Julia, am 24.01.2016 wird der neue SR-Tatort ausgestrahlt. Du bist daran nicht ganz unbeteiligt. Was war deine Aufgabe?
Meine Ideen und Erfahrungen aus meinem Leben als Gehörlose ins Drehbuch einfliessen lassen, also die Fachberatung zu liefern, was dann dazu führte, dass ich auch am Drehbuch mitgearbeitet habe. Das wird auch im Vorspann vom Tatort so stehen, was ein unbeschreiblich tolles Gefühl ist.
Wie bist du dazu gekommen?
Peter Probst, ein sehr bekannter Drehbuchautor, trat an mich heran im Herbst 2014 mit seinem Anliegen. Er habe da eine Anfrage für einen Tatort und diesen möchte er in der Gehörlosenwelt spielen lassen. Ob ich ihm helfen würde mit meiner Expertise in eigener Sache? Und so begann unsere Zusammenarbeit und Freundschaft – eine sehr tolle und intensive, wofür ich sehr dankbar bin. [Peter Probst ist trotz Namensgleichheit nicht mit Julia verwandt – Anmerk. der Redaktion]
Kannst du uns ein bisschen verraten, worum es in dem Tatort gehen wird?
Es kommt jemand ums Leben und die Leiche soll beiseite geschafft werden, aber leider gibt es einen Zeugen, der genau weiss, was passiert ist, worauf das Geschehen seinen Lauf nimmt, aber nicht so, wie es die Beteiligten es erwartet haben. Es sind eigentlich 3 Geschichten, die nebenbei erzählt werden, wobei die 2 Storylines klar erkennbar sind, die dritte aber erst am Schluss enthüllt wird, wenn man genau aufpasst.
Ich bin eigentlich großer Striesow-Fan und war von den bisherigen Fällen allerdings sehr enttäuscht. Was hältst du vom Tatort aus Saarbrücken?
Von den bisherigen Fällen aus Saarbrücken war ich bisher auch nicht sehr angetan, weshalb ich kein großer Fan des Teams bin. Aber ich halte sehr viel von Striesow, unter anderem auch, weil er richtig nett ist und ein richtig guter Schauspieler ist.
Wenn du jede Tatort-Redaktion beraten könntest – was wäre dir besonders wichtig?
Mir wäre vor allem eine inklusive Besetzung wichtig, wenn eine Rolle eine Behinderung hat, dann sollte man auch einen Schauspieler suchen, der die gewünschte Behinderung hat. Es gibt sie, man muss sie nur suchen und auch finden wollen. Und was ich auch wichtig finde: Man sollte viel mehr auf sprachliche Formulierungen achten. Ich kann schon gar nicht mehr aufzählen, wie oft im Tatort schon „taubstumm“ verwendet worden ist, obwohl dieser Begriff sehr diskriminierend ist für uns Gehörlose, weil wir ja nicht stumm sind, sondern sprechen können. Unsere Stimme hört sich halt anders an. Und die Begriffe „Spast“ oder „Bist du behindert, oder was?“ sollten auch gestrichen werden, denn so macht man Behindertenfeindlichkeit salonfähig, denn Sprache formt unsere Vorstellung und Verhalten. Das Fernsehen hat hier ja doch einen sehr großen Einfluss. In meinen Augen muss auch vom Fernsehen ein großes Signal zur Inklusion kommen, damit die Gesellschaft dieses Signal aufnimmt und auch weiterhin an sich arbeitet.
Warum sollte ich trotz meiner Saarbrücken-Abneigung „deinen“ Fall einschalten?
Stellbrink hat mehr Ecken und Kanten bekommen, außerdem tut er etwas, was er sonst nicht tun würde – es wird allen Striesow-Fans gefallen.
Und die Storyline ist auch ganz nett – wir haben es geschafft, die Balance zu halten, dass die Geschichte sich ja nicht hauptsächlich um die Gehörlosen spielt, sondern dass sich das so ergeben hat und es in erster Linie ein spannender Kriminalfall ist, der eben anders ist, wenn die Kommunikation anders ist.
Vielen Dank, Julia, für das Interview. Das Kriminalsofa-Team ist gespannt und freut sich auf die Erstausstrahlung von „Totenstille“ – am 24.1.2016 auf der ARD.
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Noch bis 14. Juni laufen in Hannover die KunstFestSpiele Herrenhausen. Herrenhausen, das ist da, wo Hannover richtig schön ist. Dort steht nämlich ein Schloss, das heute ein Museum ist und die dazugehörigen Gärten. Ich erzähle immer gern davon, wie ich die Gärten in Schloss Schönbrunn in Wien betrat und neben mir ein Mann sprach: „Ach, das sieht ja aus wie in Hannover!“ Ja, so schön ist das nämlich hier!
Aktuell werden die Herrenhäuser Gärten mit Kunst und Musik gefüllt und belebt. Bereits zum sechsten Mal findet das zweiwöchige Festival KunstFestSpiele Herrenhausen statt. Intendantin Elisabeth Schweeger verabschiedet sich mit diesen Festspielen, im nächsten Jahr übernimmt Ingo Metzmacher das Zepter. In ihrem letzten Jahr hat Schweeger noch einmal ein imposantes Programm zusammengestellt, dass aus drei Schwerpunkten besteht: Theaterland China, „En blanc et noir“ und „Salto Vocale“. Bei „En blanc et noir“ spielen ausgewählte Solisten an Tasteninstrumenten und „Salto Vocale“ zeigt die Facetten der menschlichen Stimme. Ich habe mal ins Programm geschaut und euch meine Favoriten herausgepickt:

Wer eine Pause braucht, nimmt im Garten Platz: auf den bunten Ballen von Michael Beutler. Der Künstler presst aus bunten Trinkhalmen Ballen, wie Strohballen auf den Feldern. Sieht natürlich so viel besser aus! Zu jedem Ausstellungsort presst er die Trinkhalme neu zusammen, so entstehen immer neue Farbkombis. Das Beste: Man darf sich tatsächlich draufsetzen! Die Geräte, die Beutler für die Arbeit braucht, erstellt er selbst. Außerdem bezieht er Dritte in seine Arbeit ein. In Hannover haben mehrere Freiwillige vor den KunstFestSpielen die angelieferten Trinkhalme farblich sortiert.
Tickets für alle Veranstaltungen gibt es auch online und das komplette Programm steht hier zum Download bereit.
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Feminismus als Trend bei den großen Designer_innen? Gähn! Aber es geht auch anders: Internationale Modeblogger_innen, die politische Einstellungen nicht instrumentalisieren, sondern mit grandiosen Outfits jenseits vom weißen, schlanken Medienbild Aufmerksamkeit generieren. Selfies als empowerndes Mittel, um der Welt zu zeigen, wie fabulous Frauen* sind. Über das Netz verbreitet sich ein neues Verständnis von Feminismus und Fashion – genau das wollten die Flâneurinnen Kathrin und Ninia auf der re:publica 2015 zeigen. Ninia gab euch einen Überblick über einige Blogs, Instagram-Accounts und Hashtags, denen sie gerne folgt und Kathrin widmete sich der Selfie-Kultur und erklärte, warum gerade Selfies so gut und wichtig sind. Damit ihr alle Links und Quellen, derer wir uns bedient haben, gut wiederfindet, haben wir sie an dieser Stelle gesammelt:
In dem kurzem historischen Abriss erwähnte Ninia den aktuellen Fall einer französischen Schülerin, die wegen ihres vermeintlich zu langen Rocks aus dem Unterricht ausgeschlossen wurde. Hier findet ihr mehr Hintergrundinfos dazu.
Ninia erwähnte am Rande auch die klassische Modeindustrie und Karl Lagerfelds Versuch, den Laufsteg feministisch zu gestalten. Hier gibt’s einen tollen Artikel von Anna Meinecke zu diesem Thema.
Das wort „Selfie“ wurde das erste Mal 2002 in einem australischen Forum erwähnt. Tatsächlich gibt es das Selfie in der Kunst aber schon viel länger – Kathrin hat im Vortrag z.B. Frida Kahlo gezeigt. 2013 erschien auf Jezebel ein Artikel von Erin Gloria Ryan, der Selfies nicht empowernd und „Schrei nach Hilfe“ bezeichnete. Auf diesen Artikel gab es viele Reaktionen, u.a. diese von Mikki Kendall:
Actually can we talk about what #selfies mean to people who never get a chance to see themselves in mainstream media?
— Mikki Kendall (@Karnythia) 21. November 2013
Aus Protest gegen den Artikel entstand der Hashtag #feministselfie. Denn: Selfies können ein Instrument zur Identitätsbildung, Akzeptanz des Selbst-Bildnisses und “Self Care” sowie zur selbstbestimmten Darstellung des eigenen Körpers und ein Mittel gegen das “Regime of Shame” sein. [Quellen: Koskela 2004, Tidenberg 2014, Ehlin 2014]
Auch die Journalistin und Bloggerin Hengameh Yaghoobifarah schreibt viel zum Thema Selfie: „Vorbilder aus den Medien sind so vielfältig wie 356 Tage im Jahr Toastbrot: ziemlich weiß.“ Sie fasst ihre eigenen Selfies des Jahres in einem Best-of zusammen und erklärt auf ihrem eigenen Blog, warum Selfies für viele Menschen wichtig sind.
Erin Tatum erklärt auf everydayfeminism.com die Bedeutung von Selfies und Roman Bucheli widmet sich dem fantastischen Selfie-Stick.
Außerdem hat Kathrin das Projekt anderFashion von Anastasia Umrik vorgestellt, eine Modenschau, die noch finanzielle Unterstützung sucht.
Folgende Artikel haben wir außerdem zitiert, um Themen, die in die 30 Minuten nicht reingepasst haben, zu erwähnen:
Abschließender Buchtipp: „Women in Clothes“ – daraus stammte auch die Fotostrecke mit Schauspielerin Zosia Mamet, die ihr hier online findet.
Zum Thema hat sich Ninia auch noch mit Teresa von Radio Fritz unterhalten, hier nachzuhören.
Den ganzen Talk könnt ihr hier nachhören.
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Einige von uns Flâneuren schauen gerne den Tatort. In einem kurzen Rückblick zeigen wir euch an jedem Nach-Tatort-Montag, was wir über den aktuellen Tatort denken, welche Gefühle wir beim Schauen hatten und ob es sich lohnt, noch einmal in die Mediathek zu schauen.
Titel: Schwerelos
Stadt: Dortmund
ErmittlerInnen: Faber, Bönisch, Dalay & Kossik
Austrahlungsdatum: 03. Mai 2015
Ninia: Fliegende Menschen, ein Kind mit einer Bastelschere und zu viel Flirterei.
Johanna: Ein graues Dortmund im Wechselspiel zwischen Szenediskotheken und leerstehenden Fabrikhallen und einem toten Basejumper, der zwischen all den Gefühlen irgendwie in den Hintergrund geriet.
Ninia: Faber fast handzahm heute.
Johanna: Die Szene im Auto, als Bönisch an der Ampel in Tränen ausbrach und apathisch in ihrem Auto saß. Wow. Extrem gut geschauspielert.
Ninia: Absolut! Schauspielerisch ist Dortmund eh mit Abstand vorne.
Ninia: Es war sehr ruhig. Passte ja auch irgendwie. Trotzdem hat mir noch irgendwas Spektakuläres gefehlt.
Johanna: Hat dir die Sexszene nicht gereicht? Oft kriegen wir so was ja nicht zu sehen.
Ninia: Ach, ich weiß auch nicht.
Ninia: Höhe. (Dann doch auch Zuhause ein bisschen Angstschweiß gehabt.)
Johanna: Geatme. Dieses Beatmungsdingens. Ständig hat jemand total präsent geatmet. Wobei das natürlich zur Stimmung gepasst hat. Langatmig und so, haha.
Ninia:
In diesem #Tatort wird hauptsächlich geatmet.
— mueslikind (@mueslikind) 3. Mai 2015
Ninia: “Hübscher Kerl, ist leider blöde hingefallen.” Eher Monolog, aber ein 1a-Faber.
Johanna: „…außerdem solltest du erst mal eine Vermisstenanzeige aufgeben“ – „Mann, bist du deutsch!“
Johanna: Ich mochte das, als Faber auf der Suche nach dem Fallschirm alleine diese eine alte Fabrik erkundet hat. Die Kameraführung und die Aufnahmen waren echt toll, alles sehr ästhetisch – wenn auch grau.
Ninia: Ich mochte ziemlich viel in diesem Tatort. Kameraführung – gutes Stichwort! Und die Farbe. Ansonsten: Als beide am Ende die Schere kommentarlos aus dem Auto warfen.
Johanna: Woher wusste Kossik immer, wo Dalay mit dem Jumpertyp hingefahren ist? Überwachung oder was?
Ninia: Ja, das ist die große Frage! Und: In allen anderen Städten hat noch nie jemand etwas von einer polizeilichen Ausweispflicht gehört. Hier kein Fehler, aber eben überall anders.
Johanna:
Bewohner von Häusern mit großen, bodentiefen Fensterfronten sind überdurchschnittlich oft in Verbrechen verwickelt. #Tatort
— Tatort-Blog (@tatortblog) May 3, 2015
Ninia:
Ich kann seit GoT und den Lannisters keinen Film mehr mit Geschwistern sehen, ohne zu denken, dass sie zusammen sind. #tatort
— Nhi. (@narcoticarts) 3. Mai 2015
Ninia: Bestanden. (So einfach ist das, wenn man mal mehr als eine Ermittlerin hat!)
Johanna: Daumen hoch für Dortmund!
Ninia: Polizeiliche Ausweispflicht. Und: Auch noch dem Tatort werde ich nie (nie, nie, nie) auch nur über die Möglichkeit eines Fallschirmsprungs nachdenken.
Johanna: Es sind doch immer die Psychokinder mit den großen Augen.
Ninia: Ach, alles cool. Weiter so. Vielleicht lassen wir das mit diesem Paargedingse zwischen Kommissarin und Kommissar noch, aber sonst.
Johanna: Ein klitzekleines bisschen mehr Spannung, aber das ist meckern auf hohem Niveau.
Ninia: Johanna und ich drehen einen eigenen Tatort auf der re:publica. Twittert uns an und meldet euch, wenn ihr mitmachen wollt. Bald gibt’s auch den Drehplan!
Johanna: Das wird toll, versprochen! Einfach #tatortaffenfelsen – wir haben noch ein paar super Rollen zu vergeben, u.a. suchen wir noch nerdige Spusi-Menschen, die gerne Blutanalysen à la Dexter machen.
Ninia: Ich gebe eine 2+. Ich war ziemlich zufrieden. Wenn meine Tatort-Internet-Karriere vorbei ist, schaue ich nur noch Dortmund.
Johanna: Da schließe ich mich an. Dortmund gehört einfach zu meinen Lieblingen. War einfach sehr rund, tolle schauspielerische Leistungen – auch der kleine Junge hat sehr überzeugend geweint, Aylin Tezel darf eigentlich sowieso in jedem Tatort mitspielen, die bedrückende Stimmung und die Farbgebung und die intensiven Geräusche…
Ninia: Ach, Aylin! Der Mann meckert, dass wir uns zu sehr von Erwartungen an Lieblingsteams beeinflussen lassen. Er fand’s eher lame. Ich bleibe bei meiner Benotung. Und wenn schon! Niemand hat gesagt, dass ich objektiv bin.
Johanna: Naja, erwartet habe ich eine 1+ – verschenkt wird hier ja nichts, ne. (Wäre Falk heute dabei gewesen, hätte der sicher gemeckert…)
Ninia: Korrekt!
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In Würzburg ist der Main fast das Mittelmeer.
Wir sitzen dann an den Ufern oder auf den Kuttern, die einem frischen Fisch machen und jemand holt Wein von den Hängen gegenüber.
Man muss pro Tag mindestens eine Brücke überqueren und das beruhigt von innen irgendwie.
Vor allem mag ich den Blick in die Nacht von den Weinbergen, die Wanderungen entlang der Reben, den Blick von der alten Mainbrücke in eine Mischung aus Schornsteinen, Kirchen und Natur, das lässt meine Pupillen nicht brechen wie in so vielen anderen Städten davor.
So südlich ist das und es gibt Straßenbahnen und ein Theater und Orte, die heißen „Wunschlos glücklich“, „Café zum schönen René“ und „MS Zufriedenheit“, an denen man bleiben kann.
Es ist alles gerade groß genug, die Stadt passt mir wie ein Schuh, den ich in den Nächten zertanze, weil ein paar Menschen hier wirklich gute Musik machen, und bis 1 Uhr sieht man noch die beleuchtete Festung aus dem Club.
Im Sommer gibt es Kino und Konzerte, im Winter oft nur den Versuch von Schnee und es fühlt sich immer richtig an, wenn ich die Haustür öffne oder schließe.
Pauline Füg, lebt in Würzburg und in Fernverkehrszügen. Weiß nie, ob sie auf die Frage „Was machst du beruflich?“ antworten soll „Psychologin“ oder „Schriftstellerin“ und reagiert meistens spontan. Hobbies hat sie auch. Und den Bayerischen Kulturpreis 2011.
In unserer Serie „Sieben Sätze“ erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!
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Constantin Alexander ist 32 Jahre als und lebt in Hannover und arbeitet als Journalist für Kultur- und Wirtschaftsthemen und Nachhaltigkeitsberater. Er ist ein Teil des Literatur-Elektro-Duos Beatpoeten. Auf experimentihmezentrum.wordpress.com schreibt er über sein Leben im umstrittensten Viertel der niedersächsischen Landeshauptstadt.
In unserer Serie „Sieben Sätze“ erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!
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Je länger ich in Hannover lebe, umso besser lerne ich die wahren Schmuckstücke dieser Stadt kennen. Wer immer noch meint, Hannover sei eine langweilige 08/15-Stadt, möge diese Meinung bitte behalten und die Stadt einfach in Ruhe lassen. Dem Rest empfehle ich bei jedem Gespräch gerne immer wieder die tolle Kulturszene.
Dieses Wochenende also Märchen. fensterzurstadt ist ein Off-Off-Theater aus Hannover, das von den freien Theatermacher_innen Ruth B. Rutkowski und Carsten Hentrich geleitet wird. Ihr Stück „Graus und Grimm“, von dem Kollektiv geschrieben und produziert, inszenieren sie auf der Bühne der Alten Tankstelle. Ein Spielort, den ich neu kennenlernen durfte. Und was für einer! Der Hof der Tankstelle entführt in die Atmosphäre der 50er Jahre. Alte Möbel, orangefarbene Stühle und eine kleine Bar dort, wo früher das Kassenhäuschen war. Dann werden die Zuschauer_innen gesammelt in den Saal gebracht. Nach wenigen Minuten rieselt Konfetti-Schnee aus der Decke, und eine Frau mit ruhiger Stimme, von der wir bis jetzt nur die Beine durch die Decke baumeln sehen, beginnt das Stück mit einem Monolog über ein Mädchen, das einst von seinem Vater die Klippe hinuntergestürzt wurde und im tiefen Wasser starb.
„Graus und Grimm“ ist eine Collage der Suche nach dem Leben, der Orientierungslosigkeit und der Liebe. Bruchstückhaft zitiert das Ensemble Märchenmotive und erzählt doch seine eigene Geschichte. Drei Männer, die auszogen, sich selbst und ein neues Leben zu finden, treffen am Anfang des Stücks aufeinander und beschließen, gemeinsam in die Stadt zu gehen, um Musiker zu werden. Beim Durchqueren des Waldes wissen sie plötzlich nicht mehr, wohin, und bauen ihr Zelt auf, um nicht in der Dunkelheit weitergehen zu müssen. Sie sind getrieben von einer inneren Angst und dem Druck, etwas Neues, finden zu müssen. Beobachtungen und Erlebnisse im Wald vermischen sich mit Einbildungen und Geschichten, die sie mal gehört haben – dies führt unweigerlich zur Eskalation.
In der Nacht kommen auch Gestalten in den Wald, die sich tagsüber versteckt halten. Dazu gehören die Frau-Holle-artige Erzählerin vom Anfang und ein hübsches Mädchen, das auch auf der Suche zu sein scheint. Eine Art Halbtote, die zwischen den Welten gefangen ist. Einerseits benötigt sie die Führung und den Rat der Älteren, andererseits scheint sie sich sehr zum jungen Wanderer hingezogen zu fühlen. Vielleicht ist es das Mädchen, das einst von der Klippe stürzte und von dem immer wieder bruchstückhaft erzählt wird. Einer der Wanderer hält die Angst nicht mehr aus. In sprunghaft-großen Schritten durchquert er den Wald, verirrt sich immer wieder aufs Neue und gerät in Sackgassen. Das Mädchen und der junge Wanderer finden im Schlaf, oder vielleicht soll es auch der Tod sein, zueinander, und am Ende zählt nur, dass die Frau und der letzte Wanderer es schaffen, das Herz wieder zum Schlagen zu bringen.
Die Inszenierung erzählt keine stringente Geschichte und genau deshalb fand ich sie absolut fantastisch. Die Zuschauer_innen folgen den Wanderern in den Wald und werden in eine Welt voll Unwahrheiten, Einbildungen und Zwielicht entführt. Besonders die musikalische Untermalung und die Geräuschkulisse waren herausragend. Die Schauspieler_innen bedienten im Spiel eine Loopstation, mit der sie Geräusche im Wald, am Lagerfeuer oder im Wasser nachahmten. Spannend, dabei zuzuschauen, ohne dass es das Stück in irgendeiner Form gestört oder unterbrochen hätte. Das Stück ist ein Gesamtkunstwerk aus Text, Musik, Licht und Sound.
Das Spiel von Alexandra Faruga und Carsten Hentrich war außergewöhnlich originell und sehr beeindruckend. Was nicht heißt, dass nicht auch die anderen Darsteller_innen ihre Rollen sehr gut ausfüllten und belebten. Ich bin völlig ohne Erwartungen in das Stück gegangen und bin auch heute noch nachhaltig imponiert von „Graus und Grimm“. Fast schade, dass ich das Kollektiv erst jetzt kennenlernte. Die zukünftigen Stücke werde ich mir in jedem Fall anschauen.
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Wer sich „Graus und Grimm“ auch noch anschauen möchte, hat noch folgende Gelegenheiten:
20./21./28. Februar
06./07. März
jeweils um 20 Uhr in der Alten Tankstelle Hannover
Karten unter 0511-22021912 oder im Künstlerhaus Hannover.

Hannover verbinden die wenigsten in meinem Freundeskreis sofort mit internationaler Kunst und Kultur. Sie liegen aber falsch. Denn: Hannover kann was. Vor wenigen Wochen besuchte ich die spannende Fotografieausstellung in der kestnergesellschaft und jetzt habe ich mir die Fotos von Martin Parr im Sprengel Museum angesehen. Gleich beim Eintritt in die Ausstellung werde ich von einer riesenhaften, bunten Wand erschlagen. Mir kommt es vor, als hätte jemand den gesamten Instagram-Account Parrs ausgedruckt und aufgehängt. Ein bunte Superwand, die bei den Besucher_innen das beliebteste Fotomotiv ist. Parr zeigt hier vermeintlich typische britische Gegenstände und Orte. Demnach müsste Großbritannien ein Ort voller Zuckerwatte, Glitzer und Fröhlichkeit sein. Schön!
Gleich daneben wartet mein Highlight der Ausstellung: Sämtliche Selbstporträts Parrs, die er in verschiendenen Fotostudios in aller Herren Länder gemacht hat. Parr in einem Weinglas, Parr als Astronaut, Parr, steif und kaum lächelnd auf einem harten Stuhl … Die Bilder zeugen von viel Selbstironie und sind gleichzeitig besonders komisch, weil es all diese Kulissen tatsächlich gibt. Wer erinnert sich nicht an kuriose Kulissen, in die man als Kind gesetzt wurde und dann bitte mal richtig fröhlich gucken sollte? Genau diese Kulissen hat Parr sich ausgesucht, um sich selbst zu fotografieren.
Ungewollte Komik„We love Britain“ lautet der Ausstellungstitel und nimmt Bezug auf das 300. Jubiläum der Personalunion. Schon seit Mai gibt es dazu verschiedene Ausstellungen in der ganzen Stadt. Die weitere Ausstellung führt mich, thematisch passend dazu, durch mein eigenes Bundesland. Parr ist durch Niedersachsen gereist und hat die Spuren seiner britischen Heimat gesucht. Gefunden hat er kuriose Szenen und Bilder von Menschen, die privat Militärmuseen führen (why?), sehr große Fans des britischen Königshauses sind oder einfach nur gespannt bei diversen Veranstaltungen zuschauen. Parr macht ungewollt komische Porträts von den Menschen in Niedersachsen und vergrößert einzelne Details so, dass sie nicht in der Masse eines Bildes untergehen. Bei manchen Bildern konnte ich gar nicht glauben, wie sehr Parr beim Drücken auf den Auslöser den richtigen Moment getroffen hat.
Außerdem sehr sehenswert: Seine letzte schwarz-weiß Serie „Bad Weather“ aus dem Jahr 1982. Parr fotografierte Häuser und Dörfer in Großbritannien, während es regnete oder stürmte. Eine schöne Fotoreihe, die mich gleich melancholisch werden ließ.
Die Ausstellung ist noch bis 22. Februar im Sprengel Museum in Hannover zu sehen. Pro-Tipp: Freitags hat das Museum freien Eintritt!
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Theresia Reinhold ist durch verschiedene Städte der USA gefahren und hat ihn gesucht – den amerikanischen Traum. In ihrer Dokumentation „Dreams Pieces“ redet sie mit vielen Menschen und spricht mit ihnen über das, was vom amerikanischen Traum übrig geblieben ist, ob es ihn überhaupt noch gibt und wie sehr dieses Konzept durchwebt ist von Rassismus und anderen Diskriminierungen. Flâneurin Ninia hat den Film gesehen und Theresia ein paar Fragen gestellt.
Theresia, du bist für deinen Film durch die USA gereist und hast mit verschiedenen Menschen über den „American Dream“ gesprochen. Wie bist du auf die Idee gekommen?
Die Idee zu „Dreams&Pieces“ entstand schon vor einigen Jahren, als ein us-amerikanischer Freund von mir und ich überlegten, irgendwann mal einen Roadtrip von der Ost- zur Westküste der USA zu unternehmen. Damals fand ich die Vorstellung toll, das Ganze zu filmen. Zu diesem Trip kam es jedoch nie, aber die grobe Idee blieb erhalten.
Als ich dann im Oktober 2012 den Dokumentarfilm „Uncle Bob“ sehen und mit dem Filmemacher sprechen konnte, war dies ein wichtiger Moment für das noch vage Projekt und mich. Denn auch „Uncle Bob“ ist eine low- bzw. no-Budget Produktion, die dank ganz viel Leidenschaft für das Thema von Robert Oppel umgesetzt wurde. Zwei Tage später buchte ich den Flug und entschied mich endgültig dafür, den Film zu drehen.
Das Thema war jedoch noch um einiges weniger konkret, woher auch der Arbeitstitel „Show me your Homeland“ rührte. Aber nach einigen Tagen und Gesprächen in den USA wurde sehr schnell klar, dass es viele, auch junge, Menschen gibt, die sich mit dem Konzept des „American Dream“ befassen und der Frage, wie sehr Rassismus und andere Diskriminierungsformen diesen beeinflussen, bzw. es für viele Personen unmöglich machen, diesen Traum zu erreichen. Über Rassismus wird nach wie vor zu wenig gesprochen. Wer nicht offen rechts lebt, kann ja kein_e Rassist_in sein – lautet das Vorurteil. Aber Alltagsrassismus muss besprochen werden, damit sensibilisiert werden kann. Und das ist nicht nur die Aufgabe von wenigen, sondern von vielen.
Die geführten Gespräche und Debatten verlaufen oft und leider sehr exklusiv und auf einer Ebene, der nicht jede*r einfach so folgen kann. Aus unterschiedlichsten Gründen haben viele Menschen bisher kaum Sensibilisierung erfahren und diese Personen werden oft nicht erreicht, ähnlich wie beim Sprechen über andere Diskriminierungsformen. Ich glaube, und hoffe, dass „Dreams&Pieces“ dies erreichen kann, dass es Sinn ergibt niedrigschwellig anzusetzen und auch eine Sprache zu verwenden, die verständlich ist.
In den Antworten kristallisiert sich schnell heraus, dass zwar jede_r etwas anderes mit dem „American Dream“ verbindet, aber alle sind sich einig, dass dieses Konzept durchwebt ist von Rassismus und anderen Diskriminierungen. Wenn du das zusammenfassen müsstest – welches waren die Hauptpunkte?
In einem Satz würde ich sagen „Der „American Dream“ ist ein Konzept, welches für weiße, mittelständische US-amerikanische Staatsbürger funktioniert.“ (Staatsbürger gendere ich hier bewusst nicht.)
Auch wenn die USA als „Schmelztiegel“ gelten, lehrt uns die Gegenwart, wie auch schon die Geschichte, dass Schwarze Menschen und People of Color nach wie vor einem starken Rassismus ausgesetzt sind – das kennen wir aber auch aus anderen Staaten. Denn der „American Dream“ ist kein rein US-amerikanisches Konstrukt, er existiert überall dort, wo Besitz und die dadurch entstehende, angebliche, Freiheit das Ideal der Gesellschaft sind.
Der „American Dream“ baut darauf, dass du alles schaffen und werden kannst, wenn du nur hart dafür arbeitest. Wenn du jedoch von Rassismus, Sexismus, Homo- oder Transpobie, Ableismus, Klassismus oder intersektionalen / Mehrfachdiskriminierungen betroffen bist, ist es schwierig, überhaupt den Punkt zu erreichen, an dem diese „Arbeit“ (Lohnarbeit) möglich ist. Es ist der Traum einer mehrheitlich männlichen, „weißen“, sogenannten Mittelschicht, aber viele Menschen, auch außerhalb der USA lebende, sitzen ihm auf.
Du bist durch verschiedene Städte gereist? Welches waren deine Stationen? Und gab es unterschiedliche Meinungen von Stadt zu Stadt?
Der Trip umfasste rund 8.000 Meilen, also knappe 12.000 km.
Er begann in Chicago und führte mich zuerst nach Columbus in Ohio, nach Milwaukee (Wisconsin), Bloomington-Normal (Illinois), St. Louis (Missouri), Memphis (Tennessee), New Orleans (Louisiana), Houston, Austin (Texas), Alberqueque (New Mexico), Phoenix (Arizona), San Francisco, Sacramento (Californien), Reno (Nevada), Salt Lake City (Utah), Denver (Colorado), Indianapolis (Indiana), Pittsburgh, Harrisburg, Philadelphia (Pennsylvania), Camden (New Jersey), New York, Washington D.C.
Die gesamte Zeit über, konnte ich bei Couchsurfern übernachten, wodurch ein sehr enger Kontakt möglich wurde, sowohl mit dem Personen, die ich interviewte, als auch mit denen, die nicht vor die Kamera wollten / konnten. Aber das half mir sehr, noch viel mehr verstehen zu lernen. Auch mit den interviewten Personen verbrachte ich vorher Stunden bis mehrere Tage, bevor das „eigentliche“ Interview stattfand. Das führte häufig dazu, dass sie sehr persönliche und intime Dinge erzählten. Das habe ich natürlich nicht im Film verwendet.
Die Meinungen unterschieden sich zwar stärker von Person zu Person und wurden durch die persönliche Geschichte und das, was andere im eigenen Umfeld erlebt haben, beeinflusst, aber es gab durchaus auch Interviews und Erzählungen, bei denen die Stadt eine maßgebliche Rolle spielte.
Das eingängigste Beispiel dafür war die Geschichte, die Ruth aus Camden, New Jersey erzählte. Camden, welches mit dem Bus nur wenige Minuten von Philadelphia entfernt liegt wurde von dem Journalisten Chris Hedges und dem Illustrator Joe Sacco in ihrem letzten Buch „Days of Destruction, Days of Revolt“ als „Sacrified Zones“, also geopferte Region beschrieben. Damit meinen sie Regionen in den USA, welche scheinbar vergessen wurde, vergessen in ihrer wirtschaftlichen und sozio-ökonomischen Entwicklung. Es gibt kaum bis keine Subventionen und selbst Grundnahrungsmittel wie Gemüse und Obst sind nicht zu finden. Ruth erzählte, dass sie an dem Tag, als wir uns kennen lernten, Gemüse kaufen wollte und in 30 Minuten 5 verschiedene Läden durchsucht hatte – alles was sie fand war eine Zwiebel.
Camden ist die ärmste Stadt der USA und gleichzeitig auch die gewalttätigste. Die Menschen dort kämpfen mit einem ganz anderen Alltag. Aber was in der Außenwahrnehumg vergessen wird: „Wer Armut erfährt, erfährt zu einem großen Teil Ungleichheit und das führt zu Gewalt.“ (Ruth)
Nach deiner Reise – glaubst du, dass es so etwas wie den „American Dream“ noch gibt? Und dass Menschen noch daran glauben?
Sicher gibt es noch Menschen die daran glauben, vermutlich sogar ziemlich viele in vielen verschiedenen Ländern. Aber gleichzeitig ist es kein großes Geheimnis, dass die Vorstellung des amerikanischen Traumes ein Mythos ist. Im Gegensatz zu den großen Siedlungsbewegungen im 18. Jahrhundert ist der „American Dream“ aber nunmehr ein vor allem im Kapitalismus und Neoliberalismus angesiedeltes Konzept. Denn nicht nur Menschen in den USA sagen: „Wenn du hart arbeitest, wirst du auch jemand.“ – Was im Umkehrschluss fast immer auch bedeutet: „Tja, selbst Schuld, wenn du faul bist.“
Dieses Konzept ist gefährlich und ungerecht, denn es geht von einer Chancengleichheit aus, die nicht gegeben ist, in den USA nicht und in keinem Land der Welt, auch wenn einige Staaten näher dran sind, als andere. Menschen werden überall diskriminiert und das muss aufhören. Hätte schon längst aufhören müssen.
Ich finde das gesamte Konzept des „American Dream“ gefährlich! Entweder führt er zu einem Individualismus, der für die Gesellschaft nicht gesund ist, oder er wirkt als Opium. Leider ist das Thema zu groß und zu umfangreich für jetzt, aber vielleicht widme ich mich dem auch nochmal umfangreicher an anderer Stelle.
Das heißt, du hast du weitere Projekte geplant?
Oh ja. Die nächsten beiden Projekte werden schon geplant, aber mittlerweile sind wir ein Team und wollen mit anderen Teams kooperieren, was sehr sehr schön ist. Einen Film alleine zu drehen, ist auch eine tolle Erfahrung, aber ich bin sehr froh darüber, nun Menschen zu haben, die ähnliche Vorstellungen davon haben, was gute (also vor allem moralisch gute) Dokumentarfilme sind. Die Problematik beginnt ja bereits vor dem Thema oder dessen Umsetzung. Und zwar damit, dass allein die verwendete Technik einer rassistischen Tradition folgt. Wir beschäftigen uns also auch viel mit der Frage, welche Bildhaftigkeiten möglich sind, um keinen Film zu produzieren, der „über“ etwas berichtet, sondern, der ein Thema berichten lässt.
Deshalb fehlt in „Dreams&Pieces“ auch das B-Roll Material, also die Bilder, die sonst immer über die Interviews gelegt werden. Ich wollte, dass das Publikum den Menschen zusieht. Das nicht mehr über sie gesprochen wird, sondern dass sie sprechen. Das bricht mit Sehgewohnheiten und tut vielleicht auch weh, weil es anstrengend ist. Aber ich halte es für eine Möglichkeit, eine legitime Möglichkeit.
Über die anderen Projekte möchte ich an dieser Stelle nicht so viel verraten, außer, dass es zwei Dokumentarfilme zu sozialpolitisch wichtigen Themen werden. Zur Abwechslung wird aber auch ein Musikvideo gedreht und ich plane einen Kurzfilm, der einfach nur schön werden soll.
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Das ist der Trailer zum Film:
Trailer: Dreams & Pieces from Zitter Art on Vimeo.
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Theresia Reinhold lebt in Berlin, dreht Filme und Videos am Schnittpunkt zwischen Kunst und Journalismus, versucht ihr Studium der Zeitgeschichte abzuschließen und ist ganz hibbelig, weil sie erst im Januar erfährt, ob ihr Film „Dreams&Pieces“ bei der Berlinale angenommen wird.
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Die kestnergesellschaft in Hannover hat zwei neue Ausstellungen eröffnet. Im Erdgeschoss treffen die Fotokünstler Andreas Gursky, Jeff Wall und der Maler Neo Rauch aufeinander. Was im ersten Moment wie eine wilde Mischung klingt, wird beim Anblick der Werke und deren ungewöhnlichen Ähnlichkeiten klar: Die drei zeitgenössischen Künstler beschäftigen sich mit menschlichen Figuren, jeder auf seine eigene Art und Weise. Und doch zeigen sie Ähnlichkeiten in Emotion, Beziehung und Ausdruck.
Ich bin schon lange großer Gursky-Fan und allein seine Fotografien hätten ausgereicht, um mich in die Ausstellung zu locken. In Kombination mit den anderen Künstlern werden aber auch seine Werke auf eine neue Ebene gehoben. Gurskys Bilder sind scharf, klar, überdeutlich und lassen trotzdem Gedankenströme und viele, unterschiedliche Interpretationen zu. Er kombiniert bekannte Comicfiguren mit ihren Darstellern aus Hollywood und lässt sie einander sehnend durch Glas anschauen. Die kitschig-rosa Strand-Sonnenuntergangs-Szene bricht er mit dem küssenden Paar im Vordergrund, von dem ein Mensch ebenfalls ein bekannter Comicheld ist. Gursky spielt meisterlich mit Farbgegensätzen und macht aus den üblichen Laufstegbildern große Kunstwerke.
Auch die Bilder von Jeff Wall haben mir sehr gefallen. Er zeigt alltägliche Straßenviertelszenen: Menschen, die Plastiktüten nach Hause tragen, heruntergekommene Wohnviertel mit Klappstühlen und leeren Flaschen auf der Veranda, ein Paar im Park mit einer Fast-Food-Tüte. Zu jedem Bild ist mir sofort eine Geschichte oder eine kurze Szene eingefallen. Alles wirkt, als sei es nur kurz für Wall eingefroren.
Mit Neo Rauch fällt es mir immer schwer warm zu werden. Warum, kann ich nicht erklären, aber auch in dieser Ausstellung konnte er mich nicht fesseln. Seine Werke fügen sich zwar in die figurale Reihe ein, können aber mit den monumentalen Fotos von Wall und Gursky nicht mithalten. Zeichnerisch sind sie sehr detailliert, erinnern mich teilweise an Wilhelm Buschs Figuren. Zwar interessant, aber leider nicht meins.
Im Obergeschoss findet zeitgleich die erste Einzelausstellung der New Yorker Künstlerin Dana Schutz statt. Im völligen Gegensatz zum Erdgeschoss tauchen die Besucher_innen beim Treppenaufgang langsam über die schwarz-weißen Kohlezeichnungen der Künstlerin ein in eine bunte Welt voller Skurrilitäten, Anzüglichkeiten und versteckten Botschaften. Vor allem die Farbigkeit und Differenziertheit von Schutz Gemälden hat mich beeindruckt. Die Bilder sehen sich zwar alle sehr ähnlich, erzählen aber doch alle ihre eigene Geschichte. Vor einigen Werken stand ich minutenlang bis ich überhaupt ansatzweise kapiert habe, was Schutz dort alles versteckt, verwinkelt und übereinander gelegt hat. Schutz muss einen unglaublich kreativen Output haben: Die meisten der Bilder entstanden in den Jahren 2013 und 2014. Vor allem ihre „God“-Gemälde haben es mir angetan. Sie zeigen unterschiedliche Auffassungen von Gott – ihre eigenen, auch gespeist aus Erinnerungen in der Kindheit, und die Vorstellungen anderer. Schutz Werke wirken im Ansatz fröhlich, bunt und unbeschwert und offenbaren erst auf den zweiten Blick ihre Hintergründigkeit. Ich war ziemlich begeistert!
Die Ausstellungen sind noch bis 26. Oktober in der kestnergesellschaft in Hannover zu sehen.
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