Symphonie der Großstädte. So klingt unser Kiez

Beim flüchtigen Zuhören spucken Großstädte doch alle die gleichen Töne. Zumindest in der Totalen. Doch im Kleinen, in den einzelnen Vierteln, können sie ganz unterschiedlich klingen. Gerade jetzt im Frühling, da das Leben auf den Straßen wieder erwacht, zeigt sich der akustische Variantenreichtum. Wir Flâneure haben mal genauer hingehört – und teilen in einer kleinen Serie unsere Impressionen mit euch.

Ich würde sagen, an 327 Morgen im Jahr habe ich nicht das Gefühl, nur einen Flaschenwurf von der Hamburger Reeperbahn entfernt aufzuwachen. In das Zwitschern der Amseln und Gurren der Tauben mischt sich das Geschrei der Möwen. Kinder toben durch die Gegend, Nachbarn klönen auf der Straße, ab und an durchdringt das Tuten der Schiffe die Stille. Oder das Glockenläuten des Eiswagens. Beinahe schon idyllisch.

Grell, bunt, schemenhaft – die Reeperbahn am Freitagabend. (Copyright: Sven Wiebeck)
Grell, bunt, schemenhaft – die Reeperbahn am Freitagabend. (Copyright: Sven Wiebeck)

Aber manchmal spielen sich die Dramen der Kieznacht noch nach acht Uhr morgens unter den Fenstern ab. Oder nach elf. Paare streiten, Besoffene drohen sich Prügel an, einer kotzt. Einige finden einfach nicht nach Hause und sinnieren unter den Palmen im Park Fiction beim x-ten Bier über was auch immer. Andere haben kein Zuhause und freuen sich über die Brötchen, die ihnen jemand in die Hand drückt. Auf der Großen Freiheit wird zu House getanzt.

Zwischen Fischmarkt und Schanze

Es sind die letzten musikalischen Zuckungen des Vorabends, an dem sich live performte Country-Musik, Kirmestechno und Bonnie Tyler unter den grellen Leuchtreklamen wieder mal zu einer besonderen Kakophonie vereint haben. Das Wissen der Kiezführer und die Avancen der Prostituierten gingen im Gegröle der Partytouristen unter. Die Polizeisirenen zeigten Dauerpräsenz. Und manch verhinderter Gangsta-Rapper konnte sich nicht entscheiden, ob die Bässe oder fetten Auspuffrohre seiner Karre lauter dröhnen sollen.

Selber Ort, wenige Stunden später: Die Ruhe vor dem erneuten Sturm. (Copyright: Sven Wiebeck)
Selber Ort, wenige Stunden später: die Ruhe vor dem erneuten Sturm. (Copyright: Sven Wiebeck)

Beim Fußballgucken in der seit 1895 eingesessenen Eckkneipe dudelten indes Roger Whittaker und Scott McKenzie aus der Jukebox. Die kleine Pizzeria gegenüber bot mit Faith No More und The Clash das deutlich bessere Kontrastprogramm. Nur ein paar Straßen weiter versuchte sich ein Geigenspieler in der Kälte an Bach. Die Vielfalt Sankt Paulis zeigt sich eben auch in den akustischen Darbietungen.

Aber müsste ich mich für einen Song entscheiden, der das Viertel repräsentiert, welcher wäre das? „Ace of Spades“ von Motörhead, den die Servicekräfte vom Restaurant auf der anderen Straßenseite gerne am sehr späten Abend beim Aufräumen hören? Eine rotzig-ehrliche Indie-Hymne à la „Fuck Forever“ von den Babyshambles? Oder doch Kettcars „An den Landungsbrücken raus“? Nee, das wäre zu plakativ.

Nur die Türme tanzen. (Copyright: Sven Wiebeck)
Nur die Türme tanzen noch. (Copyright: Sven Wiebeck)

Ich entscheide mich für „Paranoid Android“, diesen von Radiohead in die Welt gesetzten, melancholisch zwischen den Sphären umhertaumelnden Bastard. Obwohl unterschwellig stets in Bewegung, bittet er dich mit wunderschönen Melodien zum Durchatmen auf die Hafenmauer, gibt dir Ruhe und ein Gefühl von Freiheit – um dir im nächsten Moment laut schreiend ins Gesicht zu springen. Ein experimentierfreudiger Grenzgänger, wie viele Menschen auf Sankt Pauli.

Titelfoto: Morgens halb zehn am Park Fiction. (Copyright: Sven Wiebeck)

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Sven Wiebeck Verfasst von:

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