Biegende Balken und surreale Klangwelten I Nicola Cruz und Kiasmos in Berlin

Von Julia Tautz und Janine Freudenberg

Musikalisch könnten Lateinamerika und Island wohl nicht weiter auseinanderliegen. Panflöten treffen auf minimalistische Klavierklänge – kann das gut gehen? Ja, kann es. Dies zeigte das Konzert Ende Oktober im Huxley’s Neue Welt in Berlin mit Nicola Cruz und Kiasmos, organisiert im Rahmen des Scope Festivals, das sich vom 18. bis 30. Oktober ganz dem skandinavischem Jazz widmete. Und tatsächlich scheint es, als ließen sich unter dem Dach der elektronischen Musik viele gegensätzliche Musikrichtungen vereinen.

Nun also ein elektronisches Konzert im Huxley’s am Hermannplatz. Zuvor waren wir schon ziemlich skeptisch, denn die Location hatten wir beide von vergangenen, eher gitarrenlastigen Abenden mit einem mittelmäßigen Sound im Gedächtnis. Zum Glück zeigte sich im Laufe des Konzertes, dass diese Sorge unbegründet war. Wobei sich uns bei den Wörter „elektronisches Konzert“ stets ein befremdliches Gefühl einschleicht – ist dies nicht ein Oxymoron an sich? Ist die Zeit der großen Konzertshows mit Gitarre, Schlagzeug und Bass vorbei? Beherrschen nun DJ-Pulte die Welt der Liveshows?

Den Anfang machte der Ecuadorianer Nicola Cruz, der, nach dem Füllstand des Huxley’s zu urteilen, in den informierten Kreisen schon lange kein Geheimtipp mehr ist. Einen Hinweis darauf gab auch sein seit einiger Zeit ausverkaufter Soloauftritt in der Berghain-Kantine ein paar Tage später. Mit „Prender el Alma“ legte Cruz 2015 ein ziemlich steiles Debut hin, gefolgt von seiner neuesten Veröffentlichung, der EP „Cantos de Vision“. Seine eklektische, zwischen Tradition und Moderne verwurzelte Musik ist minimalistisch und mitreißend – wie auch an diesem Abend.

Man erlebt es selten, dass schon bei dem Support-Act das Publikum, eine Einheit aus gefühlt allen südamerikanischen Berlin-Bewohnern, lasziv mit Hüften und Armen schwingt, als wenn es halb drei Uhr nachts im Sisyphos ist. Bei Nicola Cruz kann man aber auch nicht anders. So schüchtern und zurückhaltend er auf der Bühne herumfrickelt, so ausschweifend und extrovertiert ging es im Saal zu. Was teilweise auch etwas beängstigend war, denn wer das Huxley’s kennt, weiß, dass die Dielen sich gut und gern mal unter der Masse an Zuschauern auf und ab bewegen.

Nicola Cruz – bei den tropischen Klängen verschwimmt glatt das Foto. (Foto: Janine Freudenberg)

Nachdem Nicola Cruz mit seinem verspielten Sound eine gute Vorlage geboten hat, eröffnete sich nun die Bühne für den Act, auf den die meisten im Saal bereits sehnsüchtig gewartet haben: Das isländische Experimental-Duo Kiasmos, bestehend aus Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen.

Dass die beiden Komponisten sind, war nicht zu überhören. Wie ein Klangteppich, der sich langsam verdichtete, breiteten sich die elektronischen Sounds aus und schraubten sich langsam, aber zielgenau in die Höhe. Der rhythmische Takt des Technos und die minimalistischen Klavierklänge fusionierten zu einem ambivalenten Gleichgewicht zwischen brutal und zart, melodisch und monoton, melancholisch und belebend. Musik wie Architektur, jeder Klang, jeder Ton bewusst gesetzt, um nach und nach ein ganzes Gebäude musikalischer Nuancen mit feinstem Dekor und dem besonderen Blick für das Detail zu schaffen. Begleitet wurde dies von gleichwertig surrealen Lichtinstallationen und -effekten, die beispielsweise einen verästelten, Wurzeln schlagenden Baum zeigten, der endlose Kreise drehte.

Der atmosphärische Aufbau mit einem subversiven Spannungsmoment in Ton und Licht erinnerte zeitweise an die Progrocker Mogwai, die ähnlich verträumt und wohlkomponiert den Zuhörer auf eine Reise mitnehmen. Mag es an der brachialen und imposanten Landschaft liegen, die sowohl Schottland als auch Island beherbergen, dass musikalische Vertreter des Nordens oft verwunschene und fremde Welten kreieren?

Kiasmos – eine Einheit aus Klang und Bild. (Foto: Janine Freudenberg)

Obwohl Nicola Cruz und Kiasmos sich beide dem Genre der elektronischen Musik verschrieben haben, könnte der Gegensatz innerhalb diesem nicht stärker sein: Zwischen beiden Acts lag ein glatter musikalischer Bruch. Dennoch – oder gerade deswegen – war der Abend ein Erlebnis. Denn so wie bei Rockkonzerten Gitarrensaiten gezupft werden, können ebenfalls auf kreative Art und Weise Knöpfe gedreht werden. Wir gingen hinaus mit dem Gefühl, an einem besonderen musikalischen Ereignis teilgenommen zu haben. Und dieses Gefühl kann kaum ein anderes Format als ein Live-Konzert vermitteln.

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