Nina Behrendt – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Fri, 08 Apr 2016 09:59:12 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.4.2 Fackeln im Sturm, Gorki-style. http://lesflaneurs.de/2016/03/16/theaterpremiere-am-gorki-feinde-die-geschichte-einer-liebe/ http://lesflaneurs.de/2016/03/16/theaterpremiere-am-gorki-feinde-die-geschichte-einer-liebe/#respond Wed, 16 Mar 2016 12:04:09 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7273 Letztes Wochenende feierte die Romanadaption „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ von Isaac Bashevis Singer im Maxim Gorki Theater seine Premiere. Regie führte Yael Ronen. Es gab Sex, Lügen und Akkordeonmusik.

Foto: Esra Rotthoff (courtesy Gorki Theater)
Foto: Esra Rotthoff (courtesy Gorki Theater)

Fackeln im Sturm, Gorki-style.

Im New York von 1949 zeichnet das Stück die Liebeswirrungen vier jüdisch-deutscher Neu-Amerikaner nach. Herman (Aleksander Radenković) spielt „Bäumchen wechsle dich“ zwischen seiner ehemaligen polnischen Haushälterin – nun Ehefrau – Yadwiga (Orit Nahmias), die sich weder traut ein Telefon zu bedienen, noch mit der Bahn zu fahren; seiner von den Toten auferstandenen Ehefrau Tamara (Çiğdem Teke), die er eigentlich einem Erschießungskommando zum Opfer gefallen glaubte, und seiner Geliebten Masha (Lea Draeger). Ebenfalls geschunden von Kriegsverbrechen und knapp dem Tod im KZ entronnen, schwankt sie, eifersüchtig auf Hermans andere Frauen und bevorzugt schreiend, zwischen Leidenschaft und Abscheu.

Klingt nach Melodram, in dem alle weiblichen Rollen hilflos Kreise um die männliche Hauptrolle drehen, ist auch so. Herman spurtet zwischen den Appartements der zumeist leicht bekleideten Damen hin und her und versucht den Schaden an seiner Person einzudämmen. So leuchtete mir nach einer halben Stunde ein, dass die Entscheidung, die Herman zu treffen hat, wohl oder übel das einzige zu verhandelnde Thema des Abends sein würde und ich konnte mich zurücklehnen und die Show genießen.

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)
Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)

Stahlgerüste und Spitzenvorhänge

Denn abgesehen von der inhaltlichen Sackgasse ist der Abend in seinen Momentaufnahmen durchaus unterhaltsam und atmosphärisch. Auch die Schauspieler*innen nehmen den Plot sportlich und mit Liebe zu kleinen Gesten. Die maßgeschneiderten eleganten Kleider und hochgesteckten Lockenfrisuren, wehende Trenchcoats und ein tief ins Gesicht gezogener Hut, Herman immer unterwegs mit einer ledernen Reisetasche voller Wechselhemden und halbfertiger Schriftstücke. Auf der Bühne entstehen aus Stahlkonstruktionen und Podesten ineinander verschachtelte Räume. Jede der drei Frauen ist auf einer Ecke oder einem Podest eingerichtet, mit Bett, Wäscheleinen, einem Küchentisch. Herman muss ja schließlich in jeder Wohnsituation Essen serviert bekommen und Sex haben können. Vereinzelt pastellige Holzmöbel, weiße Spitzenvorhänge, ein silberner Wasserhahn blitzt aus einer Ecke hervor. Diese Mischung aus zarten Farben und Stoffen mit dem Stahlgerüst und den schwarzen Steinwänden der Bühne setzt ein interessantes visuelles Zitat auf das Setting New York.

Eine Reling führt knapp unter der Decke entlang. Aus deren sechs Metern Höhe – spoiler alert – Herman gegen Ende überwältigt von Verzweiflung und ziemlich eindrucksvoll herunterkotzt. Einer der Momente, die mir wegen des spielerischen Umgangs mit dem Raum besonders im Gedächtnis hängen blieb. Bis in die hintersten halbschattigen Winkel der Bühne kann man blicken, es werden alienartige Schemen von Frauen- und Männerkörper projiziert, zwei Mädchen schaukeln, Hände fliegen über die Körper auf der Bühne.

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)
Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)

Rettende Musik

Umspielt und kommentiert werden die Ereignisse von der dreiköpfigen Band. Und an dieser Stelle ziehe ich meinen Hut, denn das war zauberhaft. Eine gesangliche Mischung aus Jiddisch, Englisch und Deutsch – unterlegt von mal leichten Akkordeontönen, mal anwachsend zu einer wilden FreeJazz-Session. Die Band „The Painted Bird“, in Form von Sänger und Instrumentalist Daniel Kahn, dem Schlagzeuger Hampus Melin und Musiker Christian Dawid, geben dem Abend rhythmische Kraft und pointierte Leichtigkeit, die das Publikum dankbar annimmt.

Und auch die Musiker positionieren sich auf den Podesten und fügen sich in das Bild ein, Kahn wandert mit Sprechgesang und dem Akkordeon um den Bauch geschnallt über die Bühne, Dawids Beine baumeln beim Saxophon spielen im Halbdunkeln.

So fängt sich der Abend zwischen lauten Ansprachen, Liebes-und Hassbekundungen ab und zu in amüsanten und zarten Momenten selbst auf. Und wenn Sätze wie „Gott ist ein Nazi.“ und „Warum soll ich noch einmal Kinder wollen? Damit die Nazis wieder welche zum Verbrennen haben?“ fallen, schrickt meine Sitzreihe kollektiv zusammen.

In der letzten Szene taucht dann kurz doch noch ein Hoffnungsschimmer der Emanzipation auf. Die Zurückgelassenen raufen sich zusammen. Endlich ein bisschen Vernunft, auch wenn dieser kleine Moment dem bitteren Nachgeschmack von antiquierten Geschlechterrollen in erzählerischen Flachgewässern nicht aufheben kann. Prädikat: Problematisch, aber schön verpackt.

Die nächsten Vorstellungen von „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ finden am 04.04. und 07.04.2016 statt, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es hier und unter 030 – 20221-11.

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Foucault lebt! http://lesflaneurs.de/2016/02/05/foucault-lebt/ http://lesflaneurs.de/2016/02/05/foucault-lebt/#respond Fri, 05 Feb 2016 09:09:28 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6945 Fearless Speech #0

Letzte Woche wurde im „HAU – Hebbel am Ufer“-Theater in Berlin mit der Pilotveranstaltung „Fearless Speech #0 – Aktive Intoleranz. Ein Plädoyer für neue Verhaltensrevolten“ der Grundstein für eine interdisziplinäre Reihe zu Diskursen des Kritischen in der Kunst gelegt. Die Veranstaltungsreihe, die „Phantasma und Politik“ ablöst, wird den Spielbetrieb am HAU mit theoretischen Einschüben, Diskussionen und Gedankenanstößen begleiten und bereichern. Im Zentrum stehen das philosophische Erbe Michel Foucaults und die Frage danach, was die Begriffe Disziplinarstaat, Panoptismus und Wahr-Sprechen heute für die Gesellschaft und die Kunst bedeuten.

Wie jede Grundsteinlegung war die Veranstaltung eine ziemlich anstrengende, zähe Angelegenheit. Ich habe trotzdem oder gerade wegen der abstrakten geistigen Bauarbeit des dreistündigen Abends etwas gelernt – im langen Kampf gegen die Berieselung mit Fremdwörtern und diplomatischen Wortgefechten. Vielleicht glimmte durch all das Diskutieren über den Widerstand und den Mut zur Wahrheit sogar ein Funken Revolution in mir und im Saal auf.

Wie man Foucault heute liest

Foucault ist und bleibt der Sci-Fi-Rockstar unter den französischen Philosophen. Seine Ansätze aus Überwachen und Strafen und der Archäologie des Wissens sind 32 Jahre nach seinem Tod mindestens noch genauso aktuell. Was ist politische Kunst? Und welchen Preis hat es, die Ordnung der Dinge infrage zu stellen, Alternativen zu bieten?

Im Bild: Alex Demirović bei Fearless Speech #0 Courtesy HAU Theater Berlin
Im Bild: Alex Demirović bei Fearless Speech #0
Courtesy HAU Theater Berlin

Die Keynote des Abends und theoretische Basis für „Fearless Speech“ liefert der Sozialwissenschaftler Alex Demirović. In seinem Vortrag geht er auf Angst als Ausnahmezustand ein. Darauf, wie weltweit Journalisten im Kampf um das Ausüben der Pressefreiheit verfolgt, verurteilt und getötet werden. Und er betont, dass uns das alle etwas angeht, egal ob es im Iran, in der Türkei oder in China stattfindet. Unser Dunstkreis ist die ganze Welt. Das angstfreie Sprechen ist ein Geist. Und wer Mut hat, sucht ihn unerbittlich und beispielhaft. So schreibt Demirović im Programmheft „Es scheint so, als würde das Scheitern von Staaten langsam auch nach Europa greifen. […] Die, die das Demonstrationsrecht in Anspruch nehmen, werden mit polizeilichen Mitteln von der Bevölkerung getrennt; […] widerrechtlich körperlich geschädigt und in den Medien beleidigt. Sie dienen als Droh- und Angstkulisse.“ Ein Angststaat funktioniert so gut, weil die Machthabenden zwischen Ebenen des Legalen, Illegalen, Sichtbaren, Versteckten, Halbwahren und Rechtfertigten geübt hin-und herspringen, bis selbst der Widerstand verwirrt ist.

Auch die Dissidenten und Individualisten gehören zu einer Herde und die Herde hat Hirten, die wissen wohin sie gehen. Im folgenden Gespräch mit der UdK-Professorin und Philosophin Kathrin Busch kommen wir immer wieder auf das Wahr-Sprechen zurück, das was Foucault Parrhesia tauft. (Wie ich nach unsicherem „Was, warum die Pariser?“ mit meinem Handy unter dem Theatersitz google. Ein bisschen mehr Laienfreundlichkeit und Greifbarkeit hätte nicht nur mir an diesem Abend sehr gut getan.)

Die Wahrheit und der Widerstand

Die Wahrheit als Erlösung aus der Unterdrückung durch die Machthabenden. Die Wahrheit als einzige Möglichkeit sich selbst eine Position der Macht zurückzuerobern, denn wenn ich im öffentlichen Raum spreche, schaffe ich eine Situation der Macht. Nach dem ‚Use it or lose it’- Prinzip rinnt uns die Freiheit durch die Finger, wenn wir nicht den Mut aufbringen, sie zu verteidigen.

Bei dem Konzept Widerstand stößt man jedoch schnell auf folgende Frage: Wenn ich allein mit meinem Widerstand bleibe, wenn ich allein und mit Märtyrer-Herz gegen die real-gewordene panoptische Überwachung, das minutengenaue Selbstmonitoring der eigenen Biografie von social media über Paypal bis zu Netflix kämpfe, dann stehe ich im schlimmsten Fall ausgestoßen von der Herde da. Will und kann ich dieses Risiko auf mich nehmen? Bin ich bereit den Preis der Isolierung und Denunziation zu zahlen? In dieser Frage wohnen die Angst vor dem freien Sprechen und auch die Motivation der Fearless Speech-Reihe. Denn in dem Moment, in dem wir merken, dass wir nicht allein sind, haben wir gewonnen.

Das „Wilde Außen“

Foucault nennt diese revolutionäre Randgruppe von Leuten, die ihre Herde verlassen haben, das „Wilde Außen“. Im „Wilden Außen“ passieren die interessanten Dinge, die politische Kunst, die offene, demokratische Rede, da machen sich die neuen Möglichkeiten auf, da tanzt man zur guten Musik und trinkt den guten Wein, vielleicht sind dort auch die guten alten Zeiten versteckt. Fakt ist, dass Kritik und Kunst untrennbar miteinander verbunden sind, dass sie einander bedingen und benötigen. Und dass wir, auch wenn es langweilig und anstrengend wird, uns diese Kontexte bewusst machen müssen, um ihre Dringlichkeit und Zerbrechlichkeit zu erkennen.

 

Die nächste „Fearless Speech“- Veranstaltung findet am 16.3.2016 im HAU statt, dann unter dem Thema Foucault und der Neoliberalismus, Gast ist u.a. Daniel Zamora.

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Wer darf reden, wer hört zu? http://lesflaneurs.de/2015/11/17/wer-darf-reden-wer-hoert-zu/ http://lesflaneurs.de/2015/11/17/wer-darf-reden-wer-hoert-zu/#respond Tue, 17 Nov 2015 09:31:56 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6465 Von Weitem höre ich Menschen wild durcheinander rufen, megafonverzerrte Stimmen erheben sich über laute Menschenmengen und halten Ansprachen. Motorenlärm, Rauschen. Je näher ich dem Gorki Theater komme, desto klarer kann ich erkennen, woher die Geräusche kommen: Auf dem Vorplatz ist eine Videoinstallation mit verschiedenen Bildschirmen aufgebaut, auf denen parallel Videos gespielt werden. Ich bleibe vor dem ersten Bildschirm stehen. Ein Kleinkind liegt mit dem Gesicht im Sand am Strand, Welle um Welle umspült den leblosen Körper. Ich starre eine Weile das leere Gesicht des Kindes an. Alles, was mir gerade noch im Kopf herumging, ist weggewischt.

Zum zweiten Mal findet am Berliner Maxim Gorki Theater der zweiwöchige Herbstsalon mit Gastspielen, Performances, Gesprächen und Vorträgen statt. Während 2013 Fragen zu Identität, Nation und Herkunft verhandelt wurden, liegt dieses Jahr der Fokus auf dem Thema Flucht nach Deutschland und Berlin und den daraus resultierenden Fragen an die Bevölkerung. Eine umfangreiche Ausstellung zieht sich durch die Hallen des Gorkis und des Palais am Festungsgraben. In den, in diesem Kontext, schon fast ironisch prunkvollen Räumen werden Arbeiten von mehr als 25 Künstlern verschiedenster Medien ausgestellt. Viele Werke schaffen stille Momente der Fassungslosigkeit – so auch die Videoarbeit vom Zentrum für politische Schönheit des toten Jungen am Strand, das mich zu Beginn überrumpelte.

Überforderung und Fassungslosigkeit

Leon Kahane stellt einen senegalesischen Aufklärungscomic über Migration großformatigen Fotografien der gespenstisch leeren Büroräume der Warschauer Zentrale von Frontex gegenüber. In der meterlangen Wandarbeit „Dead Souls“ zeichnet Marina Naprushkina das Verhältnis von deutschem Export und Asylpolitik der letzten 35 Jahre nach. Gleichzeitig liegt mit ihrer „Refugee’s library ein Archiv von Gerichtsprotokollen bereit, das Anhörungen von Asylsuchenden nachzeichnet. Ein Archiv in zahlreichen Heften, das als Informationsquelle zur Vorbereitung der Geflüchteten auf eine eigene Anhörung dient. Im Nebenraum stellen drei mannshohe Glasvitrinen verschiedene zurückgelassene Objekte aus, die Menschen auf ihren lebensgefährlichen Überfahrten in Booten bei sich trugen. Thomas Kilpper und Massimo Ricciardo machen daraus Relikte unvorstellbarer Reisen: ein durch Wasserflecken gewelltes Sammelbild der heiligen Maria, ungeöffnete Thunfischdosen, Zigarettenschachteln, abgegriffene Taschenmesser, ein Fernglas, eine zerschlissene Landkarte des Mittelmeerraumes, verrostete Schlüsselanhänger, selbst ein Ehering. Jedes der Objekte fordert dazu auf, sich seine Besitzer vorzustellen.

Im Herzstück des Ausstellungsparcours finde ich mich im Ballsaal des Palais zwischen einer Flut von Bildern und Texten wieder – Bestandteile der wachsenden Wanderausstellung „We will rise“ von einem Kollektiv der Berliner Flüchtlingsbewegung. All das Text- und Bildmaterial schreit mich förmlich an, Flyer regnen an dünnen Drahtseilen von der Decke herunter, an den Wänden hängen Poster, die Tage eines Hungerstreikes zählen. Mitten im Raum steht eine Sperrholzwand, jeder Meter ist Teil eines riesigen Zeitstrahls der Eskalationsetappen seit 2013. Eine gefühlte Ewigkeit bewege ich mich zentimeterweise durch den Raum, nehme auf, was ich kann, bis ich schließlich voller Eindrücke das Treppenhaus hinuntertaumele. Im Studio Я beginnt gleich der erste Vortrag der Kosmos² Labor-Reihe.

Es gibt keinen neutralen Diskurs

Die zehnteilige Veranstaltungsreihe, kuratiert von der Autorin, Theoretikerin und interdisziplinären Künstlerin Grada Kilomba, nähert sich mit Lecture-Performances, Filmen und Artist Talks den Fragen um die Dekolonialisierung von Wissen an. Es geht darum, wie Wissen produziert und ausgetauscht wird: Wer hat Zugang zum Wissen, wer darf reden, wer hört zu? Der Abend ist ein Ideen-Labor, eine Schutzzone des Austausches. In ihrer einstündigen Lecture-Performance spannt Kilomba einen unglaublich komplexen und emotionalen Bogen zwischen Kolonialgeschichte, Rassismus in Europa, Erkenntnistheorie, Psychologie und der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Kollision dieser Welten. Ein Geflecht von philosophischen Fragen und biografischen Erzählungen. Im einen Moment folgen wir den theoretischen Überlegungen zur Hautfarbe, die jedem einen Platz in der Hierarchie der Welt zuteilt. Im nächsten Moment stellen wir uns den Begriffen Verdrängung, Erinnerung und Trauma. „What do you have to pay to tell the truth? When I speak, what is it, that you don’t hear?“ Viele Fragen hallen lange im Raum nach.

Kilomba entlässt uns mit der Aussage: „Think about this: we all speak from a specific time and a specific space. There is no neutral discourse.“ Mit diesem Gedanken durchwandere ich geistig noch einmal die Ausstellung, die so viele unterschiedliche Positionen zusammenbringt.

Es gibt keinen neutralen Diskurs. Die Flucht nach Europa ist das beste Beispiel dafür. Der Verhandlungsort Herbstsalon schafft Raum, um sich diesem Diskurs gemeinsam zu stellen. Oft fiel das Wort „zuhören“ – ein Zuhören, das wir im Rausch der vorschnellen Meinungen in diesen Zeiten verlernt haben. Ungefiltert, ununterbrochen jemandem zuhören, der seine Geschichte erzählt.

Im Garten der Lüste

Für die nächsten zwei Wochen kann man außerdem fast täglich an der partizipativen Performance  „Garden of Delights“ der Gruppe Talking Straight teilnehmen. Die 45-minütige Führung wird ausschließlich in einer sehr beeindruckenden Fantasiesprache performt, in der die Gruppe um Daniel Cremer seit 2010 schon Managementseminare, Gottesdienste und Stadtführungen abhält. Die Teilnehmer folgen den zwei, mal charmanten mal unheimlichen Performern durch und um das Theater als Teil eines Willkommenskurses. Oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll und das ist gut so. Subtil und pointiert wird der opulente Humor der Darsteller und die bizarren Situation, in die wir als Teilnehmer geworfen werden, mit dem bitteren Kontext der europäischen Grenzpolitik gebrochen. Nachdem schlussendlich einige Glückliche mit Frontex-Vertragspapieren um das Willkommensschild im Versammlungsraum tanzen, zerteilt sich auf der Leinwand ein Europa, im Zeitraffer seit dem 12. Jahrhundert, rasend schnell in immer neue Teppichflicken. Ich könnte am Ende der Performance kaum dankbarer für die Erfahrung sein, nichts zu verstehen und trotzdem immer wieder zum Verstehen Anlauf zu nehmen.

Der Berliner Herbstsalon im Maxim Gorki Theater findet noch bis zum 29. November in Berlin statt, das nächste Kosmos² Labor gibt es am 22. November um 18 Uhr. Viele Veranstaltungen sind kostenfrei besuchbar.


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