Les Flaneurs – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Wed, 06 Apr 2016 13:05:10 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.4.2 Neues vom Kriminalsofa (70) http://lesflaneurs.de/2016/04/04/neues-vom-kriminalsofa-70/ http://lesflaneurs.de/2016/04/04/neues-vom-kriminalsofa-70/#respond Mon, 04 Apr 2016 05:53:05 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7293 Einige von uns Flâneuren schauen gerne den Tatort. In einem kurzen Rückblick zeigen wir euch an jedem Nach-Tatort-Montag, was wir über den aktuellen Tatort denken, welche Gefühle wir beim Schauen hatten und ob es sich lohnt, noch einmal in die Mediathek zu schauen.

Die harten Fakten:

Titel: Mia san jetz da wo’s weh tut

Stadt: München

ErmittlerInnen: Batic & Leitmayr

Austrahlungsdatum: 3. April 2016

tl;dr

Ninia: Ich. weiß. es. nicht.

Johanna: München. Prostitution. Rich Kids. Drogen.

Überraschungsmoment

Ninia: Diverse. Keine positiven.

Johanna: Wie schlecht ein generell schon schlechter Tatort in einem schlechten Tatort noch schlechter werden kann.

Das hat gefehlt

Ninia: Logik? Zusammenhänge? Erklärungen? Ich bin eh kein München-Fan, aber das war schon übel.

Johanna: Alles.

Das war zu viel

Ninia:

Johanna: Brutalität. Ach, wir haben ja keine Story, dann lass uns den doch noch mal zehn mal mehr den Kopf einschlagen. Und noch fünf mal mit dem Auto drüber, dann füllen wir die Zeit und es passiert auch mal was.

Lieblingsdialog

Johanna: Die Hälfte hab ich wegen dem bayerischen Dialekt ja sowieso nicht verstanden, aber es hätte wahrscheinlich auch kaum was geändert.

Ninia: “Und da ist alles voller Sprach-CDs!” Das fand ich kurios. Ist aber auch alles.

Lieblingsszene

Johanna: Nein.

Ninia: Genau.

Fehler

Johanna: Alles.

Ninia: Die Farben, die Musik, die Story, die Kameraeinstellungen.

Top-Tweet

Ninia:

Johanna: Es folgt ein Best of “Ich habe den Tatort nicht verstanden”.

Bechdel-Test

Ninia: Haha.

Das habe ich gelernt

Johanna: Keinen Münchner Tatort mehr schauen.

Ninia: Rich Kids tragen immer noch Polohemden.

Das wünsche ich mir beim nächsten Mal

Johanna: Keinen Münchner Tatort.

Ninia: Logik. Einfach mal einen klassischen Fall. Ohne Gewalt gegen Frauen.

Was ich auch noch loswerden wollte

Ninia: Das Ganze tut mir für den Max von der Groeben fast schon leid. Ihn fand ich schauspielerisch gar nicht schlecht. Hätte ihm eine sehr viel bessere Story gewünscht. Dieser Tatort fördert nur meine Tatort-Unlust in der letzten Zeit.

Johanna: Ich hasse den Münchner Tatort. (Und nein, das muss hier wirklich nicht konstruktiv sein, nach so einer Nummer.)

Gesamtnote

Johanna: Sechs. Des woar nix.

Ninia: Sechs. Mia san jetz da wo’s weh tut.

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Neues vom Kriminalsofa (69) http://lesflaneurs.de/2016/03/07/neues-vom-kriminalsofa-69/ http://lesflaneurs.de/2016/03/07/neues-vom-kriminalsofa-69/#respond Mon, 07 Mar 2016 07:38:12 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7239 Einige von uns Flâneuren schauen gerne den Tatort. In einem kurzen Rückblick zeigen wir euch an jedem Nach-Tatort-Montag, was wir über den aktuellen Tatort denken, welche Gefühle wir beim Schauen hatten und ob es sich lohnt, noch einmal in die Mediathek zu schauen.

Die harten Fakten:

Titel: Auf einen Schlag

Stadt: Dresden

ErmittlerInnen: Gorniak & Sieland

Austrahlungsdatum: 6. März 2016

tl;dr

Ninia: Schlagerhorror, coole Ermittlerinnen, ein blöder Panda und der Schock am Ende.

Johanna: Schlag(er)party in Dresden mit VOLKsmusik, coolen Kommissarinnen und einem unerwarteten Todesfall.

Lisa: Schlager, Lederhosen in Sachsen, Emanzen und Ur-Machos.

Überraschungsmoment

Ninia: Na, ist ja klar – als Maria tot im Gang lag. Da war ich echt durch emotional. Krass gute Story für den Start.

Johanna: Das hätte ich jetzt bei “Das war zu viel” geschrieben, aber ja. Ich hab ehrlich ein paar Tränchen verdrückt, als Sieland (Alwara Höfels) dann im Auto so laut geschrien hat. Und: WTF TATORT IS WRONG WITH YOU?

Ninia: Ja, an der Stelle hab ich auch kurz Zwiebeln geschnitten.

Lisa: Ich fand das nicht zu viel, sondern gerade gut. Ein großer Twist! Aber ehrlich gesagt hätte ich Maria als Daueranwärterin auch nicht gut gefunden.

Ninia: Oh, doch! Ich hätte sie toll gefunden!

Das hat gefehlt

Johanna: Helene Fischer.

Ninia: Stimmt.

Lisa: Keine Helene Fischer ist eine gute Helene Fischer.

Das war zu viel

Ninia: Diese Lederstiefel. Ich mein, wahrscheinlich tragen solche Typen die wirklich, aber mich hat’s geschüttelt.

Johanna: Schlagermusik.

Lisa: Was Johanna sagt.

Lieblingsdialog

Ninia: Viele einzelne Sätze dieses Mal. Unter anderem: “Ich hab einen Arschloch-Filter. Ich kriege dann Auschlag.”

Johanna: „Was gibt es denn in ihrer Branche auszupacken? Forian Silbereisen ist batteriebetrieben?“

Lisa: Alles von Gorniak & Sieland. Herrlich zynisch. Und diese Liedtexte: “Wer braucht New York, wenn er auch Zwickau haben kann” – hachja.

Lieblingsszene

Ninia: Alle im Kommissariat. Das Spiel der einzelnen Charaktere ist hier wirklich gut gelungen.

Johanna: Herrn Schnabel fand ich am Anfang ziemlich kacke, aber ging dann ja. Die Szenen mit den beiden Kommisarinnen und der Assistentin fand ich super, die haben sich alle schön ergänzt. Ich bin ja eigentlich kein Stromberg-Fan und den Münsteraner Tatort mag ich ja auch nicht, aber dieses leicht Klamaukige fand ich nett.

Lisa: Als Schnabel vom “Zinnemont”-Latte schwärmt und feststellt, dass der weihnachtlich zimtig schmeckt. Und generell dieser altbacken verpeilte Typ. Ich fand ihn auch erst im Laufe super.

Fehler

Johanna: Was war mit Alwara Höfels Backe los?

Lisa: Gute Frage!

Ninia: Sie hat da eine Narbe. Auch auf anderen Bildern im Netz sichtbar. Manchmal überschminkt, manchmal nicht. Mich hat das bei Twitter tatsächlich ein wenig genervt, dass da so drauf rumgeritten wurde.

Johanna: Ich fand es auch nervig, aber weil ich es vorher noch nie gesehen habe, wollte ich es dann schon wissen. Dachte auch erst, es sei Teil der Story.

Ninia: Ich auch – deshalb hab ich dann gegoogelt. Hätte ja auch eine alte “Wunde” sein können, von einer Geschichte, die irgendwann wieder auftaucht.

Top-Tweet

Ninia:

Johanna:

Lisa:

Bechdel-Test

Ninia: Ja. Ja. Ja.

Johanna: Aber irgendwie ging es doch immer um Männer, oder?

Ninia: Weil der Tote ein Mann war und es um Beziehungszeug ging. Aber: Viele Frauen mit Namen, einige, die miteinander über was anderes als Typen geredet haben und viele gute Zeigefinger in die Sexismus-Wunde.

Lisa: Definitiv!

Das habe ich gelernt

Johanna: Der Tatort kann einen super besetzten neuen Tatort einführen und dann gleich mal in der ersten Folge eine der besten Figuren killen.

Ninia: Es geht. Ermittlerinnenteam geht.

Lisa: Niemals alleine Volksmusiker treffen. Schlager ist keine heile Welt.

Das wünsche ich mir beim nächsten Mal

Ninia: Kann Maria wieder auferstehen? Und Gisbert mitbringen? Ach, Mensch. So schade. Aber für die Story zum Auftakt wirklich gut. Nächstes Mal noch weniger Mama-Stuff und noch mehr Ermittlerinnen-Zeug. Und weiterhin bitte dieses absolut grandiose Aufzeigen von Diskriminierung und Belästigung.

Johanna: Ein eigener neuer Tatort für Maria und Gisberg vielleicht? Ansonsten kann ich alles unterstreichen. Ich mag es nur nicht, wenn ständig dieses Frauending thematisiert wird.

Lisa: Ich als gebürtige Brandenburgerin plädiere für weniger Ossi-Klischees. Warum muss man bei ostdeutschen Standorten schon aus Prinzip immer Leute zeigen, die komplett hinterm Mond leben?

Was ich auch noch loswerden wollte

Ninia: Was mich gestört hat, war, dass bei neuen Kommissarinnen gleich mal festgelegt werden muss, wie ihre Familienverhältnisse sind, wer die Rabenmutter™ ist und wer die Unglückliche. I don’t need this. So wie bei allen anderen Teams auch. Immer zu viel Privates. Und hier auch noch gleich am Anfang, weil Weiblichkeit und so.

Johanna: UND DER TOD VON MARIA. BUHUHUHUHUHUHUUUUUUU.

Ninia: Auch eine interessante Frage, warum gerade ihre Rolle von vielen nicht gemocht wurde. Ich fand sie super. :(

Johanna: So easy. Zu kluge, besserwisserische Frauen (Johanna Stern, Johanna Grewel – OMG, WARUM HABEN WIR ALLE DEN GLEICHEN NAMEN?) werden nicht gemocht und “dumme” und naive auch nicht. Bei Jella Haase denken halt viele an Chantal und stecken sie in eine Schublade, aber da sag ich nur: Wenn ihr Jella nur von diesem einen Film kennt, dann ist das halt echt euer Problem.

Lisa: Aber ich dachte auch sofort an ihre Rolle als Chantal, was sie nun mal geprägt hat, und habe sie nicht wirklich ernst genommen. Guilty! Achso und ich fand das Genuschel von Gorniak anstrengend.

Gesamtnote

Johanna: Ich fand es recht unterhaltsam, hab öfter mal gekichert. Für den Tod von Maria gibt es natürlich Abzug, auch wenn es vielleicht gut für die Story war. Scheiß auf die Story! Von mir gibt es dennoch eine durchaus positive und zuversichtliche 2-.

Ninia: Ich fand es echt gut, zwischenzeitlich ein paar Schwächen, dafür am Ende Schock und Big Finale. Ich kann mich an das Team gewöhnen und freue mich auf weitere Fälle. Glatte 2.

Lisa: Ich liebe ja Dresden und fand die beiden Kommissarinnen echt gut, vor allem im Gegenzug zum Schnabel. Gute Story, wenn auch Schlager und Sachsen für mich nicht so recht zusammen gepasst haben. Von mir gibt’s auch eine 2 mit Sternchen.

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Pudel brennt http://lesflaneurs.de/2016/02/15/pudel-brennt/ http://lesflaneurs.de/2016/02/15/pudel-brennt/#respond Mon, 15 Feb 2016 06:47:47 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7112 _20160214_155222
Unverkäuflich. Der tolle Pudel. (Foto: Sven Wiebeck)

Am Hamburger Fischmarkt riecht es noch immer verbrannt. Vor den Stufen zum Oberstübchen liegt ein Feuerwehrschlauch. Trotz des Regens bleiben immer wieder Menschen stehen, um sich anzugucken, was das Feuer vom Golden Pudel Club übriggelassen hat. Einige sind extra hergekommen, ihre Gesichtsausdrücke schwanken zwischen Tristesse und Skepsis. Wer keinen Schirm dabei hat zieht sich die Wollmütze oder die Baseballkappe tiefer in die Stirn. Selbst einer Touristengruppe ist das halbverkohlte Haus einen langen Blick wert.

Falk
Im Pudel lernte ich, dass Gegenkultur nicht immer böse und muskulös daherkommen musste, sondern genauso gut spielerisch sein konnte, gut gekleidet, schillernd.
Wichtig war eigentlich immer nur das richtige Bewusstsein.
Der Pudel war der einzige Kulturort meiner Stadt, an dem ich mich nie bemühte, auf einer Gästeliste zu stehen, der einzige Ort, an dem ich immer den vollen Eintritt zahlte. Der nie hoch war, okay, das machte es einfacher, aber trotzdem: Hier war das wichtig.
Weswegen ist es eigentlich so, dass gerade Linke sich über kurz oder lang bis aufs Blut streiten, und immer geht es dann um billige, dumme Sachen wie Immobilien oder so? Und werden wir unsere kleine Netzheimat, Les Flâneurs, auch irgendwann einmal zwangsversteigern?
Geständnis: Ich mochte den Kuchen im Oberstübchen, Sonntagnachmittags, im Sommer.
Gibt es irgendjemand, der schon einmal im Pudel war, und sich nicht darüber aufgeregt hat, dass das mittlerweile lauter Touris sind, die hier tanzen?
Der Pudel war schon da, lange bevor ich nach Hamburg gezogen bin, der kann doch nicht so einfach ABBRENNEN.


Marcel
Mir persönlich hat der Pudel nie wirklich viel bedeutet. Ich war zweimal dort und es war beide Male schön. Für viele Menschen, auf die ich wert lege, hat der Club aber eine wirklich große Rolle gespielt. Als Freiraum, Parallelwelt oder als „Alternative zur Wertschöpfungskette einer fresssüchtigen Eventmaschine“, wie es der Verein für Gegenkultur gerade formuliert. Das finde ich toll und einen solchen Ort soll es auch in Zukunft geben. Ich muss aber auch sagen, dass mir diese ganze Pudelszene manchmal auch ein bisschen blasiert vorkommt. Als wäre die Buntheit, Offenheit und Ungezwungenheit mittlerweile ein bisschen mehr Masche als wirkliche Herzensangelegenheit. Als würden zu viele arrivierte Kunstschaffende Besitzansprüche stellen. Vielleicht ist das Quatsch, vielleicht auch der schlichte Kern des gesamten Streits. Am Ende will ich jedenfalls einen Pudel, der für alle ist. Damit ich Lust habe, irgendwann noch ein drittes Mal hinzugehen. Falls das dann überhaupt noch möglich sein wird.

Asche, Staub, Regen.
Asche, Staub, Regen. (Foto: Sven Wiebeck)


Kathrin
Der Pudel war der erste Club in Hamburg, in dem ich getanzt habe. Es war eine wahnsinnige Nacht mit T.Raumschmiere, und ich blieb so lange, bis die Jugendherberge auf dem Stintfang wieder aufsperrte. Ich war damals also auch eine dieser Touristinnen, die da angeblich jetzt nur noch tanzten. Aber vielleicht hat der Club ja sogar dazu beigetragen, dass ich von der Touristin zur Hamburgerin wurde. Sicher, es gibt viele Leute, die öfter im Pudel waren als ich. Ich war einfach ein Indierockkind, und so waren es oft eher die kleinen, feinen und stets intimen Konzerte als das DJ-Programm, die mich in den Pudel geführt haben. Viel wichtiger als wie oft man da tanzte war ohnehin das ganze Drumherum. Die politische Haltung, die Diversität der Besucherinnen und der Gegenpol zu der Art von Club mit Türsteher, der nach Aussehen entscheidet, wer reindarf. Der Park Fiction wäre ohne Pudelkollektiv nicht da, unzählige Sommerabende haben wir da verbracht. Bier auf den Treppen zum Oberstübchen getrunken, das damals noch nicht das Oberstübchen war. Bei den Open Airs wunderschöne Sonntag verbracht. Es macht mich schon länger traurig, dass dieses Herz der Hamburger Clubkultur gespalten wurde. Und nun das Feuer. Was wird nur aus dieser Stadt ohne den zerzausten Pudel? Ich mag es mir nicht vorstellen. Nur hoffen, dass der Geist nicht mit der Hütte verloren geht.

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Transitstädte http://lesflaneurs.de/2016/02/12/transitstaedte/ http://lesflaneurs.de/2016/02/12/transitstaedte/#respond Fri, 12 Feb 2016 09:36:34 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7023 Meistens werden sie nicht unser Zuhause. Wie eine junge Beziehung sind sie plötzlich da als Lebensmittelpunkt, intensiv, haben aber den Abschied vom ersten Moment an als bitteren Bei- im süßen Erstgeschmack. Hier erzählen die Flâneure von Transitstädten – also jenen Städten, in denen wir nicht geboren sind, in denen wir aber für kürzere oder längere Perioden lebten, wichtige Zeit verbrachten, und von denen wir zwangsweise auch geprägt wurden. Letztlich stellen wir uns auch immer die Frage: Warum wurden sie nicht unsere Heimatstädte?

 

Michael

Geburtstadt: Wolfsburg (1982 bis 2002)
Transitstadt: Göttingen (2002 bis 2009)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2009)

Seit ich denken konnte, wollte ich aus dem kargen, seelenlosen, für mich frustrierenden Wolfsburg weg. Als meine Heimat sah ich den VW-Moloch nie, und vielleicht ist es auch ungesund, dass ich meine Wurzeln dort so sehr verteufle. Aber mit dem Umzug nach Göttingen, also etwa 130 Kilometer weiter hinunter ans Südende Niedersachsens zwecks des Studiums, kam für mich ein wichtiger Befreiungsschritt. Ich befand mich in einer mit rund 120 000 Einwohnern zwar genauso „kleinen“ Stadt wie zuvor, aber sie hatte Historie, ihre Menschen waren jung, es fühlte sich alles fast erhebend lebendig an. Ich war bis zu dem Punkt Bürobauten und fragwürdige Architektenkästen aus Glas und Stahl gewohnt; in Göttingen gab es Cafés, in denen man weltmännisch seinen Sencha trinken konnte, es gab Gassen voller Fachwerkhäuser zum darin spazieren, es gab vor allem aber mehr Regungen in den Gesichtern als die Müdigkeit vom Schichtdienst beim Autobauer und viel mehr als den Drang zum Absichern seines materiellen Besitzes. Für mich war die Zeit in Göttingen eine schöne, auch wenn sie von einigen Schwierigkeiten gekennzeichnet war. Von 2006 bis 2008 durchlebte ich eine schwere depressive Episode, zudem fand ich im Studium nie den Freundeskreis, wie man ihn verdammt noch mal zu finden hat, so quasi das Diktat des Universums. Ich umgab mich weiter mit den gewohnten Menschen aus der Geburtsstadt und hätte mir selbst in der Rückschau mehr Mut in dieser Phase gewünscht, die offenen Menschen, die ich kennenlernte, näher an mich heran zu lassen und zu binden. Trotzdem habe ich das nie der Stadt übel genommen und identifiziere Göttingen heute mit fast gar keinen negativen Erinnerungen mehr, auch wenn es eine harte Phase für mich war. Obwohl das Studium längst nicht dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte, pflegte ich dafür meine Hobbys in großer Intensität, baute meine Leidenschaft fürs Schreiben aus, fuhr dank zentraler Lage in Deutschland auf Konzerte nach Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Düsseldorf, Dresden und wo nicht noch überall hin. Seit Langem plane ich, endlich wieder in Göttingen gebliebene Freunde zu besuchen, ich war nun bald sieben Jahre nicht mehr dort. Vielleicht hätte das niedliche Städtchen meine Heimat werden können, ich hätte 2009 wohl nichts dagegen gehabt, aber das wäre sicher nichts für immer gewesen. Ich hätte in einer Universitätsstadt, die gekennzeichnet ist vom Hin-und-Wegziehen der Menschen, nie die Ruhe meines Heimathafens Hamburg gefunden. Kaum in der Hansestadt angekommen, bewegte sich wieder so massiv viel in meinem Leben – der weitere Schritt hinaus war wieder nötig. Letztlich war Göttingen eben doch zu klein, in Bezug auf die Möglichkeiten, weiter zu wachsen.

Falk

Geburtsstadt: Ulm (1972 bis 1992)
Transitstadt: Gießen (1993 bis 1998 und 1999 bis 2001)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2001)

Gießen ist was für die ganz Harten. (Foto: Jan (https://www.flickr.com/photos/bumix2000/), verwendet unter CC-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/))
Gießen ist was für die ganz Harten. (Foto: Jan, verwendet unter CC-Lizenz)

Das ist so unoriginell. Gießen. Wir hatten alle unser Gießen, unsere Stadt, in die wir zogen, als wir unsere Geburtststadt verließen, unsere Geburtsstadt, die selbst keine Metropole war, weswegen wir es gemächlich angehen ließen und uns fürs Flüggewerden eine Transitstadt aussuchten, und der wir hofften, uns zurechtzufinden. Heidelberg, Münster, Marburg, Göttingen. Oder Gießen. Hauptsache übersichtlich, Hauptsache große Uni. Natürlich fanden wir uns trotzdem nicht zurecht, wie denn auch, es war ja alles neu, wir verliefen uns unter 80 000 Einwohnern, wir begannen, Gefallen zu finden am Verlaufen, es war nicht mehr wichtig, in welcher Stadt wir waren, wichtig war die Stadt an sich. Und in dieser Hinsicht war Gießen tatsächlich ein harter Brocken. Provinz im Wortsinne, eine Stadt ohne Selbstbewusstsein, im Krieg zerbombt, nach dem Krieg autogerecht zusammengezimmert, eine hässliche Stadt tatsächlich. In Gießen gab es keine Fachwerkromantik, in Gießen gab es Beton, vierspurige Ausfallstraßen, einen vom Städtebau stiefmütterlich ins Industriegebiet geschobenen Fluss und einen Autobahnring, der einer zehnmal größeren Stadt zur Ehre gereicht hätte, außerdem wegen der Kessellage zwischen Vogelsberg und Lahntal ein Mikroklima, das schon im Frühsommer Schwüle und schlechte Luft durch die Straßen schickte. Gießen war kein Spaß, das war was für die ganz Harten, aber: If you can make it there you’ll make it everywhere. Und wir machten. Wir lernten auf der Probebühne des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, was Postdramatik ist, lange, bevor der Begriff zum echten Genre wurde. Wir trampten nachts die 20 Kilometer in den Vogelsberg, ins Dorfkino Traumstern, was tatsächlich eines der besten Programmkinos dieser Republik war. Wir gingen zum Spermbirds-Konzert, weil, wenigstens Punkrock, und wir fanden Songtitel wie „Kaiserslautern über alles“ nicht problematisch.

Und irgendwann war dann auch gut. Irgendwann fanden wir uns zurecht, und dann musste es weitergehen. Die meisten orientierten sich nach Frankfurt, der nächsten größeren Stadt, eine gute halbe Stunde per Zug. Viele zogen nach Berlin, ich auch erstmal, man muss ja auch festhalten: In Gießen, überhaupt in diesen kleineren Unistädten gibt es einfach keine Jobs jenseits der akademischen Karriere. Es ist okay, dass man weiter geht, und das ist jetzt nichts schlechtes über Gießen: Dieser verbaute, reizlose, absolut großartige Betonfleck in Mittelhessen war in einer bestimmten Phase meines Lebens genau das Richtige für mich. Wie eine alte Liebe, die auch zur rechten Zeit am rechten Ort genau richtig war, doch irgendwann musste man einen Schnitt machen. Lieben wird man sie aber immer.

Katharina

Geburtsstadt: Oldenburg
Transitstadt: Mainz (2009 und 2013)
Heimatstadt: Berlin (seit 2010)

Hach, Mainz. Es ist schon erstaunlich wie sich die eigene Wahrnehmung verändert. Aus der nordischen Kleinstadt kommend, das erste Mal allein in eine Stadt ziehend, war Mainz schon ein wenig aufregend. Zum ersten Mal wohnte ich, wenn auch nur für kurze und begrenzte Zeit, in einer WG, die mich herzlich und liebevoll aufnahm. Ich kam nach Mainz für ein Praktikum bei einem großen Unternehmen. Zu Beginn brauchte ich noch einen Stadtplan, um mich auf dem Gelände zurechtzufinden. Alles war so groß und neu.

(Foto: Katharina Röben)

Wenig später zog ich nach Hamburg, dann nach Berlin. Plötzlich änderten sich die Maßstäbe in meinem Kopf und so kam mir Mainz, als ich 2013 zurückkehrte, plötzlich klein und putzig vor. Ich erinnere mich an das Hochwasser, an heiße Sommerwochen, an Dreharbeiten in der Wildnis, an Tennisballgroße Mückenstiche und an Spaziergänge entlang der Rheinpromenade. Das war schon schön. Irgendwie.

Pia

Geburts- und Heimatstadt: Berlin
Transitstadt: Toulouse (2011)

Rue de Taur, Analog 2011, Pia Gralki
Rue de Taur, Analog 2011, Pia Gralki

Liebe auf den ersten Blick. Ja, es ist wahr, ich durfte sie erleben. Allerdings stand ich unter starken Entzugserscheinungen, wie ich bekennen muss, denn bevor ich für ein Semester an die Ècole des Beaux-Arts nach Toulouse ging, hatte ich in Braunschweig meinen Bachelor begonnen. Und musste weg. Ganz schnell. Diese niedersächsische gefühlte Kleinstadt ließ mich zu einer Person werden, die ich nicht mochte, und die fernab des idyllischen Kunsthochschulareals zu einer Passantenpöblerin und Kulturpessimistin wurde. Also, im wahrsten Sinne des Wortes: nothing left toulouse. Ich packte also mein avanciertes Schulfranzösisch ein und viel zu viel Gepäck auf meine Schultern und dachte mir: Jetzt wird alles besser. Als ich meinen Erasmusbetreuer an der Kunsthochschule traf und mein Studentenwohnzimmer betrat, wusste ich: Ok, nicht alles wird besser. Schnell musste ich pauschal feststellen: Die Unterbringung überlebe ich zwei Tage, denn an Tag 3 stellen sich die Kakerlaken persönlich vor, und, noch fataler, ich kann Franzosen nicht leiden. Kein Wunder, denn die Ersten, die mir begegneten, hatten etwas von dem Sinnbild der drei Affen: Der Erste wollte mich nicht sehen, der Zweite konnte mich nicht verstehen, und der Dritte hatte keine Lust, mit mir zu reden. Aber irgendwann war es mir egal, und ich wurde hartnäckig. Diese Hartnäckigkeit realisierte ich dann in täglichen Sitzstreiks: Vor dem Erasmusbüro, vor dem Fotolabor, vor dem Wohnheimschalter, im Waschsalon – nichts war mir zu schade, um meine Entschlossenheit zu demonstrieren, mir einen Platz zu erobern. Und siehe da: Es wirkte. Man wurde auf mich aufmerksam. Man lud mich auf einen Kaffee ein. Und zu Sonnenbädern am Flussufer der Garonne. Und zur Mittagspause, pünktlich jeden Tag um 12. Zu Jazzabenden, die wir zeichnend und mit viel Rotwein verbrachten. Zu Käseplatten und Jamsessions, Konzerten und Fahrradtouren entlang der Sonnenblumenfelder des Canal du Midi. Geraucht haben wir natürlich auch viel. Kurzum: Ich hatte es geschafft. Ganz allein. Ich war umgezogen, wusste nun, wie man Muscheln zubereitet und dass Crêpes mit salzigem Caramel so ziemlich das Beste sind, was einem passieren kann. Freunde hatte ich auch, französische sogar. Und als mich ein Barmann in Paris fragte, aus welcher Region Südfrankreichs ich kommen würde mit meinem Dialekt, wusste ich, hier könnte ich bleiben. Aber so ist das mit dem Transit: Alles hat seine Zeit. Und ich würde alles wieder ganz genauso machen.

Lisa

Geburtsstadt: Finsterwalde (1990 bis 2009)
Transitstadt: Palma de Mallorca (2013)
Heimatstadt: Berlin (seit 2010)

Ich stamme aus einem kleinen Kaff in Brandenburg, bin fürs Studium in die nächstgrößte Stadt gezogen und sammele seit sieben Jahren fleißig Transitstädte im Ausland. Vor einigen Jahren habe ich für einige Monate ein Praktikum auf Mallorca gemacht. Jaja, her mit den Klischees und dummen Witzen, aber so war das eben nicht. Den Ballermann habe ich selten gesehen, dafür aber viele verwinkelte Gassen, Hippie-Märkte, urige (was für ein Wort!) Tapas-Bars und natürlich Palmen und Meer. Sangría gab es auch, aber nicht aus Eimern. An meiner deutschen Arbeitsstelle kann ich zwar kein gutes Haar lassen, aber immerhin haben wir Praktikanten eine riesige WG gesponsert bekommen. Von unserem Balkon aus konnten wir in weiter Ferne die Kathedrale und von Nahem die ein- und ausfahrenden Kreuzfahrtschiffe begutachten und so jeden Morgen einen neuen Luxusliner bei einer Tasse Kaffee begrüßen. Letztendlich hatte jeder im Laufe der Zeit seinen Lieblingsdampfer. Mein Arbeitsweg führte mich täglich entlang der Hafenpromenade, vorbei an den Fischkuttern auf der einen und den Yachten auf der anderen Seite. Nach Feierabend ging es entweder an den Strand westlich von Palma de Mallorca oder zurück auf den Balkon. Palma war vor drei Jahren unübersehbar von der spanischen Wirtschaftskrise geschwächt. Jedes zweite Schaufenster war leer, die Bars und Restaurants in den versteckten Ecken der Stadt waren selten bis zum letzten Stuhl gefüllt. Mich hatten Palma und vor allem Mallorca trotzdem überrascht und verzaubert. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich nicht mit Wohnungssuche und spanischer Bürokratie geplagt wurde, sondern sofort von tollen Menschen umrundet war. Ich hatte vom ersten bis zum letzten Tag eine rosarote Brille auf. Ich habe mir immer vorgenommen zurückzukehren für ein oder zwei Jahre, die tolle Zeit fortzusetzen. Aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist.

Palma de Mallorca
Was Touristen für einen Tag hatten, durfte ich mehrere Monate erleben. (Foto: Lisa Ksienrzyk)

Ninia

Geburtsstadt: Hannover (1983 bis 1984)
Transitstadt: Marburg (2003 bis 2006)
Heimatstadt: Hannover (seit 2011)

Es gab für mich nach dem Abi in Braunschweig nur einen Grund, nach Marburg zu ziehen: Die Uni hatte keinen NC für meine Fächer. Ich hatte ein Abi, das in allen anderen Städten niemals für ein Studium gereicht hätte, also zog es meine Freundin und mich nach Marburg. Studentenstadt, WG, das volle Programm. Das, was ich noch am besten erinnere, ist der Tag der Immatrikulation. Während die Jungspunde von heute das ja einfach online machen können, haben wir sechs geschlagene Stunden in der Hitze angestanden, um dann schriftlich innerhalb von zwei Minuten über unsere Zukunft zu entscheiden. Meine hieß dann wohl Germanistik und Kunstgeschichte. Als ich anfing, zu studieren, durfte man noch in der Uni rauchen, und dieser frühmorgendliche Kneipengeruch, der eine umwehte, wenn man die Uni betrat, ist genauso unvergessen für mich. Marburg kam mir sehr provinziell vor. Und so, als würde ich mich in einer Blase bewegen. Einer Blase voller links-orientierter, betrunkener Studierenden. Auf der anderen Seite hatte Marburg eine sehr große Szene an Verbindungshäusern. Einmal sind eine Freundin und ich von einer Party verwiesen worden, weil wir uns über deren Bändchen lustig gemacht haben. Da kam ich mir richtig rebellisch vor. Im Prinzip bin ich in Marburg erwachsen geworden. Auch, wenn es mir manchmal so klein vorkam, war es doch der erste Ausbruch von zuhause, das erste Mal Menschen kennenlernen, die nicht aus schulischen Gründen gezwungen sind, mit einer befreundet zu sein, und das erste Mal selbst ans Klopapier denken. Nachhaltig beeindruckt hat Marburg mich allerdings nicht. Ich glaube auch heute noch, dass diese Stadt einzig und allein aus Studienzwecken erbaut wurde. Nichts anderes passiert dort. Und das macht die Architektur der Uni nicht gerade besser. Wir haben die Häuser der Geisteswissenschaften nicht umsonst „Elefantenfüße“ genannt. Das war auch eine Sache, die mich genervt hat: Es gab keine Campus-Kultur. Alle Fakultäten waren sehr auseinander gerissen. Natürlich hatte Marburg eine tolle Kneipenszene. Die hab ich ausgiebig getestet. Und einen Club, in den man gehen konnte, wenn man lieber Punk gehört hat. Das war dann nach einem Jahr auch irgendwie langweilig. Nach der Zwischenprüfung bin ich dann auch weg, nach Göttingen. Die Stadt hat mich dann wesentlich mehr geprägt.

Kathrin

Geburtsstadt: Zwar nicht dort geboren, aber aufgewachsen bin ich in St. Stefan im Rosental (1985 bis 2001)
Transitstadt: St. Pölten (2002-2006)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2007)

Da ich aus einer gottverlorenen Gegend im Südosten Österreichs komme, war mir schon lange klar, dass ich nach der Matura, wie das Abi bei uns heißt, dringend weg muss. Verschlagen hat es mich dann erst mal nach England an einen Riesencampus zum Freiwilligendienst, wo ich ein Jahr lang einen Studenten im Rollstuhl begleitete. Das fühlte sich kosmopolitisch an, Menschen aus aller Welt studierten da, ich sog die neuen Kultureindrücke auf wie ein Schwamm. Dann kam ich zurück und fing ausgerechnet in St. Pölten an, zu studieren. St. Pölten, wo später einmal Fritzl der Prozess gemacht werden sollte. Die Stadt, die vor allem von der nach faulen Eiern stinkenden Glanzstofffabrik geprägt war. Die nur Landeshauptstadt von Niederösterreich ist, weil Wien ein eigenes Bundesland wurde. Deren beste Eigenschaft wohl auch die Nähe zu Wien und Krems mit seinen wunderschönen Weinbergen ist. Warum also dahin?

Ich wollte mir das Publizistik-Studium in Wien mit seinen überfüllten Hörsälen ersparen – und in St. Pölten konnte man Medienmanagement studieren und beim Campusradio moderieren. Es war einfach ein guter Mix. Und ich muss sagen: Auch wenn man in St. Pölten die Kultur mit der Lupe suchen musste und es keine coolen Clubs gab – die Zeit, die ich dort verbracht habe, gehört zu den besten meines Lebens. Fast mein ganzer Jahrgang wohnte im selben Studentenwohnhaus. Wann immer man Lust hatte, ging man zwei Türen weiter auf einen Plausch. Wir veranstalteten unsere eigenen Parties, gingen gemeinsam auf Festivals und fuhren im Sommer mit dem Rad zum See und bauten im Winter Schneemänner. Wir stellten den Rekord auf, wie viele Menschen in eine Studentenwohnheimküche passen. Wir bekritzelten die Wände mit Watzlawick-Zitaten und anderem Kram. Vor Prüfungen lernten wir gemeinsam (oder auch nicht). Wir wurden richtig gute Freunde. Im letzten Jahr wohnte ich dann mit sechs anderen Menschen in einer ehemaligen Dienstbotenvilla ein paar Meter vom Studentenwohnheim. Die Tür war immer offen, der Kühlschrank mit Bier gefüllt und irgendjemand war immer zu Besuch. Im riesigen, verwilderten Garten gab es eine Schaukel und Liegestühle. St. Pölten hat vielleicht nicht meine Sehnsucht nach der großen Stadt und nach Kultur in Hülle und Fülle befriedigt – aber das alles mit einer besonderen Gemeinschaft wett gemacht. Und als die sich in alle Winde zerstreute, war auch meine Zeit mit St. Pölten abgelaufen.

Die Villa in St. Pölten
Die Villa in St. Pölten

Sven

Geburtsstadt: Braunschweig
Transitstadt: Leipzig (2010 bis 2012)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2012)

Den Arbeitsvertrag hatte ich auslaufen lassen. Meine Beziehung, oder dieses ähnlich anmutende Etwas, befand sich in einem wenig zukunftsträchtigen Status. Überhaupt hatte ich schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Dringend musste sich etwas ändern. Nicht nur die Tapete, sondern die Stadt dahinter. Hamburg erschien als logische Konsequenz. Verband mich doch seit mehr als zehn Jahren eine innige Wochenendliaison mit der Hansestadt, den einen oder anderen Two-Month-Stand inklusive. Leipzig hatte ich nicht auf der Karte. Jedenfalls nicht seit ich über meinen Studienort nachgedacht hatte, was bereits einige Jahre her war. Der Großteil meines Wissens über die Halbe-Millionenstadt in Sachsen basierte auf Büchern und Dokumentationen über die Wiedervereinigung. Während meines ersten Besuchs sah ich nur die hochglänzenden Fassaden der Passagen im Zentrum. Beim zweiten, ich hatte mich für den Job und die Stadt entschieden und war auf Wohnungssuche, verschlug es mich in diverse Stadtteile. Bei Plagwitz wusste ich sofort: Das passt. Anfangs begegnete mir mancher deshalb noch mit Kopfschütteln, zwei Jahre später wollten fast alle dorthin. Ich fühlte mich sofort wohl am Karl-Heine-Kanal, zwischen kernsanierten Altbauten aus der Gründerzeit, Clubs in baufälligen Wächterhäusern und Industrieruinen, in direkter Nachbarschaft zur Baumwollspinnerei, der Schaubühne und dem Clara-Zetkin-Park.

Durchgetanzt in Ruinen: In Leipzig lohnt sich der Blick hinter die Fassade. (Copyright: di.fe88, flickr/CC-Lizenz)
Durchgetanzt in Ruinen: In Leipzig lohnt sich der Blick hinter die Fassade. (Copyright: di.fe88, flickr/CC-Lizenz)

Den Hype um die Stadt, die das neue, ach was, das bessere Berlin sein sollte, und über die sogar die New York Times schrieb, spürte ich lange Zeit nicht. Doch irgendwann manifestierte sich der viel zitierte Begriff „Hypezig“ auch in meinem Freundeskreis als Stigma. Leipzig ist eine geschichtsträchtige Stadt, wobei dir insbesondere die deutsch-deutsche oder klassisch-musikalische Historie an vielen Ecken begegnet. Leipzig ist eine kulturelle Stadt: hoch-, sub- und popkulturell. Obwohl durchaus noch Potential für mehr Konzerte besteht. Binnen 20 Minuten erreichst du mit dem Fahrrad nahezu alles, bis zum Highfield-Festival dauert es etwas länger. Ich weiß nicht, ob Leipzig das Beste war, was mir damals passieren konnte. Aber es war definitiv etwas verdammt Gutes. Beruflich lief es zwar nicht wie gedacht, einige Kontakte pflege ich aber immer noch. Was jedoch viel wichtiger ist: Ich habe Menschen kennengelernt, die heute zu meinen besten Freunden gehören. Mittlerweile bin ich doch in Hamburg angekommen. Vordergründig war es eine rationale Entscheidung, zu gehen. Leicht gefallen ist sie mir nicht; am Ende wurde ich vermutlich von einer emotionalen Sehnsucht getrieben. Ich musste diesen Schritt einfach machen; zurückkehren kann ich ja immer noch. Anfangs war dieser Gedanke sehr präsent; nun verblasst er mehr und mehr, wenn auch langsam. Ich bin noch oft in Leipzig. Und genieße es. Vermag aber nicht zu übersehen, dass sich die Stadt in den vergangenen Jahren rasant verändert hat. Insofern komme auch ich nicht um das böse Wort „Gentrifizierung“ herum. Einige Freunde haben die Stadt ebenfalls verlassen. Sie ist eben für viele bloß eine Durchgangsstation. Allerdings: Manche von ihnen sind inzwischen wieder zurückgekehrt. Aus Berlin und Hamburg.

Nina

Geburtsstadt: Bützow
Transitstadt: Vancouver (2014 bis 2015)
Heimatstadt: Berlin (seit 2012)

Vor etwas länger als einem Jahr verschlug es mich mit Goldgräberstimmung und working-holiday Visum in der Tasche für einige Monate nach Kanada. Eigentlich plante ich, weiter nach Norden zu reisen, auf eine Ölplattform, wo man Backpackergerüchten zufolge tausende Dollar innerhalb weniger Wochen verdienen konnte. Mit dem Geld wollte ich – nein, keinen Bus kaufen – für einen Trip nach New York und ganz viele Broadwayshowtickets sparen. Da ich aber nicht so der Ölfördertyp bin, änderten sich die Pläne schon am Flughafen von Vancouver, zwischen Pazifik und Gebirge und natürlich bei Sonnenuntergang und leichter Spätsommerbrise.

Hastings. Hafensounds und Sommenaufgang. (Foto: Nina Behrendt)
Hastings. Hafensounds und Sonnenaufgang. (Foto: Nina Behrendt)

Also blieb ich und mietete mich erst einmal in einem winzigen Zimmer mit Wänden voller Spiegel ein. Auf airBnB sah das anders aus. Später erfuhr ich, dass meine neue Hood in Surrey auch gern von Einheimischen als „Armpit of Canada“ bezeichnet wurde. Zu mir waren die obdachlosen Crackraucher am Bahnhof jedoch immer zuvorkommend und hilfsbereit.

In meinem 8 qm großen Spiegelkabinett wurde ich nach wenigen Tagen zunehmend paranoid, so dass ich panisch eine Craigslist-WG nach der anderen abklapperte und schließlich ein Zimmer in dem halbzerfallenen viktorianischen Häuschen eines Verschwörungstheoretiker-Pärchens am Commercial Drive bezog. Jackpot ist anders, aber heute kann ich drüber lachen. Wenigstens ließ ich mich nicht voreilig auf den dubiosen Deal einer chinesischen Familie ein, auf ihre drei Kinder aufzupassen, Mandarin zu lernen und in ihrem feuchten Keller zu wohnen.

That Skyline though. (Foto: Nina Behrendt)
That Skyline though. (Foto: Nina Behrendt)

Durch einen glücklichen Zufall bekam ich einen Job als Barista in einem auf magische Weise immer voll besuchten 24-Stunden offenen Café in Downtown. In einer Seitenstraße an der Robsonstreet fanden Touristen, Büroarbeiter der Wolkenkratzer, Studenten und ziemlich viele Freaks den Weg zu uns an den Kaffeetresen. Der Laden hatte NIE zu. Wir wurden zu den Stosszeiten – IMMER- besonders wegen der riesigen Kuchenauslage und des guten german-style breads praktisch überrannt. Diese Phase meines Lebens heißt „Let them eat cake“ und noch nie habe ich Mindestlohn so hart erarbeitet, mich so oft an siedender Milch, glühenden Sandwichsgrills und zerbrochenem Glas verletzt. Verdammt, ich musste sogar ins Krankenhaus, weil ich mir beim Schlagsahne schlagen die Hand verstauchte. Diese absurde Verletzung brachte mir den Spitznahmen „Whip it real good“ ein, und fortan wurde mir offiziell verboten, Schlagsahne herzustellen. Aber so anstrengend auch die Schichten im Café waren, so traumhaft schön war die Freizeit in der Natur am Kitsilano Beach, im Stanley Park (dem nördlichsten Regenwald der Welt), auf den wilden Bergwanderwegen und dem Lighthouse Park.

Mein Lieblingscafé auf dem Commercial Drive. All die Burger, all die Milchshakes! (Foto: Nina Behrendt)
Mein Lieblingscafé auf dem Commercial Drive. All die Burger, all die Milchshakes! (Foto: Nina Behrendt)

 

Lighhouse im Lighthouse Park. (Foto: Nina Behrendt)
Lighhouse im Lighthouse Park. (Foto: Nina Behrendt)

Vancouver wird oft vorgeworfen, langweilig zu sein. Hochglanzpoliert. Aber das stimmt nur auf den ersten Blick. Ja, die Wolkenkratzer, die peinlich sauberen Straßen und schnieken öffentlichen Verkehrsmittel (ich meine, die Bahn heißt Skytrain und schwebt), die Bilderbuchvororte und auch die Menschen: vornehmlich gestriegelte Jungunternehmer, Lululemon-Ladies mit green juice im Kinderwagen-Getränkehalter und fleißige asiatische Austauschstudenten, die auch nachts um vier von mir mit Eiskaffee versorgt wurden, um dann doch über ihren BWL Büchern einzuschlafen.

Kostümierte Herrschaften an Halloween auf dem Commercial Drive. (Foto: Nina Behrendt)
Kostümierte Herrschaften an Halloween auf dem Commercial Drive. (Foto: Nina Behrendt)

Aber Vancouver kann auch Grunge. Es gibt sie, die rebellischen Kunsträume und Galerien, die eskalierenden Punkkonzerte, die Secondhandläden und abgefuckten Bars. Es scheint schon fast, als kämpfen die jungen Künstler mit aller Kraft dagegen an, wie simpel sie der gemütlichen Schönheit dieser Stadt als Banker oder Wasserflugzeugpilot erliegen könnten. Manchmal hatte ich das Gefühl, in Pleasantville zu wohnen, an anderen Tagen habe ich neue kleine Musikläden entdeckt oder bin aus Versehen an der East Hastings Street ausgestiegen – einem Straßenzug auf dem vornehmlich Drogen- und Prostitutionsgeschäfte abgewickelt werden, Menschen in Pappkartons wohnen und ihre Habseligkeiten in Einkaufswagen stapeln.

Aber trotzdem und deswegen: ich vermisse Vancouver. Ich vermisse den guten Kaffee unter blühenden Kirschbäumen zu trinken und die Lucky Donuts von der Main Street und dass es in jedem Geschäft öffentliche Toiletten gibt. Ich vermisse die Wanderwege um Deep Cove, Zimtschnecken und kanadischen Smalltalk. Ich vermisse Weihnachtssänger und Busse mit neongelber Halteschnur. Die knallbunten Markthallen auf Granville Island und Academy Awards in Echtzeit gucken, im Abendkleid im Theater. Habe ich schon das beste Sushi außerhalb Japans erwähnt?

Hey there, creepy Sushi-Deal Lady. (Foto: Nina Behrendt)
Hey there, creepy Food-Deal Lady. (Foto: Nina Behrendt)

Mein Abschied fiel schwer und ich glaube, er war auch nicht endgültig. Ich bin immer noch froh, dass mich die Geldgier nicht auf eine Ölplattform im Yukon führte, sondern meine Neugier solange an der glatten Fassade vom metropolitan Vancouver kratzen lies, bis ich dahinter ein herzliches, schräges, buntes Dorf fand.

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Neues vom Kriminalsofa (68) http://lesflaneurs.de/2016/02/08/neues-vom-kriminalsofa-68/ http://lesflaneurs.de/2016/02/08/neues-vom-kriminalsofa-68/#respond Mon, 08 Feb 2016 07:58:57 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7033 Einige von uns Flâneuren schauen gerne den Tatort. In einem kurzen Rückblick zeigen wir euch an jedem Nach-Tatort-Montag, was wir über den aktuellen Tatort denken, welche Gefühle wir beim Schauen hatten und ob es sich lohnt, noch einmal in die Mediathek zu schauen.

Die harten Fakten:

Titel: Sternenschnuppe

Stadt: Wien

ErmittlerInnen: Fellner & Eisner

Austrahlungsdatum: 7. Februar 2016

tl;dr

Ninia: An-den-Haaren-herbeigezogene-Story, alle rauchen viel, nicht existierender Geschlechtsverkehr, Privatfernsehen.

Johanna: Schmalzig-kitschig-trashig-nervig-öde Geschichte mit schlechten Schauspieler*innen und einer schlechten Story.

Überraschungsmoment

Ninia: Tja, ich überlege noch. So richtig überraschend war da nix.

Johanna: Ich war immer überrascht, wenn nach einer schlechten Szene eine noch schlechtere kam. Doch, das ist schon auch Kunst.

Ninia: Ah, ich sehe – Rant-Mood! Das gefällt mir!

Das hat gefehlt

Johanna: Bibi wie wir sie lieben! Ohne sentimentale Gefühlsduselei und so nen Schmarrn.

Ninia: Ja, mal wieder ein Fall für den ich die Wiener früher so mochte. Jetzt schalt ich nur noch wegen Bibi ein, aber das hält auch nicht für immer.

Das war zu viel

Johanna: Die Musikauswahl. Dieses Castingshowgedöns. Die Liebesgeschichten. Alles.

Ninia: Die Abschlussszene. Was sollte der Blödsinn? “Wir müssen noch zwei Minuten füllen, deswegen machen wir jetzt einen wirren Rückblick auf eine fiktive Person”?

Lieblingsdialog

Ninia: “Warum hat man in diesem Job nur mit kaputten Typen zu tun?” “ Wenn die Typen nicht kaputt wären, wäre niemand tot.”

Johanna: Kein Dialog. “Weil’s eh wurscht is” – keine Ahnung, wer das noch gleich gesagt hat.

Ninia: Die Täterin. Als sie den Müll rausbrachte.

Lieblingsszene

Johanna: Die letzte. Als der schleimige Typ dieses schleimige Lied singt und jemand “hör bitte auf” sagt.

Ninia: Diverse mit Michael Steinocher. Hat aber keinen inhaltlichen Bezug, mehr einen optischen.

Fehler

Johanna: “Es ist zu Ende”, sagte die Bibi – dabei waren noch 4 Minuten Tatort zu ertragen.

Ninia: Auch im Krankenhaus sind, wie immer im Fernsehen, alle noch top geschminkt.

Top-Tweet

Ninia:

Johanna:

Bechdel-Test

Ninia: Nein. Oder?

Johanna: Nö.

Das habe ich gelernt

Ninia: Beim Fernsehen rauchen sie alle. Und die Privaten sind nicht die Caritas. (Eines davon stimmt nicht.)

Johanna:

Das wünsche ich mir beim nächsten Mal

Johanna: Alles anders als heute machen, es kann nur besser werden.

Ninia: Mehr düster, mehr Bibi, mehr Spannung.

Was ich auch noch loswerden wollte

Johanna: Hört bitte auf.

Ninia: Vor allem mit diesen herbeigezogenen Geschlechtsverkehr-Geschichten. Wem hilft das?

Johanna: Erinnerst du dich noch? – das haben wir 2014 oder so immer wieder kritisiert.

Ninia: Ja! Es nervt einfach. Die Energie lieber in gute Geschichten stecken. Diese Szene mit dem Paar-Theratpeuten war auch einfach so unnötig und die volle Klischeekeule.

Gesamtnote

Johanna: Ich hab ja schon bei Twitter gespoilert. Ich gebe eine 6. Kein Bibi-Bonus heute, das war einfach mehr als deppert. Ein einziger Krampf.

Ninia: Ich gebe eine 4. Immerhin gab’s eine verfolgbare Geschichte, wenn auch krampfig, aber eine Geschichte. Aber die 4 auch nur mit viel gutem Willen.

Johanna: Du hast dich doch von dem kettenrauchenden Bad Boy einlullen lassen…

Ninia: Vielleicht…

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Schulz & Böhmermann – Sofagespräch #4 http://lesflaneurs.de/2016/02/01/schulz-boehmermann-sofagespraech-4/ http://lesflaneurs.de/2016/02/01/schulz-boehmermann-sofagespraech-4/#comments Mon, 01 Feb 2016 14:46:09 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7004 Es ist soweit – nach Jahren der Abstinenz sind „Roche & Böhmermann“ wieder zurück! Pardon, Frau Roche nicht, dafür macht Böhmermanns Buddelkastenfreund Olli Schulz nun mit und wer weiß, ob sich diese beiden nicht auch zerstreiten. Wir hoffen es mal nicht und verfolgen auf unserem bequemen Sofa von nun an jede Folge „Schulz & Böhmermann“. Leider ist die vierte Folge vorerst die letzte – aber sobald es weitergeht sind wir dabei und zappen in der Zwischenzeit einfach weiter. Danke für’s Lesen!

Die Gäste: Autorin Kat Kaufmann, Musikerin Sophie Hunger, der syrische Flüchtling Gheiath Hobi und der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Nikolaus Blome

Ausstrahlungsdatum: 31.01.2016

Moderatorenlaune:

Enrico: Sie kommen langsam rein. Heute ziemlich entspannt und weniger Unterbrecher als sonst.

Michael: Sie kommen rein, wenn es vorbei ist, quasi? Na ja. Sehr tagesformabhängig, die beiden Herren. Ist aber auch okay, das macht diesen Talk ja gerade nahbarer als Robotershows mit Beckmann und Konsorten.

Gästelaune:

Enrico: Ich habe keinerlei Ahnung, mit welchem Hintergrund diese Runde eigentlich zusammengestellt wurde. Kat Kaufmann war super drauf, Nikolaus Blome zwar ganz schön aalglatt – hat aber auch schlaue Dinge gesagt, für Sophie Hunger war es das falsche Format und für Gheiath Hobi die falsche Runde.

Michael: Kat Kaufmann ging mir mit ihrem pseudoprovokanten Kreativkopfgeseier vollends auf die Nerven. Wie ein hibbeliger Teenager. Sie schreibt über junge Berliner, die auf der Suche nach dem Sinn sind? Wunderbar, eine weitere Autorin, die ich für den Rest meines Lebens ignorieren kann.

Alkohol- und Zigarettenverbrauch:

Enrico: Alkohol, Kippen, Sushi, Muscheln etc. – na endlich wird die GEZ mal für was Sinnvolles genutzt. Das erinnert mich an eine Beschwerdemail, die ich letztes Jahr an die „Hart aber fair“-Redaktion schrieb, nachdem dort nach der Aufnahme ein fettes Buffet für die Gäste und Gäste der Gäste aufgeführt wurde, während der von Mahnbriefen bedrohte Fast-GEZ-Zahler nur Salzstangen und Tonic Water (ohne Gin!) bekam. Ich wurde nicht ernst genommen. Aber ich gebe nicht auf!

Marcel: Ich hab letzte Woche von Katrin Bauerfeind gelernt, dass man gleichzeitig Nichtraucher und lässig sein kann. Jetzt bin ich seit zwei Tagen rauchfrei und mir fällt jede einzelne Zigarette auf. Geht mir das als zukünftiger Nichtraucher jetzt immer so?

Michael: Es gibt Licht am Ende des Tunnels, Marcel, und das wird nicht die lodernde Flamme eines Feuerzeuges sein.

Lieblingsgesprächsfetzen:

Enrico: Jan merkt selber, dass alle locker-flockig über den Tod sprechen – Marke: Donnerstagabend-Kneipengespräch – und wendet sich an Gheiath, der da eine viel lebensnahere Perspektive hat. Das war stark! Wollte schon was Negatives aufschreiben, da grätschte Böhmi endlich rein.

Marcel: „Zuhause ist da, wo man stirbt“ (Sophie Hunger)

Michael: „Wir reden hier aus unserer mitteleuropäischen Fun-Perspektive übers Sterben …“ – „Meine Heimat ist die Mumu meiner Mutter“ – „Der Flüchtling hat die Gabel geklaut!“

Hiervon gab’s zu viel:

Enrico: Zu viele Gänge und dadurch Gelaber um’s Essen und irgendwelche Gabeln etc.

Marcel: Oberlippenbart. (+1, Enrico)

Michael: Standardflüchtlingsdiskussion. Ehrlich, in der Konstellation habe ich mir nicht gedacht, dass quasi wie bei Anne Will mit einem „echten Flüchtling“ gesprochen wird. Hier hätte ich mir mehr Details gewünscht, mehr Fragen in die Tiefe. Was für ein Mensch Gheiath Hobi ist, davon konnte ich mir kein Bild machen.

Hiervon zu wenig:

Enrico: Zu wenig Kat Kaufmann. Genau die Richtige für dieses Format. Und Jan hat Recht – beim Bücher schreiben ist sie total verschenkt. Setzt sie fest mit an den Tisch!

Michael: Du spinnst wohl, Enrico! Weg mit der! Egal: Böhmermann und Schulz sind immer auffällig zahnlos dort, wo es wirklich kontrovers wird. Fiel mir heute auf. Kein Nachhaken bei der „Pegida“-Frage an Gheiath, letztes Mal die Kapitulation gegenüber Berufsopfer Samuel Koch. In der Pause bis zur nächsten Sendung bitte am Mut arbeiten, S. und B.

Überraschung des Abends:

Enrico: Sophie Hunger unterbricht Jan, als dieser rundherum fragt, wer schon Drogen genommen hat. Erst dachte ich: Schön, dass sie ihre Genervtheit offen zeigt, denn sie wurde recht oft unterbrochen von ihm. Letzten Endes hat sie der Beantwortung der Frage aber genauso neugierig gelauscht.

Marcel: Kat Kaufmann. Kannte sie vorher nicht und fand sie extrem charmant. Das Buch kauf ich bestimmt trotzdem nicht, aber dafür folge ihr ihr vielleicht auf Instagram.

Michael: Um mehr Bilder von ihr und ihrem unschärfe gefilterten Modelboyfriend sehen zu können, Marcel? Ich werde hier wieder zum grumpy old Man, aber warum wird dieses Gespräch zur Kaufmannhuldigungsrunde?! Kann nicht bitte ein einziger Mensch hier kommentieren, den sie auch genervt hat?

Was ich noch loswerden wollte

Enrico: Was ich mit falsche Runde für Gheiath Hobi weiter oben meinte ist, dass eine Runde nur aus Flüchtlingen und Flüchtlingshelfern mehr Sinn und Gesprächsstoff geboten hätte, als dieses Flüchtlings-Gag-„Hahaha, Sophie Hunger ist aus der Schweiz geflüchtet, Kat Kaufmann aus Russland…“-Herumgeschiebe. Schade.

Michael: Warum geht es nicht direkt weiter? Mir hat jede Folge Spaß gemacht bisher. Und ich habe so viele Ideen für illustre Gesprächsrunden …

Gesamtnote

Enrico: Die Mischung war wieder nur durchschnittlich, dafür Jan und Olli weniger nervig. Ich hoffe es werden noch mehr Folgen gedreht, denn im Abspann zeigen sich beide immer ziemlich selbstreflektierend und ich denke sie wissen ganz genau, was sich wo verbessern ließe. 3

Marcel: Ja, finde ich auch. Beste Sendung, schön aufgeräumt. 2.

Michael: Schwächste Sendung, 3-, dennoch unterhaltsam. Jungs, kommt bald wieder, oder so? Vielleicht sollte ich jetzt auch mal mit diesem viel gelobten Podcast der beiden warm werden …

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Neues vom Kriminalsofa (67) http://lesflaneurs.de/2016/02/01/neues-vom-kriminalsofa-67/ http://lesflaneurs.de/2016/02/01/neues-vom-kriminalsofa-67/#respond Mon, 01 Feb 2016 06:34:36 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=7016 Einige von uns Flâneuren schauen gerne den Tatort. In einem kurzen Rückblick zeigen wir euch an jedem Nach-Tatort-Montag, was wir über den aktuellen Tatort denken, welche Gefühle wir beim Schauen hatten und ob es sich lohnt, noch einmal in die Mediathek zu schauen.

Die harten Fakten:

Titel: Hundstage

Stadt: Dortmund

ErmittlerInnen: Faber, Bönisch, Dalay, Kossik

Austrahlungsdatum: 31. Januar 2016

tl;dr

Ninia: Ein alter Fall, verwoben mit einem neuen, ein entführtes Kind und zwei zerstörte Familien.

Lisa: Hochsommer. Mann erschossen. Alter Fall von Kindesentführung. Liebestolle Kommissare.

Überraschungsmoment

Ninia: Das Ende. Ich warte immer noch drauf, dass aufgeklärt wird, dass es doch die Tochter war.

Lisa: Das Ende schon, aber die Tochter? Ich frage mich gerade, ob ich es überraschend fand, dass Tommi doch der verlorene Sohn war. Ich hatte wahrscheinlich mit einem weniger vorausschauendem Ergebnis gerechnet.

Das hat gefehlt

Ninia: Ein roter Faden. Das waren sehr viele Nebenschauplätze. Und Dortmund, manchmal. Einige Häuser standen dann doch in Köln.

Lisa: Winter. Warum soll ich mir im Januar einen Tatort angucken, bei dem die Leute nur am Schwitzen sind? Und warum ist überhaupt der richtige Jonas gestorben?

Das war zu viel

Ninia: Das kathartisch Gewitter am Ende, die intensiven Farben immer.

Lisa: Ohja! Kossiks ewiges Gejammere finde ich auch langsam zu anstrengend. Mir haben die beiden noch besser gefallen, als sie ein Paar waren. Seine neongelbe Sonnenbrille war auch zu viel des Guten. Hat mich kurz an MC Fitti erinnert. Den Bart hat er ja fast.

Ninia: Diese Brille, ja.

Lieblingsdialog

Ninia: Heute eher Einzelsätze. Faber: “Mitleid ist die Vorstufe zum Gnadenschuss.” Und nochmal Faber: “Ich bin und bleibe eingebildet, Bönisch, das lasse ich mir nicht nehmen.”

Lisa: Das mit der Hundescheiße-Polizei am Anfang war leicht witzig. Und ansonsten als Maren Eggert sich über den Namen Jonas lustig macht: “Jonas, als hätte ihn ein Walfisch verschluckt.”

Lieblingsszene

Ninia: Bönisch und Faber Dosenbier-trinkend im Auto. Der Fast-Kuss war schon fast zu viel. Aber vorher war’s gut.

Lisa: Das Beste daran war vielmehr, als Bönisch in dieser halb-romantischen Szene laut rülpst.

Fehler

Ninia: Selbstverständlich müssten eigentlich alle ständig vom Dienst suspendiert sein oder vom Fall abgezogen werden. Passiert aber nie. Weil es nur vier Kommissar_innen in Dortmund gibt.

Lisa: Wie kann ein angebranntes Foto innerhalb von einer Minute ein ganzes Zimmer in Flammen setzen?

Top-Tweet

Ninia:

Lisa:

Bechdel-Test

Ninia: Nope.

Lisa: Same.

Das habe ich gelernt

Ninia: In Deutschland gibt es immer noch nicht genügend Schauspieler_innen. So dass Maren Eggert sowohl Psychologin in Kiel als auch Mutter in Dortmund sein muss. Ach, ach, ach.

Lisa: Betrunkene Single-Mütter texten nicht ihren Verflossenen, sondern rufen nachts ihr Kind an – um dann mit dem Ex zu sprechen. Generationenübergreifendes Phänomen.

Das wünsche ich mir beim nächsten Mal

Ninia: Kann so weiter gehen. Nur die Klischeeausländer-Vorstellung des Drehbuchautoren können wir uns beim nächsten Mal sparen.

Lisa: Weniger intra-kollegiale Liebesdramen.

Was ich auch noch loswerden wollte

Ninia: Wickelkleider sind schön.

Lisa: Dem ist alles entgegenzusetzen! Haben die nach ihren Alkoholexzessen eigentlich nie einen Kater?

Gesamtnote

Ninia: Ich bin voreingenommen, ich liebe das Dortmunder Team. Dieses Mal war’s wieder sehr gut. Einige Abzüge in der B-Note für Klischee-Mist, kuriose Schnitte zeitweise und Verwirrung zwischendurch. Ich gebe eine 2.

Lisa: Der Dortmunder Tatort gehört eigentlich auch zu meinen Lieblingen, allerdings finde ich diese ganzen privaten Dramen langsam zu viel. Zwischendurch wurde es dann doch etwas langatmig. Das Ende kam allerdings überraschend. Von mir gibt’s eine 2-.

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Schulz & Böhmermann – Sofagespräch #3 http://lesflaneurs.de/2016/01/25/schulz-boehmermann-sofagespraech-3/ http://lesflaneurs.de/2016/01/25/schulz-boehmermann-sofagespraech-3/#respond Mon, 25 Jan 2016 15:45:37 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6877 Es ist soweit – nach Jahren der Abstinenz sind „Roche & Böhmermann“ wieder zurück! Pardon, Frau Roche nicht, dafür macht Böhmermanns Buddelkastenfreund Olli Schulz nun mit und wer weiß, ob sich diese beiden nicht auch zerstreiten. Wir hoffen es mal nicht und verfolgen auf unserem bequemen Sofa von nun an jede Folge „Schulz & Böhmermann“. Dieses mal mit uns auf dem Sofa: Gastkommentatorin Amina (@amina_you).

Die Gäste: Autor und Kriminalist Axel Petermann, Schauspieler Samuel Koch, Moderatorin Katrin Bauerfeind, die Kölsche Kiezgröße Anton Claaßen aka Langer Tünn und vier geheimnisvolle Schattengestalten.

Ausstrahlungsdatum: 24.01.2016

Moderatorenlaune:

Amina: Entspannter als in der letzten Sendung. Böhmermann war aber sichtlich überfordert mit Samuel. Mir war Olli heute ein bisschen zu anstrengend, gerade als er im Gespräch mit dem „langen Tünn” war.

Enrico: Glücklicherweise ruhiger, aber weiterhin zu viele Unterbrecher. Wenn die witzig wären oder so – geschenkt – aber meistens geht’s nur um reine Ego-Interessen und darum, dass Jan oder Olli irgendeine vermeintlich witzige Erzählung oder Anekdote einfällt.

Gästelaune:

Amina: Die Runde war an sich ausgeglichen aber durch das ständige Wechseln kam eine Unruhe rein, die es anstrengend machte. Schade, dass Bauerfeind die einzige Frau war, wenn man Michaela Schäfer, die für drei Minuten dabei war, nicht mitrechnet. Sie hat immer wieder genau zum richtigen Zeitpunkt kluge Dinge gesagt.  

Marcel: Zum ersten Mal waren mehr Sympathen als Psychopathen in der Sendung. Axel Petermann würde ich jederzeit in meine eigene Talkshow einladen, sobald ich eine kriege. Samuel Koch ist nicht nur ziemlich smart, sondern auch ein bisschen heiß. Und gegen Katrin Bauerfeind kann ja eh niemand was sagen.

Enrico: Ganz okay. Katrin Bauerfeind und Axel Petermann super sympathisch, „Der Lange Tünn“ leider nur ein „Und Opi erzählt vom Straßenkrieg“-Brabbler und Samuel Koch hat bisher wenig erreicht, außer nicht hoch genug zu springen. An dieser Stelle lässt sich natürlich streiten, inwiefern er einfach nur smart war oder allürenhaft, aber ich finde Samuel Koch als Gesamtkonzept ziemlich nervig. An ihm lebt das deutsche Fernsehen seine Befindlichkeiten im Umgang mit Menschen mit Behinderung aus – nur deshalb wird ihm Tür & Tor geöffnet.

Alkohol- und Zigarettenverbrauch:

Amina: Wurde überhaupt getrunken? Geraucht hat doch auch wieder nur Olli und das gefühlt auch nicht so viel. Wobei Katrin Bauerfeind über das Rauchen redete.

Marcel: Ja, sie hat mit dem Rauchen aufgehört! Das finde ich irgendwie enttäuschend.

Enrico: Ich frage mich immer, ob proforma Whiskey eingegossen wird oder nicht. Ich freue mich jedenfalls schon auf die Runde, bei der die Whiskey- und nicht die Wasserflasche ausgetauscht wird.

Lieblingsgesprächsfetzen:

Amina: Samuel: “Ich kenn mich aus mit Barrieren” und “Du bist das Maskottchen von Köln Energy? Ja… ich hab bis eben auch noch nie Mordfantasien gehabt.”  

Marcel: Samuel Kochs Backstage-Geschichte über die letzte „Wetten, Dass“-Sedung. Damals gab es viel Kritik wegen Lanz` unbeholfenem Umgang mit Samuel Koch. Koch selbst hat dafür aber eine charmante Erklärung: Kurz vor der Sendung habe Lanz versehentlich seinen elektrischen Rollstuhl aktiviert, der daraufhin mit Volltempo durch die Kabine in den Kaffeeautomaten fuhr. Lanz’ Vorsicht in der Sendung galt also offenbar eher dem Rollstuhl als Samuel Koch.

Enrico: Ollis Schlusswort zur Alpha-Mentalität auf der Straße und die blinde Glorifizierung eines sehr gewaltvollen Alltags. Das kam von Herzen und ich fand’s schade, dass der Part etwas unterging. Und Samuels schnelle Konter gegen Jan waren zugegeben recht gut.

Hiervon gab’s zu viel:

Amina: Sexworker-shaming. Das war richtig ätzend und muss nicht sein.

Marcel: Sexistische und rassistische Fehltritte. Und das nun schon das dritte Mal in drei Sendungen: Kollegahs Aussagen zu sexualisierter Gewalt in Folge 1, die übertriebene Omnipräsenz des N-Wortes in Folge 2 und jetzt diese peinlichen Männergespräche über Sexarbeit.

Enrico: Diese Schattenwandgeschichte mit den anderen Promis sollte witzig sein, aber ich finde es wird eh schon genug unterbrochen und eh schon viel zu selten mit den eigentlichen Gästen ein Gespräch aufgebaut, da hat mich dieses ständige Einwechseln der Best-of-Dschungelcamp-Mannschaft (die einen waren schon drin, die anderen stehen sicher kurz davor) nur genervt. Irgendwelche „lustigen“ Ideen sollen Böhmermann & Co. lieber weiter beim „Neo Magazin Royale“ ausprobieren.

Hiervon zu wenig:

Amina: Frauen. Habe das Gefühl je mehr Frauen am Tisch sitzen desto besser gefällt mir die Sendung. Und Petermann hätte mehr reden können, den fand ich spannend.

Marcel: Die klugen, entwaffnenden Seitenhiebe kommen bisher leider meistens von den Gästen. Sätze wie heute Bauerfeinds süffisantes „Ja, is ne Opfer-Opfer-Situation“ würde ich mir eigentlich von den Moderatoren wünschen.

Enrico: Gesprächsketten. Bitte. Haltet doch einfach mal einen roten Faden.

Überraschung des Abends:

Amina: Oli P.! Mir war nicht bewusst, dass es ihn noch gibt. (Als Teenie fand ich den ja mal ziemlich toll) und die karamellisierten Kartoffeln von Olli Schulz. (Vermutlich weil ich Hunger hatte und dann wieder daran denken musste).

Marcel: In Köln musste früher jeder einmal im Gefängnis sein. Das war ein Muss, sagt Langer Tünn.

Enrico: Hm, keine Ahnung wieso, aber Sibylle hat im Sendungseinspieler am Anfang Kritik an der „Karriere“ von Samuel Koch geübt, in seiner persönlichen Ansage war sie dann aber leider ziemlich zahm. Schade.

Was ich noch loswerden wollte

Amina: Inklusion is a thing. Vielleicht sollte sich Böhmermann mal damit beschäftigen. Gleiches gilt für Schulz und Sexworker-shaming.

Marcel: Mir ist zum ersten Mal aufgefallen, dass die Gäste insgesamt drei (!) Mal vorgestellt werden. Ganz zu Beginn im Opener von Sibylle Berg, in der Vorstellungsrunde von Schulz und Böhmermann UND dann nochmal mit einem einzelnen Einspielton. Muss das so viel? Und warum moderiert eigentlich Sibylle Berg nicht?

Enrico: Ich glaube ja nicht, dass Böhmermann Inklusion nicht versteht, sondern einfach von Samuel Koch immer ziemlich direkt und schnell entwaffnet wurde. Mit sowas ist er überfordert – immer. Da will ich jetzt gar nicht zu viel spekulieren, denke aber eben nicht, dass Böhmermann prinzipielle Berührungsängste aufgrund des Rollstuhls hatte. Samuel Koch hat sich einfach wenig Emotionen anmerken lassen.

Gesamtnote

Amina: Insgesamt schlechter als letzte Woche, aber Jan war nicht so überdreht und dadurch war es dann doch etwas entspannter. Besser als eine 3 wird es aber nicht. 

Marcel: Ach, ich weiß nicht. Wieder ’ne 3 ist irgendwie auch langweilig. Dann 4.

Enrico: Komische Gruppe, zu viele Typen, und aus den Querverbindungen (Kripo > Zuhälter) wurde wieder mal zu wenig gemacht. Weniger Nonsense-Ideen wie noch mehr Gäste, dafür vielleicht eine Minibar und mehr Alkohol zur Auswahl. Das beruhigt auch den Jan. Eine 4.

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Neues vom Kriminalsofa (66) http://lesflaneurs.de/2016/01/25/neues-vom-kriminalsofa-66/ http://lesflaneurs.de/2016/01/25/neues-vom-kriminalsofa-66/#comments Mon, 25 Jan 2016 08:27:35 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6880 Einige von uns Flâneuren schauen gerne den Tatort. In einem kurzen Rückblick zeigen wir euch an jedem Nach-Tatort-Montag, was wir über den aktuellen Tatort denken, welche Gefühle wir beim Schauen hatten und ob es sich lohnt, noch einmal in die Mediathek zu schauen.

Die harten Fakten:

Titel: Totenstille

Stadt: Saarbrücken

ErmittlerInnen: Stellbrink & Marx

Austrahlungsdatum: 24. Januar 2016

tl;dr

Ninia: Erpressung, Missverständnisse und ganz viel Aufklärung.

Johanna: Und das alles schlecht gekleidet, aber dafür politisch korrekt.

Sven: Von den seltsamen Herrenwitzchen mal abgesehen. Und bei Sherlock haben sie auch geklaut.

Ninia: Ach, das mit den SMS-Fensterchen machen sie doch jetzt alle.

Sven: Hast ja Recht.

Überraschungsmoment

Ninia: Als Stellbrink am Ende mit der Tänzerin geknutscht hat.

Johanna: Huch, hat er? Sorry, meine Aufmerksamkeitsspanne hat rapide nachgelassen.

Sven: Erstaunlich, wie schnell und einfach das mit der Erpressung anfangs doch ging.

Das hat gefehlt

Ninia: die Spannung, leider. Der Fall war eher dösig und waberte so dahin.

Johanna: Ein bisschen so wie Saarbrücken irgendwie.

Ninia: Vielleicht könnten wir das für die Stadtwerbung vorschlagen. Saarbrücken – es wabert so dahin.

Sven: Gab es eigentlich einen einzigen vernünftigen Dialog zwischen den Hörenden? Die Unterhaltung mit dem Hund zählt nicht.

Das war zu viel

Ninia: Die Aufklärungsstimmung. Mir hätte ein Tatort mit gehörlosen und hörenden Schauspieler_innen gefallen, der nicht versucht, gleichzeitig auch noch alle aufzuklären. Einige Infos waren wichtig und gut, andere – zumindest aus meiner Sicht – dann doch zu pädagogisch.

Johanna: Die Szene, als Ben im Hausflur von Georg mit dem Messer niedergestochen wird und vorher die ganze Zeit versucht, den Lichtschalter anzumachen, weil er ja nichts hört und auch nichts sieht – im Dunkeln kann er ja auch nicht Lippenlesen. Und Georg checkt es einfach nicht, er weiß ja nicht, dass Ben gehörlos ist. Das war schlimm. (Wichtige Szene, aber sehr schlimm!)

Ninia: Oh ja, die gehörte zu den stärkeren Szenen.

Sven: Ich muss lange überlegen, bis mir eine andere richtig gute Szene einfällt. Oder ob. Mir war da auch ein bisschen zu viel Bildungsauftrag drin. Und als Ben in der Zelle kurz durchdreht, dachte ich, gleich läuft er grün an und zerreißt sein T-Shirt. Wobei das Twitter zufolge vielen Frauen wohl gefallen hätte.

Lieblingsdialog

Ninia: Alle, in denen Stellbrink versucht, sich mit Schreien verständlicher zu machen. So typisch, so unnütz.

Johanna: “Können sie uns bitte alleine lassen? Wir gucken Filme immer ohne Frauen” – “Ist mir auch lieber – so wie es hier müffelt…”

Sven: “Ruhe, wir drehen hier.” – “Die drehen hier.” – “Ausgerechnet wenn er mitkommt.” Noch ein Meta-Tatort?

Lieblingsszene

Ninia: Tja.

Johanna: Ich mochte das, als Stellbrink und Ben zusammen Bier tranken. Das war nett.

Sven: Melancholie und Alkohol… geht immer. Überhaupt fand ich die ruhigen Momente zwischen den beiden am interessantesten. In denen hat auch Striesow nicht so overacted.

Ninia: Und dann war Ben sehr traurig, weil Stellbrink seine Ex geknutscht hat. Aber für den Moment war die schon toll.

Johanna: Ich glaube ja, er war wegen seiner toten Freundin traurig.

Fehler

Johanna: Nicht unbedingt ein Fehler, aber: Sehr um politische Korrektheit bemüht und dann – wenn auch zum Erklären – das N-Wort und das Z-Wort verwenden.

Ninia: Was Johanna sagt.

Sven: Das. Dass heute niemand mehr “bleifrei” sagt. Und die Besetzung des Georg Weilhammer.

Top-Tweet

Ninia:

Johanna: [Symboltweet]

Sven:

Bechdel-Test

Ninia: Ich bin unsicher. Einige Frauenrollen, aber ging es wirklich irgendwann in deren Gesprächen um was anderes als Männer?

Johanna: Nee. Geht doch bei uns Frauen immer um Männer, wa. Höhö.

Sven: Sooo! Und ich sag mal: Nicht bestanden.

Das habe ich gelernt

Ninia: Einiges. Zum Beispiel, dass die Gebärde für Polizei und Deutschland/deutsch dieselbe ist und sich auf die alte Pickelhaube bezieht. Mehr Infos gibt’s im FAQ von Julia .

Johanna: Das mit der Farbe bzw. den Filtern werden sie in Saarbrücken wohl nicht ändern.

Sven: Nur Segler und Pfadfinder können ordentliche Knoten machen.

Das wünsche ich mir beim nächsten Mal

Ninia: Weniger Pädagogik. Weniger vom “Wir machen die Rollen jetzt normal”. Lasst den Kommissar ruhig freaky und die Kollegin rockig sein. Das muss ja mir nicht gefallen. Aber so ganz farblos finde ich es auch langweilig. Mehr Schauspieler_innen mit Behinderungen in allen Tatorten.

Johanna: Gerne mehr Fälle/Tatorte mit Gebärdensprache und die Zuschauer*innen auch fordern. Also: Nicht alles untertiteln, evtl. über Social Media schon im Vorfeld kleine Videos, mit den wichtigsten Begriffen in Gebärdensprache aus dem jeweiligen Tatort, veröffentlichen.

Sven: Lasst dem Kommissar seine Schrullen, nur so funktioniert er. Ein gutes Drehbuch wäre natürlich auch wünschenswert; Spannung ist bei einem Krimi eigentlich immer von Vorteil.

Was ich auch noch loswerden wollte

Johanna: Die Outfits heute waren wirklich grauselig.

Ninia: Oh Gott, ja.

Sven: Es ist nicht lustig, wenn jemand in Hundescheiße tritt.

Gesamtnote

Ninia: Ich gebe eine 3. Wichtiges Thema gut umgesetzt, öde Story. Treffen wir uns im Mittelfeld.

Johanna: Ich gebe auch eine wabernde und dösige 3-.

Sven: Der Ansatz war gut, die Inszenierung aber einfach zu wirr und angestrengt. Und dann diese verquaste Auflösung. Ich schließe mich der 3- an.

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Schulz & Böhmermann – Sofagespräch #2 http://lesflaneurs.de/2016/01/17/schulz-boehmermann-sofagespraech-2/ http://lesflaneurs.de/2016/01/17/schulz-boehmermann-sofagespraech-2/#comments Sun, 17 Jan 2016 20:13:51 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6852 Es ist soweit – nach Jahren der Abstinenz sind „Roche & Böhmermann“ wieder zurück! Pardon, Frau Roche nicht, dafür macht Böhmermanns Buddelkastenfreund Olli Schulz nun mit und wer weiß, ob sich diese beiden nicht auch zerstreiten. Wir hoffen es mal nicht und verfolgen auf unserem bequemen Sofa von nun an jede Folge „Schulz & Böhmermann“.

Schulz & Böhmermann – Folge 2

Die Gäste: „Bild“-Reporter Paul Ronzheimer, Nicht-für-„Bild“-Schreiberin und Sexbuchautorin Ann-Marlene Henning, Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt und Schauspielerin Nora Tschirner.

Ausstrahlungsdatum: 17.01.2016

Moderatorenlaune:

Enrico: Olli schien mehrmals keinen Bock auf Jans Hysterie zu haben – allgemein ziemlich unrund heute das Zusammenspiel.

Michael: Böhmermann war sichtlich angespannt, verbissen regelrecht, Schulz kam kaum zum Zuge. Da Letzerer sonst eher für den „comic relief“ sorgt, wirkte es trotz weniger kontroverser Gäste als letztes Mal doch hier etwas angespannter.

Marcel: Böhmermann war mir diese Woche auch etwas drüber, insbesondere wie er Göring-Eckardt in die Mangel genommen hat. Wenn man seine persönlichen issues schon mit in die Sendung bringt, dann lasse man sie doch bitte am “Bild”-Reporter aus.

Gästelaune:

Enrico: Alle gut drauf, keiner wirklich provokant oder genervt. Mich wunderte, dass Paul Ronzheimer so wenig Überraschendes zu bieten hatte. Ich kannte ihn vorher nicht und dachte nach dem Einspieler ganz am Anfang, dass er was zu sagen hätte, aber seine Pro-„Bild“-Argumentation war flach und billig: „Ich war 21 Tage da, das ist doch guter Journalismus, nicht?“

Michael: Die Laune gefiel mir auch gut, mir waren durchweg fast alle sympathisch, bis auf Ronzheimer, der in mir ähnliche Aggressionen hervorrief wie der unsägliche Fakepsychiater Postel in der letzten Folge …

Marcel: Irgendwie ärgerlich, dass man gar nichts Schlechtes über Nora Tschirner sagen kann.

Alkohol- und Zigarettenverbrauch:

Enrico: Geburtstagsparty war das Motto. Dementsprechend zahm der Verbrauch. Dieser blöde Mixer in der Mitte des Tisches war aber eine selten doofe Idee.

Michael: Zur Erklärung: Sie hatten einen Standmixer mit kleinem Goldfisch und Wasser darin auf dem Tisch stehen, den Böhmermann in einer Schocksekunde provokant und überstürzt einschaltete – mit nur akustischem Effekt. War eben bloß ein Fakegerät, wie sich erst am Ende der Sendung herausstellte. Und trotzdem war auch ich alles andere als amüsiert über die Aktion.

Marcel: Whisky kam eigentlich nur als Deko für Göring-Eckardts Eiswürfelstein zum Einsatz und geraucht hat ausschließlich Olli Schulz. Mehr Sorgen als um seine Gesundheit mache ich mir noch wegen der steigenden Gefahr von Anschlussfehlern.

Lieblingsgesprächsfetzen:

Enrico: Als Nora Tschirner über „perspectivedaily“ sprach, kam endlich mal Ruhe ins Gespräch und es wurde ein roter Faden verfolgt. Das war schön und hat mich mehr gefreut als alle – echt guten! – Oneliner der Sendung.

Michael: Sibylle Bergs Kurzvitas zu den Gästen sind mir dieses Mal wirklich als sehr genial aufgefallen, auch wenn sie manchmal zu zahm waren, etwa bei Tschirner. Und genau diese überraschte mit den besten Returns der Runde. Früher ging mir ihre Lena-artige Dauerironie auf die Nerven, inzwischen hat sie diese besser im Griff und setzt sie äußerst pointiert ein.

Marcel: Schulz’ Geständnis, er würde Paul Ronzheimer lieber in einem Porno sehen als im Krisengebiet.

Hiervon gab’s zu viel:

Enrico: Hysterie und Panik, besonders seitens Jan in Sachen katholische Kirche. Darüber hätte er lieber einen Facebook-Rant mit vielen Ausrufezeichen schreiben sollen. Sozusagen in Co-Produktion mit Til Schweiger.

Michael: Böhmermanns penetrantes Herumreiten auf kirchlichem Arbeitsrecht hat mich auch genervt. Dafür ist die Show einfach das falsche Format, zumal er Göring-Eckardt daraufhin immer wieder abklopfte, als sei das Ganze auf ihrem Mist gewachsen. Das alles erinnerte mich unangenehm an WG-Partys, bei denen dann zwei Leute lautstark randige Diskussionen anfangen und alle anderen das eher aus Schaulust als Interesse stumm verfolgen.

Hiervon zu wenig:

Enrico: Zu wenig rote Fäden und keinen echten Geburtstagskuchen. Schwach.

Marcel: Intakte Stühle. In Zahlen: 3.

Michael: Vollendete Sätze. Ehrlich, mir wurde sich viel zu viel gegenseitig unterbrochen dieses Mal. Selbst Antworten auf provokante oder interessante Fragen wurden durch das jeweilige zwangslustige Gebrüll aus der gegenüberliegenden Ecke abgewürgt. Mehr Contenance nächste Woche, bitte!

Überraschung des Abends:

Enrico: Die Einspieler von Sibylle Berg haben innerhalb einer Woche rasant an Witz und Finesse zugelegt. „Manchmal backt sie Brot, vielleicht weint sie dabei.“ Klasse!

Michael: Wie erwähnt Tschirner als positive Überraschung. Böhmermanns eigenartige Verbissenheit als verwunderndes Element. Zudem der sich durchziehende Wir-fallen-vom-Stuhl-Gag, der mich an eine Freundin erinnerte, die das bei jeder Party mehrfach zustande kriegt – auch bei ihr interessiert das am Ende dann keinen mehr wirklich.

Marcel: Dass ich einen Orgasmus ohne Ejakulation haben kann.

Was ich noch loswerden wollte:

Enrico: Die Mischung sollte bunter werden. Drei Medienleute auf einmal war zu viel. Und wenn, dann doch bitte mehr auf die Unterschiede dieser Leute eingehen. Das wurde nur ansatzweise versucht. Ach ja, und: Der Penis hat ein Imageproblem.

Marcel: Also mir ist die Zusammensetzung der Gäste jetzt schon zum zweiten Mal positiv aufgefallen. Es gab auch ein paar schöne verbindende Elemente und thematische Brücken zwischen den Gästen. Die traten nur leider seltener durch schlaue Fragen (ausschließlich von Schulz) und häufiger durch Zufall zutage.

Michael: Der überhebliche Tonfall in „Bild“-Reporter Ronzheimers Stimme, seine fadenscheinige Erklärungen, seine einfältigen Blattverteidigung, bar jeder Einsichtsfähigkeit oder jedes Willens der Differenzierung: ein durch und durch unsympathischer Typ, der leider zum bestehenden Bild der „Bild“ passt. „Aber da hat sich ja so viel verändert seit ich dort bin!“ Ja aber was genau, das vermögen Sie nicht zu sagen, Herr Ronzheimer?

Gesamtnote:

Enrico: Im Gegensatz zu letzter Woche keine Menschen am Tisch, die sich ohne Moderation mal aneinander wenden. Mir eh ZU aufgeregt diese Woche. Glatte 4.

Michael: Mir hat die Gästekonstellation der ersten Folge besser gefallen, die Gesprächsanteile waren auch gerechter verteilt und von der Angespanntheit her wirkte die zweite eher wie die erste Folge und umgekehrt. Dennoch wurde ich wieder komplett befriedigend mit Tendenz nach oben unterhalten, also 3+.

Marcel: Unterm Strich hat sich für mich zur letzten Woche nicht viel getan und ich bleibe bei meiner 3. Die Kopfnoten für Böhmermann fallen allerdings schlechter aus.

Unser Sofagespräch zu „Schulz & Böhmermann“ findet jede Woche statt und geht immer montags oder dienstags online, je nachdem wie schnell wir vom Sofa hochkommen.

schuzboeh1

Beitragsbild: flickr.com – Original von Eduardo Basto, bearbeitet von Enrico Seligmann unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

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