Les Flâneurs » Les Flâneurs | Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Hier ein entsteht eine neue Seite. Thu, 20 Aug 2015 13:31:25 +0000 de-DE hourly 1 http://wordpress.org/?v=4.2.4 Wie Berlin mich zu einem fiesen aber glücklichen Menschen machte http://lesflaneurs.de/2013/05/10/wie-berlin-mich-zu-einem-fiesen-aber-glucklichen-menschen-machte/ http://lesflaneurs.de/2013/05/10/wie-berlin-mich-zu-einem-fiesen-aber-glucklichen-menschen-machte/#comments Fri, 10 May 2013 16:34:16 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=463 Ich wollte hier nie hin. Also nicht, dass mich diese Stadt hier je gewollt hätte, aber ich wollte sie eben auch nicht. Und als ich dann hier war, wollte ich hier nicht sein. Immerhin war ich damals nach der Schule schon aus der tiefsten Provinz nach Hamburg  gezogen, das war Aufregung genug. Aber dann kam eben dieser neue Job in Berlin, und plötzlich war ich hier. Der November stand vor der Tür, die Stadt zeigte sich von ihrer ekelhaftesten Seite und war so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Und ich begann sehr schnell, die Stadt so richtig zu hassen. In meiner ersten Nacht in der neuen Leihwohnung wurde ich durch einen Polizeieinsatz geweckt, sie suchten irgendjemanden in dem Wohnhaus, konnten ihn nicht finden, waren laut und unfreundlich. Auf meiner ersten Bahnfahrt zur Arbeit konnte ich gleich Bekanntschaft mit dem Mann machen, dessen abgefaultes Bein man schon riecht, bevor man den U-Bahnschacht überhaupt betreten hat. Abgesehen davon, dass ich mich generell noch nie gerne unter der Erde aufgehalten habe, bescherte mir der November einige Erlebnisse da unten, die ich in Hamburg bisher nicht vermisst hatte. Nachdem ich auf meinen Arbeitswegen sah, wie jemand seinen Kampfhund im Vierersitz neben mir verprügelte, ein offensichtlich betrunkener Mann mit Messer nervös auf- und ablief und der mit dem verfaulten Bein mich fast täglich auf meinem Weg zur Arbeit begleitete, war ich teilweise froh, wenn sich an manchen Tagen einfach nur eine verwirrte Frau neben mir die Fußnägel schnitt.

Abends recherchierte ich dann über unser Gesundheitssystem und daüber, wie man dem Mann mit bzw. ohne dem Bein wohl helfen könne, las Artikel über den Drogenhandel in der U8 und manchmal auch den Polizeibericht.

Eine Zeitlang fühlte ich mich da unten so unwohl, dass ich mir schon bevor ich die Bahn betrat, den größten und vermeintlichen stärksten Mann ausguckte, um mich in seiner Nähe aufzuhalten. Meine Vorliebe waren hierbei Personen mit Migrationshintergrund, da ich mir hier die größten Chancen auf Hilfe bei Angriffen auf meine Person versprach. In Gefahr war ich übrigens nie. Aber immerhin gehörte ich zu denen, die sich permanent über die weiten Strecken in diesem Berlin beschwerte. Bin ich dann doch mal bei eisiger Kälte Fahrrad gefahren, brauchte ich erst recht lange, da ich mich trotz navigationsfähigem Telefon mindestens dreimal verfuhr. Genau, ich gehörte nämlich auch zu denen, die sich über diese unübersichtlichen Hausnummern in Berlin beschwerten. Aber ich fand ohnehin eine Menge, worüber ich mich beklagen konnte: zu laut, zu voll, zu dreckig, zu unfreundlich, zu unübersichtlich und nicht zu vergessen: viel zu groß.

Als ich mich eines Tages mal mit einem jungen Mann bei einem Videodreh unterhielt, sagte dieser zu mir: „I like Berlin. It’s so fucking calm.“ Woher er komme, fragte ich ihn. „Buenos Aires“ war die Antwort. Und als er mir erzählte, dass er in einer Wohnung an einem achtspurigen Kreisverkehr großgeworden ist, begann ich zu ahnen, dass alles eine Frage der Perspektive ist. Und Berlin zwar nicht Eimsbüttel, aber eben auch nicht Buenos Aires.

So oft es ging, fuhr ich fröhlich in den warmen Hamburger Regen und lästerte über Berlin. Meine starke Überzeugung, dass jeder Mensch mit bösartigen Absichten sich scheinbar in Berlin aufhält, überdachte ich jedoch irgendwann. Ich war ganz schön ängstlich, die Menschen ganz schön unfreundlich. Passiert ist mir übrigens nie etwas. Rückblickend betrachtet war natürlich sowieso gar nichts schlimm, im Gegenteil. Einer meiner besten Freunde lebt schon lange hier, ich konnte erst mal umsonst bei ihm wohnen und mein neuer Job,  den ich selbstverständlich freiwillig angetreten war, machte mir Spaß, und ich lernte schnell einen Haufen neuer Leute kennen. Aber die Kombination aus meiner Ängstlichkeit und der Unfreundlichkeit Berlins, war eine harte Mischung.

Und erst mal endete der November ein paar Monate lang nicht.

Alle Menschen mit denen ich über meine Antipathie sprach – und das waren einige – sagten dasselbe: „Irgendwann wirst du diese Stadt lieben.“ Und jedes mal fühlte ich mich wie bei meinem ersten Liebeskummer, als mein Vater sagte: „Du wirst jemand besseren finden.“ Ihr alle liebt diese Stadt, dachte ich. War mir aber sicher, dass ich das nie tun werde. So wie ich mit 12 auch davon überzeugt war, dass ich mich nie wieder verlieben könnte, auch wenn das bei allen anderen Menschen vor mir der Fall gewesen war.

Der Prozess verlief natürlich schleichend. Ich rutschte in eine Phase, in der ich immer nur noch behauptete, die Stadt nicht zu mögen, obwohl ich mindestens schon verknallt war. Das erste Schlüsselerlebnis hatte ich, glaube ich, dann, als ich den Film „Oh Boy“ im Kino sah. „Was für eine tolle Stadt“ dachte ich, und mich überkam plötzlich ein schönes Zuhause-Gefühl. Innerlich erschrak ich kurz darüber.

Nach und nach legte ich meine Angst ab, die ich nie gebraucht hatte und guckte mir scheinbar ein wenig Berliner Verhalten ab. In der Bahn hörte ich Musik und achtete nicht mehr darauf, was um mich herum passierte. Wenn der Bein-Mann kommt, stehe ich heute auf und gehe in einen anderen Wagen. Ich denk nicht mehr sechs Wochen über jeden armen Hund nach, und unterhalte ich mich nicht mehr mit kaputten Leuten, die mir eine alte Gala aus dem Jahr 2012 verkaufen wollen.  Ob das normal ist oder abgestumpft, kann ich nicht sagen, wobei ich zu abgestupft tendiere. Aber es ist vor allen Dingen befreiend.

Ich habe nun Augen für das, was Berlin ausmacht und von anderen Städten unterscheidet. Und das ist eben nicht der Dreck und die Größe, sondern die Bewegung, in der hier alle sind. Es gibt hier einfach nicht so viel Stillstand, nicht so viel Routine wie anderswo. Und mittlerweile weiß ich, dass Menschen, die etwas Größeres vorhaben als bis zur Rente den gleichen langweiligen Scheiß zu machen, Leute die eigene Ideen haben, dass die sich viel eher hier versammeln als Menschen mit bösen Absichten.

Und was mit der Liebe zu Berlin zwangsläufig einhergeht, ist ein fieses Mitleid für alle anderen, die hier nicht Leben können.

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