städte und ihre Mosaikböden aus.

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