Michael Schock – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Wed, 06 Apr 2016 13:05:10 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.4.2 Der eine wagt, der andere vollendet | Xiu Xiu spielen die Musik aus „Twin Peaks“ http://lesflaneurs.de/2016/04/06/der-eine-wagt-der-andere-vollendet-xiu-xiu-spielen-die-musik-aus-twin-peaks/ http://lesflaneurs.de/2016/04/06/der-eine-wagt-der-andere-vollendet-xiu-xiu-spielen-die-musik-aus-twin-peaks/#respond Wed, 06 Apr 2016 13:05:10 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7309 Jamie Stewart ist künstlerisch gesehen der verlängerte Arm David Lynchs. Der Regisseur prägte mit „Twin Peaks“ eine ganze Generation, die die surrealen Bilder und absurden Elemente der Mysterykrimiserie bis heute nicht aus dem Kopf bekommt. Dabei romantisieren wir die TV-Show teilweise über alle Maße, vergessen dabei etwa, wie unglaublich dröge und zäh die zweite Staffel teilweise war, wie viele Fehler in Skript und Umsetzung sich Mark Frost und David Lynch leisteten. Letztlich war Lynch zudem auch doch immer Mainstream und kokettierte einfach gerne mit den surrealen Elementen und daraus erwachsenen Image des Enigmas.

Jamie Stewart hingegen wagt mit seiner Band Xiu Xiu künstlerisch weit mehr, er formuliert Avantgarde musikalisch aus. Wer jemals Xiu Xiu live sah, war irritiert, vielleicht vor den Kopf gestoßen, angestrengt und komplett distanzlos bei der Bewertung der atonalen Soundgewitter, dem überzogenen Drumschauspiel, dem wie ein Antichrist leidenden und kreischenden Stewart am Kreuz der Postmoderne. Schon kommt ein Klugscheißer um die Ecke und frohlockt: „Ja ja, genau das soll Kunst!“ Man konnte sich trotzdem nicht erlesen fühlen und damit prahlen, denn die fragwürdige Adelung seiner Arbeit durch die intellektuelle Elite hat Stewart bisher nicht erfahren. Auch das ist wahrscheinlich ein weiteres Merkmal wirklicher Kunst, bleib fern, lieber Klugscheißer. Ein Xiu-Xiu-Konzert ist fucking anstrengend, und trotzdem will man es immer wieder sehen und hören, warum auch immer.

Nun nimmt sich Xiu Xiu der Musik der Kultserie an, will sie aber nicht wie vermutet zerhauen und zerficken, denn sie sei „zu perfekt“, sagt Stewart, er möchte sie Ton für Ton nach den originalen Notenblättern Lynchs und des Komponisten Angelo Badalamenti nachspielen – nur eben im Xiu-Xiu-Arrangement. Als Vorgeschmack zeigt das bittersüße „Falling“ wie das klingen wird, wenn Stewarts zitternde Stimme das Säuseln Julee Cruises ersetzt. Das ist … Moment … ja, schön. Wann kann man das schon mal sagen von einem Xiu-Xiu-Lied? Und es damit nicht komplett beleidigen? Selten. Bevor also mit der in Produktion befindlichen dritten Staffel der TV-Serie der Mythos sehr wahrscheinlich weiter angekratzt wird, ist dies eine seltene Gelegenheit, sich noch einmal ungetrübt in (Xiu Xius Version von) „Twin Peaks“ zu verlaufen.

Wir nehmen euch zur Not auch an die Hand, wenn ihr euch nicht alleine in den Fiebertraum des verschlafenen Ortes und seiner musikalischen Geister traut. Zumindest aber schenken wir euch zwei Karten für die Aufführung auf Hamburgs Kult(ur)fabrik Kampnagel am Dienstag, 12. April. Schickt uns einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Xiu Xiu“ oder „Twin Peaks“ (es gibt immer zwei Wahrheiten, nicht wahr?) und eurem Namen darin an [email protected] – bis zum Ende des Sonntags, 10. April, habt ihr Zeit dafür. Die Log Lady wird euch dann informieren, ob das Visum genehmigt und euer Name für die zwei Plätze auf der Gästeliste eingetragen wurde. Viel Glück!

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Sieben Sätze | Frøkedal über Oslo http://lesflaneurs.de/2016/03/11/sieben-saetze-frokedal-ueber-oslo/ http://lesflaneurs.de/2016/03/11/sieben-saetze-frokedal-ueber-oslo/#respond Fri, 11 Mar 2016 10:32:44 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7260 „Oslo ist nicht die hübschestes Stadt Norwegens, aber die beste. Hier leben eine Menge richtig guter Musiker und jede Nacht hat man eine beeindruckende Menge an Konzerten zur Auswahl. Im Winter kannst du die S-Bahn in den Wald nehmen und dort Ski fahren. Im Sommer hüpfst du auf ein Boot und fährst zu einer der Inseln im Fjord, gehst angeln oder schwimmen. Oslo ist zwar angeblich die viertteuerste Stadt der Welt, aber wenn du dich auskennst, kommst du auch mit wenig Geld aus. Als ich das erste Mal nach Oslo kam, beschloss ich, zu bleiben – denn ich merkte, dass ich hier mehr Menschen um mich hatte und einfach glücklicher war als in meinem alten Leben an der Westküste Norwegens. Aber vielleicht hat das auch mit der Tatsache zu tun, dass es hier weniger regnet.“

 


 

Anne Lise Frøkedal ist 34 Jahre alt und musiziert seit 2015 unter ihrem eigenen Namen. Früher spielte sie in Bands wie Harrys Gym und war mit dem Kollektiv I Was A king sogar für einen norwegischen Grammy nominiert. Ihre neue Musik hat eine sehr eigene Qualität: für den einen ist es Elektropop, der andere hört eher den Folk heraus. Irgendwie stimmt wohl beides. Ihr Solodebütalbum „Hold On Dreamer“ ist Ende Februar erschienen.

 

Frøkedal live in Deutschland:

4.4.2016 – Berlin – Kantine am Berghain
5.4.2016 – Hamburg – Mojo Jazz Cafe
6.4.2016 – Köln – Studio 672
8.4.2016 – München – Ampere

In unserer Serie “Sieben Sätze” erzählen uns Menschen, warum sie in der Stadt leben, in der sie leben. Du magst uns auch was zu deiner Wahlstadt schreiben? Dann schick uns eine Mail!

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Die Reifeprüfung | Joanna Newsom live auf Kampnagel http://lesflaneurs.de/2016/02/16/die-reifepruefung-joanna-newsom-live-auf-kampnagel/ http://lesflaneurs.de/2016/02/16/die-reifepruefung-joanna-newsom-live-auf-kampnagel/#respond Tue, 16 Feb 2016 09:54:03 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7138 Es ist acht Jahre her, da spielte der kongeniale kanadische Indiegeiger Owen Pallett in Dublin ein kleines Clubkonzert und stimmte einen Coversong an, den er zuvor unter seinem Projektnamen Final Fantasy aufgenommen hatte, eine Version von Joanna Newsoms „Peach, Plum, Pear“. Und das Publikum wusste genau, wie dieses Lied geht, wo das exaltierte Nana-nanana-na-nana hin gehörte und wie jede Zeile des Textes lautete. Und Pallett hielt überrascht inne und äußerte in halb gespielter Entrüstung: „Als ich dieses Lied anfing zu spielen, beschwerten sich alle: ‚Was zur Hölle ist das für eine Scheiße? Das ist nur eine Schlampe mit verrückter Stimme! Und ich kam mir wie eine bekloppte Schwuchtel vor, sagte aber: Was stimmt denn mit euch nicht, sie ist großartig?! Und wer hatte am Ende Recht?“ Und das Publikum feierte ihn und sang weiter mit.

Joanna Newsom. Foto: Annabel Mehran
Joanna Newsom. Foto: Annabel Mehran

Ja, es hätte schnell mit der Kunst der jungen Songschreiberin zu Ende sein können, denn unter dem „New Weird America“ gelabelten Hype der frühen 2000er-Jahre war sie die Königin und führte mit ihrer Harfe („Mei wie ungewöhnlich, sie spielt Harfe!“ riefen sie aus) die Bewegung um im Grunde einfach sehr expressive Folkmusiker wie Bonnie ‚Prince‘ Billy, Vetiver oder Devendra Banhart an. Doch so groß der Hunger auf das so Andersartige kam, so schnell waren alle satt und die Trendsetter verstummten über die Jahre zusehends. Aber die Tochter zweier privat leidenschaftlich musizierender Mediziner schaffte es, sich eine Fanschar aufzubauen, die ihrem Gespür vertraute und sich dem Rhythmus der inzwischen 34-Jährigen anpasste. Neben „Simpsons“-Vater Matt Groening gehört sogar Björk zu dieser Schar, und auf Newsom passen durchaus viele Etiketten, die auch der Isländerin oft verpasst werden: außergewöhnliche Lieder, exaltierte Stimme, große künstlerische Eigenständigkeit.

In ihren nur vier Alben (eines davon immerhin ein Triplealbum) seit 2004 hat Newsom ihren Stil verfeinert, orientiert sich inzwischen an klassischeren Songstrukturen mit schlichteren Rhythmen und dabei immer opulenteren Arrangements ihrer Backingband. „Divers“, ihr letztes Jahr nach fünfjähriger Veröffentlichungspause erschienenes Werk, ist ihr wohl bestes bisher. Das ist auch bemerkenswert, weil sie in der Zwischenzeit SNL-Komiker und The-Lonely-Island-Querkopf Andy Samberg geheiratet und in Regisseur Paul Thomas Andersons Thomas-Pynchon-Romanadaption „Inherent Vice“ mitgespielt hat. Da hat diese außergewöhnliche, außergewöhnlich schöne Frau ihre Finger in der Traumfabrik, macht sie sich aber dennoch nicht so schmutzig, dass dies ihrer Musik irgendwie schaden würde. Joanna Newsom bleibt ein Ausnahmetalent, für deren Verehrung sich inzwischen weder Owen Pallett, noch sonst wer schämen müsste.

Joanna Newsom. Foto: Annabel Mehran
Joanna Newsom. Foto: Annabel Mehran

Es wird gerne so dahingesagt, als Werbefloskel oder Promoslogan, aber Joanna Newsoms Konzerte gehören tatsächlich zu der absolut bezaubernden Sorte. Seid doch in Hamburg auf Kampnagel am 25. Februar live dabei, wie wäre das? Schickt uns bis 22. Februar eine E-Mail mit dem Betreff „Joanna Newsom“ an [email protected] und nennt uns euren Namen darin – wir schreiben ihn dann plus einer Begleitung auf die Gästeliste. Viel Glück!

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Neuköllner Neopop | „Love Is A Fridge“ von Me and my Drummer http://lesflaneurs.de/2016/02/10/neukoellner-neopop-love-is-a-fridge-von-me-and-my-drummer/ http://lesflaneurs.de/2016/02/10/neukoellner-neopop-love-is-a-fridge-von-me-and-my-drummer/#respond Wed, 10 Feb 2016 08:59:04 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7041 Fragt man Musiker, bedienen sie selten ein spezifisches Genre, singen über keine bestimmten Themen und halten ihr Werk für völlig zeit- und ortlos. Alles soll möglichst universell, auf das Leben am besten jedes Hörers übertragbar sein. Die Menschen auf der Bühne wollen natürlich Persönliches loswerden, sich aber nicht offenbaren und verletzlich machen. Dabei sind es häufig genau diese Alben, die aus der Masse herausstechen und einen besonderen Eindruck hinterlassen, die eben doch auf gewisse Weise unverwechselbar spezifisch werden. Die offensichtlich geprägt sind durch Zeit und Ort. Gerade bei den Großstädten, die uns interessieren, fallen da schnell Beispiele ein. Interpols „Turn On The Bright Lights“ etwa, das New York City nicht nur in Stücken wie „NYC“ in seiner emotionalen Zerrissenheit spürbar macht. Oder Björks „Homogenic“, das sie nach mentalen Zusammenbrüchen im spanischen Exil aufnahm und ihr „patriotisches“ Album nennt – weil es dramatische Streicher und vulkanische Beats vereint, ihre Sehnsucht nach der wilden Natur vor den Toren Reykjavíks verdeutlicht. Und natürlich David Bowies Berlin-Trilogie „Low“, „Heroes“ und „Lodger“, die ihn in kreative Superlative katapultierte. Unumstößliche Musikgeschichte.

Me and my Drummer. Foto: SASHBERG
Me and my Drummer. Foto: SASHBERG

Großstädte machen etwas mit Menschen, und besonders mit Künstlern. Auch mit Me and my Drummer. Das ursprünglich aus Dortmund und Tübingen stammende Duo traf bei Soundtrackarbeiten fürs Theater aufeinander. Dort setzten die beiden langsam zusammen, was als Demos und auch gemeinsame Ideen zu ihrem gefeierten Debüt „The Hawk, The Beak, The Prey“ wurde. Charlotte Brandi (Gesang, Keyboard, Gitarre) und Matze Pröllochs bringen nun, vier Jahre später, ihr zweites Album heraus: „Love Is A Fridge“. Und dies ist unüberhörbar ihr Berlin-Album, denn die beiden leben inzwischen im Stadtteil Neukölln der Hauptstadt. Pröllochs in Rixdorf, in einem „Ring von kleinen Sträßchen, der sehr klein, gemütlich und ruhig ist“, perfekt für ihn, wie er sagt. Brandi hingegen wohnt „in der Nähe der Hasenheide. Es ist eine gute Mischung aus Hipsterstudenten, echten Linken und eben Überzeugungstätern. Auch wenn ein paar Schnösel dabei sind. Da wird es aber gerade sehr lebendig und nett“. Das verrieten die beiden bei einem Gespräch vor mehr als zwei Jahren beim Iceland Airwaves Festival 2013 (hier in Gänze nachzulesen), bei dem sie komplett ohne Keyboards und wohl erstmals nur mit Gitarre und Schlagzeug auftraten.

Auch neue Songs gab es damals zahlreich zu hören, durch das Setup schien es zwangsweise, als werde aus der Pop- eine Bluesband. Sogar die erste Singleauskopplung „Blue Splinter View“ legte dies mit langsamer Gitarre und Americana-Feeling Ende 2015 nahe. Ein Fehlschluss, denn bis auf wenige Songs, die sie 2013 schon spielten, geht „Love Is A Fridge“ in eine ganz andere Richtung – sie gibt sich vollends dem Elektropop hin. Songs wie „Gun“ oder „Traces In The Sand“ sind so direkt und in flirrenden Synthesizern arrangiert, dass sie anfangs fast irritieren, so schwerelos klingen sie an. Es wirkt tatsächlich so, als hätten Brandi und Co. in Berlin ihre Spielwiese gefunden. Die Stadt sei „eine Art Kindergarten für Berufsjugendliche“, sagte Brandi, und so klingen viele der Stücke wie ein Sammelsurium an Eindrücken der Hauptstadt.

Das funktioniert nicht immer gleich gut. „Tie Me Bananas“ etwa oder „Easy On Me“ wirken wie die großen Straßenzüge, in denen sich Dönerladen an Handyshop an Einkaufsmeile reiht, leicht beliebig und austauschbar, bar jeglicher Höhepunkte. Ein einfacher Housebeat darunter gemischt und plötzlich fänden sich Me and my Drummer in einem den vielen Berliner Elektroclubs wieder, die gefühlt alle das Gleiche spielen. Für die hip Kids, wie das Coverartwork, in gesättigten und doch pastelligen Farben, kontrastlos, eine Mode wie sie Anfang der 2000 wiederkam und nicht verschwinden möchte. Brandis Stimme wechselt oft innerhalb der Stücke mehrfach die Tonlage und ist dauernd mit Effekten belegt, was ihre an sich starke Ausdruckskraft manchmal auf ein Minimum reduziert. Die sonst so unübehörbare emotionale Dringlichkeit wie in „Rain Kids“ oder „Down My Couch“ von vor vier Jahren gibt es auf „Love Is A Fridge“ in der Form nicht, was für manchen Verehrer der Musik des Duos eine lange Gewöhnungsphase an das neue Album bedeuten wird.

Ihre größten Stärken entfalten Me and my Drummer auf „Love Is A Fridge“ aber, wenn sich der Horizont über der Stadt öffnet, denn bezeichnenderweise sind die besten Stücke des Albums nach anderen Orten benannt. „Pentonville Road“, eine zentrale Straße in der Londoner City stellt die Unruhe der vorangegangen Lieder zurück und stellt zum unerhört eingängigen Refrain ein konzentriertes Melodiefundament, auf dem auch Pröllochs Schlagzeug das erste Mal wieder kräftig und erdend wirkt. Fast drohten schon „She and her Drummachine“. Doch hier fühlt es sich an, als hätte man sich durch die Tristesse der Hauptstraßen an den Richardplatz gekämpft, ein kleiner atmender Fleck Grün. Es schließt sich das Highlight der Platte, „Prague I & II“ an, das im flehenden ersten Teil einen starken Rhythmus und mit Brandis „I wasn’t good enough, you were not good enough for me“ eine Schlüsselzeile des Albums auffährt. Nicht nur brennt sich das ein, sondern hat eben auch jene gefühlvolle Offensive, die dem Duo am besten steht. Im zweiten Teil des Liedes, eingeleitet und vorangetrieben durch Streicher und unwiderstehliche 70s-Popdrums, wähnt man sich nach dem urbanen Tal der Neuköllner Tristesse auf dem Dachgarten des „Klunkerkranich“ – hier hat man die Stadt noch im Blick, aber dieser kann schweifen. Es ist die Weite, der Raum, der den Songs so gut tut, wenn wie auch in „Nuts“ das hibbelige, überreizte Wesen der Strophen sich dem eigentlichen Kern des Refrains ergeben muss. Wenn das Gesäusel in Kopfstimme in „Grown Up Shape“ dem verzerrten „Leave me alone with all my cheap dreams, ‚cause you don’t know me“ weicht und Klartext gesprochen wird. Dann verschmelzen die Blueseinflüsse mit dem gewohnt und geliebten pointierten Songwriting, welches auch das Debütalbum ausmachte. Am besten ist „Love Is A Fridge“ letztlich, wenn es Berlin vergisst.

Zu viel Berlin oder zu wenig? Schildert uns gerne eure Eindrücke zum Album – und damit das besser geht, liefern wir die Musik. Wenn ihr ein Exemplar von Me and my Drummers „Love Is A Fridge“ auf schickem weißem Vinyl gewinnen wollt, schreibt uns eine E-Mail mit dem Betreff „Me and my Drummer“ an [email protected] mit dem Namen und der Adresse, an die das gute Stück gehen soll. Einsendeschluss: 14.2.16, 23.59 Uhr. Viel Glück!

 

Me and my Drummer auf Tour:

14.04.2016 – DE – Hamburg – Molotow
15.04.2016 – DE – Berlin – Columbia Theater – sold out
16.04.2016 – DE – Dresden – Beatpol
18.04.2016 – DE – München – Ampere
19.04.2016 – AT – Wien – B72
20.04.2016 – DE – Stuttgart – Wagenhallen
21.04.2016 – DE – Essen – Weststadthalle
22.04.2016 – DE – Erlangen – E-Werk
02.05.2016 – DE – Jena – Kassablanca
03.05.2016 – DE – Oldenburg – Kulturetage
04.05.2016 – DE – Bernau – Altes Kaiserliches Postamt
05.05.2016 – DE – Potsdam – Waschhaus
06.05.2016 – DE – Berlin – XJazz Festival @ Emmauskirche
07.05.2016 – DE – Bremen – Tower
09.05.2016 – DE – Köln – Luxor
11.05.2016 – DE – Dortmund – FZW
12.05.2016 – DE – Mainz – Schon Schön
13.05.2016 – DE – Marburg – KFZ
27.05.2016 – DE – Augsburg – Modular Festival
29.05.2016 – DE – Freiburg – Schmitz Katze (tbc)
30.05.2016 – CH – Zürich – Eldorado (tbc)
04.06.2016 – DE – Leipzig – Parkbühne GeyserHaus

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Leiden schafft | Agent Fresco live in Hamburg http://lesflaneurs.de/2016/01/22/leiden-schafft-agent-fresco-live-in-hamburg/ http://lesflaneurs.de/2016/01/22/leiden-schafft-agent-fresco-live-in-hamburg/#respond Fri, 22 Jan 2016 09:11:33 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6866 Ich sage jetzt nicht Progressive-Rock, sonst geht ihr von Board und das wollen wir nicht, aus gutem Grund. Agent Fresco spielen keine Musik, die nur Verschwörungstheoretiker zu schätzen wissen. Sie gniedeln keine minutenlangen Solos in ihren Songs, ihre Zielgruppe sind nicht andere Musiker und zu ihren Konzerten kommen nicht nur Mathematikstudenten. Aber zugegeben, trotzdem unterscheidet die Musik der Isländer auch vieles von gewöhnlichem Indierock. Hrafnkell Örn Guðjónssons (er nennt sich Keli, genau, der mit dem lustigen roten Afro) Schlagzeugkünste vermögen mehr als den Polterbeat britischer Tralalatrios. Die Schlaufen, die Þórarinn Guðnason mit seinen Gitarrenriffs zieht, kennen mehr als drei Akkorde. Es klimpert auch mal ein Klavier oder ein Synthesizer die markanteste Tonfolge in ihren Stücken. Und es darf durchaus ab und an dezent Richtung Gebolze gehen, also mal für eine halbe Minute, um einen Akzent zu setzen. Also ist es nicht einfach nur jene Sorte Rock, wie man sie von den Foals oder Muse kennt, oder von den Silversun Pickups.

Agent Fresco live beim Iceland Airwaves 2015. Foto: Michael Schock
Agent Fresco live beim Iceland Airwaves 2015. Foto: Michael Schock

Der entscheidende Unterschied, der Agent Fresco aus der progressiven Nische hebt, ist Arnór Dan. Der Däne, seit einigen Jahren Wahlisländer, hat mit seiner oktavenreichen, ungewöhnlich hellen und sanften Stimme in dem Genre fast ein Alleinstellungsmerkmal, das die Isländer konsequent für sich nutzen – er ist Dreh- und Angelpunkt jedes Konzertes, tigert in zu engen Hosen und zu schlabbrigem Laibchen über die die Bühne, als müsse er einen Zuckerschock mit Symptomen des Restless-Legs-Syndroms vertuschen, reibt sich dann wieder verlegen die Glatze und schießt förmlich mit Kanonen Herzen ins Publikum, die jede Armee der Glücksbärchen bezwingen würden. Die gefühlte Hälfte jedes Agent-Fresco-Konzertes besteht aus Dan, der sich tausendmal bedankt und fast atemlos aufgedreht Geschichten zu den Liedern seiner Band erzählt, die offenbaren, wo diese Einstellung vielleicht herkommt. In den Texten ihres ersten Albums „A Long Time Listening“ (2010) verarbeitete er den plötzlichen Tod seines Vaters in oft herzzerreißenden, kaum codierten Versen. Der erst fünf Jahre später im letzten Sommer erschienene Nachfolger „Destrier“ behandelt unter anderem die Erfahrung Dans, in einer Partynacht einfach ohne Vorwarnung vor einer Bar verprügelt zu werden. In Anbetracht dessen ist es fast verwunderlich, dass wir hier nicht von einer Deathmetalband reden. Dan scheint den beschissenen Erfahrungen mit noch immenserer Positivität begegnen zu wollen, was man den neuen Stücken besonders anhört. Sie sind fokussierter, gehen direkter ins Ohr und lassen dennoch nichts von der Verspieltheit der Anfangstage vermissen.

Also bitte, lasst euch vom Wort Progressive-Rock nicht abschrecken, denn das würde euch um eine der spannendsten aktuellen Rockbands bringen. Und vor allem auch um einen Islandexport, dem man nicht so ohne Weiteres Niedlichgedudel und Elfentrollklischees anhängen kann. Damit ihr euch davon überzeugen könnt, kommt doch auch am Donnerstag, dem 28. Januar, ins Hamburger Logo. Wir verlosen einmal zwei Karten für das Konzert der Isländer – schreibt uns einfach wie gewohnt eine E-Mail an [email protected] mit dem Betreff „Agent Fresco“ und dem Namen, auf den wir die Karten auf der Gästeliste hinterlegen sollen. Einsendeschluss: Sonntag, 24.1., 23.59 Uhr. Viel Glück!

 

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Der Pfirsich ist reif | Peaches live im Gruenspan http://lesflaneurs.de/2015/12/08/der-pfirsich-ist-reif-peaches-live-im-gruenspan/ http://lesflaneurs.de/2015/12/08/der-pfirsich-ist-reif-peaches-live-im-gruenspan/#respond Tue, 08 Dec 2015 08:57:58 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6635 15 Jahre mit der Goddess of Fuck, was wäre die Welt ohne Peaches. Hier steht kein Fragezeichen. Man mag darüber streiten, ob die Kämpferin gegen Prüderie und sexuelle Bigotterie nicht mehr bloß Windmühlen ihre Vagina zeigt, schließlich ist Sex in Werbung, TV oder Internet (ja, besonders hier) Gang und Gäbe. Aber letztlich sind die präsentierten Kopulationen immer in perfektem Licht inszenierte Tätscheleien schöner, makelloser Körper, die davon leben, gut auszusehen und normalen Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen. Wie viele realistische Sexszenen habt ihr denn in den letzten 20 Filmen gesehen? Genau. Ein altes Lied auf der alten Laier gespielt.

Peaches‘ Mut zur Hässlichkeit ist der Mut zur Individualität jenseits der Modewerbung und des Versuchs orientierungsloser Modegeschöpfe, die eine Designerlinie brauchen, um sich legitim und rebellisch zu fühlen. Zuletzt sah ich Peaches 2003, als sie in Björks Vorprogramm zu billigen Technobeats, einen explodierten Minipli auf dem Kopf und XXX-Umhang auf den Schultern, über die Bühne der Arena Treptow rollte – und sondergleichen gefeiert wurde. Und ich weiß und bin mir sicher, dass sich daran im Grunde nichts geändert haben wird. Wir müssten eigentlich anstatt Tornado-Kampfjets eher eine mit Boombox bewaffnete Peaches in den Kampf gegen den IS schicken. Bei ihren Konzerten predigt sie ja bereits zu Bekehrten.

Deswegen lassen wir Titts und Dicks gerne am Donnerstag, 10. Dezember, im Hamburger Gruenspan rotieren. Es geht um nicht weniger als den Weltfrieden. Tut euren Teil, gewinnt zwei Karten zur Show: Schickt uns eine E-Mail mit den Betreff: „Peaches“ an [email protected] – Deadline ist der 9.12. um 12 Uhr. Viel Glück!

 

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Irgendwo an der Grenze | Anna von Hausswolff live auf Kampnagel http://lesflaneurs.de/2015/11/29/irgendwo-an-der-grenze-anna-von-hausswolff-live-auf-kampnagel/ http://lesflaneurs.de/2015/11/29/irgendwo-an-der-grenze-anna-von-hausswolff-live-auf-kampnagel/#respond Sun, 29 Nov 2015 14:15:47 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6554

„Ich begrabe alle meine Kinder. Ich trage sie bis zu ihrem Tode, verweile in ihren Geschichten. Erschöpft von ihrem Gewicht ist meine Milch grau und bitter, aber ich trage sie weiter, bis zu jenem Tag“, singt eine bildhübsche, junge Schwedin, ihr blondes Haar kräftig im Takt vor und zurück wippend. Die düstere Ode an Geburt und Tod verpackt Anna von Hausswolff in helle, feierliche Orgeltöne – noch nie wirkte eine eigens geschaffene Genrebezeichnung so passend wie hier: Funeralpop. Der Sound der 29-Jährigen aus Göteborg hat sich mit den drei Alben, die sie bisher veröffentlicht hat, gewandelt wie das Bild einer blühenden Landschaft nach einem Vulkanausbruch. Das Debüt Singing From The Grave steckte noch voller schlichter Pianosongwriterperlen wie der ersten Single „Track of Time“, ist leicht verträumt, dezent entrückt, eine jenseitige Vision.

Um ins Jenseits zu kommen, muss man aber erst die Schwelle dorthin übertreten: Auf Ceremony (2013) entdeckt Hausswolff die Orgel für sich, durchbricht ohrwurmige Indiehits wie „Mountain’s Crave“ oder das hier eingangs aus dem Englischen übersetzte „Funeral For My Future Children“ mit bassigem Ambient und langen Instrumentalpassagen, die E-Gitarrenrisse gegen Organistenvirtuosität ankämpfen lassen. Das Album brachte ihr auch außerhalb Schwedens genug Beachtung ein, sodass sie weltweit touren konnte und dabei anscheinend ihren Stil endgültig fand. Auf dem neuen Album The Miraculous sucht man Hooks und Catchyness an der Oberfläche vergebens, die ehemalige Architekturstudentin baut jetzt Songstrukturen wie vollendete gotische Kathedralen: imposant, durchaus mit filigranen Ornamenten verziert, letztlich aber vor allem mächtig und Ehrfurcht gebietend.

anna von hausswolff

Epen wie „Come Wander With Me/Deliverance“ oder „Discovery“ reizen ohne einfache Melodiebögen mit fragmentierter Sehnsucht und einer Progressivität, wie sie Steven Wilson (siehe Porcupine Tree etc.) seit fast zehn Jahren nicht mehr hinbekommt – im Sinne des Wortes, einen eigenen Sound schaffend und voran treibend. Die Tochter des Klangkünstlers Carl Michael von Hausswolff vollbringt das längst Überfällige, sie definiert Gothic neu: Nicht als alberne Fetischmaskenparade verstoßener Teenager zu grenzdebilen Stümperklängen, sondern als ernsthafte Auseinandersetzung mit jenem, was größer ist als der Mensch; und hierzu zählt auch und vor allem die Musik. Bei all ihrer vermeintlichen Todessehnsucht vergessen die Schwarzkutten nämlich das Wichtigste: Jedem Untergang folgt der Mythos der Wiederauferstehung. Von Hausswolffs Walhalla liegt im flehenden „Evocation“ oder dem harmonischen Albumausklang „Stranger“. Einfach nur Schwarz, das wäre langweilig und nicht realistisch.

Hochtrabende Worte, zugegeben, aber für die neue Hohepriesterin der Melancholie mehr als angemessen. Erlebt mit uns die spannendste Grenzgängerin der aktuellen Singer/Songwriterszene live in Hamburg auf Kampnagel am Mittwoch, dem 2. Dezember. Wir haben zweimal zwei Karten für euch – schickt uns einfach bis Dienstag, 12 Uhr mittags, eine E-Mail mit dem Betreff „Anna von Hausswolff“ und den Namen, unter dem wir die Tickets an der Abendkasse hinterlegen sollen, an [email protected]. Viel Glück!

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Zum Tanz mit dem Erklärbären | John Grant live im Uebel & Gefährlich http://lesflaneurs.de/2015/11/23/zum-tanz-mit-dem-erklaerbaeren-john-grant-live-im-uebel-gefaehrlich/ http://lesflaneurs.de/2015/11/23/zum-tanz-mit-dem-erklaerbaeren-john-grant-live-im-uebel-gefaehrlich/#respond Mon, 23 Nov 2015 07:58:36 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6504 Es ist soweit, jetzt lieben ihn alle. John Grant ist mit seinem just erschienenen, dritten Album „Grey Tickles, Black Pressure“ omnipräsent geworden, und das lässt sich auch mit all den Geschichten erklären, die man über ihn erzählen kann. Längst ist sein Werdegang ausführlich im Feuilleton thematisiert und auseinandergepflückt worden: seine HIV-Erkrankung, seine Außenseiterjugend als mopsiger, schwuler Teenager in den USA, sein relativ später Aufstieg als Musiker (Grant ist inzwischen 47 Jahre alt), sein Wandel zum weisen, intellektuellen Erklärbären, der mehr als eine Handvoll Sprachen fließend spricht, in seiner Wahlheimat Reykjavík Texte hipper Jungmusiker wie Ásgeir aus dem Isländischen ins Englische übersetzt. Dabei ist das Schöne an Grant, dass er so schwer in die jeweilige Schablone passt, die sich vor dem geistigen Auge unweigerlich formt.

John Grant live in Hamburg 2013. Foto: Michael Schock
John Grant live in Hamburg 2013. Foto: Michael Schock

Seine Songs changieren zwischen retroseligem 70s-Discoarrangements und mit herzerweichendem Schmelz in seinem charismatischen Bariton intonierten Pianoballaden – man muss es mal gehört haben, wie er aus einem „You are so beautiful“ ein „You are a drug to me“ macht (in „Drug“, einem Song seiner Ex-Band The Czars) oder leicht wippend in „Pale Green Ghosts“ die Synthis bollern lässt. Dabei sind seine Texte oft dramatisch, selbstentblößend und mit schwarzem Humor gespickt – nehmen sich aber dank völlig überbordender Ironie nie nie niemals ganz ernst. Auch diese Schublade lässt sich Grant, ähnlich wie sein Folkpendant Father John Misty, einfach nicht gefallen. „There are children who have cancer. And so all bets are off, ‘cause I can’t compete with that.” Schon gut, wir haben verstanden.

Als John Grant das letzte Mal in Hamburg spielte, verblüffte er die Gäste im Mojo Club mit seinem perfekten, fast völlig akzentfreien Deutsch und erzählte von seinen Ausschweifungen in der Hansestadt. Was er im Uebel und Gefährlich am Mittwoch, 25.11., zu erzählen hat, davon könnt ihr euch selbst überzeugen. Wir verlosen zweimal zwei Karten für die Show. Schickt einfach bis Dienstag, 10 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff „John Grant“ an [email protected] und lasst uns den Namen wissen, unter dem wir jeweils zwei Tickets an der Abendkasse für euch hinterlegen sollen. Viel Glück!

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Der Schmied und die Dronefabrik | Ben Frost auf Kampnagel http://lesflaneurs.de/2015/11/20/der-schmied-und-die-dronefabrik-ben-frost-auf-kampnagel/ http://lesflaneurs.de/2015/11/20/der-schmied-und-die-dronefabrik-ben-frost-auf-kampnagel/#respond Fri, 20 Nov 2015 11:08:19 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6483 Bei Ben Frost ist jede Show ein kleines Glücksspiel. Der gebürtige Australier ist der König der modernen Elektronikavantgarde, was viel bedeuten kann und im Zweifelsfall genau das Gegenteil von dem darstellt, was man erwartet. Am besten hört man seine Alben spät nachts, (ausschließlich) allein in apokalyptischer Stimmung mit (sehr sehr guten) Kopfhörern ausgestattet. Frost steht an dem Ende des synthetischen Spektrums, an dem organische Instrumente höchstens Schlagzeugtupfer sind, ansonsten aber Dröhnen, Brummen und minimalste Akkordfolgen eine Bleiwüste dominieren, die er bei seinen Konzerten frisch und heiß glühend in immer dickeren Schichten in abstrakte Förmchen gießt.

Beim Iceland Airwaves 2012 etwa kommandierte er als großer Maestro of Doom mehrere Schlagzeuger herum, die sich so laut die Seele aus dem Leib trommelten, dass einige den Saal verlassen mussten. Ein Jahr später dann präsentierte er bei einem speziellen Abend seines Labels Bedroom Community in der ehrwürdigen Hallgrímskirkja Auszüge aus seiner Oper zur Novelle „The Wasp Factory“, fast easy listening für seine Verhältnisse, Elektronik mit Streichern, ein kurzer Moment der Harmonie, bevor er beim Reeperbahn Festival 2014 dann im Mojo Club, barfuß an Reglern und Gitarrenloops hantierend, vollendeten Drone auftürmte, in Nebel und Scheinwerferlicht Krach neu definierte:

Ben Frost beim Reeperbahn Festival 2014. Foto: Michael Schock
Ben Frost beim Reeperbahn Festival 2014. Foto: Michael Schock

Seine Show beim „Greatest Hits“-Festival auf Kampnagel mag nur mit einer Länge von 60 Minuten angegeben sein, aber das reicht völlig aus, um sich von Ben Frost den eigenen Horizont, was Elektronika war, ist und sein kann, völlig zertrümmern und wieder zusammensetzen zu lassen. Gut, dass ihr neugierig seid – wir verlosen einmal zwei Karten für sein Konzert an diesem Sonntag (22. November). Mailt uns einfach an [email protected] unter dem Betreff „Ben-was-zur-Hölle-passiert-hier-Frost“ den Namen, auf den wir die Karten an der Abendkasse hinterlegen lassen sollen. Einsendeschluss: Samstag, 23.59 Uhr. Viel Glück!

 

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Unter Nordlichtern | So war’s beim Iceland Airwaves 2015 http://lesflaneurs.de/2015/11/16/unter-nordlichtern-so-wars-beim-iceland-airwaves-2015/ http://lesflaneurs.de/2015/11/16/unter-nordlichtern-so-wars-beim-iceland-airwaves-2015/#respond Mon, 16 Nov 2015 11:20:35 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6430 Das halbe Jahrzehnt ist voll! Zum fünften Mal in Folge hat es mich zum Iceland Airwaves Festival in Islands Hauptstadt Reykjavík gezogen. Und so großartig es hier 2013 auch war, muss ich sagen: Dieses Airwaves war das musikalisch wohl beste. Auch wenn die Wale und das Wetter dieses Mal nicht so wollten. Aber was rede ich, lasst uns Fotos gucken.

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Bei unserem ersten Islandbesuch zum Airwaves 2011 sind wir förmlich ausgeflippt, weil ein winziger grüner Streifen Nordlichter sich hinter den Wolken überm Hafen Reykjavíks erahnen ließ. Dieses Mal war eine Nordlichtertour fest gebucht und die Nacht vorm Festivalstart dafür reserviert. Dabei hätten wir die Tour nicht gebraucht. Direkt über dem Apartment, während wir auf den Bus warteten, zeigten sich richtig dicke Nordlichter direkt über der Stadt – was ungewöhnlich ist, weil diese so viel Licht ausstrahlt (Light polution), dass sie sonst eher mau zu sehen sind. Auf dem Weg zu einem See zwischen schwarzen Lavabergen auf der Reykjanes-Halbinsel war die Aurora borealis so stark, wie ich sie nur aus Dokus kannte. Ein grüner Schleier über den Moosfeldern, unten ausgefranzt, sich langsam am nächtlichen Horizont schlängelnd. Für den Rest der Nacht, von halb neun bis zwei Uhr früh, verzogen sie sich dann hinter einer Wolkenwand. Aber sei’s drum, der Moment, in dem ich das Norðurljós direkt über der City sah, bleibt für immer unvergessen.

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Wenn man in Island ist, macht man natürlich auch tagsüber einen Trip raus in die Natur. Das ist in der beginnenden Wintersaison und mit begrenzter Zeit nicht so einfach, weshalb ich in den letzten Jahren bereits die Südküste ganz gut bereist habe. Aber eines war noch offen: Raus aufs Meer, Wale gucken! Das ist der Ausblick auf Reykjavík vom Schiff aus während des Ablegens, links die Harpa, das Konzerthauptgebäude der Stadt.

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Und draußen auf dem Atlantik? Keine Wale, leider. Wir haben nur ein paar Delfinflossen zu Gesicht bekommen, die verspielt immer wieder in unserem Umfeld auf- und wieder untertauchten. Klar, macht euch ruhig über die Touris mit ihren Kameras und albernen Anti-Kälte-Anzügen lustig, damn Dolphins! Aber auch wenn ich meine Lieblingstiere, Orcas (die interessanterweise zur Familie der Delphine gehören, also wieder was gelernt), nicht zu Gesicht bekam, war es großartig, mal wieder auf See zu sein und richtig harten Wellengang zu spüren. Während eine Handvoll Leute unter Deck mit dem drohenden Übergeben kämpfte, war es für mich eine große, spaßige Schaukelparty.

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Lange fragte ich mich, was eigentlich aus Rakel Mjöll Leifsdóttir, der Sängerin von Útidúr, einer meiner liebsten isländischen Folkbands, wurde. Nun, sie hat jetzt ein neues Projekt namens Halleluwah, mit dessen Konzert aus Zufall unser Airwaves am Mittwoch begann. Wir wollten nämlich mal im NASA, einem alten Kino, vorbeischauen. Das war 2011 noch Festival-Venue, die Jahre danach aber geschlossen. Gut, dass es jetzt wieder da ist, denn NASA hat eine ideale Größe und mit kitschigen Spiegelsäulen und Teppichboden eine eigentümlich wohlig an die 90er erinnernde Atmosphäre. Und zu Halleluwahs Elektrosoulpop: Na ja, Rakel hätte lieber bei Útidúr bleiben sollen.

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Das Schöne (und auch Tragische) am Airwaves ist, dass man oft kleine, winzige Projekte live zu sehen bekommt, die bald darauf wieder in der Versenkung verschwinden, oder dann eben doch den großen Durchbruch schaffen. Mit Hekla wird es Ersteres sein, und das ist gar nicht wertend gemeint. „I’m an icelandic theremin player. I play eerie electronic music that combines theremin and vocals“ schreibt die nach dem Vulkan benannte Isländerin zu ihrem Projekt. Extrem verschüchtert hüllte sie das Tjarnabíó in ihre ambienten Sounds, die viele als skurril belächelten, dann aber doch blieben und bis zum Schluss anhörten. Irgendwie war das nämlich wieder auf eine ganz eigene, verschrobene Art und Weise bezaubernd.

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Árstíðir sind mit ihrem oft sehr romantischen, fast kitschigem Nordfolk nicht die hippste isländische Band, mit der Anfang-20-Jährige zu Hause prahlen. Sie sind eher eine Band, die man auch seinen Eltern unterjubeln kann, und diese werden sich dann sehr exotisch fühlen, so schöne, von so weit her kommende Musik zu mögen. Ich kann mit Árstíðir viel anfangen, gerade da ihr aktuelles, drittes Album „Hvel“ moderner, aufgeräumter und etwas weniger folky klingt. Und ihre Hauptshow in der Harpa, mit perfekter Lichtshow und sehr stillem, aufmerksamem Publikum, war eines der Highlights.

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Zum Thema Highlights: Arnór Dan ist als Gastsänger von Ólafur Arnalds auf „For Now I Am Winter“ und der dazugehörigen Tour weit herumgekommen. Seine Band Agent Fresco hat mit „Destrier“ endlich ihr zweites Album herausgebracht, welches den Vorgänger leicht in allen Belangen toppt, den toten Progressiverock beinahe wieder beleben könnte. Aber keine Aufnahme wird dieser Band live gerecht. Im Herbst touren sie durch Deutschland, googelt das, geht da hin.

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Das Wetter war dieses Mal ähnlich wie in Deutschland sehr mild. Wir hatten ca. 6 Grad, meistens von nur leichtem Wind begleitet, jedenfalls für isländische Verhältnisse. Der Nachteil: Es war das verregnetste Airwaves, das ich bisher erlebte. Nur selten gab es kleine Lücken in der Wolkendecke, die sich wie hier über der Harpa auftaten.

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Aber Regen in Reykjavík ist wie Regen in London: Man beschwert sich nicht darüber, man macht das Beste draus. Wir stiegen auf den Turm der Hallgrímskirkja, in unmittelbarer Nachbarschaft des Apartments, und genossen den diesig gedämpften Blick über die Stadt.

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Zu den neuen Off-Venue-Locations (also die Orte in de Stadt, an denen jeder einfach den ganzen Tag über ohne Festivalbändchen Konzerte schauen kann) gehörte dieses Jahr das Bryggjan Brugghús am westlichen Ende des Hafens, ein schummriges Brauhauscafé. Hier holten wir uns nachmittags einen kleinen Agent-Fresco-Nachschlag, auch wenn es pickepackevoll war. Inzwischen nutzen nicht mehr nur die Airwaves-Bezahler diese Shows, oft hört man von Leuten, die sich ganz ohne Bändchen nur in den Off-Venues verlustigen. Leider ist es dementsprechend voller dort geworden, man kommt kaum mehr in ein Café, Theater, Klamottenlädchen etc. rein, wenn dort gerade jemand spielt.

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Wahl-Isländer John Grant wartete beim Airwaves mit einer seiner Orchestershows auf, für kostenlose Tickets musste man in der Harpa anstehen, denn in den herrschaftlichen, roten Eldborg-Saal der Harpa passen wegen der Sitzplätze nicht all zu viele Leute. Meine Erwartungen waren groß – und wurden dann sogar übertroffen. Grant spielte sich durch zwei Stunden Highlights aus seinen drei Alben, intonierte sogar mit karamelligem Schmacht in der Stimme „Drug“ seiner Ex-Band Czars. Ein Gänsehautmoment. Auch in den Elektrostücken, die auf seinen Alben gerne mal etwas altbacken nach 70s-Discopop klingen, vollbrachte das Icelandic Symphony Orchestra wahre Wunder. Ich habe noch nie eine so perfekte Kombination aus Streicherbombast und Elektro gehört.

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Den dezent schrulligen Psychedelicrock der Kult-New-Yorker Mercury Rev habe ich nur für die letzten paar Songs mitbekommen, in denen Frontmann Jonathan Donahue mit großen Gesten das Dreampop-Noisegewitter untermalte. Eine urig sympathische Band und das erste Mal seit Langem, dass jemand wieder mal das dröhnende Feedbackgewitter am Ende des Sets so lange hat hallen lassen, dass die Soundleute selbst den Stecker ziehen mussten.

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Was genau Father John Misty ist, muss die Wissenschaft noch herausfinden. Superarrogante Rampensau? Hyperironischer Zynismusmaster 3000? Begnadeter Meta-Meta-Medienmusiker? Fakt ist, „I Love You, Honeybear“ ist für mich das wohl beste Album des Jahres, verbindet herrlich hintersinnige Texte mit zeitlosen Melodien. Die ersten Lieder seines Sets in der Harpa waren noch von Soundproblemen der linken großen Box geplagt, sodass es eine Pause gab, in der sich Father John, aka Joshua Tillman, mit den ersten Reihen unterhielt, was weiter hinten im vollen Saal für Unmut sorgte. Plötzlich verschwand er ganz, nur um eine Minute später wieder herausgeprescht zu kommen und in perfektem Sound „When You’re Smiling And Astride Me“ zu schmettern. In herrlich übertriebenen Dancemoves illustrierte Tillman ein makelloses Set aus seinen beiden Alben und haute zwischendrin mal Sprüche raus wie: „I’ve worn cheap suits all over the world, but it’s my first time here. One thing I gotta say: The whale meat at home tastes better.“ Ouh snap, da gab es nur verhaltenen Jubel der anwesenden Isländer. Solche Spitzen gehören zu Father John Misty, genau wie eine Aktion am Ende seines einmalig dargebotenen „Bored In The USA“; Nahe an der ersten Reihe lehnend schnappt er sich das Smartphone eines Typen aus dem Publikum und filmte sich damit theatralisch im Scheinwerferlicht. Dem nicht genug, befahl er nach den letzten Tönen seinem Keyboarder, noch einmal die letzte Minute zu wiederholen, nur um sich dabei mit neu eingestelltem Smartphone n o c h b e s s e r zu filmen: „Yeah, okay, I think I got it right this time. Thanks for being a part of the show and not staring at your phone, you’re making great memories. Just kidding … you’re too drunk to remember anything.“ Father John, spätestens jetzt liegt dir auch ganz Island zu Füßen.

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Warum Hjaltalín nicht international so gefeiert werden wie etwa Sigur Rós ist mir ein Rätsel. Vielleicht, weil auf sie nicht die albernen „Feen und Kobolde“-Stempel passen? Keine Ahnung. Dabei sind sie eine der besten isländischen Bands, sogar in den Top drei, wenn ich wählen müsste. Ihre Mischung aus Pop, Rock, irgendwie auch Soul und Elektro ist kaum zu umschreiben, der Gesang von sowohl Frontmann Högni Egilsson als auch Frontfrau Sigríður Thorlacius großartig. In der Harpa präsentierten sie einige neue Songs, die allesamt in eine eher verträumt-romantische Richtung gingen. Es ist wirklich Zeit fürs neue Album!

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Singer/Songwriter und so eine Art Indie-LGBT-Ikone Perfume Genius hat ungefähr die gleichen Moves wie Father John Misty drauf, schwingt dabei aber noch häufiger und dramatischer seine Hüften. Mike Hadreas war in seinem Onesy und klobigen Glitzerschuhen der exaltierteste Sänger, den ich je auf der Bühne gesehen habe. Zwischen sensibler Ballade am E-Piano und großem Dramabrocken wechselte er mühelos hin und her, häufig ins Leere blinzelnd, wie von Ticks getrieben, mit sich selbst sprechend, dann wieder ins Mikro hauchend oder kreischend. Es gab „Hood“, es gab „Queen“, alle waren hochzufrieden.

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Zu Vérité gibt es ausnahmsweise nicht viel zu sagen. Wir stolperten ins Gamla Bíó, dieses Jahr wieder unbestuhlt, und schütteln unseren Speck zum Elektropop der Amerikanerin Kelsey Byrne im schmucken Theater. Einfach eine gute Zeit.

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Kein blöder Reiseführer kommt ohne einen Hinweis auf den blöden Hotdogwagen am Hafen aus. Man bekommt nur ein paar Meter weiter den wohl frischesten Fisch der Welt, köstlich zubereitet und halbwegs bezahlbar im Café Paris (Catch of the Day für umgerechnet 17 Euro), aber nein, die Touris stehen für fade Wurst im Pappbrötchen an. Mumpitz.

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Weil wir so viel entlang des Hafens unterwegs waren, habe ich dieses Mal Hunderte Fotos größerer und kleinerer Schiffe auf meiner SD-Karte. Um nicht zu nerven, hier nur eines davon.

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Riesige Street-Art auf dem Weg zum Listasafn (Art Museum) ist riesig. Und bunt.

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In der süßen kleinen Fríkirjan am Tjörnin-See im Stadtzentrum hatte ich dieses Mal kein Konzert eingeplant, stolperte einen Abend dann doch hinein, weil ich das Gebäude liebe, die Akustik und Atmosphäre hier so einzigartig sind. Holly Macve, eine 20 Jahre junge Singer/Songwriterin aus Brighton, spielte hier gerade erwartbaren Country mit überraschend ausdrucksstarker Balladenstimme. Fast erinnerte sie mich an Dolly Parton, die ja gefühlt 70 Jahre älter ist.

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Wenn mir ein negatives Erlebnis in Erinnerung geblieben ist, war es das Konzert der Dreampoper Beach House. Noch nie herrschte so ein Gedränge wie hier im Silfurberg-Saal der Harpa. Der sonst zumindest gut belüftete Raum heizte sich auf, betrunkene Isländerteeniegirls in Pelzmänteln keiften umher, meine Füße klebten an vergossenem Zuckerzeug auf dem Boden fest. Es war eine Katastrophe und der denkbar unglücklichste Rahmen für ein Konzert des Duos aus Baltimore. Da nervten die sehr ähnlich klingenden Songs schnell und nach drei Stück war ich wieder verschwunden …

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… nur um im Gamla Bíó, wenige hundert Meter weiter, die fantastische Anna B Savage zu sehen. Als perfektes Kontrastprogramm war der Saal fast leer, vielleicht drei Dutzend Zuhörer waren anwesend. Verkehrte Welt. Denn die introvertierte Gitarristin spielte sich so intensiv die Seele aus dem Leib, dass mich ihr roher, bluesiger Stil stark an die geliebten Scout Niblett und PJ Harvey erinnerte. Eine tolle Entdeckung und runder Schluss für ein großartiges Iceland Airwaves 2015.

Wer noch einmal meine gesammelten Tweets vom Festival inklusive Drumherum nachlesen möchte, kann das hier tun. Dort gibt es auch eine Spotify-Playliste mit ausgewähltenSongs der auftretenden Künstler.

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