Alltag du Sau (18): Nächstenliebe im Straßenverkehr? Fick dich!

Von Greta Matthias

„Arschloch!“ „Idiot!“ „Drecksblagen!“ „Wo hast du eigentlich Autofahren gelernt?“ Morgen für Morgen arbeite ich ein Repertoire an Schimpfworten ab. Unterstützt von martialischen Gesten und scheppernden Tönen aus einer halb verrosteten Klingel. Ich fahre Fahrrad. In Hamburg. Und ich hasse es.

Denn was der Stadt an vernünftigen Radwegen fehlt, hat sie an Baustellen, Schotterpisten und rücksichtslosen Verkehrsteilnehmern zur Genüge. Ich hasse nicht das Radfahren an sich, im Gegenteil. Fahrräder sind was Tolles, unverzichtbar, zeitlos. Wer schon einmal das Glück hatte, auf dem platten Land zu fahren – ein Rapsfeld links, ein Maisfeld rechts, freihändig, der Sommerwind, der einem das Haar durcheinanderwirbelt, irgendwo muht eine trächtige Kuh –, ja, der spürt das Gefühl der Freiheit auf dem Fahrrad, die Faszination, wie die schmalen Reifen einen so unförmigen Klops an Gliedmaßen überhaupt balancieren können.

In der Kleinstadt wächst man praktisch auf dem Rad auf. Die Wege kurz, die Straßen frei. Da macht das Rumkurven Spaß. Umso größer ist die Ernüchterung, wenn man sich erstmals in der Großstadt hinter den Lenker klemmt. Autos, Busse, andere Radfahrer, Menschen, Touristen – sie alle werden da plötzlich zu Feindbildern. Dennoch: Wenn es in Hamburg nicht regnet, sehe ich mich praktisch dazu verpflichtet, zur Arbeit zu radeln. Irgendwie ist es ja auch schön. Keine überfüllten, müffelnden Bahnen, die einem vor der Nase wegfahren. Und der eingerostete Körper freut sich umso mehr.

Startpunkt ist Altona, Ziel die Speicherstadt. Die erste Hürde des Tages: Kopfsteinpflaster. Und sowas in der Großstadt. Mein ungefedertes Hollandrad und ich beben im Rhythmus der Pflastersteine. Mein Kopf ist ordentlich durchgeschüttelt, jetzt bin ich wach. Die Neue Große Bergstraße hinunter, Altonas Flaniermeile, noch ein Stück bis zur Reeperbahn, einem der mir verhasstesten Abschnitte des täglichen Arbeitsweges. Schon morgens trifft man hier torkelnde Gestalten – ob noch besoffen, schon wieder oder gar immer? Keine Ahnung. Persönliche Schicksale interessieren mich in diesem Moment herzlich wenig. Ich versuche bloß zu überleben, Pendlern, Faulenzern und Touristen auszuweichen. Letztere erkennt man nicht nur an den ortsfremden Kennzeichen, sondern oft auch am orientierungslosen Fahrstil. Auf der Reeperbahn gibt es keine Fahrradwege. Wozu auch? Besonders lieb sind mir die abgetrennten Streifen auf der Straße, die Bus und Fahrrad sich gefälligst zu teilen haben. Zum Beispiel am Millerntorplatz. Bus gegen Fahrrad. Ich spiele die Konfrontation im Kopf durch – und gebe auf. Ich fahre auf den Fußweg und mache mir damit keine Freunde.

Die Fahrradwege in Hamburg sind in teilweise gefährlich-desolatem Zustand. (Foto: Greta Matthias)
Die Fahrradwege in Hamburg sind in teilweise gefährlich-desolatem Zustand. (Foto: Greta Matthias)

Es folgt einer der schöneren Abschnitte auf der Route, am Michel, dem Wahrzeichen Hamburgs vorbei. Hier geht es beinahe durchgängig bergab. Auf dem Hinweg ist das göttlich, wird man wieder an dieses ferne Gefühl der Freiheit erinnert, damals zwischen den Feldern, den Fahrtwind im Gesicht … aber nur fast. Schließlich gibt es Ampeln. Wer hier oft genug fährt, der weiß in etwa, wie man auf der Grünen Welle surft. Doch auch hier lauert eine nicht zu unterschätzende Gefahr: Rechtsabbieger. Manchmal hilft es da nur noch, den Lenker herumzureißen und ein Stück parallel mit dem Bulli zu fahren, der dich gerade beinahe überfahren hätte. Wie ich das mag. „Arschloch!“ Eine große Linkskurve und ich bin wieder auf Kurs. Die Grüne Welle kann ich mir jetzt allerdings abschminken, die Ampel am Michel ist rot.

Immer wieder interessant ist die absolute Ignoranz vieler Mitbürger, was die Existenz von Radwegen betrifft. Ich verstehe es nicht. Ich konnte noch nicht mal Fahrrad fahren, da wusste ich schon, dass diese meist rot unterlegten Streifen am Rande des Gehweges für Fußgänger Tabu sind. Daumen an die Klingel. In meinem Kopf braut sich schon wieder ein Orkan an Fäkalausdrücken zusammen, bereit, über die nächste rücksichtslose Gestalt hereinzubrechen, die mir vor die Reifen läuft oder fährt.

Stets einen Fluch wert sind die Leute, die noch dir noch etwa zwei Handbreit Platz lassen, während sie scheinbar ahnungslos hinsichtlich jeder Verkehrsregel über den Farbstreifen schlendern. Hier erspare ich mir ein Klingeln: Ich drängele mich vorbei, sodass sie aus dem Weg hüpfen müssen. Auf selber Höhe stöhne ich einmal genervt auf. Dann kommt der obligatorische Schulterblick, in den ich all den angestauten Hass der bisherigen Fahrt lege. Ein gemurmeltes „Vollidiot“. Immer dasselbe Prozedere. Herrlich.

Ein paar katastrophale Ampelschaltungen und verirrte Fußgänger später habe ich es tatsächlich geschafft. Also fast. Da wäre noch das Problem mit den Fahrradständern. Beziehungsweise das des Mangels an ihnen. Mühsam werden ein paar Räder zur Seite geschoben, versehentlich umgeworfen, wieder aufgehoben. Abgeschlossen. Ups, fremdes Gefährt mit abgeschlossen. Wieder aufgeschlossen. Wieder abgeschlossen. Diesmal allein. Aber doppelt. Ein Prozess, der jeden Morgen nochmal drei bis fünf Minuten raubt. Geklaut wird hier öfter mal.

Wer darf, wer muss, was kann, wo lang? Existenzielle Fragen im Hamburger Baustellenchaos. (Foto: Greta Matthias)
Wer darf, wer muss, was kann, wo lang? Existenzielle Fragen im Hamburger Baustellenchaos. (Foto: Greta Matthias)

Egal, ich habe jetzt acht Stunden Ruhe. Also Arbeit. Ich blicke sehnsüchtig zu meinem Drahtesel zurück und überlege, dass die Zeit auf ihm eben doch gar nicht so übel war. Ein Gedanke, den ich auf dem Nachhauseweg, direkt verwerfe. Feierabendverkehr und Michel machen mir jetzt schwer zu schaffen. Leider ist die Konsequenz des Gefälles auf dem Hinweg, die der Steigung auf dem Heimweg. Japsend wie ein fettleibiger Kettenraucher komme ich oben an. Mit der Erkenntnis: Das ist keine Erhebung, das muss ein Berg sein.

Knapp hinter der Kirche entdecke ich eine Kreideschrift auf dem Asphalt: „Die Bibel ist ein Märchenbuch.“ Eine der Lektionen, die einen der Straßenverkehr lehrt: Nächstenliebe? Ein Mythos. Was sogleich bestätigt wird. Vor mir fährt eine Radfahrerin beinahe einer älteren Frau in die Hacken, die natürlich prompt eine Schimpftirade hinterherschickt. Ich bemerke, dass ich grinse. Freue ich mich jetzt über den vereitelten Unfall oder die neuen Schimpfwörter, die ich gerade gelernt habe? Ich weiß es nicht. Ich glaube, im Straßenverkehr werde ich zu einem schlechten Menschen. Scheiße.

Auf dem Nachhauseweg bleiben mir drei Optionen, die Reeperbahn, ein Umweg über die Schanze oder die Simon-von-Utrecht-Straße mit fehlendem Radweg und tief stehender Sonne. Ich wähle die letzte Variante. Bei der Fahrt durch ein stattliches Schlagloch, das ich eher als kleinen Krater bezeichnen würde, springt eines meiner Schlösser aus dem Korb. Ich überfahre es aus Versehen, stoppe, rolle rückwärts, bremse einen anderen Radfahrer aus, er schimpft, ich fluche – der übliche Wahnsinn. Endlich zu Hause schubse ich mein geliebtes Rad in den Hausflur. „Ach, du kannst ja nichts dafür.“

Morgen sitze ich wieder im Sattel. Und wer weiß, vielleicht tut die Stadt ja irgendwann mal ihr Übriges.

Nächstenliebe im Straßenverkehr: ein Märchen. (Foto: Greta Matthias)
Nächstenliebe im Straßenverkehr: ein Märchen. (Foto: Greta Matthias)


Titelfoto Sven Wiebeck

Les Flaneurs Verfasst von:

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