Kunst Flâneur – Les Flâneurs http://lesflaneurs.de Stadtschwärmerei - staunen, spazieren, erkunden. Mon, 06 Jun 2016 15:56:59 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.5.2 Fleisch und Fett http://lesflaneurs.de/2016/01/28/fleisch-und-fett/ http://lesflaneurs.de/2016/01/28/fleisch-und-fett/#comments Thu, 28 Jan 2016 10:58:50 +0000 http://lesflaneurs.de/?p=6899 Vera Mercer: Pic Feast Omaha (2014). Abb.: Courtesy by the artist und WERKHALLEN OBERMANN BURKHARD
Vera Mercer: Pic Feast Omaha (2014). Abb.: Courtesy by the artist und WERKHALLEN OBERMANN BURKHARD

Durch Oberschwaben schlängelt sich ein kleines Bächlein namens Rot. Die Rot entspringt im Landkreis Biberach, fließt nordwärts durch Zell und Schwendi und mündet schließlich in die Donau, einige Kilometer, bevor von Norden ein Fluss namens Blau einmündet. Jedenfalls durchfließt die Rot zwei Örtchen, die ebenfalls den Namen Rot tragen, zunächst Rot an der Rot und dann einen Ortsteil von Burgrieden, der in einer lieblichen Hügellandschaft gelegen ist, aber leider einerseits geprägt ist von gesichtsloser Einfamilienhausbebauung und andererseits ebenso gesichtslosen Bauernhöfen. Rot beherbergt allerdings auch das Museum Villa Rot, eine Jugendstilvilla, die etwas außerhalb des Ortes über dem Tal thront, und in der regelmäßig – von der breiten Öffentlichkeit fast unbeachtet – hochkarätige Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu sehen sind.

Jana Sterbak: Vanitas. Flesh Dress for an Albino Anorectic (1987). Courtesy Barbara Gross Galerie, München
Jana Sterbak: Vanitas. Flesh Dress for an Albino Anorectic (1987). Courtesy Barbara Gross Galerie, München

Ich sehe vollkommen unvorbereitet eine Ausstellung namens „Fleischeslust“. Man erwartet bei diesem Titel etwas mit Körpern und vielleicht auch mit Sex, Body Art, Pornografie, so etwas, aber es geht in Wahrheit um das, was beim Metzger auf der Theke liegt: Es geht um Würste, Knochen, Schnitzel und Haut. Wie immer in der Villa Rot tolle, interdisziplinäre, absolut heutige Kunst: an Renaissance-Stilleben erinnernde Fotografien Vera Mercers, spielerisch-eklige Mettskulpturen Julia Kissinas, eine Fleischdress-Performance Zhang Yuans. Das ist alles schön und gut, manchmal ist es auch arg didaktisch wie Cindy Wrights (Achtung, der Link ist wirklich nichts für schwache Nerven) fetttriefende Gemälde von faserigem Fleisch oder Alex van Gelders hochästhetische Fotografien von Schlachtabfällen, bei denen man am liebsten sofort zum Vegetarier werden möchte, vor allem aber ist es wenig spezifisch. Es ist eben zeitgenössische Kunst, wie man sie ständig zu sehen bekommt, zwischen Paris, Berlin und New York. Gott, was sind wir abgefuckt, aber wir sind doch nicht aufs Land gefahren, nach Oberschwaben, um dort etwas zu erleben, was wir tagein, tagaus in der Großstadt erleben.

Wir verlassen die Villa Rot, treten ins liebliche, kalte, schöne Hügelland und sehen, dass wir ein Kunstwerk übersehen haben. Im Garten der Villa nämlich hat die Künstlergruppe hic & nunc eine Installation aufgebaut, „Streichel dein Essen / Fütter dein Essen“, und diese Installation besteht aus einem Pferch, in dem Tiere herumtollen: drei vor Neugierde auf die Besucher fast durchdrehende Ferkel, ein Eselspaar, das sich vor allem gegenseitig zärtlich an den Ohren knabbert und den Kunstfreund keines wässrigen Auges würdigt, zwei pubertär aufgedrehte Kälbchen und ein paar Schafe, die puschelig langweilen. Außerdem enthält der Pferch ein paar Zettel, auf denen steht, welche Nahrungsmittel aus den Tierchen hergestellt werden, die Esel etwa werden zu ziemlich teurer und womöglich ebenso schmackhafter Eselsalami verarbeitet. Lecker. Erschreckend.

hic & nunc: Streichel dein Essen / Fütter dein Essen (2015, Detail). Foto: Kunst Flâneur
hic & nunc: Streichel dein Essen / Fütter dein Essen (2015, Detail). Foto: Kunst Flâneur

Und mit einem Schlag passt hier alles zusammen, die zeitgenössische Kunst, die drastische Ästhetik, der eigenartig aus der Zeit gefallene Ausstellungsort. Im Hintergrund glühen die Alpen, in der Mitte mäandert die Rot, im Vordergrund grunzen die Schweine. Mit einem Schlag hat man sich auf eine Kunst eingelassen, die so berührend wie inhaltlich durchdacht ist, mit einem Schlag hat man kapiert, um was es in „Fleischeslust“ tatsächlich geht. Es geht um die widerwärtigen Praktiken der industriellen Massentierhaltung (Sarah Lüdemanns ans Unerträgliche grenzende Video „Schnitzelporno“ oder John Isaacs‚ Schlachtskulptur „Things that can be are that which we know“!), und gleichzeitig geht es um Genuss (Vera Mercers oben erwähnte Fotostillleben oder Eva Heldmanns erotisch-humoriger Film „Johnny oder Das rohe Fleisch“). Und es geht um den Widerspruch zwischen diesen beiden Ebenen, den man irgendwie auflösen muss.

Eine Auflösung bieten hic & nunc an. Tiere, die in einer halbwegs intakten Natur ein halbwegs artgerechtes Leben zu führen scheinen (wobei man das Thema „intakte Natur“ hier ebenfalls noch einmal hinterfragen sollte, viel an diesem lieblichen Hügelland ist ja auch nur Illusion, zumal man nach Rot ohnehin nur per Auto kommt), aber über deren Zukunft man nicht getäuscht wird: Schweine, Esel, Kälbchen und Schafe bleiben bei aller Niedlichkeit Fleisch, das irgendwann auf einem Teller landen wird, „Streichel dein Essen / Fütter dein Essen“.

Allerdings: Nichts spricht dagegen, die Tiere bis zu diesem Moment halbwegs anständig zu behandeln, auf dass sie ein zwar kurzes aber erträgliches Leben haben. Und, nein, eine Antwort auf die Fragen, die die „Fleischeslust“ aufwirft, ist das immer noch nicht.

Aber das zeichnet Kunst ja aus: dass sie sich weigert, Antworten zu geben.

„Fleischeslust“ läuft noch bis 21. Februar im Museum Villa Rot, Burgrieden-Rot, www.villa-rot.de

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