Rostende Stahlgiganten | So war es beim Melt! 2017

Jedes Jahr im Juli zieht es etwa zwanzigtausend Besucher*innen zum Melt-Festival nach Ferropolis. Schon von Weitem kann man die riesigen Kräne und Bagger auf der künstlich angelegten Halbinsel im gefluteten Tagebau, der heute den Namen Gremminer See trägt, erkennen. Sie erinnern an die Zeiten des Braunkohlebergbaus, der hier bis zum Zerfall der DDR betrieben worden ist. Geht es nach Nina und Janosh, bietet ‚Die Stadt aus Eisen‘ nahe der sachsen-anhaltinischen Kleinstadt Gräfenhainichen Deutschlands schönste Festivalkulisse. Als regelmäßige Melt-Gäste haben sie sich hier mehr als einmal die Füße wund getanzt. Auch in diesem Jahr, in dem das Melt seinen zwanzigsten Geburtstag feiert, waren die beiden dabei. Im Schatten rostendender Stahlgiganten sprechen sie über die Highlights und Probleme des Festivals.

Foto: Johannes Riggelsen

Nina: Schwer vorzustellen, dass die Bagger und Kräne in Ferropolis jemals eine andere Funktion hatten, als Diskokugeln zu tragen. Wenn man von Bässen verfolgt und völlig zerfeiert am frühen Morgen den Rückweg zum Zeltplatz antritt und sich noch einmal umdreht, bekommt man ein imposantes Bild geliefert. Der Blick auf das Lichtspektakel, das bei den Stahlgiganten auf der Insel wütet, während sich die Dämmerung zart über den See legt, ist schon sehr eindrücklich.

Janosh: Früher haben wir dort gefühlt den ganzen Juli verbracht. Erst das Splash mit Hip Hop und Reggae und alles andere plus eine Wagenladung elektronischer Musik am Folgewochenende auf dem Melt. Heute wäre mir das zu krass.

Nina: Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft wir bereits dort waren. Ich schätze, dass uns das zu kritischen und zugleich kompetenten Gästen des zwanzigsten Meltgeburtstags macht. Wer hat dich in diesem Jahr beindruckt?

Foto: Stephan Flad – Phoenix

Janosh: Den Auftritt von Zebra Katz fand ich ziemlich nice. Das Konzert eröffnete mit einem zwei Meter großen Tänzer. Zu tiefen Bässen nahm er den Bühnenraum mit seinen Voguingbewegungen komplett für sich ein. Das schürte große Erwartungen. Als Ojay Morgan aka Zebra Katz schließlich die Bühne betrat, rasteten alle aus. Champagner spritzte von der Meltselektor Stage. Immer wieder sprang der New Yorker von der Bühne, um sich mit sonoren Gesängen ekstatisch durchs Publikum zu schlängeln. Man wusste nicht so recht, ob man ihn anfassen oder vor ihm weglaufen möchte. Ich glaube auch gesehen zu haben, dass er jemandem über die Wange geleckt hat. Seine Performerhaltung hat mich sehr beeindruckt.

Vom Unterspannten Partybogen

Nina: Ansonsten trieb der Samstag mit Acts wie Bonobo, HONNE und Sampha so dahin. Die machen zwar alle tolle Musik und passen in das Programm, ließen aber gerade auf den Hauptbühnen – der Melt und der Medusa Stage – zu den Stoßzeiten nicht so richtig Geburtstagsstimmung und Partyeuphorie aufkommen. Es wirkte alles ein wenig unterspannt.

Janosh: Ich würde Warpaint mit in diese Reihe stellen. Das Konzert war überragend gut, hatte aber zwischen HONNE, Nao und Sampha keinesfalls die Zugkraft, die es in einer anderen dramaturgischen Setzung gehabt hätte. Ich habe mir ein wenig Abwechslung im Samstagabendprogramm gewünscht. Wäre der Austropop von Bilderbuch zu ertragen, hätten die es vielleicht rausgerissen. Welcher Auftritt hatte dich am meisten?

Foto: Nina Behrendt – Kate Tempest

Nina: Kate Tempest hat mich sprachlos gemacht. Ich habe beobachten können, wie die Fotografen mit den ersten Takten und Zeilen einen Moment staunenden Zögerns erlebten, bevor sie anfingen Bilder zu schießen. Am Ende dieses energetischen Auftrittes epischen Ausmaßes lag sich das halbe Publikum weinend in den Armen. Auf dem Papier fand ich das Line-Up in diesem Jahr im Vergleich zu vorherigen Ausgaben übrigens nicht so spannend. Von M.I.A. und Die Antwoord habe ich mich dann aber doch überraschen lassen.

Janosh: M.I.A. hat mich enttäuscht. Sie brach ihren Auftritt wegen des einsetzenden Regens nach vierzig Minuten ab. Dabei ist sie auf der Bühne kaum nass geworden. Im Publikum bekam man bei gefühlten zehn Grad deutlich mehr Wasser ab. Glücklicherweise hat es bei den Glass Animals noch nicht so sehr geschüttet. Mit ihren verspielten und klugen Rhythmen haben die mir sehr viel Spaß gemacht und gehörten damit zu meinen Freitagsfavoriten. Ich muss gestehen, dass deren ‚Pools‘ vom ersten Album seit etwa zwei Jahren mein Weckton ist. Sänger Dave Bayley brachte zumindest das mit, was dem Programm am Samstag fehlte.

Foto: Matías Altbach – Die Antwoord

Die diversen Ausnahmezustände von Die Antwoord

Nina: Was immer das war, auch Die Antwoord hatten einiges davon dabei. Die Headliner am Sonntag bühnennah im Moshpit mitzuerleben, glich einem skurrilen Freudenfest. Die unerwartete Mischung aus harten, schnellen Bässen, grellen Lichtern, Masken und Kostümwechseln hatte etwas Kindliches und zugleich Düsteres. Inmitten des Sturms aus Krach, hatte die Art und Weise, wie Yolandi Visser und Ninja miteinander umgingen, etwas sehr intimes, fast poetisches. Im Getümmel vor der Bühne haben mich überholte Zeilen wie „Fuck the Rules“ mehr abgeholt als sonst. Das kann man denen nämlich glauben. Du hast dich davon gemacht. Warum?

Foto: Matías Altbach – Die Antwoord

Janosh: Ich habe mich bemüht, den Auftritt zu mögen. Leider war der Ton, wie auch schon bei dem Konzert von Phoenix davor sehr schlecht eingestellt. Die Bässe waren mir und vielen anderen im Festivalpublikum auch in der zehnten Reihe noch zu krass. Das hat mir die Konzerte der beiden Headliner ruiniert.

Nina: Da halfen auch die guten Ohrenstöpsel nicht. Dass das Festival nicht ausverkauft war, hat da fast schon gut getan. Man konnte sich stets durch die Mengen hindurchmanövrieren. Das verstärkte jedoch den Eindruck, dass das Festival in diesem Jahr auf Sparflamme brannte. Kleinigkeiten fehlten, die die Tage auf dem Gelände sonst so charmant gemacht haben – die Twitterleinwand am Eingang, die Freebies an jeder Ecke, Blumenkränze, Siebdruckworkshops, der Zauberkünstler auf dem Zeltplatz. Es wehte ein Wind des Umbruchs.

Foto: Stephan Flad

Janosh: Ein wenig so als würde man seinen Geburtstag verkatert im Bett verbringen, weil man am Vorabend etwas zu dolle reingefeiert hat. Auch das Logo kommt abgespeckt daher. Dabei gefiel mir das Alte eigentlich sehr gut, war es doch viel einprägsamer. Im Programm hat es ebenfalls Verschiebungen gegeben. Weniger Bands, mehr Elektro. Das mit der guten Mischung, mit der das Festival einst warb, löste sich in diesem Jahr nicht mehr ganz ein.

Nina: Ich vermisse das Intro Zelt als Spielort für Newcomer*innen und die fast schon familiäre Stimmung darin. Außerdem finde ich es bedauernswert, dass auf Melt und Medusa Stage Auftritte nicht mehr parallel stattfinden. Das lässt einen mit wenig Alternativen zurück, wenn einem die erste, leicht schnarchige Hälfte von Phoenix nicht gefällt. Da bleibt nur, sich überteuertes Essen oder Getränke zu kaufen und zu warten bis irgendetwas anderes losgeht. Es fühlt sich an, als wären zwei Drittel der Bands gegen Livesets eingetauscht worden. Es gab tatsächlich Momente großer Planlosigkeit zur Hauptspielzeit, weil nichts so richtig geil oder alles zu gleichförmig war. Vielleicht ist das Geschmackssache. In Gesprächen mit anderen Festivalbesucher*innen bekam man diese Kritik jedoch immer wieder zu hören.

Foto: Nina Behrendt

Out with the old, in with the boring

Janosh: Das Wegfallen des Intro-Zelts ist insbesondere für die Pre-Party ein Verlust. Von dort aus konnte man immer einen ersten Blick auf das Festivalgelände werfen und die Vorfreude damit immens steigern. Die diesjährige Pre-Party auf dem Sleepless Floor, also vor dem eigentlichen Festivalgelände war dennoch genial. Fatboy Slim hat mich umgehauen und stundenlang zum Tanzen gebracht.

Nina: Die Forest Stage auf dem Festivalgelände, die vom Sisyphos bestens kuratiert worden ist, wirkte hingegen ein wenig deplatziert und unentschieden. Ich verstehe die Idee hinter Orten wie dem Baumhaus und dem Open Air Kino. Der DIY-Look dieser Area passt nur überhaupt nicht zur industriellen Ästhetik, die das Melt auf allen anderen Bühnen und Drumherum herzustellen versucht. Entschuldigung, aber die Forest-Stage sah nach Discounter-Fusion aus.

Janosh: Im Wald, wie auf dem Sleepless-Floor hing eher das Drei-Tage-Wach-Publikum ab. Beunruhigend im Vergleich zu den Vorjahren war die hohe Anzahl von Typen, die versucht haben, ihr Zeug an die Menschen zu bringen. Richtig traurig war der Anblick eines von einem Ast hängenden, mit Ringerlösung gefüllten Infusionsbeutels, den ich im Gestrüpp nahe des Sleepless Floors entdeckt habe. Die Leute scheinen, was das angeht, viel mehr zu eskalieren.

Foto: Nina Behrendt – vor den Toren der Installation von Kurt Hentschläger

Nina: Ich eskalierte bei einer Video- bzw. Lichtinstallation in der Orangerie. Die Arbeit von Kurt Hentschläger wurde als lang gehegter Wunsch der Organisatoren beworben. An sich finde ich die Einbettung von bildender Kunst, Vorträgen und anderen Rahmenprogrammpunkten angebracht und bereichernd. Dennoch ging mir die Arbeit trotz vorheriger Gesundheitswarnung ein wenig zu nah. In einem mit Kunstnebel verrauchten Raum wurde mit Stroboskoplichtern und tiefen Bässen das am Publikum durchgeführt, was man in der Medizin Epilepsietest nennt. An einen Feuerwehrmann geklammert, musste ich den Raum verlassen. Ich finde es problematisch, eine solche Arbeit auf einem Festival zu zeigen, wo Leute im Rausch und Personen mit möglicherweise undiagnostiziertem Anfallsleiden herumlaufen. Ein Festivalpublikum eine knappe Dreiviertelstunde mit exzessivem Strobolicht und Krach zu tyrannisieren, ist gefährlich. Die Antwoord waren Kindergarten dagegen.

Janosh: Definitiv nicht der richtige Kontext für eine solche Arbeit. Ich finde ein über die üblichen Festivalerwartungen hinausgehendes Rahmenprogramm auch wichtig. Wenn dabei allerdings Kernelemente wegschmelzen und sich zu sehr auf andere Dinge konzentriert wird, nervt mich das. Der Druck nach Erneuerung scheint groß zu sein. Es gibt inzwischen sehr viel Wettbewerb im Festivalgeschäft. Ich verstehe daher, dass man neue Konzepte entwickeln muss, um beständig mithalten zu können. Für gelingendes Audience-Development braucht es allerdings keine lieblos inszenierten Erlebniswelten wie den Wald oder verstörende Installationen. Es wäre genug, Versprechen einzulösen.

Was ist eigentlich die Zukunft musikanischer Großereignisse?

Nina: Mir würde es reichen, wenn weiterhin mit goldenem Booker-Händchen die Musiker*innen und Bands eingeladen werden, von denen man weiß, dass sie im Folgejahr ausverkaufte Konzerte spielen und/oder in der Kritik gut ankommen. Ich bezweifle, dass der Shift, den das Melt hier vollzieht, aufgeht. Die unverschämt hohen Preise für alles – von der Duschflaterate für zehn bis zum Kaffee für vier Euro – haben mich daran zweifeln lassen, ob noch irgendwer ohne Gästelistenplatz auf dem Festival war.

Janosh: Dass die Gagen von Musiker*innen in den letzten Jahren extrem in die Höhe geschossen sind, ist keine richtige Entschuldigung für hemmungslosen Wucher. Die Zielgruppe ist immer noch jung und in den meisten Fällen finanziell weniger gut ausgestattet. Einhundertfünfzig Euro pro Festivalticket empfinde ich als zu viel. Wenn trotz Sponsoring das Bier immer noch unbezahlbar ist, ist das einfach nur frech und führt zu großer Unzufriedenheit. Dass es kein kostenloses Wasser gibt, ist ebenfalls ein schlimmes Manko.

Nina: Trotz Schrumpfung und Umbruch finde ich aber, dass die Auswahl der Acts, die auf dem Melt spielen, nach wie vor erstklassig ist. Im Vergleich zu anderen Festivals hat das Melt sein Bewusstsein für gute Kuration nicht verloren.

Foto:Stephan Flad

Wir sind zusammen erwachsen geworden

Janosh: Die dramaturgischen Verirrungen bei der Zusammenstellung der Running Order hätten dabei vermieden werden können. Der Samstag war zu unterspannt. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass in diesem Jahr noch bewusstere kuratorische Entscheidungen in Hinblick auf das gesamte Line-Up getroffen worden sind. Vielleicht versucht man politischer zu werden und sich bestimmten Diskursen zu öffnen oder sich vielmehr nicht vor ihnen zu verschließen. Ich habe schon das Gefühl, dass sich über die Auswahl der Musiker*innen eine Haltung mitkommuniziert, was queere, feministische und auch postkoloniale Themen angeht. Es wäre spannend, diesem Gefühl nachzugehen und das Meltprogramm von diesem Jahr einmal genauer daraufhin zu untersuchen. Trotz aller Kritik, gefiel es mir doch ganz gut.

Nina: Das ist ja das Ding – am Ende kamen dann doch einige Highlights zusammen. Nur eben weniger als erwartet. Während ich sonst nach Festivalende massenweise Platten meiner Neuentdeckungen gekauft und jedem euphorisch von meinen Konzerterlebnissen berichtet habe, ging das Leben in diesem Jahr einfach mit einem Montag weiter. Die Momente ausladender Herzensfreude ob der guten Unterhaltung konnte ich in diesem Jahr an einer Hand abzählen. Dabei ist allerdings zu betonen, dass es sie auf jeden Fall gab. Vielleicht sind wir alt geworden und nicht mehr so begeisterungsfähig, vielleicht blättert beim Melt auch einfach der Goldlack. Zwanzig Jahre Melt sind nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Zum Melt sehen wir unsere Freunde. Wir sind zusammen erwachsen geworden. Wir könnten uns auseinandergelebt haben.

 

Das nächste Melt! Festival findet vom  13. – 15. Juli 2018 statt. Weitere Infos hier.

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Nina Behrendt Verfasst von:

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