Mutlos in Lissabon | Ein Interview mit Will Samson

Will Samson ist ziemlich viel unterwegs. Derzeit ist der 29-Jährige aus Oxford auf Europatournee und kommt im Oktober auch für sechs Gigs nach Deutschland, um die Songs seines neuen Albums live zu spielen. „Welcome Oxygen“ ist am 8. September erschienen. Er war so lieb, uns ein paar Fragen zu beantworten. Außerdem verlosen wir einmal zwei Tickets für seine Show am 11. Oktober im Berliner Monarch. Aber dazu später mehr.

Will, du bist Engländer, lebst aber in Brüssel. Was macht die belgische Metropole so lebenswert für dich?
Das Leben dort bietet eine gute Balance vieler Dinge. Die Stadt ist nicht zu groß und auch nicht zu klein. In Brüssel gibt es eine Vielfalt an Nationalitäten und ich steche somit nicht als Ausländer heraus. Auch zum Touren ist es ein idealer Ausgangspunkt, da es an Frankreich, Holland und Deutschland grenzt. Es macht einen großen Unterschied im Vergleich zum Leben auf der britischen Insel.

Brüssel ist ein kultureller Schmelztiegel. Fördert die Stadt dadurch auch besonders deinen kreativen Output?
Ich habe seit meiner Ankunft in Brüssel noch nicht so viel neue Musik geschrieben, aber ich bin sehr von meiner Umgebung inspiriert. Ich glaube nicht, dass der Multikulturalismus der Stadt einen direkten Einfluss auf meine Kreativität hat, aber die Zeit wird es zeigen.

Siehst du deine Musik in der Tradition der Singer/Songwriter?
Ganz und gar nicht. Ich mag eigentlich den Begriff „Singer/Songwriter“ nicht und habe mich lange Zeit vor der Aufnahme eines solchen Albums gedrückt, da ich wusste, dass ich gleich dieses Etikett verpasst bekommen würde. Ein großer Teil meiner Musik ist instrumental oder fokussiert auf Elektronik und Soundscapes, daher fühle ich keine Verbindung zu dieser Tradition. Ich war sehr froh, dass mich ein paar Musikjournalisten nach meinem letzten Album als „elektronischen Künstler“ bezeichnet haben. Wenn die Musik überhaupt irgendein Etikett haben muss, dann fühlt sich „Elektronik“ viel freier an.

Du bist zum Schreiben der neuen Songs nach Lissabon gereist. Warum nach Portugal?
Ich hatte vor, dort für längere Zeit zu bleiben, aber viele Dinge sind nicht so gelaufen, wie erhofft. Also musste ich nach ein paar Monaten abreisen. Ich hatte die Wohnung eines Freundes, mit der Absicht, sie mit jemandem zu teilen, aber plötzlich blieb ich mit dem ganzen Platz allein. Entmutigt entschied ich mich, die Zeit für etwas Positives zu nutzen und fing an, mein Album zu schreiben.

Welchen Einfluss haben denn deine luso-indischen Wurzeln auf deine Kunst?
Es gibt keinen direkten Einfluss, jedoch findet es sich in meiner Musik auf verschiedene Arten und Weisen wieder. Ich werde oft für einen Spanier oder Portugiesen gehalten, und das sind noch nicht alle Nationalitäten. Das nehme ich an wie ein Spiel und finde es meistens sehr witzig. Jedoch fühle ich mich eigentlich sehr britisch in bestimmten Aspekten meiner Persönlichkeit. Ich liebe die Landschaft, in der ich aufgewachsen bin, aber ich habe nicht mehr das Gefühl, dass die Insel mein Zuhause ist. Sicher, ich verspüre schon ein seltsames Gefühl, keine Heimat oder keine Kultur zu haben, zu der ich ganz gehöre. Alle diese Gefühle haben im kreativen Prozess definitiv eine Rolle gespielt.

Du warst quasi sieben Jahre lang auf Tour. Ist das für dich eine Pflicht oder immer noch ein Vergnügen?
Meistens ein Vergnügen. Fast jede Band oder jeder Künstler macht auf Tour an einem gewissen Punkt die Erfahrung, eine sehr lange Reise auf sich zu nehmen, nur um auf einer schlecht besuchten – und somit schlecht bezahlten – Bühne zu spielen. Es kann ganz schön schwierig sein, danach wieder die nötige Energie in sich zu finden. Andererseits, eine tolle Show zu spielen, an einem schönen Ort, wo man eine Verbindung mit dem Publikum spürt … es gibt keine größere Freude als das!

Genießt du es, ständig neue Orte kennenzulernen? Und schöpfst du daraus Inspiration zum Komponieren?
Gerade bin ich von den Umzügen und Reisen ziemlich ermüdet und freue mich, einfach länger an einem Ort zu bleiben. Ich werde nächstes Jahr 30 und mein Traum ist es, aufs Land zu ziehen und dort zu leben, mit all meinen Bandmaschinen, Haustieren und einem netten Partner. Das Bedürfnis, mich ständig zu bewegen, hat mich verlassen. Einige Zeit in Portugal zu verbringen, hat mich daran erinnert, dass der blaue mediterrane Himmel keinen Unterschied macht, wenn graue Wolken innen – und auch außen – da sind.

Kannst du unterwegs schreiben oder brauchst du dafür doch eher das stille Kämmerlein?
Ich habe nie Zeit und Energie, während einer Tour zu schreiben. Aber zurück nach Hause komme ich mit einer riesigen Menge an Motivation und Inspiration.

Leidiges Thema Brexit: Was glaubst du, hat er Auswirkungen auf deine Art zu leben?
In der Tat ein schmerzhaftes Thema. Vor Monaten habe ich aufgehört, die Nachrichten darüber zu lesen, denn die Informationen ändern sich jeden zweiten Tag und im Grunde weiß niemand genau, was das Ergebnis sein wird. Das Ganze ist ein komplettes Durcheinander und das Referendum selbst wurde durch so viele Fehlinformationen angeheizt. Es gibt so viele unterschiedliche Wege, die EU zu verlassen. Und es ist so einfach, die allgemeine Öffentlichkeit zu fragen – „leave or remain“, das ist einfach schrecklich. Es ist nur deshalb passiert, weil die Tory-Regierung niemals damit gerechnet hat, dass die Wahl so ausgehen würde. Leider kann der Brexit einen sehr großen Einfluss auf mein Leben auf dem europäischen Festland haben. Das ist erschreckend.

Übrigens: Wir verlosen einmal zwei Tickets! Wer Will Samson am 11. Oktober in Berlin live sehen möchte, schickt uns bis zum 23. September eine Mail mit dem Betreff „Einatmen/Ausatmen“ an redaktion@lesflaneurs.de. Der gezogene Gewinner wird per Mail benachrichtigt.


Titelbild by Julie Calbert

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Sven Wiebeck Verfasst von:

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