Alltag du Sau – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Fri, 10 Jun 2016 08:14:21 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.2 Alltag du Sau (12): Wir sind egal http://lesflaneurs.de/2015/06/24/alltag-du-sau-12-wir-sind-egal/ http://lesflaneurs.de/2015/06/24/alltag-du-sau-12-wir-sind-egal/#respond Wed, 24 Jun 2015 14:08:58 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6034 Konstengünstiger: Einfach einen Teller mit Konterfei verschicken.
Konstengünstiger Ersatz: Einfach einen Teller mit Konterfei verschicken. Grußbotschaft auf die Rückseite!

Wir sind Queensland! So titelte es heute morgen die Bild-Zeitung, nachdem gestern Abend Queen Mum mit dem Flieger in Berlin landete und im Adlon eincheckte. Gut, von der Bild-Zeitung war eh kein anderer Titel zu erwarten, die waren auch schon Papst, Deutschland und so weiter. Spart Arbeitskräfte! Jedoch sendet solch ein Titel ein völlig falsches Signal, denn die Staatsoberhäupter dieser Welt sollten vor allem folgendes lernen: Die Menschen interessieren sich einen Scheiß für euch!

Ständig werden in Berlin aus Angst Gully-Deckel zugeschweißt, Scharfschützen platziert, tausende Absperrgitter aufgestellt oder – wie heute – korrekt angeschlossene Fahrräder einfach mal gnadenlos entfernt, nur weil die Queen die Technische Universität in Berlin besucht. All dieser Aufwand – 800 Polizisten werden während des mehrtägigen Besuchs im Einsatz sein – wofür? Für die Paranoia einiger weniger, die meinen, sie wären besonders wichtig.

Ein paar Leute mögen immer noch geil werden beim Gedanken an Monarchie und im Sprühregen mit gezücktem Smartphone vor dem Adlon ausharren, selbst Renate Künast von den Grünen blickt verträumt in Richtung Polizeikonvoi, nur weil sich ein Teil des Königshauses für ökologische Belange interessiert. Doch dem Rest, dem großen Rest, geht der Besuch schlicht am Arsch vorbei. Die Queen besucht heute das Schloss Bellevue, schippert mit einem Boot über die Spree, winkt vor der TU und gönnt sich später wieder ’ne feine Haxe im Schloss und schon ist der Tag ‚rum – die Besuche sind von vornherein so strikt geplant, das möglichst kein Kontakt mit der Bevölkerung entsteht. Eh alles Terroristen. Mit Rohrbomben im Fahrradrahmen und so. Die paar Kontakte mit Schulklassen sind so strikt und unangenehm geordnet geplant, dass sie jedem denkenden Menschen peinlich sein müssten. Aber Hauptsache ein paar schöne Fotos für die Zeitung. Alles eine große Show, eine teure und lästige Show.

Zurecht werden die Stimmen lauter, die fragen, wessen Steuergelder und in welcher Höhe da eigentlich verschleudert werden, nur damit eine alte Dame ihre Touri-Tour durchführen kann, ohne dem Pöbel begegnen zu müssen. Dem normalen Betrachter wird nie vermittelt, was da hinter verschlossenen Türen eigentlich besprochen, verhandelt oder gekichert wird – ein paar Infofetzen für die Presse, geheuchelte Menschlichkeit („Sie hat doch glatt die Haxe mit den Fingern gegessen, wie ein normaler Mensch! Und Nachtisch wollte sie auch!“), das war’s. Alle anderen sollen diese Tage gefälligst einfach ertragen und brav mit der Sturmhaube vom Straßenrand winken , wenn der Konvoi vorüberzieht und die Autoreifen einem den Regen ins Gesicht spritzen. Ein Spritzer Monarchie, geil.

Es mehren sich übrigens die Gerüchte, dass die Queen später noch zur Fusion will. Das wäre schön – auf der Fusion eine Fusion mit dem Volk, welches normalerweise so begierig auf Abstand gehalten wird. Das wäre mal ein Zeichen! Na los Queen Mum, lass‘ uns mit ’nem Sterni anstoßen! Was, doch gleich den Trichter? Na dann!

Foto: rooreynolds – flickr.com, unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

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Alltag du Sau (11): Helene Fischer http://lesflaneurs.de/2015/06/07/alltag-du-sau-11-helene-fischer/ http://lesflaneurs.de/2015/06/07/alltag-du-sau-11-helene-fischer/#respond Sun, 07 Jun 2015 08:46:18 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5959 Sie kommen! Helene-Fuscher-Fans in Hamburg. (Foto: Falk Schreiber)
Sie kommen! Helene-Fischer-Fans in Hamburg. (Foto: Falk Schreiber)

Ein beruflicher Termin lockt mich in ein Refugee-Erstaufnahmelager, zwischen süßlich stinkender Müllverbrennungsanlage, Autobahn und dem Fußballstadion des schon wieder nicht abgestiegenen HSV, in dem heute Helene Fischer das ausverkaufte zweite ihrer Hamburger Konzerte spielt. Helene Fischer, die mich überhaupt nicht interessiert, zu der ich kein Verhältnis habe. Unzählige Fischer-Fans wandern mit mir durchs Gewerbegebiet, ich auf der Suche nach der euphemistisch „Durchreiselager“ genannten Einrichtung, die Fans auf der Suche nach dem Stadion. Es sind Menschen aller Altersstufen, trutschig daherkommende Frauen mit gottergebenen Männern an der Hand, klar, das hatten wir erwartet. Aber parallel auch Jungsgruppen. Einzelne Frauen. Halbwegs coole Mütter mit halbwegs coolen Töchtern. Aufgebrezelte Frauen, viele High Heels, viele Tattoos, man kann nicht sagen, dass das hier vor allem Muttchenästhetik ist. Die Mehrzahl des Publikums wirkt deutsch, aber immer mal wieder hört man fremde Sprachen, bisschen russisch, bisschen türkisch. Das ist hier nicht so homogen, wie ich es erwartet habe.

Im Tunnel unter der S-Bahn verteilen zwei Mitglieder der Helene-Fischer-Ultras Flyer, Einladungen zur „Großen Schlagerparty“. Die meisten Fans nehmen einen und werfen ihn praktisch mit derselben Handbewegung wieder weg: Der Tunnelboden ist bedeckt von einer Flyer-Papiermatsch-Schicht. Später ist der Weg gesäumt von Buden, es gibt Schwenkgrills mit verbrannten Steaks, es gibt Dosenbier, es gibt unzählige Boxen, aus denen ohne Unterlass Helene Fischer dröhnt, Atemlos durch die Nacht.

Weswegen lassen sich diese Menschen darauf ein? Weswegen lassen sie sich abspeisen mit Billigfutter, Billigalk, Billigmusik, weswegen zahlen sie ab 70 Euro für ein Konzert, wo sie für deutlich weniger Geld viel bessere Musik bekämen? Die Menschen hier wirken vielleicht nicht alle wie Nobelpreisträger, aber sie wirken auch nicht doof, die müssen doch kapieren, wie sie hier abgezockt werden?

Aber sie holen sich noch ein Bier, sie grölen noch einmal mit, atemlos, atemlos. Sie kapieren schon, was mit ihnen gemacht wird, aber sie freuen sich, weil sie meinen angewiderten Blick sehen. Sie haben alle Texte gelesen, in denen das Feuilleton sich über Helene Fischer ausgelassen hat, sie wissen um die Analysen, nach denen das schlechtes, irrsinnig schlechtes Entertainment ist, und sie zahlen trotzdem dafür. Weil sie das Feuilleton hassen, und wenn das Feuilleton schreibt, dass etwas schlecht sei, dann finden sie es extra gut. Wir sind gescheitert, wir hätten das ganz anders angehen müssen, wir hätten schreiben müssen „Helene Fischer, ganz großartig!“, dann hätte es vielleicht funktioniert, und die Leute hätten den Kram nicht mehr gehört, aber, naja, so wichtig war es uns dann auch nicht. Selbst schuld, Feuilleton. Ich biege nach links ab, zum Camp, die Masse zieht weiter zum Stadion, sie singen, sie grölen.

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Alltag, du Sau (10): Reptilien http://lesflaneurs.de/2015/02/12/alltag-du-sau-10-reptilien/ http://lesflaneurs.de/2015/02/12/alltag-du-sau-10-reptilien/#respond Thu, 12 Feb 2015 08:36:20 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5305 Man weiß ja nicht, was so ein Gecko denkt. (Foto: Falk Schreiber)
Man weiß ja nicht, was so ein Gecko denkt. (Foto: Falk Schreiber)

Im Einkaufszentrum sind Reptilien ausgestellt. In kleinen Vitrinen hängen Geckos, Schlangen, Chamäleons rum, zwinkern mal, züngeln mal, langweilen sich. Ein Einkaufszentrum ist nicht die natürliche Umgebung für Reptilien, andererseits, man weiß ja nicht, was so ein Gecko denkt, was er fühlt, was ihm gefällt. Was ihm anscheinend nicht gefällt: wenn man an die Scheibe klopft. Zumindest steht das Dick auf den Vitrinen, „Bitte nicht an die Scheiben klopfen“, und tatsächlich werden Kinder, die natürlich klopfen, ermahnt, von Passanten, von Eltern, sogar von anderen Kindern. In Hamburg-Ottensen funktioniert die soziale Kontrolle noch, zumindest, wenn es um das Wohlbefinden einer Schlange geht.

Nur eine alte Dame schert sich nicht um das Klopfverbot. Sie steht vor einer Vitrine und wummert ausdauernd gegen die Scheibe. „Ja, mein Kleiner“, spricht sie den Gecko an, der panisch durch sein Gefängnis jagt, „du hast dich gefreut, mich wiederzusehen, nicht wahr?“ Sie wendet sich zu mir um. „Der Kleine kennt mich schon, der ist immer ganz aufgeregt, wenn ich komme.“ Sie klopft. Und ich sollte jetzt etwas sagen, ich sollte darauf hinweisen, dass man nicht gegen die Scheiben klopfen dürfe, dass das Tier sich nicht freue, sondern im Gegenteil Todesängste litte. Aber wer sich freut, ist eben die alte Dame, sie sie freut sich, dass da ein Lebewesen ist, das eine Reaktion zeigt, wenn sie es besucht, sie freut sich über die Kommunikation mit dem harmlosen, kleinen Tier. Ich bringe es nicht übers Herz, ihr diese Freude zu nehmen, tut mir leid. Der arme Gecko.

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Alltag, du Sau (9): Zwei Löcher in der Wand http://lesflaneurs.de/2015/01/03/alltag-du-sau-9-zwei-loecher-in-der-wand/ http://lesflaneurs.de/2015/01/03/alltag-du-sau-9-zwei-loecher-in-der-wand/#comments Sat, 03 Jan 2015 12:16:20 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5043 Ich bin ziemlich selbstständig. Seitdem ich 18 bin, habe ich in 6 Städten gelebt, die Umzüge zähle ich nicht mehr. Es gibt wenig, was ich nicht selbst auf die Reihe kriege. Ich fahre große Sprinter durch die Stadt und schlage Nägel in die Wand. Aber eine Sache habe ich noch nie gemacht: ein Loch bohren.

Das geht mit meinem Selbstverständnis als unabhängige Frau natürlich überhaupt nicht zusammen. Nicht, dass ich mir nicht mal gerne helfen lasse, aber dass Frau nicht mit einem Bohrer umgehen kann, ist zu sehr Genderklischee, um es so einfach auf mir sitzen zu lassen.

Also habe ich letzte Woche all meinem Mut zusammengenommen, mir eine Bohrmaschine ausgeborgt, nach Elektroleitungen Ausschau gehalten, die Stelle an der Wand, wo das Loch hinsollte markiert, einen Bohraufsatz ausgesucht (die erste Unsicherheit), mich auf eine Leiter gestellt und losgebohrt.

Das Ergebnis: 2 Löcher in der Wand, die nicht tief genug sind für den Dübel und ein abgebrochener Bohrer. Die Erkenntnis, dass meine Unabhängigkeitsbestrebungen diese störrische Wand einen Dreck kümmern. Und dass Bohren, wenn schon keine Männersache, eine ist, über die man sich vorher ein bisschen informieren sollte.

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Alltag, du Sau (8) http://lesflaneurs.de/2014/11/25/alltag-du-sau-8/ http://lesflaneurs.de/2014/11/25/alltag-du-sau-8/#respond Tue, 25 Nov 2014 08:30:45 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4785 Deng. Deng. Deng. Deng. (Foto: Falk Schreiber)
Deng. Deng. Deng. Deng. (Foto: Falk Schreiber)

Ich wohne direkt am Michel. Der Michel, St. Michaelis, ist eine Kirche in der Hamburger Innenstadt, eine ungelogen sehr schöne Kirche, norddeutsches Barock, gebaut 1726, 1906 bis auf die Grundmauern abgebrannt und gleich darauf originalgetreu wiederaufgebaut. Der Michel ist nicht die größte Kirche der Stadt, aber er liegt in unmittelbarer Hafennähe und ist entsprechend eine Landmarke, ein Wahrzeichen der Hansestadt. Tolle Akustik, tolle Orgel. Jeder Tourist, der nach Hamburg kommt, besucht den Michel, hinterher besucht er die umliegenden Sträßchen, und da verläuft er sich dann. Ich grinse immer in mich hinein, wenn ich die Kleinfamilien aus der Pfalz, aus Mittelhessen und aus dem Sauerland vor meiner Haustür beobachte, „Wir müssen jetzt nach links, zum Hafen“, „Nee, nach rechts“, der zehnjährige Sohn will ein Eis, die vierzehnjährige Tochter findet eh alles voll ätzend, und die Eltern streiten, weil sie nicht weiter wissen.

Der Michel derweil lässt die Glocken läuten. Jede Viertelstunde. Tagsüber stört das nicht, aber nachts, wenn man nicht einschlafen kann, nervt es. Sehr. Deng, deng. Halb zwei. Deng, deng, deng. Viertel vor zwei. Deng, deng, deng, deng. Dong. Dong. Zwei. Noch sechs Stunden, bis der Wecker klingelt. Deng. Viertel nach zwei.

Die Glocken rufen die Christen zur Messe. Ja, klar. Als ob die das Prinzip Wecker aus weltanschaulichen Gründen ablehnen würden, obwohl, Christen würde ich alles zutrauen. Nein, die Glocken sind eine Machtdemonstration. In der Hamburger Innenstadt ist das Christentum eine verschwindend kleine Sekte, weswegen die Außenwirkung dieser Sekte umso lautstärker ist. Der Michel brüllt durch die Nacht: „Ihr mögt nicht an uns glauben, aber das heißt nicht, dass wir nicht da wären. Hört ihr uns? He, hört ihr uns? Und wer ist wohl am Ende der Mächtigere: ihr, die ihr nicht glaubt und damit die Mehrheit seid, oder wir, die wir zwar in der Minderheit sind, aber die Macht und die Mittel haben, hier eine Nacht durchzubimmeln? He, hört ihr gefälligst mal zu?“

Und, ja, ach, ich höre ja zu, schon seit Stunden. Deng, deng. Halb drei.

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Alltag, du Sau (7) http://lesflaneurs.de/2014/07/22/alltag-du-sau-7/ http://lesflaneurs.de/2014/07/22/alltag-du-sau-7/#respond Tue, 22 Jul 2014 07:23:21 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=4059 Es ist nicht leicht, ein guter Mensch zu sein. Irgendwo zwickt immer was im dicken Optimisten-Fell. Gerade die Deutsche Bahn liebt es, mich zu verärgern und zu Gedankenspielen anzuregen, in denen die Zerstörung von Fahrkartenautomaten eine zentrale Rolle spielt. Dabei würde ich viel lieber ein Ticket kaufen, vorzeigen, entwerten lassen, und danach den Blick aus dem Fenster schweifen lassen. Aber das ist mittlerweile zu viel gewollt, denn die Fahrkartenkontrolle wurde nun „outgesourced“ – an die Reisenden selbst. Und so sage ich „Hallo!“ zum Frust und „Na, was geht?“ zur Verzweiflung, die mich bei jeder Bahnfahrt so inbrünstig umarmen.
Rot - Farbe der Aggression. Copyright: flickr.com - S.L.
Rot – Farbe der Aggression. © flickr.com – S.L.
Beispiel 1: Eine Fahrt vom Berliner Hauptbahnhof bis nach Brandenburg. Liegt außerhalb des S-Bahn-Bereiches, also kaufe ich mir ein Ticket, finde aber auf dem Gleis weit und breit keinen Entwertungsautomaten. „Gut, dann wird eben im Zug entwertet“, denke ich. Als dann die Schaffnerin mein Ticket sieht, folgt ein skeptischer Blick zu mir, zum Ticket und wieder zu mir. In ihren Augen sehe ich 5 Jahre Gefängnis für das Betrügerschwein vor ihr. Ich solle das Ticket vor Fahrtantritt entwerten – denn danach ginge ja nicht mehr. Mein freundlicher Hinweis, dass ich dies bei Auffinden eines Automaten ja liebend gerne gemacht hätte, überging sie mit dem Hinweis, ich solle bei der Rückfahrt aufpassen und könnte dieses Ticket nicht mehr verwenden. Das Entwerten lässt sie weg und bereitet so meine kleine Rache vor. Denn wenige Stunden später suche ich abermals mit hoffnungsvollem Blick den Bahnsteig ab. Fahrplan – Check, Snackautomat – Check, Sitzbänke – Check, viel Leere – Check. Wieder nix – also rein in den Zug und auf Verständnis hoffen. Der Schaffner kam, ich versucht entspannt zu wirken und reichte ihm mein Ticket. Er nahm es, begutachtete es ca. eine Sekunde, entwertete es ohne Murren und trottete weiter. So viel zum Thema, dieses Ticket sei nicht mehr nutzbar…
Beispiel 2: Letztes Wochenende – über 30°C – lange Schlangen am Ticketautomat. Nach mehrmaligem Versuch und wachsendem Zeitdruck gab ich es auf, den Automaten um 1x normales und 1x ermäßigtes Ticket zu bitten und kaufte widerwillig 2x normale Tickets. Auf dem Bahnsteig das selbe traurige Bild: Kein Entwerter in Sicht. Dafür 2 Snackautomaten, die Prioritäten sind also klar verteilt. Da die Reisendne mit ihren Körpern und Fahrrädern Tetris spielten, war im Zug kein Durchkommen mehr und die Fahrt endete ohne Kontrolle. Es folgte ein schöner Tag mit Muscheln im Badesee, Chormusik aus einem Kloster und leckerer Knoblauch-Salami von einem Öko-Hofladen. Der Stress kam erst am Abend wieder auf: Weit und breit weder Automat noch Entwerter in Sicht. Dafür den dummdreisten Hinweis, dass man – wenn diese Maschinen nicht vorhanden sein sollten – sofort nach Besteigen des Zuges einen Automaten oder einen Zugbegleiter aufzusuchen habe. Genau, weil man bei diesen Temperaturen nichts besseres zu tun hat, als ein Suchspiel im Zug zu veranstalten. Was, wenn ich mich unten durchkämpfe, die Zugbegleiter aber gerade oben langgehen? Und wieso weiß die Deutsche Bahn Gesellschaft nicht, dass es im RE keine Automaten gibt? Meine letzte Hoffnung lag in menschlicher Kommunikation. Freudig sah ich, dass bei unserer Einstiegstür eine Schaffnerin wartete. Endlich! Ich strahlte sie mit einem von der Sonne gequältem, aber doch freundlichen Lächeln an, und fragte nach zwei Tickets nach Berlin. Ihre Antwort: Grummel Grummel… Stille… Blick ins Leere.
Es ist nicht leicht, ein guter Mensch zu sein.
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Alltag, du Sau (6) http://lesflaneurs.de/2014/06/18/alltag-du-sau-6/ http://lesflaneurs.de/2014/06/18/alltag-du-sau-6/#respond Wed, 18 Jun 2014 08:34:09 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3880 Altes Gefährt auf alter Brücke. Schön. (Foto: Juliane Rusche)
Altes Gefährt auf alter Brücke. Schön. (Foto: Juliane Rusche)

Man verdächtigt mich des Drogenkonsums, denn ich fahre das falsche Auto.

Mit zarten 90 km/h tuckere ich auf der rechten Autobahnspur dahin. Ich fahre nicht dicht auf, ich telefoniere nicht beim Fahren, ich habe meistens beide Hände am Lenkrad, ich fahre keine Schlangenlinien, bin angeschnallt, habe seit dreieinhalb Jahren keinen Alkohol getrunken und noch nie, wirklich noch nie!, Drogen genommen.

Ich fahre einen Transporter, der Anfang des Jahrtausends das Licht der Welt erblickt hat. Er hat Beulen und Macken, Roststellen wurden mit einem etwas abweichenden Farbton überlackiert, die Heckklappe ziert so etwas wie ein kleines Gemälde. An den Scheiben gibt es Vorhänge, denn es ist ein Campingbus, und wenn man hinter mir fährt, sieht man manchmal Handtücher und Badesachen an der Wäscheleine im Inneren des Wagens schaukeln.

Niemand in meinem Bekanntenkreis wird so oft von der Autobahnpolizei angehalten wie ich – dabei sitze ich wesentlich seltener in einem Auto als viele, viele andere Menschen. Es ist immer dasselbe: Das Polizeiauto nähert sich von hinten, fährt an mir vorbei, wird langsamer, schert vor mir ein, und vor dem nächsten Parkplatz blinkt die „Bitte folgen“-Anzeige auf. Dann der Allgemeine-Personen-und-Fahrzeugkontrolle-Standardsatz, das Papiereprüfen, schließlich die Frage nach dem Alkohol- und Drogenkonsum. Weil ich immer nüchtern, höflich und in einem nicht gestohlenen Auto unterwegs bin, darf ich irgendwann weiterfahren.

Trotzdem, es nervt. Nein, anders: Es macht mich wütend, dass ich als U-100-Fahrerin auf jeder Autobahn von irgendwelchen verrückten Auto- bzw. LKW-Fahrern geschnitten, zusammengehupt, bedrängt werde, was augenscheinlich normal und okay ist, während der äußere Zustand meines Autos jedem Polizisten zwischen Küste und Allgäu Anlass zu der Annahme gibt, man habe es bei der Fahrerin dieses Wagens mit einer alkoholisierten Kifferin zu tun. Und: Es macht mir Angst, dass es anscheinend ein Handbuch für Polizisten gibt, in dem niedergeschrieben steht, welche Menschen mit welchen äußeren Merkmalen welche Vergehen zu begehen bereit sind. (War es naiv zu glauben, es gäbe so etwas nicht?)

Immerhin bekomme ich langsam ein Gespür dafür, wie es Menschen ergeht, die aufgrund irgendwelcher Merkmale immer verdächtig sind. Es muss ein schlimmes, ein beklemmendes Gefühl sein.

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Alltag, du Sau (5) http://lesflaneurs.de/2014/06/05/alltag-du-sau-5/ http://lesflaneurs.de/2014/06/05/alltag-du-sau-5/#comments Thu, 05 Jun 2014 14:13:57 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3812 Ninia Binias

„Und für die Kleine noch ein Poster?“ – Der Mann und ich verlassen gerade eine Kirche in Hameln und der Typ am Kassenhäuschen zum Kirchturm sagt mit fröhlicher Miene zum Mann: „Und für die Kleine noch ein Poster?“ NEIN. Die Kleine will kein Poster. Auch keine Wurstscheibe, keine Sticker oder Lollies. Die Kleine will einfach nur mal ernst genommen werden. Ich bin 1,40 m lang. Aber ich habe auch Brüste, ein 30jähriges Gesicht und eine Stimme, die durchaus die Vermutung zulässt, dass ich älter als groß bin. Trotzdem sprechen Menschen eher mit dem Mann, wenn er mit mir unterwegs ist und bieten ihm Gimmicks für seine kleine Begleiterin an.

Ein Zug. Es ist proppevoll, so voll, dass die Menschen sogar zwischen den Sitzplätzen Schulter an Schulter stehen. Ein Abteil ist komplett leer… und abgeschlossen. Der Mann diskutiert mit einem Schaffner, ob er nicht, angesichts der Lage, dieses Abteil aufschließen könne, auch wenn es eigentlich ein Dienstabteil sei. Der Schaffner wehrt sich mit allerlei Beamtendeutsch. Kehrt dann aber nach zehn Minuten zurück und sagt: „Ich habe jetzt aufgeschlossen, damit Sie sich mit Ihrer Tochter dorthin setzen können.“ Der Mann antwortet verdutzt: „Soweit ich weiß, habe ich keine Tochter. Zumindest keine dabei.“ Ich nehme meine Tasche und antworte: „Vergiss es, er meint deine zwei Jahre ältere Freundin.“ Und stapfe an dem Schaffner vorbei.

Ihr Kassenhäuschentypen und Schaffner_innen: Es nervt.

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Alltag, du Sau (4) http://lesflaneurs.de/2014/05/20/alltag-du-sau-4/ http://lesflaneurs.de/2014/05/20/alltag-du-sau-4/#respond Tue, 20 May 2014 12:20:18 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3725 taxi
Morgens um zehn Uhr in Frankfurt. Als Ali mit seinem Taxi schnell am rechten Seitenstreifen vor der Ampel hält, denkt er sich nichts böses. Er will seinen Fahrgästen helfen – einer Frau und einem Mann, der im Rollstuhl sitzt. Während er seelenruhig den Rollstuhl des Mannes aus seinem Kofferraum holt, bauen sich vor seinem Taxi zwei Polizisten auf. Ali klappt den Rollstuhl auseinander, hilft der schmächtigen Frau den älteren Mann in den Rollstuhl zu heben und geht erst auf die beiden Männer in Uniform zu, nachdem er sich von seinen Fahrgästen verabschiedet hat, die sich überschwänglich für seine Hilfe bedanken. Er soll eine Strafe für das falsche Halten zahlen, Ali lehnt das ab, er sieht sich im Recht, er hat doch niemanden behindert. Seit zehn Jahren fährt er nun Taxi in Deutschland, es ist nicht das erste Mal, dass er mit der Polizei in Berührung kommt. Einer der beiden Polizisten fragt ihn, ob er einen Dolmetscher holen soll. Ali spricht gutes Deutsch, er hat zeitweise in Deutschland studiert, in seinem Herkunftsland, dem Iran, war er als Journalist tätig. Er wird laut, will die Namen der Beiden wissen. Sie sagen sie ihm nicht, stattdessen überprüfen die Polizisten nun seine Personalien, sein Kennzeichen, alles. Das Prozedere dauert ungewöhnlich lang, immer wieder versuchen sie ihn dazu zu bringen, doch einfach den Strafzettel zu bezahlen. Nach fast einer halben Stunde ziehen die Polizisten ab – ohne Alis Geld. Er muss nun mit einer Anzeige rechnen, seinen Stolz hat er behalten.

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Alltag, du Sau (3) http://lesflaneurs.de/2014/04/18/alltag-du-sau-3/ http://lesflaneurs.de/2014/04/18/alltag-du-sau-3/#comments Fri, 18 Apr 2014 07:59:04 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=3591 Mit Wasserflasche gäbe man sich als Touri zu erkennen, sagt er in der Bahn. Weil nur Touristen so lange durch die Stadt laufen, dass sie Wasserflaschen bräuchten. Mag sein, denke ich. Aber woran ich Touris erkenne, ist die Unfähigkeit, die Situation einzuschätzen. Am fehlenden Bauchgefühl für die Stadt. Wo man sein Fahrrad abstellen kann und wo lieber nicht. In welchen Kneipen man ins Bild passt und in welchen nicht. Was ein gutes, günstiges Essen ist und was Abzocke. Wo man sich besser vorsichtig zu verhalten hat.

In Berlin bin ich kein Touri, hätte ich vor kurzem noch behauptet. Dann habe ich Samstag Nacht am Kottbusser Tor, mitten im Rummel der U-Bahn-Station, mein Handy aus der Handtasche gezogen, um nach dem richtigen Ausgang zu suchen. Und sie offen gelassen. Beim Weitergehen war sie plötzlich so leicht.

Eine Minute Unachtsamkeit, bäm, Geldbörse weg.

Ich weiß gar nicht, was schlimmer ist: Der monetäre Verlust, der Nervkram von Karten sperren und Ausweise sowie Führerschein nachmachen lassen – oder doch die schlichte Erkenntnis, dass ich in Berlin vielleicht doch ein Touri bin.

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