Warum Glück ein Ort ist

Wir Flâneure sind ebendiese, weil Orte für uns immens wichtig sind. Städte, Dörfer, Wälder, Küsten, Konzerthallen, Bars oder Cafés – unser Umfeld prägt uns alle viel stärker, als wir dies manchmal vermuten. Das bestätigt auch eine aktuelle Studie des britischen National Trust, und lieben wir alle nicht höchstwissenschaftliche Studien? Zumindest ist es ein guter Anlass für uns, ein wenig von unseren Lieblingsorten zu erzählen; denen des letzten Jahres, und überhaupt.

Für die Studie wurden die Hirnströme freiwilliger Probanden gemessen und geschaut, wie sie auf bestimmte Fotografien reagieren. Einerseits wurden ihnen Bilder geliebter Orte gezeigt, wichtiger Objekte andererseits. Das Ergebnis: Die Versuchspersonen reagierten intensiver auf Orte als auf Gegenstände, was besonders in der für emotionale Reaktionen zuständigen Region des Gehirns messbar war.

Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass diese für sie speziellen Plätze sie beruhigen und eine gedankliche Flucht aus dem Alltag bieten. Sie fühlen sich dort sicher, sogar schon nur in Gedanken. Ihre Bereitschaft war zudem sehr groß, diese Plätze zu schützen und zu konservieren, damit sie nicht zerstört werden. Wir haben uns in die Situation der Testpersonen versetzt und überlegt, welche Orte wir lieben und uns geprägt haben. Here we go, here we went.

 

Michael

Kerið, ein erloschener Vulkankrater im Herzen des Süden Islands. Foto: Michael Schock
Kerið, ein erloschener Vulkankrater im Herzen des Südens Islands. Foto: Michael Schock

Bei meinem ersten Islandbesuch im späten Oktober 2011 stoppte unser Bus an diesem kleinen Krater eines erloschenen Vulkans. Der Himmel war grau, der Wind erbarmunglos wie ich ihn liebe. Wir hielten nur ein paar Minuten, aber das Farbenspiel der mosigen Kraterwände und das Schimmern des durch und durch surrealen Wasserspiegels blieb mir im Gedächtnis, trotz all der anderen Schönheiten der Insel. Als ich im letzten Sommer dann Island ein weiteres, sechstes Mal für eine Umrundung besuchte, legte ich fast eine Vollbremsung hin: Völlig unerwartet stand da ein Schild an der Straße Richtung Gullfoss und Geysir, das Richtung Kerið wies. Sofort nutzen wir die nächste Wendemöglichkeit und da lag er wieder vor mir, dieses Mal in traumhaftem Sonnenschein, fast sechs Jahre später. Ich weiß nicht warum, aber etwas an diesem Vulkan zieht mich zu sich. Womöglich ist es mein liebster Ort auf der Erde.

Die Überreste des abgebrannten West-Piers im englischen Brighton. Foto: Michael Schock
Die Überreste des abgebrannten West-Piers im englischen Brighton. Foto: Michael Schock

2017 war ein Jahr voller schöner Reisen mit wundervollen Freunden. Eine führte mich fast genau vor einem Jahr für eine Reportage ins südenglische Brighton. Wie so oft war mein Kopf voller Dinge und ich bereitete mich nicht so gründlich vor, wie ich das gerne getan hätte. Letztlich saßen wir (ich weitestgehend ahnungslos) im Transferbus vom Londoner Gatwick-Airport Richtung Küste, lachten wie zwölfjährige dumme Ottos, als ein asiatischer Mitreisender ausgerechnet an der Station „Rice Bridge“ ausstieg, und rollten kaum in Brighton angekommen mit unseren Trolleys an der Strandpromenade entlang zu unserem coolen rock-themed Hotel direkt an der Küste. Dann traute ich meinen Augen kaum, als ich fast direkt auf Höhe unserer Unterkunft ein Gerüst im Meer erblickte. Es waren die Überreste des abgebrannten West-Piers, die als morbides Gespenst im Sonnenschein waberten. Dieses Bild, dieses Konstrukt kannte ich seit Jahren, ohne genau zu wissen, was oder wo es ist. Auf der Website meiner Lieblingsband Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra sah ich knapp sieben Jahre zuvor eine verschwomme Sepiafotografie eben dieses Ortes. Sieben Jahre. So viel ist passiert. Dank des niemals vergessenden Internets fand ich heraus, was die Band damals dazu schrieb: „the sea is a shining thing as the sun falls. clocks jump forward and we do not sleep. england is done, and france is next and then italy beyond. god bless our mess.“ Es dreht sich die Welt, aber aus dem Jahr 2017 wird mir dieser Ort wohl am längsten in Erinnerung bleiben.

 

Janine

Der düstere Fjallsárlón in Island war für mich einer der magischsten Orte 2017. Foto: Janine Freudenberg

Ähnlich wie Michael beginne ich meine Top-drei-Lieblingsorte mit einem Eindruck aus Island. Anders als bei ihm war es für mich das erste Mal in Island. Sprich, der Urlaub war gespickt von unfassbaren Momenten, stockendem Atem und ein bisschen Pipi in den Augen, als wir in unserem minikleinen Auto über die Ringstrasse brausten. Ein Ort jedoch war besonders. Nicht nur, weil er komplett alienesque und völlig anders war als alles was ich bisher gesehen habe. Fährt man nur geduldig ein paar hundert Meter am Touristenmagneten Jökulsárlón vorbei, so versteckt sich etwas abseits der Ringstrasse ein weiterer atemberaubender Anblick: der Fjallsárlón, ein Gletschersee, in dem sich Eisschollen türmten. Es war neblig, auf dem Weg konnten wir schon kaum mehr als 100 Meter weit schauen. Doch hier, am Fuße des gewaltigen Gletschers Vatnajökull, flockte der dunkel und lila gefärbte Himmel auf und legte den Blick auf den Giganten frei. Ich erinnere mich nur zu gut, welche Schauer mir da über den Rücken liefen und ganz egal, wie kalt mir war, dachte ich: Ich kann diesen Ort unmöglich wieder verlassen.

Postapokalypse in Bombay Beach, Kalifornien. Foto: Janine Freudenberg

Seit eh und je hege ich eine wilde Faszination für amerikanische Einöde, Vorstädte und White Trash. Vor einigen Jahren sah ich den Dokumentarfilm „Bombay Beach“ von Alma Har’el und war völlig angefixt von der gleißenden Wüste im trockenen Kalifornien, dem grauen Sumpf namens „Salton Sea“, welcher einmal ein idyllischer See südlich des Joshua Tree National Parks war. Im vergangenen Herbst erfüllte ich mir einen alten Wunsch und machte mit zwei Freundinnen einen Roadtrip durch Kalifornien. Nachdem wir eine Nacht im surrealen Palm Springs verbrachten, sah ich, dass wir gar nicht weit von Bombay Beach entfernt waren und kurzerhand machten wir auf dem Weg zum Joshua Tree National Park einen kleinen Schlenker. Bombay Beach war wirklich surreal. Bei 40 Grad besuchten wir die postapokalyptische Szenerie, in der sich scheinbar kein Mensch bewegte und alle Trailer halb verlassen und verrottet am Wegesrand lagen. In der Luft lag der Gestank von Fisch. Je näher man Salton Sea kam, desto übler wurde er. Ähnlich wie der Blick auf den Fjallsárlón war der Besuch in Bombay Beach einfach völlig entrückt von meiner Realität, fernab von meiner Lebenswelt und meinem Alltag und von daher definitiv einer der erinnerungswürdigsten Momente des letzten Jahres.

Zu Hause ist es manchmal doch am schönsten. Der Blick in den Berliner Sommerabendhimmel. Foto: Janine Freudenberg

Nachdem wir uns zuvor immer von unseren Zentren fortbewegt haben, möchte ich mich zuletzt genau diesem meinen widmen. Gerade jetzt, wo der Winter alles Kalte und Nasse in die Knochen presst, denke ich an den Berliner Sommer mit einer euphorischen Melancholie zurück. Zwar fiel dieser 2017 ungewöhnlich nass aus, nichtsdestotrotz habe ich aber einige wunderbare Abende auf meinem Balkon in Berlin verbracht und verträumt in den Himmel geblickt. Die warme Abendluft, nachdem das Thermometer um 22 Uhr immer noch mehr als 20 Grad anzeigte, die elektronische Musik, die aus meiner Boombox tanzte, und die Zufriedenheit, die die Sonnenstrahlen des Tages auf der Haut zurückließen.

 

Sven

Auf einer Elbfähre der Linie 62. Foto: Sven Wiebeck
Auf einer Hamburger Elbfähre der Linie 62. Foto: Sven Wiebeck

Es ist nah am Klischee, aber für mich ist das Elbufer ein zentraler Ort in meinem Alltag. Nun wohne ich auch nur wenige Schritte vom Hamburger Hafen entfernt und die Wege führen mich dort zwangsläufig immer wieder entlang, doch daneben suche ich sie mir bewusst – abends, am Wochenende, morgens vor der Arbeit. Und es müssen nicht immer die abgelegen, idyllischen, einsamen sein. Selbst wenn am Sonntagnachmittag ganze Menschenscharen zwischen Teufelsbrück und den Landungsbrücken umherwandern, findet sich irgendwo ein Platz zum Runterkommen. Oder, um Gisbert zu Knyphausen zu zitieren, es geht „mit der Linie 62 nach Finkenwerder und zurück (und weiter und immer weiter)“. Ob gemeinsam oder allein.

Die Basilica di Santo Spirito in Foto vom Foto vom Foto – die Basilica di Santo Spirito in Florenz. Foto: Sven Wiebeck
Foto vom Foto vom Foto – entstanden während eines Künstlerfestes: die Basilica di Santo Spirito in Florenz. Foto: Sven Wiebeck

Es gibt viele besondere Orte, an die ich gerne wieder zurückkehre oder zurückkehren würde. Mit einem verbinde ich jedoch eine außergewöhnliche Sehnsucht: mit der Piazza Santo Spirito in Florenz. Als ich 2009 für einige Wochen eine Sprachschule in der Toskana besuchte, verschlug es mich schnell über eine der Arno-Brücken auf die kleine Seite der wunderschönen Renaissance-Stadt, außerhalb des wuseligen Zentrums. Nach Oltrarno, ein alternativ angehauchtes Viertel der einfachen Leute, Studenten und Künstler. Dieser Platz hatte es mir sofort angetan und obwohl ich auf der anderen Seite von Florenz wohnte, zog es mich immer wieder dorthin. In mir keimte die Idee auf, irgendwann mal für längere Zeit in einem der schmalen Häuser in den engen Gassen zu wohnen. Bis jetzt habe ich das noch nicht getan. Aber eine Freundin von mir, als sie in Florenz studierte. Damals kannten wir uns noch nicht. Umso absurder erschien es mir, als wir uns später gegenseitig von diesem charmanten Ort vorschwärmten und feststellten, dass wir auf den gleichen Stufen vor der Basilica di Santo Spirito gesessen, unser Bier aus diesem einen kleinen Laden um die Ecke getrunken und die belegten Brote von derselben Paninoteca gegessen haben. Ich freue mich, diese Erinnerungen mit ihr teilen zu können.

Eine kleine Seebrücke am Strand von Malmö. Foto: Sven Wiebeck
Blick von einer kleinen Seebrücke am Strand von Malmö. Foto: Sven Wiebeck

Aber welcher Ort hat es mir 2017 am meisten angetan? War es eine mir bis dato unbekannte malerische Bucht auf Mallorca? Seit drei Jahren bin ich aus privaten Gründen immer wieder auf der überlaufenen Balearen-Insel. Nein, es war eine kleine Seebrücke am Strand von Malmö. In unregelmäßigen Abständen muss ich mir eine ordentliche nordische Brise um die Ohren wehen lassen, in der Hoffnung, dass sie mir möglichst viel gedanklichen Müll aus dem Hirn pustet. Im Oktober war es an der Zeit. Stundenlang lief ich die südschwedische Ostseeküste entlang und begegnete dabei möglichst wenigen Menschen. Vermutlich hätte es niemand mitbekommen, wenn der Wind tatsächlich stark genug gewesen wäre, um mich von einer der mitunter etwas maroden Holzkonstruktionen zu wehen. Versucht hat er es jedenfalls. Und mir so einen der reinsten Momente des vergangenen Jahres bereitet: bereits ein wenig angefroren, auf einer Bank sitzend, nur das Rauschen des Øresunds und das Kreischen der Möwen in den Ohren. In einer Lautstärke, die sogar die inneren Zwiegespräche übertönte. Durchatmen!

 

Nina

Kuchelmiß. Foto: Nina Behrendt

Es gibt Orte, die ich nicht unbesucht lasse, wenn ich in meiner Heimat bin. Ich freue mich wochenlang darauf, zu sehen, ob auch jeder Stein und Baum noch da steht, wo ich sie das letzte Mal gesehen habe, spaziere eingetretenen Pfade ab und wundere mich, wie schnell Zeit vergeht. Dass ich nun ganz anders bin, aber mein Wald noch der gleiche ist. Die Bäume sind vielleicht ein paar Zentimeter gewachsen, die alte Brücke vielleicht etwas mehr zerfallen, sodass ich große Schritte über die rutschigen Holzplanken nehmen muss, um nicht in den Fluss zu fallen. Beim 100-Seelendorf in der Mecklenburger Seenplatte steht eine Wassermühle, ein Wasserturm, dahinter beginnt Moor, sumpfiger Wald – und je weiter man hineinspaziert desto lauter wird das Wasserrauschen. Ein breiter Fluss zieht seine Kurven. Es gibt eine klitzekleine Insel, auf der zwei rostige Stühle stehen. An einer Lichtung hat sich jemand aus Ästen einen passablen Unterschlupf gebaut, der schon zwei Jahre unbeirrt dasteht. Das Großstadtleben lässt mich manchmal vergessen, dass es Tugenden wie Beständigkeit und Loyalität noch gibt. Hier habe ich keinen Zweifel daran.

 

Julia

Neujahrsnebel am Schlabbornsee, Brandenburg. Foto: Julia Tautz

Der Neujahrstag nebelt uns ein, mit dichten Schwaden, die leise und heimlich den brandenburgischen See und den gesamten Wald einnehmen. Das alte Jahr wird eingetaucht, gewaschen, ausgewrungen und in der kalten, eisigen Luft getrocknet, um fünf Tage später in weißem pulvrigem Schnee vom Himmel zu fallen. Die Luft ist kalt und klar, kleine Atemwölkchen verdunsten im Nichts. Wir stehen auf dem Steg und sehen nicht, wo er endet. Keine Konturen, keine Zeichnung, nur absolute Stille und eine Gleichförmigkeit, die uns eint und uns die Nähe des Abgrunds nicht bewusst werden lässt. Kein Ticken der Uhr, kein Rieseln im Glas, nur die Stille des Nebels. Die Zeit ist festgefroren am Tau des Grases. Die Sonne ist fort, der Rauch des Feuerwerks wurde aufgeschluckt und die Welt unter dem Nebel bedeckt, heilend.

Sonnenaufgang in der Bucht von Kotor, Montenegro. Foto: Julia Tautz

Die Kiesel unter meinen Füßen tun weh, aber für diesen Anblick würde man noch Schlimmeres in Kauf nehmen. Das Wasser ist türkis und unergründlich, die Berge und die Stadt spiegeln sich auf der glatten Oberfläche, vereinzelt schwanken kleine Tretboote am Ufer des sechs Meter breiten Strandes, Eigentum des Hostels. Wir trinken Bier. Wir sind unbeholfen und vertraut zugleich, und irgendwann, als die Sterne längst funkeln, sagt Karen: „Wir klauen das Tretboot!“ Auf glatter See: Musik, Raki, gute Begleitung und eine Spiegelstadt auf dem Wasser, die Reflexion des antiken Burgwegs, ein Ring aus Licht, das Salzwasser, überall um uns herum, das Lachen schallt über, nach außen greifende Wasserringe, vom Tretboot, wir strampeln, ich blinzel’ und blicke in den Himmel, wo vereinzelt graue Wolken vorbeiziehen und natürlich, die Sterne, und alles stimmt – aber auch mich traurig, bodenlos wie der Fjord. Es bleibt nichts als die Erinnerung an den Moment und den Ort. Der Morgen graut und wir warten, bis die Sonne endlich die Berge erklommen hat und ins Tal scheinen kann. Alles ist in Blassrosa getaucht und unwirklich. Ich frage Patrick, wieso eigentlich, warum wird man traurig, wenn der Anblick so schön ist und er hat keine Antwort und wartet auf den richtigen Augenblick, um ein Foto zu machen. Aus: Eine Reise durch den Balkan, Julia Tautz, 2014 (Bachelor-Arbeit)

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