Eine Kuppel voller Sterne

von Julia Tautz und Nina Behrendt

Was für ein Geschenk eine sternenklare Nacht ist. Was für ein erhabenes Gefühl es ist, unter einem strahlenden Sternenhimmel zu sitzen und in Gedanken über die Mysterien des Universums hinabzufallen. Sternenklare Nächte sind rar in der ewig strahlenden Metropole. Zu viel Neon zwischen uns und dem Weltraum.

Das Zeiss-Großplanetarium in Berlin ist der Ort, der diese Begegnungen wieder möglich macht. Die Kuppel eröffnet magische Blicke in beeindruckende Sternenhimmel, und dafür müssen wir nicht mal in die finstere Brandenburger Nacht reisen.

Tim Florian Horn, Direktor des Zeiss-Großplanetariums, ist Idealist. „Bei unseren Veranstaltungen kommt der wichtigste Moment am Ende: Der Blick auf die Erde, das Nachhause-Kommen.“, erklärt der 35-jährige Nina und mir in einem ausgiebigen Gespräch und flaniert mit uns durch das große Gebäude an der Prenzlauer Allee.

Luftaufnahme des Zeiss-Großplanetariums in Berlin © SDTB / Foto: H.-F. Lachmann

Wie ein Phönix aus der Asche entstieg das historische Gebäude nach langer Sanierungs- und Modernisierungsphase seiner angestaubten DDR-Klamotte. Es war ein steiniger Weg – über zwei Jahre wurde gehämmert, geschraubt, Anträge gestellt und an runden Tischen diskutiert. Das Ergebnis ist ein hochmodernes Planetarium, dessen Vergangenheit genau an den richtigen Ecken durchscheint. Dabei wurde auf alle Feinheiten geachtet – von dem Ambiente des alten Kinos mit seinen Übersetzerkabinen und Heizlüftern, kombiniert mit der modernsten Technik für 3D Projektionen, bis zu den altmodischen Ledersitzen in der Empfangshalle. Die Möbel fügen sich nahtlos ein und umrahmen den alten, sperrigen Projektor, dessen blauer Lack an längst vergangene Zeiten erinnert.

Seit der Neueröffnung 2016 lockt das Planetarium dreimal so viele Besucher unter die Sternenkuppel. Rekordzahlen, die Tim Florian Horn und seinem Team von kreativen Querdenkern gutzuschreiben sind. Denn neben den Technikexperten kommen die Mitarbeiter*innen hier auch aus der Filmproduktion, Pädagogik und Marketing. Gemeinsam schaffen sie ein vielseitiges Programm, das Ästhetik und Wissensvermittlung kunstvoll miteinander verwebt.

„Das Planetarium hat überhaupt keine Absicht ein Elfenbeinturm der Wissenschaft zu sein oder von oben herab mit dem Publikum zu sprechen.“ erklärt uns Horn. Aus dieser Mentalität und dem Mut Neues zu probieren und damit zu begeistern, entstanden interdisziplinäre Formate, wie mathematische Symphonien, Science Slams und Konzerte von Straßenmusiker*innen, die regelmäßig in dem gewaltigen Saal die bequemsten Sitze Berlins füllen. Dazu kommen die regulären Veranstaltungen mit Sternenhimmel und virtuellen Weltraumflügen. Die Sternstunden werden live moderiert, dank modernster astronomischer Software manchmal sogar am selben Tag erst zusammengebastelt – um so in Echtzeit auf aktuellste Forschung reagieren zu können. Der Flug durch den Weltraum, dabei mit dem Kopf im Nacken und den Füßen auf weichem Teppich, macht uns ein kleines bisschen schwindelig und ein großes bisschen beeindruckt.

Der neue Sternprojektor vom Typ ZEISS UNIVERSARIUM Modell IX © SPB / Foto: F.-M. Arndt

Unabhängig von jeder Veranstaltung wird auf wissenschaftliche Fakten wert gelegt. Es wird nur das gezeigt, was wirklich nachweisbar ist. Dabei möchte Horn über die Astronomie hinausgehen: „Ich möchte ein Wissenschaftstheater aufbauen, dass alle Wissenschaften miteinander vereint und eine interdisziplinäre Auseinandersetzung schafft.“

Die neu angestoßene Zusammenarbeit zwischen den Berliner Planetarien und Sternwarten brachte eine Stiftung hervor, die nun fernab von Konkurrenzkampf und imaginären Hoheitsgebieten Fördergelder sinnvoll in die richtigen Projekte fließen lässt. Dieser neue Ansatz bringt auch neue Möglichkeiten eines vielseitigeren Bildungsprogramms hervor: Mit einem mobilen aufblasbaren Planetarium wird Kindern auf vielen Schulhöfen deutschlandweit der Blick in die Sterne ermöglicht. Jede Institution der Stiftung soll langfristig einen Vermittlungsschwerpunkt besitzen, also zum Beispiel im Bereich Bildung oder als Wissenstheater. Berlin knüpft mit diesen neuen Ideen an eine lange Vergangenheit in der Astronomie-Forschung an, immerhin wurde vor rund 150 Jahren der Planet Neptun in der Berliner Sternwarte entdeckt.

Neben Planeten und Sternen macht die Dunkle Materie den Großteil des Universums aus, ist jedoch bis heute nicht greifbar. Fünf Prozent im Universum sind leuchtende Masse – der Rest liegt im Dunkeln. Für Horn das spannendste Rätsel, dass das Universum noch in sich birgt.

Projektion aus der 360-Grad-Eigenproduktion des Hauses „Sterne über Berlin“ © SPB / Foto: F.-M. Arndt

Eine Antwort auf diese Frage kann die live moderierten Sternstunde nicht geben, trotz allem schlägt jedes Science Fiction-Herz höher: Was ist eine Supernova? Wie wird ein Stern geboren? Nicht nur Phänomene des Weltalls, sondern auch die mythologischen Landschaft von Sternbildern am Firmament werden erklärt. Neben eigenen Produktionen gibt es auch Kooperationen mit scheinbar völlig gegenläufigen Institutionen: Zum Kirchentag stellte sich das Zeiss-Großplanetarium zusammen mit zwei Pfarrer*innen die Frage, ob Jesus auch E.T. erlöst haben soll. Sind wir allein im Weltall? Der Glaube schließt Wissenschaft nicht aus, so Horn: „Das gleich große Fachpersonal mit anderen Kuppeln.“ Denn Wissenschaft soll Berührungsängste abbauen, und damit nah am Menschen sein, fernab aller Meinungs- und Glaubensrichtungen.

Denn bei all der Fahrt durch das All und den begleitenden Fragen landen wir am Ende doch wieder am Ausgangspunkt: Als blauer Planet leuchtet die Erde vor uns auf – unsere einzige Heimat.

 

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