Symphonie der Großstädte. So klingt unser Kiez

Beim flüchtigen Zuhören spucken Großstädte doch alle die gleichen Töne. Zumindest in der Totalen. Doch im Kleinen, in den einzelnen Vierteln, können sie ganz unterschiedlich klingen. Gerade jetzt im Frühling, da das Leben auf den Straßen wieder erwacht, zeigt sich der akustische Variantenreichtum. Wir Flâneure haben mal genauer hingehört – und teilen in einer kleinen Serie unsere Impressionen mit euch.

Ich wohne seit zwei komma fünf Jahren im Friedrichshain. Und seit knapp einem Jahr werde ich jeden Morgen vom Alltag geweckt. Schwere LKW, die die Boxhagener Straße entlang brettern, die Tram, die gefühlt im Zehn-Minuten-Takt fährt, obwohl das erst für nächstes Jahr geplant ist. So schön ich den Friedrichshain auch finde, so wenig habe ich mit der Brutalität der Verkehrsgeräusche hier gerechnet. Vielleicht auch ein bisschen naiv, nachdem ich vor einem Jahr aus der von Bäumen getränkten Sackgassen-Straße einen halben Kilometer entfernt in das blühende, um nicht zu sagen, geräuschvolle Leben gezogen bin. Es klingt jeden Morgen so, als werde ich von einem Live-Set von Throbbing Gristle geweckt. Es ist brutal, aber so richtig schlimm ist es auch nicht. Sagen wir so: Man muss es mögen.

Meine Straße: rau und schön wie ein Song von Throbbing Gristle (Copyright: Janine Freudenberg)

Ich bin ein Landkind. Damals kannte ich nichts anderes, außer von Vögeln geweckt zu werden oder von einem vorbeifahrenden Auto, was sich einmal pro Stunde in unsere Straße verirrte. Erst später, als ich während meines Studiums aus der Großstadt ins elterliche Nest zu Besuch fuhr, realisierte ich, dass die Stille, die ich nun in der Stadt nicht mehr erlebte, mir Angst machte. Sie war brachialer und roher als aller Großstadtlärm, den ich in diesen Jahren aufsog. Wie ich nachts in meinem alten Bett lag und nur das Ticken des Weckers mir versicherte, dass ich noch am Leben war. Ich muss sofort an die „Desintegration Loops“ von William Basinski denken. Eine schüchterne, stetige Wiederholung von Geräuschen, die eine schöne Melodie formen. Aber so leise, dass man sehr genau hinhören muss, um die Schönheit wahrzunehmen.

Ist das noch Berlin? Ruhe und Besinnlichkeit gibt’s auch im F’hain – man muss nur in die Seitenstraßen. (Copyright: Janine Freudenberg)

Nun liege ich hier, in meinem Bett im Friedrichshain und wünschte mir die Totenstille oder zumindest das Gefühl der Desintegration Loops zurück. Das konstante Rauschen, das ferne Rumpeln großer Fahrzeuge, welches mühselig von den isolierten Fenstern gedämpft wird, wirkt manchmal wie in einer Taucherglocke. Ich bin seit einem Jahr nicht mehr von dem Zwitschern von Vögeln geweckt worden, oder von dem Geräusch von fallendem Regen. Was ich früher für heillos romantisch und auch ein bisschen großelterlich hielt, das sehne ich mir nun herbei. Nun bin ich in Berlin, in der Großstadt aller Großstädte und wundere mich, warum das einzige Geräusch des Lebens ein konstantes, graues Rauschen ist.

Das Licht am Ende des Tunnels: die Frankfurter „Feinstaub“ Allee (Copyright: Janine Freudenberg)

Friedrichshain ist aber per se kein Ort, welcher nur Lärm macht. Zwischendurch finden sich immer wieder kleine Inseln ruhigen Alltags, dazu muss man gar nicht weit laufen. Muss ich an einen Song denken, der beide Seiten vereint, das Ruhige, aber auch das konstante Rumpeln, dann schießt mir sofort „God“ von Naked Lunch in den Kopf, ein brutales Juwel an Klangkunst. Die zerbrechliche Stimme des Sängers kämpft sich durch die lawinenartigen Gitarren. Irgendwie passt das. Auch hier, verschüttet unter Straßenlärm und Alltagslauten, verstecken sich schöne, aber rare Momente von Ruhe und Reinheit.

Titelfoto: Auch die Hauptstrasse durch den Friedrichshain vereint Ruhe und Lärm. (Copyright: Janine Freudenberg)

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Janine Freudenberg Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. 4. Juni 2017
    Antworten

    Wahre Worte. Doch ich wundere mich immer wieder, wie viele ruhige Ecken es doch in Berlin gibt. Ich wohne in Wedding und selbst dort ist es auszuhalten, bis auf das Klingeln der Moschee am Sonntagmorgen, haha. Die wirklich ruhigen Ecken mitten im Zentrum sind dann wahrscheinlich doch sehr teuer und schwer zu bekommen.
    Viele Grüße von J.
    ICA | KGL Travel & Festival Stories
    http://icakgl.wordpress.com

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