Schreiben gegen Strukturen: Prosanova 2017

Der Festivalsommer hat schon längst begonnen, aber dieses Jahr habe ich mir ein außergewöhnliches Festival ausgesucht: Das von Studenten organisierte Prosanova-Festival der Literaturzeitschrift Bella Triste und des Schreibinstituts der Universität Hildesheim. Vom 8. bis 11. Juni 2017 drehte sich zwischen Stahlgerippen alter Industriehallen und orangefarbenen Liegestühlen alles um eines: Gegenwartsliteratur.

Prosanova findet nur alle drei Jahre statt, deswegen ist es jedes Mal etwas Besonderes. Experimentelle Lesungsformate, Workshops, szenische Lesungen und Gespräche zwischen Autor*in und Lektor*in – Prosanova trumpft jedes Mal aufs Neue mit innovativen Ideen und Formaten auf. Dieses Jahr lautet das Motto Material, Prozess, Protokolle. Hinter jeder Veranstaltung scheint zudem die Frage zu lauern: Wie politisch ist unsere Literatur heute?

Nachhaltiger Quatsch

Hildesheim ist eine kleine, verschlafene Stadt im Schatten von Hannover. Dreieinhalb Jahre habe ich hier Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis auf dem Kulturcampus der Domäne studiert, ein alter Gutshof mitten im niedersächsischen Dorfidyll, mit grasenden Schafen und einem kleinen, gemütlichen Fluss, der durch die geordnete niedersächsische Pampa fließt. In meiner Erinnerung sind die Sommer mit einem Sepia-Instagram-Filter belegt und haben kleine Lichtreflektionen am Bildrand. Die Winter dagegen sind kalt und grau und geprägt vom stundenlangen Warten auf den einzigen Bus in der Stunde, der einen wieder in die Stadt bringen soll.
Zeitweise fühlte es sich an, als hätten wir von morgens bis abends Quatsch gemacht und ein bisschen auch studiert. Wieviel Sinn der Quatsch letztendlich hatte und dass ich bis heute noch von meinem praktischen Wissen dieser Zeit zehre, habe ich erst ein, zwei Jahre nach meinem Studium gemerkt.

Stahlgerippe und Liegestühle vor düsterem Himmel
Stahlgerippe und Liegestühle: Prosanova 2017 (Foto: Julia Tautz)

Warten auf DJ LOVE

Donnerstagabend. Die Party ist schon in Gange, ich habe mehr oder weniger allen bekannten Gesichtern mal zugenickt oder auch ein paar mehr Worte gewechselt, ansonsten mit den Leuten abgehangen, mit denen ich auch sonst in Berlin abhänge, weil so viele Neuköllner Jungliteraten ebenfalls angereist sind. Wir feiern Geburtstag von Maren Kames, die ein paar Stunden vorher ihr neues Format Entschuldige mal, ich glaube, das wird jetzt eine Weile driften vorgestellt hat. Live-Schreiben mit Videoinstallation. Materialsammlung, Strategien des Sampelns, des Bastelns, der Inspiration werden offen gelegt. Wie entsteht ein Text? Hochkonzeptuell und gleichzeitig ein bisschen albern – ganz im Stile ihres Debuts Halb Taube Halb Pfau. Aber eine Stunde Mitlesen ist anstrengend. Ein bisschen kürzer hätte es sein können, denke ich und sage ihr das auch. Sie nickt. Auch das gehört zu Prosanova: Ein unmittelbarer Austausch mit den Autor*innen, die sich Kritik anhören müssen.

Jetzt hat Maren erstmal Geburtstag. Wir warten auf DJ LOVE und machen Fotos mit unseren Handys von unseren Köpfen, weil uns eine kleine gelbe Karte das sagt: „Mache ein Foto von deinem Lieblingsrequisit.“ Literaturblogger Fabian Thomas hat sich #diskursbingo ausgedacht, ein Social Media-Spiel. Überall auf dem Festival gibt es kleine bunte Kärtchen mit Aufgaben für Instagram und Twitter. „Mache ein Foto von deinem Lieblingsmove auf der Party“ oder „Mach ein Foto von deinem Lieblingsort auf dem Prosanova-Gelände“. Kein Problem, ich steh’ auf Instagram. Twitter nervt.

Papierkraniche vor einer Wand voller Schatten weiterer Kraniche
Jeder Kranich enthält einen Teil der Geschichte. Installation Ziehe einen Kranich von Rebecca Martin

Zwischen High Heels und Hüpfburgen

Nach der Party ist vor der Party. Und zwischendurch besucht man ein paar Lesungen und Diskussionsrunden. Aufs Wesentliche reduzierte Lesungsformate in Industriehallen hinterfragen politische Themen wie Feminismus und Herkunft. „Hebt eure Arme!“, ruft die Schauspielerin Elena Schmidt laut und emotional von einem Zuschauersitz herunter, nachdem sie einen weißen, hetereosexuellen Cis-Mann verscheucht hat. Viel Energie, viel Wut, viel Tatendrang zeigt sich in der szenischen Lesung Ich warte schon seit drei Fantas auf meinen Auftritt von Laura Naumann, die Regisseur Branko Janack zwischen High Heels und einer aufblasbaren Hüpfburg inszeniert. Vieles kommt mir aus GRRRRRL bekannt vor, das Laura Naumann mit drei Kolleginnen im feministischen Theaterkollektiv Henrike Iglesias inszeniert hat, eine gute, ästhetische Umsetzung der heutigen Feminismus-Debatte.

Diese geht auch nicht an der Autorenauswahl vom diesjährigen Prosanova vorbei. Ein weißer, männlicher Autoren-Freund sagt zu mir: „Ich glaube, ich wurde als Autor nicht zum Festival eingeladen, weil ich weiß und männlich bin.“ Viel zu privilegiert für dieses Festival, das in Diskussionen die Konstruktion von Gesellschaft durch Sprache hinterfragt und Gender-Workshops anbietet.

Szenische Lesung: „Ich warte schon seit drei Fantas auf meinen Auftritt“ (Foto: Julia Tautz)

Es formiert sich

„Hätte ich auch dein Buch schreiben können?“, fragt Florian Kessler, Hanser-Lektor und ehemaliger Hildesheim-Student, Fatma Aydemir im Gespräch Wollen wir lesen. Ihr Buch Ellbogen schickt eine wilde, wütende Deutschtürkin durch eine Achterbahnfahrt der Identitätskrise in Berlin und Istanbul. Aydemirs Antwort scheint eindeutig: Nein. Nur Migrant*innen können über Migrantenthemen schreiben. Im Machtgefälle des strukturellen Sexismus und Benachteiligung aufgrund von Herkunft kann nur nach oben imaginiert werden, nicht nach unten. Alles andere wäre herablassend und anmaßend.

Die Privilegiertheit des weißen Mannes schwebt über dem ganzen Festival, wird doch das Schreibinstitut in Hildesheim seit Jahren von zwei weißen Männern mit fester Hand regiert. Doch die Studierenden stecken nicht mehr in der Hildesheimer Blase, sie sind aufgeweckt und wütend. Dies zeigt ein polemischer, offener Brief, der am Schreibinstitut seine Runde machte: Das Hildesheimer Schreibinstitut hat ein Sexismus-Problem, wird in brachialer Sprache angeklagt. Das hat Folgen, die noch weit reichen werden. Widerstand formiert sich. Ein Wandel muss her.

Der Finger in der Wunde

Prosanova 2017 zeigt eine politische Gegenwartsanalyse, die man bei anderen Prosanovas bisher vermisst hat. Es geht nicht mehr um reine Ästhetik, neue Formate, Aufbrechen von alten Darstellungsformen. Sachbücher sind wichtiger denn je in unserer instabilen Welt, insbesondere solche, die politisches Bewusstsein für festgeschriebene Rollen aufzeigen. Auch wenn sich dieses Bewusstsein aus einer gegenwärtigen Debatten-Mode speist. Denn Feminismus und Identitätsdiskurse sind nicht nur wichtig, sondern auch extrem trendy. Aber heiligt der Zweck nicht die Mittel? Am Ende zählt das Ergebnis. Politisches Bewusstsein brauchen wir heute mehr denn je. Der belanglose Hedonismus der letzten Jahre hat ausgedient. Heute wird gegen Normen und Strukturen gedacht, geschrieben, gelesen, diskutiert und getanzt. Eine Entwicklung, die das diesjährige Prosanova Festival aufgegriffen und vier Tage diskursiv und praktisch umgesetzt hat. Eine gute Möglichkeit, um den Finger in die Wunde zu legen und jede*n Besucher*in mit einem Anstoß zur Selbstreflektion nach Hause zu schicken. Zu welcher marginalisierten Gruppe gehöre ich? Welchen Machtstrukturen bin ich ausgesetzt? Welche produziere ich selbst?

Ein Straß gelber Blumen vor Menschen und der Wand einer Industriehalle
Liebe zum Detail: Die Eisenhalle bei Prosanova 2017 (Foto: Julia Tautz)

Wir warten auf den Zug. Der Hauptbahnhof ist renoviert und hat schicke, digitale Tafeln, die jedoch leer bleiben, weil die Busse immer noch so selten fahren. Mr Lecker in der Bahnhofsstraße ist immer noch superlecker. Die in Sepia getauchten Instagram-Erinnerungen meiner Zeit in Hildesheim waren hochästhetisiert und hinterfragten keine strukturellen Missstände, sondern sie konzentrierten sich auf das eigene Schaffen, die eigene Inspiration, mit einem leicht neidischen Blick über die Schulter auf die anderen Kommiliton*innen. Der kollektive Gedanke und das politische Engagement der heutigen Hildesheimer Studierenden zeigt, dass sich etwas geändert hat. Und es ist noch lange nicht vorbei.

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Julia Tautz Verfasst von:

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