Marcel Wicker – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Fri, 10 Jun 2016 08:14:21 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.2 Geht spazieren! http://lesflaneurs.de/2015/12/04/geht-spazieren/ http://lesflaneurs.de/2015/12/04/geht-spazieren/#respond Fri, 04 Dec 2015 09:00:35 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6586 Als Punk in einer norddeutschen Kleinstadt war Tanja van de Loo früh mit Nazis konfrontiert, seitdem lässt sie das Thema Migration nicht mehr los. Heute ist sie engagierte Aktivistin im Kampf um die Rechte Geflüchteter. Flâneur Marcel hat sich mit ihr zum Pernodtrinken verabredet und über ihre Arbeit gesprochen.

„Die Arbeit mit Refugees in Hamburg ist fast ausschließlich aktivistisch organisiert. Es ist zwar schön zu sehen, wie viel Engagement sich in einer Stadt entwickeln kann. Sozialpolitisch gesehen ist das aber natürlich eine Katastrophe“. Noch keine fünf Minuten sind vergangen, seit Tanja van de Loo mir strahlend die Tür zu ihrer Wohnung in der Sternschanze geöffnet hat. Während ich noch versuche, mich zu orientieren, habe ich schon den ersten Pernod im Glas. Es ist 18 Uhr. Tanja redet bereits über Progrome der 90er Jahre, fährt darüber zu Hochleistungen auf und mir wird klar: Das wird ein schöner, langer Abend.

Wir zünden uns eine Zigarette an. Ich will wissen, wie der Alltag einer Aktivistin aussieht, wenn es so etwas überhaupt gibt. „Viele Menschen arbeiten in der Kleiderkammer, geben Deutschkurse, organisieren Chöre, Fußballspiele und sowas. Ich sitze meistens am Rechner und am Telefon, beschäftige mich mit Organisation und Recherche und versuche, Menschen zueinander zu bringen“, erzählt sie. Sie legt wert darauf, keine Helferin zu sein. „Das klingt zu paternalistisch. Mein Job ist Empowerment“.

Sie erzählt mir von den Organisationen, in denen sie aktiv ist. Vom Bündnis „Recht auf Stadt – Never mind the papers“, das für Rechte unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Aufenthaltsstatus eintrete, darunter das Recht auf Arbeit, menschenwürdiges Wohnen, Gesundheitsversorgung und das Bleiberecht. „Wir kämpfen für eine Stadt, in der alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben“. Die Initiative „Refugees Welcome Karoviertel“ gründete sich ursprünglich zur Organisation der Hilfe rund um die Erstaufnahmeeinrichtung in den Messehallen. „Seit Ende September wohnen dort zwar keine Geflüchteten mehr, die Initiative mit zahlreichen Arbeitsgruppen ist seit ihrer Gründung vor gut drei Monaten aber so gut vernetzt, dass sie in der ganzen Stadt aktiv ist“.

Foto: Rasande Tyskar
Foto: Rasande Tyskar

Auch wenn es ihr nicht immer gelinge, eine gesunde Balance zwischen ihrem Engagement (pro bono, versteht sich) und ihrem Brotjob als Grafikerin zu halten, scheint sich beides gegenseitig zu befruchten und ineinander zu fließen. „Ich beschäftige mich seit Jahren mit Bildpolitiken und Ikonographie, mache Grafiken für Demos und sowas. Dabei lege ich immer großen Wert auf Barrierefreiheit und Universalität“. Sie zeigt mir ein Plakat, das sie im Zuge einer Demonstration gestaltet hat. Darauf fliegen mehrere origamigeformte Vögel über arabische Schriftzeilen. Ein stärkeres Bild für Freiheit und Papierlosigkeit fällt mir nicht ein.

Von Harburg in die Containerstadt

Das zweite Glas Pernod. Ich lasse mir den bürokratischen Ablauf erklären, den jede_r Asylsuchende in Hamburg durchlaufen muss. Zuerst meldet sich der/die Ankommende in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Harburg und wird daraufhin einer Erstunterkunft zugeteilt. In der Regel sind das Camps oder leerstehende, von der Stadt gekaufte Baumärkte. In der Unterkunft wird der/die Geflüchtete von einem mobilen Team registriert. Erst jetzt ist es ihm/ihr erlaubt, einen Asylantrag zu stellen. Wurde dieser geprüft, folgt ein persönliches Interview mit der Behörde, indem genau begründet werden muss, warum Asyl gewährt werden sollte.

Zwischen diesen Etappen liegen oft viele Monate. Eine endlose Zeit der Ungewissheit, die jede_r Einzelne gemeinsam mit vielen fremden Menschen auf engstem Raum und unter schlechtesten Bedingungen verbringt. Theoretisch soll eine Person nach drei Monaten aus der Erst- in eine der aktuell 18 Folgeunterkünfte im Raum Hamburg verlegt werden. Wegen des großen Aufkommens kann ein Umzug mittlerweile aber bis zu sechs Monate dauern. Die Folgeunterkünfte sind qualitativ sehr unterschiedlich, meist handelt es sich dabei um Container-Städte. „Der Vorteil von Containern ist natürlich, dass man dort mit weniger Menschen in einem Raum schlafen muss als in einem Baumarkt“, erzählt Tanja. In Neugraben soll ein ganzer Stadtteil mit Folgeunterkünften entstehen. „Ein Ghetto! Mit Teilhabe hat das nicht viel zu tun“.

Foto: Rasande Tyskar
Foto: Rasande Tyskar

„Mit etwas weniger Bürokratie könnte man den großen Leerstand der Stadt nutzen und einen Großteil der Menschen einigermaßen vernünftig unterbringen“, glaubt Tanja. Sie hält die Unterbringungspolitik aber auch ein Stück weit für Kalkül. „Wenn Politiker_innen von ‚Versagen der Behörden’ sprechen, dann klingt das für mich fast schon euphemistisch. Die aktuelle Situation der Refugees in Hamburg produziert mächtige Bilder, mit denen sehr leicht politisch operiert werden kann. Die Bilder schreien: ‚Kommt bloß nicht hierher! Hier müssen alle in Zelten hausen’. In einem neoliberalen System kann es sehr nützlich sein, entrechtete Menschen zu haben“.

Jeder hat das Recht, nicht zu helfen

Pernod Nummer drei. Dass es momentan einen rechten Backlash gibt, ist für Tanja klar. „Paris hat diese Entwicklung jetzt um vier Monate nach vorne gebombt“. Umso wichtiger scheint es, sich klar zu positionieren. Ich möchte wissen, was ich konkret tun kann, außer meinen Kleiderschrank auszumisten. „Die komplette Organisation für Refugee-Hilfsprojekte läuft über Facebook. Im Grunde kann man jede Idee einfach in eine dieser ganzen Gruppen (zum Beispiel dieser) posten. Erfahrungsgemäß finden sich schnell Mitstreiter_innen für Projekte. Egal ob Grillfest, Tanzkurs oder gemeinsames Basteln. Worauf man eben Bock hat“. Auch auf der Seite Refugees Welcome Karoviertel werden immer wieder Projekte vorgestellt, bei denen man sich einbringen kann. Gerade Angebote für Teenies und LGBTQI-Menschen würden aktuell dringend gesucht.

„Es ist auch immer total hilfreich, Menschen über Nacht mit nach Hause zu nehmen. Man kann sich wohl ganz gut vorstellen, wie wertvoll es ist, eine Nacht ungestört und trocken zu schlafen“. Sollte man sich dafür entscheiden, kann man sich direkt an die nächstliegende Unterkunft wenden. Dabei ist es aber wichtig zu wissen, dass die Refugees verpflichtet sind, sich einmal täglich in ihrer Unterkunft zu melden. Ansonsten gefährden sie ihre Chance auf Asyl. „Wenn man sich nicht selbst engagieren kann oder möchte, sind Geldspenden natürlich auch immer gut“, schiebt Tanja hinterher. „Aber als Person hat auch jeder das Recht, nicht zu helfen. Der Staat hat dieses Recht nicht“. Darauf erheben wir das vierte Glas.

In was für einer Stadt wollen wir leben?

Tanja sieht ihr Engagement nicht in erster Linie als Hilfe an. „Ich mache das vor allem auch für mich selbst. Mein Freundeskreis besteht nur aus Kartoffeln, Deutschen, alle ähnlich sozialisiert, der reinste Kartoffelsalat. Das ist doch total langweilig!“ Sie will ihren Musikgeschmack öffnen, neues Essen essen, Dinge ausprobieren und Menschen kennenlernen. „Ich gehe zum Fastenbrechen, mit einem Bier in der Hand. Das mag provokant klingen, aber ich bin überzeugt davon, dass Menschenkennenlernen immer auch bedeutet, Aushandlungsprozesse einzugehen“. Ihr Tipp: „Geht spazieren! Sprecht mit Menschen! Schaut euch eure Stadt an und fragt euch: Wie wollen wir leben?“

Alle Fotos: Rasande Tyskar (flickr.com), entstanden im Rahmen der Demonstration „Refugees Welcome heißt gleiches Recht für alle“ am 14.11.2015 in Hamburg.

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Operation Ton http://lesflaneurs.de/2015/11/11/operation-ton/ http://lesflaneurs.de/2015/11/11/operation-ton/#respond Wed, 11 Nov 2015 14:08:41 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6418 Krise ist ja immer. Auch und besonders im Musikgeschäft. Deswegen stecken schlaue Menschen regelmäßig ihre Köpfe auf Konferenzen zusammen und orakeln den Untergang der Musikindustrie herbei.

Bei Operation Ton läuft das anders. Das ist kein Jammerkongress für Leute, die es sich im Musikbusiness bequem gemacht haben, als das noch ging, sondern eine Ideenschmiede für alle, denen tatsächlich etwas an der Kunst liegt. MusikerInnen, KomponistInnen, JournalistInnen, VeranstalterInnen, BookerInnen und Menschen aus Labels und Verlagen treffen sich am 13. und 14. November im Hamburger Haus73, um sich tagsüber den Zukunftsfragen der Musiklandschaft zu stellen und diese abends beim hauseigenen Festival zu feiern.

Organisiert von RockCity e.V. verfolgt Operation Ton seit 2007 das Ziel, Menschen Mut zum eigenwilligen Musizieren zu machen, Gespräche über Popkultur anzuregen und den Einstieg in eine musikalische Lebensgestaltung zu erleichtern. Die Liebe zur Vielfalt beweist das bunte Programm mit Vorträgen wie dem von Françoise Cactus (Stereo Total), die unter dem Titel „Das A & O rebellischer Selbstorganisation“ über die Rolle der Frau in der Musik sprechen wird. Das Panel „Music Has No Borders“ stellt Musikprojekte von und mit Refugees vor und Mona Mur ezählt, wieso Video Games der Rock’n’Roll von heute sind. Außerdem als ReferentInnen dabei sind Judith Holofernes (Wir Sind Helden), Friedrich Liechtenstein („Supergeil!“), Peter Hein (Fehlfarben) und viele mehr.

Das begleitende Festival mit Live Acts, Lesungen, Filmen & Performances beendet beide Konferenztage. Auf der Bühne stehen unter anderem Fuck Art – Let’s Dance, Foxos, Fatoni und Mine. Gelesen wird von Andy Strauß und Judith Holofernes.

Also für mich klingt das überhaupt nicht nach Krise.

Operation Ton #9
13.-14. November 2015
Haus73, Schulterblatt 73, 20357 Hamburg
Karten für Konferenz, Festival und einzelne Konzerte gibt es hier im Vorverkauf und an der Abendkasse.

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Schweifende Streifen: Der König der Möwen http://lesflaneurs.de/2015/04/10/schweifende-streifen-der-koenig-der-moewen/ http://lesflaneurs.de/2015/04/10/schweifende-streifen-der-koenig-der-moewen/#respond Fri, 10 Apr 2015 12:10:03 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=5704
Copyright des Originals: Ahmed Hashim – flickr.com, Nutzung unter Verwendung der Creative-Commons-Lizent

Kennt ihr das? Ihr kommt aus dem Kino, diskutiert mit euren Freunden über einen Film und habt all diese Ideen, was ihn besser gemacht hätte? Hier setzen wir mit einer neuen Reihe namens „Schweifende Streifen“ an und stellen uns vor, wie Filme aussehen würden, wenn man sie in unserer Stadt und mit unseren Storyideen gedreht hätte. Vom städteverschlingenden Katastrophenfilm bis zum avantgardistischen Hinterhofhorror kann dies die buntesten Formen annehmen und wir sind selber sehr gespannt darauf, wie es sich entwickelt.

Den Anfang macht Marcel Wicker, ein neuer spannender Mensch an Bord der Flâneurfähre. Im Gegensatz zu uns Stammtisch-Filmtheoretikern ist er im richtigen Filmbusiness verankert. Wie genau wird noch nicht verraten – Cliffhanger! Jetzt beschreibt er allerdings erstmal, wie der „König der Löwen“ in Hamburg aussehen würde. Vorhang auf!

Der König der Möwen

Mit dem Musical im Hamburger Hafen beansprucht die Hansestadt nun schon seit 15 Jahren die Geschichte um den „König der Löwen“ für sich. Aber wie sähe es eigentlich aus, wenn der Stoff tatsächlich norddeutsch wäre? Hier meine Überlegungen zu „Der König der Möwen“:

Mufasa, König der Möwen, lässt das gesamte Königreich an den Hafen kommen. Er hat eine wichtige Mitteilung zu machen.

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Stolz möchte er dem Volk seinen neugeborenen Sohn Simba präsentieren, der zu diesem Anlass vom weisen Schamanen Rafiki noch einmal ordentlich gesalbt wird. friends animated GIF

König Mufasa zeigt seinem Sohn pflichtbewusst jeden noch so kleinen Winkel des Königreiches und lehrt ihn die wichtigsten Weisheiten. Noch hat der kleine Simba aber nicht genau verstanden, was sein Vater mit dem „ewigen Kreis“ meint.

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Neugierig dringt der abenteuerlustige Möwenprinz beizeiten auch in gefährlichere Gefilde vor. So begegnet er in Billstedt seinem bösen Onkel Scar, ist ihm aber glücklicherweise immer einen Schritt voraus.

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Seine Eltern toben vor Wut als sie erfahren, dass Simba sich in solch gefährlichen Gegenden rumtreibt.

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Genervt reißt Simba aus und findet auf St. Pauli neue Freunde, die ihn in ihre pubertäre Lebensphilosophie „Hakuna Matata“ („Keine Sorgen“) einweihen. Die Auslegungsmöglichkeiten dieser Weisheit stellen sich für Simba als enorm vielfältig heraus.

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Nachdem er seine wilde Jugend genossen hat, kehrt Simba zurück an den Hafen, wo er den finalen Showdown mit seinem bösen Onkel Scar antritt. Nach einem aufregenden Kampf stürzt der bereits stark lädierte Scar schließlich von einer Klippe, was Simba zum neuen König macht (hier der Kampf aus der Perspektive des Siegers):

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Wäre der Disney-Klassiker also von vornherein in Hamburg entstanden, hätte das aus meiner Sicht viele dramaturgische, aber auch standortpolitische Vorteile gehabt. Zum einen gäbe es viele Möglichkeiten für spektakuläre Luftaufnahmen der „schönsten Stadt der Welt“:

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Und zum anderen stünde das Stage-Theater heute vermutlich in der Serengeti.

Bilder: giphy.com

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