Freiraum für Flamenco | Ein Interview mit Charlie Cunningham

Vor seinem Konzert in der prall gefüllten K6-Halle der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel empfängt uns Charlie Cunningham backstage für einen kleinen Plausch. Der schlaksige, mit typischem Brit-Akzent offen plaudernde Londoner redet begeistert und voll des Lobes vom Publikum der Hansestadt, und der Abend soll dies wenig später auch bestätigen. Der Singer/Songwriter spielt mit Keyboarder und Schlagzeuger seine Gitarrensongs zu sanfter Lichtshow und ekstatischem Applaus zwischen den Liedern.

Michael: Charlie, bevor ich dir sage, worum es bei „Les Flâneurs“ geht, will ich dich fragen: Was war die größte Inspiration für dein Debütalbum „Lines“ – außer einem Menschen.

Charlie: Hm, ich schätze das war „space“, nicht im Sinne des Weltalls, sondern als Weite verstanden, Raum der Entfaltung. Auch akustisch wollte ich einen Sound erschaffen, der Tiefe und Weite hat und trotzdem intim klingt. Das war zumindest mein Ziel. Das passt auch zu den Texten, die persönlich sein sollten, aber eben „space“, Raum für Interpretation lassen.

Michael: Das passt, denn bei uns geht es im weitesten Sinne um Raum, Lebensraum, den Menschen im Zerrfeld von Stadt und Land. Sonst hätte ich auch mit der Antwort Sevilla gerechnet.

Charlie: Stimmt, die Stadt Svilla in Spanien war auch ein großer Einfluss, dort habe ich zwei Jahre lang gelebt und mein Gitarrenspiel verfeinert, denn ich bin fasziniert vom Flamenco-Stil. Ich wollte das unbedingt lernen und eben auch mentalen Freiraum haben, um mich nur darauf zu konzentrieren. Das war vor vier, fünf Jahren, seitdem fliege ich wieder zwischen London und Oxford hin und her, toure zudem viel.

Charlie Cunningham – Lines (Albumcover)
Charlie Cunningham – Lines (Albumcover)

Michael: Wie hast du deine Zeit in Spanien finanziert?

Charlie: Hauptsächlich durch Nachtschichten in einem Hostel, von Freitag bis Sonntag. In meiner Freizeit habe ich dann auf YouTube Flamenco-Dokus und -Konzerte angeschaut und einfach Gitarre gespielt.

Sven: Hast du auch auf der Straße für Passanten gespielt?

Charlie: Habe ich nicht, tatsächlich. Denn wenn du Flamenco auf offener Straße in Spanien spielst, bleiben die Leute stehen, klatschen und tanzen mit – und solange ich diesen spezifischen Rhythmus nicht perfekt beherrschte, habe ich mich das einfach nicht getraut. Später auf Tour in Spanien habe ich es dann aber versucht und es hat toll funktioniert, alle haben mitgemacht.

Michael: Und jetzt, da du zurück in London bist, müssen wir natürlich auch den Brexit ansprechen.

Charlie: Tja, keiner weiß, was zur Hölle passieren wird. Ich denke, die Zustände werden erst mal schlechter, anstatt dass sie besser werden. Ich hoffe aber, dass ein Ruck durch die Gesellschaft gehen wird. Eine Entwicklung hin zu mehr Zusammenhalt, Nachbarschaftshilfe, eine Bewegung gegen die Abspaltung im Geiste. Es wird aber eine beschissene Situation und sicher mein Leben und das vieler anderer erschweren. Aber es wird hoffentlich auch zu mehr Diskussionen über Politik führen.

Michael: Lässt dich das auch über deine Zukunft und das Auswandern nachdenken, vielleicht dauerhaft nach Spanien?

Charlie: Ein bisschen schon, aber ich denke, ich werde immer in der Nähe Londons bleiben. Meine Familie lebt dort, meine Schwestern haben Kinder, da will ich als Onkel präsent sein. Aber im Idealfall werde ich immer unterwegs sein, denn Städte sind toll, aber nach ein paar Monaten brauche ich auch wieder Freiräume. Nur so kann man beides wirklich zu schätzen wissen.

Michael: Und wenn du das Leben in London mit dem in Sevilla vergleichst?

Charlie: Das Tempo ist jeweils ein ganz anderes. Durch das Wetter und die Schönheit leben Menschen in Sevilla irgendwie bewusster, sie sind präsenter im Moment, leben ein im Grunde einfaches Leben. In London bekommst du immer alles, bei extrem hoher Geschwindigkeit. Das kann sehr erschöpfend und kräftezehrend sein, man muss andauernd filtern.

Sven: Hast du schon immer in großen Städten gewohnt?

Charlie: Ich bin in einem kleinen Dörfchen aufgewachsen bis ich 16 war, 40 Meilen außerhalb Londons, eine halbe Stunde Zugfahrt raus. Das war eine ideale Kombination, denn einerseits hattest du das ruhige Landleben, aber dennoch die Ahnung der großen Stadt, die schnelle Erreichbarkeit Londons. Weil ich beides liebe, war das ideal.

Sven: Kannst du dir vorstellen, ganz aufs Land zurückzuziehen?

Charlie: Definitiv, ja. Ich habe so viele große Städte gesehen, dass ich danach kein besonderes Bedürfnis mehr habe. Würde ich nicht touren, würde ich wohl in einer mittelgroßen Stadt leben im Grünen mit guter Anbindung.

Hamburg. Photo by @reeperbahn_festival

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Michael Schock Verfasst von:

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