Verlassen, verletzt, verstört

Von Derya Ekinci

Irgendwas stört immer. Heute sind es der Geruch von Aufgestoßenem, Gäste, die kurz vor Beginn der Vorstellung vom anderen Ende durch die Reihe marschieren, um alle Spalier stehen zu lassen, und Amigo mit Begleitung in der Reihe hinter mir, der auf Spanisch die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Paris, Dubai und Lima erörtert und dabei den Saal mit der Boomerang App dokumentiert. Vielleicht störe aber auch ich, denn die meisten Gäste sind vermutlich für Nacho Duatos „Erde“ in der Komischen Oper, während ich mich auf ein Wiedersehen mit Hofesh Shechter freue.

Im Laufe des Abends „Duato I Shechter“ des Staatsballetts Berlin, betrachten wir, was Schechter verstört. In seiner Choreographie „The Art of Not Looking Back“ bringt er die Narration seines Lebens schnell auf den Punkt: Er wurde verlassen. Mit zwei Jahren beschließt seine Mutter, die Frau, die in den ersten Jahren unser Alles zu sein scheint, zu gehen. Sie verschwindet ins Nichts. Doch statt der vermuteten Leere, die Abwesenheit hinterlassen sollte, bleibt Dissonanz und Reibung.

Ästhetische Momente trübt Shechter mit grotesken Bewegungen, grellem Licht und schnellen Wechseln sowie verstörenden Tönen, die keinen Raum für Fluss und Harmonie zulassen. Übersetzt in Emotionen ist es der Moment, in dem das überwunden Geglaubte noch einmal aus dem scheinbaren Nichts aufpeitscht und keinen Frieden zulässt. „Manche Dinge,“ sagt Shechter, „sollte man nicht zeigen.“ Doch sind es genau die Dinge, die wir sehen wollen, im Licht betrachten. Amigo hat schließlich dafür bezahlt.

Frauenkörper winden sich unter den erdrückenden Emotionen. (Copyright: Fernando Marcos)
Frauenkörper winden sich unter den erdrückenden Emotionen. (Copyright: Fernando Marcos)

Unsere Täter sind zierliche, rohe Frauenkörper, die sich im Wechsel von Licht und Schatten winden. Mal halten sie die Formen und Synchronie der Bewegungen ein, mal driften sie ab und sollen nicht standhalten. Warum die Mutter gegangen ist, wissen wir nicht. Es spielt auch keine Rolle. Mit dem Verstand kann Shechter bestimmt fassen, was eine Frau dazu bewegt, ihr Kind hinter sich zu lassen. Emotional bleibt kein Verständnis. Er bleibt der Verlassene, es bleibt das eine Ereignis, das ihn prägt.

Und so ergibt sich das Erbe einer Frau an ihren Sohn, das der israelische Choreograph auf immer wieder verstörende Weise inszeniert. Die Schatten, die seine Tänzerinnen an die Leinwände werfen, sind nicht nur die seiner Mutter, es sind seine eigenen. Sinnbildlich begegnen wir uns immer nur als Fragment, im guten Winkel. Was uns zusammenhält oder auseinanderreißt, bleibt verborgen und lässt sich nur erkennen, wenn wir weiter schauen wollen.

Sie ist doch zurückgekommen, wollte nun all das sein, was sie nicht sein konnte. Aber die Linderung ist nur ein Schein. Wenn alles überwunden wirkt, Normalität sich einschleicht, vielleicht sogar Bindung und Liebe, kommt das eine Gefühl der Verletzung auf, um alles in sich einfallen zu lassen. Sie ist nichts. Und das Nichts kann man nicht füllen. Es ist wie ein Eimer mit Löchern. Vielleicht will es sogar trotz seiner fortwährenden Leere immer weiter gefüllt werden, in der Hoffnung einmal etwas zu fassen.

Shechters „The Art of Not Looking Back“ wird noch bis April 2018 in der Komischen Oper aufgeführt und als Doppelabend mit Nacho Duatos „Erde“ gezeigt. Amigo fand Duatos Choreographie übrigens „schön“. Fand ich auch, einfach schön.


Titelfoto: Fernando Marcos/Staatsballett Berlin

Share Button
Les Flaneurs Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.