Sieben Sätze | Kummer über Bochum

„Die Heimaten der Mitglieder von Kummer liegen ursprünglich in verschiedenen Städten in Nordrhein-Westfalen und Bayern, kennengelernt haben wir uns jedoch in Bochum und Herne, wo das Studio unseres Labels ansässig ist.

Bochum würden wir als die gemeinsame Bandheimat bezeichnen, auch wenn wir ein gespaltenes Verhältnis zu diesem „deutschen Detroit“ haben, in dem durch Werksschließungen jegliche Arbeiterromantik verloren gegangen ist, und das auf ewig mit einem Grönemeyer-Stadionrefrain und einer angeblichen Suizid-Uni assoziiert werden wird.

Bochum kann heute künstlerisch nur durch stereotype Kneipennostalgie und bittere Euphemismen verblendet werden, wie das Frank Goosen in seinen Romanen vorführt, und sollte von der Unesco als das Weltkulturerbe geschützt werden, an dem man beobachten kann, dass Kohle, Karawanenkapitalismus und Strukturwandel nicht schön, sondern nur scheiße sind.

Selbst die Gentrifizierung macht um Bochum einen Bogen, darüber können auch Szeneeisdielen, Vegankuchencafés und Sneakerstores nicht hinwegtäuschen.

Diese Stadt ist jedoch ein idealer Ort, um sich musikalisch nach etwas anderem zu sehnen, das nicht so grau, verregnet und hoffnungslos wie sie selbst ist.

Auf einem Soundtrack für Bochum müssten auf jeden Fall die Stücke ‚Bleiben oder Gehen‘ von Jochen Distelmeyer und ‚Verlass die Stadt‘ von Gustav zu hören sein: ‚Bevor die Glut in dir erlischt, verlass die Stadt, die keine ist.‘

Würden wir selbst einen Song über Bochum schreiben, dann würden wir darin schildern, wie die Stadt durch ein verheerendes Erdbeben komplett zerstört und dann im Stile von Lissabon oder Rio de Janeiro neu errichtet wird.“


Zugegeben, das klingt alles ziemlich abgefuckt und auch der Bandname sprüht nicht gerade vor Lebensfreude. Wobei Kummer ja immer etwas Sehnsuchtsvolles innewohnt. Wie den fünf Songs auf „Someone Like Me“, der ersten EP des Kollektivs aus Musikern, Schauspielern und Autoren, das im Rahmen des Instituts für Zeitgenossenschaft zusammengefunden hat.

Die Musik von Samira El Ouassil, Danja Mathari, Tilman Ezra Mühlenberg und Martin Martin Schlesinger oszilliert zwischen Melancholie und Hoffnung, zwischen dem scheppernden Italowestern-Folk des Titeltracks und dem lässigem Dreampop eines „Atlantic City“, einem Abgesang auf das marode Glücksspielerparadies an der amerikanischen Ostküste. Die laszive Up-Tempo-Nummer „Drink Kiss Fuck“ steht den getragenen, mitunter gefälligen Popsongs „Cinema“ und „Sadness Suits You“ gegenüber. Markant ist das wiederkehrende Zusammenspiel weiblicher und männlicher Stimmen.

Kurzum, „Someone Like Me“ ist eine überaus interessante Debüt-EP. Und jetzt kommt’s: Wir verlosen zwei CDs des kinematographischen Roadtrips. Wer eine haben will, muss uns bis zum 3. November eine E-Mail mit dem Betreff „Kummerkasten“ und seinem*ihrem Namen an redaktion@lesflaneurs.de schreiben. Die Gewinner*innen werden schriftlich benachrichtigt. Aber bitte nicht traurig sein, sollte es nicht klappen. Sondern trinken, küssen, ficken.

Share Button
Sven Wiebeck Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.