Bis einer weint – Demokratie und Tragödie an der Schaubühne

»Pendiente de voto« von Roger Bernat Foto: BLENDA

Dass sich internationale Politik spätestens seit den Präsidentschaftswahlen in den USA geradezu unentrinnbarer Beliebtheit erfreut, ist eine bittersüße Sache. Schön, dass die Allgemeinheit aufmerksamer und aktiver das Weltgeschehen verfolgt. Nicht schön, dass es Figuren wie Trump, Le Pen und Wilders braucht, damit man wieder Tagesschau guckt. Wir befinden uns in heiklen Zeiten, auch das Theater schlägt Alarm.

Das jährlich stattfindende Festival internationaler neuer Dramatik (FIND) an der Berliner Schaubühne spannte in dieser Saison das Banner „Demokratie und Tragöde“ über sein Festivalprogramm. Und die Auswahl internationaler Theatermacher_innen bespielte das Thema von allen möglichen Seiten.

Zwischen symbolgeladenem Epos von Romeo Castellucci, in-your-face Performance von Angélica Liddell und filigran gestrickten Schicksalsstories mit doppeltem Boden eröffnete sich ein weites Feld erzählerischer Formen. Doch verpufft die politische Nachhaltigkeit noch in der Gemütlichkeit der Theatersessel? Wie weit richtet man sich nach den Unterhaltungserwartungen des ergrauten Abo-Publikums der vorderen Reihen? Was muss und kann politisches Theater? Und wird irgendetwas passieren, das über den Theatersaal hinaus relevant ist? Es folgt ein kleines Panorama der Festival-Eindrücke.

Iris Becher, Ulrich Hoppe. (Foto: Gianmarco Bresadola)

Erster Tag – „Toter Hund in chemischer Reinigung: die Starken“

Die Abendsonne wirft Zickzackmuster auf den Vorplatz des Theaters, man sitzt bei Bier und Zigaretten auf den Holzstühlen: ein Foodtruck mit den obligatorischen Theater-Brezeln, rege Gespräche, eine lange Schlange zieht sich von der Kasse bis hinaus vor das Gebäude, viele junge Leute.

Ich gebe zu, ich weis nicht viel über Angélica Liddell. Ich weiß, dass die Künstlerin eigentlich in Solostücken Performance und Theater ineinander verwebt, dass Body-Art und das Erbe von Marina Abramović eine Rolle spielen, und dass sie vor diesem Stück noch nie ein Ensemble inszeniert hat, ohne dass sie auch auf der Bühne stand.

Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Schaubühne, bezeichnet Liddell in dem Trailer der Produktion als eine der wichtigsten Theatermacherinnen unserer Zeit. Passend also, dass sie sich des Themas annimmt und dazu mit dem hauseigenen Ensemble eine Inszenierung beisteuert. Liddell selbst spricht über „Toter Hund“ als „prophetisches Science-Fiction-Genrestück, das eine Gesellschaft am Limit zeigt; die Gesellschaft in eine Grenzsituation treibt“. Und tatsächlich ist es ein sehr spezieller Abend voller Irritationen und unrhythmischer Zäsuren. Gesellschaftsphilosophische Texte werden wiederholt, zerstückelt und geremixed, bis ihnen jeglicher Zusammenhang entrinnt. Losgelöst von Handlungen verfliegen viele der Schlachtrufe im Raum, einige wenige hallen lange nach. Während die Darsteller hektisch im Kreis rennen, Liegestütze machen und mystischen Choreografien folgen.

Wütende Monologe von „Hund“ (Damir Avdic) wirken wie Säulen zwischen den einzelnen in Kapitel geteilten Momentaufnahmen. Axtschwingend brüllt „Hund“ das Publikum minutenlang an. Die Kunst sei ein Opfer der Kultur, der Schauspieler eine arme Sau, die den narzisstischen, egoistischen Voyeuren auf den billigen Plätzen jetzt endlich den Spiegel vors Gesicht halten darf. Die Reden bilden ein wiederkehrendes, rahmendes Narrativ, dem man amüsiert folgt. Ein großartiger Moment entsteht, als „Hund“ am Ende eines energiegeladenen Ausbruchs auffordert: „Wer gehen will, soll das jetzt tun, damit wir hier weiterarbeiten können.“ Lange bohrende Blicke ins Publikum, ein gutes Dutzend Zuschauer verlässt murmelnd den Saal.

Dann verlassen die Spieler gesammelt die Bühne, das Saallicht geht an, man wundert sich, ob dies das Ende war. Verwirrte einzelne Klatschgeräusche. Stille. Zwei junge Männer die ich als Bühnenarbeiter identifiziere, steigen auf die Bühne und einer wirft sich auf eine schmale Schaukel, die irgendwo im endlosen Bühnenhimmel befestigt ist. Er schwingt übermütig meterhoch durch den Saal. Der andere kramt hinter einem Sofa ein Jagdgewehr hervor und zielt auf Herrschaften am Bühnenrand. Die beiden Männer – und jetzt dämmert mir, dass da gelangweilte Zuschauer gerade die Bühne stürmen – nehmen sich einfach das Publikumsrecht zurück, gleichberechtigter Teil des Abends zu sein. Aberwitziges Comedy-Gold findet statt, bevor sie wieder ins Dunkel auf ihre Plätze verschwinden und das Stück mit dem nächsten Kapitel weitergeht. Der Abend bleibt in Momentaufnahmen im Gedächtnis hängen. Die beeindruckenden physischen Leistungen der Spieler und einfallsreiche performative Elemente, wie das Einbetonieren der Füße von „Hure“ (Iris Becher), beleben das ansonsten sehr verkopfte Stück. Dem Zuschauer wird weniger die Hand gereicht, als ihm eine unkommentierte Ohrfeige erteilt.

»Tijuana« von Lagartijas tiradas al sol. (Foto: Escensas do cambio)

Zweiter Tag – „Tijuana“ von Lagartijas tiradas al sol

Gabino Rodríguez, Schauspieler und künstlerischer Leiter des Kollektivs Lagartijas tiradas al sol, stellt mit dem dokumentarischen Solostück „Tijuana“ den ersten Teil eines Mammutprojekts über das gegenwärtige Mexiko vor. 32 Teile wird das Projekt abschließend vereinen, für jedes mexikanische Bundesland einen.

„Tijuana“ erzählt den Selbstversuch von Rodríguez nach, in dem er unter falscher Identität die knochenharte Arbeit in einer Textilfabrik aufnimmt, für den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet 3,50 Euro am Tag. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

Formvollendet mit falschem Schnurrbart und auswendig gelernter Biografie lebt Rodríguez zur Untermiete bei einer Arbeiterfamilie. Schon bald plagen den gut situierten Künstler jedoch Gewissensbisse, seine Gastfamilie und die Kollegen als Rechercheschablonen zu benutzen, wenig später wächst die Angst, die ganze Deckung könnte auffliegen. Starke Rückenschmerzen und ein gewalttätiger Vorfall in der Nachbarschaft zwingen ihn zum frühzeitigen Abbruch seines Experiments.

Rodríguez bebildert das Erlebte in dem Monologstück mit wackeligen Handyaufnahmen und handgeschriebenen Notizen. Ein atmosphärischer Geheimagententon schwingt bei der Rekonstruktion der Ereignisse mit, der zu dem Experimentaufbau des Stückes eine feinfühlige Spannung beisteuert. Nüchtern und klar berichtet Rodríguez vom rigoros zermarternden Alltag in der Fabrik, vom Feierabend in der Bar, die Kollegen kratzen die Münzen fürs Bier zusammen, man tanzt und lacht. Bis es am nächsten Tag genauso wieder losgeht. Rote Ziegelsteine, Bierflaschen, bunte Fähnchen auf der Bühne. Im Laufe des Stücks baut Rodríguez eine Miniaturversion seines Viertels in den Hintergrund. Die Mittel sind einfach und effektiv. Das macht das Stück so nahbar. Auf doppeldeutige Symbolik wird weitgehend verzichtet, die schockierenden Szenen von grausamer Selbstjustiz im Viertel flackern genau so kurz auf, dass sie sich von selbst im Kopf weitererzählen.

Rodríguez selbst stellt an das Stück „den Anspruch, mit den Mitteln des Theaters politisch zu mobilisieren“. Und das Stück schafft mit der Rekonstruktion einer tragischen Wirklichkeit auf der anderen Seite der Welt, für die westliche Konsumenten Verantwortung tragen, dass das Publikum mit genau dieser Motivation den Saal verlässt.

»Iphigenia in Splott« von Gary Owen, Regie Rachel O’Riordan. (Foto: Burning Red)

Dritter Tag – „Iphigenia in Splott“

Das zweite Monologstück, das ich mir anschaue, findet auch auf der Studiobühne statt. Der Bühnenraum ist fast leer. Einige weiß leuchtende Neonröhren, schwarze Stühle. Die junge blonde Frau in Leopardenmuster-Leggins setzt sich auf einen Stuhl und fängt im Halbdunkel an, zu erzählen. Schnell kommt sie zum Punkt: „Ihr schuldet mir alle was und ich bin hier, um es mir zurückzuholen.“ Dann springt sie auf und fängt an, ihre Geschichte zu erzählen. Sie beginnt wie ausgeschmücktes Klischee von bildungsferner Kleinstadtjugend und endet mit einer herzbrechenden Fabel der Gegenwartsgesellschaft.

Die junge arbeitslose, kiffende, saufende, pöbelnde Effie verliebt sich in einen One-Night-Stand, der ihr das Herz bricht. Sie wird schwanger, entscheidet sich, das Kind zu behalten und muss dann erleben, wie im bröckelnden Sozialstaat von Wales nicht genug Geld für die medizinische Versorgung ihres Kindes da ist, so dass es nicht einmal eine Nacht alt wird.

Sophie Melville belebt die Rolle von Effie mit impulsiver, roher Energie – sie bewegt sich kontrolliert blitzartig, nimmt jeden Zentimeter der Bühne ein, fängt jeden Zuschauerblick furchtlos auf. Sie konstruiert für uns die Geschichte, als würde sie gerade passieren. Mit den ersten Worten liegt eine Spannung in der Luft, die das ganze Stück über nicht abreißt. Ich lege nach einer Minute meinen Zettel und Stift ganz leise unter meinen Stuhl, denn es entsteht so eine knisternde Nähe und Dringlichkeit der Erzählung, dass ich nicht wegschauen kann. Rasselnde, rennende Monologketten, das Tempo fällt nicht einen Moment ab. In der Bar, auf der Straße, im vermüllten Zimmer zu Hause, der kluge unaufdringliche Soundteppich malt die Räume ins Nichts. Dass die tragische Geschichte von Effie, die gleichzeitig so persönlich und so universell scheint, mit einer selbstlosen Geste der Protagonistin am Schluss des Stückes einen Bogen zu Systemkritik schlägt, der einen in Stücke reißt, ist wirklich beeindruckend. Den Abend mit Effie habe ich unterschätzt, am langen Applaus des Publikums ist zu spüren, dass es anderen ähnlich ging.

Ähnlich wie „Tijuana“ entwickelt der authentische Stoff eine solche Wucht, dass man mit einem bohrenden Gefühl der Ungerechtigkeit entlassen wird. Die beiden Monologstücke schaffen es, Verbundenheit zu den Figuren und ihren Geschichten zu etablieren. Sie schaffen es, dass ich die Ungerechtigkeit der systemischen Schieflagen mitlebe und mit nach Hause trage.

»Democracy in America« von Romeo Castellucci. (Foto: Gianmarco Bresadola)

Vierter Tag – „Democracy in America“

An „Democracy in America“ habe ich hohe Erwartungen. Romeo Castelluccis Stück Natura e origine della mente, das der italienische Regisseur 2016 beim FIND zeigte, war für mich ein Highlight des Programms. Castellucci lotet die Grenzen zwischen Installation, immersiver Performance und Theatererfahrung in seinen Stücken stets mit unkonventionellen bildlichen Mitteln aus. Auch Democracy in America ist so eine triphafte, bildgewaltige Erfahrung. Frei nach dem gleichnamigen Buch von Alexis de Toqueville verortet sich das Stück im Amerika des 19. Jahrhunderts und verhandelt gesellschaftliche Probleme „einer Zeit, die der Politik vorrausgeht“.

Das Stück beginnt mit einer Militärparade, in Festuniformen geschmückt. Die Kuhglocken an den Kostümen machen gleichzeitig eine Schafherde aus ihnen. Die Marschierenden tragen übermannshohe Fahnen aus weißem Seidenstoff, jede mit einem scharlachroten Buchstaben bestickt formieren sie sich zu „Democracy in America“, lösen sich auf, bilden Anagramme – bis die Gruppe sich in der Mitte teilt und die Schneise für eine nackte Frau freigibt, die in Blut badet. Es sind solche epischen Bilder, heruntergebrochen, statisch und voller Symbolkraft, die Castelluccis Arbeit so unverwechselbar machen, zu einem solchen Triumph. Dutzende Tänzerinnen schweben in bodenlangen Gewändern zu Reigentänzen um die blutige Frau, diffuses Licht und ein vor der Bühne gespannter Mesh-Vorhang lassen bewegte Gemälde aus den Szenen werden. Assoziative Soundscapes, meditative Geschwindigkeiten der Bildwechsel und auf das Mesh projizierte Kapitelüberschriften wie „1854 Kansas – Nebraska Act“ oder „1620, Jimmy bricht sich den Arm beim Sturz von seinem Kirschbaum.“ überlassen dem Zuschauer große Freiheiten, sich die Zusammenhänge selbst zu erschließen, es auf sich wirken zu lassen.

Immer wieder Chorgesänge, hypnotisierende Lichtspiele an sich langsam drehenden Objekten im Raum – alles geschieht durch ein Milchglasobjektiv hindurch. Der Abend transformiert sich mit jedem Bild. Das lange Zwiegespräch eines gottesfürchtigen Puritanerpaares hat in diesem Mosaik ebenso erzählerische Strahlkraft, wir das Paar motorisch betriebener Pferdebeine, das aus dem Bühnenhimmel fährt und gewaltsam durch die Luft galoppiert.

„Way back to the roots of all evil“, denke ich, nachdem der Vorhang fällt. Wie von indianischen Urvölkern, gewaltsamer Landbesetzung und Bürgerkriegen über demokratische Neuordnung zu Trump die letzen Jahrhunderte amerikanischer Geschichte vergingen, entfaltet „Democracy in America“ in einer unglaublich machtvollen Bildmeditation.

»Democracy in America« von Romeo Castellucci. (Foto: Gianmarco Bresadola)

Es wird nach den Vorstellungen auch spät am Abend wieder lebhaft auf dem Theatervorplatz und in der Kantine. Viele Zuschauer suchen das Gespräch mit den Künstlern und einander.

Das FIND hat es geschafft ein faszinierendes Spektrum zeitgenössischer Theatermacher zu vereinigen, deren Zugänge zu „Demokratie und Tragödie“ jeweils andere Sichtweisen freilegten und wichtige Denkanstöße in die Massen streuten. Die Fragen nach Gerechtigkeit und Verständnis für die Lebenswirklichkeit anderer, struktureller Ursachen weitverbreiteter Armut und selbst das Interesse an historischen Theorietexten, wie sie Liddell und Castellucci benutzten, nehme ich aus diesen Tagen mit. Natürlich kann uns Theater politisch weiterbringen. Natürlich bringt es neue Perspektiven und Dynamiken in eingefahrene Debatten. Über fiktive Geschichten lässt es sich manchmal sogar einfacher für die echten Probleme Lösungen zu finden.

 

Die Inszenierung „Toter Hund in chemischer Reinigung: die Starken“ wird auch über das FIND hinaus in den Spielplan aufgenommen. Die nächsten Vorstellungen finden am 8., 9. und 10. Mai statt. Tickets gibt es hier. Das nächste FIND Festival findet im Frühjahr 2018 statt.

 

 

Share Button
Nina Behrendt Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.