Lisa Ksienrzyk – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Mon, 06 Jun 2016 15:56:59 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.2 #instagram – auf drei Bilder mit Parisian floors http://lesflaneurs.de/2016/04/08/instagram-auf-drei-bilder-mit-parisian-floors/ http://lesflaneurs.de/2016/04/08/instagram-auf-drei-bilder-mit-parisian-floors/#respond Fri, 08 Apr 2016 09:59:12 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7297 Selbstverliebte Selfies, haufenweise Hashtags und das Streben nach Likes – Instagram kann mehr als nur oberflächliche Selbstdarstellung. Wir stellen euch in unserer Reihe „#instagram – auf drei Bilder mit…“ besondere Perspektiven auf die Bildersammlungsplattform vor. Heute mit Parisian floors.

 

Der Hashtag #fromwhereistand ist ein unendliches Fotoalbum von fremden Füßen, die irgendwo in der Weltgeschichte stehen. Hunderte dieser Bilder zeigen ein Paar edle Männerschuhe auf aufwendigen Pariser Mosaikböden. Der deutsche Fotograf Sebastian Erras hat auf Instagram mit seinen Parisian floors eine neue Perspektive auf die französische Hauptstadt geschaffen. Täglich veröffentlicht er ein Foto von einem der zahlreichen Pariser Fliesenböden. Seine hochwertigen Lederschuhe am unteren Rand der Bilder sind dabei zum Markenzeichen der Parisian floors geworden.

Im Mai letztens Jahres hat Sebastian seinen ersten Boden auf Instagram geteilt. Nun warten täglich 75.000 Menschen weltweit auf ein neues Pariser Mosaik. Inspiriert wurde der junge Interior-Fotograf durch die filigrane Mosaiktechnik im Bahia-Palast in Marrakesch. Sebastian lebt zwar schon seit fünf Jahren abwechselnd in Paris und Deutschland, aber nach diesem Marokko-Trip seien ihm die ausgefallenen Böden in den Pariser Cafés und Hauseingängen überhaupt erst richtig aufgefallen. Die Idee für Parisian floors war geboren. Über einige Mosaikböden laufen die Franzosen schon seit über hundert Jahren, so Sebastian. „Aber niemandem war wirklich klar, dass es in der ganzen Stadt so eine Auswahl an verschiedenen Böden gibt.“ In Bistros und Cafés sind abstrakte Fliesenböden noch dazu zum Trend geworden.

Wenn Sebastian auf Entdeckertour geht, hat er immer mehrere Paar Schuhe im Rucksack. Einige Marken sind mittlerweile auf ihn aufmerksam geworden und versorgen ihn mit edlen Tretern. Je nach Muster und Farbe des Bodens fotografiert er das Mosaik dann mit verschiedenen Schuhen. „Um den künstlerischen Effekt zu erhöhen“, wie er sagt. „Die Schuhe sind schließlich das einzige persönliche und variierbare Element in den Bildern.“ In einem Bistro wurde er neulich beim Fotografieren sogar aufgrund seiner blauen Lederschuhe von der Besitzerin erkannt.

Wenn das Wetter mitspielt, nimmt der junge Deutsche sich einen Tag Zeit und spaziert durch die französische Hauptstadt – immer mit gesenktem Kopf. Wenn er in einem Hauseingang ein besonders schönes Mosaik sieht, wartet er gern auch mal 20 Minuten vor der Tür, bis ihn zufällig jemand hineinlässt. Ab und an schicken ihm Leute sogar die Codes von ihren Hauseingängen oder Bars laden ihn zum Fotografieren ein. Dann sucht sich Sebastian einen guten Fleck vor einem Fenster oder der Tür, damit das Licht stimmt und nach einer Minute ist er wieder verschwunden. Filter seien nicht sein Ding, meint der junge Deutsche. Er versucht alle Fotos so natürlich wie möglich zu lassen.

Manche Muster lassen verschiedene Variationen zu und sind mehrmals bei Parisian floors vertreten. Sebastian fotografiert diese Böden dann aus verschiedenen Winkeln oder kommt mit einem anderen Paar Schuhe zurück. Sein Lieblingsmosaik liegt vor dem Eingang zum Luxushotel Regina unweit des Louvre. Dort auf dem Boden winden sich Blumenranken um eine Krone rundherum. Die Parisian floors sind bunt und zeigen eine gewisse Symmetrie, was auf Instagram sehr gut ankäme, so Sebastian. Dass die Mosaikböden auch noch in Paris fotografiert werden, eine der meistbesuchtesten Städte der Welt, steigert die Popularität noch mehr. „Ich weiß nicht, ob ich den gleichen Erfolg gehabt hätte, wenn ich ein ähnliches Projekt in Berlin gestartet hätte“, resümiert der junge Fotograf.

Sebastian gibt zu jedem Foto auf Instagram an, wo er den Boden fotografiert hat, damit seine Follower ihre eigene Stadttour machen können. Die beliebtesten Böden haben ein überlappendes Kreismuster, sind überwiegend blau. Warum gerade diese Mosaike auf der Fotoplattform so beliebt sind, kann sich der Fotograf nicht erklären. „Wenn ich solche Böden poste, kann ich garantieren, dass ich über 5.000 Likes bekomme.“ Immer wenn er die App auf seinem Handy öffnet, um mir ein bestimmtes Bild zu zeigen,  leuchten vielzählige neue Herzen in seiner Aktivitätenliste auf. Sebastian zeigt mir auf einer anderen Website Statistiken über seine Follower und Likes. Der Großteil seiner Follower stammt aus den USA und Brasilien, gefolgt von Frankreich auf Platz drei. Solche Zahlen spornen ihn an. „Das liegt vielleicht ein bisschen an der deutsche Mentalität: Gut organisiert sein und alles verfolgen“, gibt Sebastian lachend zu.

Sein Ziel ist aber nicht eine bestimmte Anzahl an Beiträgen oder Followern zu erreichen, sondern ganz Paris abzuklappern und Böden in jedem Arrondissement zu fotografieren. „Ich glaube, alle werde ich aber nie schaffen.“ Bis zum Sommer möchte er die Parisian floors auf Instagram noch weiterführen und dann am liebsten ein Coffee Table Book herausbringen und als Abschluss eine interaktive Ausstellung in Paris eröffnen. Bis dahin kundschaftet er andere europäische Städte und ihre Mosaikböden aus.

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Streetart im Pariser Osten http://lesflaneurs.de/2016/01/31/streetart-im-pariser-osten/ http://lesflaneurs.de/2016/01/31/streetart-im-pariser-osten/#respond Sun, 31 Jan 2016 11:19:10 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6932

Der Pariser Osten rund um das Viertel Belleville ist ein lebhafter, multikultureller Bezirk und Schauplatz von Streetart in allen Facetten. Belleville ist ein typisches Einwandererviertel. In der einen Straße reiht sich ein chinesisches Restaurant neben das nächste, um die Ecke verkauft ein tunesischer Bäcker Baklava neben einem Halal-Fleischer. Und gegenüber steht ein jüdisches Gemeindezentrum. Aber auch Belleville wird von der Gentrifizierung heimgesucht und so finden sich mehr und mehr Künstler und Überlebenskünstler, die die günstigen Mieten ausnutzen. Hippe Bars und Cafés sprießen aus dem Boden. Am Boulevard treffen asiatische Prostituierte auf junge Architekturstudenten. Ein Gemisch aus Marihuana und Brathähnchen schwängert die Luft. Noch vor wenigen Jahren war Belleville ein schmutziges Viertel am Rand der Pariser Schickimicki-Gesellschaft. Jetzt ist das Einwandererviertel zum Szenebezirk der französischen Metropole geworden. Das Pariser Neukölln.

Streetart Paris Rue de Belleville

Streetart Paris Rue Ramponeau

Die Rue Denoyez ist die wohl bekannteste Straße in Belleville. Die Mauern sind komplett mit Graffiti übermalt und verändern sich täglich. Das Besondere: Hier ist das sogar legal. In der Straße waren bis vor kurzem kulturelle Einrichtungen zu Hause, die nun Sozialwohnungen und einer Kita weichen müssen. Wie lange die Wände den Streetart-Künstlern dann noch zur Verfügung stehen, ist unklar.

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„Wir sind die Typen von Ménilmontant“. Jérôme Mesnager war einer der ersten Pariser Straßenkünstler. Das Mural mit Mesnagers typischen weißen Männern ziert die Mauer in der Nähe der Metro Ménilmontant seit 1995. Die gelbe Katze von Monsieur Chat ist ebenfalls zu einem Symbol der Pariser Streetart-Szene geworden.

Streetart Paris Mesnager Menilmontant

Streetart Paris Rue du Chalet Yellow Cat by Monsieur Chat

Am Hügel von Belleville finden sich vor allem Touristen, die den spektakulären Blick auf die Stadt und den Eiffelturm genießen. Samstagabends wird hier Essen für Obdachlose und Sozialhilfeempfänger verteilt.

Streetart Paris Parc de Belleville

Streetart Paris Parc de Belleville

Streetart Paris Parc de Belleville

Zweimal in der Woche ist Markttag in Belleville. Afrikaner, Araber und Asiaten bieten ihre Produkte an und drängen sich mit Zugezogenen an den Ständen vorbei. Am Rande verkaufen Männer geklaute Handys und gefälschte Uhren. Einkaufswagen werden in provisorische Grills umgewandelt, auf denen Maronen geröstet werden.

Streetart Paris Rue Lesage Fast Food Burger Pommes Pizza

Streetart Paris Menilmontant

Am Geburtstort der weltberühmten Chanson-Sängerin Edith Piaf („La vie en rose“) kreuzen sich Wege von Künstlern und Migranten. Verschiedenste Nationen leben hier mit- und nebeneinander. Alles ohne große Auseinandersetzungen und Anfeindungen. Dennoch: Die Mietpreise steigen immer mehr und verscheuchen die Alteingesessenen.

Streetart Paris Rue des Cascades

Streetart Paris

Belleville ist kein Freiluftmuseum wie das restliche Paris. Der Bezirk verzaubert nicht durch seine Architektur im haussmannischen Stil, den schicken Cafés oder ewig blühenden Grünflächen. Belleville ist vielmehr ein Museum für Streetart.

Streetart Paris

Streetart Paris Rue de la Mare

 

 

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Paris nach dem 13. November http://lesflaneurs.de/2015/11/23/paris-nach-dem-13-november/ http://lesflaneurs.de/2015/11/23/paris-nach-dem-13-november/#respond Mon, 23 Nov 2015 15:04:48 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6494 Seit einer Woche ist Paris nicht mehr, was es war. Auf den ersten Blick scheint der Alltag zurückgekehrt zu sein. Doch der Schein trügt. Freitagnacht hat vieles verändert.

Ich wohne im Stadtteil Belleville, im Osten von Paris. Freitagabend bin ich mit meinem Besuch aus Deutschland in meinem Bezirk ausgegangen. Wir haben von einem Aussichtspunkt das glitzernde Paris bewundert, wir haben Knalle gehört und sind ahnungslos in die Bar nebenan verschwunden. 129 Menschen wurden in dieser Nacht getötet, mehr als 200 verletzt, teils schwer.

Louvre 15.11.2015
Leerer Platz vor dem Louvre, Foto: Lisa Ksienrzyk

In Belleville tümmeln sich die Pariser nur zwölf Stunden nach dem Attentat bereits wieder auf den Straßen, trinken ihren Kaffee „en terrace“ und sitzen beim Friseur. Viele Geschäfte sind geöffnet, doch je weiter ich in Richtung Innenstadt laufe, desto mehr Gitter finde ich vor den Schaufenstern. „Wir Franzosen sind mutig“, schrieb mir Ronan am Samstag und erzählt mir, dass er wie jedes Wochenende abends in die Kirche gehen wird, um im Gottesdienst Orgel zu spielen. Das Leben muss weitergehen hört man dieser Tage ständig.

In den Bäckereien, Kirchen und Shops hängen seit dem Wochenende Schilder mit einem roten Dreieck. Vigipirate erinnert an die höchste Terrorwarnstufe in Frankreich. Paris ist derzeit voller schwer bewaffneter Polizisten und Soldaten, deren bloße Anwesenheit ein beklemmendes Gefühl hervorruft. Willkürlich filzen sie arabisch aussehende Männer, durchsuchen deren Autos und Koffer. Frankreich ist im Ausnahmezustand. Die Boutiquen auf dem Champs-Élysées waren am Sonntag nicht nur geschlossen, sondern verriegelt und mit Rollläden vom strahlend blauen Himmel und dem zuversichtlichen Treiben auf der Straße abgeschirmt. Sehenswürdigkeiten wie der Louvre oder Notre Dame waren weitläufig abgezäunt und von der Polizei bewacht. Montmartre war am Montag fast menschenleer, nur eine Handvoll Geschäfte hat seine Türen geöffnet. Touristen ließen sich davon trotzdem nicht beirren. Schließlich sind sie nicht in die Stadt der Liebe gekommen, um das Tapetenmuster in ihrem Hotelzimmer zu studieren.

Joie de vivre in schwarzen Zeiten

Dennoch, ich habe das Gefühl, die Pariser sind näher zusammengerückt. Freitagnacht boten zahlreiche Menschen auf Twitter über den Hashtag #PorteOuverte einen Unterschlupf an. Auf dem Place de la République fordert ein Muslim Passanten auf, ihn zu umarmen. Er hat sich die Augen verbunden, neben ihm ein Schild, auf dem er um Vertrauen bittet. Und die Menschen stehen Schlange. Paris ist ein multikultureller Hotspot und niemand sucht die Schuld bei einem seiner Nachbarn.

Auf dem Place de la République versammeln sich seit Samstag täglich Hunderte trauernde Menschen, die Blumen niederlegen, Kerzen anzünden und der Opfern gedenken. Selbst der Regen vertreibt die Franzosen nicht. Auch die Übertragungswagen sind eine Woche nach den Anschlägen nicht abgezogen. Mehrere Male wurde in den vergangenen Tagen eine Station vorübergehend gesperrt, weil verdächtiges Gepäck gefunden wurde. Die Station Oberkampf, die direkt am Bataclan liegt, war tagelang blockiert. Die Franzosen machen weiter, halten an ihrem Joie de vivre fest, werden jedoch ständig von Angst und Paranoia begleitet. Ein Knall löste am Sonntag eine Massenpanik auf dem Place de la République aus. Meine Mitbewohnerin saß zu dieser Zeit zwei Kilometer entfernt in einer Bar. Wie aus dem nichts stürmten zahlreiche Menschen hinein und verschanzten sich hinter den Rollläden vor der möglichen Gefahr auf der Straße. Bis einschließlich Donnerstag wurden sämtliche Veranstaltungen, Demos und Versammlungen verboten. Kein Street-Food-Market, kein Trauermarsch, kein Weihnachtsmarkt. Auf Facebook versichern viele Clubs, dass sie jetzt erst Recht öffnen würden, um dann wenige Stunden später die Veranstaltungen doch wieder abzusagen. Ungewohnt viele Leute versuchen gerade, ihre Konzertkarten für Shows in den kommenden Tagen zu verkaufen.

Paris Anschlag
Blumen und Kerzen vor dem Café Bonne Bière, Foto: Melissa Collett

Meine Universität liegt in Saint Denis. Wegen der Razzia sind am Mittwoch alle Kurse ausgefallen. Meine Freunde im Studentenwohnheim wurden morgens von den Explosionen und Salven geweckt. In den Seminaren und Vorlesungen gibt es am Anfang der Woche mehr leere Stühle als besetzte. In den Kursen, in den Pausen, auf der Bahnfahrt gibt es nur ein Thema. Teilweise scheinen kleine Wettstreite zu entfachen, wessen Freund vom Freund vom Freund Freitagnacht mehr Entsetzen erlebt habe. Benoît ist am Montag in der Uni auf der Toilette zusammengebrochen. Auf einmal haben ihn die Gefühle übermannt und sind aus ihm herausgebrochen. Victoria traut sich nicht mehr, in die Metro zu steigen, und fährt derzeit mit dem Taxi durch Paris. Sie überlegt, ihr Studienjahr in einer anderen französischen Stadt fortzusetzen. Eine Kommilitonin hat sich direkt am Montag am Handgelenk tätowieren lassen: „Your wars, nos morts. Vos guerres, no more.“ Sie habe schon länger darüber nachgedacht, sagt sie.

Die Cafés füllen sich wieder. Ich treffe abends mehr Leute auf der Straße. Es wird wieder gelacht. Ich lache mit, stoße auf Geburtstage an, gehe aus. Dennoch horche ich bei jeder Sirene unruhig auf, mein Herz setzt bei jedem lauten Knall eine Sekunde aus. Der Alltag schleicht sich langsam zurück nach Paris, aber er hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

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Pornoskizzen unter dem Deckmantel der Kunst http://lesflaneurs.de/2015/11/09/pornoskizzen-unter-dem-deckmantel-der-kunst/ http://lesflaneurs.de/2015/11/09/pornoskizzen-unter-dem-deckmantel-der-kunst/#respond Mon, 09 Nov 2015 08:07:30 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6401 In Paris ist die Picasso.mania ausgebrochen. In der ganzen Stadt stiert Pablo Picasso mit nacktem, haarigem Oberkörper und verschränkten Armen auf Passanten und wirbt post-mortem für seine exzentrischen Meisterstücke. In der französischen Hauptstadt findet jedes Jahr eine neue Ausstellung über den Künstler aller Künstler statt. Diesmal zeigen 75 Fachmänner und -frauen, wie sie den spanischen Maler und Bildhauer wahrgenommen und seine Werke neu interpretiert haben.

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Picasso im Bilde, Foto: Lisa Ksienrzyk

Die verzweigte Absperrung vor dem Eingang zum Grand Palais deutet daraufhin, dass stundenlanges Anstehen nicht unüblich ist. Am Freitagmittag zieht es hingegen nur wenige Leute unter die Glaskuppel des Grand Palais. Ein Selbstportrait von Picasso aus dem Jahr 1901 leitet die Ausstellung ein. Das spanische Genie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erst richtig entdeckt und seine avantgardistische Kunst seitdem hoch gepriesen. Mehr als 40 Jahre nach seinem Tod gilt Picasso noch immer als ein exzentrisches Phänomen, das die zeitgenössische Kunst ausschlaggebend mitgestaltet hat. Der erste Raum in Picasso.mania ist voll von Büsten, Bildern und Skulpturen in den verschiedensten Stilrichtungen, die den großen Maler abbilden. Die Werke können unterschiedlicher nicht sein: Picasso als überlebensgroße Figur im Mickey Mouse Stil, ein Portrait des rauchenden Künstlers in jungen Jahren oder eine Silikonbüste des Spaniers mit Piratenhut und einem Penis, der aus dem rechten Auge wächst – genannt „Dick Eye“. Bilder mit Geschlechtsteilen an den unmöglichsten Stellen tauchen in diesen Raum auf. Später wird mir klar, warum Picasso derartig mit Genitalien in Verbindung gesetzt wird. Die Ausstellung endet chronologisch mit seinen letzten Werken, in denen er den Maler Raffael und seine Muse detailgetreu und in verschiedensten Positionen beim Sex gezeichnet hat. Diese erotischen Kritzeleien, fast schon pornographischen Meisterleistungen ziehen sich wie ein roter Faden durch sein jahrzehntelanges Schaffen. Die Repräsentationen sind dementsprechend ebenfalls ausschweifend und alles andere als jugendfrei.

Nutten, Krieg und Pop Art

In den 15 Ausstellungsräumen wird entweder der Fokus auf einen bestimmten Künstler gesetzt, der Picassos Arbeit interpretiert hat oder ein spezielles Werk des Malers leitet eine Reihe von verschiedensten Adaptionen ein. Ausschnitte von Spielfilmen, Werbespots und Jay Zs Track „Picasso Baby“ zeigen die Spuren, die der spanische Künstler in sämtlichen Bereichen hinterlassen hat. Die Prostituierten aus „Les Demoiselles d’Avignon“ wurden beispielsweise von Jeff Koons in einer Collage zusammen gestückelt. Nach einem Raum voll nackter Frauen beschwören hingegen die Inszenierungen von Picassos politischer Ikone „Guernica“ eine aggressive Atmosphäre. Kriegsszenarios, Flugblätter und ein Massaker an Plastikwölfen lassen einen anderen, politischen Picasso erahnen.

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Einblick in den Ausblick aus Picassos Augen

Die Reise geht ein Stockwerk tiefer und führt zu den grotesken Werken des spanischen Malers, die sogar ich Kunstbanause auf Anhieb erkenne: deformierte Frauenköpfe mit absurden Hüten aus den 1930ern. Die Erklärung an der Wand bestätigt mir, dass die meisten Leute „einen Picasso“ mit einem Bild aus dieser Phase verbinden. In seinen Anfangsjahren hat Picasso den kubischen sowie surrealistischen Stil neu für sich erfunden und Jahrzehnte später damit seinen Beitrag für die Entwicklung von Pop Art geleistet. In den nächsten Räumen verbildlichen abstrakte, grelle Werke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Co wie Picassos die Post-Moderne inspiriert hat. Videoclips gespickt mit Zeitungsartikeln und Fotos des Künstlers beleuchten daraufhin das Privatleben von Pablo Picasso. Vier Kinder von drei verschiedenen Frauen hatte der Frauenheld und Macho gezeugt.

Nach gut eineinhalb Stunden bin ich mit Picasso.mania durch, habe das Phänomen Pablo Picasso ansatzweise begriffen und seinen Einfluss auf andere zeitgenössische Künstler erahnen können. Auch wenn Kunst mir bisher meist nur an Häuserwänden begegnet ist, fand ich die Adaptionen sowie Originale tatsächlich faszinierend und beinahe respekteinflößend. Und das liegt nicht an den zahlreichen Geschlechtsteilen und kleinen Kamasutra-Skizzen, die Picasso.mania auftischt. Aber sie haben dazu beigetragen.

Die Ausstellung Picasso.mania läuft noch bis zum 29. Februar 2016 im Grand Palais in Paris. Der Eintritt kostet zwischen 10 und 14 Euro.

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