Do you like being watched?

Von Julia Tautz und Pia Gralki

Machen wir uns nichts vor – die Überwachung unserer Körper und Daten ist allgegenwärtig. Aber ist sie auch darstellbar? Vier Jahre nach dem NSA-Skandal im Juni 2013 wird der Diskurs um die omnipräsente Überwachung auf internationaler Ebene wieder künstlerisch präsent. Parallel widmen sich gleich mehrere Ausstellungen in Berlin dem Thema Überwachung und den Konsequenzen der fortschreitenden Datengier für die überwachte Gesellschaft.

Wer hört mich wann und mit welchem Interesse ab? In welchen Situationen bin ich wie vielen unsichtbaren Augen und Ohren ausgesetzt? Warum gebe ich bereitwillig meine Privatsphäre auf? Und vor allem: Auf welcher rechtlichen Grundlage wird diese Ausspähung legitimiert?

Mit diesen Fragen haben wir bei unserem Rundgang durch die aktuelle Ausstellung im C/O WATCHED! Surveillance, Art & Photography beschäftigt. Und dabei unsere eigenen Gewohnheiten der bewussten Auslieferung an eben solche Datengeier hinterfragt.

Watching each other: In der Arbeit von Florian Mehnert, Waldprotokolle 2013, Installation, wurden ahnungslose Waldspaziergänger abgehört.

Pia: Ehrlich gesagt: ich hätte auch schon vor einigen Jahren die Möglichkeit gehabt, mich bei Diensten wie Whatsapp und Facebook abzumelden und dafür Anbieter zu finden, die meine Daten besser verschlüsseln. Genau diese Initiative gab es kurz nach den NSA-Enthüllungen in meinem Freundeskreis. Aber, ich bin nicht mitgezogen, so wie die Hälfte meiner Freunde auch, und so blieb dann doch alles beim Alten. Mit dem Wissen der drastischen Konsequenzen und dem dahinterstehenden kapitalistischen Interesse des Datenhandels bereue ich meine Entscheidung mittlerweile. Wie würdest du deine Nutzungsgewohnheiten beschreiben: Bist du eine Datenverschwenderin oder eine bewusste Datenschützerin?

Julia: Ich bin ganz klar eine Datenverschwenderin. Es ist einfach so praktisch, bei Google Maps auf „Eigenen Standort verwenden“ zu klicken. Online bezahlen geht so schnell, wenn sich die App meine Daten merkt. Und oft zeigt mir meine individualisierte Werbung Dinge, von denen ich noch gar nicht wusste, dass ich sie mir sehnlichst gewünscht habe. Nichtsdestotrotz habe ich ein schlechtes Gewissen, wie sehr ich meine Privatsphäre zugunsten von Bequemlichkeit aufgebe und in Kauf nehme, dass ich beim Betreten des Internets eine sichtbare Datenspur hinterlasse. Wo landen sie überhaupt, diese Daten? Letztendlich verharren wir in einem Trotz-Zustand: Sollen sie doch unsere Facebook- und Whatsapp-Chatverläufe lesen. Sollen sie doch Persönlichkeitsprofile erstellen. Oder wie groß würdest du die Gefahr, die von dieser unsichtbaren Macht ausgeht, einschätzen? Ist das Internet wirklich so böse?

Pia: Allein daran, dass es auf einmal Daten gibt, die anscheinend zu mir gehören, und mich identifizierbar machen, muss ich mich immer wieder bewusst erinnern. Und im virtuellen Raum des Internets merkt man erst, wie relativ die Kategorien „böse“ und „gut“ sind. Je politisierter und damit kapitalistischer dieser vermeintlich rechtsfreie Raum wird, desto mehr versucht die reale Welt, ihn rechtlich zu strukturieren. Doch wie kann man an die Moral eines Raumes appellieren, dessen Ausmaß man nicht erfassen kann?

In der Arbeit der Künstlerin Jill Magid, die die Eingangssituation der Ausstellung bespielt, wird eine ganz andere Konnotation dieser Kontrolle thematisiert: Das schützende Auge der Kamera, das einen behutsam Schritt für Schritt tagtäglich begleitet. Magid ließ sich vom britischen City Watch über Überwachungskameras durch Liverpool leiten, mit geschlossenen Augen. Ihren Sehsinn übernimmt der Mitarbeiter hinter dem Kamerabildschirm. Stell dir vor, du könntest beim Überwachungsdienst der jeweiligen Stadt, die du gerade besuchst, zum Abschied einen Videozusammenschnitt deiner schönsten überwachten Momente im öffentlichen Raum anfordern. Wäre das nicht ein schönes Souvenir?

Jill Magid, Stills from Trust (Evidence Locker), 2004 © Jill Magid, Courtesy the artist & untithen

Julia: In Großbritannien würde diese Abschiedsgeste zahllose neue Arbeitsplätze schaffen, denn tatsächlich ist die Überwachung im öffentlichen Raum in britischen Großstädten so allgegenwärtig, dass in meinem achtmonatigen Aufenthalt in London sicher 300 Stunden Videomaterial zusammen gekommen ist. Von der Haustür bis zum Pub – ständig hat mich sicher ein unsichtbares Auge verfolgt. Da überlegt man es sich zweimal, ob man auf einer menschenleeren Straße mal in der Nase popelt.
Allerdings: Das Überwachungsvideo im Fall des U-Bahn-Treters in Berlin hat durch die virale Verbreitung im Internet letztendlich die Täter überführt. Gerade hier kommt die Frage auf, ob Überwachung an bestimmten Orten auch eine fürsorgliche Komponente innehält. Welche Arbeit hat dir denn am Besten gefallen?

Pia: Das Herzstück der Ausstellung für mich war Hito Steyerls Videoarbeit “How not to be seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File“. Diese Arbeit zeigt vor allem, dass es praktisch unmöglich ist, sich dem Auge der Kamera zu entziehen. Verstecken oder selbst zum Pixel werden sind die einzigen wirklichen Optionen. Oder könntest du dir vorstellen, dich jeden Morgen erstmal grün anzumalen, um zum wandelnden Greenscreen zu werden?

Julia: Ich liebe die Ironie, mit der Hito Steyerl das ernste Thema der Überwachung auch mal von einer anderen Perspektive zeigt. „How not to be seen: Be a woman and over 50“ ist wohl mein Lieblingszitat aus dem Video. Gleichzeitig schmeißt sie alles in den Topf, was die Überwachungsdebatte so zu bieten hat: Smartphones, Drohnen, Google Earth, Burkas, 3D Simulationen und virtuelle Schatten, stellvertretend für unser digitales Daten-Double. Das letzte Kapitel eröffnet die tragische Tatsache: In einer Bilderwelt können wir dem Blick nicht entkommen. Der Greenscreen ist unser Leben. Dann bleibt am Ende wohl doch nur der Farbtopf.

Hito Steyerl, Stills from
How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational.Mov File, 2013, HD Video © Hito
Steyerl, Courtesy the artist and Andrew Kreps Gallery, New York

Pia: Welches Werk hat dir denn am Besten gefallen?

Julia: Die bereits erwähnte Videoarbeit von Hito Steyerl ist eindeutig auch mein Liebling der Ausstellung. Aber ich mochte auch die künstlerische Position von Aiweiwei mit „Weiweicam“, da sie aus einer politischen Notlage entstanden ist. Nach seinem Gefängnisaufenthalt 2011 durfte Aiweiwei Peking nicht verlassen und wurde 24 Stunden von fünfzehn Kameras überwacht. In dieser Situation der totalen Überwachung greift er zum einzigen Mittel, das ihm übrig bleibt: Sich selbst noch mehr zu überwachen. Er installierte vier weitere Kameras und stellte die Videos auf einer Seite online, jedoch zwangen ihn die chinesischen Behörden nach 48 Stunden, die Seite zu schließen. Wenn der allumfassende Blick dir deine gesamte Privatsphäre raubt – mit welchen Mitteln erkämpfst du dir Kontrolle über dein Leben? Welche Strategien des Widerstands haben wir? Diese Arbeit hat mich besonders beschäftigt. Welche Arbeit hat dich denn besonders aufgewühlt in der Ausstellung?

Pia: Über die Arbeit „Sticky Floors“ von Ann-Sofie Sidén musste ich länger nachdenken. Neun Kameras zeigen das nächtliche Treiben in einem irischen Pub, von der Raucherpause vorm Eingang, zu den Bargesprächen an der Theke, zu der Schlange vor dem Klo, und den Flirtversuchen auf dem Dancefloor. Ungünstig rutschende Hosen und wackelnde Dekolletés inklusive. Die Ausgespähten haben offensichtlich vergessen, dass sie bei ihrem Feierabendbier beobachtet werden. Ein Wunder, dass keine Kamera die Klos überwacht. Müsste dann vielleicht der Hinweis auf die Überwachungssituation auch anders ausgeschildert werden als nur mit diesem winzigen Sticker “Dieser Raum wird videoüberwacht“? Wo sind hier die rechtlichen Grenzen?

Ann-Sofie Sidén, Sticky Floors (Lunch to last Call), 2014 © nn-Sofie Sidén, Courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm

Julia: Das Urheberrecht für Fotografie und Film ist in jedem Fall ein Sonderfall, da das Sujet einen Ausschnitt der Realität darstellt. Wem gehört also das Foto, das Video? Ohne Hinweisschild oder Nachfragen bewegt man sich in einer rechtlichen Grauzone. Und Kameras werden immer kleiner. Das eröffnet dem modernen Voyeur von heute ganz neue Türen. In Japan geben Handykameras aus diesem Grund nun immer Klickgeräusche von sich, die nicht ausgeschaltet werden können. Tatsache ist dennoch, dass die rechtliche Lage dem technologischen Fortschritt hinterher hinkt. Sind die Mitarbeiter*innen von Mediamarkt wohl in rechtlichen Fragen von Aufnahmen mit Drohnen geschult? Gab es etwas, was du in der Ausstellung vermisst hast?

Pia: Ich habe mir vor allem Arbeiten mit mehr politischer Schärfe und detaillierteren Erkenntnissen zu den Vorgängen hinter dem Datenvorhang gewünscht. Meiner Meinung nach kratzt das C/O mit dieser Ausstellung an der Oberfläche des Problems. Der Großteil der hier versammelten Werke spiegelt eher die aktuelle Ohnmacht wider, der omnipräsenten Überwachungssituation on- und offline etwas entgegensetzen zu können. Beziehungsweise, sie überhaupt durchschauen und zu den Menschen, die sie verantworten, durchdringen zu können. Die wirklich provokanten Fragen über die Konsequenzen wurden hier nicht aufgegriffen, sondern nur in die Überwachung imitierenden Situationen verhandelt. Wie hat dir die Ausstellung insgesamt gefallen?

Julia: Ich hätte mir gewünscht, dass die Ausstellung Positionen zu dem Thema Migration zeigt, weil sich hier die Flüchtlingsdebatte und der Überwachungsdiskurs auf Besorgnis erregende Weise vermischen. Das Thema Überwachung ist zu vielschichtig, um in einer einzigen Ausstellung angemessen behandelt zu werden. Die Auswahl von WATCHED! zeigt, dass ebenfalls die Künstler*innen in der Auseinandersetzung mit dem Thema Überwachung überfordert sind. Die Kriterien der Überwachung werden in den Positionen der Ausstellung nicht hinterfragt, sondern nur die Mittel abbildend oder performativ umgesetzt. Teilweise wird ebenfalls nur der Forschungszustand der Technologie gezeigt – aber wo finde ich mich selbst wieder? In keiner Arbeit habe ich mich selbst ertappt gefühlt. Das würde ich mir von einer Ausstellung über Überwachung wünschen.

Die Ausstellung WATCHED! Surveillance, Art & Photography kann noch bis zum im C/O Berlin besichtigt werden.

Das Titelbild „Der Drohnen-Überlebensführer“ hier noch mal in ganzer Größe:

Ruben Pater, Drone Survival Guide, 2012 © Ruben Pater
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