Verschmelzung in fünf Akten | Ein Abend mit den Neuen Meistern

Es ist nun mittlerweile der sechste Abend, an dem das Berlin Classics (Edel AG) Sublabel „Neue Meister“ zur kollektiven Verschmelzung klassischer-, Pop- und elektronischer Musik aufruft. Seit Februar 2016 lockt das Label international renommierte Künstler in das DRIVE Volkswagen Group Forum in Berlin, um sich über Genregrenzen hinweg zeitgenössischer klassischer, aber auch experimenteller Musik hinzugeben. 

Verschmelzung erster Akt: Dieser Abend beginnt – sehr klassisch – mit dem neuseeländischen Komponisten John Metcalfe und Sängerin Rosie Doonan. Vorsichtig wird sich mit Klavier, den Streichern des Deutschen Kammerorchesters Berlin sowie der leisen, aber kräftigen Stimme Doonans herangetastet. Klassik wird hier später gemischt mit einer James-Bond-angehauchten Popeinlage, die durchaus gewöhnungsbedürftig ist. 

Das Deutsche Kammerorchester Berlin (Foto: Janine Freudenberg)

Verschmelzung zweiter Akt: Oriol Cruixent wagt sich mit seinem Piano zum ersten Mal an dem Abend ein Stück in Richtung Grenze. Ein zaghaftes Dröhnen – die Boxen leicht übersteuert – läutet ein, um was es eigentlich gehen soll: darum, dass Schubladendenken hier nicht wichtig ist und der Klang im Raum entscheidend, unabhängig davon, aus welcher Schule dieser stammt. 

Sven Helbig dröhnt zu „Tres Momentos“ entscheidend, unabhängig davon, aus welcher Schule dieser stammt. (Foto: Janine Freudenberg)

Verschmelzung dritter Akt: Mit Sven Helbig wird dann die viel besprochene Grenze zum ersten Mal überschritten. “Tres Momentos” beginnt mit einem dumpfen, immer schneller werdenden Beat und einem lauter werdenden, bedrohlichen Grollen. Nach einigen Minuten lässt das Kammerorchester seine Instrumente verstummen, die Drone-Wand hat nun den Saal übernommen und gewittert zusammen mit chaotischen Visuals auf das Publikum ein. Es ist allein schon ein Erlebnis, in die verwirrten Gesichter zu blicken und zu erkennen, dass ein klassisch gestimmtes Gehör sich hier erst einmal anpassen muss.

Verschmelzung vierter und fünfter Akt/Finale: Das angekündigte Highlight kommt nach der Pause. Zuerst mit dem Projekt ÜberBach, angeleitet vom Komponisten Arash Safaian, dem Pianisten Sebastian Knauer und dem Vibraphonisten Pascal Schumacher. Ein heiteres und mit dem Klassik-Echo 2017 ausgezeichnetes Gemisch aus Klavier, Vibraphon und den Streichern, welches ein Vorspiel vor der Symbiose gibt: als Hendrik Weber alias Pantha Du Prince im Rahmen seines Projektes Mondholz auf die Bühne tritt und mit seinem Mischpult plötzlich die Regie übernimmt und aus dem letzten Geigenstrich einen völlig harmonischen, ins Mark gehenden Takt erzeugt. Dann ist die Verschmelzung von Klassik und Elektro vollständig.

Pantha Du Prince mit seinem Projekt „Mondholz“ (Foto: Janine Freudenberg)

Der Abend spricht ein Thema an, welches zwar nicht neu ist, aber gerade wieder aktuell geworden: die Öffnung klassischer Musik hin zu einem breiteren Publikum. Das Herauslocken eines ganzen Stils aus seinem Elfenbeinturm der Musik. Dass sich vor allem Klassik neuer Beliebtheit innerhalb eines jüngeren Publikums erfreut, ist nicht zuletzt Künstlern wie Nils Frahm, Max Richter oder Hauschka zu verdanken, die den Zugang zu einer neuen Generation von Musikliebhabern gefunden haben, die sonst den Gang zum klassischen Konzertsaal eher meidet.

 

Im Vorfeld des Abends der Neuen Meister treffe ich den musikalischen Grenzgänger Sven Helbig, der mit der Perspektive beider Seiten über dieses Thema sprechen kann.

Heute Abend ist das mittlerweile sechste Konzert der Neuen Meister. Mich interessiert erst einmal, was ich heute Abend von Dir zu hören bekomme.

Sven Helbig: Ich hab ein neues Stück geschrieben für Orchester und Elektronik. Das besteht aus drei Teilen und ist in der Form noch nie gespielt worden, es ist also eine Premiere. “Tres Momentos”, so heißt es, ist eigentlich ein Stück für Streichquartett. Als Streichquartett wurde es auch schon aufgenommen und aufgeführt. Aber in der Version mit Elektronik und mit großem Streichorchester noch nicht.

Gibt es eine persönliche Mission für Dich, wenn Du an einem Abend wie heute auftrittst?

SH: Ich missioniere generell nicht, wenn ich Musik mache oder wenn ich Musik komponiere. Ich bemühe mich um wichtige Gedanken und um wichtige Kommunikation, auch als Mensch im alltäglichen Leben, und benutze die Musik höchstens, um in Kontakt zu treten mit anderen Menschen. Musik kann man zum Anlass nehmen, über Dinge zu sprechen, die wichtig sind, viel wichtiger als Musik. Sie versetzt mich in die Lage, überhaupt an andere Orte zu gehen und zu kommunizieren. Die Musik ist ein fantastisches Privileg. In einer Welt, die existiert, in der man Luft zum Atmen hat, Wasser zum Trinken, irgendwas zu Essen, was nicht vergiftet ist, wo sich nicht die Leute die Köpfe einschlagen. Und das Privileg ist in großer Gefahr. Wenn wir über Musik reden, reden wir über ein kleines, wunderschönes und dekoratives Element innerhalb einer viel wichtigeren Sache. Aus dem Grund mach ich mich nicht selbst zum Gegenstand der Kunst und missioniere auch nicht mit der Kunst, weil man das gar nicht miteinander mischen kann, die kleine Dekoration und den großen Zusammenhang.

Neue Meister ist nicht nur das Label, sondern auch die damit verbundene Konzertreihe, in der versucht wird, die Verbindung zwischen Elektro und Klassik herzustellen. Es scheint gerade modern zu sein, klassische Musik zu machen, man sieht es an Künstlern wie Nils Frahm oder Max Richter. Warum ist das gerade so erfolgreich?

SH: Es ist eine überfällige Entwicklung, die mit einer neuen Generation kommt, die diese kulturelle Prägung der alten Aufführungspraxis von klassischer Musik nicht mehr haben. Eine neue Generation von Musikern, die beim Orchester nicht mehr erinnert wird an das staubige, stickige Wohnzimmer ihrer Eltern. Die das einfach als Instrument sehen, völlig frei von der Konnotation in irgendeine Richtung. Da geht es auch gar nicht mehr darum, Brücken zu bauen und Dinge zu verbinden, die gar nicht zusammengehören. Sondern es ist eben der eine Farbton, der dann eingesetzt wird im Spektrum. Es ist eine natürliche Entwicklung, die auch ganz klar momentan vorangetrieben wird von Musikern Ende 20, Anfang 30. Neue Meister bilden einen schönen Hafen, wo man als jemand, der ein Teil dieser Entwicklung ist, vor Anker gehen kann. Vielleicht wirkt es der sozialen und kulturellen Verinselungen entgegen, die wir in unserer Gesellschaft beobachten. Es entstehen große Abstände zwischen kulturellen und sozialen Kreisen, was nicht gut ist für eine Gesellschaft. Wenn plötzlich das Opernhaus nur noch zu einem Statussymbol wird und das Orchester nicht mehr die Menge der Menschen erreicht mit dem tiefen, kulturellen Fundus, der da drinsteckt. Vom Instrumentenbau angefangen. Wie viele Jahrhunderte Erfahrung und Entwicklung da drinstecken, um ein Streichorchester auf die Bühne zu stellen. Was das heißt, das Holz zu behandeln, die Bögen, die Haare, der Notendruck, das Papier. Es werden immer weniger Leute, die Orchestermusik hören. Da entgegen zu wirken und rauszugehen, aus den Orchestergräben und den Opernhäusern und den Konzertsälen, warum nicht auch hier, im DRIVE Forum, das zu machen, das finde ich toll an den Neuen Meistern.

Gibt es Deiner Meinung nach Vorbehalte in der klassischen Musik, dass sie dieser Öffnung widerstrebt, weil sie einen Qualitätsverlust befürchtet? Denn vielleicht fühlen sich die Menschen auf ihrem Inselchen eigentlich ganz wohl.

SH: Ich glaube, das hat mit der Tradition dieser Musik und ihrer Ausführung zu tun. Es ist erst mal extrem schwer, eine Geige zu spielen. Niemand nimmt eine Geige in die Hand mit 30 und lernt, sie professionell zu spielen. Du musst deine Kindheit, deine Jugend, dein Erwachsenenalter mit einer absoluten Hingabe und Ausschließlichkeit an das Instrument verbringen, um überhaupt am Ende so gut zu sein, in einem Orchester spielen zu können. Da lässt man lange keine anderen Einflüsse zu und weiß am Ende auch wenig über die Masse an großartiger Musik jenseits des Orchestergrabens. Der Annäherungsprozess braucht dann viel Zeit. In der Klassik braucht überhaupt alles besonders viel Zeit, auch die Komposition. Es gibt keinen elektronischen Musiker, der vom sechsten Lebensjahr an täglich von früh bis abends an seiner Kiste geschraubt hat. Auch wenn das alles großartige Künstler sind, ich mach ja selbst elektronische Musik. Aber es ist ein riesiger Unterschied. Aus diesen Gründen muss man hier einfach Geduld und Verständnis haben. Die Öffnung vollzieht sich, da bin ich sicher.

Du hast sehr viele verschiedene Sachen gemacht. Klassische Musik, Hip-Hop, Elektro, Ambient, Drone. Gibt es ein verbindendes Element, welches du vorantreibst?

SH: In erster Linie berührt mich Musik oder sie berührt mich nicht. Da ist das Genre gar nicht so entscheidend. Es gibt eine bestimmte Textur, einen bestimmten Inhalt und die Energie darin, die Emotionalität, die mich berührt. Ich resoniere mit dem, was ich gerade erlebe und was mir gerade durch den Kopf geht. Ich suche da nicht nach neuen Kombinationen. Natürlich höre ich viel verschiedene Musik. Ich habe eine wöchentliche Sendung auf Radio Eins, wo ich Ambient, Drone, ganz klassische Musik auch in allen Mischformen spiele. Wenn ich eine Sendung vorbereite, merke ich, dass ich gar nicht mehr unterscheide zwischen der elektronischen Musik oder … was hab ich letztens gespielt … Brahms, dritte Sinfonie, dritter Satz. Ich sehe da nur die Ähnlichkeit, weil der Mensch dahinter, der das geschaffen hat, hat mit den gleichen Ängsten, Sehnsüchten gearbeitet und das nur mit anderen Instrumenten formuliert.

Dein aktuelles Album „I Eat The Sun And Drink The Rain“ ist ja nun seit einem Jahr und zwei Monaten draußen. Wie zufrieden bist du im Nachhinein damit?

SH: Ich hatte eine fantastische Tour. Das ganze Jahr war ich in vielen Ländern unterwegs. Ich konnte mit vielen Chören spielen. Ich bin vielleicht nicht zufrieden, aber ich bin überzeugt, dass es der richtige Schritt war. Es gab ja jetzt nicht nur “Hurra”, als ich gesagt habe, ich veröffentliche jetzt ein Chor-Album. Aber im Nachhinein hat sich das als schön und richtig herausgestellt. Die Unmittelbarkeit des Chorgesanges hat die Hörer und das Livepublikum fasziniert. Wir haben viel vor Leuten gespielt, die nie in einem Chorkonzert waren. Die Rückmeldungen nach den Konzerten waren überwältigend. In der Verbindung mit der Elektronik war das außergewöhnlich.

Das Album ist nur ein Element des Ganzen gewesen. Auf Tour gab es dann noch weitere. Das Bühnenbild. Die Leute. Die Kostüme. Visuals. Das heißt, es war eher das Gesamtkonzept, das hinter dem Album steckte – denn das sieht man ja nicht, wenn man sich nur das Album anhört.

SH: Das stimmt. Das ist ein großes Drama eines Spotify-Kanals. Denn wenn man die CD oder die Vinylplatte kauft, bekommt man wenigstens die Visuals und die Texte im Booklet dazu und ist fast da, fast in der Inszenierung. Aber wenn man durch den dünnen Haarkanal des Internets einfach nur die Klänge hört, da weiß ich gar nicht, wie weit man damit kommt.

Das heißt, das war schon immer als Gesamtkonzept vorgesehen und nicht als das eine Element, das Album?

SH: Es war immer eine Inszenierung mit Visuals und Kostümen geplant. Am Ende hatten wir auch eine Choreografie für den Chor, um aus dem statischen Chorkonzert herauszukommen. Das Album ist eher eine Ankündigung der kommenden Tour. Es funktioniert natürlich auch für sich, aber tiefer in den Inhalt des Zyklus gelangt man in den Konzerten.

Vielen Dank für das Interview. Vielen Dank an die Neuen Meister für den gelungenen Grenzgang.

 

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Janine Freudenberg Verfasst von:

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