Pia Gralki – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Fri, 08 Apr 2016 09:59:12 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.4.2 Analoge Aussichten: Ein fotografischer Spaziergang durch Toulouse http://lesflaneurs.de/2016/03/01/analoge-aussichten-ein-fotografischer-spaziergang-durch-toulouse/ http://lesflaneurs.de/2016/03/01/analoge-aussichten-ein-fotografischer-spaziergang-durch-toulouse/#respond Tue, 01 Mar 2016 11:49:42 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7174 2011 verschlug es mich nach Toulouse. Was zeitlich fern wirkt, wurde beim Durchwühlen meiner Fotoschatzkammer wieder in zeitlose Nähe gerückt. Und ließ mich gedanklich erneut durch diese Stadt flânieren.

Doppelrad, Pia Gralki, 2011

 

Eigentlich passt eine Stadt wie Toulouse gar nicht in das Schwarz-Weiß-Format. Ihr Ruf als „la ville rose“ – die rosane Stadt – eilt zu einer bestimmten Uhrzeit durch alle Gassen und legt sich wie ein Farbfilter auf die öffentlichen Plätze und Backsteinfassaden. Betörend, und zu keiner Zeit alltäglich, wirkt diese Lichtatmosphäre, die ihren Betrachter ebenfalls wie eine Leinwand einfärbt und ihn in diese gewisse mediterrane Stimmung versetzt.

 

Lichtermeer, Pia Gralki, 2011
Lichtermeer, Pia Gralki, 2011

 

Dennoch, als ich dem Charme dieser Stadt verfiel, musste das satte, tiefdunkle Schwarz her. Die geometrischen Formen der Architektur, die Spiegelungen der Lichter am Flussufer der Garonne verlocken ihren Beobachter zur Abstraktion. Und ich hatte die Möglichkeit, meine analogen Aufnahmen am Ort ihres Entstehens zur entwickeln. Also wurde die Kameralinse zu meinem geheimen urbanen Tagebuch, das ich ständig mit mir herumtrug, vor allem weil Henri Cartier-Bresson einmal gesagt hat, dass man sich nur als Fotograf verstehen dürfe, wenn man sozusagen noch im Schlaf den Finger am Auslöser hätte. Gut, Fotografin wollte ich nun nicht gleich werden, aber ich wollte die Fotografie ernst nehmen. Und wenn schon, dann doch immerhin auf französische Art und Weise.

 

Pont Neuf, Pia Gralki, 2011
Pont Neuf, Pia Gralki, 2011

 

Die älteste noch erhaltene und imposanteste Brücke ist wie so oft in französischen Städten auch hier die Pont Neuf, die Neue Brücke also, und nicht die Neunte, wie ich noch lange sprachverwirrt zählend vermutete. Ihre großzügige und robuste Bauweise läd zum Verweilen ein und dient als klassischer Treffpunkt zwischen den beiden Stadtteilen, die sie miteinander verbindet.

 

Le Pont neuf/Detail, Pia Gralki, 2011
Le Pont neuf/Detail, Pia Gralki, 2011

 

Die Garonne, die unter den Brückenbullaugen gemächlich dahinfließt, war gerade zu sommerlich heißen Temperaturen eine Abkühlung für das Auge und zu jeder Zeit belebt. Tagsüber diente sie als Picknickplatz, der pünktlich um 12 Uhr mittags zu belegen war, und wurde im Laufe des Abends immer mehr zum Ort der ansteigenden Feierabendslaune, die sich mit dem ersten Korkenzieherknallen über das Flussufer hinweg verbreitete.

 

La Garonne, Pia Gralki, 2011
La Garonne, Pia Gralki, 2011

 

Und es war dort so ziemlich immer heiß. Was die Vegetation teilweise sehr exotisch werden lässt, und sogar ein paar Palmen hervorbringt. Typisch für dieses Klima sind zudem die alten, hochgewachsenen Platanen, die ganze Alleenzüge umsäumen. Ihr Muster hat mich fasziniert. Unter dem Vergrößerer könnte man ihre Struktur fast als kleine Inselfamilien lesen.

 

Palmensehnsucht, Pia Gralki, 2011

 

Platanen, Pia Gralki, 2011
Platanen, Pia Gralki, 2011

 

Inseln, Pia Gralki, 2011

 

Um nicht komplett dem französischen Kitsch zu verfallen und nur noch Gestreiftes anzuziehen, zog es mich immer wieder zu den Ecken hin, die mich irgendwie an meine Heimatstadt Berlin erinnerten. Diese Orte konnten sowohl in der Innenstadt als auch in den Randgebieten auftauchen und mich intuitiv für sich gewinnen. Denn zu Beginn meines Toulouser Aufenhalts bin ich im etwas ghettohaften Empalot gelandet, wo nachts Autorennen auf verlassenen Parkplätzen stattfanden. Sie liefen immer nach dem gleichen Ritual ab: Der Mutigste aus der Gruppe der chronisch gelangweilten Jugendlichen heftete sich außen an das Beifahrerfenster des jeweiligen Autos, zog die Knie an und musste versuchen den Rekord im Widerstehen der Geschwindigkeit und der Schwerkraft zu erweitern. Das Quietschen der Reifen klang mindestens genauso gefährlich wie die ganze Szenerie insgesamt anmutete. Die Architektur in diesem Viertel spiegelt diese Stimmung wider.

 

Empalot I, Pia Gralki, 2011
Empalot I, Pia Gralki, 2011

 

 

Empalot II, Pia Gralki, 2011
Empalot II, Pia Gralki, 2011

 

Als ich dann die ersten Fassaden mit Graffiti entdeckte, war für mich die Berliner Spur endgültig hergestellt. Es ist ambivalent: Die Dinge, die einen in der Heimat an der eigenen Haustürschwelle die Faust gen Himmel recken lassen und eher missmutig beäugt werden, versetzen einen dann eiskalt und ohne Vorwarnung in das, was man Heimatgefühl nennen könnte.

 

Spurensuche I, Pia Gralki, 2011
Spurensuche I, Pia Gralki, 2011

 

 

Spurensuche II, Pia Gralki, 2011
Spurensuche II, Pia Gralki, 2011

 

Eine Tradition, die süchtig machen kann, neben den ganzen kulinarischen versteht sich, sind Tagesausflüge mit Fahrrad entlang des Canal du Midi. Wenn man die Ausdauer und den Ehrgeiz hat, könnte man von Toulouse aus sowohl an den Atlantik als auch ans Mittelmeer gelangen. Dabei begegnen einem außer den sportlich einschüchternden Rennfahrern endlose Sonnenblumenfelder und Hausboote, auf denen wahrscheinlich jemand genau jetzt seinen Frühstückskaffee einnimmt.

 

Canal du Midi, Pia Gralki, 2011
Canal du Midi, Pia Gralki, 2011

 

Ausflug, Pia Gralki, 2011
Ausflug, Pia Gralki, 2011

 

Es gibt Vieles was sich eher missverständlich mit Worten vermitteln lässt. Das Lebensgefühl, welches einem eine Stadt zuführt ist zum Beispiel so eine Sache, die eher in einem Bild erfahrbar wird. Und wenn es auch nur den Blick auf eine Tür freigibt, neben der eine Kiste mit Champagnerflaschen steht, die sich langsam von der Sonne erhitzen lassen und im nächsten Moment wahrscheinlich in den kühlenden Innenraum gebracht werden. Und zwar nicht unbedingt, weil eine Festivität ansteht. Sondern einfach nur so.

 

Savoir Vivre, Pia Gralki, 2011
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Die kürzere Kunst http://lesflaneurs.de/2016/02/11/die-kuerzere-kunst/ http://lesflaneurs.de/2016/02/11/die-kuerzere-kunst/#respond Thu, 11 Feb 2016 08:57:22 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7061 In wenigen Minuten Welten entstehen zu lassen, Geschichten zu komprimieren, zu verstören und zu begeistern, ist nicht einfach. Jedes Jahr widmen sich die „Berlinale Shorts“ dieser großen Kunst der kleinen Filme. Pia und Katharina haben für die Flâneure fleißig gesichtet. Welche Filme bei den 66. Internationalen Festspielen in Berlin gilt es, auf keinen Fall zu verpassen?

Pia: Mir schwirrt noch etwas der Kopf. Bei jeder der 5 Kurzfilmausgaben lohnt es sich, sich tief in einen der begehrten roten Berlinalesessel zu vergraben. Ein Charakteristikum scheint mir übergreifend zu sein: Die Abwesenheit der Sprache. Es sind oftmals nicht verbale Zeichen, die erzählen, sondern es sind die Bilder und ihr Zusammenspiel, die die Narration entfalten. Wie zum Beispiel in Six Cents in the Pocket von Ricky D´Ambrose. Dieser Kurzfilm hatte mich ab der ersten Szene. Clyde, ein junger Mann, wird als Homesitter von Risa vorgestellt, die ihm in einem Umschlag Geld hinterlassen hat und ihn bittet, in ihrer Abwesenheit ein Gemälde rahmen zu lassen und es zu ihrer Schwester zu bringen.

Von der verlorenen Zeit: Six Cents in the Pocket.
Von der verlorenen Zeit: Six Cents in the Pocket.

Es werden kaum Worte gewechselt, die Dramaturgie entwickelt sich über Blicke, Gesten, wie das Öffnen des Umschlages oder durch Nahaufnahmen von Clydes Gesichtsausdruck. Die barocke Orgelmusik zwischen den Filmsequenzen gibt dem ganzen einen stummfilmähnlichen Charme. Die Atmosphäre wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Und obwohl das Ende einen tragischen Umsturz der Geschichte bedeutet, strahlt alles eine klare, minimalistische Ruhe aus. Ging es dir ähnlich oder bist du vor lauter Stille in deinem roten Kinosessel eingeschlummert?

Katharina: Tatsächlich war die Geschichte um Clyde etwas langatmig. Aber sie hatte doch ihren Charme. Durch die Einstellungen, die Detailaufnahmen, die Postkarten vorlesende Off-Stimme, die großartigen Zwischentitel und die Absurdität des Films fühlte ich mich stark an die Ästhetik von Wes Anderson erinnert. Fandest du es auch so Anderson-esk?

Pia: Ja, durchaus. Wenn man den Fokus auf die Frontalkameraführung und die Kostümauswahl legt, gibt es da schon Parallelen. Aber die satten Bon-Bon-Farben von Wes habe ich nicht vermisst. Mir hat der leicht entsättigte Ton hier gut gefallen, auf Bild- und Sprachebene. Was war denn dein Lieblingsstück aus unserem Kurzfilmrausch?

Katharina: Also mein persönliches Highlight war der schwedische Film Hopptornet von Maximilien Van Aertryck und Axel Danielson. Trotz dokumentarischer Distanz, weniger Worte und statischer Versuchsanordnung entsteht größte Spannung. Die Kamera ist auf die Plattform eines Zehn-Meter-Turmes gerichtet. Selbst großmäulige Jungs kriegen beim Blick in die Tiefe weiche Knie. Das erinnert an Teenagertage im Schwimmbad, an Gruppenzwang und Mutproben.

Der Blick in die Tiefe: Hopptornet.
Der Blick in die Tiefe: Hopptornet.

Gleichzeitig spielt der Film, ohne sich über seine Probanden lustig zu machen, mit einer Angst, die jeder nachfühlen kann. Mut, Zögern und Aufgabe liegen so eng beieinander wie Badeanzüge auf der Haut. Wärst du gesprungen, Pia?

Pia: Also dieser Film ist tatsächlich ein Kunststück – genial einfach und mit Langzeitwirkung. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich gesprungen wäre und das Schöne ist, dass man sich diese Frage definitiv stellt beim Betrachten und die Herausforderung versucht für sich einzuschätzen. Und beim Anblick des Muskelprotzes in enger Badehose, der mehrmals Anlauf nehmen muss und am Ende kopfschüttelnd den Sprungturm wieder runterklettert und der 70-jährigen Frau, die zunächst das Gleiche entscheidet, dann kurz innehält auf der Stufe, um wieder zurückzukehren und doch zu springen – da merkt man, dass die eigenen Erwartungen an sich selbst immer erst im Moment ihrer unmittelbaren Prüfung verhandelt werden können. Ich hätte wahrscheinlich meine letzten Abschiedsworte gemurmelt und wäre quietschend seerobbengleich runtergeplumst. Eine andere Herausforderung ist es sicherlich, wenn man wie der professionelle Taucher in El Buzo von Esteban Arrangoiz in ein Meer aus Müll springen müsste. Wie hast du diesen Film erlebt?

Ein Meer aus Müll: El Buzo.
Ein Meer aus Müll: El Buzo.

Katharina: Es ist schon erstaunlich wie Julio César Cu Cámara in der Doku über das Bad in der schwarzen Brühe wie über einen Ausflug in eine andere Welt romantisiert. Schwerelos, umgeben von Dunkelheit, einer Weltraumexpedition gleich. So stellt er es sich vor: wie allein im All. Das Wasser umarmt ihn. Hach. Da kann man fast vergessen, dass es sich um die Kanalisation von Mexiko-Stadt handelt. Wo wir gerade bei Romantik sind, wie verliebt warst du in den Film LOVE?

Pia: Sehr! Die Regisseurin Réka Bucsi hat ja bereits 2014 mit ihrem Berlinale Beitrag Symphony No. 42 begeistert. Diese Animation hat es mir nun besonders angetan: Ein Universum aus lächelnden Planeten und fabelhaften Fantasiegestalten, die in 3 Kapiteln die unterschiedlichen Phasen der Liebe durchspielen: Longing, Love and Solitude.

Spiegeln im anderen: LOVE.
Spiegeln im anderen: LOVE.

Besonders großartig finde ich die fließenden Metamorphosen. Rote Berge, die sich als Rücken eines Wassertieres herausstellen, Schwarze Raubkatzen, deren Fell sich rot färbt als Beginn ihrer gegenseitigen Zuneigung, Pferde, die fragmentarisch mit Pflanzentrieben durchsetzt werden. Willst du noch was hinzufügen oder gehen wir zum Nächsten über?

Katharina: Seh ich auch so. Ein herrlich putziges Stimmungsbild durchzogen von zauberhaft abstrusen Figuren. Die Bandbreite der Kurzfilme ist beachtlich, immer wieder werden Genregrenzen verwischt, Dokumentationen mischen sich mit Illustrationen, Experimentelles bricht Filmklischees. Besonders in Erinnerung blieb mir Estate, nicht nur aufgrund seiner aktuellen Thematik. Der Film von Ronny Trocker ist einer Fotografie von Juan Medina nachempfunden, die er 2006 auf Fuerteventura aufnahm. Wie im Bild steht alles still: Die poppige Sandstrandästhetik mit fotografierenden Touristen und tropfendem Waffeleis unterläuft ein Mann, ein Geflüchteter. Er liegt erschöpft am Strand. Unter das Möwengeschrei mischt sich ein Dröhnen. Ein Eindringling im Urlaubsparadies. Trocker lässt die Touristen zu erstarrten Puppen ihrer selbst werden. Eine befremdliche Szenerie, in der nur der Gestrandete sich menschlich bewegt. Ohne Worte, sehr eindringlich.

Der Bruch der Strandidylle: Estate.
Der Bruch der Strandidylle: Estate.

Pia: Ja, das stimmt, der ist mir vor allem aufgrund der besonderen Machart auch in Erinnerung geblieben. Einen Kurzfilm, der ähnlich experimentell arbeitet, allerdings dokumentarischer angelegt ist, dürfen wir auch nicht unerwähnt lassen: Kaputt von Volker Schlecht und Alexander Lahl. Hier leiten die Frauenstimmen zweier DDR- Häftlinge durch das Gefängnis Hoheneck und erzählen im O-Ton von den Erniedrigungen und Entbehrungen, die sie während ihrer Haftzeit erleiden mussten.

Reliquien der Haft: Kaputt.
Reliquien der Haft: Kaputt.

Begleitet werden ihre Einblicke von architektonisch anmutenden Zeichnungen, die die Szenerie klar und abstrakt illustrieren. Ein bisschen wie der gewonnene Blick einer ästhetischen Distanz auf die emotional eindringliche Thematik. Der Beton der Gefängnisfassade wird spürbar. Ich kriege gerade leichte Gänsehaut.

Katharina: Nehmen wir doch die Gänsehaut als Schlusswort oder?

Pia: Passt.

 

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I feel used. http://lesflaneurs.de/2016/02/03/i-feel-used/ http://lesflaneurs.de/2016/02/03/i-feel-used/#respond Wed, 03 Feb 2016 09:22:39 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6964  

Kunstmarktanekdoten zur Retrospektive von Christian Jankowski in der CFA Galerie Berlin

Empörung wird zu Wut. Wut wird zu der Motivation, kritisch zu betrachten. Und die Kritik muss feststellen, dass sie an der Nase herumgeführt wurde.

Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Intuitives Win-Win
Christian Jankowski tischt auf – diesmal jedoch nicht mit Alfred Biolek, deren Kochstudio von 2004 erneut in der CFA Galerie aufgebaut wurde. Nein, für seine Retrospektive lässt der Künstler auftischen, und zwar von der Schauspielerin Nina Hoss, die mit Blockbustergesicht und Schlagschatteninszenierung auf dem Ausstellungscover glänzt. Rasant vernetzen sich Assoziationen: Wie kommt dieses Gesicht mit der Attitüde eines Rockstars mit diesem Namen, der im Großformat unter dem Titelbild wirbt, zusammen? Handelt es sich um eine überraschende interdisziplinäre Kollaboration oder haben wir es hier mit einem Bildteaser der nächste Ausgabe einer Frauenzeitschrift zutun? So oder so, diese in-your-face Konfrontation mit der Kuratorin regt die kunstmarktsensiblen Synapsen an und lässt Fragen aufkommen. Fragen nach dem Imperativ des Expertentums in der gegenwärtigen Kunstszene und dem der Aufmerksamkeitsökonomie. Wer zuerst blinzelt, hat verloren.

Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Oder ist auf Jankowski reingefallen. Denn diese offiziell als ganz intuitiv angegebene Wahl des Frontgesichts stellt sich in Betrachtung seiner Werke immer mehr als eine Bewusste heraus. Aus dem Spiel mit Namen wird eine Strategie der Offenlegung von Kunstmarktmechanismen. Umso mehr, da diese Retrospektive – eigentlich ein Format für staatliche Institutionen – in einer privaten Galerie stattfindet.

Schnitzeljagd nach Kunst
So wie der moderne Großstadtmensch das Gefühl der archaischen Nahrungsbeschaffung erinnern möchte, indem er im Supermarkt mit Pfeilen auf die Warenbeute schießt, kann der moderne Kunstsammler seine Kunstware gleich im Teleshoppingkanal abschießen- zur unverbindlichen Preisempfehlung Jankowkis. Auch wenn sich hier das letzte Kunstidealismushaar aufstellt: so paradox klingen die geölten Stimmen der TV-Konsummoderatoren gar nicht in ihrer Präsentation der Kunstwerke auf der Kunstmesse Art Cologne, die u.a. mit Marktwerten wie Jeff Koons jonglieren. Sie passen sogar sehr gut, vor allem in ihrer Anmoderation eines Kunstzertifikats, mit dem offiziell das Recht vom Urheber erworben wurde, den Inhalt einer vorgegebenen Wodkamarke auf dem Boden zu verteilen und im Anschluss mit rosa Glitzer zu garnieren. Natürlich geht es bei der Preisempfehlung mehrerer Tausend Euros nicht um den materiellen Wert des Werks, sondern um den performativen Symbolwert: Das perfekte Party-Kunstwerk- wie gemacht für einen interaktiven Abend, bei dem die Gäste beim Überrennen der Arbeit selbst zum Teil dieser werden.

Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Ich schäme mich
Vom Fremdschämen für die aalglatte Souveränität des Kunstmarkt TV´s (2008) springt einem die Scham in vielen der Werke Jankowkis entgegen. Während man sich an den Außenwänden einer überdimensionalen hölzernen Karaokebox entlangschmiegt, drängt sich einem der Schamkasten gefährlich nah auf. Und die Frage: Wenn sich Menschen aus dem Jahre 1992 u.a. für ihre Triebhaftigkeit, ihre eigene Vergesslichkeit darüber, dass sie noch existieren oder dafür geschämt haben, dass sie bei ihrer Omi auf den Teppich gekotzt haben- wie würde eine aktualisierte Bestandsaufnahme der individuellen Schamesröte aus dem Jahr 2016 ausfallen? Schämen wir uns immer noch für das Gleiche? Oder ist Scham in gewisser Weise zeitspezifisch?

Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Schamloses Rumgeflenne
Was den Einen zum Weinen bringt, bringt den Anderen zum Lachen. In der Arbeit Crying for the March of Humanity von 2012 weinen mexikanische Darsteller in ikonischer Telenovela-Manier. Ihr Weinen wird zum endlosen Standbild, zum eingefrorenen Rumgezappe zwischen sich gegenseitig einholenden Momenten der emotionalen Ekstase. Was sie an Sprache einbüßen, holen sie an Tränenflüssigkeit wieder raus: schon beim Aufstehen, beim Frühstück, im männlich dominierten Geschäftszimmer im Leo-Look, auf dem Hof oder in der Kammer- es wird geflennt das sich die Augen röten, von Mann zu Mann, von Frau zu Frau und von Kind zu Großmutter. Der Effekt dieser nie versiegenden Tränenquelle löst im Ausstellungsraum leises Kichern aus, welches sich in prustendes Gelächter steigert. Und dann kommt der Moment, in dem die süßlichen Bonbon-Farben, das Pink des Lippenstifts und die rasierte Brust einen langsam übersättigen. Und man den Wahnsinn kaum noch aushalten kann.

Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Reingefallen
Als die Galerieeigentümerin der Lisson Gallery in einer Videoarbeit Jankowkis die Arbeit des Künstlers einschätzen soll und schmunzelnd bekennt, dass sie sich irgendwie ausgenutzt fühlt, nickt ihr die ursprüngliche Titelbildskepsis zustimmend zu. Denn Jankowski scheint genau zu wissen, welche Fäden er in dieser Konstellation zusammenziehen möchte. Buying Art- But expensive schlägt die über dem Ausstellungsraum elegant überhebliche Lichtschrift vor- idealer hätte es die Galerie wohl auch nicht formulieren können. Ob die Kunstpreise der Werke Jankowskis mit dieser Ausstellungsplattform in die Höhe schnellen, ist eigentlich irrelevant. Sie enthalten nämlich einen Überschuss, der sich nicht verkaufen lässt, sondern nur in der eigenen subjektgebundenen Kunsterfahrung konserviert werden kann. Wer diesen Überschuss sucht, sollte versuchen ihn zu finden, und sich diese Retrospektive in der CFA Galerie Berlin anschauen. Der Eintritt ist ja umsonst.

Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Titelbild: Nina Hoss fotografiert von Franziska Sinn, Courtesy: CFA Berlin

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Blickwechsel – Beckmann und ich http://lesflaneurs.de/2015/11/26/blickwechsel-beckmann-und-ich/ http://lesflaneurs.de/2015/11/26/blickwechsel-beckmann-und-ich/#respond Thu, 26 Nov 2015 09:24:23 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6511 Zwischen schnellen Schritten, unzähligen Füßen und wuselnden Köpfen versuche ich, dem Maler zu begegnen, der mich heute Abend in diese Ausstellungshallen zog. Entlang der chronologisch kuratierten Gemälde finde ich ihn nur indirekt. Stattdessen führen mir die Bilder sein Berlin vor Augen, eine historisch gewordene Stadt zwischen den beiden Weltkriegen.

Mein Blick gleitet über das impressionistisch geprägte Frühwerk des Künstlers, und gerät im zweiten Raum ins Stocken. Irgendetwas hat sich verändert. Farben, Linienführung und Flächenverhältnisse passen nicht mehr zu dem Beckmann, mit dem ich zuvor vertraut geworden bin. Hier springt mir das Gesicht des Skurrilen entgegen, fratzenhaft und verzerrt. Ich verweile etwas zu lang im Sog des Leiermanns von 1935 und befürchte schon, das grausame Gebiss der zentralen Figur könnte puppenhaft mechanisch zum Sprechen ansetzen, da schaffe ich es, mich loszureißen und stolpere in den Mittelgang.

Berlin durch Beckmanns Blick: "Blick auf den Nollendorfplatz", 1911, Stiftung Stadtmuseum Berlin, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015
Berlin durch Beckmanns Blick: „Blick auf den Nollendorfplatz“, 1911, Stiftung Stadtmuseum Berlin, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Etwas wirr verspüre ich das Bedürfnis nach einer Zigarette, besser noch einem Glas Sekt, und kann an den suchenden Blicken meiner Mitstreiter ablesen, dass es ihnen genauso gehen muss. Zur Feier des 40-jährigen Bestehens lädt die Berlinische Galerie dazu ein, am Abend der Eröffnung zur „Max Beckmann und Berlin“-Ausstellung eine weitere Position des Künstlers zu betrachten, dessen prägendste Schaffensphasen sich in der Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen und den Zeitgenossen des damaligen Berlins vollzogen.

Ich finde, was ich suchte, allerdings nicht an der Bar des Hauses, sondern in dreifacher Form auf der Leinwand: Beckmann, der Sekt und die Zigarre. Auf seinem „Selbstbildnis mit Sektglas“ von 1919 präsentiert mir der Maler beide Objekte meiner momentanen Begierde in höchst affektierter Haltung, die eine Hand auf seiner Schulter ausgebreitet, zwischen den fahlen, gespreizten Fingern der charakteristische Glühstängel. Am Glas in seiner anderen Hand perlt noch der Schaum entlang, sein Blick geht an mir vorbei, ahnt er doch, dass ich kurz davor bin nach dem Sektkübel neben ihm zu greifen. Der Beckmann, der mich hier bewusst zu ignorieren scheint, zeigt mir seine arrogante Seite, wenn auch nicht ganz ohne Selbstironie. Seine hochgezogene Augenbraue reagiert auf eine Aussage seines unsichtbaren Gegenübers, dem er mit gekünstelter Skepsis und einem zur Seite gezogenen Mundwinkel begegnet.

Beckmann, der Sekt und die Zigarre: "Selbstbildnis mit Sektglas", 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015
Beckmann, der Sekt und die Zigarre: „Selbstbildnis mit Sektglas“, 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Als ich meinen Blick zu lösen beginne, bemerke ich, dass ich während meines Beobachtens selbst zum Objekt der Beobachtung wurde. Neun verschiedene Beckmanns prüfen mich von ihrer Leinwand aus, und jede scheint einen ganz anderen Menschen konserviert zu haben. Ein blaues Augenpaar fängt mich auf. Es ist der Blick des Jüngsten aus der Beckmannschen Ahnenreihe, der mich in stiller Zurückhaltung fixiert. Wir gucken uns an, als hätten wir einander gegenseitig bei einem Gedanken ertappt, den wir lieber für uns behalten würden und der nun unausgesprochen zwischen uns steht. Ich frage mich, was wohl gerade in diesem jungen Mann von 21 Jahren vor sich gegangen ist, als er sich in seinem Selbstbildnis von 1905 auf Jütland portraitierte. Die schemenhaft belassene Landschaft hinter ihm ist trügerisch, denn die blaue Krawatte verrät, dass er mit seinen Gedanken bereits im Kunstbusiness der Berliner Moderne angekommen ist. Fast scheint er sich auf dem Mund zu beißen, in gespannter Vorahnung der künstlerischen Aussagen, die er noch in der Welt treffen wird. Mir kommt dieses Übergangsstadium zur Adoleszenz sehr vertraut vor und ich verweile in dem Gedankenspiel, selbst vor 110 Jahren als junge Künstlerin ein Berliner Atelier in der Eisenacherstraße 103 bezogen zu haben, erfüllt von dem „was wir sind oder werden wollen, was wir hoffen, fürchten, glauben“, wie der junge Beckmann es damals in einem Briefwechsel beschrieb.

Anzug, Melone und Attitüde: "Selbstbildnis Florenz", 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, 
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford)
Anzug, Melone und Attitüde: „Selbstbildnis Florenz“, 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, 
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford

Von da an jedoch, fühle ich mich durch den Blick meines Beckmannschen Gegenübers latent underdressed und provoziert, meinen Hemdkragen hochzustellen, die Schuhe zu polieren und schnell eine ebenso imposante und unverrückbare Position einzunehmen. Das Selbst, welches das aktuelle Ausstellungsplakat ziert, ist nur zwei Jahre älter als sein Portraitvorgänger und hat sich schon komplett von allem Zögern und Zweifeln freigemacht. Er ist weiter gereist, befindet sich laut Titel in Florenz und wirft mir eine kühne Strenge entgegen, einen kommentierenden Blick, der den meinen nicht erwidern will. Ich pralle an ihm ab, er ist schon weiter gezogen, und hat sich selbst überholt.

Die variierende Intensität der Lebenssituationen, gepaart mit der Selbstinszenierung Beckmanns als Künstler von Welt führt zu einer Vielzahl von Blickwechseln, mit denen sich der Ausstellungsbesucher der Berlinischen Galerie konfrontiert sieht. Denn es gibt nichts, was den Raum so durchschneiden kann, wie der Blick aus und in eine vergangene Zeit, die sich in Form des menschlichen Antlitz mit dem Eigenen trifft.

Wer die Gegenüberstellung mit Beckmann nicht scheut und mehr über sein Wirken gerade im Zusammenhang mit anderen Künstlern der Moderne erfahren möchte, kann dies noch bis zum 15. Februar 2016 in der Berlinischen Galerie tun.

 

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