Geplant, nicht gewachsen: Leben in der Betonwüste Frankfurts

Von Marcel Richters

Wo ich jetzt stehe, lagen vor wenigen Jahren noch Eisenbahnschienen. Nichts als Stahl, Holz und Erde. Der Hauptgüterbahnhof Frankfurt am Main war riesig – fast so groß wie hundert Fußballfelder. Jetzt ist die stählerne Ödnis verschwunden, dafür gibt es Sandsteinfassaden. Dazwischen eine vierspurige Asphaltspur, die Schlagader des Viertels, dem es an einem Herz zu fehlen scheint. Unwillkürlich kommen mir Bilder von Paraden, wehenden Fahnen und verordnetem Jubel in den Sinn.

Hinter meinem Rücken erhebt sich das SkylinePlaza, ein greller Konsumtempel, der östliche Endpunkt des Europaviertels. Von dort aus verlieren sich bis in die Ferne Gehsteige so breit, dass vier, fünf, vielleicht sogar sechs Menschen nebeneinander herlaufen könnten. Fraglich, ob diese Bürgersteige jemals einen solchen Andrang erleben werden. Während der Ostteil des Viertels näher an der Innenstadt liegt, ist der Westteil bereits das, was sich wohl ohne Weiteres als „weit draußen“ bezeichnen lässt. Zumindest in Frankfurt, mit seiner kleinen Innenstadt. Gesäumt wird die Straße von Bürogebäuden mit pechschwarzen Fassaden auf der einen und cremeweißen Wohnblöcken auf der anderen Seite. Was es hier nicht gibt, sind Unregelmäßigkeiten. Schnell wird deutlich: Diese Stadt ist geplant worden, nicht gewachsen.

Zwischen den breiten Straßen und Bürgersteigen fühle ich mich ein wenig verloren. Wie muss es erst weiter hinten im Westteil des Viertels sein? Da, wo vor allem gearbeitet wird, mag Zweckmäßigkeit ihren Sinn haben, aber sollte das hier ein Ort zum Leben statt nur zum Wohnen sein? Alles wirkt wie für eine Fotomontage geplant. Weiß, Grau, Beige dominieren. Auf Bildern muss dieses Viertel großartig aussehen, aber wer möchte denn in einer Collage leben? Ein pinkes Graffito auf einem Betonblock fällt mir direkt ins Auge. Wahrscheinlich weil es einer der wenigen Farbtupfer weit und breit ist.

Was mir auch ins Auge fällt: die vielen Schilder und Banner an Baustellenzäunen von Gebäuden, die bis heute nicht verwirklicht wurden. Das Bauschild für den Wohnturm von Porsche Design stand schon vor zwei Jahren dort. Getan hat sich seither nichts. Auch „The Brick“ scheint in den letzten Monaten nicht wirklich vorangekommen zu sein. Immerhin hat das Gebäude schon eine eigene App und ist laut Website von aurelis – dem Unternehmen, das für den Westteil des Europaviertels verantwortlich ist – genehmigt.

Langsam aber sicher komme ich in den Teil des Viertels, der hauptsächlich aus Wohnhäusern besteht und in dessen Zentrum sich eine große Parkanlage befindet. Derzeit ist der Park allerdings noch ein Acker. Überall wird in diesem Viertel noch gebaut und die Fertigstellung wird wohl noch ein paar Jahre dauern. Aber ob sich an der Atmosphäre noch viel ändert, bezweifle ich stark. Am Rand der großen Freifläche befinden sich ein kleiner Spielplatz und das Restaurant „Laube Liebe Hoffnung“ – benannt in Anlehnung an die drei theologischen Tugenden des Christentums. Von aurelis errichtet, soll das mit Holz verkleidete Gebäude ein „Identifikations- und Treffpunkt für Bewohner, Nachbarn und Besucher“ sein. Eine Insel der künstlichen Authentizität. Aber natürlich nur für diejenigen, die bereit und in der Lage sind, die ambitionierten Preise zu zahlen. Irritierend bei einem Identifikations- und Treffpunkt. Besonders, da immerhin ein kleiner Teil des Viertels dem sozialen Wohnungsbau gewidmet ist.

Die Menschen, die hier sitzen, brauchen jedenfalls keinen sozialen Wohnungsbau. Es sind Familien, die Eltern nicht mehr ganz jung, wie es heute bei Akademikerfamilien nun mal üblich ist. Man gibt sich sportlich-schick, wer keine Markenkleidung trägt oder zumindest augenscheinlich nicht zum Milieu der Performer gehört, fällt auf. Es ist hier nicht schwer, unter sich zu bleiben. Zwar ist das Gallusviertel – heute immer mehr studentisch geprägt, früher ein sozialer Brennpunkt – nicht weit, aber allein die vollkommen unterschiedliche Bebauung wirkt schon wie eine unsichtbare Barriere.

Davon abgesehen – wer im Europaviertel nichts zu suchen hat, kommt hier ohnehin nicht her. Nicht nur wegen der erst in fünf Jahren fertiggestellten U-Bahn-Anbindung. Neben ein paar Geschäften, Cafés und Einrichtungen des alltäglichen Bedarfs gibt es hier nichts. Keine Freiräume, keine Orte für Kultur, die irgendwen anziehen könnten. Alles ist strukturiert und durchgeplant. Es gibt nicht mal den Versuch, irgendeine Art von Quartiersmanagement zu organisieren. Genauso wirken auch die Menschen, auf die ich hier treffe. Es kann an mir liegen, aber entweder spüre ich kritische Blicke auf mir ruhen, oder Augenkontakt zu finden ist kaum möglich. Gerne hätte ich jemanden angesprochen, darüber geredet, was die Menschen hierherbringt. Es erscheint mir unpassend.

Dank eines privaten Kontaktes konnte ich glücklicherweise aber noch ein paar Einblicke in das Innere eines Wohnblocks bekommen. Und auch der bestätigt: Das hier ist ein Ort für selbstoptimierte Individualisten, die perfekte Oase der Ruhe in einer neoliberalen Gesellschaft. Dieses Viertel bietet ihnen einen Fluchtpunkt. Es bietet ihnen Privatheit. Die Wohnungen sind meist groß, fast alle mit offenen Küchen, Einbauküchen mit Preisen zwischen 10.000 und 15.000 Euro, ausgestattet. Es ist irritierend, wie sie einen Kontrast zwischen äußerer Abschottung und nach innen gekehrter vermeintlicher Freizügigkeit bilden.

Während meines Streifzugs zwischen den Wohnblöcken mit ihren sechs bis acht Stockwerken kommt mir dieser Gedanke an Privatheit immer wieder. Hauseingänge wirken wie Trutzburgen, die Wohnungstüren werden als Hochsicherheitstüren bezeichnet. Sich aussperren kann hier schnell mal tausend Euro kosten. Es gibt private Wege, private Kindergärten. Privatheit ist hier ein hohes Gut. Selbst die große Parkanlage im Zentrum des Viertels ist als private Fläche ausgewiesen. Ein schneller Blick auf die Seiten der Stadt Frankfurt und in Wikipedia machen mir klar: Tatsächlich hat der private Immobilienkonzern aurelis die gesamte Fläche erworben und damit auch das Recht, diesen Raum nicht nur so zu gestalten, wie es am profitabelsten erscheint, sondern teilweise sogar darüber zu entscheiden, wer Zutritt zu den Grünflächen – und vielen anderen Flächen im Viertel – hat und wer nicht. Zwar räumt der Konzern eine „öffentliches Durchgangsrecht“ ein, aber was genau darunter fällt, ist fragwürdig. Soziale Randgruppen, politisch unerwünschte Ansichten – theoretisch hält sich das Unternehmen die Möglichkeit offen, all das und mehr von seinen Flächen zu verbannen.

Mehr und mehr verdichtet sich der Eindruck, dass ich mich hier in den Kulissen einer Dystopie bewege. Die Gleichförmigkeit, die soziale und emotionale Kälte, die dieser Ort ausstrahlt, lässt mich schaudern. Allein die räumliche Weite, durch welche die Verlorenheit im modernen urbanen Raum jedem Menschen hier überdeutlich vor Augen führt, erstickt jeden Gedanken an Spontanität, an ein inspirierendes Lebensumfeld. Städte bringen Menschen zusammen, sie sind ein Raum für gesellschaftliche Experimente und der wichtigste Quell sozialer Entwicklung. Im Europaviertel ist diese Entwicklung schon abgeschlossen, bevor sie begonnen hat. Hier bestimmen Technokraten, wie gelebt wird.

Während ich mich nach meinem Rundgang langsam wieder dem SkylinePlaza nähere, wird mir klar, wie froh ich bin, diesen Ort wieder zu verlassen. Ein Gefühl der Erleichterung stellt sich ein. Schon nach wenigen Metern kommen mir wieder die wild durcheinandergewürfelten Fassaden des restlichen Frankfurts entgegen. Das pulsierende Leben empfängt mich mit beiden Armen. Und ich denke mir, wenn einige Menschen so viel Wert auf Privatheit legen, dann will ich sie ihnen auch lassen und mich ganz sicher nicht mehr in ihr Viertel verirren.


Text und Fotos: Marcel Richters – @mrcl_mrvls

Share Button
GastautorIn Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.