Zwischen Kiez und Elbphilharmonie | So war das Reeperbahn Festival 2017

Zwischen Alt und Neu, Laut und Leise, Fahr-zur-Hölle und Himmlisch-schön: Das Hamburger Reeperbahn Festival 2017 war ein besonderes. So war etwa erstmals die Elbphilharmonie Spielstätte des bunten Indie-Kiezfestes auf St. Pauli. Michael und Sven haben sich wieder ins Getümmel gewagt. Sven musste dafür als Anwohner quasi nur die Straße herunterlaufen. Zwei Musikliebhaber über das coolste Clubfestival des Landes und seine dennoch vorhandenen Tücken.

Kat Frankie im Mojo Club. Foto: Michael Schock
Kat Frankie im Mojo Club. Foto: Michael Schock

Spannendste Entdeckung:

Michael: Irgendwas muss mir beim Reinhören gefallen haben, aber wir stolperten direkt am Mittwoch eher ahnungslos in die Prinzenbar zu Ätna. Anfangs verwirrte mich das Duo aus Sängerin/Keyboarderin Inéz und Drummer Demian noch, drei Songs später war ich Fan und vollends im Bann. Die Mischung aus elektronischem Indiepop, Jazz-artigen Rhythmuswechseln und nahöstlich anmutenden Einflüssen ist wild, energetisch und dramatisch – und kommt auf den bisher nur fünf erhätlichen Studioaufnahmen gerade mal ein Drittel so genial rüber wie live.

Ziemlich unter Zeitdruck: Grand Analog aus Toronto auf dem Spielbudenplatz. (Copyright: Sven Wiebeck)
Unter Zeitdruck: Grand Analog aus Toronto auf dem Spielbudenplatz. Foto: Sven Wiebeck

Sven: Grand Analog. Gut aufgelegter, soundkollektiver HipHop aus Kanada, von dem ich nichts erwartet hatte, jetzt aber unbedingt live mehr hören möchte als nur 20 Minuten.

Schönste Wiederentdeckung:

Michael: Loney Dear in der St. Pauli Kirche kam der Epiphanie eines lang Vergessenen gleich. Schon vor rund sechs Jahren mochte ich den Knust-Auftritt des Schweden Emil Svanängen, der mit seiner Loopstation das gängige Singer/Songwriterding auf- und durchbricht. Nun hatte er Stücke seines neuen Albums im Gepäck, darunter „Hulls“, das seither meine Hymne des Herbstes wird. So traumhaft schön, ich hätte fast geflennt.

Sven: King Creosote. Von wegen Singer/Songwriter müssen immer tiefsinnig, schweigsam und latent suizidgefährdet sein. In der „Der Fluch des Pharao“-Kulisse des Imperial Theaters gab sich der Schotte zwischen seinen Akustiksongs äußerst kommunikativ, witzig und selbstironisch.

Größte Enttäuschung:

Charlie Cunningham in der St. Michaeliskirche. Foto: Michael Schock
Charlie Cunningham in der St. Michaeliskirche. Foto: Michael Schock

Michael: Ab Freitag wurde es wie immer voll überall, zu voll. Das hat auch meinen Eindruck von Fink in der Großen Freiheit 36 getrübt. Wir fanden nur ganz hinten am Soundboard im brütend feucht-heißen Club Platz. Auch das neue Album des britischen Songwriters Fin Greenall konnte mich in seiner extrem monotonen Gangart nicht überzeugen. Sein Set wirkte ermüdend repetitiv, seine Stimme ging im matschigen Mix unter.

Sven: Liam Gallaghers Band. Sich „Rock ’n‘ Roll“ an die Orgel tackern, aber dann auf der Bühne stehen wie ein paar gelangweilte Schuhverkäufer. Da haben ja Nickelback mehr Charisma.

Liebste Location:

Michael: In der Prinzenbar mache ich fast jedes Jahr die besten Entdeckungen. In der St. Pauli Kirche kann ich den Kiezstress immer vollends abstreifen. Und der Mojo Club mausert sich trotz seines unfreundlichen Einlasspersonals immer mehr zum weiteren Muss jedes Jahres.

Sven: Die St. Pauli Kirche. Wenn schon Kirchensteuern zahlen, dann doch für diese Atmosphäre und dieses Klangbild. Und das Molotow. Versteht sich von selbst.

Owen Pallett & Stargaze live in der Elbphilharmonie. Foto: Michael Schock
Owen Pallett & Stargaze live in der Elbphilharmonie. Foto: Michael Schock

Denkwürdigste Momente:

Michael: Über das Konzert des von mir innig geliebten Kanadiers Owen Pallett in der Elbphilharmonie könnte ich eigens einen langen Artikel schreiben. Auf das Wichtigste heruntergekocht: Er hat nicht einfach seine auf Platte sowieso schon orchestral arrangierten Stücke vom mitgebrachten Stargaze-Ensemble nachspielen lassen. Er hat sie zerlegt und komplett neu arrangiert, wie das kaum mehr wiederzuerkennende Eröffnungsstück „The Riverbed“. Den Klang des Saales schöpfte er vollends aus, spielte auch viel neues Material. Aber ganz ehrlich: Gut, dass er es sich nicht nehmen ließ, auch wieder einige Songs alleine mit seiner Geige und Loopstation zu spielen. Das waren für mich dennoch die besten Momente.

Sven: Nadine Shah. Sie sah schicker aus, als auf den Promo-Fotos zu ihrem neuen Album „Holiday Destination“, das ich jedem unbedingt empfehle. Vielleicht lag es an der Location? Als sie auf der Bühne des Mojo Clubs zu singen begann, erinnerte mich die Britin mit den politischen Texten an eine wütende Shirley Bassey, gepusht von einer großartigen Band. Und ein paar Mexicanern, die sie vor dem Konzert hatte. „Der wird mein neuer Lieblingsdrink: Bloody Mary als Shot, super! Ihr könnt mir gerne welche auf die Bühne stellen.“ Shah fühlt ihre Songs, man glaubt ihr, dass sie die Geschichte einer syrischen Mutter mit jeder Faser ihres Körpers lebt. „Mein Vater ist Pakistani, meine Mutter aus Norwegen, geboren wurde ich in England. Ich bin eine britische Muslimin – und keine Terroristin!“

Wenn das erste Konzert des Abends nicht mehr zu toppen ist: Nadine Shah im Mojo Club. (Copyright: Sven Wiebeck)
Wenn das erste Konzert des Abends nicht mehr zu toppen ist: Nadine Shah im Mojo Club. Foto: Sven Wiebeck

Nötigste Verbesserung:

Michael: Ich bin trotz all der Liebe und tollen Momente auch echt sauer auf die Organisatoren. Ich freute mich seit Wochen auf den Auftritt Jacob Bellens, der mit „Untouchable“ wohl das mir wichtigste Lied des letzten Jahres komponiert hat. Und was war? Man steckte ihn ins Foyer des winzigen, überlaufenen St. Pauli Museums, wo vielleicht gerade mal 25 Leute direkt vor die „Bühne“ (einen kleinen Kasten mit Vorhang) passten, der Rest sich laut labernd im stickigen Saal verteilte. Man merkte, dass das dem sonst mit ganzer Band vollendeten Pop spielenden Dänen keinen Spaß machte, und uns auch nicht. Ich verließ das Museum, um in dieser katastrophalen Akustik und Atmosphäre nicht mein Lieblingslied hören zu müssen. Bitte, liebes Reeperbahn-Festivalteam, legt in Zukunft mehr Wert auf Klasse statt Masse. Locations wie das St. Pauli Museum sind nicht für Konzerte geeignet. Schickt die Bands doch anstatt dessen schon früher am Tag in die „richtigen“ Clubs und Theater.

Sven: Genau das. Und ich frage mich: Braucht es die Elbphilharmonie wirklich als Spielstätte im Rahmen eines Indie-Clubfestivals? Über die unablässig steigende Anzahl der ignorant-nervigen Laberköppe versuche ich mich inzwischen nicht mehr aufzuregen. Allerdings mit mäßigem Erfolg.

Fazit:

Michael: Ich liebe das Reeperbahn Festival und freue mich jedes Jahr darauf. Ich habe inzwischen auch meine Wege durch die Seitenstraßen gefunden, um mich dem unerträglichen Tourikotzkiez am Freitag und Samstag nur minimal auf dem Weg zu den Clubs stellen zu müssen. Aber ich hoffe, dass es nicht der Jagd nach Superlativen verfällt und einfach immer mehr Künstler buchen wird, sondern sich stärker aufs Auffinden neuer und auch wirklich spannender internationaler Acts konzentriert. Sonst endet es wie ein „Spotify Mix der Woche“: eine Menge unbekannter Namen, von denen man zu 90 Prozent nach dem Durchhören denkt: zu Recht unbekannt.

Loney Dear live in der St. Pauli Kirche. Foto: Michael Schock
Loney Dear live in der St. Pauli Kirche. Foto: Michael Schock

Sven: Mein ganzes Viertel war eine Bühne und ich stand in der ersten Reihe. Eigentlich hätte mich das wahnsinnig machen müssen, schließlich war die Reeperbahn noch voller als ohnehin schon, doch es war anders in diesen Tagen. Es war eine angenehme Fülle. Für eine kurze Zeit holte sich der Rock ’n’ Roll den Kiez von den Ballermann-Touristen zurück. Auch wenn einige Läden die übliche Schlager-Kirmes-Techno-Mische ausspuckten. Scheiß drauf! Auf dem Weg zum Einkaufen machte ich kurz bei der Pizzeria nebenan Halt, auf deren Terrasse die Hamburger Singer/Songwriterin lùisa darüber sang, wie sie jemandem am liebsten in die Fresse hauen würde, weil er nur das Schlechteste in ihr zum Vorschein bringt. Zwei Abende vorher hatten Kettcar ein Guerilla-Konzert vor dem Knust gespielt – umsonst, draußen, befindlichkeitsfixiert.

Meistens störte es mich nicht, wenn ich einige begehrte Acts nicht sehen konnte, denn die musikalische Dichte und Qualität waren so hoch, dass sich oftmals gleich mehrere Alternativen boten. Das vielfältige Überangebot war Fluch und Segen zugleich. Ich bin spontan in noch mehr interessante Konzerte gestolpert als auf manch anderem Festival. Der Spielbudenplatz war bereits mittags rappelvoll. Und so sehr ich den Kiez als Partymeile manchmal hasse, in diesen Momenten liebte ich ihn. Wenn er zum musikalischen Dorf wurde, in dem eine wunderbar entspannte Atmosphäre herrschte.

Brachialer Schlussakkord mit Latexmaske und Oasis-Cover: die US-Indie-Progrocker Portugal. The Man – groß! (Copyright: Sven Wiebeck)
Brachialer Schlussakkord mit Latexmaske und Oasis-Cover: die US-Indie-Progrocker Portugal. The Man – groß! Foto: Sven Wiebeck

 


Titelfoto: Sven Wiebeck

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