Hello Sunshine, my old Friend | So war es beim A Summer’s Tale 2017

Beim kritischen dritten Album müssen sich Bands langsam aber sicher für eine Marschrichtung entscheiden. Oder sich komplett neu erfinden. Die dritte Ausgabe des A Summer’s Tale stand vor ebensoeiner Herausforderung. Rund 12.000 Besucher versammelten sich laut Veranstalter auf dem Eventgelände in Luhmühlen – zu launigen Workshops, regionalem Essen und exklusiven Deutschlandkonzerten von Bands und Künstlern wie PJ Harvey, den Pixies, Feist und Franz Ferdinand. Michael (34) und Andreas (39) haben sich wieder unters Festivalvolk gemischt und lassen ihre Eindrücke Revue passieren.

Michael: Dein zweites und mein drittes A Summer’s Tale, Andy. Wie fandest du’s? Das Wetter meinte es dieses Jahr gottlob besser mit uns, abgesehen von spontanen Schauern wie am Samstag während der ersten Viertelstunde von Bear’s Dens Set.

Andreas: Ja, 2016 war das eher A Winter’s Tale. Eisige Temperaturen und Dauernieselregen drückten schon gewaltig auf die Stimmung. Dieses Jahr konnte man das wunderschöne Gelände ausgiebig genießen und das taten die Besucher auch. Trauten sich letztes Jahr nur einige wenige Gestalten mit Regencape nach draußen, war das Festival diesmal voll mit fröhlichen Gesichtern – davon besonders zahreiche Familien, die mit ihren herumspringenden Kindern klar in der Überzahl schienen – auf jeden Fall in den ersten Tagen des Festivals.

Michael: Ich erinnere mich an die Wiese neben dem Atelier, wo ich letztes Jahr ein trostloses Foto eines einsam im Regencape dasitzenden alten Mannes schoss. Ein „tolles“ Symbolbild für 2016. Dagegen herrschte in diesem Jahr etwa am Donnerstagnachmittag blühendes Leben an gleicher Stelle (siehe Foto oben). Stimmt, die gefühlt immens gesteigerte Familiendichte fiel mir auch auf. Dafür waren weniger kinderlose Leute unter 30 unterwegs. Das Festivalkonzept funktioniert also anscheinend in der Hinsicht ganz gut: mehr Entschleunigung, weniger Elektro-Hipster. Gut, Letzteres würde man von offizieller Seite so sicher nicht behaupten. Aber das musikalische Line-up war dieses Jahr besonders ‚reif‘, auch wenn es schwierig ist, das so klar zu definieren. Welche Konzerte haben dir denn besonders gut oder eher weniger gefallen?

Andreas: Der Donnerstag mit PJ Harvey und den Pixies war für mich das Highlight des Festivals. Beides waren exklusive Deutschlandkonzerte und beide haben abgeliefert. PJ Harvey und ihre mehrköpfige Marching-Band erzeugten mit Pauken und Trompeten schon fast das Gefühl eines Gospel-Chors – wobei Harvey natürlich die Führung übernahm. Bei den Pixies brauchte es ein paar Songs, bis es funkte, aber als Sänger Black Francis seine anfangs etwas krächzende Stimme im Griff hatte, lief es wie von selbst. Klar, „Where Is My Mind“ einmal live zu hören, ist großartig. Aber die finale weiße Rauchwand bei „Into The White“, bei der alle an einen Defekt der Nebelmaschine dachten und die ganze Bühne eingehüllt war, war schon der Wahnsinn.

Michael: Hach ja, an Hohepriesterin Polly Jean kann ich mich nicht sattsehen. Auch wenn ich nach ihrem Berlinkonzert und dem Primavera-Sound-Auftritt in Barcelona letztes Jahr die Show zum aktuellen Album bereits zum dritten Mal sah, war ich begeistert wie beim ersten Mal. Obwohl sie immer noch nicht ein einziges Mal selbst zur Gitarre gegriffen hat. Die Pixies endlich, nach Jahren der Verehrung, live sehen zu können, war schon toll, auch wenn Kim Deal fehlte und die neuen Sachen, na ja, na gut, na ja. Großartig fand ich auch den kleinen Jungen, der wild headbangend und durchdrehend an der Sitztribüne zu „Crackity Jones“ ausrastete. Junge, aus dir wird ein ordentlicher Mensch.

Andreas: Element of Crime am Samstag hat mir auch noch bestens gefallen. Sven Regener hatte auch Lust zum Schnacken, das ist ja nicht immer der Fall. Wirklich schlecht fand ich niemanden. Wie du ja bereits meintest, war das Line-up bis auf Franz Ferdinand vielleicht sehr „reif“ und alle konnten dann auch ihre Auftritte ordentlich über die Bühne bringen. Ich fand es nur schade, dass Frau Feist am Abschlussabend als Letzte auf der Bühne stand. Musikalisch top und sie scherzte gleich zu Beginn sympathisch über die „silent german crowd“, aber als Rausschmeißer war die Kanadierin eher ungeeignet.

Michael: Stimmt, ich war auch sehr gespannt auf ihre Show und gerade ihr „Cover“ zu Nina Simones Version des American Traditionals „Sea Lion Woman“ hat dermaßen gerissen … das war ein großer Moment. Aber die häufigen ruhigen Passagen gingen beim Publikum etwas unter und hier spürte man, dass große Teile der Besucher doch weniger Musikenthusiasten sind, sondern „sich das mal eben anhören, was da so spielt“. Das ist auch mein größter Kritikpunkt, den ich quasi jedes Jahr anbringe: Bei der Musikauswahl herrscht mir schon fast eine zu homogene Ausrichtung, die eben auf Leute jenseits der 30 zählt. Die in die Jahre gekommenen Pixies waren da schon der „wildeste“ Act. Ein paar mehr spannende, frische, experimentelle Bands dürften die häufigen Liedermacher, Singer/Songwriter und Easy-Listening-Acts durchaus öfter aufmischen. Und sonst so?

Andreas: Das regionale Getränke- und Speisenangebot fand ich klasse. Das Festivalbier war wirklich lecker. Einen ordentlichen Kaffee hat man auch überall bekommen und ich habe zum ersten Mal eine Straußenbratwurst probiert. Bei der ganzen Auswahl muss man sich erstmal orientieren, genau so wie bei den anderen vielzähligen Angeboten, die von Yoga über Barfusstouren im Umland bis zu japanischer Teezeremonie reichen. Da kann man schon mal den Überblick verlieren. Schade fand ich es, dass ich Heinz Strunks Lesung verpasst habe, aber Freitag 13 Uhr war mir einfach etwas zu früh. Generell scheint es so, dass die Planer Überschneidungen vermeiden wollen. Die Bands spielen in den zwei bis drei Locations versetzt, sodass man sich nicht wie bei anderen großen Festivals für eine Band entscheiden muss. Allerdings heißt dass dann auch, dass man, wenn einem eine Band gerade nicht zusagt, deren Spielzeit irgendwie überbrücken muss, weil es dann am Abend kaum Alternativen zum Anschauen gibt.

Michael: Ja, gerade die von „richtigen“ Musikern meist unbespielte Waldbühne dürfte noch deutlich häufiger zum Einsatz kommen und für Varianz und Auswahlmöglichkeiten sorgen. Übrigens fand ich dieses Mal überraschenderweise die Dichte an veganen Ständen recht überschaubar. Interessant, ist der Trend am abflauen? Das Buchen und Besuchen der Kurse ist jedenfalls laut Freunden, die hier gecampt haben, leider kaum spontan möglich. Entweder ist alles schon lange ausgebucht oder die Webseite oder/und das Mobilfunknetz streikt.

So ein wenig ist das A Summer’s Tale da wohl auch noch am Austarieren, was es genau sein will. Ferienlager für Erwachsene und Familien? Ausflugsziel mit netter Musikbeschallung für Festivalmüde? Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Auch die Shuttle-Anbindung an den Lüneburger Hauptbahnhof ist gerade abends noch ausbaufähig. Was aber unnachahmlich für das Festival spricht: Nirgends gibt es eine so entspannte Atmosphäre und so ein nettes Miteinander auf einem Festival wie hier. Und wer auch mal international große Acts wie eben PJ Harvey von ganz Nahem sehen will, hat hier die Chance dazu, ohne Gedrängel und besoffenes Prollgesocks. Ich bin jedenfalls gespannt, was sich die Macher von FKP Scorpio fürs nächste Jahr einfallen lassen.

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Michael Schock Verfasst von:

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