Sabrina Goethals – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Wed, 15 Jun 2016 08:44:00 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.2 Der Platz zwischen hier und dem Horizont http://lesflaneurs.de/2013/11/22/der-platz-zwischen-hier-und-dem-horizont/ http://lesflaneurs.de/2013/11/22/der-platz-zwischen-hier-und-dem-horizont/#respond Fri, 22 Nov 2013 08:45:50 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=2491 Hvalfjördur.
Hvalfjördur.

Island. Das ist da, wo die Wetter-App einem sagt, es sei schlechte Sicht, weil man nur neun Kilometer weit schauen kann. Das ist da, wo man einfach mal fünf Minuten warten soll, wenn das Wetter nicht gefällt. Da, wo Straßen und Häuser erst gebaut werden, nachdem mit den ansässigen Elfen gesprochen wurde und es für sie in Ordnung ist. Island. Das ist das Land, das ich schon als Zwölfjährige bereisen wollte.

Meine Islandgeschichte ist die, dass meine Eltern mir ein Buch zum Geburtstag schenkten, „Glosi, mein Islandpferd“. Ich verschlang dieses Buch, und nach 345 Seiten stand fest: Eines Tages werde ich in Island ein Islandpferd reiten. Nun, knapp vierzehn Jahre später habe ich mir diesen Traum erfüllt.

Ende September ging es also für 14 Tage auf diese Insel irgendwo Richtung Nordpol. Bei Sonnenschein und spätsommerlichen Temperaturen, mit dicken Jacken im Gepäck gen Winter. Ohne eine Idee, was einen wirklich erwarten wird, ohne eine Idee, was man eigentlich in Island tun möchte außer Reiten.

Wenn ich jetzt mit einer guten Woche Abstand an Island zurück denke, sehe ich vor allem Islands enorme Weite vor meinem inneren Auge. Wie weit das alles ist! ist wohl der Satz, den ich in diesen 14 Tagen am Häufigsten gesagt habe. Es ist einfach unglaublich, wie weit der Horizont entfernt sein kann, und was alles auf das Stück dazwischen passt.

Þingvellir Nationalpark
Þingvellir Nationalpark

Was mir noch im Kopf geblieben ist, ist das Licht. Island ist in Sepia getaucht. Man könnte meinen, irgendwer hätte einen Filter über das ganze Land gelegt damit es farblich genau so aussieht. Generell sind die Farben in Island unglaublich. Einerseits das satte Grün des Mooses, andererseits das Schwarz der Aschefelder, das Weiß der Gletscher und das strahlende Blau des Himmels… – ich hatte das Gefühl, noch nie zuvor in meinem Leben so kräftige Farben gesehen zu haben.

Kirche von Þingvellir (ohne Filter).
Kirche von Þingvellir (ohne Filter).

Islands Natur! Weite Wiesen, Lavawüsten, Aschestrände, Gletscher, Wasserfälle, Vulkane, Krater, Bergseen, Schluchten, Felsen, raue Küsten, Flüsse, Bäche, heiße Quellen, Nordlichter, und wahrscheinlich könnte diese Liste endlos werden …
Man findet überall Wasser. Egal, ob man auf 1.500 Metern oder auf Meeresspiegelebene ist, ein Bach oder Fluss, ein kleiner Wasserfall, irgendein Gewässer bahnt sich überall seinen Weg. Im Süden die klaren Hinterbleibsel des Eyjafjallajökull, der 2010 Asche und Lava spuckte, im Norden Wiesen mit einzelnen Schafen oder Pferden. Und immer wieder Felsbrocken, Schluchten und scharfe Bergkämme.

Die heißen Quellen haben es mir ziemlich angetan. Ich meine, heißes Wasser, das aus dem Boden kommt, ist schon ziemlich gut! Da wäre einerseits natürlich das Haukadalur mit dem großen Geysir und dem aktiven Strokkur, der alle paar Minuten spuckt, mit dem dampfenden Boden und all den blubbernden Quellen und Mini-Geysiren. Ich liebe es übrigens sehr, dass jede der Springquellen in diesem Gebiet einen eigenen Namen hat. Und ich hasse es sehr, dass man mindestens mit einem Dutzend anderen Leuten, bevorzugt aus Reisebussen, durch dieses Gebiet läuft. Überhaupt Reisebus-Touren, aber das ist ein anderes Thema…

Strokkur. Kurz bevor er spuckte.
Strokkur. Kurz bevor er spuckte.

Neben den Reisebusquellen sind da aber auch die Quellen, die zumindest im Winter einsam liegen. In denen man baden kann, und die von den Isländern teils zu „Schwimmbädern“ umgebaut, teils aber auch so belassen wurden. Wir waren bei der Seljavallalaug, die leider zu kalt zum Baden war, und der Landmannalaugar, in der wir bei angenehmen Badewannentemperaturen inmitten von schneebedeckten Bergen gebadet haben. Dies war eines der unwirklichsten Erlebnisse meines Lebens und gleichzeitig eines der Schönsten. Umziehen unter freiem Himmel bei Temperaturen um den Nullpunkt, einen Moment noch innehalten, herunterkühlen, um dann das warme Wasser gebührend feiern zu können.

Es gibt wahrscheinlich noch so viel mehr über Island zu sagen, so viele Eindrücke, die ich bisher noch nicht verarbeitet habe und die mich teils immer noch so sprachlos, wie ich vor Ort war, hinterlassen, aber dies waren die Dinge, die ich jedem erzähle, wenn ich nach Island gefragt werde. Und die Geschichte, wie wir sieben Stunden durch den Schnee gefahren sind und keine Menschenseele gesehen haben. Und das ist für mich, was Island so besonders macht: einfach mal den Mund halten, den Blick schweifen lassen und auch die nächsten zwei Stunden keiner Menschenseele begegnen. Takk, Ísland. Bis bald.

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