Die magische Überforderung

Da habe ich mich gerade von der epischen 12-Stündigen Oper Bajazzo des Solistenensembles Kalaidoskop im Kudamm-Karee erholt, steht schon das Theatertreffen vor der Tür. Und ein Stück wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Die „Borderline Prozession“ von Kay Voges entführt das Berliner Publikum in die Rathenau Hallen Schöneweide, einen imposanten Industriekomplex direkt am Spreeufer des stiefmütterlich behandelten Berliner Randbezirks. Klappaufsteller mit dem Theatertreffen-Poster weisen von der Straße in den Hof, Ecke um Ecke spaziere ich tiefer auf das weitläufige Gelände, mit mir einige andere verunsicherte Besucher. Bis die Spree vor uns auftaucht und auch der Eingang zur Veranstaltungshalle erscheint.

Innen leichtes Messe-Feeling, wuseliges Publikum, Bierbänke und eine breite provisorische Bar. Sehr viele Menschen. Man schaut sich um, wer noch so da ist, man trägt geschmackvolles COS-Ensemble und Festival-Jutebeutel.

Kaum habe ich mich an einem Stehtisch platziert, beginnt der Einlass. „Freie Platzwahl“ kann alles heißen, also spurte ich im Stechschritt zum schwarzen Stoffvorhang, hinter dem schon die ersten Leute verschwinden. Vorbei an den immer noch verunsicherten Besuchern, die nach ihren Tickets kramen. Schummriges Licht, ewig hohe Decken, alles mit schwarzem Molton abgehangen. Draußen schien gerade noch die Frühlingssonne, hier drinnen ist es tiefe Nacht.

In der Mitte der Halle ist ein Apartmentskelett aufgebaut, in alle voll eingerichteten Räume kann man hineinschauen, bis aufs kleinste Detail sind sie eingerichtet. Der Aschenbecher auf dem Beistelltisch, Handseife am Badezimmerwaschbecken, Elektrogeräte in der Küche, eine leuchtende Lampignon-Lichterkette im Garten.

Über dem Apartmentbau hängen drei riesige Bildschirmleinwände. Stuhlreihen auf einem Podium der Bühne gegenüber. Nur wirft niemand plötzlich sein Handtuch auf die besten Plätze, alle spazieren fasziniert am Bühnenbild entlang. Die Platzanweiserinnen haben alle Hände voll zu tun, die Leute davon abzuhalten ins Bühnenbild zu laufen, so magisch wirkt die Anziehung all der kleinen liebevoll drapierten Objekte.

Die Prozession beginnt

Man hört aus den Tiefen der Halle Chorgesänge, die Spieler schreiten in einer Reihe hinter einem Kameramann auf einem rollenden Podest her. Die Kamera fängt Bilder des Apartments ein und wirft sie auf die Bildschirme. Durch den Kamerafilter wirkt alles wie gemalt und beim Hinschauen und Zurückblinzeln auf das Echtzeitgeschehen fühlt man sich seltsam anwesend und abwesend gleichzeitig.

(Foto: Marcel Schaar)

Die Prozession bewegt sich im Kreis um das riesige Bühnenbild, die Zuschauer suchen sich in einem der zwei Blöcke (vor und hinter dem Haus) einen Platz. Ich entscheide mich für hinten. Dort gibt es eine Bushaltestelle, die Haustür zum Appartement, einen Kiosk, ein Auto steht auch da. Blaugrauer Asphalt, Laternen werfen schummriges Licht auf den Vorplatz des Hauses.

Während wir unsere Plätze im Zuschauerraum finden, platzieren sich auch die Darsteller: Ein junger Mann in Schuluniform und Rucksack geht aus der Prozession und stellt sich ins Bushäuschen. Ein Portier steht neben der Haustür, eine lockige Frau schnürt sich eine Kittelschürze um und zieht den Rollladen des Kiosks ratternd nach oben. Ein anderer junger Mann in Cowboystiefeln und Lederjacke schlurft zum Auto, setzt sich auf den Fahrersitz und schmeißt die Wagentür hinter sich zu, ein Mädchen im Rüschenkleid setzt sich zu ihm.

Derweil kreist die Kamera immer weiter um das Geschehen, das sich in sekunden- und millimetergenauer Choreografie wiederrum um die Kamera aufbaut. So passiert alles gleichzeitig: Die Figuren wiederholen Runde um Runde alltägliche Situationen. Eine Mutter verabschiedet ihren Sohn zur Schule, eine Frau nimmt im Bad eine Dusche. Die Kiosk-Betreiberin öffnet und schließt den Laden mit immer gleichen Handbewegungen. Das Paar im Auto steigt ein und aus. Ein paar „Shining“-Zwillingsmädchen spielen mit Kreide. Das Ganze ist so perfekt ausgeleuchtet (hier sei die meisterliche Arbeit von Sibylle Stuck erwähnt), dass keiner der kostbaren Momente willkürlich erscheint.

Ich werde mich den ganzen Abend fragen, wie viele Menschen eigentlich an diesem Stück beteiligt sind

Unsichtbare Ab- und Aufgänge, Kostümwechsel und Gesichtsmasken lassen es wirken, als gäbe es eine sprudelnde Quelle irgendwo in der Dunkelheit der Halle, aus der immer neue Charaktere entspringen. Tatsächlich sind es 23 Darsteller*innen, davon auch ein knappes Dutzend Schauspielstudierende der Folkwang Universität München. Außerdem werde ich mich die ganze Zeit fragen, welche Zeit oder welchen Ort die Kostüme und das Bühnenbild erschaffen. Einiges wirkt amerikanisch, irgendwie Südstaaten in den 70ern, das Bad und Schlafzimmer sehen eher aus wie ein Neubau in einem gutsituierten deutschen Vorort. Wes-Anderson-Portier, asiatischer Vorgarten, Ost-Kiosk aus den 90ern. Ein Rätsel der Unverortbarkeit.

(Foto: Marcel Schaar)

Alles belgeitet von Musik – mal pulsierende Beats die einen Text untermalen, Chorfetzen, dann die wummernde Soundwand. Auch das passiert live, T.D. Finck von Finckenstein steht an einem Pult im Hintergrund. Ich erkenne auch den in einen feinen Tweedanzug gehüllten Regisseur, der immer mal mit der Kamera mitspaziert und per Mikrofon Ansagen an die Spielenden in die Halle wirft.

Eine Runde um das Bühnenbild dauert vielleicht vier oder fünf Minuten. Was ich von der anderen Bühnenseite nicht sehe, setzt sich auf dem Bildschirm wie Hochglanzkino zusammen. So viel passiert und mit jeder Kamerarunde, mit jeder wiederholten Handlung, wird es doch immer ein kleines bisschen anders. Dabei wirkt alles so verstörend normal. Und die kleinen verschobenen Nuancen fangen an, gemeine Verwirrspiele zu führen. Da sitzt auf einmal jemand im Pool, wo vorher niemand saß. Wie kam er dahin? Wo ist eigentlich der Schuljunge? Da hockt ja eine Frau im Kühlschrank. Seit wann tut sie das? Oh, ich höre Text, ach so, da spricht jemand an einer Schreibmaschine in ein Mikro. Je wundersamer und trickreicher sich der Abend entblättert, desto mehr entgleitet mir das Vertrauen in meine eigene Wahrnehmung.

Zum zweiten Akt reihen sich die Darsteller*innen hinter der fahrenden Kamera zur Prozession ein und die Zuschauer werden aufgefordert, die Position zu wechseln. Diesmal sitze ich also vor dem Appartement. Eben noch die Ruhe vor dem Sturm, stehen jetzt auf einmal ein paar Soldaten vor der Haustür und in der Garage zieht sich ein Mann eine Uniform an. Da stirbt eine Frau im Schlafzimmer, ganz langsam. Da wird jemand im Whirlpool ertränkt. Da schwingt jemand eine Flagge auf dem Balkon und brüllt Schlachtrufe auf Arabisch.

Foto: Marcel Schaar

Ganz langsam kommt der Krieg angekrochen. Und immer wieder die Zeilen aus Dantes Inferno – „In der Mitte des Pfades unseres Lebens fand ich mich in einem dunklen Wald und der rechte Weg war verschwunden.“

Der Loop ist meditativ. Er ist das Einzige, auf das ich mich verlassen kann. Die Kamera wird immer wieder um die Ecke kommen und dann sieht schon wieder alles anders aus.

Die Soldaten mit Zombie-Attitüde ballern ohrenbetäubend herum. Im Wohnzimmer wird für eine Willkommensparty geschmückt. Immer klarer werden die Metaphern, die das Stück kreiert. So wird das Haus zu einer europäischen Festung, an der Haustür schmettern die Ungewollten ab, im Halbdunkel verwandeln sich Nachbarn in Nazis und Napoleon springt über das Dach. Ein erschossenes Hochzeitspaar liegt vor dem Kiosk.

Foto: Marcel Schaar

Und zack, Runde drei: Platzwechsel!

Da sitze ich nun vor dem Auto, in dem Soldaten gerade eine Frau vergewaltigt haben, während ein Priester auf dem Fahrersitz saß. Und nach zwei knappen Stunden flirrt alles in meinem Kopf. Der Abend ist ein echter Gewaltakt von einer Schaar aufs Feinste aufeinander abgestimmter Theaterkünstler. Der Kameramann Voxi Bärenklau und Live-Cutter Mario Simon holen alles nur Denkbare aus dem überragende Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch heraus.

Und Voges treibt zum dritten Akt den Mindfuck auf die Spitze. Auf einmal tänzeln Figuren auf den Leinwänden durch das Bühnenbild, die in echt gerade gar nicht da sind. Plötzlich versammeln sich unzählige Schulmädchen mit roten Lippen und schwarzem Haar vor dem Haus. Die Invasion der „Shining“-Mädchen, der Lolitas. Sie schaffen es, über die Mauer zu klettern und stolpern in einer unkontrollierten Traube durch das Haus. Dabei tragen sie Napoleon zu Grabe. Man schmettert Britney Spears. Und das reiche Ehepaar wartet, aus dem Haus vertrieben und ohne Hoffnung, auf einen Bus.

Ein schmaler Grad zwischen zeitgeistigem Geniestreich und größenwahnsinniger Materialschlacht. Dennoch und deswegen: was für ein glorreicher Abend.

 

Die Borderline Prozession wird in ihrem Zuhause am Dortmunder Theater wieder im Juni und Juli gezeigt. Die Reise nach Dortmund lohnt sich dafür allemal! Außerdem kann man dort dann auch den frisch erschienenen Bildband zur Produktion erwerben.

 

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Nina Behrendt Verfasst von:

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