Tanzen im Theatersessel – zur richtigen Zeit am falschen Ort?

Von Julia Tautz und Janine Freudenberg

In der Berliner Volksbühne hat sich ein ganz besonderes künstlerisches Erlebnis ereignet. Diesmal ein musikalisches: ein performativer Abend mit Christian Löffler. Gemeinsam mit Gastsängerin Mohna von Me Succeeds und den vier Streichern des Quartetto Indaco verzauberte er für mehr als zwei Stunden ein durchaus gemischtes Publikum. Unter dem ehrwürdigen Kronleuchter des großen Saals, der zu Zeiten des ehemaligen Intendanten Frank Castorf noch komplett mit silbernem Lametta verhängt war, performten sie viele bekannte, aber auch einige unveröffentlichte Lieder des Elektronikkünstlers aus Greifswald. 

Zum Repertoire des Theaters gehört seit jeher ein gut konzipiertes Konzertprogramm. Das hat sich auch mit dem Einzug des neuen künstlerischen Leiters Chris Dercon nicht verändert. Im Konzept der neuen Volksbühne wird Interdisziplinarität großgeschrieben.

Trotzdem ist es ein befremdliches Gefühl, wenn sich der traditionsreiche Saal mit elektronischen Klängen und Clubmusik füllt. Funktioniert ein Konzert dieser Art in einer Theater-Location? Sind elektronische Beats dafür gemacht, im Sitzen genossen zu werden?

Es ist ja gerade ziemlich angesagt, ein Ensemble dabeizuhaben und elektronische Musik mit klassischen Elementen zu versehen. Ist es ein Zurückbesinnen zum Ursprung oder doch einfach, wenn auch etwas widersprüchlich anmutend, ein state of the art? Viele zeitgenössische Elektrokünstler scheinen die Schönheit und Reinheit klassischer Klänge zu zelebrieren und sie in ihre aktuellen musikalischen Ausdrücke einzufügen.

Christian Löffler selbst ist studierter Künstler und kreiert seine Musik aus verschiedenen Materialien: eingespielt oder direkt im Umfeld aufgenommen, zusammengesetzt, ineinandergelegt und miteinander zu einer wohligen Einheit verknüpft.

Christian Löffler auf der Bühne der Volksbühne mit vier Streichern und Sängerin Mohna
In Szene gesetzt: Christian Löffler & Ensemble in der Volksbühne. Foto: Julia Tautz

Als ich jedoch im gepolsterten Sessel der Volksbühne sitze und mich zurücklehne, fange ich an, diesen Ort für die Veranstaltung innerlich ein bisschen zu feiern. Wo sonst ist es möglich, fernab des heimischen Wohnzimmers, eine derart intensive Musik wie die von Christian Löffler mit diesen träumerischen, projizierten Visuals, in dieser Lautstärke und Atmosphäre genießen zu können? Kein Beine-in-den-Bauch-Stehen, keine Fokussierung aufs Tanzen – sondern lediglich das Verinnerlichen und das Vereinnahmen von Musik.

Besonders gespannt bin ich auf die Darbietung der vier Streicher und des Pianisten. Egal, ob ihr Zusammenspiel die folgerichtige Erweiterung seiner Musik ist oder taktisches Kalkül – mit diesem Ensemble hat der kreative Kopf des Abends den Nerv der Zeit getroffen. In Verbindung mit seinen minimalistischen Beats und dem sphärischen Gesang von Mohna ergänzt die Harmonie der klassischen Instrumente die träumerisch-organische Musik perfekt. Allerdings viel zu selten. Zwischen ihren Einsätzen zu Beginn und am Ende des Auftritts sitzen sie oft untätig im Scheinwerferlicht – wie bestellt und nicht abgeholt. Ich, im Dunkeln und in meinem bequemen Theatersessel, habe ein bisschen Mitleid mit ihnen.

Oder ist es nur die Szenerie der Theaterbühne, die meine Aufmerksamkeit auf die Musiker lenkt? Ich habe ja sonst nichts zu tun. Statt mit geschlossenen Augen tanzend in andere Welten abzudriften, fokussiert sich in dieser klaren Konzertsituation meine Aufmerksamkeit ganz auf die Bühne und die Akteure. Wäre mir sonst der Tänzer im linken Gang aufgefallen, der im Dunkeln energetisch und ohne Pause die gesamte Zeit eine Choreografie mit Ballettelementen vollführt? In meinem Sessel habe ich Zeit mich zu fragen: Ist er engagiert? Oder ist er nur ein besonders enthusiastischer Fan? In einem Schauspielhaus lauert der perfomative Ansatz hinter jeder Ecke. Der Moment des Wunderns produziert wundervolle Leerstellen, die mich fragend und rätselnd zurücklassen und wohl nur in dieser interdisziplinären Situation aus Tanz, Theater und Konzert entstehen können. Alles verschwimmt zu einem kunstvollen Abend, der die elektronische Musik in diesem Augenblick final in die Riege der E-Musik aufnimmt. Aber Christian Löffler weiß auch damit zu spielen.

Solokünstler vor abstraktem Gemälde: Christian Löffler in der Volksbühne. Foto: Julia Tautz

Und so ist es kein Wunder, dass bei der letzten Solozugabe die hüftsteife, aufgesetzte Ruheposition des Publikums endgültig aufgebrochen wird. Denn das Summen der Hummeln im Hintern vieler Zuschauer war selbst durch den dröhnenden Bass zu hören. Was zunächst mit wippenden Beinen und Kopfnicken begann, endet in einer Party tanzender Menschen, die den prunkvollen Theatersaal in einen Club verwandelt. Und die Grenze zwischen ernsthafter und Unterhaltungsmusik löst sich wieder vollkommen auf.

Solch ein Perspektivwechsel in der Musikrezeption ist wohl nur durch interdisziplinäre Veranstaltungen möglich, wenn kulturelle Spielorte sich nicht vor mutigen, ungewöhnlichen Konzerten und anderen Konzepten scheuen. Denn so entsteht eine Kulturlandschaft, die Grenzen verschwimmen lässt und Räume für neue Sichtweisen schafft.

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